Wahrnehmungsstörungen bei Kindern, Symptome, Diagnose und Therapiemöglichkeiten

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Winyan33
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Wahrnehmungsstörungen bei Kindern, Symptome, Diagnose und Therapiemöglichkeiten

Beitragvon Winyan33 » 24. Oktober 2010 14:51

Hallo, Ihr Lieben,

so nun lasse ich mich mal hier aus und schreibe mal was ich zu den Themen Wahrnehmung/Wahrnehmungsstörungen (insbesondere bei Kindern), Frühförderung / andere Therapien weiß. Mit dem Bereich Wahrnehmung/Wahrnehmungsstörungen bei Kindern befasse ich mich, über meine Erzieher-Ausbildung hinaus, da ich in unserer integrativen Kita behinderte und entwicklungsverzögerte Kinder betreue und eng mit unseren Heilpädagogen sowie in meiner Gruppe mit einer ganz hervorragenden Motopädin zusammenarbeite.

Also fangen wir mal mit der Wahrnehmung an. Der ganze Komplex „Wahrnehmung“ lässt sich nicht auf einfach nur „sehen, hören, riechen, schmecken…“ reduzieren.

Wahrnehmung ist ein komplizierter Prozess. Wie und womit nehmen wir wahr? Dazu eine kleine Auflistung:

Hautsinn ( taktile Wahrnehmung)

Der Begriff Hautsinn bezeichnet die Fähigkeit lebender
Wesen, Berührungen, Druck usw. wahrzunehmen und zu
unterscheiden, sowie Reize wie Kälte, Wärme, Schmerz usw. zu empfinden und unterschiedliche Oberflächen und Konsistenzen zu
unterscheiden

Geruchssinn
(olfaktorische Wahrnehmung)


Der Geruchssinn wird durch die Riechzellen in der Nasenhöhle ermöglicht. Er bezeichnet die Fähigkeit, Düfte und Gerüche wahrzunehmen, zu erkennen und zu unterscheiden

Geschmackssinn
(gustatorische Wahrnehmung)


Geschmacksknospen ( Rezeptoren) auf der Zunge ermöglichen das Schmecken, Geschmack zu erkennen und zu unterscheiden. Der Geschmackssinn ist eng verbunden mit dem Geruchssinn.

Muskel-und Stellungssinn
(kinästhetische Wahrnehmung)

Den eigenen Körper wahrzunehmen, Körper und Bewegung zu empfinden, Spannung, Druck, Bewegungsrichtung, Körper- und Bewegungsgedächtnis werden durch die Muskeln mit Spannungs- und Bewegungsrezeptoren, Sehnen und Dehnungsrezeptoren und Gelenke ermöglicht

Gleichgewichtssinn
(vestibuläre Wahrnehmung)


Das Gleichgewichtsorgan mit Flüssigkeit, Steinchen und Sinneshärchen im Innenohr ermöglicht es, sich zu stabilisieren, sich zu bewegen und macht eine Lage-Raum-Orientierung, Drehbewegungen, Erfassen von Beschleunigungen, Gleichgewichtsregulierung und Körperkoordination möglich.

Gehörsinn
(auditive Wahrnehmung)


Die Sinnesleistung „Hören“ umfasst das Erkennen und Unterscheiden von Geräuschen, Tönen, Klangfarben und Lautstärken, Erkennen von Stimmen, Lokalisieren und Identifizieren von Geräuschquellen, Richtungs- und Bewegungshören, Erfassen von Melodien und Rhytmen, die Unterscheidung von Lauten und Spracherfassung, das auditive Gedächtnis und die auditiv-motorische Koordination.

Sehsinn
(visuelle Wahrnehmung)


Der Sehsinn ermöglicht das Erkennen von Farben, Formen, Oberflächenstrukturen, Objektkonstanz, die Figur-Grund-Wahrnehmung, Entfernungswahrnehmung, Raum-Lage-Wahrnehmung und räumliche Wahrnehmung ( dreidimensionales Sehen, Tiefen-Wahrnehmung), das visuelle Gedächtnis und die visuo-mototrische Koordination.

