Mit Kollegen offen über ADHS Problematik sprechen

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teddy1213
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Mit Kollegen offen über ADHS Problematik sprechen

Beitrag von teddy1213 » 16. Juni 2016 21:02

Hallo,
vor ca.9 Jahren wurde bei mir ADHS diagnostiziert. Ich bin mittlerweile sehr gut medikamentös eingestellt und seit über drei Jahren bei meinem jetzigen Arbeitgeber beschäftigt. Auch schaffe ich es die meisten ADHS typischen Probleme sehr gut zu kompensieren. Jedoch merke ich seit ca. 3 Monaten, dass ich an meine Grenzen stoße, ich fühle mich überfordert. Dies auch weil ich auch oft nicht Nein sagen kann. Nun war heute wieder so ein Fall wo ich von einer Kollegin gefragt wurde, ob eine Arbeit erledigt sei. Ich sagte, nein das ist Sie nicht und das doch andere Sachen erstmal vorrangig waren. Sie gab mir Recht beschwerte sich aber darüber, dass ich oft "aufgeschobene" Aufgaben vergesse. Auch kam die Aufforderung ich solle doch mehr Struktur entwickeln und Prioritäten setzen.
Dies ist alles richtig und meistens schaffe ich das ja, nur eben Sachen die ich als unwichtig erachte bleiben gerne liegen. Entweder sofort oder nie, ist oft der Fall.(ADHS Typisch)
Daher meine Frage, würdet Ihr bei einem sonst gutem Betriebsklima Euch öffnen und den Kollegen sagen was los ist oder nicht ?
lenilein
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Re: Mit Kollegen offen über ADHS Problematik sprechen

Beitrag von lenilein » 17. Juni 2016 11:29

Ich würde es nicht tun.

Ich denke das würden der Situation nur sehr bedingt helfen.

Und ich persönlich bin ein viel zu großer Angsthase und befürchte immer negative Reaktionen. Damit könnte ich nicht wirklich umgehen.
Falschparker
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Re: Mit Kollegen offen über ADHS Problematik sprechen

Beitrag von Falschparker » 17. Juni 2016 12:08

Nein, besser nicht.

Lieber umschreiben, d. h. sagen dass das Aufschieben und Vergessen Schwächen von dir sind und nicht böse gemeint.
Jekaterina
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Re: Mit Kollegen offen über ADHS Problematik sprechen

Beitrag von Jekaterina » 17. Juni 2016 12:19

Auch wenn ich es einmal gezwungenermaßen tun musste und zum Glück (!) bisher keine negativen Reaktionen darauf folgten, würde ich davon abraten. Denn die Folgen für dich sind nicht absehbar. Auch ein "gutes Betriebsklima" bedeutet nicht unbedingt Vertrauenswürdigkeit oder Verständnis für bestimmte Erkrankungen.
archi
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Re: Mit Kollegen offen über ADHS Problematik sprechen

Beitrag von archi » 17. Juni 2016 16:45

Sehe ich auch so. Einmal wird es von vielen als Mode-"Krankheit" angesehen, die nehmen das Thema nicht ernst.

Und dann wird man Deine Probleme ab dem Tage immer schön mit den bekannten Symptomen abgleichen. Deine Kollegen werden in jedem Fall mehr ADS-Defizite sehen, wie früher. Und auch, wenn es nicht fair ist, sieht man dann in Dir schnell einen Minderleister und nicht dein Potential.

Lg, Archi
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Alina Licht
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Re: Mit Kollegen offen über ADHS Problematik sprechen

Beitrag von Alina Licht » 17. Juni 2016 18:50

Nun ja, das kommt immer auf deine Kollegen an und das kann man vorher nun mal kaum wissen, besonders, da wir deine Kollegen ja auch nicht kennen.
Umschreiben könntest du es natürlich, z.B. als "Stoffwechselstörung im Gehirn, welche sich negativ auf deine Konzentrationsfähigkeit auswirkt" oder so etwas. Da werden die meisten wahrscheinlich nicht direkt an ADHS denken und dann könnten diese Vorurteile ausbleiben.
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Re: Mit Kollegen offen über ADHS Problematik sprechen

Beitrag von Eule » 17. Juni 2016 19:43

das jeweilige ADHS-Problem als Schwäche bezeichnen und lieber nicht mit irgendeiner Art von erkrankung oder Störung um die Ecke kommen dürfte sinnvoller sein.

