ADHS und Kaufmännische Berufe

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BarryWhite
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ADHS und Kaufmännische Berufe

Beitragvon BarryWhite » 5. August 2013 05:44

Hi,
ich bin 50 Jahre alt und komme aus dieser großen, hässlichen und ziemlich asozialen Stadt an der Elbe. Hier, wo ein lokaler Radiosender, den mit 4‰ herum torkelnden Gestalten jeden Morgen gebetsmühlenartig weisgemacht wird, sie würden in der „schönsten Stadt der Welt“ leben. Eine Stadt wie ein großer, stinkender Haufen Scheiße, für die Optik mit etwas Goldpuder besprüht, wo für jedes Rattenloch Mondpreise gezahlt werden, nur um in irgendeiner Absteige in Eppendorf & Co. zu hausen. Die Stadt mit den vielen Millionären aber auch einer satten Arbeitslosigkeit von 7% und einem Elend, dass sich gewaschen hat. Also mit anderen Worten „Der A… der Welt“, wenn man es mit einer kleinen, sauberen, perfekt organisierten Stadt mit gesunden sozialen Strukturen und einer Arbeitslosigkeit von vielleicht 3% wie z.B. Ingolstadt vergleicht. Aber das soll nicht Thema sein.

Als bei mir ADHS festgestellt wurde, war ich froh, weil ich mir endlich dadurch viele Symptome erklären konnte, die mir Jahrzehnte lang zu schaffen gemacht haben.
Mein größtes Problem ist das frustrierende Berufsleben und all seine negativen Begleiterscheinungen. Seit über 20 Jahren quäle ich mich in kaufmännischen Berufen herum.
20 Jahre Dauerfrustration, Pleiten, „leistungs- und verhaltensbedingte Kündigungen“, etc.
Wenige befristete Anstellungen, zu 80% jedoch Leiharbeit, was natürlich auch bedeutet weitaus weniger als den Durchschnittslohn von EUR 30.000,- zu bekommen.
Jetzt im hohen Alter bin ich zum Schluss gekommen, mit dem kaufmännischen Angestelltendasein auf niedrigster Stufe, ständig etwas gemacht zu haben, was komplett meiner Natur widerspricht. Gut, ich bin nicht obdachlos und kann noch Grundnahrungsmittel bei Aldi kaufen, doch Arbeitsumfeld, Gehalt, etc. sorgen für stärkste Depressionen.

Ich habe mich mal umgesehen, welche Berufsfelder für ADHS-Patienten in Frage kommen und kann mich mit keinem so richtig anfreunden.
Soziale Berufe: vielleicht. Notarzt: Stress und Panik als Dauerzustand mit Sicherheit nicht, außerdem ist ein Medizinstudium in meinem Alter vollkommen abwegig.
Was ich jedoch weiß ist, dass ich bei Tätigkeiten, die eine akkurate Arbeitsweise mit einer permanent hohen Konzentration erfordern, ein absoluter Underperformer bin. Ich hatte in meinem Berufsleben schon einige sehr gute Jobchancen, konnte jedoch die Anforderungen, die an diese Tätigkeiten gebunden waren, nicht erfüllen, was dazu führte, dass ich meist die Probezeit, wo alles komprimiert auf mich einstürzte, nicht überstand. Hinzu kommt ein sehr schwaches Zahlenverständnis. Alle Themen, die sich um Buchhaltung, Controlling, etc. drehen, werden für mich immer absolut unverständlich sein.
Seit 20 Jahren bin ich immer mit dem Kopf gegen die Wand gerannt. „Das muss doch gehen.“, „Das muss ich doch hinkriegen“ aber vergeblich.

So groß meine Aversion Zahlen gegenüber ist, so groß meine Faszination für kreativ erstellte Texte. Journalistik und Publizistik (auch hoch interessant, wenn man es auf die Bereiche Textgestaltung, Bildbearbeitung, etc. ausdehnt) wären Themen, für die ich mich schwer begeistern kann, sind nur leider so etwas wie Modeberufe, zu denen man im hohen Alter wenig Zugang hat. Es sei denn freiberuflich. Da kenne ich mich nicht so aus.
Na ja, vielleicht kennt jemand gute Beratungsinstitutionen – das Jobcenter wird ja leider erst aktiv, wenn man arbeitslos ist – oder Coachings, die sich auf das Herausarbeiten der persönlichen Skills spezialisiert haben. Obwohl ich da auch Scheu hätte, einer fremden Personen ein gewaltiges Honorar zu zahlen. Mit ungewissem Ausgang.

Na ja, wollte nur mal wissen, wie ihr so mit dieser Thematik umgeht. Ach so, sorry für den dunklen und depressiven Einstieg. Bin nur nach einer langen Kette von Absagen und verpatzten Vorstellungsgesprächen extrem frustriert.


Gruss,
BarryWhite
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Re: ADHS und Kaufmännische Berufe

Beitragvon BarryWhite » 5. August 2013 06:07

Ich habe versucht, nach Anleitung aus dem Buch von R. Bolles „Durchstarten zum Traumjob“ ein paar typische Aufgabenfelder für mich einzukreisen.

Hierarchische Aufgaben: anleiten, beaufsichtigen
Erzieherische Aufgaben: belehren, beurteilen, bewerten, lehren, unterrichten
Praktische Aufgaben: anpassen, entwerfen, herstellen, testen
Manipulative Aufgaben: beeinflussen, begeistern, empfehlen, unterhalten, vermitteln
Visuelle Aufgaben: beobachten, entdecken, untersuchen
Darstellende Aufgaben: berichten, darstellen, skizzieren, fotografieren, illustrieren, zeichnen, präsentieren
Sprachliche Aufgaben: formulieren, interpretieren, konzipieren, projektieren, redigieren
Fachliche Aufgaben: beraten, empfehlen, informieren, klassifizieren

Traumberuf wäre Geschichts- und Geographie-Lehrer, jedoch wegen Alter (35 als Schallmauer) und mangelnder Nachfrage (gesucht werden Mathematik- Physiklehrer, etc.).
Tja, also weiter Hilfsarbeiter in trostlosen Großraumbüros bleiben bei einem Gehalt, was gerade eben zum Durchschlagen, anspruchslosem Überleben reicht oder etwas wagen?
Ja, ich könnte natürlich den großen Guido Knoop als TV-Volkshistoriker (er ist ja in Rente gegangen) oder die verstorbenen Konsalik und Simmel als Volksschriftsteller ablösen aber ist das realistisch? Nein, ist es nicht. Was mir fehlt, sind die richtigen, rationellen Schlüsse, die man daraus ziehen kann. Was ist in meinem Alter noch drin, was ist realistisch und was Spökenkrams oder „Dumm Tüch“? Was ist für mich persönlich noch möglich, um in 17 Jahren bei Erreichen des Rentenalters nicht in absoluter Altersarmut da zustehen, so wie es bei meinem jetzigen Beschäftigungsverhältnis aussieht und mich kaum noch schlafen lässt?
Zuletzt geändert von BarryWhite am 5. August 2013 06:07, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: ADHS und Kaufmännische Berufe

