Erfahrungen mit stationärer Kinder- und Jugendpsychiatrie? Gerne Tiefenbrunn

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Teetasse
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Erfahrungen mit stationärer Kinder- und Jugendpsychiatrie? Gerne Tiefenbrunn

Beitragvon Teetasse » 16. Februar 2016 19:19

Hallo Ihr Lieben,

Derzeit stellt sich die Frage nach einer stationären Aufnahme meiner Tochter  (9). Diagnose ADS, derzeit mit immensen Wutausbrüchen, die bald nicht mehr zu tragen sind. Diese finden meistens Zuhause statt. Unterschwellig vermute ich große Wut mir gegenüber, da ich mich vom Vater getrennt habe. Er verweigert seit 6 Jahren jeglichen Kontakt.

Mir wurde die Asklepios-Klinik Tiefenbrunn bei Göttingen nahegelegt, 230 km von hier.

Ich habe arge Bedenken, mein Kind alleine in eine Klinik zu geben mit dem Gedanken, dass sie sich dann zusätzlich auch von mir verlassen fühlt. Außerdem frage ich mich, was ich für ein Kind zurückbekomme? Was guckt sie sich dort ab?

Gleichzeitig wird das eine große finanzielle Belastung.  Jedes Wochenende über 900 km Fahrt, ich weiss gar nicht wie ich das machen soll. 

Welche Erfahrungen habt ihr? Besonders gerne würde ich natürlich über Tiefenbrunn lesen.

Danke!
Eule
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Re: Erfahrungen mit stationärer Kinder- und Jugendpsychiatrie? Gerne Tiefenbrunn

Beitragvon Eule » 16. Februar 2016 20:30

Ich weiß nicht wie du auf 900km Fahrt kommst. Bei 230km entfernt komme ich für einen Besuch auf vielleicht 500km. Einmal hin, vielleicht noch ein paar km vor Ort zwischen einer Pension und der Klinik wenn du übernachtest, vielleicht auch Kind schnappen, zum Eis essen in die Stadt fahren damit sie mal was anderes als nur Klinik sieht, Kind zurückbringen, heimfahren.

Ich vermute deine 900km hast du errechnet in der Annahme dass du hinfährst, mit Kind heimfährst, und Sonntag abend Kind wieder hinbringst, und dann natürlich alleine wieder heim fährst.

Hast du dir mal die Webseite der Klinik angesehen? https://www.asklepios.de/tiefenbrunn/ex ... ychiatrie/ Schau dir auch die weiterführenden Links zu Therapiekonzept etc an - selbst wenn man davon ausgeht dass eine Klinik sich auf ihrer Webseite natürlich positiv präsentiert, ist dem was da an Infos drin steht doch schon mal einiges zu entnehmen so dass du einschätzen kannst was da passiert.

So wie ich das verstehe solltest du davon ausgehen dass eine Wochenend - Heimfahrt eher die Ausnahme wird, und dass das wohl auch nicht in der Anfangszeit passieren wird. Stattdessen wird wohl deine Mitarbeit bei der Therapie nötig sein, so dass du davon ausgehen kannst mindestens an einem Wochenende im Monat, eher an zweien dort zu Info- und Therapiegesprächen hin zu müssen.

Vielleicht rufst du da mal an, und versuchst auf diesem Wege rauszufinden wie bei den Schwierigkeiten deiner Tochter ein möglicher Ablauf sein kann, und auch in welchem zeitlichen rahmen sich das bewegen kann. Vielleicht lässt sich ja auch ein Termin in der Ambulanz vereinbaren so dass du rausfinden kannst ob das was für euch ist.

