Gedanken zur Fähigkeit, Kritik anzunehmen

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Wölfin
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Gedanken zur Fähigkeit, Kritik anzunehmen

Beitragvon Wölfin » 10. Dezember 2014 06:44

Hallo!

Ich arbeite in einem Team und da kommt man ja immer wieder in die Situation, dass etwas nicht passt. Entweder wird man selbst kritisiert oder man kritisiert andere. Das betrifft Ideen, Arbeitsweise oder was auch immer. Es ist Alltag und gehört dazu.

Zur Regelung der Zusammenarbeit gibt es Richtlinien, die bei uns sogar teilweise in schriftlicher Form vorliegen: Die sogenannten Programmierrichtlinien.
Da drin stehen teilweise auch Sachen, die man mit etwas Nachdenken von alleine machen würde. Beispielsweise, dass man nichts auf den Server hochläd, was so schlimme Fehler enthält, dass die Anderen damit nicht arbeiten können. Oder eben auch, wie man den Quellcode zu formatieren hat, damit er immer ähnlich aussieht und sich jeder schnell zurecht findet.

Nun haben wir einen Kollegen im Team, der lange alleine gearbeitet hat und seit ein paar Wochen auch an einem Projekt mitarbeitet, das ich indirekt betreue. Wieso "indirekt"? Weil ich nicht Projektleiterin bin, aber am längsten von allen daran arbeite, alles kenne und sich ergeben hat, dass der Projektleiter, der nur selten Zeit hat, zu organisatorischen Fragen kurz hinzugezogen wird und sonst arbeiten wir selbständig. Meinungsverschiedenheiten werden sachlich ausdiskutiert und wer die besseren Argumente hat "gewinnt". Wenn es ein Unentschieden gibt, entscheidet der Projektleiter oder der Kunde.

Nun verstieß der "neue" Kollege gestern gegen die Regel mit dem Hochladen "ohne Fehler" und daher fiel mir auch auf, dass er sich konsequent nicht an die Formatierungsregel hält.
Ich ging zu ihm, um ihn noch mal darauf hinzuweisen. Da er schon lange dort arbeitet und ich diese Regel für selbstverständlich halte, war ich zugegebenermaßen etwas gereizt. Ich erklärte ihm also, dass er das bitte in Zukunft nicht wieder tun solle und als er sagte, dass ich das Problem verursacht hatte, sagte ich ihm, dass er mir ja eine Mail hätte schreiben können, dass ich seine Änderungen nicht nutzen darf, bis er sie frei gibt.
Das Gespräch verlief zunehmend angespannter, obwohl ich selten so ruhig bleibe, wie ich mich in dem Moment bemühte. Zum Schluss sagte er mir, dass ich nicht "so" mit ihm sprechen könne und dass er sich angegriffen fühlte.
Ich war verwirrt, denn mit anderen Kollegen gehe ich wesentlich weniger schonend um und die stört es nicht. Ich weiß aber, dass er da anders ist, und fragte, was ich falsch gemacht hatte. Das konnte er mir nicht sagen. Also wollte ich wissen, wie ich stattdessen hätte vorgehen sollen. Auch da wusste er keine Antwort. Niedergeschlagen ging ich zurück an meinen Platz.

Das Thema lies mir keine Ruhe, denn mir liegt viel an einer guten Zusammenarbeit und dazu gehört nicht nur, dass man sich an die Regeln hält, sondern auch, dass man miteinander sprechen kann. Beim Mittagessen fragte ich die anderen Kollegen, was ich nun machen solle und als ich hörte, dass zwei weitere Kollegen das Gespräch immerhin teilweise mitbekommen hatten und an meinem Verhalten rein gar nichts auszusetzen hatten, war ich beruhigter aber noch verwirrter. Ich hatte nichts falsch gemacht, aber er war verletzt. Warum nur? Wie soll ich denn mit ihm sprechen?
Es folgte ein langes Gespräch mit dem Teamleiter, der mich noch mal beruhigte und bestärkte, dass ich mich korrekt verhalten hatte, als ich den Kollegen auf sein Fehlverhalten hingewiesen hatte. Er will nun mit dem Kollegen reden und danach gibt es wahrscheinlich noch ein Gespräch zu dritt.

