Das Gedicht von Grass

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greentown
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Das Gedicht von Grass

Beitrag von greentown » 8. April 2012 14:35

Hallo,

gerade ist ja überall das Gedicht von Günter Grass in der Diskusion.
Hier kann das Gedicht gelesen werden:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/gedic ... -1.1325809

Ich muss sagen, ich finde es gut. (Und mir ist bewusst was Juden erleiden mussten/müssen)
Was meint ihr dazu?

greentown
Zuletzt geändert von greentown am 8. April 2012 14:47, insgesamt 1-mal geändert.
Was manche für Unachtsamkeit halten, ist in Wirklichkeit das Ergründen des Unergründlichen.
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foudamour
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Re: Das Gedicht von Grass

Beitrag von foudamour » 8. April 2012 16:31

ich meine dazu, dass ich ganz froh bin, dass frau K. nicht zur buprä. gewählt wurde, dass zensur herrscht, zumindest bezüglich der kommentare unter diversen artikeln und dass man sich zb. bei der bundeszentrale für politische bildung ein bild darüber machen kann, was tatsächlich gesagt wurde..von der ein- oder anderen seite ;)

man kann auch mal nachsehen, was die jüdische stimme dazu sagt..das ist erfreulich, zeigt es doch, dass nicht alle mit dem finger auf GG zeigen und ihn antisemitisch schimpfen.

am peinlichsten finde ich die ss-keule..ein 17-jähriger, der mit einer ideologie aufwuchs, die keine frage, ganz schrecklich ist..hat er überhaupt die möglichkeit gehabt sich politisch korrekt, korrekt aus heutiger sicht- zu verhalten?
schade, dass sich gebildete menschen einer solchen keule bedienen müssen und nicht reflektieren.

ich würde mal sagen, er hat eine interessante debatte losgetreten...
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Re: Das Gedicht von Grass

Beitrag von No User » 8. April 2012 17:29

Ich finde, dass auch ein Literaturnobelpreisträger das Recht hat, in bestimmten politischen Fragen kein Experte zu sein und trotzdem eine Meinung dazu zu haben. Man muss ja diese Meinung nicht teilen und darf ggf. auch sachlich dagegenargumentieren.

Auch darf man selbst von großen Literaten nicht erwarten, dass jeder von ihnen publizierte Vers gleich ein literarisches Meisterwerk wird.

Trotzdem könnte man im Sinne der künstlerischen Freiheit eine auf (versucht) kreative Weise verpackte Meinungsäußerung etwas toleranter betrachten, als die Masse seiner Kritiker das jetzt tut.

Die relativ unaufgeregte Reaktion der israelischen Öffentlichkeit unterscheidet sich enorm von der offiziellen Reaktion der israelischen Regierung, die Grass nun zur Persona non grata erklärt hat, also zu einer unerwünschten Person, der die Einreise nach Israel verwehrt wird. Die Gesetzesgrundlage, auf die man sich dabei bezieht, sieht eine solche Maßnahme für Nazis vor.

Jeder, der die Zeitgeschichte kennt, weiß, dass die Waffen-SS in den letzten Kriegsmonaten (im Gegensatz zur SS im Allgemeinen in den Jahren zuvor) keineswegs nur die strammsten, ideologisch gefestigsten Nazis zum Dienst an der Waffe eingezogen hat. Da war auch viel "Volkssturm" dabei, Freiwilligkeit (bei einem zu Kriegsende 17jährigen!) hin oder her. Jedenfalls kann man dem literarischen Werk von Grass kaum Antisemitismus entnehmen, höchstens einzelnen Meinungsäußerungen, wenn man jede Kritik an Israels Regierung als "antisemitisch" bezeichnet.

Viel problematischer als das Gedicht selbst ist die selten dämliche mediale und politische Reaktion darauf, die nur in Einzelfällen auf seine Thesen eingeht und sie mit Argumenten widerlegt. Das meiste ist plumper persönlicher Angriff unter der Gürtellinie, ist Hass, Beleidigung und Unsachlichkeit. Auch wird der Begriff "Antisemitismus" durch Anwendung auf pure Israel-Kritik (genauer: Netanjahu-Kritik) seltsam aufgewertet.

