Diagnosetermin... bin ratlos

Erwachsene u. Kinder
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Emma Dilemma
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Diagnosetermin... bin ratlos

Beitrag von Emma Dilemma » 7. November 2014 17:44

Hallo,

heute hatte ich endlich nach monatelangem Warten und mehrmaligem Verschieben seitens der Klinik endlich einen Termin in der ADS-Ambulanz für Erwachsene. Und jetzt bin ich genauso schlau wie vorher....

Es wurden keine Tests durchgeführt (dafür müsste ich nochmal mehrere Monate warten), es fand lediglich ein Gespräch statt. Das Gespräch dauerte ca. 1,5 Stunden. Ich wurde gefragt, warum ich da sei und wie ich denn zu dem Verdacht ADS käme. Das ganze Gespräch lief dann in die Richtung meiner chronischen depressiven Erkrankung. Darüber wollte er dann viel wissen. Er meinte dann, er könne sich nicht vorstellen, dass ich ADS habe, schließlich habe ich ja schon seit meiner Jugend mit Depressionen zu tun, meine Probleme kämen sicher alle daher. Und außerdem... was ich mir denn von der Diagnose versprechen würde?

Ich bin aus  dem Gespräch mehr oder weniger mit dem Gefühl rausgegangen, ich soll es doch einfach auf sich beruhen lassen.


Eigentlich möchte ich es schon gerne wissen. Ich stehe noch bei einer anderen Klinik auf der Warteliste für die Diagnostik. Kann ich da so ohne weiteres auch noch hin? Obwohl ich ja jetzt schon einen Termin für Diagnostik hatte? Ich weiß nicht, ob ich die Kliniken nennen darf. Es würde mich interessieren, wie die Erfahrungen sind mit der Klinik, wo ich noch auf Warteliste bin.

Emma ist ratlos  :Frag: :Frag: :Frag:
Falschparker
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Re: Diagnosetermin... bin ratlos

Beitrag von Falschparker » 7. November 2014 20:28

Hallo Emma,

eine Vermutung ist keine Diagnose- das gilt aber im positiven wie im negativen Sinne. Nur weil dein Gesprächspartner (Arzt? Facharzt? Psychologe?) sich nicht vorstellen kann dass du ADS hast, heißt das ja noch nicht dass du wirklich keine hast.

Du schreibst:
[quote="Emma Dilemma"]Es wurden keine Tests durchgeführt (dafür müsste ich nochmal mehrere Monate warten), es fand lediglich ein Gespräch statt. Das Gespräch dauerte ca. 1,5 Stunden.[/quote]

müsstest mehrere Monate warten- werden also die Tests in mehreren Monaten in einem weiteren Termin noch durchgeführt, oder hast du darauf verzichtet um schnell dranzukommen?

Jedenfalls hast du dann ja keine negative Diagose (sondern gar keine), oder?

Das heißt du solltest entweder die Tests in dieser Klinik abwarten oder gleich zu der anderen gehen.

Übrigens ist der Übergang zwischen "Gespräch" und "Tests" fließend. Das Hauptdiagnoseinstrument bei AD(H)S nennt sich halbstrukturiertes Interview, das heißt der Diagnostiker spricht mit dir und orientiert sich dabei an einem Fragenkatalog. Dazu kommen noch Fragebögen, die du selbst zu Hause ausfüllen musst zur aktuellen Symptomatik und zur Symptomatik in deiner Kindheit (wichtig!) und idealerweise auch immer ein Fremdeinschätzungs-Fragebogen für deinen (Ehe-)Partner oder mit wem du sonst eng zusammenlebst. 

Tests im engeren Sinne werden auch manchmal gemacht, also Aufgaben mit oder ohne Computer um die Konzentration oder die Intelligenz anzusehen, gehören aber nicht immer dazu und sind sehr viel weniger aussagekräftig als was du oder jemand sonst über deinen Alltag schilderst. Also erwarte besser keine "objektiven" Messinstrumente, die gibt es bei ADHS gar nicht.
<><
Emma Dilemma
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Re: Diagnosetermin... bin ratlos

Beitrag von Emma Dilemma » 7. November 2014 21:32

Hallo Falschparker,

danke für deine Antwort.

