ad(h)s kann bis zum 21. Lebensjahr verschwinden?!

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lenilein
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ad(h)s kann bis zum 21. Lebensjahr verschwinden?!

Beitrag von lenilein » 26. November 2014 22:51

Hallo ihr,
Ich habe heute von einem Therapeuten erfahren, dass ad(h)s bis zum 21. Lebensjahr verschwinden kann. hetzt stelleich mir die fFrage, wie das passiert, wenn es passiert. Ich habe meine Diagnose ja erst recht spät bekommen und dann kann es sein, dass es einfach plötzlich verschwindet?! Sollte man sich mit 21/22 Jahren noch mal testen lassen?  :Frag:

Ich bin etwas verwirrt... Hat davon jemand schon mal gehört und kann mit mehr erzählen?

LG lenilein  :winken:
bin ich außergewöhnlich, bin ich anders, bin ich besonders, nein ich bin einfach ich jeder, der das nicht so sieht, der ist es nicht!
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Kaina
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Re: ad(h)s kann bis zum 21. Lebensjahr verschwinden?!

Beitrag von Kaina » 27. November 2014 00:28

Uuups... posting via Smartphone :A:?
Jipp, Lenilein. In der Nacht vor dem dem Geburtstag kannst du schon mal den Countdown bis Mitternacht zählen.
Und wenn du brav schlafen gehst, wachst du ADS-frei auf.  :froi1:



Schön wär's. Ich bin 55 und ADS ist mir treu  ergeben  :breitgrinse1: Und ich habe noch niemanden kennengelernt,
der erzählt hätte: "Tja, bis 21 hatte ich so meine Probleme, ich hatte ADHS. Aber danach war alles gut"


Wenn der Therapeut alt und vollgrau war, hat er vielleicht jegliche Weiterbildung nach seiner Ausbildung versäumt  :811:
Oder es war ein Jungspund, der sich Uralt-Bücher zu ADHS besorgte, weil er keinen Bock hatte auf wissenschaftliche Weiterentwicklung oder Stöbern im Internet.


Früher ging man tatsächlich davon aus, dass AD(H)S sich "auswächst".
Das war aber ein Trugschluss. Der Grund für die scheinbare Heilung: die Symptome (vor allem bei ADHS) sind nicht mehr so deutlich ersichtlich.

Die meisten Menschen lernen im Lauf der Zeit Dinge nach außen zu unterdrücken, sich (vor allem nach viel Geläster, Kritik etc.) eine dicke Fassade zuzulegen und zu verbergen, was Kinder und Teenies noch mehr oder weniger frei 'rauslassen.

Mittlerweile weiß man, dass dieses ständige, krampfhafte zusammenreißen viele andere Probleme nach sich zieht. Burnout, Depressionen, Alkoholsucht, Phobien, Panikattacken und viele Dinge mehr.
Zu finden unter: Komorbiditäten des AD(H)S.


Wichtig ist,
- sich mit 'seinem' ADS "auszusöhnen",
- zu lernen sich zu nehmen wie man ist,
- Peinlichkeiten mit Humor, statt mit Ärger und Panik zu nehmen
- sich Menschen zu suchen, die einem gut tun und einen Ausgleich bieten zu vllt. stressigen Alltag.

- Sich (möglichst) nicht in einem Job zu bewegen, der nur stresst und überfordert.
- Dinge, die einen immer stressen, ggf. zu meiden

Es schaffen einige Leute aus genau diesen Gründen auch gut ohne Medis klarzukommen.
(Und bei sehr schwach ausgeprägtem AD(H)S kann es einfach sein, dass es dem Betroffenen keine bes. Probleme mehr macht.)


Aber nicht jeder hat die Möglichkeit in einem "optimalen" Lebensumfeld zu leben und unter optimalen Bedingungen.
Und sich dann von den Medis helfen zu lassen ist genauso wenig verwerflich oder ein Zeichen von Schwäche,
wie Kaffee zu trinken zum Wachwerden :ja1:

Sag dem Therapeuten einen netten Gruß von mir - ein bisschen Auffrischung seiner Kenntnisse zu AD(H)S würden ihm echt gut stehen  :ja1:

LG
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44Anders56
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Re: ad(h)s kann bis zum 21. Lebensjahr verschwinden?!

