Der Fall Mollath, ein Justizskandal ? - gemeingefährlich oder mundtot gemacht ?

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Shadow
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Re: Der Fall Mollath, ein Justizskandal ? - gemeingefährlich oder mundtot gemacht ?

Beitragvon Shadow » 4. Dezember 2012 05:43

In den Fall kommt nun Bewegung, vor allem Erscheinen viele Dinge heute in einem anderen Licht.
Die Staatsanwaltschaft Regensburg bereitet nun einen Antrag für eine Wiederaufnahme des Verfahrens vor.

Es ist schwer, sich ein Bild der Lage zu verschaffen.
Am besten liest man das im Urteil des Gerichtes, besonders die Seite  22, wo beschrieben ist ,dass Mollath auch den Leiter der Forensik, der ihn untersucht hatte, ebenfalls beschuldigt an der Schwarzgeldverschiebung beteiligt gewesen zu sein. Sollte das zutreffen, kann man den Mann sofort gehen lassen. Ich denke aber, dass wird sich noch prüfen lassen.

Hier der Link zum Mollath Urteil

http://www.gustl-for-help.de/download/2 ... ericht.pdf

Sehr interessant auch der "Report Mainz", der die Sache nun richtig ins Laufen brachte.

"Staatsmethoden gegen Unliebsame"
http://www.youtube.com/watch?feature=pl ... ZY-HHAV2bU

http://www.swr.de/report/-/id=233454/ni ... index.html

Beim letzten Link ist ist das Video

        Unschuldig in der Psychiatrie? (XL-Version)  zu empfehlen.


last but not least

die Page von Gustl Mollath, direkt aus der Anstalt

http://www.gustl-for-help.de/
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Der Fall Mollath, ein Justizskandal ? - gemeingefährlich oder mundtot gemacht ?

Beitragvon No User » 4. Dezember 2012 12:25

Danke Shadow, für die Links.

Aus Zeitgründen konnte ich mich bislang nur mit dem Urteil auseinandersetzen. Ich kenne mich mit dem Strafrecht nicht aus, als Laie bin ich aber entsetzt, was da eine Urteilsbegründung sein soll und was sich da "Beweiswürdigung" nennt.

Hier wurden als Sachverständige bzw. Gutachter aufgeführt:

- Ein Herr Lippert, der ohne Untersuchung des Angeklagten Vermutungen äußert.
- Ein Herr Wörthmüller, der sich für befangen erklärt.
- Ein Herr Leipziger, der ohne Untersuchung ein paranoides Gedankensystem "diagnostiziert".

In der Gesamtschau entsteht der Eindruck, ein (unter den Umständen m.E. plausibles und vorstellbares) "eigenartiges Verhalten" sowie psychische Probleme des Angeklagten machen seine Aussagen unglaubwürdig und die Begehung der vorgeworfenen Taten wahrscheinlich, während diese angenommenen Taten wiederum seine psychischen Probleme belegen. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz.

Im Zusammenhang mit den Sachbeschädigungen bemerkenswert: Zeitangaben wie "zwischen 07.01.2005 und dem 20.01.2005" (für eine Tat, andere Fristen sind kürzer, sprechen aber noch immer nicht für konkrete Beobachtungen) Wird er wohl schuld sein, wenn er kein vom 07.01. bis 20.01. lückenloses Alibi vorweisen kann?

Seine Ex-Frau "hielt es für möglich", dass die per Videoüberwachung aufgezeichnete Person ihr Ex-Mann sein könnte. Außerdem besitzt dieser eine ähnliche Jacke und eine ähnliche Mütze. Boah, ey!!!

Die "Beweis"-Würdigung geht von keinerlei Zweifeln an der Glaubwürdigkeit der Zeugin aus. In dubio pro mulieribus (Im Zweifel für die Frauen) !!! Nun, immerhin bestätigt der Ex-Schwager ein aggressives Verhalten des Beschuldigten.

Die "Überführung" des Angeklagten besteht darin, dass er zu Geschädigten in "irgendeiner Verbindung" steht.

Nach Ansicht des Gerichts spricht es bereits für einen Reifenfachmann wie ihn, dass mit einem dünnen Gegenstand in die Reifenflanken gestochen wurde. Dann müssen die Kinder, die in unserer Gegend ähnliches angestellt haben, lauter kleine Reifenfachleute sein.

Eine Möglichkeit, dass mit der Auswahl der Reifenstecherei-Opfer bewusst eine Spur zum Angeklagten gelegt worden sein könnte, wurde natürlich genausowenig in Erwägung gezogen, wie es auch undenkbar scheint, dass ein Mann von seiner Frau geschlagen worden sein könnte. Der äußert ja sowieso nur Wahnvorstellungen - siehe Schwarzgeld.

Eine längere Passage des Urteils ergeht sich in Mutmaßungen über die Psyche des Angeklagten. Ich sage "Mutmaßungen", weil diese Aussagen nicht auf richtigen Untersuchungen des Patienten beruhen und weil ganz offensichtlich die vorab ohne Überprüfung schon als unwahr beurteilten Schwarzgeldvorwürfe eine tragende Rolle spielen. Dass der Mann phasenweise -wenn er nicht gerade von scheinbar unvorstellbarer Steuerhinterziehung spricht- auch ganz vernünftig und umgänglich rüberkommt, scheint eher gegen ihn ausgelegt zu werden, wie auch die Feststellung, dass dieser Mensch tatsächlich ein Temperament besitzt (und schon mal schreiend den Raum verlässt, wenn ihm das alles zu viel wird).

