Im Studium super aber Scheitern im Alltag

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Luke89
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Im Studium super aber Scheitern im Alltag

Beitrag von Luke89 » 11. Dezember 2018 15:54

Hi zusammen,

schon in der Grundschule hat mich meine Lehrerin als Wolke 7 bezeichnet und ich war schon immer der verträumte Typ. Später in meiner Jugend bekam ich dann die Diagnose: ADS ohne Hyperaktivität.

Wie auch immer. Zurzeit studiere ich im Mastestudiengang und eigentlich läuft alles super. Ich werde oft von meinen Professoren und auch Komollitonen für meine Aufassungsgabe und meine Fähigkeit Verknüpfungen zu erkennen gelobt. Meine Noten sind gut und demnächst publiziere ich mit etwas Glück sogar einen kleinen Artikel :)

Das merkwürdige ist aber, dass ich bei vielen alltäglichen Sachen, die für jeden Menschen komplett einfach zu erledigen sind, total scheitere und oft überfordert bin.

Während meines Praktikums musste ich oft einfache Dinge machen wie Sachen kopieren, sortieren, Korrektur lesen. Alles kein Hexenwerk trotzdem habe ich dafür oft lange gebraucht oder musste vieles erneut machen weil es nicht richtig war. Mein Vorgesetzter hat bestimmt gedacht: "Wie hat der das Studium geschafft?

Ich aragniere mich außerdem nebenbei noch ein wenig ehrenamtlich aber auch da bemerke ich, dass ich viele einfache Dinge nicht auf die Kette bekomme. Bei einer Feier habe ich zum Beispiel an der Bar ausgeholfen und mich regelmäßig beim Rückgeld vertan. Alle anderen hatten damit natürlich keine Probleme.

Auch meine Freunde bemerken dass ich "besonders" bin, ich bekomme sehr oft Dinge zu hören wie :"Wie kann man das immer noch nicht verstehen" oder "Junge du bist so verpleilt man". Mein Gehirn ist schlichtweg nicht in der Lage die Situation zu begreifen :/

Das ganze nagt total an meinem Selbstbewusstsein und ich verstehe mich selber nicht, weil ich weiß das ich intelligent bin, aber trotzdem scheiter ich anKleinigkeiten. Ich habe sogar schon Angst vor meinem nächsten Praktikum oder Arbeiten allgemein...

Geht es euch auch so? Jemand von euch eine Strategie um damit umzugehen?

Vielen Dank,

Luki

P.S Ich nehme seit etwa 6 Wochen Strattera, aber ich bin mir noch nicht sicher ob das überhaupt was bringt
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chaoten-tom
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Re: Im Studium super aber Scheitern im Alltag

Beitrag von chaoten-tom » 11. Dezember 2018 17:53

Luke89 hat geschrieben:
11. Dezember 2018 15:54
Das merkwürdige ist aber, dass ich bei vielen alltäglichen Sachen, die für jeden Menschen komplett einfach zu erledigen sind, total scheitere und oft überfordert bin. Geht es euch auch so?
Hi Luki!
Du bist hier bei Menschen gelandet, bei denen das Scheitern an den alltäglichen Banalitäten zu den absoluten Kernkompetenzen gehört ! ;) Merkwürdig findet das hier bestimmt keiner! Willkommen bei AD(H)S!
Luke89 hat geschrieben:
11. Dezember 2018 15:54
Jemand von euch eine Strategie um damit umzugehen?
Da sind in der 50 Tips- Liste sehr hilfreiche dabei: http://www.adhs-anderswelt.de/viewtopic ... ps#p647221
Luke89 hat geschrieben:
11. Dezember 2018 15:54
Das ganze nagt total an meinem Selbstbewusstsein und ich verstehe mich selber nicht, weil ich weiß das ich intelligent bin, aber trotzdem scheiter ich anKleinigkeiten

Weshalb? Betrachte es mal positiver. Du stufst Dich als intelligent ein, hast etwas gefunden in dem du richtig gut bist und das Dich so fordert, dass du dabei keine Motivations- und Konzentrationsprobleme hast. Gut! Handle danach und versuche einen Job zu finden, der Dir das in hohem Maße bietet. Dann kannst Du mit den positiven Seiten von AD(H)S Freude und Erfolgserlebnisse haben. Gelingt Dir das nicht, wirst Du möglicherweise einen ewigen kräfteraubenden Kampf gegen dessen Schattenseiten führen.