Ich denke man darf durchaus zugeben dass man etwas bestimmtes nicht gut kann, und im Zweifelsfall auch sagen "Leute, ich weiß das ist ein Schwachpunkt von mir, und ich will da auch dran arbeiten - aber ich habe bisher nix gefunden was ich tun kann um das in den Griff zu kriegen. Habt ihr einen Tipp, kann mir jemand dabei helfen, ein funktionierendes System aufzubauen um diese Sachen nicht aus dem Auge zu verlieren?"
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Alina Licht
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Re: Mit Kollegen offen über ADHS Problematik sprechen

Beitrag von Alina Licht » 17. Juni 2016 20:21

Das wäre die andere Möglichkeit.
Allerdings habe ich persönlich da die Erfahrung gemacht, dass dann Kommentare kommen wie "Stell dich nicht so an./Lass die dummen Ausreden./Du bist einfach zu faul/unzuverlässig./Jaja, du versuchst es?! Davon seh ich nix./..." Aber das kann bei anderen natürlich anders sein...
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Re: Mit Kollegen offen über ADHS Problematik sprechen

Beitrag von Eule » 17. Juni 2016 20:40

Wichtigster Tipp dabei: einen Kollegen fragen der ähnlich "tickt" wie man selber und den man sympathisch findet. Auch wenn der in einer anderen Abteilung arbeitet und vielleicht mit anderen Themen zu tun hat. Eigentlich gibts in jedem Job diese "das schieben wir jetzt mal auf, und machen es später weil grad fett Arbeit da ist" - Sachen die dann aus den Augen verloren werden. Also hat irgendwie jeder das Problem dass er dafür eine Strategie finden muss.

Dass die Strategien für "Normalos" die gar nicht kapieren wo das Problem ist nicht wirklich hilfreich sein werden ist zu erwarten. Aber gerade wenn ein ADHSler sagt er findet das Betriebsklima gut, ist es sehr wahrscheinlich dass da noch mehr ADHSler (diagnostiziert, undiagnostiziert, mehr oder weniger gut kompensiert) unterwegs sind, und dass vielleicht einer davon eine Lösung für das Problem gefunden hat, die auch für den Threadstarter mit kleinen Anpassungen anwendbar ist. Oder dass er so jemanden findet der das gleiche Problem hat, und die beiden sich gegenseitig erinnern in halbwegs sinnvollen Abständen die Ablagekörbe in denen diese Aufgaben landen durchzusehen und in Leerlaufphasen etwas davon aufzuarbeiten.
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Alina Licht
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Re: Mit Kollegen offen über ADHS Problematik sprechen

Beitrag von Alina Licht » 17. Juni 2016 21:02

Ja, stimmt, da hast du wahrscheinlich Recht. :)
(Ich kenne so etwas aus meinem Sportverein: Wir verstehen uns alle ziemlich gut und siehe da, drei diagnostizierte ADHSler und bei mindestens zwei anderen könnten wir darauf wetten, dass die auch was abbekommen haben. Wer weiß, vllt hat der eine sogar ne Diagnose, wir haben noch nie nachgefragt. :lol: )
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Re: Mit Kollegen offen über ADHS Problematik sprechen

Beitrag von Jekaterina » 18. Juni 2016 15:19

Allerdings habe ich persönlich da die Erfahrung gemacht, dass dann Kommentare kommen wie "Stell dich nicht so an./Lass die dummen Ausreden./Du bist einfach zu faul/unzuverlässig./Jaja, du versuchst es?! Davon seh ich nix./..."
Diese Erfahrungen habe ich auch schon gemacht, nämlich in der 1. Ausbildung und dann auch privat. Und ich habe ADHS damals noch gar nicht erwähnt, weil ich ja die Diagnose auch noch nicht hatte.
Und privat hörte ich, dass "heutzutage immer viel zu schnell ADHS diagnostiziert wird" (meine Mutter), dass "sie nicht glaubt, dass ich ADHS habe" (meine Hausärztin, sie glaubte eher an Depressionen und Ängste, womit sie ja auch nicht Unrecht hatte).