Beitrag von 44Anders56 » 27. November 2014 10:55

Es ist schon schlimm, welchen Müll manche Therapeuten von sich geben.............

ADHS ist letztlich eine genetisch bedingte Hirnstoffwechselstörung, sprich ein Gendeffekt. Verursacht durch einen unausgeglichenen Haushalt von Dopamin und Serotonin. Wenn ein Therapeut nun sagt, dass ADHS mit dem 21. Lebensjahr verschwindet, dann könnte er ebenso gut einem Menschen, der aufgrund eines Gendeffekts mit einem 5. Zeh am rechten Fuß zur Welt gekommen ist, sagen, dass diesem Menschen just jener 5. Zeh mit dem 21. Lebensjahr wieder abfällt........

Mein Vorschlag: Wechsel lieber den Therapeuten.....

LG
Falschparker
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Re: ad(h)s kann bis zum 21. Lebensjahr verschwinden?!

Beitrag von Falschparker » 27. November 2014 12:58

Das ist doch immer Lebensphasen-abhängig. Es kann gut sein dass jemand als Kind und Jugendlicher behandlungsbedürftig ist und als Erwachsener nicht mehr. Aber umgekehrt auch.

Ich erinnere mich an eine Studie, die alkoholabhängige Erwachsene (Patienten einer Reha-Klinik, glaube ich) untersuchte. Die fand einen überdurchschnittlichen Anteil aktuell ADHS-Betroffener, und einen weit überdurchschnittlichen Anteil rückblickend als Kind ADHS-Betroffener.

Die Studie behauptete also, es gebe viele Suchtkranke, die als Kind ADHS-ler waren, als Erwachsene aber nicht mehr. Komisch nur: So ganz rund schien das Leben im Erwachsenenalter doch nicht zu laufen, schließlich sind sie in einer Suchtklinik gelandet. Und das hat nun gar nichts mit der ADHS-Disposition zu tun?  :icon_rolleyes:

Da glaube ich eher, die Kriterien für ADHS wurden viel zu eng gefasst. Natürlich verändert sich die Symptomatik. Eine ADHS-Behandlung hätte diesen Leuten vermutlich effektiver geholfen, entweder nicht mehr rückfällig zu werden oder gar nicht erst suchtkrank zu werden.
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Re: ad(h)s kann bis zum 21. Lebensjahr verschwinden?!

Beitrag von lenilein » 27. November 2014 17:01

Ohh Gott  :icon_eek: ich schreibe wirklich mit dem Smartphone. Bitte tragt mir blöde Tippfehler nicht nach...

Der Therapeut hat von ad(h)s schon viel Ahnung und ist weder sehr jung, noch sehr alt. Er sagte auch nicht, dass es IMMER verschwindet, sondern lediglich dass es sein KANN.

Und was die Genetik angeht klar ADHS wird vererbt und hat eine genetische Ursache, aber dennoch lässt sich daran viel schrauben. Das Gehirn ist so sonderbar und veränderbar, da lässt sich auch diese genetische Komponente vermutlich verändern. Anders als ein Zeh zu viel ist ADHS etwas beeinflussbares. Einen Zeh kann man nicht mit Medikamenten behandeln. ...
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Re: ad(h)s kann bis zum 21. Lebensjahr verschwinden?!

Beitrag von graffiti » 27. November 2014 19:14

1. alle, die dir hier bisher geschrieben haben, wurden erst weit über 30, tw. weit über 40 diagnostiziert (wie es bei 44anders56 ist, weiß ich nicht).
daher können wir aus eigener erfahrung wenig zu einem gehirn sagen, das während der pubertät adhs-spezifisch beeinflußt wurde und dessen pubertäre neuorganisation mit medikamenten, mit therapien ablief.
ob kainas söhne schon unter die ü21 fallen, weiß ich nicht so genau.
vielleicht bekommst du noch die eine oder andere antwort mit echten erfahrungswerten.

