Five Don’ts and Ten To Do’s bei der Unterrichtung von AD(H)S-Kindern

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NicoleLehrerin
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Five Don’ts and Ten To Do’s bei der Unterrichtung von AD(H)S-Kindern

Beitragvon NicoleLehrerin » 3. Januar 2006 20:05

Five Don’ts and Ten To Do’s bei der Unterrichtung von AD(H)S-Kindern

Vorbemerkung: Kinder mit AD(H)S haben typischerweise Probleme mit Unaufmerksamkeit, Impulsivität und fallweise auch Hyperaktivität. Sie sind durch äußere Reize leicht ablenkbar (reizoffen), gucken oft in die Luft oder zu anderen Schülern hin („Hans Guck in die Luft“) und stören in der hyperaktiven Ausprägung oftmals den Unterricht durch fortwährendes Plappern oder Dazwischenrufen, durch Fragen und Bemerkungen, die nicht zum Thema gehören oder durch Umherlaufen im Klassenzimmer („Zappelphilipp“), nehmen oft die Anweisungen des Lehrers nicht sofort wahr, vergessen ihre Hausaufgaben zu machen, lassen ihre Hefte und Bücher zu Hause oder kommen zu spät zur Schule, da sie auch durch das Läuten von drei Weckern nicht geweckt werden können. Oftmals ist auch das Sozialverhalten gegenüber den Mitschülern gestört („böser Friederich“), oftmals sind sie auch oppositionell und "schwer erziehbar". ADS ist meist gekoppelt mit Lernstörungen wie z.B. Legasthenie, um mal ein Beispiel zu nennen.

Das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS, mit Hyperaktivität ADHS) ist eine stark genetisch bedingte Störung des Gehirnsystems (vor allem einer Minderfunktion des Frontalhirns), also eine Schwäche, für die ein Schüler und seine Eltern nicht verantwortlich gemacht werden können.

Lehrkräfte sollten also in der Sprechstunde nie mehr sagen: „Wenn das Kind sich mehr Mühe geben würde, dann könnte es gute Leistungen erbringen.“. Es kann dieses eben nicht so wie andere Kinder, sondern für solche Kinder gilt der Satz „THE HARDER THEY TRY, THE WORSE IT GETS.“
Lehrer/innen sollten sich vielmehr fragen: „Wie nimmt dieses Kind die Welt wahr? Warum kann es nur so und nicht anders reagieren?“ Sie sollten das betroffene Kind vor allem als Leidenden, nicht als mutwilligen Täter ansehen, der andere bewusst „nerven“ will. Und sie sollten zudem beachten: Die Reizoffenheit und Impulsivität der Kinder bringt nicht nur Nachteile mit sich, sondern auch Vorzüge, so oftmals eine besondere Sensibilität und Kreativität, zeitweise großes Engagement und eine Fähigkeit zum intelligenten, produktiven „Querdenken“.
Kein ADS-Kind gleicht völlig dem anderen, jedes benötigt daher ein individuelles Eingehen auf seine je einmalige Situation.

FIVE DON’TS:


1. Keine störenden Reizquellen!
Wichtige Maßnahme: AD(H)S-Schüler an Einzeltische in unmittelbarer Nähe des Lehrers setzen, wo sie möglichst keinen Blickkontakt zu anderen Schülern, zum Fenster oder zur Türe haben. Nicht mehr als 1 bis maximal 2 ADS-Kinder in eine Klasse einteilen. (Kleine Klassen mit maximal 12 Kindern wären ideal, sind aber oftmals nur in Förderschulen vorhanden.) Bei Prüfungen zur Abschirmung evtl. spanische Wand aufstellen, damit das Kind nicht abgelenkt wird.
2. Keine Vermischung von Informationen, nicht zu viel sprechen!
z. B.: Die Lehrkraft schreibt an die Tafel und spricht gleichzeitig über etwas anderes. Die Lehrkraft spricht, während Schüler noch miteinander reden oder noch mit Schreiben beschäftigt sind. Die Lehrkraft bleibt nicht strikt beim Thema, sondern schweift immer wieder ab. Mehrere Schüler sprechen gleichzeitig.
Die Lehrkraft sollte in kurzen, verständlichen, eindeutig zu verstehenden Sätzen sprechen!
3. Keine öffentlichen Zurechtweisungen!
Ein AD(H)S-Schüler, der träumt, abgelenkt ist oder auf seinen Nachbarn einredet, tut dies nicht bewusst. Eine Zurechtweisung trifft ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er empfindet die Zurechtweisung als völlig unverständliche Aggression von Seiten der Lehrkraft und wird dadurch stark verunsichert und verwirrt. Die öffentliche Bloßstellung verschlimmert seine Situation. Das Kind fühlt sich von der Lehrperson abgelehnt und in der Klassengemeinschaft isoliert und verlacht. Unter Umständen reagiert es mit einem Wutausbruch (er wird zusätzlich zum „bösen Friederich“) oder gerät in stille Verzweiflung (es wird zur „Schlaftablette“). Besser ist daher, zum Platz des Kindes zu gehen, ihm vorsichtig und leicht auf die Schulter zu tippen und ihn durch nonverbale Signale (z. B. Deuten auf eine Stelle im Buch, wortloses Wegnehmen eines Gegenstandes) oder leise, knapp und freundlich auf seine Pflichten hin anzusprechen.
4. Kein Argumentieren in Stress-Situationen!
Wenn sich das AD(H)S-Kind in einem Zustand innerer Aufgewühltheit und Hilflosigkeit befindet, nützen „kopfgesteuerte“ Botschaften nichts. Das Kind ist in dieser Situation nicht in der Lage, Argumente aufzunehmen. Es kann auch nicht beruhigt werden, sondern es muss zuerst abgewartet werden, bis es sich beruhigt (Auszeit im Klassenraum oder außerhalb mit Beaufsichtigung geben).
5. Keine unbeaufsichtigte Freiarbeit!
Unstrukturierte Unterrichtssituationen, die dem Schüler allzu große Freiheit lassen, überfordern das AD(H)S-Kind. Es benötigt klar überschaubare, kleinschrittige Arbeitsanweisungen, klare Zeitvorgaben und sofortige Kontrollen bzw. Selbstkontrollen. Hier gilt: Unterricht ist eine aktive Führungsaufgabe für den Lehrer.

TEN TO DO’S:

1. Sachbetonte und freundliche Zuwendung!
Ein von AD(H)S betroffenes Kind ist durch viele Zurechtweisungen und Misserfolgserlebnisse meist in seinem Selbstwertgefühl geschwächt. Jungen kompensieren dies meist durch besonders freches Verhalten, Mädchen wirken oftmals eher verträumt. Das Kind benötigt eine freundliche, ruhige und unaufgeregte Zuwendung; keine Kritik, sondern einen Hinweis auf das erwünschte Verhalten. AD(H)S-Kinder sind extrem personenbezogen. Sie lernen engagiert für den geliebten Lehrer und umgekehrt tun sie für den ungeliebten Lehrer nur wenig oder nichts.
2. Interessanten, transparent strukturierten Unterricht gestalten!
AD(H)S-Kinder benötigen starke, aber nicht zu viele Reize, um sich einer Sache konzentriert zuwenden zu können. Lehrer sollten mit Farben, Formen, grafischen Hervorhebungen, Bildelementen arbeiten, um Aufmerksamkeit zu erzielen und offene Fragen stellen, um die eigene Ideenfindung des Schülers anzuregen. Hierauf reagieren AD(H)S-Kinder besonders gut, da ihr Gehirn nach einer ständigen Stimulierung „hungert“.
Einteilung der Unterrichtsstunde in vom Kind nachvollziehbare Teil-Einheiten und übersichtliche Widerspiegelung dieser Struktur im Tafelanschrieb und im Schulheft.
Verständniskontrolle: Zwischendurch Überprüfung, ob das Kind weiß, welches Thema gerade behandelt wird und was es daraus konkret lernen soll (Oftmals weiß es das gar nicht!).
3. Lernstoff wiederholen und Lernziel deutlich nennen!
Erinnerung an das Lernziel der letzten Stunde und kurze Zusammenfassung der Lernergebnisse. Damit wird verhindert, dass das Kind den neuen Unterricht als unvorhergesehene Überraschung erlebt, die es überfordert und aus der Fassung bringt.
Da AD(H)S-Schüler zerstreut sind und auf Überraschungen oft panikartig reagieren, sollte das Lernziel
mehrfach angekündigt und klar vorgestellt werden. Es empfehlen sich drei Schritte: (1) Angabe des
Lernziels der nächstfolgenden Unterrichts-Stunde bereits am Ende der vorausgehenden Stunde;
(2) deutliche Nennung des Lernziels zu Beginn jeder Stunde und (3) deutlich lesbarer Anschrieb als
Überschrift an der Tafel.
4. Für aktive Einbindung und Bewegung sorgen!
Die Zappeligkeit des AD(H)S-Kindes kann kanalisiert und produktiv gemacht werden, indem man es zu bestimmten mit Bewegung verbundenen Arbeiten heranzieht (Tafel wischen, Kreide aus dem Sekretariat holen, Müll raustragen, Texte vorlesen, Blätter austeilen usw.). Zur Ableitung der Hyperaktivität können dem Kind Bewegungen erlaubt werden wie z.B. eine Knetmasse kneten oder Kaugummi kauen. Die Lehrkraft sollte diese Maßnahmen ergreifen, wenn sie erkennt, dass das Kind bald „ausrasten“ wird.
Bei außerunterrichtlichen Aktivitäten, Projekten usw. leisten AD(H)S-Schüler oft Erstaunliches!
5. Verhaltensanweisungen klar darlegen und wiederholen!
Der Schüler/die Schülerin benötigt wiederholt klare Anweisungen, da er/sie häufig zerstreut und sehr vergesslich ist. Wie soll der Schüler in der Stunde mitarbeiten? (z. B. Stillarbeit, Partnerarbeit ..., Meldung durch Fingerheben ...) Wie soll das soziale Miteinander gestaltet werden? (z. B. gemeinsames Erarbeiten eines Klassenvertrages mit Angabe von Sanktionen bei Verstößen und wiederholte Erinnerung daran!).
6. Konsequente Lehrer-Steuerung bzw. Selbst-Steuerung des Kindes!
Lehrer-Steuerung durch ein System von Belohnung und Entzug (z. B. durch Pluspunkte, Kärtchen, Gratifikationen), das genauestens eingehalten werden muss! Ohne eine einzige Ausnahme! Anweisungen positiv formulieren, so dass das richtige Verhalten erkannt werden kann und sich unbewusst im Gehirn festschreibt (Falsch: „Nicht schwätzen!“, Richtig: „Seid still!). Selbst-Steuerung des Kindes u. a. durch Merksätze, die das Kind sich zuerst laut vorsagen muss, dann leise und schließlich nur noch still „im Kopf“ (z. B.: „Ich schreibe den Tafelanschrieb in mein Heft.“).