Gerade im Arbeitsleben, wo man in der Regel 5 Tage pro Woche jeweils 8 Stunden mit den Kollegen und dem Chef auskommen MUSS, kann jemandem aus einer Erkrankung, Schwäche, etc. ein Strick gedreht werden. In der 1. Ausbildung wurde u.a. meine schlechte Konzentration und mein unüberlegtes Verhalten kritisiert. Immer wieder. Das setzte sich danach in verschiedenen Jobs auch so fort. Und ich konnte es nie abstellen. Wäre ich aber mit "ADHS" gekommen hätten viele Arbeitgeber das sicher auch als "Ausrede" empfunden. Die Entlassung bekam ich oft sowieso.
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Psychotic_Black_Rabbit
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Re: Mit Kollegen offen über ADHS Problematik sprechen

Beitrag von Psychotic_Black_Rabbit » 20. Juni 2016 06:37

Wow ich bin total beeindruckt von den bisherigen Antworten und schließe mich den bisherigen Aussagen ausnahmslos an.
Die bessere Alternative ist eindeutig die Problematiken durch die Blume zu verschlüsseln ohne direkt auf das AD(H)S hin zu weisen
und um Verständnis zu bitten sowie darum zu bitten dich freundlich darauf aufmerksam machen wenn dir da etwas entgleitet.

Die Sache ist einfach dass für unbetroffene AD(H)S ein total schwammiger und interpretationsfreudiger Begriff sein wird.
Wenn du die Problem Bereiche einfach spezifisch adressierst werden Normalos viel ehr etwas damit anfangen können und auch wahrscheinlicher bereit sein Verständnis zu zeigen.

Ich kann mir vorstellen dass du total gern deine Defizite entschuldigen möchtest weil sie mit einer Kondition zusammenhängen für die du einfach nichts kannst.
Aber bedenke dass du mit diesem "outing" nicht nur all deinen Kollegen sondern auch dir selbst eine "AD(H)S Filterbrille" aufsetzt.
Das würde wie schon erwähnt mit großer Wahrscheinlichkeit damit enden, dass man deine Schwächen viel stärker wahrnimmt weil man bei dir verstärkt auf die Symptome achteten wird und dadurch schwächen überinterpretiert und deine Stärken weniger wahrnimmt.

Und wie gesagt funktioniert diese Filterbrille dann beidseitig, also auch auf deiner Seite, wodurch du selbst mit hoher Wahrscheinlichkeit verstärkt darauf achten wirst in wie fern du bezüglich des AD(H)S anders behandelt wirst.
Eule
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Re: Mit Kollegen offen über ADHS Problematik sprechen

Beitrag von Eule » 20. Juni 2016 08:15

Je nachdem wie sehr man mit einem Problem schon "angeeckt" ist kann es eine Idee sein einen ausgewählten Kollegen (wie auswählen: siehe oben) von dem man den Eindruck hat dass er das gut drauf hat auch fragen, ob er bereit ist seinen "Trick" zu verraten.

Solange es noch möglich ist eine witzige aber gerade noch gut gegangene Anekdote zu etwas "übersehenem" zu schildern und zu sagen "Das kann auch in die Hose gehen, ich glaube es wäre hilfreich wenn ich da eine bessere Taktik habe - verrätst du mir bitte wie du solche Dinge handhabst?" oder "Ich hab das soundso gemacht, hast du eine Idee welchen Veränderung des Ablaufs helfen könnte es besser zu machen?", klingt das ganze nach "ich will lernen / mich verbessern" und "ich bin fähig meine Schwierigkeiten konkret zu benennen" - was natürlich erst mal sehr viel besser aussieht als Klappe halten bis es irgendwo "knallt". Kommt vor allem in der Einarbeitungszeit meistens noch positiv an, je nach genauem "Problem" kann man da evtl auch noch sagen man hat es übersehen weil es im bisherigen Job nicht oder weniger zu den eigenen Aufgaben gehörte, vielleicht auch eine gute IT-Lösung für das Problem im alten Betrieb vorhanden war, die es im neuen nicht gibt oder es hier nun eine wichtige Aufgabe gibt die man bisher kaum hatte so dass man sich so auf dieses neue Ding konzentriert hat um das gut zu machen dass das andere hinten runter gefallen ist.