Grundsätzlich solltest du überlegen/rausfinden ob und wo es näher gelegene Kliniken gibt die vorstellbar wären. Denn die Aussage auf der Seite der Klinik dass gerade bei Kindern und Jugendlichen eine Einbindung des Elternhauses therapeutisch nötig und sinnvoll ist, ist plausibel. Und wenn du mitarbeiten sollst/willst/musst, dann ist die Entfernung natürlich schon heftig. Ist ja nicht so als ob du sonst keine Pflichten hättest  :zwink:

Und, was du dich auch fragen solltest: Wie kompetent in Sachen Einschätzung des Nutzens einer ADHS-Behandlung ist der Mensch der dir diese Klinik empfohlen hat? Wie kommt dieser Mensch dazu diese Klinik zu empfehlen? Hat er/sie dir konkrete Gründe genannt die für diese Klinik sprechen? Oder welche die gegen eine näher gelegene Klinik sprechen?
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Re: Erfahrungen mit stationärer Kinder- und Jugendpsychiatrie? Gerne Tiefenbrunn

Beitragvon Teetasse » 17. Februar 2016 05:14

Hallo,

Ja, natürlich haben wir an andere Kliniken gedacht, diese kommen allerdings als Alternative nicht in Betracht.  Die Klinik her vor Art kommt aufgrund des Therapiekonzeptes nicht in Frage, ca. 100 km weiter nördlich  gibt es eine Klinik mit hoher Fluktuation unter den Therapeuten mit gr. Unzufriedenheit. Aufgrund guter Erfahrungen mit zwei Kliniken hat mir die die behandelnde Praxis beide vorgeschlagen und ich habe mich für Göttingen entschieden. 

Eine Kontaktanfrage ist raus, somit warte ich auf Rückmeldung. 

Eine Frage meinerseits an die behandelnde ambulante KJP war eben diese Frage - wie sieht vernünftige Elternarbeit aus bei der Distanz? Ist das überhaupt realistisch?
Dieses soll dann im Erstgespräch angesprochen werden.

Ja, selbstverständlich hoffe ich, mein Kind über das Wochenende mit nach Hause nehmen zu können. Das dieses in den ersten Wochen nicht passiert, denke ich auch. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Gott sei dank fühle ich mich in der Praxis hier sehr kompetent begleitet und traue deren Einschätzung auch bezüglich in Frage kommender Kliniken. Mich würde nun tatsächlich Erfahrungen gerade mit Tiefenbrunn interessieren.
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Re: Erfahrungen mit stationärer Kinder- und Jugendpsychiatrie? Gerne Tiefenbrunn

Beitragvon Roosvelt » 17. Februar 2016 07:17

Hallo Teetasse  :winy:

[quote="Teetasse"]


Derzeit stellt sich die Frage nach einer stationären Aufnahme meiner Tochter  (9). Diagnose ADS, derzeit mit immensen Wutausbrüchen, die bald nicht mehr zu tragen sind.[/quote]

Das kommt mir sehr bekannt vor. Meine Tochter ist stationäre aufgenommen worden von Anfang Dezember 2014 bis Ende Januar 2015. Ihre Wutausbrüche waren nicht mehr für mich aus zu halten, sie hat vieles im Haus kaputt gemacht und mir körperlich angegriffen. Tut sie immer noch aber es geht inzwischen doch deutlich besser.
Der Unterschied mit eurer Geschichte war, dass die Diagnose für meine Tochter Roosvelt noch nicht stand.

[quote="Teetasse"]
Diese finden meistens Zuhause statt. Unterschwellig vermute ich große Wut mir gegenüber, da ich mich vom Vater getrennt habe. Er verweigert seit 6 Jahren jeglichen Kontakt. [/quote]
Ich habe eine andere Erklärung dafür. Das Kind vertraut dich. Sie weiß, dass du sie immer noch liebt, auch wenn sie sich so verhält. Deswegen verhält sie sich mit dir so: Weil sie es sich mit dir erlauben kann, nicht zur Schule oder woanders, wo sie sich Mühe geben muss um nicht zu sehr auf zu fallen. Das war und ist mit Roosvelt auch so.
Auch ich habe mich vom leiblichen Vater getrennt, es war vor mehr als 11 Jahre (inzwischen ist er gestorben) und auch er hat sich am Anfang nicht mehr gemeldet. Wütend dafür war Roosvelt sehr wohl auf ihm, nur war ich die, die da war um die Wutanfälle ab zu fangen.


