Perfektionismus und Wutanfälle

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Wölfin
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Perfektionismus und Wutanfälle

Beitragvon Wölfin » 19. Dezember 2014 07:00

Hallo zusammen! :winken:

Ich habe in letzter Zeit wiederholt Probleme damit, wenn Kollegen gefühlt meine Arbeit "sabotieren", sich nicht an Absprachen halten oder einfach nur den einfachsten Weg gehen.
Erst gestern bin ich so wütend gewesen, dass ich am liebsten alles hingeschmissen hätte. Ich weiß nicht, wie ich es hier erklären kann, ohne zu viel zu sagen. :upsi:

Es beginnt mit Kleinigkeiten: Wir arbeiten in einer Gruppe, die aus Leuten aus verschiedenen Abteilungen besteht. Wenn wir uns treffen, schreibe ich das Protokoll, weil ich schnell tippen kann. Meistens bin ich viel zu früh da und kann also den Laptop starten, der erst mal 5-10 Minuten braucht, bis man arbeiten kann. Gestern hatte ich noch ein dringendes Telefongespräch und war gerade so noch pünktlich. Alle anderen waren schon da, schwatzten angeregt... und der Laptop war noch aus. Es war nicht das erste Mal und ich habe alle schon mehrfach gebeten, dass der Erste im Raum das Teil einschalten möge. :aufsmaul_2:
Dann reden sie oft durcheinander, 2 oder 3 Themen gleichzeitig. Da kann ich beim besten Willen nicht mitschreiben. Ich kann ja nicht mal zuhören. Ich höre dann nur noch "Murmel murmel murmel". Es wäre aber gerade gestern superwichtig gewesen, ALLES zu notieren. :baw:
Dass die angesetzte Zeit um das Doppelte überschritten wurde, ist dann noch das Sahnehäubchen. :aufsmaul_2:

Auch bei meiner normalen Arbeit bekam ich gestern einen kräftigen Dämpfer: Der Kollege, mit dem ich zusammen arbeite ist relativ neu. Zu Anfang achtete ich sehr genau darauf, was er macht und wie. Langsam gewann er mein Vertrauen und weil ich seine Arbeit nicht ständig kontrollieren konnte, lies ich ihn machen und vertraute auf das Ergebnis ohne den Weg zu kennen.
Gestern dann der Rückschlag: Er hatte wohl aus Unwissenheit (noch zu Anfang seiner Arbeit bei uns) einen sehr einfachen Weg gewählt, der zufällig funktionierte - so lange alle Rahmenbedingungen stimmen. Und ein weiterer Kollege hatte diesen Weg gesehen und kein Wort gesagt. Der zweite Kollege ist bekannt für solche Lösungen. Dabei gibt es eine Dokumentation in der steht, was alles gehen muss und nur weil nicht alles benutzt wird, heißt das nicht, dass man das nicht bedenken muss. :kk:

Wir hatten vor ein paar Jahren große Probleme eben wegen der Vorgehensweise "so wenig wie nötig, merkt schon keiner". Ich bekam dann irgendwann die Erlaubnis, auch mal weiter zu denken und nach und nach verbesserte sich nicht nur die Qualität der Ergebnisse sondern auch die Zufriedenheit der Kunden. Sie wissen, dass ordentliche Ergebnisse kommen und wenn doch mal was nicht stimmt, wird es behoben und passiert nicht wieder.
Ich betrachte etwas nur als "fertig", wenn ich damit arbeiten wollen würde - oft muss ich das sogar. Mir kommt es dabei weniger auf Schönheit an, mehr auf Flexibilität und die Einhaltung von Standards. Wenn die Knöpfe immer unten sind, macht man die da auch gefälligst wieder hin und nicht einen links oben und einen in die Mitte und der dritte fehlt, weil kein Platz mehr war. :kk:

Für mich ist es wichtig, dass wir nur gute Sachen ausliefern. Meine "Perfektion" führte dazu, dass versehentliche Patzer keine Katastrophe mehr sind. Ich habe nun Angst, dass dieser Sicherheitspuffer zerstört wird, wenn ich die Kollegen nicht überzeugen kann, dass sie bitte ihren Kopf einschalten und zu Ende denken. Der eine sollte wissen, was der Kunde will, der andere muss das noch üben.

Diese Ereignisse gestern (und einige mehr in den letzten Wochen) zeigten mir deutlich, dass ich sehr empfindlich reagiere, wenn meine Arbeit gestört oder angezweifelt wird.
Bin ich wirklich so schlimm (perfektionistisch)? Oder ist es normal und richtig, dass man einen gewissen Standanrd halten will?