Schafft man es das ganze zu einem frühen Zeitpunkt zu erwischen, und es als "ich will meine Fähigkeiten verbessern/was dazulernen" zu verkaufen, wird meist recht positiv darauf reagiert. Allerdings bedeutet das auch dass bei ausbleiben des "Lernerfolgs" evtl doch noch das altbekannte "du willst ja nicht wirklich" oder die Aussage "du beherzigst meine Tipps ja gar nicht, willst du mich veralbern?" nachfolgen. Daher sollte man gut überlegen wegen was man nachfragt etc.

Auch schauen was man aus Sicht der Kollegen besonders gut kann und ggf dabei anderen Hilfe anbieten - je nachdem wieviel Gestaltungsspielraum man hat sind Tauschgeschäfte der Sorte "Ich helfe dir bei jener Sache, und hätte selber gern Hilfe bei dieser" eine gute Idee.
Tila
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Re: Mit Kollegen offen über ADHS Problematik sprechen

Beitrag von Tila » 16. Juli 2016 21:46

Hallo an alle!
Ich denke, dass alles hängt von dem Kollektiv. Aber ich würde nicht auf ein gemeinsames Verständnis rechnen. Negative Beziehung können nicht sogleich, und später zeigen sich. Das ist ein ernstes Risiko.
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Re: Mit Kollegen offen über ADHS Problematik sprechen

Beitrag von Troglodyt87 » 27. März 2018 11:31

Entschuldigt bitte, dass ich einen fast 2 Jahre alten Thread ausgrabe, aber das Thema beschäftigt mich grade auch sehr.
Ich hatte jüngst meinen Termin beim Neurologen, der hat mir auch deutliche Defizite in der Konzentrationsfähigkeit bescheinigt (besonders was die Ausdauer angeht) und mich letztendlich zur finalen Diagnose an einen Psychologen überwiesen. Da der "Tag X" jetzt immer näher rückt stelle ich mir oft die Frage, wie ich ihm Beruf damit umgehen soll.

Die Dinge die oben beschrieben wurden kenne ich nur zu gut. Sätze wie "Du bist ganz schön verplant/schussellig", "Du vergisst zu viel" oder "Du denkst da viel zu kompliziert" höre ich öfter. Natürlich gelobe ich immer Besserung und natürlich kriege ich es trotzdem nicht in den Griff :roll:

Nun bin ich mir total unsicher darüber, was nun das Beste für mich wäre. Bis jetzt habe ich noch nichts gesagt und möchte erstmal abwarten, bis ich den Befund schwarz auf weiß habe und mir 100% sicher sein kann. Einerseits denke ich, dass es zeigen würde, dass ich meine Probleme erkannt habe und wirklich ernsthaft und aktiv versuche, diese in den Griff zu bekommen. Andererseits weiß ich auch, dass viele Menschen doch eine ziemlich skeptische bzw. voreingenommene Einstellung gegenüber psychischen Erkrankungen und Erkrankten haben.

Was mich in dem Zusammenhang noch interessiert: Wie sieht es bei euch in Sachen Jobwechsel aus? Besonders viele spät diagnostizierte ADHler haben doch bestimmt auch eher unübliche Lebensläufe (zumindest ist das bei mir der Fall). Da wird in Vorstellungsgesprächen ja gerne mal nachgehakt. Spielt ihr da von Anfang an mit offenen Karten bzw. wissen eure vorgesetzten bescheid?
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Re: Mit Kollegen offen über ADHS Problematik sprechen

Beitrag von Daydreamer » 27. März 2018 16:21

Troglodyt87 hat geschrieben: Nun bin ich mir total unsicher darüber, was nun das Beste für mich wäre. Bis jetzt habe ich noch nichts gesagt und möchte erstmal abwarten, bis ich den Befund schwarz auf weiß habe und mir 100% sicher sein kann. Einerseits denke ich, dass es zeigen würde, dass ich meine Probleme erkannt habe und wirklich ernsthaft und aktiv versuche, diese in den Griff zu bekommen. Andererseits weiß ich auch, dass viele Menschen doch eine ziemlich skeptische bzw. voreingenommene Einstellung gegenüber psychischen Erkrankungen und Erkrankten haben.