Liebe Grüße, Chaoten-Tom
Falschparker
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Re: Im Studium super aber Scheitern im Alltag

Beitrag von Falschparker » 11. Dezember 2018 20:33

Ja sicher kennen wir das! Das Klischee des "zerstreuten Professors", der hochwissenschaftliche Thesen exzellent vorträgt, aber seine Jacke falsch geknöpft hat, kommt ja auch irgend wo her. ;)

Das Hyperfokussieren klappt, solange der Stoff neu und interessant ist. Nur leider bestehen die allermeisten Tätigkeiten, auch von Wissenschaftlern, zu einem hohen Anteil aus Routine wie Kopien anfertigen oder Reisekosten abrechnen. Die Chefs haben dafür Angestellte, aber soweit muss man erst einmal kommen. :oops:

Herzlich willkommen im Andersweltforum, lieber Luke! :knuddel:

Wurdest du denn in deiner Jugend, nachdem du die Diagnose bekommen hast, behandelt? Und jetzt- wieso bekommst du Strattera, eigentlich sind Stimulanzien die erste Wahl?

Wie läuft es denn in deinem Privatleben, also außer an der Bar aushelfen?

Ich habe meine Diagnose erst mit 37 bekommen, nachdem mein großer Sohn schon drei Jahre als ADHS-ler behandelt wurde. Rückblickend konnte ich mir viele Schwierigkeiten, dich ich schon als Kind, Jugendlicher und junger Erwachsener hatte, gut erklären.

Viele Grüße und alles Gute
Falschparker
Stefan SRO
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Re: Im Studium super aber Scheitern im Alltag

Beitrag von Stefan SRO » 12. Dezember 2018 09:52

Auch von mir ein herzliches Willkommen,

das Scheitern im Alltag geht bei mir zum Glück erst jetzt mit 45 richtig los aber inhaltlich ist es Deiner Beschreibung sehr ähnlich.
Fachlich etwas anders gelagert gelingen mir auch Kunststücke bei der Messfehleranalyse die weit in Mathe und Physik rein leuchten. Zuhause bekomme ich aber Kleinkram nicht hin. Vermutlich ist er mir einfach zu "Unwichtig"

Wie in den Beiträgen oben beschrieben ist es für UNS sehr typisch. Falls Du neben den Medikamenten keine begleitende Therapie bekommst, ist das die erste Aufgabe für Dich.
Regelmäßige Termine zur Reflektion Deiner Wahrnehmungen und Problemfelder.
Ein Tagebuch zur Analyse der Medikation hilft auch weiter.

Ein paar Studis in unsere SHG sind ähnlich unterwegs. Sie haben schon am Anfang des Studiums zu den Mensanern gesellt, wo sie sehr gut verstanden werden.

Lies Dich einfach mal durch das Forum und lass die Seite adxs.org nicht aus. Du wirst die fehlenden Puzzleteil für Dein Selbstbild finden und dann zielgerichtet an einer Lösung arbeiten können.

VG
Stefan
"Mein Hirn kann nicht still sitzen..."
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Was heute noch logisch und klar erscheint, ist morgen schon undurchsichtig rätselhaft.
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Luke89
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Re: Im Studium super aber Scheitern im Alltag

Beitrag von Luke89 » 12. Dezember 2018 13:07

Hi,

erstmal vielen Dank für die herzliche Begrüßung und für eure Antworten :)

Wurdest du denn in deiner Jugend, nachdem du die Diagnose bekommen hast, behandelt? Und jetzt- wieso bekommst du Strattera, eigentlich sind Stimulanzien die erste Wahl?
Ja das ganze wurde mit Medikinet behandelt was ich aber abgebrochen habe, weil mich das ganze zu einem emotionslosen Roboter gemacht hat und mich depressiv gemacht hat. Später habe ich dann auch noch eine zeitlang Neurofeedback-Theraphie ausprobiert. Hab mein Abi dann letzlich aber ohne Medis halbwegs erfolgreich gemacht :roll: Nur als ich meine Bachelorarbeit geschrieben habe, habe ich nochmal Medikinet eingenommen.
Wie läuft es denn in deinem Privatleben, also außer an der Bar aushelfen?