An den Erklärungen, was die einzelnen Sinnesorgane/Sinne/Rezeptoren zu leisten haben, seht Ihr schon, dass der Prozess der Wahrnehmung komplizierter ist, als man gemeinhin annimmt.
Naja, nicht dass Ihr denkt, die Sinne nehmen wahr und gut ist es, nein, der Prozess ist NOCH komplizierter! :

Die Sinnes Organe/Sinne/Rezeptoren nehmen Reize aus der Umwelt und aus dem Körperinneren/der Körperoberfläche wahr und DANN geht es erst richtig los( vorausgesetzt, alle oben genannten Wahrnehmungsorgane funktionieren einwandfrei – das ist nämlich schon die erste Schwierigkeit!)

Der durch komplizierte Vorgänge (Transduktion- Umwandlung eines äußeren Reizes in ein physiologisches Signal, z. B. in den Photorezeptorzellen im Auge) aufgenommene Reiz muss nun ans Gehirn weitergeleitet und verarbeitet werden. Im Sinnesorgan findet bereits eine massive Vorverarbeitung der empfangenen Signale statt, ebenso wie in allen folgenden Kerngebieten des Gehirns.

Dabei kann auch einiges „schief gehen“, wie man am Beispiel einer zentral-auditiven Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung sieht: Der HNO wird feststellen, dass das Ohr/ Hörvermögen völlig in Ordnung ist. Erst ein sogenannter pädaudiologischer Hörtest zeigt, dass auf dem Wege der Reizweiterleitung zum Gehirn und   /oder der Reizverarbeitung im Gehirn irgendwo etwas nicht funktioniert. „Kinder mit zentral-auditiven Verarbeitungsstörungen wirken meist sehr unaufmerksam und können sich mündlich erteilte Aufträge nicht gut merken. Sie haben vielfach die bedeutungsunterscheidende Wirkung von Sprachlauten noch nicht erkannt, so dass sie den Unterschied zwischen Wörtern nicht erkennen können, die sich nur in einem Laut unterscheiden (z. B. 'Tanne - Kanne'). Sie sind nicht in der Lage, Laute aus Wörtern herauszuhören oder die Position von Lauten in Wörtern zu bestimmen, obwohl sie im Vorschulalter dazu in der Lage sein müssten. Zusätzlich wirken viele dieser Kinder leicht ablenkbar, da sie Schwierigkeiten damit haben, Störgeräusche zu unterdrücken. Dadurch bekommen sie wichtige Informationen nicht mit. Häufig wird den Kindern die Absicht unterstellt, dass sie etwas nicht hören wollen oder bestimmte Anweisungen nicht befolgen wollen.“  http://www.logopaedie-lauer.de/seite2.htm

Zum gesamten Prozess der Wahrnehmung gehört dann noch dass Bewusstwerden des Reizes/Signales aus der Umwelt/ dem Körper, die Wiedererkennung (Erkennen, Assoziieren Erinnern, Kombinieren und Urteilen führen zum Verständnis des Wahrgenommenen) und das Handeln, d.h. die Reaktion auf den Reiz /das Signal.

Das war jetzt die vereinfachte Erklärung! Wenn man sieht, wie kompliziert dieser Prozess der Wahrnehmung ist, wundert man sich, dass es überhaupt funktioniert, wundert sich aber nicht mehr, dass bei vielen Kindern ( und Erwachsenen) Störungen in diesem Prozess auftreten.

Erkannt werden diese Störungen, wenn ein Kind auf Reize/Signale aus der Umwelt / dem Körper:

1.   gar nicht reagiert /handelt
2.   verzögert/verlangsamt reagiert/handelt
3.   auffällig reagiert/handelt
4.   über- oder unterempfindlich reagiert/handelt
5.   nicht altersentsprechend reagiert/handelt

Das wird durch Beobachtungen und Tests festgestellt, wofür es die veschiedensten Listen und Tabellen gibt. Hier nur 2 Beispiele:

http://www.kreis-soest.de/buergerservic ... infans.pdf

http://www.gaertner-servatius.de/downlo ... er/enk.pdf

Diese Tabellen sind sehr weit unten angesetzt, das heißt, das was in den Tabellen steht, ist das Mindeste, was ein Kind in dem entsprechenden Alter können muss!

