Cannabis bei ADHS - Kommentierte Sammlung von Studien

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Drei
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Cannabis bei ADHS - Kommentierte Sammlung von Studien

Beitrag von Drei » 1. Januar 2019 11:25

Hallo liebes Forum,

in diesem Thread möchte ich Links zu wissenschaftlichen Studien zum Thema Cannabis bei ADHS sammeln. Meine Hoffnung ist u.a...
  1. ...dass ich damit bei der Zusammenstellung von Material für Anträge zur Kostenübernahme bei Krankenkassen helfen kann. Ich werde aber nicht ausschließlich positive Studien verlinken.
  2. ...ich die Möglichkeit gebe, Originaltexte zu lesen. Wenn in den Medien oder in Verbänden Studien herangezogen werden, dann können die Interpretationen vollständig gegensätzlich sein. Sprich A behauptet "Studie X beweist, dass Cannabis bei ADHS hilft". B hingegen behauptet "Studie X beweist, dass Cannabis bei ADHS nicht hilft". Dieses Phänomen tritt auch auf, wenn Studien andere Studien zitieren. Die Frage ist dann natürlich, was denn wirklich in Studie X steht.
  3. Als Patient ist zudem hilfreich zu erfahren, welche Informationen die andere Seite überhaupt zur Verfügung hat. Während man bei sich selbst z.B. eine positive Wirkung bei ADHS verspürt, wundert man sich gleichzeitig, warum der Arzt diese Erfahrung belächelt auf gar keinen Fall Cannabis verschreiben möchte. Der Arzt hingegen hat vielleicht eine Studie gelesen, die ihn auf Patienten mit Cannabiserfahrung vorbereiten möchte, indem sie zwar auf annekdotisch positive Evidenz hinweist, gleichzeitig aber darzulegen versucht, wie wirkungslos und gefährlich Cannabis bei ADHS sei (wo wir wieder bei Punkt 2 wären).
Das große Hindernis dabei ist, dass die meisten Studien hinter sogenannten Paywalls stehen. D.h. man muss als Normalsterblicher für den Zugang bezahlen, und zwar nicht zu knapp. Unter dem Open Access-Modell frei für jedermann verfügbare Studien habe ich mit OA gekennzeichnet. Diese können meist sogar direkt Online gelesen werden.
Um an die Studien hinter den Paywalls zu gelangen hilft es, wenn man Zugang zu einer Universitäts-Bibliothek hat. Diese haben die meisten wissenschaftlichen Journale abboniert und damit vermutlich auch Zugriff auf die hier verlinkten Studien. An Terminals in der Bibliothek sollte man sie also lesen können.
Es gibt auch noch andere Wege, an die Studien zu gelangen. Diese sollte ich hier aber nicht erörtern.
Alle Studien haben übrigens einen Abstract, das ist eine kure Zusammenfassung der Ergebnisse, der frei einsehbar ist. Viele interessante Informationen finden sich aber erst in den Volltexten.

Da im Forum Beiträge nach einiger Zeit nicht mehr editiert werden können poste ich jede Studie als einzelne Antwort.

Natürlich würde ich mich freuen, wenn ihr die einzelnen Studien kommentieren und vielleicht sogar Tipps für weiteres interessantes Material geben könntet.
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Medical Cannabis for Adult Attention Deficit Hyperactivity Disorder: Sociological Patient Case Report of Cannabinoid...

Beitrag von Drei » 1. Januar 2019 11:27

Medical Cannabis for Adult Attention Deficit Hyperactivity Disorder: Sociological Patient Case Report of Cannabinoid Therapeutics in Finland - 2018 - OA

Im November 2018 publizierte Studie, die als Open Access verfügbar und auch für Laien verständlich ist. Zudem findet sich in der Einführung eine gute Übersicht über den aktuellen Forschungsstand. Daher ist diese Studie der perfekte Einstieg. Allerdings ist es eine Fallstudie (n=1), daher werden hier keine Allgemeingültigen Aussagen gemacht. Vielmehr soll diese Art der Studien zeigen "Seht her, da ist etwas, das sich zu untersuchen lohnt".