[quote="Teetasse"]
Mir wurde die Asklepios-Klinik Tiefenbrunn bei Göttingen nahegelegt, 230 km von hier. [/quote]
Die Klinik kenne ich nicht.

[quote="Teetasse"]
Ich habe arge Bedenken, mein Kind alleine in eine Klinik zu geben mit dem Gedanken, dass sie sich dann zusätzlich auch von mir verlassen fühlt. Außerdem frage ich mich, was ich für ein Kind zurückbekomme? Was guckt sie sich dort ab? [/quote]
Deine Gedanken sind verständlich. Das habe ich mir damals auch gefragt. Meine Tochter hat sich nicht von mir verlassen gefühlt: Ich kam doch sie zu Besuchen, habe angerufen.
Natürlich war die Trennung am ersten Tag schwierig, sehr schwierig. Aber notwendig, für mich jedenfalls. Roosvelt hat sich schnell dort wohl gefühlt, sie hatte Schule vormittags, jede Menge Aktivitäten, die Spaß machten.

[quote="Teetasse"]
Gleichzeitig wird das eine große finanzielle Belastung.  Jedes Wochenende über 900 km Fahrt, ich weiss gar nicht wie ich das machen soll. 

Welche Erfahrungen habt ihr? Besonders gerne würde ich natürlich über Tiefenbrunn lesen.

[/quote]
Die Klinik, wo Roosvelt war, ist ca. 100km von unserem Haus entfernt. Ich musste einmal in der Woche dort auftauchen für einen Termin mit der Psychologin.
Die ersten 2 oder 3 Wochenende (bin ich mir nicht mehr sicher), durfte Roosvelt nicht nach Hause. Ich musste aber mindestens 1 mal besuchen (also entweder Samstag oder Sonntag - sie am beiden Tage zu besuchen war erlaubt, es war mir aber zu viel) und sie für eine Aktivität ein paar Stunden mitnehmen. Die letzten Wochenende musste sie nach Hause, von Samstag vormittags bis Sonntag.
Diese Fahrerei war eine echt große Belastung, vor allem was die Müdigkeit angeht. Aber auch finanziell, klar.

Alles Gute für Euch und liebe Grüße,
Charlie
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Re: Erfahrungen mit stationärer Kinder- und Jugendpsychiatrie? Gerne Tiefenbrunn

Beitragvon Teetasse » 17. Februar 2016 12:34

Hallo,

Habt ihr von dem Aufenthalt profitieren können? So langsam so D unsere Nachbarn ziemlich angefressen aufgrund der Ausbrüche meiner Tochter.

Schwierig finde ich die ablehnende Haltung meiner Familie gegenüber der Aufnahme.  Ich werde mit Negativargumenten überschüttet und habe nicht das Gefühl, dass meine Entscheidung akzeptiert wird. Ich brauche kein Einverständnis aber Rückhalt in dieser Situation wäre einfach schön.

Wie hat Deine Tochter reagiert auf die Information über die geplante Aufnahme?
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Roosvelt
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Re: Erfahrungen mit stationärer Kinder- und Jugendpsychiatrie? Gerne Tiefenbrunn

Beitragvon Roosvelt » 17. Februar 2016 12:59

Liebe Teetasse,

ich muss leider jetzt unbedingt los fahren. Je nach Müdigkeit werde ich Dir entweder heute Abend oder spätestens morgen antworten.

Beste Grüße,
Charlie
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Re: Erfahrungen mit stationärer Kinder- und Jugendpsychiatrie? Gerne Tiefenbrunn

Beitragvon Eule » 17. Februar 2016 13:50

Wie erlebt denn deine  Tochter  ihre Wutausbrüche?