•   „Die körperliche Gesundheit, die Funktion von Sinnesorganen und die Reizleitung müssen geprüft werden (Kinderarzt/Neurologe)
•   Das Verhalten in verschiedenen Lebensbereichen (z.B. Schule, Kita und zu Hause) muss erfasst und beurteilt werden (ärztliche oder psychologische Diagnostik, Fragebögen, Befragung, Beobachtung)
•   Familiengeschichte, Familienhintergrund, Erziehungsstil und belastende Ereignisse müssen erfasst werden (Befragung).“

Desweiteren wird diagnostiziert, ob persistierende Restreaktionen frühkindlicher Reflexe vorhanden sind. Bestimmte Reflexe sind bei der Geburt und im Säuglingsalter unerlässlich, um dem Säugling das Überleben zu sichern. Diese müssen aber bis zu einem bestimmten Zeitpunkt abgebaut sein, da sie sonst die Entwicklung beeinträchtigen.

http://www.reckhaus.info/adhskissreflex ... agnose.htm

Oftmals werden Wahrnehmungsstörungen nicht erkannt, oder mit „Das verwächst sich“ abgetan, so dass viele, viele Kinder in den Schulen sitzen, die massive Probleme haben, als „schlechte Schüler“ gelten, Verhaltensauffälligkeiten zeigen und die Probleme bis ins Erwachsenenalter mitschleppen und extrem darunter leiden.
Da kann man also froh sein, wenn man in der Kita fitte Erzieherinnen hat, die Auffälligkeiten mit den Eltern besprechen und die Eltern an die entsprechenden Spezialisten verweisen oder einen Kinderarzt, der frühzeitig die richtigen Therapien verschreibt.
Bzw. wenn man als Eltern selbst bemerkt, dass „irgendetwas nicht stimmt“ und dann zum Kinderarzt oder entsprechenden Spezialisten geht. Oftmals muss man um die entsprechenden Therapien für sein Kind kämpfen, denn die sind teuer und keiner (z.B. Krankenkassen) übernimmt natürlich heutzutage gern die Kosten.
Wahrnehmungsstörungen müssen also bereits so früh wie möglich erkannt und therapiert werden.

Eine Therapieform, die sehr frühzeitig ansetzt (daher der Name   ) ist die Frühförderung.
Frühförderung beinhaltet therapeutische und pädagogische Maßnahmen für behinderte oder von Behinderung bedrohte Kinder. Frühförderung geht vom Kind, dessen Stärken, Bedürfnissen und Interessen aus und verläuft freudbetont und spielerisch.

http://www.kindergesundheit-info.de/1762.0.html

Es gibt allgemeine Frühförderung und spezielle Frühförderung für sinnesbeeinträchtigte Kinder. Allerdings ist es angeraten, Frühförderung immer mit einer anderen geeigneten und auf die Defizite des Kindes abgestimmten Therapie zu kombinieren, wie z.B.

Ergotherapie (http://de.wikipedia.org/wiki/Ergotherapie ),

Logopädie (http://de.wikipedia.org/wiki/Logop%C3%A4die),

Motopädie (http://de.wikipedia.org/wiki/Motop%C3%A4die )

Bobath (http://de.wikipedia.org/wiki/Bobath-Konzept )

Vojta (http://de.wikipedia.org/wiki/Vojta-Therapie )

Physiotherapie (http://de.wikipedia.org/wiki/Vojta-Therapie ),

Sensorische Integrationstherapie (http://de.wikipedia.org/wiki/Sensorische_Integration )

Hier noch ein interessanter Online-Artikel dazu:
http://www.kindergartenpaedagogik.de/981.html

Heilpädagogik  http://de.wikipedia.org/wiki/Heilp%C3%A4dagogik

um nur einige Beispiele zu nennen.

Wahrnehmung ist aufgrund der Kompliziertheit des gesamten Prozesses von Mensch zu Mensch etwas unterschiedlich. So kommt es, dass Menschen Geschmacksrichtungen, Düfte/Gerüche, Temperaturen, Sportarten, Konsistenzen usw. usw. als unterschiedlich angenehm und unangenehm empfinden. Meine beste Freundin z.B. sagte letztens zu mir, dass ihr die Duftrichtung „ aprilfrisch“ des Weichspülers von L..or wie Cola riecht   . Eine Aussage, die ich nun überhaupt nicht nachvollziehen kann.
Solche unterschiedlichen Wahrnehmungen sind völlig normal.