LG
Wölfin
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Weil
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Re: Perfektionismus und Wutanfälle

Beitragvon Weil » 19. Dezember 2014 11:28

Ich beziehe mich jetzt nur mal auf den zweiten Teil.
Ich denke, mit deinem Perfektionismus bist du genau im richtigen Beruf und deine Ansprüche sind vollkommen berechtigt.

Diese Mischung, einer weiß was wie es richtig ist, einer schwimmt ein wenig rum, weil er noch nicht im Thema so drin ist und einem dritten ist das alles eh nicht so wichtig und macht er nur das, was ihm notwendig scheint, ist wahrscheinlich nicht ungewöhnlich. Das Ergebnis darf aber nicht dem gemeinsamen kleinsten Nenner entsprechen, sondern ist ein Produkt, für das der Kunde zahlt und dass so gut wie möglich sein soll.

Deine Stärke ist, dass du es so gut wie möglich machen möchtest, nein musst, da du, wenn du deinen Anspruch nicht ausleben kannst, das Interesse verlieren würdest, da trifft sich dein Bedürfnis wunderbar mit den Erfordernissen der Firma. Klar fühlst du dich torpediert, wenn die anderen nicht auf deinem Level mitziehen. Du fühlst dich verantwortlich fürs Ganze und das bringt dich in die Lage, dass du eine Führungsrolle übernimmst, die den beiden anderen eher unbequem ist.
Du machst nichts verkehrt, du handelst im Firmeninteresse, aber die Situation ist nicht ganz unproblematisch.

Das Problem liegt wohl darin, dass ihr Kollegen das unter euch ausmacht oder ausmachen sollt. Erforderlich wäre hier eine übergeordnete Qualitätskontrolle, die auf Einhaltung der Standards achtet und alle Funktionen im Zusammenspiel prüft, Testsoftware und eine unabhängige Prüfperson.

Oder, du bekommst von "oben" mehr Kompetenz zugesprochen, wirst ausgesprochener Team/Projektleiter und nicht nur so quasi. Das würde aber wenig daran ändern, dass die beiden anderen von dir kontrolliert und angetrieben werden müssen und dementsprechend, je nach eigener Veranlagung maulen, verweigern oder empfindlich reagieren.
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Wölfin
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Re: Perfektionismus und Wutanfälle

Beitragvon Wölfin » 19. Dezember 2014 16:04

Danke, nun fühle ich mich besser.
Ich habe zu lange allein gearbeitet, auch später als ich offiziell Teil eines Team war. Ich war doch immer noch die Einzige, die sich um das Produkt gekümmert hat. Nun sind wir drei und es ist ungewohnt.
[quote="Weil"]
Deine Stärke ist, dass du es so gut wie möglich machen möchtest, nein musst, da du, wenn du deinen Anspruch nicht ausleben kannst, das Interesse verlieren würdest, [...]
[/quote]Das stimmt und ist ein wichtiger Punkt. Wenn ich zu oft gebremst werde, fange ich an, Dienst nach Vorschrift zu machen. Das ist langweilig und ich verliere die Lust. Dann könnte ich wahrscheinlich auch so viele Medis nehmen, wie ich will... die Konzentrationsfähigkeit wäre gleich Null. Das fiel mir auch bei dem im ersten Teil geschilderten Problem wieder auf, denn ich habe keine Ahnung, mehr, was alles gesagt wurde.

Ich habe auch mit meinem Teamleiter gesprochen und erhalte von ihm Unterstützung. Wir haben ja zwei Teamleiter und Kollege 2 untersteht dem anderen Teamleiter. Da gibt es dann automatisch Probleme mit unterschiedlichen Sichtweisen. Ich hoffe, das bessert sich mit der Zeit. Noch ist die Situation relativ neu für uns.

Kollege 1 begrüßte mich heute morgen direkt mit der guten Nachricht, dass er das Problem nun viel eleganter gelöst hat. Mittags kam ich zufällig dazu, wie er Kollege 2 die Lösung erklärte und der hatte auch keine Einwände und war erstaunt, dass es viel einfacher und effektiver geht. :froi1:

Ich möchte gar kein(e) "Leiter" sein, das bringt zu viele Pflichten mit sich, zu denen ich keine Lust habe: Organisieren. Da ist mir lieber, wenn der mit den besten Argumenten Recht bekommt. Wenn alle das akzeptieren, funktioniert es echt gut. Wir machen das schon eine Weile so, da erst die Teamleiter ständig wechselten und der aktuelle hat genug Aufgaben für zwei oder drei Personen - muss die aber irgendwie alleine schaffen. Im Laufe der Zeit gab es Gespräche, weil wir mangels Führung nicht richtig arbeiten konnten. Die Lösung war, dass wir sozusagen eine ganz lange Leine bekommen haben: Der Teamleiter macht grobe Vorgaben und den Rest machen wir. Änderungen werden von ihm meistens knapp abgenickt: "Ich schaffe das nicht, weil ich dasunddas machen muss... der hat Zeit und kann das machen. Okay?" "Okay."
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Re: Perfektionismus und Wutanfälle