Was mich im Termin erwartet,  wusste ich nicht. Mein Gesprächspartner  (Arzt? Therapeut? keine Ahnung. ..) sagte mir, man könne Tests machen, aber zum einen müsste ich da mehrere Monate warten und zum anderen... warum? Medis würden bei mir eh nicht in Frage kommen und was ich mir davon versprechen würde?  Ich kenne diese Tests  auch zumindest teilweise schon, weil die ja auch in der Diagnostik von Depressionen verwendet werden. Er meinte, beim Test würde sicherlich ein Konzentrationsdefizit festgestellt werden, was aber ja eben auch symptomatisch für eine Depression ist. Im Gespräch ging es dann auch hauptsächlich  um die Depression.

Ich hab keine Fragebögen ausgefüllt, davon war auch keine Rede. Meine alten Zeugnisse geben nichts  (weder pro noch contra) her.

Ich hab einfach unterm Strich kein gutes Gefühl bezüglich dieses Termins. Ich hätte mir mehr gewünscht. Eben Fragebögen, auch von Menschen,  die mir nahe stehen. Fragen  zu eben den Symptomen, von denen  ich  berichtet habe, die ich als Indiz für ADS  vermute.

Wie komme ich überhaupt darauf, dass ich ADSler sein könnte? Eine selbst Betroffene hat mir das auf den Kopf zugesagt. Und was sie so von sich erzählt hat - genau mein Chaos. Ich hab mich darauf hin intensiv  mit dem Thema beschäftigt, auch Bücher darüber gelesen und erkenne mich einfach darin wieder
. Teilweise hatte ich beim Lesen das Gefühl, ein Puzzle würde sich zusammen fügen.

Lange Rede, kurzer Sinn.... ich werde wohl noch in die andere UK gehen, wenn das problemlos möglich ist.
Falschparker
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Re: Diagnosetermin... bin ratlos

Beitrag von Falschparker » 7. November 2014 22:18

Emma Dilemma hat geschrieben:Mein Gesprächspartner  (Arzt? Therapeut? keine Ahnung. ..) sagte mir, man könne Tests machen, aber zum einen müsste ich da mehrere Monate warten und zum anderen... warum? Medis würden bei mir eh nicht in Frage kommen und was ich mir davon versprechen würde?  Ich kenne diese Tests  auch zumindest teilweise schon, weil die ja auch in der Diagnostik von Depressionen verwendet werden. Er meinte, beim Test würde sicherlich ein Konzentrationsdefizit festgestellt werden, was aber ja eben auch symptomatisch für eine Depression ist.
Was du dir davon versprechen würdest? So eine Frechheit. Wenn dir die Diagnose nichts wert wäre, wärst du wohl kaum dorthin gegangen.  :kk:

Der Arzt wollte also nicht. Das gibt es. Manche Ärzte scheinen irgendwie Druck zu kriegen (oder ihn sich selbst zu machen), bloß nicht zu viele positive ADHS-Diagnosen zu machen. 

Sicher hast du Depressionen, das wusstest du auch schon vorher. Die spannende Frage ist doch aber, ob diese eventuell von einer AD(H)S kommen. Dazu muss man sich insbesondere deine Kindheit angucken. Unauffällige Zeugnisse sind zwar dann ein Problem, aber, gerade bei Mädchen, gibt es auch das.

Und aufschlussreich wäre sicher auch, ob noch Symptome während depressionsfreier Zeiten (wenn es die gab) auftraten.

ADS ohne H ist eine schwierige Sache, das sagt auch Martin Winkler in diesem Forum immer wieder. Es gebe Erwachsene, die überzeugt seien ADS zu haben, aber das treffe trotzdem nicht zu. Andererseits gebe es gerade Mädchen, deren ADS viele Jahre nicht auffalle und die im Kindesalter sehr angepasst gewesen seien.
https://sites.google.com/site/drmartinw ... sbeifrauen

Jedenfalls braucht es dann einen Arzt, der Interesse hat, genauer hinzugucken- und nicht die Hilfesuchenden abwimmelt.
Medis würden bei mir eh nicht in Frage kommen und was ich mir davon versprechen würde?
Wer sagt, dass Medikamente nicht in Frage kommen- du oder er? Das kann sich aber im Prozess des Nachdenkens auch ändern.