Was mich in dem Zusammenhang noch interessiert: Wie sieht es bei euch in Sachen Jobwechsel aus? Besonders viele spät diagnostizierte ADHler haben doch bestimmt auch eher unübliche Lebensläufe (zumindest ist das bei mir der Fall). Da wird in Vorstellungsgesprächen ja gerne mal nachgehakt. Spielt ihr da von Anfang an mit offenen Karten bzw. wissen eure vorgesetzten bescheid?
Da kann ich dir gern was zu sagen. Ich habe morgen meinen letzten Arbeitstag bei der nunmehr 9. Stelle seit 2008. Diagnostiziert bin ich seit 2017. Bei mir hat es sich so ergeben, dass ich das auf Arbeit erzählt habe. Ich dachte - naja - ist ja ne Arztpraxis, die Ärzte und MFA werden das schon verstehen. Die werden begreifen, dass meine Probleme daher kommen. Tja, falsch gedacht :evil:
Ab sofort war das alles immer nur eine Ausrede. Weil ich "wollte ja garnicht besser werden". :arrow: mittlerweile habe ich gekündigt. Weil ich es nicht mehr ertragen habe. Ich wurde nur noch auf die Dinge reduziert, die ich nicht "können wollte" und man hat nie gesehen, dass es für mich deutlich mehr Konzentration erfordert als für andere, mehrere Dinge gleichzeitig zu machen. Und dass nach 6-7h meine Konzentration einfach nicht mehr vorhanden ist und ich eine Pause brauche (die es aber nicht gab, auch nicht bei 10h Diensten) wollte keiner hören. Genauso haben die nie akzeptiert, dass ich Struktur brauche. Dass es mir nicht reicht, maximal 24h vorher zu wissen, wann ich mit der Arbeit beginne....

Aber das ist wohl nur ein Extrembeispiel. Was ich damit sagen will: du solltest wirklich sehr genau wissen/einschätzen können, wie deine Kollegen sowas aufnehmen. Ob es vorteilhaft für dich wird oder nicht, das kann dir wohl keiner sagen.
Bekommst du denn Medikamente wegen dem AD(H)S? Dann würde ich auf jeden Fall erst mal abwarten. Ich meine, vielleicht wird es ja so auch besser.. dann musst du garnichts sagen.

Bei meiner neuen Stelle habe ich nichts gesagt. Die ganzen Stellenwechsel waren vor meiner Diagnose - auch wenn das AD(H)S garantiert einen großen Anteil daran hatte. Ich hab das anders erklären können.
Aber bei Vorstellungsgesprächen würde ich sowas auf keinen Fall sagen. Also ich persönlich. Die Gefahr, dass das dann zu einer negativen Entscheidung führt, wäre mir persönlich zu groß.
Das Leben ist ein Spiel. Wir spielen es nur mit höherer Schwierigkeitsstufe ;)
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Re: Mit Kollegen offen über ADHS Problematik sprechen

Beitrag von Troglodyt87 » 28. März 2018 11:53

Moin Daydreamer,

erstmal danke für deine Antwort.

Zu deinem Beispiel: Das ist schon echt hart. Ich habe zum Glück sehr geregelte Arbeitszeiten und weiß auch fast immer, was wann fertig zu sein hat. Was mich ein wenig stutzig macht ist, dass du meintest, dass du öfter mal längere Schichten ohne Pausen durcharbeiten musstest. Gewisse Pausenzeiten sind doch gesetzlich vorgeschrieben. Wenn dein alter AG bei deiner Arbeitszeiterfassung dann trotzdem pauschal Pausenzeiten abgezogen hat, dann würde ich damit mal von einem Fachanwalt für Arbeitsrecht beraten lassen. Du arbeitest aber im pflegerischen Bereich, oder? Kann sein, dass es da noch irgendwelche Sonderregelungen gibt, von denen ich nichts weiß. Eine Sauerei ist es aber trotzdem.