Beitragvon BarryWhite » 5. August 2013 17:36

Hat keiner eine Meinung? Schade, okay.
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Sheherazade
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Re: ADHS und Kaufmännische Berufe

Beitragvon Sheherazade » 5. August 2013 18:07

Deinem Eingangsbeitrag nach würde es dir wahrscheinlich schon helfen, wenn du dir einen neuen Wohnort suchst. Deinen Beruf kannst du nur noch ansatzweise ändern und dir geeignete Quereinsteigerberufe suchen, langfristig wird dir das nicht helfen, wenn du das in einem so verhassten Umfeld tust.

Ich hatte im Alter von Ende 20/Anfang 30 so eine tiefe Sinnkrise. Daraufhin bin ich (gut geplant) aus dem Ruhrgebiet nach Ostfriesland gezogen. Das war die beste Entscheidung meines Lebens.
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Re: ADHS und Kaufmännische Berufe

Beitragvon Angie » 5. August 2013 21:09

Heeeeeeeeee, mir erging es ja fast genauso mit den Beruf wie bei dir. Ich habe damals als Industriekauffrau umgeschult.  :icon_rolleyes:
Ich habe nie richtig in den Job gearbeitet. Mal 3 Monate da, dann wieder arbeitslos, dann wieder 3 Monate woanders im Wechsel.
Und meistens in der Warenannahmen, Hauptsache ich konnte zwischen den Regalen herumklettern, wo sich sonst keiner sich hintraute.  :6094:
Ach Verkaufsberatung habe ich auch gemacht, war ich ziemlich gut drin. Ich war im Tierbedarfgeschäft angestellt, konnte gleich jeden ordentlich eine Grundausstattung aufschwatzen.  :6094:
War vorher Psysiotherapeutin, Masseurin med. Bademeisterin .......... leider das Handgelenk kaputt.
War perfekt der Job, also vorher in der Kurklinik. Weil ich dort als Springer eingesetzt wurde, also dort, wo einer krank war oder im Urlaub und bin sämtliche Abteilungen durchgelaufen .......... Massage, Bäder und co  ........ also abwechslungsreich muss es schon sein.
Irgendwann hatte ich leider eine andere Arbeitsstätte und bei 30 Massagen pro Tag war irgendwann mein schon leicht lediertes Handgelenk dann ganz hinüber.
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Re: ADHS und Kaufmännische Berufe

Beitragvon BarryWhite » 6. August 2013 05:34

Hi Sheherzerade und Angie,

vielen lieben Dank für Eure Tipps. Hochinteressant von Euren Lebensläufen zu lesen.
Dann sind 30 Jahre Betriebszugehörigkeit (warmer, sicherer Hafen, Top-Einkommen) im Controlling von Beiersdorf wohl auch eher die absolute Ausnahme für ADHS-Patienten.
Davon träume ich natürlich auch, 25 Jahre Vertriebsinnendienst, Customer Service, Export bei einem Schwergewicht wie Beiersdorf, Esso, GlaxoSmithkline, Tchibo, HHLA, Airbus (da verdienen sie sich dumm und dämlich und lassen am Freitag um 12:00 den Griffel fallen, Otto, EDEKA – zu EDEKA würde ich perfekt passen, leider sehen die Personaler das völlig anders) ist aber für mich die absolute Utopie und nicht zu realisieren. Jahrzehntelang immer mit dem Kopf gegen die Wand „Das MUSS doch gehen“ aber im Endeffekt nur Zeitarbeiter = Hilfsarbeiter geblieben. Die vielen Wechsel (davon aber kein einziger freiwillig) und die viele Zeitarbeit, unterbrochen von 4 Arbeitslosigkeiten (ca. 6 Monate) haben mir den Lebenslauf gründlich ruiniert und eben genau das aus mir gemacht, was ich bin: Hilfsarbeiter auf der untersten Stufe. Und das bekomme ich dann bei den seltenen Vorstellungsgesprächen dann logischerweise auch noch um die Ohren gehauen.
Für Großunternehmen ist der Zug wohl endgültig abgefahren, doch bei kleineren mittelständischen Unternehmen (die ich eigentlich nicht so mag aber okay), kommt es hin und wieder mal zu einem Bewerbungsgespräch – die sind aber leider die absolute Ausnahme geworden.
Also mein Lieber, bei ihrem Lebenslauf…“
(Ironiemodus an) „Nein, ich liebe Zeitarbeit. Finde es großartig, weitaus weniger als ¼ des Gehaltes der Kollegen bei gleichen Tätigkeiten zu verdienen, selbstredend bei weniger Urlaub und schlechteren Sozialleistungen. Und ja, ich finde Job Hopping geil…“ (Ironiemodus aus)

Ein Umzug nach Süddeutschland (Bayern ist in vielerlei Hinsicht großartig), das würde ich sofort machen, denn nicht Hamburg sondern kleinere bayrische Städte wie Ingolstadt (wahrscheinlich wegen Audi), Regensburg, etc. führen die Wirtschaftsleistung an. Komischerweise auch Wolfsburg mit einem BIP von 92.000,- unvorstellbar, ich verdiene nicht einmal ein Bruchteil davon. Ja, man muss sie suchen, die Wirtschaftsoasen und sich dann überlegen, mit welchen persönlichen Talenten man dort punkten kann.
Klar, ich möchte den Durchschnittslohn von EUR 30.000,- haben, doch wenn man mich fragt, mit welchen Fähigkeiten oder persönlichen Skills ich das erreichen kann oder anders gesagt, welche Leistung ich dafür anbieten kann, dann ist das Fragezeichen groß.
• Was macht mich aus, um ein Durchschnittseinkommen zu gerecht fertigen? Eigentlich nichts oder vermutlich so wenig, dass mein aktuelles Gehalt das Resultat aus dieser Misere ist
Ich habe auch kaufm. Angestellte erlebt, die in den 80er Jahren irgendwann mal zu Esso kamen und dann im Laufe ihrer langen Betriebszugehörigkeit ungeahnte Privilegien und ein phantastisches Gehalt bekamen aber im Grunde genommen absolute Underperformer waren. Minderleistung, da sie z.T. so etwas wie unkündbar waren und es offensichtlich „scheißegal“ war, welche Arbeitsqualität sie ablieferten. Aber okay, das sind Vergleiche, die ich nicht stellen darf, denn ein Zeitarbeiter fängt bei jedem Einsatz wieder ganz, ganz unten an.
Okay, lasst Euch den Tag nicht vermiesen. Das Wochenende ist noch sehr, sehr weit.