2. tatsache ist, daß bei uns alten offenbar nicht viel zu machen ist in puncto dauerhafte besserung ohne hilfsmittel.
(das trifft aber deine frage nicht)

3. tatsache ist auch, daß adhs zwar nicht heilbar ist, aber doch unter bestimmten voraussetzungen kontrollierbar zu sein scheint.
in wie weit das echte kontrolle ist im sinn von: ich hab mein adhs unter kontrolle und habe mich mit meinen ganzen strategien und verhaltensänderungen so gut eingerichtet, daß ich medikamente für überflüssig halte?
oder ob es kontrolle ist im sinn von: mein gott, mein leben macht mich fertig, weil ich dauernd damit beschäftigt bin, mein adhs irgendwie einigermaßen unter kontrolle zu halten?
keine ahnung.
aber der springende punkt.

und:
ein begleitumstand von adhs ist ja auch, daß verhalten schwer zu erlernen ist.
von daher wäre ich vorsichtig, was erfolgsmeldungen angeht, die auf erfahrungen in einem doch begrenzten schutzraum (schule, uni) basieren.
arbeitsplatz, kinder, langzeitbeziehung und zusammen wohnen, geld managen, familie managen sind wieder andere anforderungen, die andere anteile des verhaltens betreffen.

4. an deiner stelle würde ich es auf mich zukommen lassen.
wenn du der meinung bist, du brauchst keine medikamente mehr, kannst du sie ja jederzeit absetzen.
im gegenzug merkst du ja, wenn du überfordert bist, wenn du dir selber aus dem ruder läufst und kannst dich wieder um medikation kümmern.

aber zum wortlaut dessen, was dein arzt gesagt hat:
ich halte diese formulierung für ausgesprochen unglücklich (hab sie so auch schon öfter gehört), weil sie eine spontanheilung suggeriert, die es meines wissens nicht gibt.
was damit gemeint ist: es gibt adhsler, die mit hilfe von strategien und verhaltensänderungen ihre stoffwechselstörung so unter kontrolle bekommen, daß sie
a) nach außen nicht mehr auffällig sind
b) keinen leidensdruck mehr haben,
wobei nach meinem bauchgefühl die anzahl der männchen in spielfeld a) die anzahl der männchen in spielfeld b) ganz deutlich übersteigen dürfte (reicht ja dann auch schon für einen nicht betroffenen arzt, der keine betroffenen angehörigen oder freunde hat und sich keine vorstellung davon machen kann, wie schwierig [EDIT: und anstrengend, frustrierend und erschöpfend] es u.u. sein kann, nach außen unauffallig zu sein)
Zuletzt geändert von graffiti am 27. November 2014 19:21, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: ad(h)s kann bis zum 21. Lebensjahr verschwinden?!

Beitrag von Kaina » 27. November 2014 22:49

Ich kann mich einfach schon mal graffiti anschließen - die einiges von dem geschrieben hat, was ich (fast wörtlich) genauso geschrieben hätte.

Ergänzen möchte ich noch
Es kommt auch auf äußere Umstände an.
- Wenn man die Möglichkeit hat, dort zu leben, wo man sich wohlfühlen kann
- einen Job zu machen, der einfach passt, selbst wenn er manchmal stressig ist
- es finanziell halbwegs gut läuft und man
- durch Freunde/Familie Rückendeckung und emotionalen Ausgleich hat,
dann wird man gut klarkommen können.

Z. B. ein lieber Kumpel von uns hat sich,
(nachdem er beruflich lange in einer Großstadt leben musste, in einem stressigen Job mit Druck von allen Seiten hatte und eine unerfreuliche Burnout-Geschichte)
selbständig gemacht, sich in einem kleinen Ort niedergelassen, ist nun künstlerisch (erfolgreich, und zusammen mit seiner Partnerin) tätig, hat ein Haus buchstäblich im Grünen und voll "Viehzeug" und es geht ihm einfach nur gut.

