Könnte es ADS sein ?

Erwachsene u. Kinder
Dieses Board ist auch für Gäste sichtbar!
Conscript1991
Andersweltler
Beiträge: 5
Registriert: 4. Juli 2018 11:44

Könnte es ADS sein ?

Beitragvon Conscript1991 » 4. Juli 2018 15:32

Hallo,

ich bin 27 Jahre alt und habe eine sehr lange Krankheitsgeschichte mit verschiedensten Diagnosen hinter mir.
Dementsprechend mache ich seit meinem 6. Lebensjahr (mit einigen Pausen) durchgehend Therapie.
Zunächst bei einer Kinder- und Jugendpsychotherapeuten. Jetzt seit gut 4 Jahren eine analytisch
fundierte/tiefenpsychologische Therapie. Stationär war ich das erste mal mit 13 und in den letzten
Zehn Jahren weitere 6 mal. Medikamentös behandelt werde ich ebenfalls seit 10 Jahren.

Aktuelle Diagnosen sind: Ängstlich-Vermeidende Persönlichkeitsstörung und rezidivierende Depression

Ausprobiert wurde Citalopram, Cipralex, Trimipramin, Mirtazipin, Seroquel prolong, Venlafaxin, Duloxetin, Pregabalin und Quilonum
Bisher helfen alle nur sehr gering. Ohne geht es gar nicht mehr.

Ich war als Kind sehr ängstlich, mit 13 hat sich eine Angst- und Panikstörung entwickelt. Mit 17 wurde daraus
zunächst eine Zwangsstörung und dann eine depressive Störung

Als Kind hatte meine Grundschullehrerin mal den Verdacht auf ADS geäussert.
- In der Grundschule habe ich häufig nicht aufgepasst
- Im Unterricht war ich verträumt oder habe mit meinem Kuscheltier gespielt
- Ich konnte nicht gut still sitzen und habe den Unterricht gestört
- auf der Weiterführenden Schule mit höherem Unterrichtsniveau hatte ich sehr schlechte Noten

Heute als Erwachsener quält mich vor allem folgendes:
- Antriebslos. Kann mich oft nicht überwinden Dinge zu tun.
- Erschöpft. Immer Müde, kann immer schlafen, kann nicht lange stehen
- Gleichzeitig innerlich Unruhig. Immer mit Bein wippend, auch im Bett.
- Grübelzwang. Grübeln über Zukunft, bildliche Vorstellungen
- Kann nicht lange zuhören, wenn es mich nicht interessiert,
- wechsel schnell zwischen den Themen, Falle anderen ins Wort.
- Kann Bücher nicht länger als ein paar Seiten lesen.
- Oft sehr kindisch und albern
- Kann mich nur schwer organisieren und schiebe vieles auf
- In Filmen und Serien verstehe ich die Zusammenhänge oft nicht so schnell
und man muss sie mir erklären
- Starke Stimmungsschwankungen nach unten meist mit Auslöser.
- Stark schwankende Interessen. Ein Thema für das ich mich heute brennend interessiere
kann mir mrgen schon wieder total egal sein

Ich frage mich mittlerweile, da ich schon so viele stationäre Aufenthalte hinter mir habe,
schon so lange Therapie mache und schon so viele Medikamente ausprobiert habe, warum
ich trotzdem mein Leben immer noch nicht im Griff habe. Besonders auffallend finde ich,
dass die Antidepressiva nicht wirken. Könnte es sich bei mir nicht tatsächlich um ADS im
Erwachsenenalter handeln ? Das würde doch auch völlig anders behandelt werden...
ULBRE
Spezial User
Beiträge: 274
Registriert: 8. Februar 2018 22:08

Re: Könnte es ADS sein ?

Beitragvon ULBRE » 4. Juli 2018 15:45

Hallo Conscript,

erst einmal willkommen im Forum.
Was Du schreibst könnte auf ADS hindeuten, muss es aber nicht sein. Dazu müssen wir ein wenig tiefer schauen.

Zunächst einmal zur Abgrenzung zwischen ADS und Depression:
Eine leichte chronische Depression ist ein typisches AD(H)S Symptom. Die leichte chronische Depression heißt dann Dysphoprie oder Dysthymie und tritt bei AD(H)S insbesondere bei Inaktivität auf (eines der Wender-Utah-Kriterien für AD(H)S bei Erwachsenen)
Von einer echten (mittleren bis schweren) Depression unterscheidet sie sich, indem sie bei Dingen, die einem Spaß machen, die einen interessieren, wie weggeblasen ist, aber zuverlässig wiederkommt, sowie man inaktiv wird. außerdem besteht sie über Jahre oder - AD(H)S-typisch - schon eher das Leben lang. Leichte Depression heißt, dass das Leben grau ist.
Eine echte (mittlere bis schwere) Depression Tritt dagegen eher Phasenhaft auf, also über Wochen, Monate oder vielleicht mal ein Jahr und dann wird alles richtig dunkel bis hin zu schwarz. Es gibt keine Differenzierung mehr zwischen Dingen die einem Spaß machen und die keinen Spaß machen: alles ist uninteressant.