Gruss,
Barry White
Zuletzt geändert von BarryWhite am 6. August 2013 05:35, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: ADHS und Kaufmännische Berufe

Beitragvon BarryWhite » 6. August 2013 05:53

Ein Altenpfleger soll ca. netto EUR 1.800,-/Monat (Quelle kann ich nicht nennen und die Angabe von Nettobeträgen ist auch ungewöhnlich) bekommen, wäre für mich natürlich ein Quantensprung im Einkommen.
Doch dazu gehört auch sehr viel Hilfsbereitschaft und v.a. auch Überwindung bei einigen Arbeiten, die einfach dazu gehören. Weiß nicht so recht.
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Sheherazade
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Re: ADHS und Kaufmännische Berufe

Beitragvon Sheherazade » 6. August 2013 07:38

Ich habe scheinbar immer noch nicht verstanden, worum es dir letztendlich geht. Wer oder was treibt dich jetzt zu diesem Karrierestreben?

Für eine Karriere zum Topverdiener ist es jetzt definitiv zu spät (egal ob ADHS oder nicht), ich erlaube mir mal das so klar zu schreiben, ich bin genauso alt wie du und absoluter Realist.

Es ist aber definitiv nicht zu spät, eine gewisse Zufriedenheit und Ausgeglichenheit in deinem Leben zu erreichen. Dafür musst DU aber was ändern. Denn DIR ist dein Wohnumfeld verhasst und dein Job. Von daher würde ich zuerst den einen Punkt ändern um danach zu sehen ob sich an dem anderen Punkt dann was von alleine zum positiven wendet. Vor allem würde ich die Kleinbetriebe nicht so kategorisch ausschließen.

Ich bin seit jetzt 16 Jahren in einem Kleinstbetrieb angestellt und von der einzigen kaufmännischen Mitarbeiterin zur Geschäftsführerin "aufgestiegen". Nein, ich bekomme kein Topgehalt, aber ich habe eine Arbeit, die mich absolut zufriedenstellt und wo ich mir die Arbeitszeit völlig frei einteilen kann. Nebenbei ist noch Zeit für eine kleine nebenberufliche Selbständigkeit und ausreichend Zeit, mich an meinem selbstgewählten Wohnumfeld zu erfreuen. Vielleicht bin ich in deinen Augen schon mit Kleinigkeiten zufrieden, aber ich habe mir in den letzten 20 Jahren ein wenig Demut vor dem Leben angeeignet, die mich daran hindert, mein Leben im Dauerlauf zu begehen.

An meinem Lebensende möchte ich mich nicht an meine Vergangenheit erinnern mit dem Gedanken "Hätte ich doch mal ...".
Zuletzt geändert von Sheherazade am 6. August 2013 07:39, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: ADHS und Kaufmännische Berufe

Beitragvon cajo81 » 6. August 2013 15:25

Also eines ist bei mir sicher :
Alleine wenn ich mir jetzt schon vorstelle wie mir irgendeiner erzählt was ich wann wie zu tun hätte bekomme ich Fluchtgedanken.  :breitgrinse1:
Wenn ich schon Stress habe dann nur unter der Bedingung dass ich ihn mir selbst ausgesucht habe. Sprich ich müsste von einer Sache überzeugt sein und es als meine eigene ERDACHTE Leistung ansehen.
Ich wurde mein Leben lang, auch dank meiner Hypoaktivität, immer von anderen in Sachen Lebensgestaltung rumgeschubst dass ich heute regelrecht traumatisiert davon bin.
Komischerweise fühlen scheinbar in meiner Familie viele so : mein Vater, alle Onkel und Großväter und meine Cousins sind oder waren selbstständig.
Sie müssen ihr eigener Boss sein. Der Beruf oder die Richtung ist egal :


Mein Vater, ADSler, war begeisteter Kaufmann. Liebte es durch die Welt zu reisen, mit Leuten zu reden und Maschinen zu verkaufen. Er hat den Job gemocht solange er nicht im Büro sitzen und Zahlen auswerten musste.
ein Onkel war hochangesehener Chirurg, der andere erfolgreicher Biologe mit eigenem Labor und ein weiterer Goldschmied mit eigenem Geschäft. Alle sind ziemlich ADS-mäßig drauf.
Ein Cousin hat anfangs auch immer alle Jobs durchgewechselt, hat dann von heute auf morgen ein regionales Anzeigenblatt gegründet und ist damit schon Jahre auf Erfolgskurs.


Ich gvermute deshalb dass es keine "typischen" ADHS-Jobs gibt !
Es kommt vielmehr darauf an was man als ADHSler mag und was man sein Leben lang gewohnt war - also alle Dinge die einen aufgrund der Erfahrung von Haus aus weniger stressen.
Das größte Problem ist wirklich die Strukturen die andere einem aufbrummen aushalten zu können.
Wenn ich als ADHSler mein eigener Herr bin dann kann ich selbst entscheiden wann mir etwas zu viel wird und wann ich was arbeiten möchte. Da kommt das Kreative beim ADHSler heraus.
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Re: ADHS und Kaufmännische Berufe

Beitragvon Angie » 6. August 2013 21:19

[quote="BarryWhite"]
Ein Altenpfleger soll ca. netto EUR 1.800,-/Monat (Quelle kann ich nicht nennen und die Angabe von Nettobeträgen ist auch ungewöhnlich) bekommen, wäre für mich natürlich ein Quantensprung im Einkommen.
Doch dazu gehört auch sehr viel Hilfsbereitschaft und v.a. auch Überwindung bei einigen Arbeiten, die einfach dazu gehören. Weiß nicht so recht.

[/quote]

Weisst wie eingekotete Windeln bei Babies riechen? Da ist es vielleicht noch niedlich, geht zum überspielen.
Aber nun stell dir das mal bei älteren Menschen vor.   Also ich sag da nur ............. würg ......... wäre nichts für mich den Job.

