Immer ich!

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EmmaGSLehrerin
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Immer ich!

Beitragvon EmmaGSLehrerin » 27. Januar 2012 19:44

Die Wirklichkeitswahrnehmung sozial auffälliger Kinder ist häufig gestört. Wichtig ist, sich dessen bewusst zu sein, um dem Kind helfen zu können.




„Mein Kind ist kein Engel…“

Sozial verhaltensauffällige Kinder verstoßen häufig gegen Regeln und provozieren ihre Mitmenschen. Das ist für ihre Eltern nichts Neues. In aller Regel sind sie dankbar, wenn KiGa und Schule diesem Fehlverhalten Konsequenzen folgen lassen. Sie sind gerne bereit, Pädagogen bei ihrer Arbeit zu unterstützen.

„…aber…“

Häufen sich die Vorfälle, bekommen Eltern oft den Eindruck: Meinem Kind wird immer die Schuld in die Schuhe geschoben, auch wenn andere den Streit anfangen. Oder noch schlimmer: Mein Kind wird bewusst provoziert, damit es möglichst „spektakulär“ ausrastet und Ärger bekommt.



Beleuchten wir einmal, wie Schulhofstreitereien ablaufen, um dem Problem auf den Grund zu gehen. Dazu folgendes Beispiel.


„Die Nele hat mich vom Klettergerüst gestoßen!“ –
„So war es“ ist nicht gleich „so war es“ ist nicht gleich „so war es“


Frau E. führt auf dem Schulhof Aufsicht. Erasmus kommt angewetzt.

„Die Nele hat mich vom Klettergerüst gestoßen!“

Frau E. holt Nele hinzu, die zu berichten weiß:
„Der Erasmus hat angefangen! Der hat mich mit Dreck beworfen!“
Erasmus: „Gar nicht wahr! Die lügt!“

Frau E. sieht Marie und Emilia nahen. Marie heult (mal wieder) und hält sich das Knie.

Frau E.: „Oh weh, Marie, du Unglücksrabe! Emilia, geh doch mit ihr ins Lehrerzimmer und hol einen Kühlakku!“
Marie: „Der Lennart hatte mich geschubst!“
Frau E.: „Das kläre ich gleich. Geh dich erstmal beruhigen. Emilia bleibt bei dir.“

Frau E. wendet sich Erasmus zu.
„Sag mal, wieso sind denn deine Schuhe so dreckig?“
Erasmus (stolz): „Wir haben da hinter den Büschen eine Höhle gebaut!“
Frau E.: „Erasmus, bist du mit den dreckigen Schuhen aufs Klettergerüst?“
Erasmus: „Äääähhhmmm…“
Frau E.: „Nele, kann es sein, dass du den Dreck von den Schuhen auf den Kopf bekommen hast?“
Nele: „Der hat gesagt, ich wäre eine doofe Ziege und soll mich nicht anstellen und gefälligst abhauen!“
Erasmus: „Aber die hätte ja erstmal sagen können: `Hör auf!´ bevor die mich einfach schubst!“

Louisa kommt gelaufen: „Frau E., der Lennart tritt uns da hinten immer!“

Es klingelt.

Frau E.: „Erasmus und Nele, ihr habt euch beide falsch verhalten. In der nächsten Pause geht keiner von euch aufs Klettergerüst.“

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„Erzähl mir, was passiert ist. Aber bitte so, wie es wirklich war!“


Wenn Kinder mit ihrem Verhalten häufig anecken, wollen Eltern helfen – ganz klar. Und welche Möglichkeit haben Eltern? Sie fragen ihre Kinder, was denn nun vorgefallen ist. Um mit ihnen gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Und genau hier beginnt das Problem: Menschen schildern eine Situation nicht so, wie sie in Wahrheit gewesen ist, sondern so, wie sie diese wahrgenommen haben.


Im oben genannten Beispiel könnten die Kinder zu Hause erzählen:

Nele: „Ich hab Klettergerüst-Verbot bekommen. Weil ich mich gewehrt hab, nachdem der Erasmus mich mit Dreck beworfen und blöde Ziege genannt hat!“

Erasmus: „Ich hab Klettergerüst-Verbot bekommen, weil ich aus Versehen mit dreckigen Schuhen aufs Klettergerüst gegangen bin. Dann hat die Nele mal wieder gezickt und weil die Lehrer immer nur den Mädchen glauben, hab ich Ärger gekriegt!“

Marie, Emilia, Louisa: „Der Lennart hat uns schon wieder getreten und die Aufsicht hat nix gemacht!“

