Was habe ich wirklich

Erwachsene u. Kinder
Dieses Board ist auch für Gäste sichtbar!
Antworten
Oli83
Forummitglied
Beiträge: 1
Registriert: 29. Mai 2018 09:41

Was habe ich wirklich

Beitrag von Oli83 » 29. Mai 2018 10:32

hi,

ich weiß noch nicht ob ich hier richtig bin, aber als ich gerade überlegt habe, doch endlich mal zu einem Fachmann zu gehen, kam mir der Gedanke erstmal in einem Forum meine Gedanken zu ordnen und aufzuschreiben. Vielleicht kommt von Euch ja sofort ein "ja geht in die Richtung ADS" oder "ne, guck mal lieber bei einem anderen Krankheitsbild". : )

Ich war als Kind der typische Zappelphilipp. ADS und Ritalin gabs damals noch nicht. 1983 geboren. Ich war ein recht glückliches Kind, aber da meine Eltern ziemlich hinter mir herlaufen mussten und ich gleichzeitig mit einer Neurodermitis zu tun hatte, ging es zu diversen Ärzten. Alles mitgenommen, Heilpraktiker, Bewegungstherapien usw. Letzteres fand ich natürlich klasse. Kletterwand, Bällebad usw. Alles andere waren nur extrem langweilige Wartezimmer für mich. Wichtigste Erkenntnis dieser Zeit: Ich habe als Baby nicht gekrabbelt, deshalb bin ich so hyperaktiv.

Mit 12 hat mich eine Chemotherapie von der Neurodermitis geheilt. Eine Nebenwirkung, für die ich bis heute dankbar bin. So unschön es klingt. Die Chemo war natürlich nicht schön, aber es war recht unkritisch, hat mich ge-erdet und war hauptsächlich schlimm für meine Mama. Übrigens bipolar diagnostiziert, aber ich sehe hauptsächlich die nicht verarbeitete Kindheit als Problem bei ihr.

Ich stehe jetzt im Arbeitsleben mit Mitte 30 und verdiene sehr gutes Geld in der IT. Was ich immer vermieden habe, waren Zertifikate und echtes Fachwissen. Ich bin richtig gut bei dem was ich tue, und habe mitterweile viel Erfahung, aber ich habe überhaupt keine Lust zu lernen oder Fachliteratur zu lesen. Ich bin der spontane, ich organisiere, ich bin derjenige wenns brennt, aber geh mir weg mit Dokumentation oder anderen Fleißarbeiten. Ich kann zwar recht gut große Konzepte ausarbeiten, aber ich schiebe das immer auf bis der Druck groß genug ist und versuche erstmal allen zu erklären, dass man solche Dokumente gar nicht braucht. "Leider" mache ich das dann schlussendlich doch noch und "leider" gut genug, damit ich der Mann für soetwas bleibe.

Das war immer schon so. Seit meiner Ausbildung verbringe ich die meiste Zeit im Internet, plane die Freizeit oder hab einfach offensiv keine Motivation, jetzt und sofort mit der nötigen Arbeit anzufangen. Ich weigere mich innerlich davor!

Das Hyperaktive habe ich seit der Pubertät interessanterweise abgelegt. Ich bin zwar sportlich, aber kann sehr gut still sitzen. Am liebsten den ganzen Tag Couch.

Das ich nicht als faul gelte und bei der Arbeit sehr geschätzt bin, liegt daran, dass ich sehr gut mit anderen Kollegen funktioniere und gleichzeitig ein gutes Bindeglied zum allseits ungeliebten Management bin. Ich bin gut, Probleme zu erkennen, spreche gerne und offen mit den Chefs wenn Kollegen sich lieber zurückhalten usw. Aber die eigentliche Arbeit überlasse ich dann den echten IT-Nerds, die IT auch als Hobby zuhause noch weiterführen. Das habe ich noch nie gemacht und bin damit in der IT ganz klar Aussenseiter.

