Kontextblindheit

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undjetzterst
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Kontextblindheit

Beitragvon undjetzterst » 15. Oktober 2017 17:16

Hallo liebe Community,

Ich möchte in erster Linie eine Buchempfehlung teilen (hoffe, dass ich dafür im richtigen Teil des Forums bin).
Und zwar geht es um einen neuen Ansatz, Autismus zu beschreiben und zu erklären: Kontextblindheit. Das Buch "Autismus als Kontextblindheit" vom Psychiater Peter Vermeulen (2016, Vandenhoeck & Ruprecht) erklärt zunächst, wie Menschen in ihrer Wahrnehmung und Verarbeitung Kontext nutzen. Es ist ein bisschen kompliziert, das alles hier zu erklären, jedenfalls ist die These, dass Autisten weniger kontextsensitiv sind als Nicht-Autisten, also den Kontext weniger nutzen, um Dinge zu verstehen. Vor allem in der sozialen Interaktion haben wir es oft mit unvollständigen, mehrdeutigen Informationen zu tun. Das funktioniert trotzdem, weil wir unbewusst den Kontext nutzen und die Information vervollständigen. Wenn man kontextblind ist, gelingt das nicht, und das führt manchmal zu Reaktionen, die zwar in sich logisch sind, aber nicht zum jeweiligen Kontext passen. Woher weiß man, ob etwas ironisch gemeint ist? Wie unterscheidet man ein echtes von einem falschen Lächeln? Wann ist es angemessen, einem Menschen ins Haar zu fassen? All das hängt von Kontext ab, den einem niemand explizit sagt, den man sich selbst erschließen muss, wenn man dazu fähig ist. Dieses Modell erklärt Autismus für mich sehr gut. Ich glaube auch, dass es dazu beiträgt, dass Nicht-Autisten die autistische Wahrnehmung besser verstehen.
Insbesondere hat das Buch mir sehr geholfen, mich selbst zu verstehen. Endlich gibt es ein Wort für mein Anders-Sein, eine Erklärung unter anderem dafür, warum ich Kommunikation so unendlich anstrengend finde: Kontextblindheit! Ich hatte schon vorher den Verdacht, dass ich in irgendeiner Form Autistin bin und das ist für mich wie ein Beweis - obwohl man sich natürlich viel einbilden kann... aber anders kann ich mir meine Probleme nicht erklären (und ich habe schon etliche Erklärungsansätze durch).
Ich würde die Diagnose auch gerne "offiziell" bekommen - das würde ich als Erleichterung empfinden, weil ich dann bestätigt bekäme, dass ich weder "verrückt" bin (schizotypisch oder so), noch irgendeine Persönlichkeitsstörung habe. Ich bin nicht gestört, nur anders...
Leider ist das gar nicht so leicht. Ich habe mich schon einmal untersuchen lassen, weil ich unbedingt wissen wollte, was mit mir los ist, es hieß aber nur, da wäre nichts. Ich war extrem frustriert - ich bilde mir doch das alles nicht ein! Im Nachhinein betrachtet lag es wohl daran, dass ich mein Problem nicht richtig kommuniziert habe (ich wusste nicht, wie) und mir keine Mühe gegeben habe, meine Gefühle zu zeigen (die sieht sonst keiner, und mir ist später eingefallen, dass das ungünstig ist, wenn Psychiater verstehen sollen, dass man leidet). Oder liegt es daran, dass bei mir die Routinen und stereotypen Handlungen fehlen? Ich würde das ja auf das ADS-bedingte Chaos im Kopf schieben... oder, das ist doch manchmal so, wenn diese Kombination vorliegt? Generell ist es auch so, dass Autismus bei Frauen oft nicht erkannt wird, weil es sich anders äußert und sie das besser kompensieren können.
Jedenfalls frage ich mich, wie wichtig die Diagnose ist und ob ich es noch mal probieren sollte. Es fühlt sich falsch an, mir einfach selber eine Diagnose zu geben ("das darf man doch nicht"). Was meint ihr?

Liebe Grüße
undjetzterst
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Sheherazade
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Re: Kontextblindheit

Beitragvon Sheherazade » 16. Oktober 2017 05:38

undjetzterst hat geschrieben:Jedenfalls frage ich mich, wie wichtig die Diagnose ist und ob ich es noch mal probieren sollte.


Es kommt wohl darauf an, wie wichtig es DIR ist, wie hoch dein Leidensdruck JETZT ist bzw. ob er noch steigerungsfähig ist und was du mit einer offiziellen Diagnose erreichen möchtest.

Es fühlt sich falsch an, mir einfach selber eine Diagnose zu geben ("das darf man doch nicht").