Ist das eher  "die doofe Olle  ist sch*** zu mir, also ist ein Wutausbruch meine Gegenwehr, ich hab alles Recht der Welt mich so zu benehmen" oder  ist das eher in  der Art "Wutausbruch  bekommen, gar nicht recht wissen wie ihr geschieht, aber auch nicht wissen wie sie  'bremsen' könnte und  hinterher tut es ihr leid"?

Besonders wenn es eher in die zweite Richtung geht, klappt es  vielleicht ganz  gut wenn du ihr erklären kannst dass du merkst wie  schwierig und belastend diese Wutausbrüche für euch beide sind und  dass du glaubst ihr beide braucht mehr und intensivere Hilfe dabei  diese Ausbrüche zu bändigen als eure Arztpraxis bieten kann,  damit  ihr beide wieder besser miteinander leben könnt. Und weil  es ja nicht in der Schule oder sonstwo "knallt"  sondern immer wieder zuhause, kann es helfen wenn ihr ein bisschen Pause voneinander bekommt,  damit ihr euch auf  das lernen wie ihr besser  miteinander umgeht konzentrieren  könnt und nicht  immer wieder wenn gerade so der  erste Sc hritt es  besser  zu machen gefunden ist so eine  anstrengende  Aktion nur weil  ihr gemeinsam in einem Raum seid euch die  Kraft und Konzentration für den nächsten Schritt raubt.

Wie  anstrengend es ist beim Lernen (egal ob Schulstoff, eine Sportart, ein Musikinstrument  oder Regeln  und Verhaltensweisen neu erworben werden sollen - das ist alles Lernen)  immer wieder abgelenkt zu sein weiß sie ja wahrscheinlich sowieso.  Und wenn sie es nicht so  recht weiß was du meinst, liefere ihr ein  Beispiel  von etwas das  sie lernen WOLLTE,  aber  gespürt hat wie schwer das war. Ich weiß  nicht was sie  gern  macht - aber ich weiß dass ich in dem Alter im Turnverein war, und es so langsam anfing dass Bodenturnen  nicht mehr  nur eine isolierte Übung wie Rolle Vorwärts  oder Handstand mit Abrollen war, sondern es wurden mehrere solche Elemente  mit bestimmten  Schritten dazwischen miteinander kombiniert. Da war es für mich anfangs sehr  schwer,  so einen kompletten Ablauf aus 4 bis 7 Elementen in der  richtigen Reihenfolge im Kopf zu haben, oder die Bezeichnungen der Schritte  dem Bewegungsablauf zuzuordnen und somit  wenigstens etwas mit  dem von Trainerin  oder anderen Mädels angesagten  Namen  für den nächsten Schritt wenn es noch nicht "saß" anzufangen. Ich  brauchte  da halt  nicht nur  2mal vorturnen mit gleichzeitiger  Benennung der Elemente sondern auch mehrfach selber turnen mit einem  Auge auf  die Vorturnerin  oder jemanden  der sowieso  zwecks Hilfestellung direkt  daneben  war und soufflierte während ich es machte. Und wenn  ich nicht  mehrfach turnen konnte weil an  dem Tag die Gruppe besonders groß war, hatte  ich es eine Woche später beim  nächsten Training mindestens halb vergessen und musste wieder von  vorn anfangen.