Ich kämpfe natürlich immer mit einem schlechten Gewissen. Ich wurschtel mich nur durch... irgendwann fliege ich auf... ich bin faul... Mich stört das auch ernsthaft.
Eigentlich arbeite ich nur zwei Stunden am Tag, bin aber anscheinend so gut wenn ich in den Flow komme, dass das reicht. Die meisten sehen mich schon in oberen Managmentpositionen. Das allerdings widerstrebt mir zutiefst. Ich denke ich könnte es besser, mit mehr Herz, glücklicheren Mitarbeitern und viel effektiver (wie der Fussballfan vor dem Fernseher alles besser weiß als der Trainer : ) aber da ich ja grundsätzlich lieber arbeit vermeiden möchte und schon gar nicht Gehalt gegen Privatleben tauschen möchte, halte ich mich da sehr zurück.
Ich fühle mich auch unsicher, weil ich eben nicht 8 oder mehr Stunden effektiv arbeiten kann. Ich habe Angst vor noch mehr Verantwortung. Lieber vermeiden, als nicht klar zu kommen. Das nervt auch.

Am meisten stört mich der Zwang zu Arbeiten. Wenn ich nicht im Flow bin, weigere ich mich einfach innerlich, schiebe auf, argumentiere Arbeit weg, blocke Projekte ab usw. Und alle finden das gut. Ich rede Tacheles, ich mache nicht einfach, wie mir geheißen wird. Ich regel das aber auch gut und bin nicht einfach nur bockig. Meine Kollegen wissen insbesondere das an mir zu schätzen. Ich halte nämlich auch unnötige und unsinnige Arbeit von ihnen ab.

Ich habe die letzten Jahre schon soviel gegoogled. Hab ich ADHS, bin ich bipolar, welcher Job passt zu mir, warum bekomme ich meinen Arsch nicht hoch, Magnesiummangel, Eisenmangel usw. Eine Spirale, aber nichts passt so genau. Andrologen und Bluttests ergeben nichts eindeutiges.

Im Prinzip heißt es ja immer, such dir den Job der zu dir passt. Ich will aber einfach gar nichts machen. Habe keine Leidenschaft, die ich beruflich verwirklichen könnte. Würde gerne weg vom Business und die Welt retten. Gibt aber keine Kohle. Und bringt ja sowieso nichts usw... Lese gerne von Leuten, die mit dem Bulli durch die Welt fahren, aber ich schreib bestimmt keinen Blog um mir das zu finanzieren.
Gleichermaßen ist mir bewusst, dass gar nichts auch zu langweilig ist. Ab und zu träumt man mal vom Lottogewinn, aber der "was dann" Gedanke kommt dann auch gleich danach.

Noch ein paar Infos die mir sinnvoll erscheinen, weil ich hier ähnliches gelesen habe: ich bin paddelig, vergesse Geburtstage, brauche Kalendereinträge mit Alarm für alles, damit ich daran denke und laufe sehr häufig in den Keller, mache was, und laufe dann nochmal um das zu holen, was ich eigentlich wollte.
Um gut klar zu kommen, bin ich recht pragmatisch geworden. Life optimized nennt man das heutzutage. Ich kann mich schlecht aufraffen zum aufräumen, also räume ich immer alles gleich weg. Kein Geschirr steht rum, keine Socken liegen auf dem Boden. Musste mich stark an den Freigeist meiner Frau gewöhnen, die das genau anders herum macht.
Nachdem ich das erkannt habe und mich dann selber locker gemacht habe, läufts ganz entspannt. Bin da also nicht so verbohrt, sondern durchaus lernfähig.
Gesprächen folgen fällt mir schwer, es sei den ich habe ein, zwei Bier intus. Dann bin ich der letzte der nach hause geht und am liebsten bis es hell wird noch die wichtigsten Themen bespricht.

Die Frage ist im Endefekt auch, muss ich mit sowas einfach klar kommen oder sollte man da was behandeln. Mich grämt einfach nur ständig das Gefühl, nicht richtig normal zu sein.

tl:dr
Eigentlich alles super, aber ich fühle mich nicht ganz normal und will das jetzt endlich mal geklärt haben.
SarahNe
Andersweltler
Beiträge: 15
Registriert: 28. Mai 2018 21:34
Alter: 29

