Langzeit-Motivation und Lebensplanung

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Polished_Steel
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Langzeit-Motivation und Lebensplanung

Beitragvon Polished_Steel » 6. Oktober 2015 17:49

Hi, hab grade in den letzten Tagen mal wieder nen Geistesblitz gehabt, der vor allem auf ein längeres Gespräch mit ner alten Bekannten zurückgeht: Sie ist nämlich der Urtypus des rationalen, zielorientierten Menschen, nimmt sich ganz konkrete Dinge vor wie "dieser Arbeitsschritt wird bis zum x.y. fertiggestellt" und macht das dann auch, Scheuklappen auf und durch, wer oder was dabei stört wird erstmal ruhiggestellt. Ich denke, nicht nur ich beneide sie darum, das so zu können. Trotzdem, oder meiner Meinung nach, genau deswegen, hängt sie momentan mit ihrer Doktorarbeit schwer in der Krise. Insgesamt hat sie laut eigener Aussage das Gefühl, sie arbeitet eine riesige Liste von Schritten ab, macht so gesehen auch "alles richtig", aber kann keine Befriedigung aus Erfolgen ziehen, sie dreht sozusagen ständig im Hamsterrad ihre Kreise ohne zu wissen wozu das gut sein soll, und die eigene These nimmt noch keine Gestalt an. Man muss dazusagen, sie hatte sich auch von Anfang an bewusst für einen Promotionsplatz beworben, obwohl sie an dem Thema und der Forschungsrichtung dort am Lehrstuhl eigentlich kein Interesse hatte, einfach aufgrund des guten Rufes der Uni und des Professors. Da ihr von eben diesem Doktorvater aber nun auch keine klaren Vorgaben gesetzt wurden, in welche Richtung innerhalb des für sie eher uninteressanten Themas sie vorgehen sollte (wohl auch weil sie mit sehr guten Noten und Vorschusslorbeeren dort ankam - da braucht man ja nun normalerweise nicht mikro-managen), hat sie inzwischen das Gefühl, überhaupt nicht voran zu kommen. Auch objektiv gesehen hat sie innerhalb ihrer Promotionszeit von inzwischen drei Jahren noch nicht viele Ergebnisse geliefert, etwa noch kein einziges Paper veröffentlicht - und das trotz sehr gutem Master, großem persönlichem Einsatz (bis hin zum Beenden einer langjährigen Beziehung, weil die ihrer Karriere scheinbar im Weg stand), extrem zielfixierter Arbeitshaltung  und ganz offensichtlich vorhandener wissenschaftlicher Eignung.
Soviel vielleicht auch mal als Gegenbeispiel zu "wenn ich doch auch so ein zielstrebiger Mensch wäre, der nicht links und nicht rechts gucken würde". Mir fällt wirklich im Moment keine Person ein, die den Typus "vom Kopf her alles richtig gemacht, aber trotzdem dumm gelaufen" deutlicher verkörpern würde. Dabei würde ich sie übrigens durchaus etwas ins ADS-Spektrum stecken, ich glaub man wundert sich sonst auch, warum ich mit so einem scheinbar Roboter-Menschen so intensiv über tiefere Lebensprobleme reden kann - sie kompensiert meiner Meinung nach alle möglichen früheren Misserfolge und Verletzungen dadurch, sich rein der in der Schule und Grundstudium angeeigneten Erfolgsstrategie "nur nach dem Verstand vorgehen" zu widmen. Nur leider bleibt ab einer gewissen Ebene damit die Motivation aus -  wenn es um kreative, eigenverantwortliche Arbeit geht, oder etwa auch darum, Leute in einem Team zu motivieren, dann kommt man damit halt nicht weit.