Lerne doch Psyotherapeut, da bekommst ausgelernt 2000-2600€, ( Einstiegsgehalt)  musste aber erstmal 3 Jahre lernen.  :breitgrinse1:
Und dann kannst dir noch eine nette neue Umgebung suchen, in einen Kurort z.B.

Hätte ich nicht das kaputte Handgelenk erhalten, wer weiss ...........

http://www.ausbildung.de/berufe/physiotherapeut/gehalt/

Ich habe übrigens damals 2400 DM Einstiegsgehalt erhalten.
Zuletzt geändert von Angie am 6. August 2013 21:24, insgesamt 1-mal geändert.
Ich habe nix Schlimmes, ich habe....eij gugg mal nen Eichhörnchen.
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Re: ADHS und Kaufmännische Berufe

Beitragvon BarryWhite » 7. August 2013 05:26

Guten Morgen,

@Shehezerade: Geschäftsführerin und langjährige Betriebszugehörigkeit. Da bist Du ja zu beneiden.

Von Top-Gehältern und Führungspositionen rede ich ja auch gar nicht. Von Karriere auch nicht. Wohl aber von einem Durchschnittsgehalt von EUR 30.000,- nicht mehr und nicht weniger. HH ist leider verdammt teuer: Mondpreise für Mieten und die Lebensmittelpreise explodieren hin und wieder. Der einzige Weg um im jetzt und hier einigermaßen vernünftig über die Runden zu kommen, ist ein normal bezahlter Job. Auch um der Altersarmut zu entkommen, die durch Zeitarbeit quasi vorprogrammiert ist.
- Ich habe mir länger nicht mehr die Auszüge der BfA angesehen, um keinen Tobsuchtanfall zu bekommen oder gleich aus dem Fenster zu springen, mal überspitzt gesagt
Und ich behaupte mal, so ziemlich jeder Speditionskaufmann, Außenhandelskaufmann oder Industriekaufmann, der direkt in Festanstellung bei einem Klein-, Mittel- oder Großunternehmen angestellt ist, verdient mindestens 25% mehr als ich. 25% mehr, die ihm mehr Sicherheit und ein etwas sorgloseres Leben bieten. Exakt mein Ziel, nicht mehr und nicht weniger.

Die Frage ist, was KANN ich noch leisten und womit will ich vor einem Arbeitgeber den proklamierten Durchschnittslohn gerechtfertigen? Schwächen habe ich ohne Ende.
• Belastbarkeit: sehr gering
• Multitasking: nicht möglich
• hohe Konzentration über einen längeren Zeitraum hinweg: kaum
• Auffassungsgabe: minimal, oft scheitert es in der Einarbeitungsphase (für mich die sensibelste und schlimmste Phase überhaupt), Verständnis von mündlich erklärten Arbeitsprozessen und –abläufen gleich Null, Mitschrift in all der Hektik und Panik nicht lesbar oder nicht eindeutig, mehrfaches Nachfragen – immer noch nicht verstanden. Gravierende Fehler, die sich wiederholen – Konsequenz Kündigung innerhalb der Probezeit – Die einfachsten Dinge fallen mir unendlich schwer
• Flexibilität: sehr schwach ausgepägt
• Abstraktionsvermögen: rudimentär
• Zahlenverständnis: stark defizitär

Stärken habe ich auch aber nichts, was mich von der Masse abhebt. Präsentationen, Textgestaltung, kreatives Schreiben, formulieren, konzipieren, lehren, beraten sind Dinge, die ich gerne mache, sehr gerne sogar. Die oben genannten Schwächen sind zu dominierend, um mit den kleinen Stärken etwas daraus zu machen. Und genau das macht mich stark depressiv.

Gruss,
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Re: ADHS und Kaufmännische Berufe

Beitragvon BarryWhite » 7. August 2013 05:27

Hi,
mir ist noch etwas eingefallen. Es klingt vielleicht manchmal arrogant und überheblich, ständig vom Traumjob zu reden und dies und das passt zu mir oder nicht….
Die Kriegsgeneration hätte mit Sicherheit ganz anders geschnackt: „Hauptsache ein Dach über’n Kopp und was zu fressen.“ Arm aber Hauptsache gesund und noch am Leben.

Hurra wir leben noch – Johannes Mario Simmel

Ein Mensch in Syrien würde über meine „Problemchen“ lachen und in vielen Ländern würde man über meine Haltung nur den Kopf schütteln.
„Maul halten und arbeiten.“ Egal, was und irgendwie überleben. Aber viel mehr ist das auch nicht, was ich mache.
Die elementarsten Bedürfnisse sind befriedigt, Essen, Unterkunft. Aber es gibt ja noch mehr und da ist es nicht sehr hilfreich in einem Hamburger Bonzenviertel zu leben, wo man täglich Dinge sieht, die einfach nur noch ekelerregend sind aber okay, das führt zu weit.

Gruss,
Barry White
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Re: ADHS und Kaufmännische Berufe

Beitragvon BarryWhite » 7. August 2013 05:31

Hallo Angie,

Psychotherapeut. Damit habe ich mich noch nie beschäftigt.

Hier steht etwas dazu:
http://www.bdp-verband.org/psychologie/ ... nung.shtml

20. Ist die Berufsbezeichnung "Psychotherapeut" gesetzlich geschützt?
Ja. Seit Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes am 1.1.1999 ist der Psychotherapeut ein Beruf mit gesetzlich geschützter Berufsbezeichnung. Nur approbierte Ärzte, approbierte Psychologische Psychotherapeuten und approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten dürfen diese Bezeichnung führen.
Auch die Berufsbezeichnungen "Psychologischer Psychotherapeut" und "Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut" sind geschützt. Diese darf nur führen, wer eine Approbation als Psychologischer Psychotherapeut bzw. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut besitzt. Siehe § 1 PsychThG und § 132a StGB.

21. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um in Deutschland Psychotherapie ausüben zu können?
Psychotherapie ist eine Heilbehandlung von Menschen mit seelischen Störungen und Krankheiten. Dafür braucht man in Deutschland eine staatliche Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde.
Diese staatliche Erlaubnis kann zum einen die ursprünglich den Ärzten vorbehaltene Approbation sein, die mit Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes auch Psychologen mit entsprechender Qualifikation erteilt wird (Approbation als Psychologischer Psychotherapeut oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut).
Die Approbation ist Voraussetzung für die kassenärztliche Zulassung. Diese wiederum berechtigt zur Niederlassung an einem bestimmten Ort und zur Teilnahme an der gesetzlichen Krankenversorgung, d. h. die Leistungen können nicht nur privat, sondern auch über die gesetzlichen Krankenkassen abgerechnet werden.
Zum anderen darf gemäß dem Heilpraktikergesetz (HPG) Psychotherapie ausüben, wer eine auf das Gebiet der Psychotherapie beschränkte Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde nachweisen kann.
Wer eine Erlaubnis nach HPG besitzt, darf die Leistungen lediglich privat, nicht aber über die gesetzlichen Krankenkassen abrechnen. Ohne Approbation darf die Berufsbezeichnung "Psychotherapeut" nicht geführt werden.