AD(H)S hat viele mögliche Symptome.
Ich betrachte sie allesamt als „funktionale“ Stresssymptome. Sie sind zum Überleben in einer möglichen Stresssituation durchaus hilfreich (im Gegensatz zu disfunktional gewordenen Stresssymptomen, wie bei einer "echten" Depression, bei der die Dysphorie so stark geworden ist, dass man sich nicht mehr rühren kann, der Angst bei einer Angststörung, die nicht mehr nur die erhöhte Sorge bei funktionalem Stress ist oder den Zwängen einer Zwangsstörung, die weit über die erhöhte Vorsicht bei funktionalen Stress hinausgehen.

Jeder Mensch hat einzelne dieser Symptome häufig, also auch wenn er kein ADHS hat. Der Unterschied ist, dass AD(H)S-Betroffene sehr viele dieser Symptome häufig haben.
Du kannst Dur ja mal die Liste meiner Sammlung von Symptomen anschauen:
https://www.adxs.org/symptome-von-adhs/symptomgesamtliste-nach-erscheinungsformen/
Wenn Du bei mehr als der Hälfte das deutliche Gefühl hast, dass sich das betrifft (natürlich mit Ausnahme von Hyperaktivität), Spricht einiges für ADS.
Wenn es deutlich weniger sind, aber auch mehr als - sagen wir mal - 10 %, dann kann das damit zusammenhängen, dass auch andere Störungen funktionale Stresssymptome auslösen.


Viele Grüsse

UlBre
„Wenn ein unordentlicher Schreibtisch einen unordentlichen Geist repräsentiert, was bedeutet dann ein leerer Schreibtisch ?“ Albert Einstein
Conscript1991
Andersweltler
Beiträge: 5
Registriert: 4. Juli 2018 11:44

Re: Könnte es ADS sein ?

Beitragvon Conscript1991 » 4. Juli 2018 16:02

Hallo,

vielen Dank für deine schnelle Antwort.
Was du beschreibst klingt total nach dem was ich bei mir erfahre.

...bei Dingen, die einem Spaß machen, die einen interessieren, wie weggeblasen ist, aber zuverlässig wiederkommt, sowie man inaktiv wird.


Selbst wenn es mir schlecht geht, gibt es meist immer noch Dinge die mich interessieren. Neulich hatte ich eine Phase von etwa 3 Wochen in der die Stimmung ziemlich schlecht war, aber an dem Wochenende an dem ich Freunde in einer anderen Stadt besucht habe, war davon nichts zu merken.

Eine echte (mittlere bis schwere) Depression Tritt dagegen eher Phasenhaft auf, also über Wochen, Monate oder vielleicht mal ein Jahr und dann wird alles richtig dunkel bis hin zu schwarz.


Die depressiven Phasen bei mir dauern selten länger als 2-4 Wochen und in dieser Zeit bin ich immer noch sehr Mitschwingungsfähig.
Es gibt für die depressiven Phasen auch immer einen Auslöser. Mein Therapeut schafft es auch jedes mal mich aus dem Tief raus zu holen. Und manchmal verschwindet die depressive Phase wie von selbst wenn ein Problem gelöst wurde oder sich neue Möglichkeiten ergeben.

Es ist aber auch so, dass ich es nicht aushalte, lange krank geschrieben zu sein. Mir fällt es schon immer schwer das Wochenende zu überstehen, weil ich da nichts zu tun habe und keine Struktur von aussen kommt. Meist werde ich dann Lust- und Antriebslos und bleibe im Bett, bin dort aber angespannt und hibbellig

Es ist auch tatsächlich so, dass man sich bei mir mit der Diagnose schwer tut, weil es von allem etwas, aber dann doch nicht genug ist.
Auf jeden Fall Fühle ich mich dauerhaft gestresst und angespannt.
Conscript1991
Andersweltler
Beiträge: 5
Registriert: 4. Juli 2018 11:44

Re: Könnte es ADS sein ?

Beitragvon Conscript1991 » 6. Juli 2018 13:32

Ich hätte auch noch ein paar Fragen.

Ich habe einen Termin in der AD(H)S Ambulanz in meiner Stadt gemacht, aber die Wartezeit beträgt fast 6 Monate.
Diese wollen mit mir an insgesamt 3 Terminen verschiedene Tests machen. Ich habe aber auch gelesen, dass die Diagnose
AD(H)S dort lieber nicht gegeben wird anstatt se zu geben. Gleichzeitig habe ich heute aber gelesen, dass 90% der AD(H)S
Diagnose falsch sein.

