Berufswahl... es geht los

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Bille
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Berufswahl... es geht los

Beitrag von Bille » 16. Februar 2018 09:00

Hallo,
bin hier schon lange angemeldet, weil ich einen Sohn mit ADS-Diagnose habe. Geschrieben hab ich in den Jahren wenig. Es gab nicht viel zu berichten. Nach einem holprigen Schulstart lief er recht gradlinig durch die Schule. Er hat keinerlei Verhaltensprobleme. Ist in meinen Augen ein ausgesprochen vernünftiger junger Mann, mit einem großen Faulheits- und Selbstorganisationsproblem.
Sein Problem ist "eigentlich nur" sein fehlendes Konzentrationsvermögen und siehe oben.... Diagnostiziert wurde er mit ca. 8 Jahren. Nächstes Jahr macht er sein Abi und dann ist Schluss mit Schonraum Schule :? .
Seine Noten sind mittelprächtig. Für bessere müsste man halt lernen. Wobei will mal nicht klagen,s ie bewegen sich durchschnittlich im Bereich ?? 2,7 oder so. Dabei in Mathe und Physik ne 1.
Momentan will er in den IT-Bereich.
Leider haben ihm so ein paar wohlmeinende Computer-Nerds der ersten Stunden aus dem Freundeskreis eingeredet, dass er da gar keine Chance hat, weil er ja quasi nicht schon" noch in Windel" sich selbst das programmieren beigebracht hat. :roll: (sorry, hab mich damals sehr über diese "Freunde" geärgert. Auch wenn ich ebenfalls seine Stärken woanders sehe.
ne andere Überlegung wäre die Polizei. Aber da denke ich, das kann er wohl vergessen, oder? Wenn er Medikamente nimmt.
Hat das Thema jemand hier mal wirklich "durchrecherchiert."?
Ich würde ihn ja vorallem im sozialen Bereich sehen. Lehramt war mal ne Überlegung und bei einer Probevorlesung in der Pädagogischen Hochschule hat er den Vortragenden über seinen klaren Blick für schwierige Schülersitutationen und hilfreiche Interventionen verblüfft.
Kinder fliegen auf ihn. Er hat wirklich nen Draht zu Menschen, kann sich gleichzeitig abgrenzen. Hat mal meine Studienunterlagen zum Thema Psychologie monatelang gelesen... aber grad ist er gar nicht mehr gedanklich bei diesen Berufen.
Jetzt hat er so ne "halbfertige" Bewerbung für Wirtschaftsinformatikstudium gebracht. Und ich frag mich, wie wir das nun angehen.
Demnächst hat er nen Termin bei der Abiberatung.
Soll ich ihn jetzt beim Bewerben im IT-Bereich unterstützen? Oder nicht?
Irgendwie denke ich, es wäre auch gut,w enn er erst Mal ne Ausbildung macht. So ne Ausbildung wäre doch irgendwie strukturierter und wenn er die Anforderungen vorgegeben bekommt, dann erfüllt er sie auch. Da hab ich Sorgen beim STudium.
Wie seid ihr das angegangen. Was muss man zusätzlich beachten... würdet ihr auch zu einer Ausbildung vor Studium raten?
LG
B.
Elchi
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Re: Berufswahl... es geht los

Beitrag von Elchi » 16. Februar 2018 22:03

Mein Sohn (ADS) hat nach einem naja-Abi eine Ausbildung zum Fachinformatiker gemacht und jetzt eine Festanstellung. Er hat sich schon immer für alles Technische interessiert und jahrelang dachte ich, es geht mal in Richtung Elektrotechnik. Für Informatik hat er sich erst in der Oberstufe interessiert und ein Jahr Unterricht gehabt (mehr wurde nicht angeboten).

Mit Sicherheit hat er das nicht schon im Windelalter angefangen :D

Auf jeden Fall sollte Dein Sohn wirklich Interesse an IT haben, wenn er in diese Richtung geht. Aber es ist wohl im Moment eine der wenigen Richtungen, in der man auch mit einer Ausbildung (ohne Studium) weit kommen kann, wenn man sich selbst fortbildet. Dazu gibt es immer irgendwo Möglichkeiten. In Stellenanzeigen werden oft IT-Kräfte gesucht und es steht nur dabei, was sie können sollen, nicht welchen Abschluß sie haben müssen (außer im öffentlichen Dienst, da muss ja alles seine Ordnung haben).