Zufällig hatte ich gerade davor den quasi-biographischen Film "Wolf of Wall Street" gesehen, und später noch interessehalber ein paar Interviews mit der realen Person Jordan Belfort auf Youtube angeschaut, der nach dem Aufbau seiner damaligen windigen Finanzfirma, extremen Eskapaden als Multimillionär und der darauffolgenden Haftstrafe inzwischen als Motivationstrainer sein Geld verdient. Nicht unbedingt der sympathischste Mensch, aber er vertritt sehr lauthals quasi den absoluten Gegenpol (und in seinem Bereich auch durchaus nachweislich mit großem Erfolg): Nicht das Festhalten an Zielen, von konkreten Aufgaben etc. sind für den Erfolg entscheidend, sondern entscheidend ist, eine Art Gesamtvision zu haben, wie die Dinge zu sein haben und wie man sich selbst in der Welt positionieren möchte.

Ich denke mir ging es wie vielen von euch auch, da reagiert man mit müdem Lächeln drauf - "schöne Visionen hab ich zuhauf, nur bleib ich immer irgendwo in der konkreten Umsetzung stecken". Das kann also auch nicht so entscheidend sein dafür, dass man langfristig an einer Sache dranbleibt, oder?

Insgesamt denke ich, die Kunst besteht einfach darin, das Beste aus beiden Denkweisen zu nutzen, also zu den eigenen Visionen passende Ziele aufzustellen - und ich glaube da steht man sich gerade mit langjährig unbehandelter AD(H)S gerne etwas im Weg. Man misstraut ja den eigenen unausgegorenen Einfällen und schönen Gedankenspielen fast automatisch, wenn man nur oft genug damit gescheitert oder bei anderen Leuten angeeckt ist. Trotzdem führt es eben auch nicht sehr weit, wie meine Bekannte daraus zu folgern, den ganzen Kram einfach abzulegen, und sein Leben und seine Karriere völlig rational durchplanen zu wollen. Warum Leute wie Jordan Belfort (oder auch diese ganzen anderen Motivationssysteme wie "The Secret" - kurz reingelesen nach Empfehlung eines Bekannten, noch müderes Lächeln aufgekommen, bald nur noch kritisierend weiterlesen können und weggelegt) damit bei der Mehrheit der Leute so gut ankommen, ist einfach die Frage nach dem Ausgangszustand - den meisten Leuten tut es gut, auch mal ihre Intuition und die bildliche Denkebene wahrzunehmen und auszuleben; AD(H)Slern hingegen tut es unter Umständen besser, genau diese Dauerschleife auch mal ignorieren zu können. Aber am wichtigsten ist zunächst mal, zu ner vernünftigen Einschätzung davon zu gelangen, was das für einen leisten kann und was nicht. Dafür gibt es je nach Lebenssituation und eigenem Verstand sicher keine Patentlösung, sondern es bleibt nur eins:

1. Unvoreingenommene Wahrnehmung der eigenen Bewusstseinsebenen - was sagt mein Bauchgefühl über so ähnliche Situationen; was erscheint mir logisch; wenn es einfach nur nach meinem inneren Kind ginge, was würde ich gerade tun wollen?

Sobald man diese Einschätzung mal ne Zeitlang laufen gelassen und nen Eindruck gewonnen hat, kann man übergehen zu:
2. Beurteilung (und Erkennen von grundsätzlichen Mustern), in welchen Situationen und Bereichen welche Ebene für gewöhnlich mit ihren Eingaben richtig liegt, und in welchen Bereichen man ihnen jeweils am ehesten nachgehen kann.