Ausserdem habe ich noch gelesen, dass es eigentlich ganz einfach sei herauszufinden ob jemand AD(H)S hat, indem man ihm
einfach testweise entsprechende AD(H)S Medikamente gibt, die bei gesunden dann anderst wirken als bei AD(H)S erkrankten.
Ich frage mich aber, wenn es so einfach ist, warum ich dann an drei verschiedenen Terminen aufwändige Tests machen muss ?
Ist da wirklich was dran ?

Mir ist auch noch mehr an Symptomen aufgefallen bei mir. Wenn zum Beispiel jemand im selben Raum mit mir redet, fällt es mir extrem schwer etwas zu lesen und mich darauf zu konzentrieren. Eigentlich ist es nahezu nicht möglich.

Ausserdem habe ich oft das Gefühl, vor allem wenn ich alleine bin, dass ich nicht richtig wach bin, dass ich meine Umwelt nicht richtig warnehme. Als wären meine Augen nach innen in den Kopf gedreht und ich kann, auch wenn ich es versuche, nicht richtig wach und aufmerksam meine Umgebung warnehmen. Das ändert sich aber sobald ich mit anderen Menschen in Interaktion trete.
Stefan SRO
Pagemaster
Beiträge: 77
Registriert: 21. Juni 2018 06:52
Wohnort: Thüringen SHK
Kontaktdaten:

Re: Könnte es ADS sein ?

Beitragvon Stefan SRO » 6. Juli 2018 15:04

Hallo Conscript1991,

fast alles was Du beschreibst ist bei mir auch so, nur habe ich es geschafft, trotzdem etwas vorwärts zu kommen.

Ich war schon Stationär, hatte schon eine Psychotherapie nach Burnout und hatte davor auch schon Stimmungsaufheller wegen Depressionen bekommen. Alle haben sich nur um Symptome gekümmert.

Am 04.06.2018 kam dann das AHA! mit der Diagnose. Ja ich musste auch viele Monate warten aber die drei Sitzungen mit EEG, verschiedenen Psychologen und die Blutuntersuchung waren 100% eindeutig.

Bleib dran!
Wir hatten in der Familie und bei Bekannten schon je einen Suizid, bei dem ich rückblickend von AD(H)S ausgehe. (Vermutung!! da ähnlich drauf wie ich.)

Bleib dran!

VG
Stefan
####bis 01.08. im Urlaub####

Was heute noch logisch und klar erscheint, ist morgen schon undurchsichtig rätselhaft.
-
-Mal Einstein und mal taube Nuß.-
-Was man nicht all´s ertragen muß.-
Falschparker
Foruminventar
Beiträge: 4856
Registriert: 28. Mai 2008 13:37
Wohnort: Kleinstadt
Alter: 52

Re: Könnte es ADS sein ?

Beitragvon Falschparker » 6. Juli 2018 16:30

Conscript1991 hat geschrieben:Gleichzeitig habe ich heute aber gelesen, dass 90% der AD(H)S
Diagnose falsch sein.

Ausserdem habe ich noch gelesen, dass es eigentlich ganz einfach sei herauszufinden ob jemand AD(H)S hat, indem man ihm
einfach testweise entsprechende AD(H)S Medikamente gibt, die bei gesunden dann anderst wirken als bei AD(H)S erkrankten.


Jeder kann im Internet jeden Unsinn schreiben. Diese beiden Behauptungen kenne ich auch, sie sind beide falsch.

Ich habe einen Termin in der AD(H)S Ambulanz in meiner Stadt gemacht, aber die Wartezeit beträgt fast 6 Monate.
Diese wollen mit mir an insgesamt 3 Terminen verschiedene Tests machen. Ich habe aber auch gelesen, dass die Diagnose
AD(H)S dort lieber nicht gegeben wird anstatt se zu geben.


Hier musst du mal gucken, wer das geschrieben hat und wie es begründet wird. Ja, es gibt ADHS-Ambulanzen, wo quasi nach Gründen gesucht wird, eine positive Diagnose zu verwehren. Ob eure auch dazu gehört, weiß ich natürlich nicht.

Es gibt aber auch niedergelassene Psychiater, die ADHS diagnostizieren und behandeln. Die Warteliste dort ist allerdings nicht kürzer. 6 Monate gehen eigentlich.
ULBRE
Spezial User
Beiträge: 274
Registriert: 8. Februar 2018 22:08

Re: Könnte es ADS sein ?