Beitragvon ripley » 19. Dezember 2014 19:35

[quote="Wölfin"]
Es beginnt mit Kleinigkeiten: Wir arbeiten in einer Gruppe, die aus Leuten aus verschiedenen Abteilungen besteht. Wenn wir uns treffen, schreibe ich das Protokoll, weil ich schnell tippen kann. Meistens bin ich viel zu früh da und kann also den Laptop starten, der erst mal 5-10 Minuten braucht, bis man arbeiten kann. Gestern hatte ich noch ein dringendes Telefongespräch und war gerade so noch pünktlich. Alle anderen waren schon da, schwatzten angeregt... und der Laptop war noch aus. Es war nicht das erste Mal und ich habe alle schon mehrfach gebeten, dass der Erste im Raum das Teil einschalten möge. :aufsmaul_2:
Dann reden sie oft durcheinander, 2 oder 3 Themen gleichzeitig. Da kann ich beim besten Willen nicht mitschreiben. Ich kann ja nicht mal zuhören. Ich höre dann nur noch "Murmel murmel murmel". Es wäre aber gerade gestern superwichtig gewesen, ALLES zu notieren. :baw:
Dass die angesetzte Zeit um das Doppelte überschritten wurde, ist dann noch das Sahnehäubchen. :aufsmaul_2:[/quote]

Wenn ich hier zu einen - inhaltlichen - Vorschlag machen darf?

Wie viele Leute seid Ihr in der Gruppe, die sich trifft? Offenbar mehr als drei.

Ich würde hier die Verantwortung für ein vollständiges (!) Protokoll splitten:
a) einer protokolliert
b) ein anderer MODERIERT

Ich muss beruflich auch öfter Gesprächsrunden leiten, deren möglichst vollständige und inhaltsrichtige Verschriftung dann auch wichtig ist. Dafür habe ich einen protokollierenden Menschen an meiner Seite. DESSEN Job ist es, so gut und komplett wie möglich mitzuschreiben. MEIN Job ist es, ihm dies zu ermöglichen, das heißt, Beginn und Ende der Runde festzulegen (gut, da muss der Protokollant schon auch pünktlich sein), hitziger werdende Sequenzen bisl runterzukühlen, dafür zu sorgen, dass jeder seine eigene Redezeit hat (und nicht fünf Leute auf einmal quatschen), unverständlich Genuscheltes auch mal zu wiederholen oder wiederholen zu lassen etc.
Wenn ich MEINEN Job nicht gut mache, steht dann ein *... unverständlich...* oder auch *alle durcheinander* im Protokoll. Und das ist NICHT der Fehler oder die Verantwortung des Protokollierenden. :ichboss:

(Und, nein, beide Jobs simultan zu machen, ist nicht möglich!)
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Wölfin
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Re: Perfektionismus und Wutanfälle

Beitragvon Wölfin » 20. Dezember 2014 17:55

[quote="ripley"]
Ich würde hier die Verantwortung für ein vollständiges (!) Protokoll splitten:
a) einer protokolliert
b) ein anderer MODERIERT
[...]
Wenn ich MEINEN Job nicht gut mache, steht dann ein *... unverständlich...* oder auch *alle durcheinander* im Protokoll. Und das ist NICHT der Fehler oder die Verantwortung des Protokollierenden. :ichboss: [/quote]Vielen Dank für die Tipps, ripley. :froi1:
Dass ich noch nicht darauf gekommen bin, so was ins Protokoll zu schreiben. :kk:

Ja, eigentlich müssten wir einen Moderator haben, der auch wirklich was tut. Bisher herrscht da eher Anarchie. :icon_rolleyes:
Wir sind deutlich mehr als 3 Leute, sonst wären 2-3 gleichzeitige Gespräche ja nicht möglich. :breitgrinse1:

Ich habe gestern den Kollegen eine lange Mail geschrieben und ihnen mein Problem erklärt. Mit zweien saß ich danach noch eine Weile (jeweils einzeln) zusammen und wir haben beratschlagt, was wir machen wollen. Jedenfalls habe ich das geschafft, was ich wollte: Ich habe sie wachgerüttelt, aber nicht verärgert.
Ich werde nächstes auf jeden Fall den fehlenden Moderator erwähnen. Das scheint ein Kernpunkt zu sein.
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Re: Perfektionismus und Wutanfälle

Beitragvon Weil » 20. Dezember 2014 18:14

Das könnte man auch reihum machen, so dass jeder mal die Verantwortung für ein geordnetes Gespräch trägt.

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