Soweit ganz gut, kriege eigentlich alles soweit gut geregelt. Ich steige nur manchmal einfach in die Straßennbahn ohne zu prüfen obs die Richtige ist, aber bis jetzt konnte ich immer noch schnell genug rausspringen :D Alerdings bemerke ich, dass ich trotzdem nie ganz bei der Sache bin und sehr häufig mit meinen Gedanken abschweife, ADS eben :D
Falls Du neben den Medikamenten keine begleitende Therapie bekommst, ist das die erste Aufgabe für Dich.
Ich habe letztes Jahr eine Theraphie angefangen aber nach einem halben Jahr abgebrochen, weil der Therapheut die Krankheit ADHS nicht anerkannt hat (Begründung: Modediagnose und sonst hätte ich ja keinen Bachelor geschafft :-x ) das ganze ging ziemlich in Richtung Teifenpsychologie und hat mir im Endeffekt nichts gebracht. Einen neuen habe ich mir dann aus zeitlichen Gründen nicht mehr gesucht.
Stefan SRO
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Re: Im Studium super aber Scheitern im Alltag

Beitrag von Stefan SRO » 12. Dezember 2018 15:59

Oh ja. "Die Erde ist eine Scheibe! "

Derartige Mediziner und Therapeuten gibt es hin und wieder. Diskussionen helfen da nicht weiter.
Kontakt beenden und einen beleseneren* Fachmannfrau suchen.

Aber nicht entmutigen lassen! Man braucht die Hilfe und sollte sie sich holen.


*= damit meine ich nicht Verlage wie die Bild oder Autoren wie Erich von D. :lol:
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Hanghuhn
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Re: Im Studium super aber Scheitern im Alltag

Beitrag von Hanghuhn » 25. Dezember 2018 14:00

Meine Diagnose kam sehr spät (Ü50). Man muss ja erst einmal auf die Idee kommen, einen Psychiater aufzusuchen, weil man ab und zu etwas verpeilt ist, und das einem seltsamerweise signifikant häufiger als seinen Mitmenschen passiert. Eigentlich ist mir der Seifensieder erst so richtig aufgegangen, als mein Sohn in der Schule Probleme bekam - hauptsächlich wegen der geforderten Geschwindigkeit.

In der Schule war es bei uns üblich, teilweise auch gefordert, bezahlt oder auch mal unbezahlt Arbeitseinsätze in Produktion durchzuführen. Die anderen waren immer schneller als ich. Aber das Schlimmste war meine "Anstellerei". Meine "Eignung" als Abiturientin wurde mir total aberkannt, weil ich die einfachsten Dinge einfach nicht auf die Reihe bekam. Natürlich war ich das beste Beispiel dafür, wie ungeeignet Studierende eigentlich sind, wenn sie nicht einmal wissen, dass ...

Bei meinem Praktikum während des Studiums war es ähnlich. Es war die blanke Katastrophe. Dabei wurde von mir noch nicht einmal Handwerkliches gefordert.

Mit dem Rückgeld vertun - ja, das kenne ich auch. Von einer Frau wird ja auch wesentlich mehr Organisation im privaten Bereich erwartet/verlangt/erhofft, vor allem wenn man eine Familie hat - eine ständige Herausforderung für mich!

Mangels Diagnose (auch ohne Wissen darum, woher diese Verpeiltheit kam und dass Aufschieberitis etc. Teil ein- und derselben Medaille waren) musste ich mein Studium ohne Hilfe absolvieren. Anfangs wurde ich noch als "Nachwuchskader" für eine Assistentenstelle, an deren Ende der Erwerb des Doktortitels gestanden hätte, gehandelt. Aber aufgrund meiner Lern-Aufschieberitis wurden meine Leistungen immer schlechter, und so fiel eine solche Stelle für mich flach - eigentlich eine verpasste Gelegenheit.

Im Job wird es immer einen Anteil Routine und - manchmal im ganz Kleinen- ein gewisses Maß an handwerkliches Fähigkeiten gefordert (ich kann z. B. wunderbar einen durcheinander geratenen Stapel Papier noch mehr durcheinander bringen), für mich ein Graus. Je höher man steigt, ja anerkannter man ist, umso mehr sinkt der Anteil solcher Arbeiten. Schon allein deshalb wäre die Assistentenstelle richtig für mich gewesen. Ich bin ein sehr guter Theoretiker.
LG Hanghuhn
Stefan SRO
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Re: Im Studium super aber Scheitern im Alltag

Beitrag von Stefan SRO » 25. Dezember 2018 21:30

"...ein sehr guter Theoretiker..." das ist gar nicht so selten. Bei Mensa ist die Dichte derartig Veranlagter sehr hoch.

An der Realität zu scheitern, nachdem das Hirn schon 50 km vor dem Körper dort war, kommt leider oft vor und wird an Schreibtischen sichtbar, für die man eigentlich einen Helm und einen Lawinensender tragen müsste. Die passenden Stelle zur Veranlagung zu finden und dazu noch die Akzeptanz des anders seins, ist im Grunde Glückssache.
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