Da mir das Thema trotzdem keine Ruhe lies, sprach ich zu Hause mit meinem Freund darüber und der hatte einen interessanten Gedanken:
Es gibt Menschen, die keine Kritik annehmen können, egal wie man sie ihnen mitteilt.
Die Fähigkeit, Kritik anzunehmen und nicht als Angriff auf die eigene Person zu sehen, muss man erst entwickeln und es gibt eben Menschen, die das noch nicht geschafft haben.

Mir fiel ein, dass es mir vor ein paar Jahren ähnlich ging: Bei jedem Anzeichen von Kritik musste ich mich verteidigen und war hinterher völlig fertig. Erst nach und nach in dem jetzigen Team lernte ich, dass die mir gar nichts Böses wollen - im Gegenteil. Während diesem Lernprozess legte ich für mich die Regel fest: Kritik wird immer mit Begründung und wenn möglich Verbesserungsvorschlägen verbunden geäußert. Unbegründete Kritik kann ich ignorieren. Ich halte mich an diese Regel und fordere sie von anderen durch Rückfragen ein.

Nun frage ich mich:
Stimmt es, dass man erst lernen muss, Kritik anzunehmen?
Kann es sein, dass jemand, der fast 20 Jahre älter ist als ich, das noch nicht gelernt hat?
Kann es jeder lernen?
Wie verhält man sich, wenn man auf so jemanden trifft, der das noch lernen muss?

LG
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Sheherazade
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Re: Gedanken zur Fähigkeit, Kritik anzunehmen

Beitragvon Sheherazade » 10. Dezember 2014 07:32

Natürlich kann man die Kritikfähigkeit (Kritik üben und annehmen) lernen oder besser noch trainieren, dafür ist es nie zu spät. Das ist keine angeborene Eigenschaft bei Menschen, bestenfalls eine anerzogene.

Mehr Infos hier.

Wenn dein Kollege, wie du schreibst, sehr lange alleine gearbeitet hat, hatte Kritikfähigkeit wohl nicht die oberste Priorität für seine Position. Von daher sollte man ihm zugestehen (und die Möglichkeit geben), sich neue erforderliche Fähigkeiten anzueignen.
Zuletzt geändert von Sheherazade am 10. Dezember 2014 07:33, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Gedanken zur Fähigkeit, Kritik anzunehmen

Beitragvon Eule » 10. Dezember 2014 12:45

In diesen Zusammenhang paßt etwas das ich erst kürzlich (und nicht zum ersten Mal) bei einem Kommunikationstraining in Erinnerung gerufen bekam.

Der Umgang mit Kritik, egal ob man sie nun äußert oder ob man selber Kritik anhört ist eine schwierige Kunst - auch für Leute die kein ADHS haben, und für Leute mit ADHS erst recht.

Also war das eines der immer wieder auftauchenden Themen dieses Seminars das auf ADHSler zugeschnitten war.

Menschen mit ADHS sind besonders schlecht in der Lage, mit Kritik angemessen umzugehen und brauchen oft sehr viel länger es zu lernen als StiNos- aus mehreren Gründen.

Die meisten ADHSler haben eine lange Geschichte von Negativerfahrungen mit der Beurteilung ihrer Arbeitsergebnisse und vor allem mit der Bewertung ihres Umgangs mit dem nötigen "drumherum" durch ihre Umwelt. Konfliktpotential bietet dabei fast alles - von der nötigen zeitnahen Dokumentation der Tätigkeit in Form des Ausfüllens und Abgebens von Stundenzetteln oder ähnlichen Qualitätsmanagement- und Abrechnungsformularen, über Einhaltung von Umgangsregeln und Konventionen wie Pünktlichkeit, Termintreue, angemessene Kleidung bis hin zu nicht der Norm entsprechenden Arbeitsstrategien wie genialer Unordnung auf dem Schreibtisch, Musikhören zum Übertönen von ablenkenden Störgeräuschen oder das spazieren gehen in der Lagerhalle weil man grad nicht gedanklich arbeiten kann ohne sich zu bewegen.