Gruss,
Barry White
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Re: ADHS und Kaufmännische Berufe

Beitragvon Sheherazade » 7. August 2013 08:59

[quote="BarryWhite"]
Aber es gibt ja noch mehr und da ist es nicht sehr hilfreich in einem Hamburger Bonzenviertel zu leben, wo man täglich Dinge sieht, die einfach nur noch ekelerregend sind aber okay, das führt zu weit.
[/quote]

Da sind wir wieder beim Thema Ortswechsel. Warum bleibst du da und suchst dir nicht DEN Flecken Erde auf dieser Welt, der für dich genau richtig ist?

Du misst dem Thema Arbeit einen Stellenwert in deinem Leben zu, den es gar nicht haben darf. Ich arbeite um zu leben, ich lebe ganz bestimmt nicht um zu arbeiten.
Zuletzt geändert von Sheherazade am 7. August 2013 09:01, insgesamt 1-mal geändert.
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Alter: 48

Re: ADHS und Kaufmännische Berufe

Beitragvon Eule » 7. August 2013 10:24

@Angie

Ich glaub mit dir ist der Überflug-Modus durchgegangen. Du meintest sicher PHYSIOtherapeut und hast da die Wegstaben verbuchselt. Zumindest läßt dein Link auf eine PHYSIOtherapeuten ausbildung 2 Zeilen weiter das vermuten.

@Barry

Ein PSYCHOtherapeut ist was komplett anderes, und der Berufszugang ist meines Wissens ausschließlich über ein Studium möglich, bzw über eine Zusatzausbildung, die jedoch von den Zugangsvoraussetzungen stark eingeschränkt ist. Abgesehen davon: Jemand der selber Psycho-Probleme hat muß erst mal die eigenen lösen, bevor er anderen helfen kann ihre zu lösen.

@Kaufleute

Ich hab auch eine kaufmännische Ausbildung, und ich hab seit weit über 10 Jahren nicht mehr auch nur annähernd im erlernten beruf gearbeitet, anfangs waren es kaufmännische Tätigkeiten über Personalleasing, und nun schon seit einer halben Ewigkeit ein gewerblicher Beruf. Die größten Schwierigkeiten für mich, besonders als ich mit Anfang 20 in  einem ländlichen Gebiet mit Kundenverkehr gearbeitet habe:

es war üblich, daß man die Kunden mit Namen kannte, üblicherweise wußte man auch was sie typischerweise wollten. Man fragte also nicht was darfs denn heute sein, sondern "Frau Meier, das übliche oder brauchen Sie was besonderes" und hatte mindestens die Hälfte des wahrscheinlich gewünschten schon zusammengefischt in der Zeit die der Kunde vom Eingang bis zur Theke brauchte. Es war auch normal daß man Smalltalk mit ihnen machte. Was macht das Enkelchen, gehts dem Gatten wieder besser, hoffentlich hat Ihnen der Hagel am Wochenende nicht die ganze Weinernte vernichtet. Man mußte also vom namen über Familienverhältnisse bis Interessen und berufe sehr viel über die Kunden wissen - und mir fiel es schwer bei 200 Kunden mir auch nur zu merken welches Gesicht zu welchem Namen gehörte. Es ging, wenn ich mit ihnen irgendwas verband, oder wenn sie mehr als einmal wöchentlich kamen. Aber die die selten kamen, und obendrein auch noch aussahen und redeten wie hundert andere alte Leute (und in dem alter ist natürlich jeder der über 40 ist alt, und die über 50 sind schon kurz vor bis kurz nach scheintot :breitgrinse1:) konnte ich mir auch nach 2 Monaten kaum bis gar nicht merken. Also klangen meine Kundengespräche immer distanziert, unpersönlich, und unverbindlich - und das war nicht das von meinem Ausbildungsbetrieb gewünschte.

Auch mit Dingen wie Ablage (numerisch oder alphabetisch in Karteikästen oder Aktenordner hatte ich so mein gebrassel - ich war damit langsam, weil ich es so doof und langweilig fand, und ich verhaspelte mich immer wieder darin. Dummerweise sind das Tätigkeiten die man Azubis gerne gibt, und die üblicherweise mindestens anderthalb bis zweieinhalb stunden des Arbeitstags ausmachten. Auch die Tatsache daß man diese Tätigkeiten unterbrechen mußte wenn wieder ein kunde reinkam, um diesen zu bedienen, war nicht gerade hilfreich fürs dranbleiben.

Blöderweise hatte die tatsache daß ich diese Basisdinge nicht gut konnte, zur Folge daß ich an die "spannenderen" Aufgaben wie qualifizierte Kundenberatung statt "Routineaufgaben", Bearbeitung von Anfragen/Reklamationen/Nachfragen die Recherche und Fehlersuche erforderten eben nicht rankam - frei nach dem Motto "Die kann ja schon die Grundlagen nicht, wie soll sie also diese schwierigeren Dinge hinkriegen?" Auch die tatsache daß auf meinem Schreibtisch immer Chaos herrschte weil ich Vorgänge nicht abschloß oder abgeschlossene Dinge nicht ablegte weil ja schon die nächste neue Aufgabe da lag, die zu erledigen wichtiger und spannender war als dieser blöde Ablagekram sorgte nicht gerade für Begeisterung bei Vorgesetzten und Kollegen.