Sollte aber ein Kind, in welchem Bereich auch immer (z.B. Sprachentwicklung, Motorik usw…) auffällig sein, Defizite und / oder Entwicklungsverzögerungen zeigen, sollte das Kind eine schwere Erkrankung oder einen Unfall überstanden haben, sollte es ADS/ADHS, Kiss-Syndrom, Autismus/Asperger, Behinderungen, Entwicklungsverzögerungen / Auffälligkeiten schon diagnostiziert bekommen haben bzw. der Verdacht darauf bestehen, sollte den Eltern irgend etwas „komisch“ vorkommen an Verhalten, Handlungen, Reaktionen und der Entwicklung des Kindes, so sollten die Eltern doch hellhörig werden und immer auch eine ( oder mehrere) Wahrnehmungsstörung in Betracht ziehen.

Dann sollte man nicht ruhen, bis das befriedigend abgeklärt ist und man die entsprechenden Therapien verschrieben bekommen hat. Denn je jünger das Kind ist, wenn die Therapien einsetzen, umso besser! In jungem Alter kann noch  vieles kompensiert und therapiert werden, was ansonsten in späteren Jahren, vor allem in der Schule, riesige Probleme bereiten kann unter denen das Kind sein gesamtes Leben leiden wird!

Eltern tun aber auch gut daran, in unserer schnelllebigen, technikorientierten Zeit, in der die verschiedensten Wahrnehmungsstörungen zunehmen und den Kindern Probleme und Eltern große Sorgen bereiten, sich Zeit zu nehmen und verschiedenen Wahrnehmungsspiele mit ihren Kindern zu spielen ( übrigens auch eine weitere gute Methode, um bei den eigenen Kindern Störungen der Wahrnehmung zu erkennen!)

Viele gute Ideen dazu findet Ihr hier:

http://www.amazon.de/Die-besten-Wahrneh ... 098&sr=8-1

http://www.amazon.de/Das-Wahrnehmungssp ... 098&sr=8-2

http://www.amazon.de/Was-ber%C3%BChrt-m ... 098&sr=8-3

http://www.amazon.de/Wahrnehmungsspiele ... 098&sr=8-4

Hier verlinke ich noch weiterführende Literatur zum Thema, die von mir selbst sowie unseren Erzieherinnen, Heilpädagogen und  unserer Motopädin in meiner Kita „erprobt“ und für sehr gut befunden ist:

Zu kindlichen Wahrnehmungsstörungen:


http://www.amazon.de/Kinder-mit-Wahrneh ... 266&sr=8-2

http://www.amazon.de/Kinder-Wahrnehmung ... 266&sr=8-1

http://www.amazon.de/Wahrnehmungsst%C3% ... 266&sr=8-3

http://www.amazon.de/F%C3%BChlen-h%C3%B ... 266&sr=8-4

Zu persistierenden Restreaktionen frühkindlicher Reflexe:

http://www.amazon.de/Fl%C3%BCgel-Wurzel ... 390&sr=8-1

Zur Frühförderung:

http://www.amazon.de/Fr%C3%BChf%C3%B6rd ... 520&sr=1-1

Zu den im Text genannten weiteren Therapieformen:

http://www.amazon.de/Ergotherapie-bei-K ... 559&sr=1-5

http://www.amazon.de/Logop%C3%A4die-Was ... 592&sr=1-1

http://www.amazon.de/Motop%C3%A4dagogik ... 663&sr=1-2

http://www.amazon.de/Erfahrungen-mit-de ... 699&sr=1-2

http://www.amazon.de/Mutter-Kind-Wettla ... 738&sr=1-2

http://www.amazon.de/Sensorische-Integr ... 086&sr=8-1

http://www.amazon.de/Basiswissen-Heilp% ... 667&sr=8-1


Ich hoffe, dass ich Euch damit helfen konnte. Meine kleine Abhandlung erhebt keinerlei Anspruch auf irgendwas, d.h. sollten sich Fachleute im Forum befinden und irgenwelchen galloppierenden Blödsinn in meinem Text bemerken, weist mich bitte, bitte darauf hin.
Danke!

Liebe Grüße,
Winy


Liebe ADWler,

Diskussionen und Anregungen zum Thema sind ausdrücklich erwünscht unter:

viewtopic.php?f=432&t=41569

LG von eurem Team  ;)
Zuletzt geändert von Winyan33 am 28. Januar 2012 11:05, insgesamt 1-mal geändert.
falle aus der reihe / aus dem rahmen / aus den wolken / ins gewicht / jemandem zur last / wenn du willst / in den schoß mir / aber niemals in den rücken
Bodenski 2005 (http://www.bodenski.de/)

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