Zitat:
During a 5-year period of access, Bedrocan®, which mainly contains Δ9-tetrahydrocannabinol (Δ9-THC), was found to be helpful in alleviating the patient’s ADHD symptoms, in particular poor tolerance to frustration, outbursts of anger, boredom, and problems related to concentration. The second CT medication, Bediol®, which contains both Δ9-THC and the phytocannabinoid cannabidiol, was found to neutralize the excessive dronabinol effects of Bedrocan® as well as zo offer other medical benefits (e.g., improved sleep).
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SUCCESSFUL THERAPY OF TREATMENT RESISTANT ADULT ADHD WITH CANNABIS: EXPERIENCE FROM A MEDICAL PRACTICE WITH 30 PATIENTS

Beitrag von Drei » 1. Januar 2019 13:14

Sucessful therapy of treatment resistant adult ADHD with cannabis: Experience from a medical practive with 30 patients - 2015 - OA

Kein Paper, sondern ein sogenanntes "Poster". Dabei handelt es sich um eine Kurzzusammenfassung von Forschungsergebnissen, die auf einer wissenschaftlichen Konferenz präsentiert wird. In diesem Fall war das die "7th European Workshop on Cannabinoid Research and IACM 8th Conference on Cannabinoids in Medicine".
Es handelt sich in diesem Fall um einen Bericht aus der medizinischen Praxis, in dem der Therapieverlauf von 30 ADHS-Patienten, die andere Präparate aufgrund von Nebenwirkungen nicht einnehmen können und daher Cannabis-Präparate erhalten, dargestellt wird. Das ganze ist noch aus der Zeit, als man in Deutschland für medizinale Cannabis eine Ausnahmegenehmigung gebraucht hat.
Wichtiger Punkt: Alle Patienten hatten bereits Erfahrung mit Cannabis, daher kann die Erfolgsquote von 100% nicht auf die Allgemeinheit der ADHS-Betroffenen übertragen werden.

Zitat:
Many patients were diagnosed before with cannabis use disorders by psychiatrists in hospitals or medical practices due to misinterpretation of effective illegal self-medication. Patients reported that their therapeutic experiences were not taken seriously by most physicians and that they were not listening to them due to strong prejudices. In many cases parents and/or spouses wrote testimonies on their observations confirming their statements.
Wahrscheinlich ist das ein guter Tipp, wenn euer Arzt oder eure Krankenkasse skeptisch ist. Eine Fremdbeobachtung (z.B. vom Lebenspartner) ist überzeugender als was ihr an euch selbst erkennt.
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Cannabinoids in attention-deficit/hyperactivity disorder: A randomised-controlled trial - 2017

Beitrag von Drei » 1. Januar 2019 17:56

Cannabinoids in attention-deficit/hyperactivity disorder: A randomised-controlled trial - 2017

Hierbei handelt es sich sowohl um die derzeit wichtigste, als auch um die derzeit umstrittenste Studie und leider nicht Open Access. Aufgebaut ist sie als randomisierte kontrollierte Studie, das ist quasi der Goldstandard in der medizinischen Forschung. Dabei werden die Patienten zufällig einer Gruppe zugeordnet, die den Wirkstoff als Therapie erhält und einer Placebo-Gruppe.
Die Studie ist sorgfältig durchgeführt, trotzdem werden die Ergebnisse völlig unterschiedlich interpretiert:

Zitat Internationale Arbeitsgemeinschaft Cannabis in der Medizin zur Studie:
Cannabis war mit einer signifikanten Verbesserung der Hyperaktivität/Impulsivität und einer kognitiven Maßzahl der Hemmung verbunden, sowie mit einem Trend zu einer Verbesserung der mangelnden Aufmerksamkeit und emotionalen Labilität. Die Forscher schrieben, dass „Erwachsene mit ADHS eine Untergruppe von Personen darstellen könnte, die nach Cannabiskonsum eine Reduzierung der Symptome und keine kognitiven Beeinträchtigungen erlebt“.
Zitat aus einer Stellungnahme des Zentralen ADHS-Netzwerks:
Eine kürzlich erschienene experimentelle randomisierte kontrollierte Studie, die die Wirkung von Cannabinoiden auf die ADHS-Kernsymptomatik untersuchte, konnte keine positiven Effekte auf die primären Outcomes, nämlich die im QbTest gemessenen neuropsychologischen Leistungsparameter und das Aktivitätslevel belegen.
Wir haben also ein und diesselbe Studie mit völlig konträrer Interpretation.
Einen Hinweis auf den Grund dafür gibt der Cannabis-Report 2018 der Techniker Krankenkasse:
Die Ergebnisse zur kognitiven Leistung und zum Aktivitätslevel der Patienten unterschieden sich trotz einer tendenziellen Überlegenheit der Sativex-Therapie nicht signifikant zwischen den Behandlungsgruppen. Die Symptome Hyperaktivität und Impulsivität verbesserten sich in der Sativex-Gruppe hingegen signifikant gegenüber der Vergleichsgruppe. [...] Es werden noch weitere Studien benötigt, die eine mögliche Wirkung von Cannabis auf die Symptome von ADHS bei Erwachsenen belegen könnten.
Meine persönliche Kurzusammenfassung der Studie:
  • Sativex wirkte bei den Teilnehmern ähnlich stark wie Stimulanzien und hatte vergleichsweise wenig Nebenwirkungen.
  • Die Anzahl der Studienteilnehmer (insgesamt 30) war zu niedrig, um Zufall hinreichend auszuschließen (d.h. die Ergebnisse sind nicht signifikant).
  • Eine Studie gleichen Aufbaus mit 84 oder mehr Teilnehmern würde Gewissheit schaffen.
Meine Kommentare dazu:
Leider ist die einzige Studie zur Wirksamkeit von Cannabis (bzw. als Extrakt in Sativex) nach dem medizinischen Goldstandard zu klein ausgefallen. Meine Therapeutin meinte (noch bevor ich die tatsächliche Anzahl der Probanden nannte) dass man bei ADHSlern mindestens 100 Teilnehmer bräuchte. Die in der Studie berechneten 84 liegen in einer ähnlichen Größenordnung.
Interessant finde ich, dass sich die oben zitierten Kritiker auf das statistisch nicht signifikante "primäre Ergebnis" stützen (kognitive Leistungen) während die "sekundären Ergebnisse" (darunter Hyperaktivität und Impulsivität), die als signifikant angesehen werden können, unter den Tisch fallen. Bei mir waren es aber gerade diese "sekundären" Probleme von ADHS, die mir und meiner näheren Umgebung das Leben schwer gemacht haben.
Die Verbessung der kognitiven Leistung könnte meiner Meinung nach noch deutlicher ausfallen, wenn statt Sativex ein THC-dominantes Präparat wie Bedrocan zum Einsatz käme.

Zitate aus der Studie:
Although results did not meet significance following adjustment for multiple testing, there were no negative effects on any outcome measure.
[...]the absence of any negative effect on cognitive performance is of potential interest. The finding that Sativex has no negative effect on cognitive performance in ADHD is surprising, given that cannabis use is generally associated with impaired cognitive function.
The finding of a lack of adverse effects and a trend towards benefit of Sativex on cognitive performance and ADHD symptoms lend some support to the theory that individuals with ADHD use cannabis as a form of selfmedication.
With regard to effect size, the point-estimates (the estimated change in slope in the active compared to placebo group) for cognitive performance and ADHD symptoms are similar to those previously reported after treatment of ADHD with stimulant medications.
Given the largest treatment effects were found for the secondary outcome hyperactivity/impulsivity, we would consider using this as our primary endpoint in a future trial. Such a trial would need approximately 84 participants distributed in a 1:1 ratio between the treatment arms to achieve 80% power (d=0.6, α=0.05).
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Cannabis verbessert Symptome der ADHS - 2008 - OA

Beitrag von Drei » 1. Januar 2019 18:27

Cannabis verbessert Symptome der ADHS - 2008

Wahrscheinlich der Klassiker unter den Studien zu Cannabis und ADHS und glücklicherweise Open Access. Auch hier wird ein einzelner Fall beschrieben. Erstaunlich ist die Jahreszahl - 2008 ist inzwischen mehr als eine Dekade her. Dargestellt wird der Fall eines Probanten, der an ADHS leidet und bei einer sehr hohen Konzentration von THC im Blut am Fahrsimulator normale bis überdurchschnittlich gute Leistungen erziehlt. Sowohl bei ADHS, als auch bei Cannabiskonsum wäre eigentlich eine Verschlechterung zu erwarten. Das wird als Hinweis gesehen, dass Cannabis-Konsum bei ADHS-Patienten eine paradoxe Wirkung entfalten kann. Vermutlich war die Studie ein Augenöffner für viele, die sich in diesem Paradoxon wiedererkannten.