Ihm brauchst du von ADS und ADS-Medis nichts zu erzählen.
Er würde sich zwar nicht als "geheilt" einschätzen, aber dir sicher einen Vortrag über die "heutige Gesellschaft und deren Auswüchse" halten, und warum er zum "Aussteiger" wurde  :icon_mrgreen:.
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Re: ad(h)s kann bis zum 21. Lebensjahr verschwinden?!

Beitrag von huschwusch » 28. November 2014 09:00

[quote="lenilein"]
Der Therapeut hat von ad(h)s schon viel Ahnung und ist weder sehr jung, noch sehr alt. Er sagte auch nicht, dass es IMMER verschwindet, sondern lediglich dass es sein KANN. [/quote]
Üblicherweise spricht man davon, dass die Symptomatik unauffällig werden kann bzw. ganz verschwinden kann. Und da kann man kaum widersprechen, weil es ein Erfahrungswert ist. Ebenso ist es ein Erfahrungswert, dass die Probleme im mittleren Lebensalter wieder zurückkehren und wieder ziemlich lästig werden können.
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Re: ad(h)s kann bis zum 21. Lebensjahr verschwinden?!

Beitrag von Hexe76 » 28. November 2014 10:22

Ich hab meine Diagnose auch erst recht spät gekriegt (zumindest aus Deiner Sicht lenilein  :zwink: ) und ich kann zumindest sagen, dass meine Symptomatik im Laufe meines Lebens sicher schwächer wurde und ich diverse Strategien entwickelt habe, um zurecht zu kommen.
Dass die letztlich nicht perfekt waren, hat mir die schwere Depression aufgezeigt, die ich mit 30 bekommen habe.
Jede Menge Stress, beruflicher Neustart, Fernbeziehung usw machten es mir irgendwann unmöglich nur aufgrund von Strategien zurecht zu kommen. Nachdem die Depression im Griff war, habe ich Mph genommen um mein Leben irgendwie auf die Reihe zu kriegen und den Anforderungen gerecht zu werden.
Dann zog ich um nach Irland. Anfangs nahm ich weiterhin meine Antidepressiva und Mph.
Nach einiger Zeit schlich ich die Ad aus und als die Mph alle waren, hab ich keine weiteren Tabletten besorgt.
Und es geht mir gut damit.
Weil ich mein Leben ans ADHS anpassen konnte. Ich lebe im Grünen, mit ner Horde Tiere um mich rum, hab (so gut wie) keinen Stress, arbeite in einem Mini-Altenheim wo es niemanden interessiert, wenn ich 5 mal laufe, wo andere nur 1 mal laufen und hab genug Geld um mein Unvermögen mit selbigen umzugehen, einigermassen ausgleichen zu können.
Im Moment geht es mir gut damit.
Hab ich deswegen kein ADHS mehr?
Ich entsinne mich an die Aussage eines Patienten der grad mit Mph eingestellt wurde. er sagte zu mir "ich hab jetzt kein ADHS mehr, ich nehm ja Medikamente"
Auch ne Form von Spontanheilung.

Irgendwann werde ich wieder Medikamente brauchen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
Also geheilt bin ich sicher nicht und werd ich auch niemals.
Ist nur ne Frage der Lebensumstände. Zumindest bei mir.
Zuletzt geändert von Hexe76 am 28. November 2014 10:24, insgesamt 1-mal geändert.
:hexe76:
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Re: ad(h)s kann bis zum 21. Lebensjahr verschwinden?!

Beitrag von Kaina » 28. November 2014 11:06

Vielleicht könnte man den SternTV-Thread mit diesem hier kombinieren - passt so schön zusammen  :ichboss:

@Hexe  :top:
Einen Vorteil hast du schon mal gegenüber denen, die nie eine Diagnose hatten, und / oder
gegenüber denen, für die lange Zeit alles super lief:
Du kennst die Anzeichen, wann es in Überforderung geht, und kannst zeitig etwas dagegen tun.

So sehe ich es, nachdem ich eifrigst im Burnout herumgeplantscht bin  :icon_rolleyes:.
Das Wichtigste, was jeder ADSler wohl lernen sollte: NEIN sagen lernen,
auf sich selbst zu achten und zu sich selbst stehen!
Zuletzt geändert von Kaina am 28. November 2014 11:06, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: ad(h)s kann bis zum 21. Lebensjahr verschwinden?!