Re: Was habe ich wirklich

Beitrag von SarahNe » 30. Mai 2018 23:04

Hallo Oli,

bei mir wurde ADS erst vor einem Monat diagnostiziert (auch eher durch Zufall) und ich muss mich selbst erst mal mit dem Thema auseinandersetzen. Der beste Ratgeber bin ich hier bestimmt nicht! Was ich dir allerdings erzählen kann ist, dass ich beim lesen deines Threads mich selbst wiedererkennen konnte. Du hättest (beinahe) meinen Namen drunter setzen können^^. Von meinem Stand aus gesehen, klingt das schon sehr nach ADS aber du wärst ja nicht hier, wenn du nicht schon selbst so etwas in Betracht ziehen würdest. Ob du zur ADS-Gruppe gehörst, kann schlussendlich nur ein Facharzt beantworten.

Deine Frage, ob du damit einfach leben oder es behandeln solltest, kannst du nur selbst beantworten. Kommst du mit deinem Leben klar und bist du überhaupt glücklich damit, so wie es momentan ist, oder willst du es ändern? Versteh mich nicht falsch. Ich bin auch eher einer der seine Ziele höher steckt und der Meinung ist, das Beste aus seinem Leben herauszuholen. In Gedanken (und Träumen) klingt das alles ganz toll aber ich würde keine Pferde scheu machen, wenn es nicht unbedingt sein muss. Das Leben von der Chouch aus zu beobachten kann einen auf Dauer aber auch nicht glücklich machen auch wenn es für den Moment noch so schön ist.

Ein gutes Beispiel dafür ist meine Mutter. Ich habe ADS wohl definitiv von ihr geerbt und nun kam, nach meiner Diagnose, schon öfters das Gespräch auf, ob sie nicht auch mal mit einem Arzt darüber reden will. Dies hat sie aber komplett abgelehnt. Meine Mutter ist nicht verbohrt oder ignorant aber sie kommt trotz all ihrer „Macken“ wunderbar mit ihrem Leben klar. Sie hat so viele Interessen, die sie ständig beschäftigen, dass sie gar nicht auf die Idee kommt irgendetwas zu ändern. Sie hat sich eben mit ihrem Leben arrangiert und sieht dabei nicht unglücklich aus.

Lange hat das auch bei mir funktioniert. Mein Privatleben läuft so wie ich es will. Ich habe nach langem hin und her Freunde gefunden die mich so lieben wie ich bin. Ich habe Hobbys gefunden bei denen ich meine Kreativität ausleben kann. Die mich erfüllen. „Life optimized“ wie du es hier beschreibst kenne ich aus dem FF (Was nicht immer so war und lange antrainiert wurde).
Warum ich also doch noch zum Arzt gerannt bin sind meine Panikattacken, die ich regelmäßig habe, seit ich mit dem Studium begonnen habe. Meine Lernleistungen waren, im Vergleich zu meinen Komillitonen, einfach grottenschlecht und schnell schlichen sich altbekannte Versagensängste ein. Nur diesmal waren sie nicht zu verdrängen oder „schön zu saufen“. Sie hielten sich wacker und würden schlimmer. Nichts aus der Apotheke half. Auch die Beruhigungsmittel meines Hausarztes gingen bei mir ins Leere. Mein Leidensdruck war somit hoch genug um mit meinem Arzt Klartext zu reden und da ich sportlich und ansonsten kerngesund bin, schickte der mich noch in der selben Woche zu einem Psychiater. Das ist jetzt einen Monat her und neben einer Verhaltensterapie bekomme ich Medikamente. Ich bin seit dem wesentlich beruhigter und bekomme keine Panikattacken mehr, wenn ich an die Prüfungen im Juli denke :)

Was ich dir mit meiner kleinen Geschichte verdeutlichen will ist, dass wenn dein Leidensdruck zu hoch ist und du wirklich etwas ändern willst, dann geh zu einem Arzt. Erläuter ihm/ihr all das, was du hier beschrieben hast. Er wird dann schon wissen was zu tun ist und dir sicher weiterhelfen.

Ich hoffe, dass ich dir einigermaßen weiterhelfen konnte und wünsche dir für die Zukunft alles Gute. Halt mich mal auf dem Laufenden, falls du zu einem Arzt gehen solltest.

Liebe Grüße
Sarah
Antworten

Zurück zu „ADHS / ADS Test und Diagnose*“