Zum nächsten Punkt: Medikamente nehme ich (noch) nicht, die Diagnose läuft noch. Ich würde es aber auf jeden Fall gerne mit Medis probieren und gucken, ob es was bringt. Ich komme mit den meisten Kollegen eigentlich ganz gut zurecht, ich kann aber trotzdem ganz schwer einschätzen, wie die dann letztendlich reagieren. Von einer weiß ich zumindest, dass sie indirekt betroffen ist (Kind hat ADHS). Genau vor den Reaktionen, die du erfahren hast habe ich auch Angst: Dass es nur als billige Ausrede für alles wahrgenommen wird. Allerdings habe ich oft immer ein sehr schlechtes Gefühl dabei, anderen etwas zu verheimlichen bzw. etwas vorlügen zu müssen. Da kriege ich leicht Angstzustände bis hin zu Panikattacken. Einfach weil ich Angst habe, dass es trotzdem irgendwie rauskommt, dann stehe ich auch da wie ein Idiot. Das ist dann ein wenig wie die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Bei Vorstellungsgesprächen habe ich bis jetzt aber auch noch nichts gesagt, einfach nur aus dem Grund, dass ich damals noch nicht einmal daran gedacht habe, dass ich ADHS haben könnte. Meinem jetzigen AG bezüglich meines Lebenslaufes erzählt habe weiß ich gar nicht mehr. Vielleicht bringe ich das in Zukunft mal bei einer Stelle zur Sprache, die für mich eh nur zweite oder dritte Wahl wäre und gucke, wie die reagieren :mrgreen: .
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Re: Mit Kollegen offen über ADHS Problematik sprechen

Beitrag von Daydreamer » 28. März 2018 15:16

Hallo Troglodyt87,
Troglodyt87 hat geschrieben:Was mich ein wenig stutzig macht ist, dass du meintest, dass du öfter mal längere Schichten ohne Pausen durcharbeiten musstest. Gewisse Pausenzeiten sind doch gesetzlich vorgeschrieben. Wenn dein alter AG bei deiner Arbeitszeiterfassung dann trotzdem pauschal Pausenzeiten abgezogen hat, dann würde ich damit mal von einem Fachanwalt für Arbeitsrecht beraten lassen. Du arbeitest aber im pflegerischen Bereich, oder? Kann sein, dass es da noch irgendwelche Sonderregelungen gibt, von denen ich nichts weiß. Eine Sauerei ist es aber trotzdem.
Ähm, ja klar. Gewisse Pausenzeiten sind gesetzlich vorgeschrieben, da hast du Recht. Nur leider interessiert das diesen Chef nicht. Meinen alten Arbeitgeber (sirry das musste ich nochmal betonen, bin gerade von meinem letzten Arbeitstag zurückgekommen^^
Da hast dann schon mal von 6 Uhr bis 18 Uhr gearbeitet. Ohne Pause versteht sich. Zwar wurde da keine Pause abgezogen, dennoch ist es nicht erlaubt. Aber es "ging ja nicht anders". Natürlich durften wir was essen zwischendurch - wenn Zeit war..... aber das ist ja nicht Thema hier. Genug OT :D
Troglodyt87 hat geschrieben:Allerdings habe ich oft immer ein sehr schlechtes Gefühl dabei, anderen etwas zu verheimlichen bzw. etwas vorlügen zu müssen. Da kriege ich leicht Angstzustände bis hin zu Panikattacken. Einfach weil ich Angst habe, dass es trotzdem irgendwie rauskommt, dann stehe ich auch da wie ein Idiot. Das ist dann ein wenig wie die Wahl zwischen Pest und Cholera.
Und wie wäre es dann, wenn du was sagst wie "ich bin nicht multitaskingfähig und mir fällt es schwer mich auf nur eine Sache zu konzentrieren, deshalb brauche ich...."
Ich hab schon von einigen gehört, die damit ganz gut zurecht kamen. Vielleicht kann man sowas ja mal ausprobieren? Ohne das AD(H)S erwähnen zu müssen?
Das Leben ist ein Spiel. Wir spielen es nur mit höherer Schwierigkeitsstufe ;)
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Hanghuhn
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Re: Mit Kollegen offen über ADHS Problematik sprechen

Beitrag von Hanghuhn » 8. April 2018 13:33

Daydreamer hat geschrieben:... Aber das ist wohl nur ein Extrembeispiel...
Nein, das ist es nicht. Es ist vielleicht nicht bei allen Arbeitnehmern üblich, dass man in Extremfällen 10h am Stück arbeiten muss, aber es ist auch keine große Ausnahme.Wenn etwas fertig werden muss, auf das andere dringend warten, ist die Erwartungshaltung aller anderen einfach so, dass Du selbst erst gar nicht auf die Idee kommst, jetzt erst mal gemütlich oder auch im Galopp in die Kantine zu gehen oder zu rennen.