Und selbst wenn nicht- eine ADS-Diagnose ist auch entlastend. Auch wenn man natürlich nicht ADS als Entschuldigung für alles verwenden sollte- wir bleiben für den Mist den wir gemacht haben verantwortlich. Vor allem für den Mist den wir Anderen getan haben. Die können schließlich genau so wenig für unsere AD(H)S wie wir.  :zwink:

Viele Grüße und alles Gute
Falschparker
<><
Emma Dilemma
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Re: Diagnosetermin... bin ratlos

Beitrag von Emma Dilemma » 11. November 2014 09:05

Danke nochmal für die Antwort.
Und aufschlussreich wäre sicher auch, ob noch Symptome während depressionsfreier Zeiten (wenn es die gab) auftraten.
Ja. Das, was ich für symptomatisch halte, zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Deshalb habe ich mich auch so wieder erkannt, als ich mich mit einer Bekannten austauschte, die mir später sagte, sie habe ADS und würde stark vermuten, ich habe das auch.
Wer sagt, dass Medikamente nicht in Frage kommen- du oder er?
Er. Und er machte das Medikament so madig, dass ich mich seiner Meinung angeschlossen habe.
Und selbst wenn nicht- eine ADS-Diagnose ist auch entlastend.
Jep. Genau darum geht es mir.
Emma Dilemma
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Re: Diagnosetermin... bin ratlos

Beitrag von Emma Dilemma » 11. Juli 2015 19:05

Update!

Vergangene Woche war ich endlich in der anderen UK. Und... was soll ich sagen.... Es wurde ein einstündiges Interview gemacht, das sehr strukturiert anhand einer Liste abgearbeitet wurde. Die Ärztin erschien mir sehr kompetent. Sie meinte, dass alles, was ich ihr erzählte, sehr auf ADS deuten würde. Unklar ist leider, wie es meiner frühen Kindheit war, weil ich darüber selber einfach nichts oder nicht mehr viel weiß. Da werden wohl die Fragebögen mehr Aufschluss bringen, sofern sich meine Mutter (die schon ziemlich alt ist) noch gut genug erinnert. Die Ärztin meinte im Gegensatz zu dem Gesprächspartner der vorherigen UK sogar, dass sie sich sehr gut vorstellen könne, dass ein Teil meiner Depressionserkrankung ihren Ursprung durchaus in der ADS haben könne. Für die Ärztin war alles, was ich erzählte, sehr schlüssig. Sie wies auch auf die seltenere Form des "Träumerle-ADS" hin und meinte, das wäre sehr wichtig zu wissen, ob ich verträumt war als Kind. Außerdem stellte sie in den Raum, dass ich wegen meines IQs schulisch unterfordert war und mich schon alleine deshalb irgendwann in der Schule verweigert habe. Das Gespräch fand in einer sehr angenehmen Atmosphäre statt, die Ärztin machte einen sehr kompetenten Eindruck und war obendrein noch sehr freundlich und sympathisch. Das Warten (ziemlich genau ein Jahr) hat sich definitiv gelohnt. Als nächstes stehen Testung, Fragebögen und ein weiteres Interview an. Wohin die Reise geht, weiß ich absolut noch nicht, aber alleine dieser Termin hat mir schon sehr geholfen.
Falschparker
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Re: Diagnosetermin... bin ratlos

Beitrag von Falschparker » 11. Juli 2015 19:57

[quote="Emma Dilemma"]
Da werden wohl die Fragebögen mehr Aufschluss bringen, sofern sich meine Mutter (die schon ziemlich alt ist) noch gut genug erinnert.[/quote]

Was ist frühe Kindheit? Wenn du in der Schule verträumt warst, wirst du dich doch noch erinnern? Jedenfalls wie es so mit 10 oder 12 war bestimmt, oder auch das nicht?

Das ist natürlich alles freiwillig, ob man die Eltern einweiht oder nicht. Von mir hat es niemand verlangt, meine Mutter war schon 70, und ich hätte das unangebracht gefunden. Ich habe es ihr auch später nicht gesagt.