Nimmt sie eigentlich Medis, und kann es sein dass die  Ausbrüche dann passieren wenn sie  keine Medi-Wirkung  mehr hat? Oder passt vielleicht auch  die Medi-Wirkung  morgens schon nicht, so dass sie sich in der  Schule  anstrengt um fehlende/ unzureichende Wirkung zu kompensieren, und nachmittags/abends zuhause ist sie so fix  und alle dass nix mehr  geht? Bei guter Mediwirkung habe ich auch sowas  wie eine "Nachwirkung"  - sprich die Entlastung durch weniger  Reizflut etc sorgt dafür dass auch nach Ende der  Mediwirkung noch einige Zeit  " mittelschwere" Sachen klappen weil ich dafür noch Kraft und Konzentration übrig habe. War die  Mediwirkung "knapp", die Anforderung die ich mit Medis bewältigt  habe hoch, dann  empfinde ich die gleichen "mittelschweren" Sachen deutlich anstrengender oder beschließe  nach kurzer Zeit  dass ich mir diesen Mist  abends  nach dem Ende der  Mediwirkung nicht mehr antun  mag und das besser auf den nächsten Tag schiebe.
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Re: Erfahrungen mit stationärer Kinder- und Jugendpsychiatrie? Gerne Tiefenbrunn

Beitragvon Teetasse » 17. Februar 2016 14:39

Eule,

Ich denke die Ursache für die Ausbrüche liegen in beiden Begründungen.
Erst einmal hat sie eine ganz komische Denkweise und Logik, die man erst einmal verstehen muss. Zudem ist sie fest davon überzeugt,  dass niemand (und auch ich nicht) sie mag. Gibt es also z.B. Konsequenzen für Verhalten (sie ist morgens nicht rechtzeitig fertig wegen Trödeln -> fahre ich sie nicht mehr zur Schule da ich sonst zu spät zur Arbeit komme, etc.) legt sie das grundsätzlich als Beweis aus, dass sie ungeliebt ist.
Gleichzeitig versuche ich in vielen Situationen ihr zu helfen (gerade Alltagsstrukturierung), werde aber abgewiesen - diese Situationen eskalieren meistens extremst. Und aus dieser Schleife kommt sie nicht raus. Wird dann aber dabei so aggressiv und wütend, dass sie nicht mehr zu erreichen ist. Wenn sich daraus dann Vergessen der Hausaufgaben, Verlieren der Zahnspange, zu spät kommen ergeben, bin ich wieder schuld und die Spirale geht weiter.
Sie wird nicht mehr zu Geburtstagen eingeladen, die anderen Kinder stören sich an ihren Ausbrüchen, wollen nicht immer ungerechten Weise beschuldigt werden, mögen das oft kleinkindhafte Verhalten nicht,...
Sie bekommt für die Schule Medikinet 10 mg, ist somit nachmittags "ohne". Sicher trägt das auch mit dazu bei.
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Re: Erfahrungen mit stationärer Kinder- und Jugendpsychiatrie? Gerne Tiefenbrunn

Beitragvon Roosvelt » 17. Februar 2016 18:27

[quote="Teetasse"]
Habt ihr von dem Aufenthalt profitieren können?[/quote]
Jein.

Positiv war:
-wir brauchten unbedingt eine Weile von einander getrennt zu werden. Für ihre körperliche Sicherheit und für meine psychische Sicherheit. Ich war wirklich ganz nah am ausflippen. Noch ein bisschen und ich hätte möglicherweise das Kind ermordet oder wäre selber verschwunden oder was weiß ich auf welche schlechte Idee in meiner Verzweiflung und Erschöpfung ich vielleicht gekommen wäre.
-das war ein erster Schritt in Richtung Behandlung. Seit 2 Jahre versuchten wir einen Termin bei einem KiPsy zu bekommen. Keine Chance in unser Gegend. Sie sind alle vollgebucht, nehmen keine Patienten mehr, haben uns  nur auf Warteliste gesetzt. Der Einzige, der uns einen Termin gab hat uns ganz und gar nicht geholfen. Er hat uns von seiner Kindheit erklärt.  :icon_eek:  Also für mich war diese Stationär Aufnahme, trotz alle negativen Aspekte, eine große Chance: Endlich erkannte jemand, dass die Lage bei uns schlimm war.
-das Kind hat dort soziale Erfahrungen gemacht, die ihr jetzt noch nützlich sind.

Negativ:
-keine brauchbare Diagnose bekommen.