Selbst eine eigentlich neutrale Ansage wie "Ich muss mal was mit dir besprechen" löst Assoziationen auf längst vergangene Katastrophen aus - vielleicht weil das früher immer Mamas Einleitungssatz war, wenn "mal wieder" das Kinderzimmer nicht richtig aufgeräumt war oder der Lehrer sie über Fehlverhalten/mangelnde Leistung informiert hatte und dieser Einleitungssatz immer wieder mit Maßregelungen wie Hausarrest, Verbot zum Fußballtraining zu gehen oder Taschengeldkürzungen endete - für Dinge die man nach besten Kräften versucht hatte aber nicht so hingekriegt hatte wie es erwartet wurde.

Das gemeine daran ist, daß diese Art von Assoziationen und erinnerungen bei einem ADHSler schneller als er gucken kann negative Emotionen auslösen, die wiederum zu einer Reaktion ausschließlich auf der emotionalen Ebene führen.
Man fühlt sich angegriffen oder zu Unrecht beschuldigt -> und muß sich verteidigen/rechtfertigen/den anderen angreifen um sich zu schützen.
Man fühlt sich hilflos und ausgeliefert - und durch diese negativen Gefühle blockiert man den Zugriff auf Wissen und Erfahrungen, reagiert nur noch im "Instinktmodus" - und der kann nun mal nichts anderes als Angriff/Verteidigung gegen die Gefahr, Flucht vor der Gefahr oder Totstellen.

Daß es in einem solchen emotionalen Ausnahmezustand für den Kritisierten unmöglich ist auf der Sachebene zu bleiben oder anzunehmen daß der Gesprächspartner wohlgesonnen ist und nicht die völlige Vernichtung des Kritisierten anstrebt, ist eigentlich logisch.

Das schwierige: Jeder Mensch hat andere "Triggerwörter" die ihn in diesen Instinktmodus "schießen" - und niemand kann alle kennen. Das Risiko ein "falsches" Wort zu benutzen ist sehr hoch, gerade wenn man sich wenig kennt.

Obendrein gibt es auch noch jede Menge nonverbale Botschaften mit gleichem Effekt, von als aggressiv wahrgenommenen Körperhaltungen angefangen bis hin zu dem Eindruck daß Worte und Gesichtsausdruck/Körperhaltung irgendwie nicht zueinander passen, was dann z.B. als "der ist unehrlich, in Wirklichkeit kann er mich nicht leiden und versucht meinen wunden Punkt zu finden um mir richtig eins zu verbraten, ich muß auf der Hut sein/mich verteidigen" verstanden wird.

Ein guter Umgang mit Kritik setzt also voraus, daß sowohl derjenige der sie ausspricht gewisse Spielregeln einhält, als auch derjenige an den sie gerichtet ist.

Hat auch nur einer der Beteiligten diese Spielregeln nicht oder nicht vollständig gelernt, sind die Chancen für eine unbeabsichtigte Eskalation nahezu unbegrenzt.

Blöderweise ist es an dieser Stelle aber keine praktikable Lösung, wenn du deinem Kollegen einen Vortrag über deine eigene Art mit Kritik umzugehen hältst. Das ist besonders bei Kollegen die älter sind oft etwas das dann als "Oh scheixxe, jetzt muss ich mir von diesem Küken auch noch sagen lassen wie ich mich benehmen soll" ankommt

Ich weiß nicht wie es zu lösen wäre - vielleicht am ehesten indem du dir überlegst wie du vor ein paar Jahren auf die gleiche Kritik die du angebracht hast reagiert hättest als du noch nicht so weit warst wie du heute bist, und was bei dir damals die "Reizworte" gewesen wären.