Dabei ist Israel seit Jahrzehnten in einer prekären Lage: Umzingelt von Feinden, die teilweise seine Existenzberechtigung bestreiten, immer wieder Angriffen ausgesetzt und dann auch noch in wirtschaftlichen wie innenpolitischen Schwierigkeiten. So etwas fördert auch in einer Demokratie die Wahl eher radikaler Kräfte, als welchen ich auch den Likud-Block ansehe.

In einer solchen Lage braucht man Freunde. Freunde sind Menschen, die einen auch mal zur Besonnenheit mahnen, die auch mal konstruktive Kritik üben. Freunde sind mit Sicherheit keine heuchlerischen Arschkriecher, die in vorauseilendem Gehorsam zu jedem Unfug Ja und Amen sagen und klammheimlich grinsend dabei zusehen, wie Israel den Bach runtergeht.

Ich bin erschüttert, welch jämmerliches Bild Politik und Medien in ihren Reaktioen auf "Was gesagt werden muss" zu 90% abgeben. Dem tatsächlich in vielen Köpfen noch verbreiteten Antisemitismus wird das eher Auftrieb geben.

LG
Steffchen
Hyper179

Re: Das Gedicht von Grass

Beitrag von Hyper179 » 17. April 2012 23:17

http://www.youtube.com/watch?v=jUGVPBO9_cA Das Antisemitismuskeule wird auch in den USA erfolgreich geschwungen.  Nach dem Interview wundert mich gar nichts mehr. Mich widert die Enddarmkriecherei der deutschen Bundesregierung einfach an. Günther Grass hat Recht mit dem was er sagt!!
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Felidae
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Re: Das Gedicht von Grass

Beitrag von Felidae » 23. April 2012 13:00

Ich verstehe den Text vom Grass nicht... da bin ich ganz ehrlich.  :Frag:

Es mag auch daran liegen, das es in meinen Augen kein Gedicht ist.... ein Gedicht reimt sich in irgendeinem Satz!

Was bei dem "Gedicht" von Grass nicht passiert.
:wippi:
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foudamour
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Re: Das Gedicht von Grass

Beitrag von foudamour » 23. April 2012 13:15

was genau verstehst du nicht? wenn du es einfach als text siehst und nicht als gedicht. ein gedicht muss sich nicht reimen, aber für mich ist es dann auch keins mehr. ich habe es einfach als text gelesen..als mitteilung..aber wo hast du nun genau ein problem? vielleicht kann ich ja helfen :)
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Felidae
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Re: Das Gedicht von Grass

Beitrag von Felidae » 23. April 2012 13:50

[quote="foudamour"]
was genau verstehst du nicht? wenn du es einfach als text siehst und nicht als gedicht. ein gedicht muss sich nicht reimen, aber für mich ist es dann auch keins mehr. ich habe es einfach als text gelesen..als mitteilung..aber wo hast du nun genau ein problem? vielleicht kann ich ja helfen :)
[/quote]

Eben, wenn man mir sagt, es sei ein Gedicht, lese ich es auch als Gedicht, auch gedanklich stelle ich mich auf ein Gedicht ein. Das "Gedicht" von Grass ist ein TEXT... kein Gedicht in meinen Augen...

Ich hatte schon immer ein Problem damit, ein "Gedicht" zu lesen, das ich nicht als solches sehe sondern als Text...

Ein Gedicht ist und bleibt für mich eine Schreibweise, die sich irgendwann mal reimt... der Text von Grass reimt sich nicht...

Ich habe seinen Text gelesen und am Ende gedacht.. "Okay und WO ist nun das Gedicht"?

Ich schaffe eben den Gedankensprung nicht, den Schalter von GEDICHT auf Text umzuschalten... wenn man mir sagt, es sei ein Gedicht, erwarte ich auch ein Gedicht...
Zuletzt geändert von Felidae am 23. April 2012 13:54, insgesamt 1-mal geändert.
:wippi:
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Re: Das Gedicht von Grass

Beitrag von No User » 23. April 2012 14:41

Gedichte müssen sich nicht reimen und nicht alles, was sich reimt, ist ein Gedicht, z.B. Abzählreime.

Ein Gedicht ist ein lyrisches Werk, was Lyrik ist, beschreibt Wikipedia hier.