Dem Punkt liegt die Idee zugrunde, dass jede der Bewusstseinsebenen prinzipiell das Recht hat, auch ernstgenommen zu werden, da sich sonst eben solche Schieflagen wie bei meiner Bekannten ausbilden. Bisschen wie in ner Gruppe - muss ja nicht heißen, dass jeder die Leitung übernimmt, aber zumindest zu Wort kommen und gefragt werden wollen ja irgendwie doch alle.
Sobald man da hinreichend das Gefühl hat, einen Überblick zu haben was eigentlich in einem vorgeht und gute Wege gefunden hat, dem nachzukommen, kann man übergehen zu ner umfassenden Neuaufstellung der größeren Lebenssituation wie folgt:


3. Aufstellen einer grundlegenden Vision, wie man sich ein erfüllendes Leben vorstellen kann. Bildlich-träumerisch, mit konkreter Vorstellung von Situationen und Konzepten (etwa dem Umfeld von Familie/Freunden oder wie man sich seine Arbeitsumgebung vorstellt), aber doch abstrakt genug gehalten um auf mögliche Änderungen zu reagieren - das ist die grundsätzliche Vision.

4. Identifizieren der notwendigen Zwischenschritte und Voraussetzungen, die zur Erfüllung der Vision nötig sind, sowie die ehrliche Analyse der Probleme (auf die eigene Handlung bezogen!), die dem voraussichtlich noch im Wege stehen. Also nicht "ich würde ja gerne aufs Land ziehen, aber mein Arbeitsplatz ist ja in der Stadt und mein Partner will wahrscheinlich auch nicht umziehen", sondern "ich habe noch keinen Arbeitsplatz auf dem Land gefunden und meinen Partner noch nicht davon überzeugen können, warum der Umzug aufs Land für uns beide so ideal ist, wie ich es annehme".

5. Identifizierung der eigenen Ressourcen, Fähigkeiten und Helfer (also auch ganz konkret, Freunde und Familienmitglieder, die man mit ins Boot holen könnte, weil sie da ja die nötigen Kontakte haben etc.), die zur Umsetzung zur Verfügung stehen. Dabei sind natürlich auch die Mittel mit der Vision selbst abzugleichen - wenn die Vision ist, ne offene und ehrliche Beziehung zu seinem Partner zu führen, dann sollten die Mittel zu diesem Ziel eben auch nicht manipulativ-hinterlistig ausfallen - oder (jetzt nicht auf meine Bekannte bezogen, nur als einleuchtendes Beispiel!), wenn man als aufstrebender Politiker gerne nen Doktortitel hätte, um seinem Namen in der öffentlichen Wahrnehmung mehr Gewicht zu verleihen, dann sollte man den sich nicht über Ghostwriter oder sonstwie erschleichen, das könnte sich relativ leicht ins Gegenteil umkehren :breitgrinse1:. Im Zweifelsfall hilft meist intensive Wahrnehmung der eigenen Bewusstseinsebenen, bspw. unter dem Blickwinkel, was der Protagonist des Lieblingsfilms/buches wohl in der Situation tun würde, etc.

6. Konkrete Planung und Umsetzung, auf das Erreichen der Zwischenziele ausgerichtet.

7. Wahrnehmung von Erfolgen und weiterhin bestehenden Hindernissen. Einfügen weiterer Zwischenschritte, um Hindernisse auszuräumen; bei wirklich unüberwindlichen Hindernissen als allerletzte Maßnahme, Änderung der Vision.

8. Zurück zum Anfang.

Naja, soviel zu jenem jüngsten Gedankenerguss bzw. dem Ergebnis unserer Unterredung. Sorry dass das jetzt so ultra rational-schematisch rüberkommt, aber ich hab mir das eben zusammen mit ihr so ausgemalt, und da ging es eben hauptsächlich darum, die emotional-intuitiven Bedürfnisse gleichwertig behandeln zu können, sprich: Ihnen nen rationalen Anstrich zu verpassen. Ist jetzt auch natürlich nicht der Weisheit letzter Schluss, denke das ist klar, auch wenn es vielleicht belehrend oder normativ rüberkommt - würd mich freuen, dazu ein bisschen Input zu bekommen, und sei es "Punkt X kommt mir ziemlich blödsinnig vor, weil..."

Christian
Zuletzt geändert von Polished_Steel am 6. Oktober 2015 17:58, insgesamt 1-mal geändert.

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