Mir ist an deiner Schilderung der Satz "Er verstößt konsequent gegen Regel X" negativ aufgefallen. Gefgen etwas konsequent verstoßen bedeutet, es mit Vorsatz und Absicht genauso durchzuführen, OBWOHL man weiß daß es ein Regelverstoß ist. Da steckt die Unterstellung, man tue das mit Absicht, um andere zu ärgern drin - oder man sei einfach zu blöd um sich die Regel zu merken.

Wenn mich jemand mit dieser Formulierung auf einen Fehler hinweist, ist bei mir sofort weit über die Hälfte meines Arbeitsspeichers damit beschäftigt mir selber zu erklären daß mir jetzt grad nicht der übermächtige Lehrer oder Elternteil meiner Kindheit gegenübersteht, der mich abkanzelt und klein macht, und zu verhindern daß ich entweder mich in Wortwahl und Tonfall völlig vergreife oder schlicht auf Durchzug schalte. Wie wenig arbeitsspeicher dann noch zur Suche nach einer sachlichen für beide akzeptablen Lösung zum Umgang mit Regel X oder auch nur zum Aufnehmen, Nützlichkeit einsehen und speichern der Regel X für die nächste Gelegenheit verfügbar ist läßt sich erahnen.
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Kaina
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Re: Gedanken zur Fähigkeit, Kritik anzunehmen

Beitragvon Kaina » 10. Dezember 2014 13:11

Gehe mal davon aus, dass es genau so abgelaufen ist, wie du es hier beschreibst, und nicht schon einige Dinge "geglättet" sind, vllt. durch deine Gespräche mit Kollegen und Teamleiter.

Es gibt immer tolle Tipps, wie man Kritik äußern, und wie man Kritik annehmen (können) soll.
Aber es ist letzten Endes doch immer eine sehr individuelle Geschichte, vor allem, weil unbewusste Dinge nun mal unbewusst sind (zumindest, bis einem ein Licht aufgeht).


Die einfachste Geschichte: grundsätzlich schlechte Tagesform oder es waren an diesem Tag schon einige Läuse auf seiner Leber unterwegs, und deine Kritik war einfach der Tropfen ins volle Fass.

Vllt. war sie völlig unverständlich für ihn in diesem Augenblick: "Vorgaben hin und her, hab' das immer so gemacht, wieso jetzt Kritik?" oder er fand sogar etwas besonders gut und die Kritik hat ihn extrem enttäuscht?

Vllt. die neue Situation, nachdem er immer alleine vor sich hin werkeln konnte? "durfte immer mein Ding machen, was ist jetzt los? Bin ich degradiert?" und die "Abwehrstacheln" waren bereits ausgefahren? Vllt. ist ihm das Projekt selbst zuwider, weil er sich bei dem Thema/den Details nicht gut auskennt?

Möglicherweise hat er auch ein "Gender-Problem", hätte die Kritik eher von einem Mann annehmen können und mag sich grundsätzlich nichts von Frauen sagen lassen?
(nicht gleich abwinken! Solche Leute sterben nicht aus, und sind manchmal nur nach außen gut getarnt)

Oder es waren einfach bestimmte Wortformulierungen die du verwendet hast,
die bei ihm als Trigger funktionieren, die ihn direkt auf Abwehr schalten lassen?


Die andere Frage ist: warum beschäftigt dich das so extrem? Es scheint dich irgendwie zu belasten.

Nachdem du gelernt hast, Kritik anzunehmen, ist vielleicht jetzt einfach für dich die nächste "Aufgabe" zu lernen,
dass du nun mal auch kritisieren musst,
und dass du nicht für absolut jeden auch gutgemeinte oder wohlwollende  Kritik in das passende Bonbon-Papier einpacken kannst.