7. Zeit geben und für eine relaxte Arbeitsatmosphäre sorgen!
Im Unterschied zu gesunden Kindern arbeitet das Gehirn von ADHS-Kindern in Belastungssituationen (z. B. bei Tests in Mathematik) schlechter als im entspannten Zustand. „The harder they try the worse ist gets.“ Daher: Genügend Zeit zum Nachdenken geben für Schüler/innen nach Lehrerfragen; Beobachtung der Kinder bei Hefteinträgen (auch der Langsamste sollte mitkommen!); Arbeitszeit für Prüfungsarbeiten nicht zu knapp bemessen. Evtl. Aufstellen einer für alle sichtbaren Kurzzeit-Uhr auf dem Pult, die dem ADS-Kind zeigt, wie viel Zeit noch zum Lösen der Aufgabe verbleibt. Hausaufgabe rechtzeitig vor dem unruhigen Stundenende stellen!
8. Multimedia einsetzen!
Arbeiten am Computer hilft dem Kind seine Aufmerksamkeit zu fokussieren und stärkt auf längere Sicht seine Konzentrationsfähigkeit. Dies haben Studien der NASA mit Flugsimulatoren ergeben.
Der Lehrer sollte generell nicht zu viel reden, sondern kurze, pointierte Aussagen machen und konkrete Arbeitsanweisungen zur eigenständigen Arbeit, z. B. am Computer, geben.
9. Sofortige, möglichst positive Verstärkung geben!
AD(H)S-Kinder sollten nicht allzu oft auf ihre Fehler hingewiesen werden, da sie dadurch noch stärker
verunsichert werden. Unangemessenes Verhalten sollte jedoch in jedem Fall dann ignoriert werden,
wenn das Kind dadurch die Aufmerksamkeit des Lehrers / der Lehrerin erreichen will. Effektiver ist ein
sofortiges Lob nach erwünschtem Verhalten (Regel: dreimal loben bevor einmal getadelt wird!). Das Kind benötigt
eine unmittelbare Rückmeldung! Die Anweisung: „Lege deine Hände auf den Tisch!“ ist wirksamer als die
Ankündigung: „Wenn du noch einmal mit dem Lineal auf deinen Nachbarn einschlägst, dann darfst du nächste Woche
nicht am Flussballturnier teilnehmen.“.
Verweise oder Mitteilungen an das Elternhaus haben bei ADS-Kindern wenig Wirkung, da die zu Hause erfolgende
Strafe für schulisches Fehlverhalten für das ADS-Kind mit einer viel zu großen zeitlichen Verzögerung eintritt und
der Zusammenhang von Fehlverhalten und Strafe für das ADS-Kind nicht mehr nachvollzogen werden kann.
10. Nicht verzweifeln – trotz alledem!
AD(H)S-Kinder bringen häufig auch pädagogisch und fachlich hochqualifizierte, engagierte und kinderfreundliche Lehrer/innen zur Verzweiflung und Resignation. Lehrkräfte sollten immer daran denken: AD(H)S ist eine als weitgehend ererbtes Handicap anzusehende Störung des Gehirnsystems bzw. ein chemisches Ungleichgewicht in bestimmten Gehirnregionen und kann auch durch bestmögliche Erziehung und optimale Umweltbedingungen nicht „geheilt“ werden. Notwendige Grundlage einer erfolgreichen Behandlung wird in der Regel eine fachärztlich verantwortete multimodale Therapie unter Mithilfe der Eltern und der Lehrer sein. Wenn sich der Lehrer aufregt und ärgert, hilft dies weder ihm noch dem Kind. Daher mein Rat an die Lehrerinnen und Lehrer:
Nichts persönlich nehmen und Gelassenheit und Humor bewahren! Und wenn der Lehrer kurz vor dem Explodieren ist, sollte er zum Fenster gehen, es öffnen, durchatmen und sich mindestens zwei Minuten lang ruhig besinnen



« Letzte Änderung: 14.03.2006 18:39 von NicoleLehrerin »


Liebe ADWler,

auch wenn NicoleLehrerin seit einiger Zeit nicht mehr im Forum aktiv ist... eine Diskussion zum Thema ist ausdrücklich erwünscht unter:

viewtopic.php?f=432&t=41566

LG Euer Team :girl:
Zuletzt geändert von NicoleLehrerin am 28. Januar 2012 11:13, insgesamt 1-mal geändert.
Ohne Begeisterung ist noch nie etwas Großes geschaffen worden!

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