Beitrag von Hexe76 » 28. November 2014 13:40

[quote="Kaina"]

Das Wichtigste, was jeder ADSler wohl lernen sollte: NEIN sagen lernen,
auf sich selbst zu achten und zu sich selbst stehen!

[/quote]

So isses  :ja1:
:hexe76:
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Re: ad(h)s kann bis zum 21. Lebensjahr verschwinden?!

Beitrag von lenilein » 28. November 2014 14:44

Hallo,

ich glaube das ist wirklich irgendwie ein schwieriges Thema. Wenn man sich beispielsweise mal ein Kind anschaut, dass total wild ist, immer sagt, was es grade denkt und manchmal nicht zu zuhören scheint, kann es schnell passieren, dass das Kind eine AD(H)S-Diagnose bekommt und es mit Medikamenten versorgt wird. Das ist der Fall mit einem hohem Leidensdruck. Wenn dieses Kind jetzt aber irgendwo auf dem Land wohnt, Eltern hat die ihm die Struktur und die Freiräume bieten, die es braucht, es in der Schule bei Mitschülern sehr beliebt ist, weil es lustig ist und es in der Schule irgendwie gut mitkommt nach dem Motto " Das Genie beherrscht das Chaos.", dann wird ihm doch vermutlich niemand eine AD(H)S-Diagnose stellen, wenn es irgendwann als Erwachsener Probleme bekommt, können diese auch vom AD(H)S hervorgerufen werden, aber es wird therapiert und bekommt so sein Leben wieder auf die Kette... Es gibt ja auch so sehr viele Leute,die ohne jegliche Diagnosen "plötzlich" Depressionen bekommen...
Dieser Mensch wird so vielleicht nie erfahren, dass er AD(H)S hätte.

Wenn jetzt jemand mit AD(H)S, der jahrelang gut wenn nicht sogar sehr gut im Leben zurecht kam Depressionen bekommt liegt es sofort wieder am AD(H)S???

ich glaube ich bin grade etwas sehr kontra... es wäre nur irgendwie schön zu wissen, dass man irgendwann normal leben könnte. Vor allem, wenn man allgemeine Angst hat, was die Zukunft so bringt...
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Re: ad(h)s kann bis zum 21. Lebensjahr verschwinden?!

Beitrag von Falschparker » 28. November 2014 15:22

lenilein hat geschrieben: Es gibt ja auch so sehr viele Leute,die ohne jegliche Diagnosen "plötzlich" Depressionen bekommen...
(...)
Wenn jetzt jemand mit AD(H)S, der jahrelang gut wenn nicht sogar sehr gut im Leben zurecht kam Depressionen bekommt liegt es sofort wieder am AD(H)S???
Muss nicht, aber kann. Es wäre jedenfalls falsch, das dann unberücksichtigt zu lassen.
ich glaube ich bin grade etwas sehr kontra... es wäre nur irgendwie schön zu wissen, dass man irgendwann normal leben könnte. Vor allem, wenn man allgemeine Angst hat, was die Zukunft so bringt...
"Normal leben" heißt aber nicht unbedingt "ADHS ist weg". Ich meine, eine gute ADHS-Behandlung befähigt ja im günstigsten Fall zu einem Leben, das man als normal empfindet.

Ich muss deine Hoffnung auch insofern enttäuschen, dass es zwar Leute gibt, die jenseits des 21. Lebensjahres keine ADHS-Symptome mehr spüren. Da müsste man aber so mit 16, 17 was von merken. Bei dir ist aber doch das Gegenteil der Fall: Du bist jetzt 17 und hast deine Diagnose erst seit dem letzten Jahr.

Bei mir ist es rückblickend so, dass es mit 16 aufwärts ging: Stabiler Freundeskreis, Erfolgserlebnisse in der Schule, interessante Hobbies. Das hielt die letzten Schuljahre, die Zeit des Zivildienstes und die ersten Semester meines Studiums an. Erst mit 21/22 ging es mir dann wieder richtig schlecht. Aber das war dann eine andere Symptomatik, nicht meine "Kinder-ADHS" mit Klassenclownverhalten, Sachen-Verlieren usw.