Nach der Ausbildung war ich noch anderthalb Jahre in einem anderen betrieb im erlernten Beruf, bis man mich dann mit ähnlichen Begründungen wie in der Ausbildung nicht mehr gut fand, und mit Golden Handshake entsorgte. Danach habe ich über Personalleasing gearbeitet, Einsatzgebiete waren typischerweise Sekretariat und Assistenz der Geschäftsleitung, und es war dann ok und spannend, wenn der Einsatz kürzer als 6 Wochen dauerte, so daß der Reiz des Neuen und die Tatsache daß ich auch bei Routineaufgaben genau schauen mußte weil sie eben von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich gehandhabt wurden mir halfen. Obendrein konnte ich mit guten Fremdsprachenkenntnissen in Wort und Schrift "punkten" und die ausleihenden betriebe waren happy jemanden zu haben, der nicht völlig geflasht den Hörer in die Ecke schmiss wenn ein englisch oder französisch sprechender Kunde anrief und man ihm in seiner Sprache erklären mußte daß sein Ansprechpartner gerade nicht verfügbar sei, oder gar herausfinden mußte wer denn der Ansprechpartner sein könnte weil der Kunde den Namen nicht wußte, sondern nur angeben konnte um was für ein Problem es ging. Auch wenn Dienstreisen gebucht werden, Besprechungen inklusive Raumplanung, Unterkunft für Mitarbeiter anderer Niederlassungen oder Dozenten, Bestellung von Imbissen in der hauseigenen Kantine etc organisiert werden mußten fand ich das spannend, und brauchte dazu kaum mehr als eine Telefonliste der üblichen Dienstleister/Ansprechpartner sowie die Unterlagen der letzten ähnlichen Veranstaltung, um zu sehen in welchem Preisrahmen sich das bewegt hatte. Schlimm wurde es immer dann, wenn ich Einsätze bekam die weit überwiegend stereotype Aufgaben, Ablagetätigkeiten oder Datentypistentätigkeiten beinhalteten - ging sowas länger als 14 Tage hätte ich schreiend davonrennen mögen. Überraschenderweise lag mein damaliges Gehalt im Leasing-Einsatz ungefähr auf dem gleichen Niveau das ich als Anfangsgehalt im erlernten beruf gehabt hatte - und ich fand es WIRKLICH reizvoll und spannend in so kurzer Zeit in so unterschiedliche Betriebe reinschauen zu können. Ich hatte allerdings auch den Vorteil, bei einer der größten und namhaftesten Zeitarbeitsfirmen die kaufmännische Arbeitskräfte verliehen zu sein, und zu deren Kunden zählten eben überwiegend namhafte Großunternehmen, von telekom über Bayer bis Ford jeweils samt Tochterunternehmen waren so ziemlich alle "großen" da Kunde.



@Arbeitslosigkeit

7% ist nicht viel, sondern noch so ungefähr im Bundesdurchschnitt. Habe ich hier im Kreis auch - und kann von Glück reden, da in meinem Bundesland der Durchschnitt über 8% liegt... Guck nach Bremen oder Richtung Osten, die fangen bei 8% mal eben an, und es geht bis weit über 11%, DAS ist wirklich viel. man kann sich die Dinge auch schlecht reden.

Wenn du die traumquoten des Südens und Südwestens mit unter 6% willst, wirst du deinen Hintern da hin bewegen müssen wo es das gibt. Das garantiert dir aber noch lange nicht, daß es dort einfacher wird als in Hamburg. Je nachdem in welchem Umfeld du dich bewegst, wirst du schon aufgrund der anderen Sprache immer mal wieder Irritationen erleben. Wenn dir ein Rheinhesse, ein Odenwälder, ein Schwabe oder ein Niederbayer in seinem Heimatdialekt erklärt was er will und du öfter als einmal nachfragen mußt um zu verstehen (und das am besten noch bei jedem dritten bis fünften Satz) ist das auch nicht wirklich etwas das deine Jobchancen erhöht.

@Durchschnittsjahresbrutto

30.000 Euro sind 2500 brutto monatlich, wenn man von 12 Jahresgehältern ausgeht. Nicht wirklich viel, zugegebenermaßen. Besonders wenn man möglicherweise auch noch alleinstehend und kinderlos ist und somit jede Menge an Steuern und Sozialversicherung davon abgezogen wird. Hatte ich noch nie - ich lag seit der Euroeinführung üblicherweise zwischen 1800 und 2000 brutto monatlich in vollzeit. Was allerdings viel deutlicher bemerkbar war/ist, sind bei mir die immer wieder auftretenden Ausfallzeiten. Mal hier ein Monat arbeitslos, mal da zwei Monate arbeitslos, die letzten gut 2,5 Jahre in Teilzeit weil ich den Stress und die stundenbelastung im gewerblichen bereich vollzeit nicht mehr hätte stemmen können. DAS ist es was das Durchschnittsjahresbrutto gnadenlos in den Keller reißt. Bei 2000 brutto monatlich kommen etwa 1250 netto raus für Steuerklasse 1, macht sagenhafte 750 Euro Arbeitslosengeld. 2 Monate arbeitslos und 10 Monate 2000 brutto machen schon "nur noch"  21.500 Euro Jahreseinkommen statt 24.000 - und so wie du deine Berufssituation schilderst vermute ich den Knackpunkt weit eher an dieser Stelle.

Bei mir stehen auf den Steuerkarten der letzten Jahre Bruttojahreslöhne zwischen 15.000 und 20.000 Euro. Machbar war das Leben davon allerdings auch deshalb, weil es zusätzlich zum Lohn steuerfrei Nachtarbeitszuschläge, Spesen oder Auslöse gab, und ich selbst in teilzeit noch mindestens den halben Monat jeweils über mehrere tage in Serie nicht heimkam. Dummerweise schlägt sich das weder im Rentenkonto noch in der berechnung von Arbeitslosengeld oder ähnlichen Ansprüchen nieder. Von der tatsache daß die unregelmäßigen Arbeitszeiten, schichtdienste und die oft völlig unberechenbaren Abwesenheitszeiten von zuhause allerdings auch eine nicht unerhebliche seelische Belastung bedeuten mal ganz abgesehen.

Sicher hätte ich auch gern mehr Geld, und auch ich schiele in Richtung meines Rentenkontos und habe keine Ahnung wie ich es schaffen soll dafür zu sorgen daß meine Altersrente sich im Bereich von auch nur etwa 1000 Euro monatlich bewegt. Der letzte Auszug sagt, daß ich wenns für die verbleibenden gut 20 Jahre Berufsleben bei mir so weiterläuft wie die letzten 5 Jahre von unter 300 Euro Regelaltersrente ausgehen kann. Da ist zwar auch noch etwa ein Jahr völlig ohne Beitragszahlungen mit drin, und eben die 2,5 Jahre teilzeit, so daß ich denke wenn ich es schaffe einen Berufswechsel hinzukriegen, und halbwegs konstant auch nur im bereich von 20.000 bis 25.000 Jahresbrutto liege, daß sich da noch was bewegen läßt.