Beitragvon ULBRE » 6. Juli 2018 23:16

Conscript1991 hat geschrieben:Mir ist auch noch mehr an Symptomen aufgefallen bei mir. Wenn zum Beispiel jemand im selben Raum mit mir redet, fällt es mir extrem schwer etwas zu lesen und mich darauf zu konzentrieren. Eigentlich ist es nahezu nicht möglich.


Das ist die AD(H)S-typische Hochsensibilität.
Es gibt kein AD(H)S ohne Hochsensibilität (AD(H)S hiess auch mal Reizfilterschwäche), es gibt allerdings auch Hochsensibilität ohne AD(H)S.

Du wirst nicht drum herum kommen Dich selbst mit AD(H)S intensiv zu beschäftigen. Das Fachwissen der Ärzteschaft ist teilweise wirklich lausig. Es gibt auch guue, aber die muss man erst mal finden...

Hast Du Dir die Symptomliste mal durchgeschaut ? Wieviel passte da bei Dir ?

Viele Grüsse

UlBre
„Wenn ein unordentlicher Schreibtisch einen unordentlichen Geist repräsentiert, was bedeutet dann ein leerer Schreibtisch ?“ Albert Einstein
Conscript1991
Andersweltler
Beiträge: 5
Registriert: 4. Juli 2018 11:44

Re: Könnte es ADS sein ?

Beitragvon Conscript1991 » 7. Juli 2018 22:29

Ich habe mir die verlinkte Symptomgesamtliste jetzt schon öfter angeschaut aber ich empfinde diese als extrem
verwirrend mit den vielen Unterpunkten. Ich habe jetzt schon mehrfach versucht sie für mich zu gliedern und die
eigentlichen Symptome heraus zu schreiben um sie gesondert zu betrachten aber verzweifle jedes mal ein wenig.
Also im oberen Drittle ist zumindest auch einiges dabei was bei mir nicht wirklich zutrifft.

Eine Übersichtlichere Liste nur mit den symptomen, ohne Text gibt es wohl nicht ? :S
ULBRE
Spezial User
Beiträge: 274
Registriert: 8. Februar 2018 22:08

Re: Könnte es ADS sein ?

Beitragvon ULBRE » 7. Juli 2018 23:50

Hallo,

danke für die Anregung.
Wollte ich schon immer mal wieder bauen, als Fragebogen, bin aber noch nicht so recht dazu gekommen.
Ich hab eine Exceldatei, die könnte ich Dir mailen, wenn Du mir eine Mailadresse als PN schicken magst.

Viele Grüsse

UlBre
„Wenn ein unordentlicher Schreibtisch einen unordentlichen Geist repräsentiert, was bedeutet dann ein leerer Schreibtisch ?“ Albert Einstein
Conscript1991
Andersweltler
Beiträge: 5
Registriert: 4. Juli 2018 11:44

Re: Könnte es ADS sein ?

Beitragvon Conscript1991 » 8. Juli 2018 15:27

Ich hab mal meine Grundschulzeugnisse rausgekramt. In der Zeit kam der Verdacht auf ADS ja auch auf.
Zumindest in der 1. und 2. Klasse lesen sich einige Hinweise:

1. Klasse
- geht auf Mitschüler aktiv zu, doch es gibt des öfteren Missstimmungen, da ihn Übergriffe auf seine abgesteckten Grenzen sehr stören
- ambivalentes Verhältnis zur Lautstärke im Klassenraum. Normaler Lärmpegel störte bei der erledigung von Aufgaben und bei leisen
Arbeitsphasen sorgte er für eine Geräuschuntermalung
- er ist oft nicht bereit seine Interessen zurückzustellen um in Partner- oder Gruppenarbeit zu arbeiten
- Es fällt ihm nicht leicht vereinbarte Klassen- und Gesprächsregeln einzuhalten
- Mit seinen Arbeitsmitteln könnte er noch sorgfältiger umgehen.
- schriftliche Aufgaben erledigt er selbstständig und besonders zügig, jedoch nicht immer ordentlich und konzentriert

2. Klasse
- Gruppenorientiertes Arbeiten fällt ihm schwer
- Muss noch lernen seine Mitteilungsfreude während des Unterrichts zu zügeln
- muss noch lernen konzentrierter und weniger hastig die Aufgaben zu erledigen
- er schreibt rasch und flüchtig, dabei sehr ungleichmäßig und nicht immer formklar
- Die gelernten Regeln wendet er kaum an

Allerdings verschwinden diese in der 3. Klasse langsam und die Noten sind bis auch Rechtschreibung, Sport und Mathe (befriedigend)
alle sehr gut.

Ich weiß aber, dass diese dann in der 5. Klasse extrem eingebrochen sind und ich gerade in Deutsch und Mathematik extreme Probleme hatte.

Zurück zu „ADHS / ADS Test und Diagnose*“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 23 Gäste