Wobei, dass ich ein Schussel war der ganz viel verloren hat hätte sie sicher bestätigt. Auch die vielen Beinaheunfälle.

Manche Eltern erinnern sich aber leider nach so vielen Jahrzehnten genau so schlecht wie ihre Kinder. Da wird viel beschönigt.

Schön, dass du dich dort besser aufgehoben fühlst!  :ja1:
<><
Emma Dilemma
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Re: Diagnosetermin... bin ratlos

Beitrag von Emma Dilemma » 11. Juli 2015 20:17

Ich kann mich tatsächlich kaum an meine Grundschulzeit (ganz zu schweigen von davor) erinnern. Auch die ersten Jahre danach sind ziemlich diffus. ich meine schon, dass ich ziemlich verträumt war und lieber den Vögeln und Schmetterlingen vor dem Klassenfenster zugeschaut oder mit Mitschülern geschwätzt habe. Unterricht fand ich jedenfalls nach der Grundschule ziemlich uninteressant. In der Grundschule? Keine Ahnung. Meine Noten waren gut, aber mir flog auch alles zu. Nur die Beteiligung am Unterricht ließ zu wünschen übrig. Warum? Das ist im Dunkeln.

Meine Mutter würde ich nicht einweihen, würde ihr aber die Fragen aus dem Fragebogen stellen. So ein bisschen nebenbei sozusagen :-) Sie ist fast 80, ob sie noch Einzelheiten weiß, keine Ahnung. Meinen Vater werde ich komplett raushalten.

Ich hab eine sehr lange Psychotherapie gemacht, in der auch nach Kindheits- und Jugenderinnerungen geforscht wurde. Es ist viel im Dunkeln und konnte auch leider nicht so recht ans Tageslicht gebracht werden. Ich lass mich mal von den Fragebögen überraschen.
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Hanghuhn
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Re: Diagnosetermin... bin ratlos

Beitrag von Hanghuhn » 11. Juli 2015 20:47

[quote="Falschparker"]
Was du dir davon versprechen würdest? So eine Frechheit. Wenn dir die Diagnose nichts wert wäre, wärst du wohl kaum dorthin gegangen.  :kk:
[/quote]
:nene: Da zweifle ich wirklich an der Kompetenz eines solchen Arztes. Was wird einem eine Diagnose wohl bringen? Wozu gibt 's dann überhaupt Ärzte, die solche Diagnosen erstellen?

[quote="Falschparker"]
Der Arzt wollte also nicht. Das gibt es. Manche Ärzte scheinen irgendwie Druck zu kriegen (oder ihn sich selbst zu machen), bloß nicht zu viele positive ADHS-Diagnosen zu machen. 
[/quote]
Den Eindruck habe ich auch schon länger. Was dafür wohl die Ursache ist ...?

@Emma Dilemma, dass Du Dich so gar nicht an Deine Grundschulzeit erinnern kannst, finde ich aber doch eigenartig. Ich kann mich auch nicht an jedes Detail erinnern, weiß aber noch sehr wohl, wie ich mich gefühlt habe. Manche Details sitzen auch noch. Es gibt, je mehr ich darüber nachdenke, mehr und mehr Situationen, in denen meine ADS zum Tragen kam.

Im Sport hatte ich beim 60m-Lauf immer das Gefühl, dass ich ewig im Startblock hängen blieb. I. A. gehörte ich ich zu den Schnellsten, was die reine Laufzeit anging, hinkte aber immer ewig hinterher, weil sich meine Startblock-Hockerei auf 60m nicht ausgleichen ließ. Ab ca. der 4.Klasse bekam ich das in den Griff und war von da an auch wesentlich schneller.

Kram in Deinem Gedächtnis nach irgend welchen Episoden nach! Überleg, welche Rolle Du dabei gespielt hast, wie es Dir dabei erging!