Lennart: „Die Mädchen sind mir schon wieder die ganze Pause hinterhergelaufen. Und als ich wütend geworden bin, sind sie zur Lehrerin gegangen! Danach hat es geklingelt, die sind ganz schnell reingelaufen und ich hab wieder den ganzen Ärger gekriegt!“


Sozial auffällige Kinder haben eins gemeinsam: Sie sehen den Eigenanteil am Konflikt nicht, sehen die Verantwortung häufig bei den anderen und fühlen sich entsprechend ungerecht behandelt, wenn sie Konsequenzen für ihr Tun erfahren.
Bis zu einem gewissen Grad ist dieses „Schönreden“ normal. Doch bei manchen Kindern ist dieses „gefärbte Sehen“ derart ausgeprägt, dass sie

• grundsätzlich ihren Eigenanteil am Geschehen leugnen oder kleinreden
(„Das was ich gemacht hab war nur Spaß“ – „Das war nur ganz leicht getreten“, etc.)

• stets der Überzeugung sind, die anderen hätten angefangen
(„Aber der, der hat dann ganz doll getreten und dann wars kein Spaß mehr!“)

• sich durch jede Kleinigkeit provoziert fühlen
(„Der öffnet sein Mäppchen immer so laut“)

• in Konfliktsituationen unangemessen reagieren
(Da bin ich irgendwann wütend geworden und hab den mal angebrüllt: „Sei leise, du A****“)

• sich bei Konsequenzen ungerecht behandelt fühlen
(„Und dann hab ich den Ärger gekriegt, obwohl der doch angefangen hat immer mit seinem Mäppchen“)



Um es auf den Punkt zu bringen, sozial verhaltensauffällige Kinder sehen ihre Welt oft durch die Brille:

Niemand mag mich. Alle wollen mir etwas und ich bin das Opfer. Also muss ich mich wehren, damit ich nicht untergehe.

Dieses Wahrnehmungsmuster wird in aller Regel zur selbsterfüllenden Prophezeihung. Denn die Umwelt kennt diese Brille des Kindes nicht, sondern nimmt wahr: „Das Kind reagiert in harmlosen Situationen unberechenbar, impulsiv und heftig.“ Häufig wird das Kind gemieden. Auch etreuungspersonen reagieren bei Streit nicht mehr geduldig, sondern mit Blick durch die Brille: „Oh nein, der schon wieder.“

Die Folge: Das Kind wird in seinem Wahrnehmungsmuster „Niemand mag mich“ immer und immer wieder bestätigt. Es ist traurig, weil es ständig aneckt und fühlt sich hilflos, weil es an der Situation scheinbar nichts ändern kann. Dieses mangelnde Gefühl der Selbstwirksamkeit lässt seinen Frust immer größer und seine Reaktionen immer heftiger werden.

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„Das fatale ist: Jeder hat seine Gründe.“ (Schopenhauer)


Wichtig ist für Eltern, zunächst einmal dieses Phänomen der „selbstgemachten Wirklichkeit“ zu kennen. Denn wenn sie die Darstellung ihres Kindes übernehmen, ohne diese zu hinterfragen, tragen sie zur Festigung dieses Wahrnehmungsmusters bei und zementieren das Problem.

„Mein Kind ist sicher kein Engel, aber…“

Es ist menschlich, aber völlig kontraproduktiv, der Anwalt für das eigene Kind sein und es stets „entlasten“ zu wollen. Denn hört man die Darstellung des Kindes, wird schnell klar: Es kann stets Gründe nennen, warum es reagiert hat, wie es reagiert hat.

Es ist wichtig, sich klarzumachen: Niemand tun jemals etwas grundlos. In unserem Beispiel sind weder Erasmus, noch Nele, noch Lennart unbegründet wütend geworden. Und fragt man die Mädels, die Lennart hinterhergelaufen sind, wissen sie bestimmt auch einen „guten Grund“ für ihr Verhalten. Sei es, dass sie „nur einen Spaß machen“ wollten oder ob der Grund in einem „der Lennart hat uns aber gestern …“ liegt.

Die Frage ist also nicht: „Hat mein Kind den Streit angefangen?“, sondern: „Hat sich mein Kind in der Konfliktsituation angemessen verhalten?
Dabei gilt es zu unterscheiden zwischen den Gefühlen des Kindes (Gefühle sind immer in Ordnung und dürfen nicht verboten werden!) und seinem Verhalten (das der Situation angemessen sein muss!).