Zitat (Beschreibung des Patienten unter Cannabis-Einfluss):
Er wirkte dabei ruhig, aber nicht sediert, geordnet und beherrscht. Im Unterschied zum Erstkontakt konnte er Argumente annehmen und diskutieren. Wenn er deutlich machen wollte, dass THC für seine Lebensqualität unabdingbar sei, wirkte er engagierter, ohne aber die Beherrschung zu verlieren. Vielmehr zeigte er sich weitaus verständnisvoller auch für die Situation
des Gutachters, und ließ erkennen, dass es bis zur Wiedererteilung der Fahrerlaubnis möglicherweise ein längerer Weg sei, den er aber beschreiten wolle. Weder von seinem Verhalten, der Motorik, der Stimmungslage oder dem Bewusstsein fanden sich irgendwelche Anhaltspunkte oder Auffälligkeiten, die auf den Konsum einer psychoaktiv wirksamen Substanz hätten hinweisen könnten.
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Re: Cannabis bei ADHS - Kommentierte Sammlung von Studien

Beitrag von Theorist » 2. Januar 2019 20:13

Danke für die Zusammenstellung!
Diese Welt ist ständig durch zwei Dinge bedroht: durch Ordnung und Unordnung. (Paul Valery)
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Re: Cannabis bei ADHS - Kommentierte Sammlung von Studien

Beitrag von Falschparker » 2. Januar 2019 23:42

Was du zitierst bezieht sich auf die unmittelbare Wirkung, wenn ich nichts überlesen habe.

Wurde denn auch mal (in einer Studie, nicht durch Einzelbeobachtung) die Einnahme über einen längeren Zeitraum (1/2 bis 1 Jahr) beobachtet und dabei eine eventuelle Toleranzentwicklung, die kognitive Leistung bei mehrmonatiger Einnahme und die häufig genannten Risiken Antriebsminderung und Psychose betrachtet?

Ich meine, bevor das gründlich erforscht ist, könnte man das doch niemand seriös empfehlen? Martin Winkler sagt, das Gehirn von ADHS-Veranlagten sei besonders vulnerabel und daher eine Cannabismedikation bei ADHS (sinngemäß) russisches Roulette. Kann sein dass er nicht recht hat, ich kann es nicht beurteilen, aber bevor man das durch Studien sicher weiß sollte man den Wirkstoff wohl besser nicht ADHS-Patienten nehmen lassen, oder?

(Final Krebskranke/Schmerzpatienten oder schwer MS-Betroffene haben insofern weniger zu verlieren, zynisch gesagt, aber zur ADHS-Behandlung möchte man ja "seinen" Wirkstoff jahrzehntelang nehmen können, ohne sich zu ruinieren.)

Und wie genau sind die gebräuchlichen Cannabiszubereitungen dosierbar?
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Re: Cannabis bei ADHS - Kommentierte Sammlung von Studien

Beitrag von ULBRE » 3. Januar 2019 00:08

Hallo.

hier der Link auf meine Sammlung zum Thema Cannabismedikamentierung bei AD(H)S.
https://www.adxs.org/cannabinoiderge-me ... t=cannabis

Viele Grüsse

UlBre
„Wenn ein unordentlicher Schreibtisch einen unordentlichen Geist repräsentiert, was bedeutet dann ein leerer Schreibtisch ?“ Albert Einstein
Ich hab einen eher wissensorientierten Schreibstil. Als eine Stimme im Chor find ich das ganz ok. Mehr soll das auch nicht sein.
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Re: Cannabis bei ADHS - Kommentierte Sammlung von Studien

Beitrag von Drei » 3. Januar 2019 17:47

Falschparker hat geschrieben:
2. Januar 2019 23:42
Was du zitierst bezieht sich auf die unmittelbare Wirkung, wenn ich nichts überlesen habe.
Genau. Aber es kommen noch mehr Posts, die andere Bereiche der Forschung abdecken.
Falschparker hat geschrieben:
2. Januar 2019 23:42
Und wie genau sind die gebräuchlichen Cannabiszubereitungen dosierbar?
Sativex ist ein Mundspray. Cannabis Flos wird normalerweise mit einem Vaporizer verdampft. Der Apotheker, von dem ich Bedrocan beziehe, hat mir zudem von Patienten erzählt, die die Blüten in Öl kochen und sich so ihr eigenes Extrakt herstellen.
Solche Extrakte sind im Ausland auch als Fertigprodukte zur medizinischen Anwendung verfügbar.

Mit dem Dosieren über Vaporizer habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Wirkung hat nach ca. 15-30 Minuten voll eingesetzt und ich kann mein Level bis zum Schlafengehen halten, indem ich alle 3-4 Stunden nochmals inhaliere. Sprich ich habe keine Probleme mit Rebound oder damit, dass meine Nahrung die Wirkung der Medikamente beeinflussen könnte. Das tut auch meiner Beziehung gut, Rebounds hätten wahrscheinlich zur Trennung geführt...
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