Oder hattest Du damals schon Depressionen?
Zuletzt geändert von Hanghuhn am 11. Juli 2015 20:50, insgesamt 1-mal geändert.
LG Hanghuhn
Emma Dilemma
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Re: Diagnosetermin... bin ratlos

Beitrag von Emma Dilemma » 11. Juli 2015 22:15

[quote="Hanghuhn"]Oder hattest Du damals schon Depressionen?[/quote]

Meine Depressionen begannen in der Pubertät.

Aus der Kindheit gibt es Gedankenblitze, Szenen, an die ich mich erinnere. Nach Gefühlen und Empfindungen hat mich auch die Ärztin gefragt. Ich finde es selber schlimm, dass ich mich nicht erinnern kann... Ich sagte auch zu der Ärztin, ich könne ihr jetzt irgendwas erzählen, aber das wäre ja nicht sinnvoll. Ich möchte mich gerne erinnern... vielleicht klappt es, wenn ich meine Mutter "ausfrage"...
laetitia
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Re: Diagnosetermin... bin ratlos

Beitrag von laetitia » 12. Juli 2015 01:03

Hi Emma

Vor zwei Jahren war ich mit einem Bekannten unterwegs, der mit mir herausfinden wollte, was so meine Lebensträume sind. Er konnte es fast nicht fassen, dass ich irgendwie nie solche Träume entwickelt hatte...und meinte, ich solle mal etwas in meiner Kindheit nachforschen. Damals wollte ich eigentlich nicht unbedingt meine Kindheit neu aufrollen, aber irgendwie war mir klar, dass in meiner Kindheit eine art Schlüssel liegt zu dem, was ich mit meinem Leben noch anstellen soll und will.

Ich konnte mich auch nicht an vieles erinnern, ausser so den typischen ADS-Verhalten wie ständiges zu Spät kommen oder dass ich stunden lang an meinen Hausaufgaben sass und vor mich hin träumte...und dass ich die zweite Klasse repetieren musste, obwohl mir nicht ganz klar war, warum. Irgendwie war ich überhaupt nicht in diesem Leistungsdenken drin, verstand gar nicht, was Noten genau bedeuten...

Aber sonst waren die meisten meiner Erinnerungen sehr emotional geladen. Das heisst, es brauchte schon etwas Mut, mich darauf einzulassen, weil ich nicht wissen konnte, wohin es mich emotional verschlägt. Trotzdem habe ich es aber versucht. Ich bin auch an meinen alten Wohnort gefahren, dort durch unser Wohnquartier gegangen, dann meinen Schulweg zu meinem Kindergarten und dann meiner Schule. Es war irgendwie seltsam und viel an Erinnerung kam nicht, aber dennoch begann langsam etwas aufzutauen, sozusagen.

Also, bei den meisten Menschen, die sich schlecht an ihre Kindheit erinnern können, hat das mit etwas zu tun, das einfach zu schmerzhaft war damals. Und das auch heute noch Auswirkungen auf das emotionale Empfinden hat. Alte Gefühle, die du irgendwie nicht zuordnen kannst werden aktiviert durch Ereignisse in der Gegenwart und so mischen sich alte und neue Gefühle. Du verstehst dann nicht, warum du so fühlst, aber kannst es auch nicht ändern. So ist das jedenfalls bei mir.
Ich mache zur Zeit Übungen zur Achtsamkeit, in denen es darum geht, die Gefühle zu benennen. Das ist nicht gerade einfach, aber es hilft zu verstehen, woher sie kommen und wie ich mit ihnen umgehen kann.

Was hast du denn mit deiner Therapeutin bezüglich Depressionen gemacht, ausser in der Vergangenheit zu forschen?
Ich glaube, man muss nicht seine ganze Kindheit verstehen, um seine emotionalen Probleme zu lösen. Natürlich hilft es, wenn man eine ungefähre Ahnung hat, was genau dahinter steckt. Aber letzten Endes geht es darum, im Jetzt zu verstehen, was gerade passiert und dann angemessen zu handeln, damit man nicht in den Negativstrudel gerät, der einen dann so weit runter zieht, dass man nicht mehr aus dem Bett kommt.

Es kann schon sein, dass deine Depression teil des ADS ist. Es kann aber auch sein, dass es eine andere Ursache hat und durch das ADS ev. verstärkt wird. So oder so ist es gut, wenn du in guten Händen bist und alle Aspekte beachtest.