Schlimm ist, dass AD(H)S gerade in solchen Situationen so richtig zu Buche schlägt. Aber es ist ein Trugschluss, das mit der Diagnose AD(H)S entschuldigen zu können. Dann bist du eben nicht geeignet für einen solchen Job. Basta!

Du kannst Dich mit Müdigkeit (schlecht geschlafen), häusliche Situation (Kind macht Probleme in der Schule [ist aber gefährlich, weil andere Kinder u. U. keine Probleme machen - du bist als Mutter immer Schuld], besser langer Elternabend), Magengrummeln (etwas Schlechtes gegessen, Magen- und Darmgrippe, keine chronische Darmerkrankung) herausreden, aber auf gar keinen Fall mit AD(H)S.

Du kannst bei dem einen oder anderen Kollegen auf Verständnis hoffen, aber auch dieser eine oder andere Kollege wird alles, was du im Job zu erledigen hast, mit Argusaugen beobachten und jeden noch so kleinen Fehler durch die AD(H)S-Brille betrachten. Tu dir das nicht an! Andere Kollegen mit weniger Verständnis werden dir sowieso nichts nachsehen, ob du nun eine Erklärung für Deine Probleme hast oder nicht.
Daydreamer hat geschrieben:
Troglodyt87 hat geschrieben:
Allerdings habe ich oft immer ein sehr schlechtes Gefühl dabei, anderen etwas zu verheimlichen bzw. etwas vorlügen zu müssen. Da kriege ich leicht Angstzustände bis hin zu Panikattacken. Einfach weil ich Angst habe, dass es trotzdem irgendwie rauskommt, dann stehe ich auch da wie ein Idiot. Das ist dann ein wenig wie die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Und wie wäre es dann, wenn du was sagst wie "ich bin nicht multitaskingfähig und mir fällt es schwer mich auf nur eine Sache zu konzentrieren, deshalb brauche ich...."
Ich hab schon von einigen gehört, die damit ganz gut zurecht kamen. Vielleicht kann man sowas ja mal ausprobieren? Ohne das AD(H)S erwähnen zu müssen?
.
Ob die Sache mit der Nicht-Multitasking-Fähigkeit gut ankommt, weiß ich nicht. Kann aber ganz gut sein.

ICh will noch einmal auf das von Troglodyt87 Geschriebene eingehen: Wer kann sich eigentlich ein schlechtes Gewissen leisten? Du stehst unter Beschuss, weil manche Dinge im Job nicht so hinhauen. Deine Kreativität und Leistungsbereitschaft gehen dabei vollkommen unter. Du wirst immer nur auf deine Fehler reduziert.

Und du hast ein schlechtes Gewissen, weil du nicht noch mehr Angriffsfläche liefern willst? Für die meisten Kollegen bietest du Angriffsfläche, nichts anderes. Wach auf!

Ich stolpere nahezu tagtäglich über vertuschte Fehler anderer. In den allermeisten Fällen wissen sie, dass sie Fehler gemacht haben, hoffen aber darauf, dass ihre Fehler (zumindest solange sie die aktuelle Tätigkeit ausüben, später kräht sowieso kein Hahn mehr danach) nicht bemerkt werden. Wenn aber etwas seit zwei Jahren läuft, und sich noch nie jemand gewundert hat, dass seit zwei Jahren ab und zu etwas fehlt, kann es sogar sein, dass ich, weil ich den Fehler ausgebaut habe, dafür verantwortlich gemacht werde, dass Zeit für etwas "verplempert" wurde, was seit zwei Jahren niemand moniert hat. Das Doofe daran ist, dass ich den Fehler "geerbt" habe. Falls der Fehler in Zukunft doch bemerkt wird, wird er mir angelastet.

Nach meiner Erfahrung werden viel mehr Fehler gemacht als aufgedeckt werden, sprich andere Leute sind besser im Vertuschen von Fehlern als z. B. ich oder vielleicht auch du. Da in den allermeisten Fällen niemand mit Absicht Fehler macht, muss man ebenfalls lernen, selbst gemachte (kleinere) Fehler zu vertuschen. Natürliich muss man für schwerwiegende Fehler auch geradestehen. Das fällt einem aber auch leichter, wenn man nicht für jeden kleinen Fehler belangt wird.