[quote="Wölfin"]
(..) und fragte, was ich falsch gemacht hatte. Das konnte er mir nicht sagen. Also wollte ich wissen, wie ich stattdessen hätte vorgehen sollen. Auch da wusste er keine Antwort. (..)[/quote]
Du hast ihm ja 'ne Brücke angeboten - aber gehen kann er sie nur selbst.
Manchmal muss man ein Problem (hier: Kritik annehmen oder annehmen lernen) einfach bei dem lassen, der das Problem hat.  :a1c:




edit: sorry, f. die Überschneidungen, hab's einfach abgeschickt, ohne Eules Beitrag zu lesen.
Zuletzt geändert von Kaina am 10. Dezember 2014 13:30, insgesamt 1-mal geändert.
"Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische." (K.Valentin) 
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Spexx
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Re: Gedanken zur Fähigkeit, Kritik anzunehmen

Beitragvon Spexx » 10. Dezember 2014 18:29

Hallo Ihr Lieben,

lasst uns doch die Situation mal aus dem Blickwinkel des "Getadelten" betrachten.

"Ich habe lange alleine gearbeitet, meist bin ich der Meinung, ich mache keine Fehler. Wenn jemand Fehler macht, dann die "junge" Generation.
Die hüpfen hier übermotiviert durchs Büro, können ihre Beine nicht stillhalten und müssen sowieso überall etwas mitzureden haben.
Und dann haben sie am Ende sogar nichts besseres zu tun, als bei meinem Teamleiter zu "petzen", weil sie nicht den Mumm haben, mit mir selbst darüber zu sprechen und eine Lösung für unser Problem (das aus meiner Sicht übrigens keines ist) zu sprechen. Und anpampen lasse ich mich schon gleich gar nicht..."


Ich kenne solche Situationen. Bei mir ist es so:
Ich werde ständig missverstanden, weil ich mich in den Augen mancher Kollegen "im Ton vergreife", zu vorlaut bin, überall etwas mitzureden habe und eh alles besser weiß.
Das Problem ist, es fällt mir nicht auf!

Kann es denn sein, dass Du in dem Moment wirklich etwas "launisch" warst und es einfach nicht gemerkt hast?
Vielleicht hatte Dein Gegenüber noch einen schlechten Tag, war gereizt und dann kam eins zum andern?

Auch wenn Deine Kollegen sagen, dass Du alles richtig gemacht hast. Das mag aus Ihrer Sicht vielleicht stimmen, aber sie waren nicht dabei.
Vielleicht hätten sie in der Situation genauso reagiert.

Das "wie" ist bei mir ein großes Thema und ich habe auch schon mit einigen ADSler gesprochen, die das gleiche Problem haben.

Vielleicht einfach mal drüber nachdenken. Auch ich war selbstverständlich nicht dabei und möchte jetzt in keinem Fall "Klugscheissern" ;)

LG
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Wölfin
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Re: Gedanken zur Fähigkeit, Kritik anzunehmen

Beitragvon Wölfin » 11. Dezember 2014 06:41

Vielen Dank für die vielen Antworten. Da sind einige Aspekte dabei, über die ich noch nicht nachgedacht habe.

Da gestern der Teamleiter mit ihm gesprochen hat und er danach zu mir kam, weiß ich inzwischen etwas mehr. Die Ergebnisse:
1. Ich war aufgebracht und obwohl ich mich bemüht habe, ruhig zu bleiben, war ich nicht ruhig. Er hat meine Anspannung wahrgenommen und wurde ebenfalls angespannt und das schaukelte sich hoch.
2. Das eine Problem entstand durch seinen Umgang mit einem Programm, wo ihm wohl nie jemand erklärt hat, dass es auch anders geht. Ich habe ihm meine Vorgehensweise geschildert und er will es ausprobieren. :top:
3. Über das zweite Problem haben wir nicht noch mal gesprochen, da steht aber wohl sowieso eine Teamdiskussion zum Thema an, da es zwei unterschiedliche Festlegungen gibt.
4. Er war erfreut, dass der Teamleiter mit ihm gesprochen hat. Das war wohl das erste Mal, dass in so einen Konflikt "von oben" eingegriffen wurde.