Zwar wurde ich weder als Kind noch als junger Erwachsener (sondern erst mit 38) psychiatrisch behandelt. Aber wenn doch, hätte man oberflächlich (!) zu dem Ergebnis kommen können, das ist ja nicht die ADHS die er früher hatte, das hat damit gar nichts zu tun.
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Re: ad(h)s kann bis zum 21. Lebensjahr verschwinden?!

Beitrag von graffiti » 28. November 2014 20:21

das mit dem wilden kind laß ich weg, denn wenn es ihm rundum so gut geht wie in deinem beispiel, dann gibt es für niemanden einen grund, mit ihm zum arzt zu gehen.
wie es weitergeht, kann keiner mit sicherheit vorhersagen.
Wenn jetzt jemand mit AD(H)S, der jahrelang gut wenn nicht sogar sehr gut im Leben zurecht kam Depressionen bekommt liegt es sofort wieder am AD(H)S???
der verdacht liegt auf jeden fall nahe und sollte abgeklärt werden, denn adhs ist verdammt anstrengend.
die meisten adhsler
- haben mehr blackouts und fehlleistungen als andere leute.
- haben mehr schwierigkeiten mit anderen menschen als andere leute
- haben nicht selten irgendwelche überempfindlichkeiten (geräusche, gerüche, schlafbedürfnis, bedürfnis nach alleinsein usw. usf.)
- haben eine schlechtere selbstwahrnehmung als andere leute (in diesem zusammenhang geht es mir hier weniger um die außenwirkung als um das gefühl für sich selber: wie geht es mir? tut mir gut, wie ich im moment lebe? welche art zu leben tut mir gut?)
- sind im allgemeinen weniger zielstrebig als andere leute (bzw. können weniger ziele auf einmal eindeutig verfolgen), können also ihren inneren schweinehund schlechter bekämpfen ... und hindern sich so oft selber daran, ein einfacheres, klareres leben zu führen
- stehen schneller unter streß als andere leute (und können schlechten streß - s.o. punkt selbstwahrnehmung - erst spät von gutem streß unterscheiden --> selbstüberforderung)
- sind - verständlicherweise - abhängiger von ihrer umgebung als andere leute (meine vorschreiber haben die abhängigkeit von lebensumständen bereits beschrieben)
usw.

lena, ich glaube, du hast eine sehr einseitige gruppe von gesprächspartnern.
hier schreibt keiner, der ende 20 oder mitte 30 ist, der diagnostiziert und behandelt wurde und sagt: ich habe so viel gelernt, ich komme jetzt ohne übermäßige anstrengung klar.
bin ich froh, daß ich mir diese nachdenk-zigarette nicht angezündet habe, als ich die gasleitung abgemäht habe :icon_mrgreen:<br />oder: alles wird gut.
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Re: ad(h)s kann bis zum 21. Lebensjahr verschwinden?!

Beitrag von Falschparker » 28. November 2014 20:38

[quote="graffiti"]
lena, ich glaube, du hast eine sehr einseitige gruppe von gesprächspartnern.
hier schreibt keiner, der ende 20 oder mitte 30 ist, der diagnostiziert und behandelt wurde und sagt: ich habe so viel gelernt, ich komme jetzt ohne übermäßige anstrengung klar.[/quote]

Sicher nicht, was sollen die denn noch in einem ADHS-Forum?  :breitgrinse1:

Lenilein, ich finde, Panik ist unangebracht. Du hast vor einem Jahr deine Diagnose bekommen, es ist unrealistisch dass die ADHS in nur vier Jahren bis du 21 bist wieder verschwindet. Wie es ist, wenn du 50 bist, weiß keiner.

Aber: Ein ordentliches Studium oder eine Ausbildung machen zu können, einen erfüllenden Beruf zu haben, einen lieben Ehepartner zu finden und mit diesem wunderbare Kinder zu haben, also was man so ein normales Leben nennt- das geht auch mit ADHS. Je besser behandelt, desto besser.