An dieser Stelle wurde mir klar, dass vor diesem Gericht halb Deutschland in die Geschlossene käme. Zuerst all die Verschwörungstheoretiker, gern inklusive extremer Ritalinkritiker, aber auch all die Frustrierten, die Politikverdrossenen usw. Und alle, bei denen wie beim Angeklagten eine Aufhebung der Steuerungsfähigkeit nicht ausgeschlossen werden kann, was m.E. auch viele wären. Mich würde man auch wegsperren. Viel zu kritisch, misstrauisch, eigenartig, oppositionell,...

Das Gericht hat sich Mühe gegeben, seine Besorgnis zu begründen, warum diese unsichere Steuerungsfähigkeit eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen soll. Von dem Standpunkt aus, dass die dem Angeklagten zur Last gelegten Taten erwiesen wären wie auch seine schwere psychische Erkrankung, mag das sogar nachvollziehbar klingen. Trotzdem: Würde ich dem Gericht ein Arbeitszeugnis ausstellen dürfen, würde es lauten "Es hat sich bemüht,..."

Es mag von mir aus wahrscheinlich sein, das der Gustl was an der Waffel hat. Vielleicht wurde er auch gewalttätig. Wahrscheinlich hat er auch Reifen zerstochen. Doch hier ging es nicht um ein Einstellungsgespräch, sondern darum, ob jemand für letztlich unbestimmte Zeit weggesperrt wird. Dafür hätte ich mehr Sorgfalt erwartet.

In diesem Sinn ist es mir weitgehend egal, ob er die Taten begangen hat oder nicht - das Urteil hilft mir nicht weiter, das einzuschätzen. Ich finde das Verfahren gruselig.

LG
Steffchen
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Re: Der Fall Mollath, ein Justizskandal ? - gemeingefährlich oder mundtot gemacht ?

Beitragvon Shadow » 4. Dezember 2012 14:04

Was mich an dem Fall positv begeistert, ist die Menschenrechtsbeauftragte Dr. Fick der Bayrischen Landärztekammer, die sehr kritische und eindeutige Worte findet, ja sogar einen ihrer Kollegen "anpatzen" will.

Zitat: "Ich werde versuchen in unserer Landesärztekammer die möglichen „Gefälligkeitsgutachten“
(z.B. von Dr. Leipziger) prüfen lassen, denn Gutachten dieser Art sind nach unserer ärztlichen
Berufsordnung strafbar "

Quelle:

http://www.gustl-for-help.de/download/2 ... .-Merk.pdf

bzgl der MR-Beauftragten Dr. Fick meint Dr.Merk im nachfolgenden Interview: Min: 08:56

Zitat: "Das was sie uns mitgeteilt hat, wirft keinen Zweifel an den Gutachten der renomierten Gutachter auf"

.... ist doch geil, was da läuft.

Gerichte sind weisungsfrei und unabhängig, kritisieren und hinterfragen kann man ihre Entscheidungen trotzdem.
Fehler werden auch da gemacht, auf geschätzte 500 Fälle jährlich belaufen sich die Fehlurteile. Diese Zahl hab ich aus einer Fernsehsendung bei VOX vom letzten WE.

Wie man damit aber nicht  umgehen sollte, zeigt dieses ungeschnittene  Interview mit der bayerischen Justizministerin Beate Merk.
Da wird desinformiert , es werden Nebelgranten geworfen und die Fragen werden eher mehr als weniger.

http://www.swr.de/report/-/id=233454/mp ... index.html
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Re: Der Fall Mollath, ein Justizskandal ? - gemeingefährlich oder mundtot gemacht ?

Beitragvon Hanghuhn » 4. Dezember 2012 22:51

Der Fall zieht jetzt Kreise...

In Frontal21 kam dieser Fall auch zur Sprache. Es ging dabei aber auch darum, dass er eben kein Einzelfall ist, sondern ziemlich häufig vorkommt. Auch auf die recht dubiose Rolle der Bank wurde hingewiesen. Steffchen, wenn 's Dich so gruselt, solltest Du versuchen, Dir eine Wiederholung anzusehen. Da hat jemand eingeschätzt, dass ca. 30% derartiger Einweisungen in die Psychiatrie auf Fehlurteilen beruhen.

:schock:    :huc:
LG Hanghuhn
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Re: Der Fall Mollath, ein Justizskandal ? - gemeingefährlich oder mundtot gemacht ?

Beitragvon Shadow » 4. Dezember 2012 23:24

Ach Steffchen, das geht einfacher, wir sind doch gerade noch die Internetgeneration  :811:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/ ... me=908.095

ab Min 07:47
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Re: Der Fall Mollath, ein Justizskandal ? - gemeingefährlich oder mundtot gemacht ?

Beitragvon fachaela » 7. Dezember 2012 20:39

danke für den link,

ich hab beim anschauen schon gänsehaut bekommen. und was passiert wenn er freikommt? wer entschädigt ihn für die verlorenen jahre und die rufschädigung?
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Re: Der Fall Mollath, ein Justizskandal ? - gemeingefährlich oder mundtot gemacht ?

Beitragvon Hanghuhn » 18. April 2013 03:51

Neues zum Fall Mollath

Wir sollten ihn nicht vergessen.
Zuletzt geändert von Hanghuhn am 18. April 2013 03:52, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Der Fall Mollath, ein Justizskandal ? - gemeingefährlich oder mundtot gemacht ?

Beitragvon Hanghuhn » 4. Juni 2013 06:39

Gestern (am Montag, dem 3.6.) kam in der ARD eine Sendung, in der der Fall von Journalisten dargestellt und von vielen Seiten beleuchtet wurde.
LG Hanghuhn

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