Der Kern dessen, was einen Text zu einem Gedicht macht, wird dort so beschrieben:
Lyrische Texte unterscheiden sich ... sprachlich-formal von epischen und dramatischen vor allem durch ihre Kürze, ihre strengere Form, ihre Dichte (Ausdruckskraft) und sprachliche Ökonomie (Prägnanz), ihre Subjektivität und ihren Bezug auf ein lyrisches Subjekt (z.B. ein lyrisches Ich).
Dabei ist reimfreie Lyrik keine Modeerscheinung, die gab es auch schon in der Weimarer Klassik, z.B. Goethes Prometheus.

Man kann aber darüber streiten, ob Grass' Text wirklich Lyrik ist und als solche weitgehende künstlerische Freiheit in Anspruch nehmen darf, ob er die Meinung einer lyrischen Person ausdrückt oder ganz simpel Grass' eigene oder ob das gar eine Tatsachenbehauptung darstellt, was sehr angreifbar wäre, weil Tatsachenbehauptungen muss man beweisen können und für ihre Wirkung (auch rechtlich) Verantwortung übernehmen.

In meinen Augen wird Grass alt, aber leider nicht weise. Die Wirkung seiner Worte hätte er sonst kennen müssen, teilweise musste er sich auch korrigieren, an vielen Stellen hat er sich als politisch ahnungslos geoutet. Ja, es gilt auch für Grass Meinungsfreiheit, für seine Kritiker aber auch. Öffentliche Personen wie Literaturnobelpreisträger Grass tragen auch dann Verantwortung für ihre Wortwahl, wenn sie als Lyrik getarnt daherkommt.

Der Konflikt Iran-Israel könnte in den nächsten Monaten tatsächlich eskalieren, wenn auch nicht nach Grass' Drehbuch. Siedler und Palästinenser wären da nur unbedeutende Statisten. Doch während das Gezeter um einen mehr oder auch weniger lyrischen Text durch die Medien ging, ist beinahe untegegangen, wie nah Syrische Schüsse über die Türkische Grenze uns an einen Nato-Bündnisfall hätten bringen können. Der würde uns als Deutsche noch stärker betreffen als Ahmadinedschad vs. Netanjahu. Denn Israel hat jedes Interesse verneint, die Bundeswehr dort im Weg rumstehen zu haben.

LG
Steffchen
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Kaina
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Re: Das Gedicht von Grass

Beitrag von Kaina » 23. April 2012 16:09

Hi Felidae. Vergiss einfach mal das "Gedicht"!
Hätte Grass es
"Muss meinem Herzen/Seele/Gedanken/Gewissen mal Luft machen" - Text genannt, wär 's vllt. einfach untergegangen als Geplapper eines Greises.
Ich bin kein Grass-Fan, aber ich finde das "Gedicht" absolut treffen!

Zum Inhalt....Mag anderen seltsam vorkommen, aber irgendwie erinnert mich der Text und die Reaktionen darauf an:

[quote="Niemöller, eine der vielen Varianten"]Als die Nazis die Kommunisten holten, schwieg ich, ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten holten, schwieg ich, ich war ja kein Sozialdemokrat,
als sie die Juden verhafteten, schwieg ich, ich war ja Christ.
Als sie mich holten, gab es niemanden mehr, der hätte etwas sagen können.
[/quote]

Übertrieben?
Alle sehen zu, keiner sagt was. Wer dann doch mal 'was sagt, kriegt direkt eins auf die Mütze - da gab es doch den Holocaust.
Deshalb dürfen 'die' das alles. Deshalb darf niemand berechtigte Kritik üben.

Ob anderen Volksgruppen das lebensnotwendige Wasser abgegraben wird (um äußerst umweltfreundlich in der Wüste Handelsprodukte zu basteln),
Mauern und Stacheldrahtzäune errichtet werden (wofür die Ex-DDR verurteilt wurde),
Atombomben ohne Aufsicht gebastelt werden (Iran? Nordkorea? und beim Irak als Vorwand genutzt für ...),
"verteidigende" Erstschläge erfolgen,
Menschen aus anderen Ländern in Nacht- und Nebelaktionen verschleppt werden.....