Und andererseits passiert es auch Leuten ohne ADHS oder sonstige psychische Krankheiten, dass sie im Studium versagen, mit dem Auto vor einen Baum fahren, der Ehepartner säuft und gewalttätig ist, die Kinder drogenabhängig oder rechtsradikal werden usw. Eine Garantie für ein glückliches Leben gibt es nicht und das haben wir auch nicht in der Hand.
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Re: ad(h)s kann bis zum 21. Lebensjahr verschwinden?!

Beitrag von Hanghuhn » 28. November 2014 21:29

[quote="Falschparker"]
Aber: Ein ordentliches Studium oder eine Ausbildung machen zu können, einen erfüllenden Beruf zu haben, einen lieben Ehepartner zu finden und mit diesem wunderbare Kinder zu haben, also was man so ein normales Leben nennt- das geht auch mit ADHS. Je besser behandelt, desto besser.  [/quote]

Schnief+heul:  Geht das auch mit ADS?  :baw: :wein3:
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Re: ad(h)s kann bis zum 21. Lebensjahr verschwinden?!

Beitrag von Falschparker » 28. November 2014 22:20

Geht das auch mit ADS? Was ist denn deine Erfahrung, Hanghuhn?

Das H in Klammern setzen mache ich aus Nachlässigkeit nicht, das musst du dir bei fast allen meinen Beiträgen denken. Nachlässigkeit und Gedankenlosigkeit, denn mein Sohn und ich selbst haben ADHS mit H.

Als Emma-Leser weiß ich natürlich, dass die Wendung "weibliche Form mitgemeint" nur eine bequeme Männerausrede ist. Die Frauen fühlen sich natürlich nicht mitgemeint, sondern ärgern sich, ständig unterschlagen zu werden. Ist das bei euch ADS-lern (und ADS-lerinnen) auch so?  :upsi:
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Re: ad(h)s kann bis zum 21. Lebensjahr verschwinden?!

Beitrag von lenilein » 28. November 2014 22:42

Normal ist natürlich ein sehr dehnbarer Begriff. Ich sehe es als  nicht normal an, wenn ich jedem Tag Tabletten nehmen muss, eine Therapie mache und es den meisten Leuten nicht einmal sagen kann, weil auf der ganzen Welt hauptsächlich Vorurteile über ad(h)s existieren... Selbst einer meinem meiner engsten Freude kann und werde ich nichts erzählen, weil er diese ganze negativ ritalin Propaganda verinnerlicht hat.  :kk:
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Re: ad(h)s kann bis zum 21. Lebensjahr verschwinden?!

Beitrag von Hanghuhn » 28. November 2014 23:13

@Falschparker, Dir sei verziehen!

Meine Erfahrungen: sehr gute Ausbildung; mangelnde Anerkennung; einmal gemachte Fehler vor ca. 10 Jahren sind einfach nicht auszumerzen, weil einem das, was einem wirklich liegt, nicht zugetraut wird; Deutungshoheit hat der Chef; Unzufriedenheit; bisher vergebliches Warten auf Chance

Im übrigen hinkt der Vergleich wg. ADS/ADHS mit männlich/weiblich etwas. Was ich Dir schrieb, sollte einfach nur ein Scherz sein, ich bin heute etwas schräg drauf. Es gibt bei manchen Themen wirklich gravierende Unterschiede zwischen ADS und ADHS. Darauf wird i. a. in Presse u. ä. recht wenig Rücksicht genommen. Selbst wenn alibimäßig an irgend einer Stelle "ADS" steht, geht es doch immer zu 90 - 100 % um ADHS.

So ähnlich ist es, wenn es um Qualifikationen geht. Da bin ich zwiespältig. Eine Qualifikation ist nicht männlich oder weiblich. Trotzdem wird auch immer ein Mann unter "Ingenieur" verstanden, keine Fau. Meine Erfahrungen aus der DDR sind diesbezüglich anders. Ich hatte nie ein Problem damit, mich als Diplom-Mathematiker zu bezeichnen. Ich habe im "Westen" das erste Mal erlebt, dass ich gerügt wurde, nicht angegeben zu haben, dass ich weiblich bin. Zum anderen werde ich regelmäßig von Kolleginnen berichtigt, doch dass -in anzuhängen, was mir immer noch schwer fällt, weil ich es eigentlich - sorry für alle, die da anders denken - albern finde.

