ADHS, bipolar und Ritalin beim Erwachsenen

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psylvie
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ADHS, bipolar und Ritalin beim Erwachsenen

Beitragvon psylvie » 3. Dezember 2017 10:56

Hallo
Ich bin 44 Jahre alt und ich habe ein anstrengendes Leben hinter mir.
Schon als Kind war ich wohl sehr auffällig, überdreht, aggressiv. Emotionen hatte ich gar nicht unter Kontrolle, flippte ständig aus, schlug um mich.... Ich war wohl ein schreckliches Kind, was ich heute noch zu hören bekomme.
Ich fühlte mich immer sehr einsam und unverstanden....über ADHS wurde damals noch nicht gesprochen. Psychologen konnten mir nicht weiterhelfen.
Inzwischen habe ich mich etwas "beruhigt". Nach aussen hin bis ich "bedachter", überlege ein wenig bevor ich meine Meinung äussere.
Doch innerlich bin ich sehr aufgewühlt, unruhig, meine Gedanken drehen im Kreis, ich kann mehrere Sachen gleichzeitig denken, (so wie "Lärm" im Kopf) ,habe Probleme Entscheidungen zu treffen. Das belastet mich sehr und nimmt mir und auch meiner Familie ein Stück Lebensqualität.
Ich rede sehr viel, sehr schnell, springe von einem Thema zum anderen und wieder zurück, ich plane pausenlos irgendwelche Dinge, Aktivitäten, Erlebnis-Urlaube, und kann gar nicht zur Ruhe kommen... ständig auf der Suche nach DEM Kick. Wellness ist gar nichts für mich, da ich gar nicht abschalten kann.
Hinzu kommen negative Gedanken, wie zb dass Leute schlecht über micht reden könnten, dass ich mit meinen Worten Menschen verletzt habe (darüber denke ich dann tagelang nach),
Freunde hab ich kaum, ich fühle mich nur wohl in engstem Kreise, habe eine sehr enge Bindung zu meinen Kindern und meinem Mann (der mein totales Gegenteil ist)....
Ebenso bin ich sehr emotional und sehr sensibel, habe grosse Empathie für andere, allerdings ohne Distanz.Ich leide oft sehr stark unter Situationen die andere betreffen...
Soviel im Groben zu meiner Person.

Letzte Woche hat mir der Psychiater Ritain verschrieben, als Testphase, um zu sehen wie ich darauf reagiere. wenn die Reakion positiv ist, bekomme ich ein anderes Medikamment das über den ganzen Tag wirkt...
Seit Freitag nehme ich morgens dieses Medikamment (10mg)

Naja, was soll ich sagen: ich fühle mich sehr gut!
Ich fühle mich frei, so als wäre ein Knoten in mir geplatzt, so als hätte man mir wieder die Möglichkeit gegeben zu atmen, als hätte man aufgehört meinen Brustkorb einzuschnüren. Ich kann es nicht anders beschreiben. Ich fühle mich merkwürdig anders, aber gut.
Ich bin etwas weniger impulsiv, nehme Situationen nicht so schnell "persönlich" (zb wenn meine Jungs streiten ist für mich normalerweise der blanke Horror und verletzt micht sehr, jetzt kann ich einfach zuhören ohne dass es mich so sehr aufregt). Ich fühle mich ganz leicht als wäre ich beschwipst, und gleichzeitig habe ich Lust zu weinen weil ich so eine Erleichterung spüre. Ich hab das Gefühl endlich verstanden zu werden, endlich zu wissen dass ich nicht Schuld bin an meiner schwierigen kindheit.
Jedoch macht mir dieses Medikamment auch ein wenig Angst. Was ist wenn es nicht das Richtige ist? was ist wenn ich nicht ADHS hab, sondern Bipolar bin? Woran merke ich dass dies für mich der richtige Weg ist.
Diese Gedankengänge und hin und her Überlegungen sind so typisch für mich.
Ich denke dass die Dosis wohl noch nicht die Richtige ist... Eigentlich hätte ich das Bedürfnis MEHR davon zu wollen,(was ich natürlich nicht tun werde!), ich will mich "noch freier" fühlen.
Ich hab im Internet recherchiert nach Nebenwirkungen von Ritalin und bin auf einen Artikel gestossen wo geschrieben wurde, dass Ritalin angeblich ähnlich wirken soll wie Kokain (??? womit ich keinerlei Erfahrung habe)

Meine Frage an euch: Wie ging es euch am Anfang mit den Medikammenten? Hattet ihr ähnliche Gefühle? Wie wurdet ihr auf die richtige Dosis eingestellt?
Ich werde gleich morgen dem Psychiater anrufen und ihm erzählen wie ich auf Ritalin reagiere.
Auf Antworten würde ich mich trotzdem feuen.
Lg
ErichW
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Re: ADHS, bipolar und Ritalin beim Erwachsenen