Ich war eigentlich wegen einer ADS-Abklärung ins Psychiatriezentrum meiner Nähe gegangen. Obwohl ich mit der Diagnose gerechnet hatte, wusste ich dann doch nicht so richtig, was damit anfangen. Daher dachte ich, eine Gruppentherapie wäre gut, damit ich den Austausch habe mit anderen Betroffenen. Diese Gruppe war bei einer anderen Psychologin und so meldete ich mich dort. Da aber die Gruppe noch nicht zustande kam, vereinbarte ich dann erst mal Einzeltermine. Sie machte mit mir dann nochmals eine art Diagnostik, weil sie meinte, dass sie im Moment nicht unbedingt das ADS im Vordergrund sehe. Mittlerweile bin ich bei der Diagnose, dass ich Züge einer Borderline-Störung habe und besuche eine sogenannte Skillsgruppe, wieder im Zentrum wo ich die Diagnose des ADS bekam...was ich damit sagen will...wichtig ist, dran zu bleiben. Ich gehe jetzt in diese Gruppe und lerne die Psychologin, welche mir das ADS bestätigt hat besser kennen und sie mich. Auch die andere Psychologin, zu der ich ebenfalls regelmässig gehe, lernt mich besser kennen. Mit der Zeit wird sich zeigen, wie viel meiner Schwierigkeiten mit dem ADS und wie viel mit sonstigem Ballast aus der Kindheit zu tun haben.
Und zu allerletzt geht es ja darum, mit dem Leben klar zu kommen, so dass es mir gefällt und ich zufrieden bin.

Mit den Medis habe ich es auch probiert, der Erstversuch war aber etwas missglückt. Ich werde es aber nochmals versuchen, doch vorerst möchte ich meine Emotionen besser verstehen können, besonders wenn ich zu Hause bin und mir die Decke auf den Kopf fällt, weil ich gerade nicht weiss, was ich mit mir anfangen soll resp. das Gefühl habe, dass eh alles Sinnlos ist. Es bringt mir ja auch nichts, konzentriert und effizient arbeiten zu können, wenn ich mich dann völlig verloren in Raum und Zeit fühle.

Was ich wichtig finde ist, dass du ehrlich bist zu dir selbst und nicht die Hoffnung auf eine Diagnose setzt. Gleichzeitig kann es natürlich sein, dass die Diagnose die Antwort für dich ist. Ich kenne eine Mutter, für deren Sohn es die Antwort war und der seither gut mit seinem Leben zurecht kommt, dank Medis, wo vorher Antidepressiva und Therapie nichts ausrichten konnten.

Und jetzt hoffe ich, dass ich dich nicht bloss verwirrt habe...und wünsche dir alles Gute bei den weiteren Abklärungen.
Emma Dilemma
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Re: Diagnosetermin... bin ratlos

Beitrag von Emma Dilemma » 13. Juli 2015 18:04

Danke laetitia für deine ausführlichen Gedankengänge  :ja1: Nein, du hast mich nicht verwirrt.

Ich bleibe weiter dran. Alleine die Tatsache, dass jetzt die Ärztin mich durchaus im ADS sieht, war für mich schon eine enorme Erleichterung. Ich hatte das schon bei anderen Erkrankungen (von denen ich leider noch ein paar habe...). Das "Kind hat endlich einen Namen", sprich eine Diagnose, das hilft mir persönlich schon ein gutes Stück. Was meine Kindheit betrifft, werde ich möglicherweise anhand der Fragebögen Dinge von einer Seite betrachten (müssen), die mir bisher noch nicht in den Sinn gekommen sind. Wer weiß? Schusseligkeit, Tagträumerei, über die eigenen Füße stolpern.... das hatte ich schon immer, davon bin ich überzeugt.

Was war zuerst da, die Henne oder das Ei? ADS oder Depression? Ich glaube nicht, dass das eine das andere bedingt oder ausgelöst hat. Eher, dass es sich unter ungünstigen Umständen gegenseitig verstärkt. Wo meine Reise jetzt hingeht? Ich werde es sehen...
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