Ein Studium war bei uns auch Thema, aber ich bin ganz froh, dass er sich für die Ausbildung entschieden hat. Aus dem gleichen Grund wie Du, es ist einfach übersichtlicher. Es gibt einen Ausbilder, der in der Regel Interesse daran hat, dass die Azubis "durchkommen".
Irgendwann habe ich erwähnt, dass er ja später immer noch studieren kann, wenn er das möchte. Er meinte nur: "Rausgeschmissene Zeit, das geht auch ohne Studium".
Möglich dass sich seine Ansicht noch ändert, aber im Moment passt es .

LG
Elchi
ULBRE
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Re: Berufswahl... es geht los

Beitrag von ULBRE » 17. Februar 2018 00:14

Hallo Bille,

ich glaube, dass das Wichtigste ist, dass er etwas macht, was ihn wirklich interessiert.

Was andere schon geschrieben haben, würde ich so begründen (hier mal herzhaft unwissenschaftlich plastisch formuliert):
Aufmerksamkeit ist bei AD(H)S nicht an sich gestört, sondern der Fokus ist verschoben.
Meine Sichtweise ist, dass bei AD(H)S eine Dauerstressituation besteht. Bei schwerem (bedrohlichem = HPA-Achse-aktivierendem) Stress ist die Aufmerksamkeit nicht gestört, sie nur hat veränderte Ziele. Intrinische Motive treten in den Vordergrund (es geht ums Überleben), extrinische Motive (was andere von einem wollen) wird deshalb unwichtiger.***
Um es zu Verbildlichen nehm ich mal die Zeit, in der unsere Stressysteme entstanden sind - in den Jahrhunderttausenden vor Sesshaftigkeit (10000 Jahre), Stadtleben (2000 Jahre) und Bürojobs (200 Jahre), als wir noch als Nomaden in Gruppen durch die Gegend zogen.
Wenn damals da draussen potentielle Feinde rumschlichen und man einen Gegner beobachtete (intrinsisch wichtige Tätigkeit), war es beim Überleben hilfreich, sich in dem Moment von nichts ablenken zu lassen. Leichte Taskwechsel waren da ein Nachteil.
Abends am Lagerfeuer, beim plaudern und erzählen (nicht intrinsisch wichtige Tätigkeit) war es überlebensförderlich, leicht ablenkbar zu sein - da knackte was, dort bewegt sich was, da ist doch was, dahinten...
Wenn AD(H)S ein derartiger Stress im Dauerzustand wäre (wie ich vermute), würde es erklären, warum die Aufmerksamkeit bei AD(H)S so anders ist (Taskwechselprobleme UND Hyperfokus). Anders ausgerichtet, aber nicht in der Funktion gestört.
Na ja, aus der Sicht von Lehrern (im Vergleich mit Nicht-AD(H)Slern und nicht akut schwer gestressten) durchaus gestört. Schule stellt an Schüler aber vor allem extrinsische Anforderungen...

Ist eigentlich ne alte Lebensweisheit: man kann nur das wirklich gut machen, was man gerne macht.
Ich glaube aber, dass das für AD(H)S-Betroffene ganz besonders gilt.

Gerade IT ist ausserdem etwas, in dem sich nach meinem Eindruck viele AD(H)S-Betroffene ziemlich wohlfühlen und gut zurechtkommen.
Insofern: wenn Dein Sohn IT machen will, und er sich darin nicht aus anderen Gründen völlig dusselig anstellt, wäre es sinnvoll, ihn darin zu unterstützen.