Aber bei deinen Zahlenjonglagen habe ich das Gefühl, daß du zum einen die Wirkung von Nichtbeschäftigungszeiten auf den Jahresdurchschnitt unterschätzt, und zum anderen mit einem badenwürttembergischen oder bayerischen Lohnniveau kalkulierst das durch so gut wie alle Branchen hindurch in Hamburg nicht erzielbar ist. Mal ein beispiel aus meinem bereich: Das was im Kölner Raum die genannten 1800 bis 2000 brutto (in Einzelfällen bis 2200) bringt, bringt im Stuttgarter Raum zwischen 2300 und 2800 brutto, und in Hamburg versucht man teilweise dich mit 1600 abzuspeisen, da ist es ein 6er im Lotto wenn du über 1900 liegst. Im Berliner Raum zahlt man dafür zwischen 1200 und 1500 brutto.

Und das Gefälle wird bei anderen Branchen/Tätigkeiten ähnlich liegen - da hilft rumheulen und nicht miteinander vergleichbare Dinge in Milchmädchenrechnungsstrategie zueinander in Bezug setzen garantiert nur den Frust zu verstärken.

Anstatt einen neuen Job zu suchen solltest du vielleicht zuallererst mal was gegen deine Depris unternehmen. Du wirst dich sicher nicht als Gewinn für einen potentiellen Arbeitgeber präsentieren können wenn du so mies drauf bist. Und so wie ich es verstehe, hast du ja immerhin momentan einen Job, auch wenn du den nicht toll findest. Mach den halt erst mal weiter so gut wie du kannst, und schau daß du mit Psychotherapie und ggf Medis deinen seelischen Zustand stabilisierst, du kannst durchaus auch deine beruflichen Perspektiven und Zukunftsängste zum thema machen in einer Therapie.
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Re: ADHS und Kaufmännische Berufe

Beitragvon Angie » 7. August 2013 23:32

@Eule ja du hast recht.  :ups:  Das liegt daran, diese Unkonzentriertheit ........... in den Ferien bin ich wieder ich.  :6094:
Ich habe nix Schlimmes, ich habe....eij gugg mal nen Eichhörnchen.
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Re: ADHS und Kaufmännische Berufe

Beitragvon BarryWhite » 8. August 2013 05:47

Moin, Moin,

erst einmal möchte ich mich ganz herzlich für Eure vielen Postings bedanken.

@Sheherazade: Arbeit hat bei mir Null Stellenwert. Nur einen negativen, indem durch die schlechte Stimmung, miese Bezahlung, etc. natürlich auch das Privatleben vollkommen „vergiftet wird“. 8 Stunden sind einfach zu lang, um die nach Feierabend einfach so wegzuwischen. Ich hatte, wenn ich mich recht entsinne, auch nie einen Job (alles kaufmännischer Mist) gehabt, der mir auch nur ansatzweise Spaß gemacht hätte. Bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen, wenn ich mich mal länger mit einer schönen Präsentation beschäftigen durfte.

Arbeit, Maloche, Job - ist leider ein notwendiges Übel. Hätte ich ausgesorgt, würde ich mir auch niemals diese Tretmühle in Großraumbüros aussuchen und mich diesem ganzen Elend dort freiwillig aussetzen. Da ich aber finanziell von einer Erwerbstätigkeit abhängig bin, beeinflusst die Höhe des Einkommens natürlich maßgeblich meinen Lebensstandard und mein Konsumverhalten.
Bulette mit Fritten rot-weiß oder korsischer Ziegen- oder Schafskäse mit erlesenem, 5-Sterne-Olivenöl aus Kreta?
Unterbezahlter Büroknecht & Hilfsarbeiter im stickigen Büro (Fenster auf, bedeutet ja angeblich Zugluft für die teure Haarpracht der überbezahlten Festangestellten und wer braucht schon Sauerstoff?) mit undankbaren, beschissenen Aufgaben plus täglichem Anschiss wegen Underperformance oder auf seinem eigenen Wald- und Wiesen-Grundstück sitzen, gepflegt Weißbier trinken, Karpfen angeln und kreative Texte auf einem niegelnagelneuen Mac-Notebook (nein, die Marke ist egal – Medion tut es schließlich auch) schreiben, um es mal in zwei Extremen auszudrücken. Macht für mich schon einen großen Unterschied. Reines Überleben auf niedriger Stufe oder ein erfülltes Leben mit zahlreichen Optionen?

@Eule: Dein Text hat mich sehr beeindruckt. Kundenservice hat in der Tat sehr viel mit „Beziehungspflege“ zu tun. Man muss es mögen. Wenn ich dafür gut bezahlt würde, würde ich mit der Kundschaft auch die ganze Zeit über ihr familiäres Umfeld, über den HSV und die nächste 2:9 Pleite gegen Bayern München oder über Gott und die Welt schnacken.
Meine Freundin möchte gerne hier in HH bleiben, sonst wäre ich vielleicht schon längst in Süddeutschland.

Traumjob Customer Service/Vertriebsinnendienst bei Erdinger, Paulaner oder … dieses sagenhaft gute AKTIEN Landbier (fränkisch dunkel) aus Bayreuth. Ein großartiges Produkt, was ich gerne und mit Freude in der ganzen Welt vertreiben würde.

Es ist nicht nur so, dass die Bayern besseres Bier (Bierstadt Bamberg – ein Dunkelbier Schlenkerla, etc. besser als das andere) als wir Nordlichter (Plörre wie Astra oder Holsten) produzieren, in ihrem sonnendurchflutetem Land steckt auch ein Vielfaches mehr Lebensfreude als in Norddeutschland. Als Beispiel die Biergärten (mit einem zivilen Preisniveau – außer Minga / München vielleicht – von dem wir nur träumen), das gesunde, kernige urwüchsige Leben (ich überzeichne das jetzt mal etwas), die überschäumende Lebensfreude auf den zahlreichen fränkischen Bier- und Weinfesten, die feschen, kontaktfreudigen, dunkelhaarigen, tief gebräunten Madln (aus dem Alter bin ich aber raus), die vielen lokalen kulinarischen Spezialitäten, die man gar nicht aufzählen kann, das Brauchtum, was auch jede Menge mit Identifikation und Wurzeln seiner Bewohner zu tun hat, ihre phantastische Landschaft mit den vielen Nationalparks, die exzellenten Angelgewässer, das fast schon südländische Gepräge, ihre fußballerische Dominanz, und, und, und.

Ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte, dass der Freistaat Bayern einfach das bessere Deutschland ist. Besser organisiert, wirtschaftlich erfolgreicher, mehr Lebensqualität, favorisierendes Klima (obwohl in der letzten Zeit hatten wir in HH auch ein Klima wie in Freiburg/Oberrheingraben – okay ist auch Baden-Württemberg) und bietet seinen Leuten irgendwie Wurzeln, weiß nicht, wie ich das anders ausdrücken soll. Und obwohl Bayern noch vor nicht allzu langer Zeit mal zu den strukturschwachen Agrarprovinzen Deutschlands gehörte. Aber irgendwann haben sie mal die Ärmel hochgekrempelt „Pack ‚mers, Buam.“ und heute sind sie das Vorzeigebundesland vor Italien. Vielleicht auch dank eines gewissen Franz Josef Strauß, der damals in den 80er Jahren bei uns immer so verhasst war.

Ich möchte noch einmal auf das Thema Gehalt/Rente zurückkommen.  Da sprichst Du ja etwas an, womit ich mich noch gar nicht beschäftigt hatte. Auch meine 4 Arbeitslosigkeiten (von 3-6 Monaten) werden folglich auch Konsequenzen für die Bemessung der Altersrente haben. Gruseliges Thema und deswegen ist es ja von so entscheidender Bedeutung, noch einmal 10 oder 15 Jahre gutes Geld zu verdienen, um beim Erreichen des Rentenalters nicht vollkommen „nackt“ da zustehen. Ich nutze natürlich auch VWL (mickriger Betrag bei mickrigem Gehalt) für ein Riesterprodukt aber es wird mit Sicherheit nicht reichen, um im Alter nicht völlig mittellos zu sein. Ehrlich gesagt, habe ich da überhaupt keinen Plan B und die Zukunft wird mit Sicherheit nicht rosiger: Rezessionsphasen, Inflation, weitere Preisexplosionen – am besten all dies vollkommen ausblenden….Mehr fällt mir dazu auch nicht ein.
Wenn man jedoch die permanent steigenden Beamtenpensionen betrachtet. Gehässig gesagt, viel süßes Nichtstun, pünktlich Dienstschluss um 15:00 und spätestens mit 45 in Rente, um sich vollends mit der Malerei auf der Landvilla in der Toscana beschäftigen zu können, wenn man all dieses hört, dann geht das Klappmesser auf … nein, aber dann wird deutlich, dass irgendwas in der Republik völlig aus dem Ruder läuft.

Was mich am meisten ärgert, ist dass ich aus der 60er Generation, Nachkriegsgeneration, keine geraubte Jugend in Stalingrad, sondern ein aufblühendes Land damals die allerbesten Startchancen überhaupt hatte, später mal ein sorgenfreies Leben führen zu können, wie das auch die meisten meiner damaligen Klassenkameraden getan haben.
Sie sind Ärzte, Rechtsanwälte, Software-Entwickler, etc. geworden, haben ausgesorgt und können sich mir 50 ganz entspannt zurücklehnen und einen exzellenten Montepulciano genießen.
Ich habe aber nichts daraus gemacht, eine einzige Kette aus Selbstüberschätzung, Fehlplanung, Setzen der falschen Prioritäten, Hineinstolpern von einer in die nächste Pleite und das Resultat bin ich jetzt als absolut perspektivloser Zeit-/Leih-/Hilfsarbeiter ganz unten angekommen. Aber okay, anderen geht es noch viel, viel schlechter aber es ärgert mich dennoch unendlich zu wissen, dass ich alles in den Sand gesetzt…okay jetzt Schluss damit.

Morgen ist endlich, endlich, endlich Wochenende – Biergartenzeit….

Gruss,
Barry White

PS: Manchmal denke ich, vielleicht sollte ich hier nicht so viel schreiben. Wer weiß, wer das alles mitliest…
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Re: ADHS und Kaufmännische Berufe

Beitragvon BarryWhite » 8. August 2013 05:51

Natürlich bin ich ein naiver Träumer.
Denn auch im Vertrieb bei Erdinger geht es letztendlich nicht um die Lobhudelei eines "phantastischen Konsumproduktes" sondern auch nur um nackte Zahlen: Kennzahlen, Umsatz, Gewinn.
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Re: ADHS und Kaufmännische Berufe

Beitragvon Sheherazade » 8. August 2013 09:19

Entschuldige bitte, wenn ich jetzt etwas direkt bin, aber ich denke, du suhlst dich gerade bewusst in deinem Elend und willst gar nicht aus dem Hamsterrad und deinen Tagträumen raus. Es ist völlig unproduktiv, darüber zu grübeln, was alles möglich gewesen wäre, wenn ..... wichtig ist doch nur, was realistisch überlegt JETZT gehen kann. Und vor allem WIE.

Auch mit 50 ist das Leben noch nicht zu Ende, man sollte es aber mal anpacken sonst ist das Leben vorbei während man immer noch darüber nachdenkt, was man alles verpasst und falsch gemacht hat.
Sohn *2003 - Autist mit komorbider ADHS
Sohn *2001 - ADS
2 Töchter *1998 und * 1989
Schmerz vergeht, aufgeben ist für immer.
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Re: ADHS und Kaufmännische Berufe

Beitragvon Nico_73 » 8. August 2013 10:07

Darf ich ehrlich sein ?

Für mich klingt das einfach nur von Neid und Missgunst zerfressen ?
Du jammerst aber änderst nichts. WAS ist an Zeitarbeit bitte so verkehrt ? Sieh es doch mal von der Seite dass sie ein Super Einstieg in eine Festeinstellung sein kann. Und selbst wenn es nicht so ist hat es trotzdem viele Vorteile. Hast du mal bei den Unternehmen in denen du im Einsatz warst hinter die Kulissen geguckt ? Da ist auch nicht alles rosarot da gibt es auch Mobbing, Lästereien, umsatzdruck und Kündigungen.

Ich habe 10 !!!!! Jahre in einem Zeitarbeitsunternehmen gearbeitet. Mit Absicht weil ich ein Ziel vor Augen hatte das ich erreichen wollte. Durch die ZA hatte ich die Möglichkeit mir ein unheimlich breites Wissen anzueignen und wahnsinnig viel zu lernen sowohl über verschiedene Wirtschaftsbereiche als auch verschiedene Unternehmensbereiche.

Letztendlich bin ich dahin gekommen wo ich hinwollte. Als gelernte Arzthelferin bin ich nun endlich am Ziel angekommen ich arbeite als persönliche Assistentin der Geschäftsführung festangedtellt bei einem der groesseren Maklerunternehmen Europas. OHNE Zeitarbeit und das wissen das ich dort erwerben konnte hätte ich das NIEMALS erreicht.

Ich finde du machst es dir etwas einfach damit nur auf alle und alles zu schimpfen wenn du etwas ändern willst dann zu es es liegt nur am dir allein.

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