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Von der Schuld zur Verantwortung: Wege in die Selbstwirksamkeit


Wenn ich einen meiner Schüler im Streitfall frage: „Was hast du gemacht?“, so lautet die häufigste Antwort: „XY hat…“
Genau diesen Mechanismus gilt es zu durchbrechen. Denn nur wenn das Kind den eigenen Anteil am Konflikt begreift, kann es etwas verändern und sich beim nächsten Mal zielfühend verhalten. Konzentriert man sich auf das, was „die anderen auch falsch gemacht“ haben, so wird das Kind in der nächsten Konfliktsituation wieder unangemessen reagieren.

Schließlich hat es gelernt: „Wenn ich gute Gründe für mein Verhalten habe, stellen Mama und Papa sich hinter mich, verteidigen mich, stellen sich sogar gegen den Lehrer.“
Die Schlussfolgerung: „Mein Verhalten war gerechtfertigt und letzten Endes erfolgreich.“
Logische Handlungskonsequenz: „Ich verhalte mich beim nächsten Mal genauso.“

Selbst wenn Eltern ihrem Kind sagen: „Aber hauen solltest du beim nächsten Mal nicht“ –dieser Teil der Botschaft kommt nicht an, weil gerade AD(H)S – Kinder eine klare Linie zur Orientierung brauchen und keine „Begründungschlupflöcher“ aus Grenzen!

Es wird vielmehr immer wütender und heftiger reagieren, schließlich ändern „die andern“ ihr Verhalten trotz aller Bemühungen nicht. Was im Kind immer wieder die bekannten Gefühle von Hilflosigkeit und Frust hervorruft – und es in sein bekanntes Muster wirft.

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Was tun, wenns (immer wieder) kracht?


Kommt ein Kind nach Hause und erzählt von einem Vorfall, so ist folgendes Vorgehen sinnvoll:

• Das Kind erzählen lassen, ohne es zu unterbrechen.

• Gefühle zulassen, nicht unterdrücken, nicht wegdiskutieren!

• Fühlt das Kind sich ungerecht behandelt, zum Beispiel von einem Lehrer, nicht sofort Partei ergreifen!

• Dem Kind klar sagen:
„Ich kann die Situation nicht beurteilen, solange ich nur deinen Teil der Geschichte kenne. Möchtest du, dass wir die Sache gemeinsam (z. B. mit der Lehrerin) klären?“

Das Kind bis dahin nicht von auferlegten Konsequenzen befreien! Soll es zum Beispiel die Schulhofregeln abschreiben, weil es getreten hat, lassen Sie es abschreiben. Geben Sie ihm nicht das Gefühl, dass die Entscheidung der Lehrperson verhandelbar ist. Es wird sonst beim nächsten Mal wieder versuchen, zu verhandeln.

• Ihr Kind wird nicht daran zugrunde gehen, wenn es die Regeln einmal ungerechtfertigt abschreibt. Erst recht nicht, wenn sich die Lehrer ggFs. in einem anschließenden, klärenden Gespräch entschuldigen.
Viel schlimmer ist, wenn Ihr Kind das Gefühl bekommt: Meine Eltern vertrauen den Lehrern nicht!

• Kommt es häufig zu Situationen, in denen sich Ihr Kind ungerecht behandelt fühlt, so treffen Sie sich regelmäßig (z. B. einmal wöchentlich) mit dem Klassenlehrer. Besprechen Sie die Woche. Sprechen Sie über Konflikte. Klären Sie Situationen, in denen Ihr Kind sich ungerecht behandelt fühlte

Stürzen Sie sich auf alles, was geklappt hat und loben, loben, loben Sie Ihr Kind dafür!

• Bleiben die Gespräche mit den Lehrern unfruchtbar, haben Sie das Gefühl, dass die Pädagogen Ihrem Kind nicht positiv begegnen, es tatsächlich als Sündenbock sehen, dann sollten Sie die Schule wechseln. Zusammenarbeit funktioniert niemals, wenn das Vertrauen fehlt!


Zu guter Letzt, denken Sie immer daran:

Erfolg braucht seine Zeit und Rückschläge gehören dazu. Nachhaltiger Lernerfolg kommt nur durch üben, üben, üben.

Lassen Sie sich nicht verunsichern und bleiben Sie dran – es wird!

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Liebe ADWler,

Diskussionen, Ergänzungen, Anregungen zum Thema sind ausdrücklich erwünscht unter:


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Zuletzt geändert von EmmaGSLehrerin am 28. Januar 2012 11:01, insgesamt 1-mal geändert.
“Those who dance are considered insane by those who cannot hear the music.”
- George Carlin -

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