Beitragvon ErichW » 3. Dezember 2017 17:56

Ich würde auf keinen Fall sofort beim Psychiater anrufen. Es wäre zwar sehr typisch für ADHS, gleich gewissermaßen hysterisch und überdreht zu reagieren. Es könnte aber auch sein, dass der Ersteindruck einfach nur eine sehr ungewöhnliche Erfahrung ist, die sich nach einigen Tagen aber deutlich relativiert. Es besteht sogar die Möglichkeit, dass man nach wenigen Tagen unter Ritalin sich einfach nur noch normal fühlt. Eine hyperaktive Reaktion könnte einen bei ADHS nicht so sattelfesten Psychiater leicht auf eine falsche Fährte bringen.

Übrigens können 10 mg unretardiertes Ritalin (darum handelt es sich offensichtlich?) für einen Erwachsenen recht viel sein. Ich würde von einem Mediziner erwarten, dass er das weiß und z.B. mit 5 mg startet. Die Spanne der wirksamen Dosierung reicht nach meiner Erfahrung bei Erwachsenen von 2,5 mg bis 20 mg. Es gibt viele Niedrigdosierer unter den Erwachsenen und ebenso eine Menge Hochdosierer. Nur die 10 mg als optimale Dosierung findet man nach meiner Erfahrung eher selten. Probiere doch selbst einmal eine niedrigere Dosierung aus, z.B. 5 mg. Bei diesem Medikament muss jeder seine persönliche optimale Dosierung letztlich selber finden.

Ritalin wirkt in gewissen Grenzen sicher ähnlich wie Kokain. In ebenso gewissen Grenzen tut Koffein das aber auch. Es sind halt alles Aufputschmittel. Die Ähnlichkeit hält sich aber wirklich in Grenzen. An einer Schweizer Hochschule/Uni/Klinik wurde vor mitlereiweile längerer Zeit probiert, ob man Ritalin als Ersatzstoff (Substitution) für Kokain bei der Suchtbehandlung einsetzen könnte. Leider funktionierte das nicht, weil Kokain und Ritalin letztlich doch recht unterschiedlich wirken.
laetitia
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Re: ADHS, bipolar und Ritalin beim Erwachsenen

Beitragvon laetitia » 4. Dezember 2017 00:05

Hi psylvie

Was bewegt dich denn dazu zu denken, dass du bipolar seist? Hattest du denn schon manische Episoden die von depressiven Episoden abgelöst wurden?

Ritalin habe ich leider nicht vertragen und ein Generikum von Concerta, welches den gleichen Inhaltsstoff hat wie Ritalin (Methlyphenidat) löste bei mir eine hypomanische Episode mit folgender Depression aus. Ob die aber wirklich davon ausgelöst wurde oder ev. einfach verstärkt oder ich überdosiert war, weil der Wirkmechanismus bei Generika von Concerta möglicherweise nicht so funktioniert, wie er sollte (habe ich nur mal in einem Webinar mit Ärzten gehört) weiss ich nicht. Was ich allerdings sagen kann ist, dass das eine einmalige Sache war und sich nicht wiederholt hat. Ich gehe daher nicht davon aus, dass da eine Bipolarität besteht.

Ich würde sagen, dass du wüsstest, wenn du Bipolar wärest. Da würde ich mir erst einmal wenig Gedanken machen und dich nach den Anweisungen des Arztes richten, mit ihm Wirkung und Nebenwirkung besprechen und schauen, dass du dabei gut begleitet wirst.
psylvie
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Re: ADHS, bipolar und Ritalin beim Erwachsenen

Beitragvon psylvie » 4. Dezember 2017 07:48

Hallo Laetita
Der Psychiater sagte mir dass man schauen müsste ob ich eventuell bipolar bin. Naja, er hat mir letzte Woche so vieles erklärt dass ich gar nicht richtig folgen konnte. In den letzten Tagen schiessen mir Einzelheiten durch den Kopf die er gesagt hat, ich bin mir jedoch nicht sicher ob ich die Erinnerungen nicht verdrehe. Er hat von PSychotherapie geredet und noch Sachen...
Der Verdacht auf bipolar kommt wohl daher, dass es mir in den letzten Monaten sehr schlecht ging. Ich hatte auf der Arbeit ein totales Burnout. Ich schleppte mich wochenlang, bis ich dann schliesslich im Juni die Notbremse zog und mich krank meldete. Es ging mir so schlecht,dass ich gar nicht mehr fähig war mich um meine Kinder zu kümmern. Ich war nur noch gernevt, wollte Ruhe, weinte.. Absoluter Tiefpunkt.
Ich bin nun seitdem krank gemeldet (weil ich opereiert wurde) und habe immer noch einen Knoten im Bauch wenn ich an die Arbeit denke.
Allerdings bin ich ein "Steh-auf-Männchen", hab inzwischen meine Energie wieder gefunden. Nachdem der Psychiater mir von Bipolarität erzählt hat, frage ich mich ständig ob das bei mir der Fall sein könnte.
Ich hab mat Phase wo ich schneller gereitzt bin, genervt, Lärm und Geräusche nicht vertrage. Aber total antriebslos bin ich nie, genausowenig wie richtig traurig. Oft habe ich negative Gedanken, aber was das genau mit Bipolarität zu tun hat, weiss ich nicht.