Die meiste Zeit drehte es sich aber um das erste Thema. Ich weiß, dass es sehr ungewöhnlich ist, sich über solche Themen gemeinsam den Kopf zu zerbrechen, aber als er sein "Einsiedlerdasein" beendete, hatten wir auch ein Gespräch und damals legten wir fest, dass wir gemeinsam daran arbeiten wollen, dass wir normal zusammen arbeiten können. Kernpunkt war das Versprechen, dem Anderen ehrliche Rückmeldungen zu geben und selbst Fragen zu stellen, falls man nicht sicher ist, was das Problem ist.
Vermutlich hat er ein ähnliches Problem wie ich: Er spiegelt Gefühle. Ich war angespannt - er wurde angespannt. Ich merkte das, wurde angespannter - er wurde angespannter.

Wir haben zwei Lösungsvorschläge, von denen ich nicht sicher bin, ob sie alltagtauglich sind:
Sein Vorschlag: Ich warte nach Feststellen des Problems eine ganze Weile und kann dann ganz normal und ruhig mit ihm sprechen.
Mein Vorschlag: Ich schreibe ihm eine Mail, die kann er lesen, verdauen und wenn sich beide beruhigt haben, sprechen wir darüber.
Kompromiss: Wenn einer die erneute Eskalation bemerkt, brechen wir das Gespräch ab und setzen es fort, wenn beide nachdenken konnten.

Ihn wunderte, dass mich "das Thema" so sehr beschäftigte und es dauerte eine Weile, bis er verstanden hatte, dass es mir inzwischen eher um das Kommunikationsproblem als um die ursprünglichen Probleme ging.

Oh, eben ist mir was eingefallen: Der Trigger!!! :kk: Ich hätte es wissen müssen! :kk:
Für mich war es so nebensächlich: Ich habe Dateien bearbeitet, die "seine" sind. Da ich (übertragen betrachtet) nur die Schriftart angepasst habe, die bei so gut wie allen Dateien (auch von anderen Leuten) falsch war, habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht. Aber: Der Teamleiter hat mir mal erzählt, dass dem Kollegen vor Jahren ohne Rücksprache sein Projekt weggenommen wurde (das ich inzwischen geerbt habe). Wahrscheinlich hat ihn das daran erinnert.
Nun verstehe ich, wieso er so darauf beharrte, dass ich gesagt hatte, dass ich im Moment gar nicht an den Dateien arbeiten würde - und es dann doch getan habe. :kk:
Ich denke, da muss er einfach merken, dass Teamarbeit bedeutet, dass alle mal hier und mal da was schreiben. Und dass es keineswegs bedeutet, dass er "raus" ist, wenn jemand anderes eine Datei von ihm ändert.
Ich habe das vor ein paar Monaten auch das erste Mal erlebt und es ist schon ein seltsames Gefühl. Mittlerweile arbeite ich an mehreren Projekten mit verschiedenen Leuten und man gewöhnt sich daran, dass man etwas schreibt und andere verändern es später, weil es notwendig ist.

Spexx hat es sehr treffend beschrieben: Klugscheissen kann ich gut. :breitgrinse1:
Allerdings waren die Kollegen dabei (Nachbarschreibtische) und sie kennen das, wenn mich was stört und ich das anspreche. Gerade mit dem einen von ihnen habe ich öfters ähnliche Gespräche, weil er was machen sollte und es nicht ordentlich gemacht hat. Erst gestern bat er mich um Unterstützung und wollte sich melden, wenn meine Hilfe nicht mehr benötigt wird. Ich saß also auf Abruf da. Eine Stunde lang (obwohl ich Feierabend machen wollte). Dann rief ich ihn an und wollte wissen, wie lange es noch dauert - er meldete sich direkt mit "oh verdammt, ich habe dich vergessen". :breitgrinse1: :icon_rolleyes:

Eule, das "konsequent" ist bei ihm schon relativ angemessen. Ich habe mal wegen was anderem mit ihm gesprochen und damals auch das eine Thema von vorgestern angeschnitten und da sagte er, dass er sehr wohl wisse, dass wir es anders machen müssen - er habe es aber immer so gemacht. Seine Version sei aber so viel schöner und übersichtlicher. Ich finde es chaotischer. Damals war die Lösung: "Dann ändere es doch einfach, ich bin ja eh raus." Das ist heute keine Lösung mehr, es ist zu viel!

So, ich muss los... :winken:
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Re: Gedanken zur Fähigkeit, Kritik anzunehmen

Beitragvon Wölfin » 13. Februar 2015 06:09

Nachdem scheinbar Ruhe eingekehrt war, geht es nun wieder weiter.

Ein paar Wochen lang haben wir es geschafft, uns sachlich zu unterhalten... dachte ich jedenfalls.

Gestern gab es wieder eine Situation, wo mein schlechtes Bauchgefühl der letzten Wochen bestätigt wurde und ich bin ausgerastet. Als er mich nicht ausreden lies, wurde ich laut. Ich habe ihn nicht beschimpft, nur lautstark gebeten, dass er mich ausreden lässt. Direkt danach tat es mir leid, aber ich war so ratlos.
Es war aber zu spät: Er war sauer, richtig sauer. Ein paar Kollegen und unsere Teamleiter versuchten, ihn zu beruhigen, hatten aber keinen Erfolg. Er steigerte sich nur noch mehr rein und sagte etwas, das mir zeigte, dass ich mit ihm nicht arbeiten kann: Es sei eine Frechheit, dass jemand der 20 Jahre jünger ist, ihm Vorschriften machen wolle. :icon_eek: Er habe immer nur zurückgesteckt und sei das nun leid.

Als er raus war, verlor ich das letzte bisschen Fassung. Bis da hin hatte ich nur da gestanden und zum Schluß nicht mal mehr was gesagt. Danach hatte ich ein langes Gespräch mit meinem Teamleiter und später noch mit anderen Kollegen. Sie alle haben mir gut zu geredet, dass ich im Recht sei. (Mit dem Lautwerden natürlich nicht, das war nicht Thema!)
Nun steht einiges auf der Kippe und ich weiß nicht, ob und wie wir weiter zusammen arbeiten sollen. :baw:

Mein größtes Problem ist, dass er höfliche, sachliche Hinweise als unhöflichen Angriff betrachtet. Wie soll man mit so jemandem sprechen?
Als Übergangslösung wird es kein Gespräch mehr ohne Moderator geben, damit es nicht mehr eskalieren kann.
Außerdem wird durch einen Kollegen, der bisher mit dem Projekt nichts zu tun hatte, untersucht, wie es um den fachlichen Teil steht. Ich muss nun mein schlechtes Bauchgefühl belegen.

Mich hat seine Aussage mit dem Altersunterschied unglaublich schockiert. Ich versuche ja immer, Konflikte auch aus der Perspektive des Anderen zu betrachten, aber damit habe ich ein Problem. Wenn ein 10jähriger es besser weiß als ich, warum soll ich ihm dann nicht zuhören und seinen Rat beherzigen?
Ich fühle mich so hilflos und bin langsam richtig wütend: Ich bin jemand, der grundsätzlich durch sachliche Argumente und Begründungen überzeugt werden kann. Wenn nötig, ändere ich meine Meinung um 180°... sofern es sachliche Gründe dafür gibt. Mir ist dabei völlig egal, wer diese Gründe vorbringt: Alt oder jung, männlich oder weiblich, schwarz oder weiß... es ist mir egal! Mich interessiert das nicht, so lange das fachliche stimmt.
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