Wenn man für sich selbst eine Erklärung für vieles bisher Unerklärliches bekommt (Aha-Effekt) und man dadurch für sich selbst etwas verbessern kann, kann es sich nicht falsch anfühlen. Als Erklärung für andere taugt eine Selbstdiagnose oder Selbsterkentnis allerdings nichts. Eine offizielle Diagnose aber auch nicht.

Vor über 10 Jahren (mit Anfang 40) habe ich mir auch die Frage gestellt ob ich mich diagnostizieren lassen sollte, weil ich diesen Aha-Effekt während der Diagnostik unseres Jüngsten hatte. Ich bin dann zu dem Schluß gekommen, dass mein größter Leidensdruck bereits vorbei war, ich meinen Weg gefunden habe und mir diese Erklärung reicht um mich einfach besser annehmen zu können, mich nicht mehr ständig in Frage zu stellen.
Sohn *2003 - Autist mit komorbider ADHS
Sohn *2001 - ADS
2 Töchter *1998 und * 1989
Schmerz vergeht, aufgeben ist für immer.
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undjetzterst
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Re: Kontextblindheit

Beitragvon undjetzterst » 11. November 2017 18:45

Hallo Sheherazade,

danke für die Antwort...
Ich glaube auch, dass es ziemlich vom aktuellen Leidensdruck abhängt, inwiefern mir eine Diagnose weiterhilft. Hat man sich an die eigene Verrücktheit gewöhnt und eine Nische gefunden, geht es sicher auch so.
Im Moment grüble ich nicht mehr so stark darüber nach, weil ich mir ganz generell das Grübeln abgewöhnen will, das hilft nämlich nicht weiter :) Welche Diagnose(n) ich bekomme, finde ich meist ziemlich relevant für mein Selbstbild, obwohl es das vielleicht nicht sein sollte, aber für mich macht es definitiv einen Unterschied, in welche Kategorie man mich steckt... um sich, wie du sagst, nicht ständig in Frage zu stellen... sich nicht krank oder verrückt zu fühlen.
Naja. Immerhin habe ich einen guten Psychiater gefunden :) der scheint das, was ich erzähle, einordnen zu können... so in Richtung Hochsensibilität oder so, mal gucken was noch kommt.
Psychiatrie ist schon spannend irgendwie.

Liebe Grüße
undjetzterst
Elchi
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Re: Kontextblindheit

Beitragvon Elchi » 12. November 2017 17:04

meine Tochter ist jetzt 21 Jahre und hat dieses Jahr im Mai die Diagnose Autismus bekommen.
Bei ihr ist es nicht so stark ausgeprägt, dass sie kein "normales" Leben mit Beruf usw. führen kann, aber sie selbst hat festgestelt, dass sie in Vielem "anders" ist, als Andere.
Ihr war die offizielle Diagnose sehr wichtig, auch wenn sie schon lange vorher sicher war, dass es auf sie zutrifft. Es ist einfach schwer, mit einer vermuteten Diagnose umzugehen, wie mit einer "echten". Wenn sie ihre Probleme bei anderen angesprochen hat, hat sie sich nicht getraut, ihre Vermutung anzusprechen, weil das ohne "offiziellen Schein" einfach komisch ist.

Jetzt kann sie es sehr gut annehmen und und hat genau dieses Gefühl nicht mehr, dass sie "falsch" ist und weiß, warum sie ihre Probleme hat.
Gerade für Frauen ist es schwierig, weil eben die Symptome oft nicht so eindeutig (für andere erkennbar) sind.

LG
Elchi
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Re: Kontextblindheit

Beitragvon Gutemiene » 12. November 2017 19:42

Elchi hat geschrieben:Gerade für Frauen ist es schwierig, weil eben die Symptome oft nicht so eindeutig (für andere erkennbar) sind.

LG
Elchi



Hallöli,

ja, das stimmt wohl, ich höre es immer wieder, vor allem von Betroffenen, die ein Aspergersyndrom "haben".
Woran auch immer es liegen mag.

Sicherlich vermischt sich bei einigen, wenn nicht bei vielen, die Symptomatik von ADS/ADHS und Autismus.

Die Frage ist immer, wie kann mir die offizielle Diagnose "helfen"?
Als erstes solltest du dich genau informieren. Also zusätzlich zu diesem Forum auch Kontakt zu Aspies aufnehmen - zum Beispiel.
Fachliteratur lesen ist auch gut, aber gerade Menschen im autistischen Spektrum können manchmal das Gelesene nicht richtig verorten (KONTEXTBLINDHEIT!!)

Na, jedenfalls wird dein Leben nun noch spannender...ich wünsch' dir viel Erfahrung und nette Leute auf dem Weg.
"Mach' GUTEMIENE zum Besenspiel" :lol:

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