Mich regt viel mehr auf, wenn einem als Frau nur bestimmte Dinge zugetraut werden - halt so genannte weibliche Kompetenzen. Meine Kompetenzen liegen eher woanders. Trotzdem  immer mehr junge Frauen immer qualifizierter sind, ist es gerade für Frauen, die die Männerbastionen "erobern" wollen, tausend mal schwerer als für andere gut ausgebildete Frauen.

Ich bin heute wirklich nicht gut drauf.. Sorry :upsi:
LG Hanghuhn
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Re: ad(h)s kann bis zum 21. Lebensjahr verschwinden?!

Beitrag von Kaina » 28. November 2014 23:28

[quote="Hanghuhn"]
Schnief+heul:  Geht das auch mit ADS?  :baw: :wein3:[/quote]

Jahaaa :anfeuer:  :ja1:

[quote="Falschparker"]
Als Emma-Leser weiß ich natürlich, dass die Wendung "weibliche Form mitgemeint" nur eine bequeme Männerausrede ist. Die Frauen fühlen sich natürlich nicht mitgemeint, sondern ärgern sich, ständig unterschlagen zu werden. Ist das bei euch ADS-lern (und ADS-lerinnen) auch so?  :upsi:[/quote]
:icon_eek:
ADHS=männlich? ADS=weiblich? Immer????
:grübel:
Extreme ADSler, die ich kenne, sind alle männlich - ohne Witz. OK, ich kenne auch ein paar extreme männliche ADHSler
Ich glaube, wir Frauen haben eine eigenwillige Neigung zur Mischform  :811:
(Und ich schreibe auch oft nur ADS, einfach aus Faulheit, nicht um die Männer zu ignorieren  :icon_mrgreen:)


[quote="lenilein"]
Normal ist natürlich ein sehr dehnbarer Begriff. Ich sehe es als  nicht normal an, wenn ich jedem Tag Tabletten nehmen muss, eine Therapie mache und es den meisten Leuten nicht einmal sagen kann, weil auf der ganzen Welt hauptsächlich Vorurteile über ad(h)s existieren... Selbst einer meinem meiner engsten Freude kann und werde ich nichts erzählen, weil er diese ganze negativ ritalin Propaganda verinnerlicht hat.  :kk:
[/quote]

Vielleicht hast du dich einfach noch nicht mit deiner Diagnose versöhnt?
Was ist schon "normal"?

Leute mit Brille, die sie nicht, oder mit Kontaktlinsen schlecht verbergen können?
Leute (nach Krankheit oder Unfall oder was auch immer) mit Zahn- oder sonstigen Protesen?
Diabetiker, die sich spritzen?
Auch ich werfe mir täglich eine Tablette ein. Nein, kein MPH (die nehme ich on Demand), sondern L-Thyroxin für die SD.

Wie lautet der alte Spruch: "unter jedem Dach ein Ach" - und das ist nicht immer von außen sichtbar.
Was ist normal? Normal ist, wenn das Leben sehr bunt, durchmischt und durchrasst ist  :breitgrinse1:.

Trauriger finde ich, dass du einem "engsten" Freund nicht erzählen kannst, was dich beschäftigt.
Dass du ihn für so intolerant und unbelehrbar hälst, dass du glaubst,  ihm eine deiner Facetten nicht zeigen zu können.
Aber auch wenn ich es traurig finde - auch das ist immer noch normal.

Ich habe AD(H)S - aber ich sehe mich (nach langen Jahren erheblicher Zweifel) heute als normaler, als viele andere! :icon_mrgreen:



edit: @Hanghuhn :knuddel:
Zuletzt geändert von Kaina am 28. November 2014 23:33, insgesamt 1-mal geändert.
"Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische." (K.Valentin) 
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