Alles in allem bin ich recht aufgewühlt.
ich weiss schon länger dass ich "anders" bin, konnte es jedoch nie in Worte fassen. Ich hab Angst dass ich verrückt bin. Gleichzeitig bin ich sehr erleichtert dass es einen Hinweis dafür gibt dass ich nicht wirkich Schuld bin am ganzen Chaos in meinem Kopf.
Lg
Sylvie
psylvie
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Re: ADHS, bipolar und Ritalin beim Erwachsenen

Beitragvon psylvie » 4. Dezember 2017 07:55

Hallo Erich
Mir dem Ritalin fühle ich mich gut.
Aber das Gedankenkarussel ist geblieben. Ich bin aufgewühlt und lese ständig was es alles zu wissen gibt über ADHS und bipolarität, über die Medikammente.
Irgendwie wehre ich mich dagegen zu aktzeptieren dass ich mein Leben lang Pillen schlucken soll, gleichzeitig weiss ich dass sie mir helfen werden.
Ich hätte eher das Gefühl dass das Ritalin nicht stark genug wäre, da ich immer no so im Kreis denke und ich hätte SO Lust das genau das aufhört.
Der Arzt sagte ich solle mich nach ein paar Tagen melden um ihm zu berichten wie es mir geht mit dem Medikamment. Klar ist dass dies nur eine "Testphase" ist um zu schauen wie es wirkt. Der Arzt meinte: es gibt kein " vielleicht", es gibt nur ein klares "ja" oder "nein" zu der Wirkung.
Je nach Wirkung bekomme ich wohl ein Medikamment was über den ganzen Tag wirkt.
Ich hab grosen Respekt vor solchen Medikammenten und möchte nichts ausprobieren ohne Absprache mit dem Arzt. Ich weiss nur nicht ob ich jetzt gleich schon anrufen soll, oder die Wirkung über 1-2 Wochen testen sollte.

Ein anderer Arzt hatte mir ein Antidepressivum verschrieben (Wellbrutin) davon bin ich total durchgedreht, konnte gar nicht mehr schlafen, gar nicht mehr abschalten, hab am Ende nur noch geweint.
Da ich diese Erfahrung gemacht habe , empfinde ich diese Wirkung als sehr angenehm, relaxt, "erlöst". ich denke ich bin auf dem richtigen Weg.
Lg
ErichW
Andersweltler
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Re: ADHS, bipolar und Ritalin beim Erwachsenen

Beitragvon ErichW » 4. Dezember 2017 15:29

psylvie hat geschrieben:Der Arzt meinte: es gibt kein " vielleicht", es gibt nur ein klares "ja" oder "nein" zu der Wirkung.

Das ist irgendwie schon richtig, aber gleichzeitig auch völlig verkehrt. Wenn ich den Wirkstoff ausprobieren möchte, dann muss ich mir als Arzt schon die Mühe machen, die klassische Titration durchzuführen. D.h. also, mit einer niedrigen Dosierung anfangen, dann mit der Dosis höher gehen und wenn das Optimum überschritten ist, wenn es also anfängt, wieder unangenehm(er) zu werden, zurückkehren zur optimalen Dosis. Wenn ich bei einem Niedrigdosierer mit 10 mg anfange, dann bin ich vielleicht schon im Überdosierungsbereich und weiß dann eben nicht, ob das Medikament sinnvoll wirkt. Bei einem Hochdosierer wäre ich mit 10 mg im Unterdosierungsbereich und wüsste dann ebenso wenig, ob das Medikament sinnvoll einzusetzen ist.

Aber wenn es dir jetzt nützt, dann ist doch alles gut. Ein Leben lang müssen es übrigens nicht alle nehmen. Es gibt nicht wenige ADHSer, die irgendwann merken, dass sie auch ohne MPH zurecht kommen. Oder die es nur noch bei Bedarf nehmen müssen.

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