[quote="Teetasse"]
So langsam so D unsere Nachbarn ziemlich angefressen aufgrund der Ausbrüche meiner Tochter. [/quote]
Kenne ich auch. Ehemaligen Nachbarn waren fest überzeugt, dass ich mein Kind schlagen würde, so sehr sie schrie. Meine Schwiegermutter hat versucht zu erklären, dass es nicht der Fall ist aber niemand in der Straße hat sie wirklich geglaubt.
Auch einmal waren wir nach Italien gefahren für ein Oldtimer Treffen, die Kinder kamen mit. Wir übernachteten in einer Pension in Genoa. In einem anderem Zimmer war ein anderer Teilnehmer untergebracht. Als ich Roosvelt duschen wollte (das war 2008, sie war 6), machte sie wieder so eine riesige Krise mit extrem laut Geschrei und alles drum herum. Unser Zimmernachbar ist deswegen in das Bad ohne Vorwarnung rein gestürmt, weil er glaubte ich würde das Kind schlagen. Er war baf als er mich damals noch sehr geduldig sah neben dem total ausgeflipptem Kind.



[quote="Teetasse"]
Schwierig finde ich die ablehnende Haltung meiner Familie gegenüber der Aufnahme.  Ich werde mit Negativargumenten überschüttet und habe nicht das Gefühl, dass meine Entscheidung akzeptiert wird. Ich brauche kein Einverständnis aber Rückhalt in dieser Situation wäre einfach schön. [/quote]
Wegen die schwierige Geschichte meiner Kindheit, kenne ich sowieso keinen Rückhalt von meiner Familie. Ich kenne nur Kopf hoch und durchhalten.
Möglicherweise ist es sogar einfacher, ohne richtige Familie durch zu halten als mit ablehnender Familie? Keine Anhnung :schäm:

[quote="Teetasse"]
Wie hat Deine Tochter reagiert auf die Information über die geplante Aufnahme?
[/quote]
Sie war überhaupt nicht begeistert. Ihre Zustimmung habe ich aber auch nicht verlangt. Der Not war da und ich musste handeln. Nach zwei Tage hatte sie sich aber dort entspannt. Sie fand schnell sehr toll, "alleine" ohne Eltern zu wohnen  :breitgrinse1:

[quote="Teetasse"]
Eule,

Ich denke die Ursache für die Ausbrüche liegen in beiden Begründungen.
Erst einmal hat sie eine ganz komische Denkweise und Logik, die man erst einmal verstehen muss. Zudem ist sie fest davon überzeugt,  dass niemand (und auch ich nicht) sie mag. Gibt es also z.B. Konsequenzen für Verhalten (sie ist morgens nicht rechtzeitig fertig wegen Trödeln -> fahre ich sie nicht mehr zur Schule da ich sonst zu spät zur Arbeit komme, etc.) legt sie das grundsätzlich als Beweis aus, dass sie ungeliebt ist.
Gleichzeitig versuche ich in vielen Situationen ihr zu helfen (gerade Alltagsstrukturierung), werde aber abgewiesen - diese Situationen eskalieren meistens extremst. Und aus dieser Schleife kommt sie nicht raus. Wird dann aber dabei so aggressiv und wütend, dass sie nicht mehr zu erreichen ist. Wenn sich daraus dann Vergessen der Hausaufgaben, Verlieren der Zahnspange, zu spät kommen ergeben, bin ich wieder schuld und die Spirale geht weiter.
Sie wird nicht mehr zu Geburtstagen eingeladen, die anderen Kinder stören sich an ihren Ausbrüchen, wollen nicht immer ungerechten Weise beschuldigt werden, mögen das oft kleinkindhafte Verhalten nicht,...
Sie bekommt für die Schule Medikinet 10 mg, ist somit nachmittags "ohne". Sicher trägt das auch mit dazu bei.

[/quote]

Genauso war die Situation auch bei uns. Alles, was du da geschrieben hast, trifft zu: Das ist genau  was ich noch vor einem Jahr täglich erlebte.