Ich möchte nochmal auf da eingehen, was vor fast zwei Jahren geschrieben wurde:
teddy1213 hat geschrieben: ... Sie gab mir Recht beschwerte sich aber darüber, dass ich oft "aufgeschobene" Aufgaben vergesse. Auch kam die Aufforderung ich solle doch mehr Struktur entwickeln und Prioritäten setzen.
Dies ist alles richtig und meistens schaffe ich das ja, nur eben Sachen die ich als unwichtig erachte bleiben gerne liegen. Entweder sofort oder nie, ist oft der Fall.(ADHS Typisch)
Daher meine Frage, würdet Ihr bei einem sonst gutem Betriebsklima Euch öffnen und den Kollegen sagen was los ist oder nicht ?
Bei Ablagesystemen gibt es drei Stapel:
  • was wichtig ist und sofort erledigt werden muss
  • was wichtig ist, aber später erledigt werden kann
  • was nicht so wichtig ist
Wenn die Arbeitsbelastung zu groß ist, passiert es AD(H)lern wie auch Normalos, dass die dritte Ablage nicht erledigt werden kann. Es ist keine Zeit dafür da. Manchmal bleibt aber auch etwas von der zweiten Ablage liegen.

Würdet ihr der Kollegin, die zwar Recht gab, aber sich beschwerte, dass "aufgeschobene" Aufgaben vergessen wurden, anvertrauen, dass ihr AD(H)S habt? Ich nicht!

Es fällt mir einfach kein Umstand/ keine Situation ein, in der ich einem noch so vertrauten Kollegen von AD(H)S erzählen würde.

Doch: Einer Kollegin habe ich davon erzählt. Wir waren sehr eng befreundet. Ich habe in ihr gesehen, dass sie von ADHS betroffen ist. Mit ihr habe ich mich ausgetauscht. Es war aber immer klar, dass wir nur untereineinander darüber reden werden. Ich konnte ihr vertrauen, dass ich wusste, dass sie sich an diese Abmachung hält - hat sie auch.
LG Hanghuhn
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Live
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Re: Mit Kollegen offen über ADHS Problematik sprechen

Beitrag von Live » 17. April 2018 22:48

Moin,

ich kenne das Problem auch mit dem Beruf und der ADHS-Erkrankung.

Seit Mitte Januar diesen Jahres bin ich in einer beruflichen Reha.
Dort habe ich mir einen Plan erarbeitet.

Damit ich nicht so viel vergesse, habe ich mir einen Block genommen und habe meine Aufgaben aufgeschrieben.
Die habe ich dann mit einem roten Punkt (Sehr dringend), einem blauen Punkt (dringend) und einem grünen Punkt (nicht so dringend) versehen.

Angefangen habe ich mit einer leichten Aufgabe am Morgen.
Danach gab es 1-2 sehr dringende Aufgaben und danach wieder eine dringende Aufgabe.
Im Anschluss habe ich geschaut was noch sehr dringend ist und habe meistens eine Aufgabe erledigt.
Wenn dann noch Zeit war und habe ich noch 1-3 nicht so dringende Aufgaben erledigt.

Ich schaue jetzt welcher Beruf oder welche Aufgabe für mich in Frage komme.
Der Beruf und die Aufgabe soll einen Arbeitsumfang haben, der mich zum Feierabend nicht frustriert zurücklässt (z.B. mit Aktenberge).
Toll wäre es, wenn ich meine Arbeitsaufgabe abschließen kann (wie z.B. in der Telefonzentrale).
Ein kleines Büro wäre toll. Ein Großraumbüro ist Gift für mich.

Wichtig sind Pausen und auch das "Neinsagen" trainiere ich gerade.

Nächste Woche kann ich euch mal eine Aufgabe über Arbeitsorganisation kopieren und in einem extra Thread einstellen.

Meinem Arbeitgeber und auch den Kolleginnen/Kollegen werde ich nicht sagen, dass ich eine ADHS-Erkrankung habe.
Da suche auch gerade nach einer Umschreibung (z.B. Wenn es so laut ist und ich öfters gestört werde, habe ich Konzentrationsschwächen).

Ich hoffe, ich konnte dir helfen.

Viele Grüße
Live
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