Viele Grüsse

UlBre

***Das erkärt für mich auch, warum entferntere Belohnungen weniger wichtig sind - wenn das Überleben im Vordergrund steht, ist es einfach unwichtiger, Nüsse für den Winter zu sammeln (aufzuräumen, Post zu erledigen, wasauchimmer)
„Wenn ein unordentlicher Schreibtisch einen unordentlichen Geist repräsentiert, was bedeutet dann ein leerer Schreibtisch ?“ Albert Einstein
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Re: Berufswahl... es geht los

Beitrag von Agatha » 15. März 2018 15:18

Bille hat geschrieben:Momentan will er in den IT-Bereich.
Leider haben ihm so ein paar wohlmeinende Computer-Nerds der ersten Stunden aus dem Freundeskreis eingeredet, dass er da gar keine Chance hat, weil er ja quasi nicht schon" noch in Windel" sich selbst das programmieren beigebracht hat. :roll: (sorry, hab mich damals sehr über diese "Freunde" geärgert. Auch wenn ich ebenfalls seine Stärken woanders sehe.
Das ist falsch! Es gibt sogar viele Quereinsteiger im IT-Bereich, die erst das Programmieren *nach* dem Studium/der Ausbildung gelernt haben!

Dazu zähle ich. Ich arbeite seit 10 Jahren in der IT, und ich habe es nicht mal studiert :D

Logisches Denken ist wichtig, alles andere lernt man halt. Gute Noten in Mathe und Physik sind eine sehr gutes Zeichen! Wenn es ihm interessiert, sollte er es auf jeden Fall machen. Keine Angst haben. Das Programmieren wird im Studium / in der Ausbildung von 0 an unterrichtet. Und die meisten Studenten brauchen das auch so.

Diese Nerds, die schon "in Windel" programmiert haben, haben auch gar kein so großen Vorsprung wie sie denken… Sie können rumhacken, aber haben häufig nicht gelernt, wie man sauber und professionell entwickelt. Häufig müssen sie einiges umlernen, im Studium oder im Beruf… Davon sollte man sich ernsthaft nicht beeindrucken lassen :roll:

(Ich habe ADHS und bin Software-Entwicklerin und IT Consultant).
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Bille
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Re: Berufswahl... es geht los

Beitrag von Bille » 17. Juli 2018 19:45

@Agatha,
auch Dir noch vielen Dank für die Antwort. Das finde ich sehr beruhigend, was Du da schreibst. Ich denke auch, er ist im logischen Denken recht begabt und dürfte das hinbekommen... Nun ist er leider wieder völlig un(bzw. um)-entschieden. Im aktuellen Zeugnis wird er in Mathe 15 Punkte bekommen. Trotzdem ist er grad vom IT-bereich völlig weg. Nun denkt er wieder an Sozialpädagogik. ich weiß auch nicht... ich glaub ich sag nichts mehr ;-). Werde ihm zumindest Bewerbungen für ein Freiwilliges soziales Jahr abnötigen... mal so zur Sicherheit.
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Re: Berufswahl... es geht los

Beitrag von Bille » 7. September 2018 21:44

Hallo,
wollte euch einfach mal schreiben, wie es hier weiterging. Er hat sich schulisch "noch ein bischen reingehängt". Ein gutes Zeugnis, mit weiterhin 1 in Mathe und Physik.
hat jetzt in den Sommerferien angefangen sich zu bewerben. Hatte heute sein erstes Vorstellungsgespräch und bekommt nächste Woche seinen Vertrag zugschickt für ein duales Studium Wirtschaftsinformatik.
Ansonsten hat er auch noch Chancen in anderen, großen Unternehmen. Die teilweise auf ihn zugekommen sind.
Ich bin grad völlig geplättet, wie das hier läuft.

Hätte mir das nicht mal jemand erzählen können, als ich in der 2. Klasse so viele schlaflose Nächte hatte, weil das Kind sich so schwer tat??

Ich kann nur sagen, ich war heute morgen schon sprachlos, als dieser hübsche junge Mann heute morgen das Haus verlassen hat zum Vorstellungsgespräch. Und jetzt das !!!
Ich bin platt und stolz und müde.. und ich glaub ich trink jetzt mal ein Gläschen Sekt zur Feier des Tages!

Alles wird gut irgendwie... sowieso... ;)
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Re: Berufswahl... es geht los

Beitrag von Raupi » 7. September 2018 23:13

Supi klingt das!!

Ich drücke deinen Sohn die Daumen!!

*thumbsup*
LG, Raupi
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