Ich würde mit dem Arzt besprechen, ob deine Tochter noch Xmg Medikinet Nachmittags bekommen könnte.
Vor kurzem nahm noch Roosvelt 10mg Medikinet Retard nach dem frühstück und noch 5mg zum Mittagessen. Sie ist erst jetzt langsam wieder eingeladen.
Zuletzt geändert von Roosvelt am 17. Februar 2016 18:38, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Erfahrungen mit stationärer Kinder- und Jugendpsychiatrie? Gerne Tiefenbrunn

Beitragvon Eule » 17. Februar 2016 19:36

Aus meiner Sicht spricht einiges dafür zunächst  mal zu klären ob es mit diesen 10mg Medikinet tatsächlich für die Schule passt, sowohl hinsichtlich  der Wirkung an  sich, als auch hinsichtlich der Wirk-Dauer.

Und gegebenenfalls auf eine andere  Dosis bzw ein retardiertes Präparat um eine längere Wirkdauer zu  erzielen zu wechseln.

Denn es ist typisch, dass durch den "seltsame n" Denk- und Wahrnehmungsstil zum einen soziale Erfahrungen  völlig schief  gehen, diese Negativerfahrungen zu der "keinerhatmichliebundallesindgemeinzumir"-Vorstellung  führen,  und  diese  dann wiederum zu  Wut, die sowohl gegen sich selbst ( sich runtermachen, Depressionen...)  als auch (verbal-Ausbrüche bis hin zu physischer Gewalt)  gegen Menschen  oder Dinge  gerichtet werden.

In so einem Fall ist  es nicht ausreichend zu erklären warum und wo  der Denkfehler lieegt - das ist ähnlich wie einem Blinden der noch nie sehen konnte zu erklären wie blauer Himmel mit Schäfchenwolken aussieht.  Da ist eine gute Medikamentenwirkung, die es ermöglicht die für das Denken und Handeln  relevanten Infos überhaupt vollständig wahrzunehmen, und  dann auch die nötige  Bedenksekunde zum Bewerten der Infos und zum Entscheiden zwischen verschiedenen Handlungsoptionen zu haben.  Und vorhandene Mediwirkung hat auch einen  Effekt hinsichtlich der  Wirksamkeit von  Ergotherapie, Konzentrationstraining etc. Wer ablenkbar ist und nur sehr kurz konzentriert bleiben kann, nimmt von 45 Minuten  Deutschunterricht vielleicht 10 bis  15 Minuten mit  - und wenns dann nachmitttags nach stunden mäßig  bis gar nicht  erfolgreichen Schul  und Sozialerlebnissen  zur Therapie geht ist das Kind k.o  und frustriert bis zum  Anschlag - da bleibt  von der Therapiestunde noch weniger als von der Deutschstunde hängen.  Und  auch für deine Erklärungen und Anleitungen gilt das -  und weil sie nicht verstanden  werden, nicht nachvollziehbar und schon gar  nicht am nächsten Tag reproduzierbar sind obwohl Mama  das jetzt  schon 5mal gezeigt und erklärt hat entsteht ein diffuser  Mix aus " Mama  überfordert bzw versteht mich  nicht" "die mag  mich nicht, sonst würde sie mir doch wirksam helfen", "ich bin doof und mache nie was richtig,  also ist es kein Wunder dass mich keiner liebt "

Für mich klingt das was du schilderst sehr danach dass  als erster Schritt bevor ein  Lernen von Unterrichtsstoff in der Schule, von sozialem Verhalten  zuhause, auf dem Schulhof oder nachmittags beim Spielen, oder  eben von  besseren Bewältigungsstrategien in einer Therapie erst dann möglich ist wenn eine  funktionierende Medi-Dosis mit Wirkung von morgens vor Schulbeginn ( morgens  nicht fertig  werden ohne  Medis ist ein "Klassiker")  bis mindestens in den frühen Nachmittag hinein gefunden ist.