Niemand darf kritisieren, sonst hat man gleich das Nazi-Etikett auf der Backe, und alles schreit auf: "Es gab den Holocaust, deshalb muss man das verstehen und dulden.".

Und was fast noch schlimmer ist:
Geschrei und Geplärre, dass in Krisengebiete keine Waffen und -fähiges Material geliefert werden darf.
Aber in das schlimmste Krisengebiet wird geliefert, z. T. sogar als Geschenk!?! von unserer Regierung???? Hauptsache, die Waffenhersteller haben genug Umsatz, oder was??

Da kommt so ein Text daher, und schon schreien alle auf - auch Amerika, wo die Nazis gut geschützt geschützt werden vom Meinungsfreiheitsparagraphen und gegen den Ku-Klux-Clan noch immer kaum was unternommen wird.
Und wieder mal schlägt der "Antisemitenstempel" zu.
Ob da mal aufgefallen ist, dass auch Palästinenser Semiten sind?

Und der "Gedicht"-Text wird, z. T. nur missverständlich-auszugsweise, zerpflückt in sonderbaren Talkrunden und in der ach so objektiven, neutralen Presse  :eusa_doh:

Israel ist in den Ländern 'rundum verhasst, treibt es aber auch entsprechend.
Dass andere Länder Angst bekommen vor diesem unberechenbaren und dennoch gut unterstützten Staat - wen wundert es?

Daher möchte ich Israel gerne ein altes Lieb von Knut Kiesewetter widmen (auch nicht wirklich lyrisch, obwohl sich's reimt)
http://www.youtube.com/watch?v=3u1b2vg-ydw


(Nebenbei: nee, ich habe keine Probleme mit Juden/Semiten/Andersfarbigen etc., bzw. einzelnen Menschen(!) aus entsprechenden Ländern.
Aber mit einigen Regierungen, Militärs, Waffenproduzenten und Geheimdiensten , die treiben was sie wollen, uns ohnmächtig zusehen, und viele Menschen leiden lassen!  :up_to_something: )

EDIT
[quote="steffchen "]
Der Konflikt Iran-Israel könnte in den nächsten Monaten tatsächlich eskalieren, wenn auch nicht nach Grass' Drehbuch. Siedler und Palästinenser wären da nur unbedeutende Statisten. Doch während das Gezeter um einen mehr oder auch weniger lyrischen Text durch die Medien ging, ist beinahe untegegangen, wie nah Syrische Schüsse über die Türkische Grenze uns an einen Nato-Bündnisfall hätten bringen können. Der würde uns als Deutsche noch stärker betreffen als Ahmadinedschad vs. Netanjahu. Denn Israel hat jedes Interesse verneint, die Bundeswehr dort im Weg rumstehen zu haben.[/quote]

:smt023:
Zuletzt geändert von Kaina am 23. April 2012 16:12, insgesamt 1-mal geändert.
"Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische." (K.Valentin) 
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Shadow
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Re: Das Gedicht von Grass

Beitrag von Shadow » 23. April 2012 16:12

Hi  :breitgrinse1:

Der alte Mann GG wollte damit provozieren, er hat auch kräftig provoziert  und das Echo ist schon gewaltig.

Es geht hier nicht um die Frage ob er nun Recht hat, er hat als Deutscher Dinge angesprochen, die realpolitisch für Deutsche tabu sind. Wir haben eine Hypothek aus dem 3.Reich, die noch nicht abgetragen ist.
Die SS-Vergangenheit von Grass kommt da nun gelegen, damit man ihn als Antisemit hinstellen kann.

Der deutschen Politik kommt die Sache höchst ungelegen, versucht man sich doch schon Jahrzehnte lang in Wiedergutmachung.
Man kann es nicht mehr ungeschehen machen, da helfen auch keine Uboote.

6 Mio ermordete Juden werden davon leider nicht mehr lebendig.

Wir haben eine sehr dunkle Vergangenheit, die schwere Schuld unserer Großeltern Generation ist Fakt.

Wäre Grass ein Franzose oder Engländer, dann hätte sich keine Sau für das Gedicht interessiert.
So toll ist es einfach nicht.

Eine recht sinnfreie Aktion von Grass und eine reichlich dumme Reaktion der Israelis und ihrer Verbündeten treffen da jetzt aufeinander.
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