Das würde ich als erstes mit der Arztpraxis  klären - eine bessere Medi-Abdeckung kann  euch eine große  Entlastung verschaffen,  denn es wird ja vermutlich nicht möglich  sein dass sie innerhalb der nächsten  Woche schon stationär aufgenommen werden kann. Soooo  schnell klappt das meistens  nicht, schon gar nicht wenn die Klinik wirklich gut ist und es entsprechende  Wartelisten gibt.
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Re: Erfahrungen mit stationärer Kinder- und Jugendpsychiatrie? Gerne Tiefenbrunn

Beitragvon Teetasse » 19. Februar 2016 17:08

Hallo,

Hatte heute morgen ein Gespräch mit dem behandelnden KJP und seiner Psychologin.
Er hat bereits mit der Klinik telefoniert und es soll, wenn ich mich Anfang der Woche dort melde, ein Vorgespräch stattfinden in den nächsten 2-3 Wochen.

Die Medikation wird erst mal auf eine 2. Dosis Medikinet mittags erhöht, langfristig haben wir die Möglichkeit auf retard umzusteigen oder einen Versuch mit Concerta zu starten. Wir machen mit dem hier vorhandenen Medikamentenvorrat erst mal weiter und werden dann (sollte sie dann noch nicht in der Klinik sein) auf Concerta umsteigen.

Nun werde ich in den nächsten Tagen ein Gespräch mit meinem Kind führen müssen um sie darauf vorzubereiten, dass wir uns eine Klinik ansehen. Seufz.
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Re: Erfahrungen mit stationärer Kinder- und Jugendpsychiatrie? Gerne Tiefenbrunn

Beitragvon Eule » 19. Februar 2016 23:32

Ich weiß ja nicht wieviel du noch liegen hast, aber ich sehe keinen vernünftigen Grund mit einem Medikament dessen Nutzen gering ist in einer ohnehin schwierigen Phase weiter zu machen "nur weil es vorhanden ist".

Ich bin mir auch anhand deines Texts nicht sicher, ob diese 10mg tatsächlich die geeignete Dosis sind, und sie damit innerhalb der Wirkzeit (weißt du genau wie lang die ist, das ist wichtig für das festlegen eines sinnvollen Nachnehm-Zeitpunkts) am Vormittag gut unterstützt ist oder ob vielleicht auch 15mg noch ausprobiert werden sollten. Seit wann ist sie denn bei den 10mg?

Wichtig ist auf jeden Fall auch dass es organisiert werden kann dass sie zum richtigen Zeitpunkt nachnimmt. Wenn sie unretardiertes Medikinet morgens um 7 Uhr vor der Schule einnimmt, wäre es typisch dass ein sinnvoller Nachnehm-Zeitpunkt zwischen 10 Uhr und 11 Uhr liegt - das ist sicher noch mitten im Unterricht, nicht erst mittags. Aber vielleicht machst du zur Medi-Dosis mal einen Post im Kinder/Medikamente Forum, wo du bessere Chancen hast dass auch andere die sich mit der Suche nach einer sinnvollen Dosis herumschlagen mitlesen und dir vielleicht mit ihren Erfahrungen und Ideen weiterhelfen können.
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Re: Erfahrungen mit stationärer Kinder- und Jugendpsychiatrie? Gerne Tiefenbrunn

Beitragvon Teetasse » 20. Februar 2016 08:29

Sie nimmt diese seit April. Die Wirkdauer (Einnahme 7.20 Uhr) ist bis ca. 12.00 / 12.30 Uhr, dieses scheint ausreichend zu sein laut Rückmeldung der Lehrer. Ich würde empfehlen um 13.30 zum Mittag in der Schule  (schon als Orientierungspunkt für sie) die 2. Dosis einzunehmen und somit die Hausaufgabenbetreuung und auch die Zeit nachmittags so noch abzudecken.

Vielleicht hast Du recht. Egal ob sie noch vorhanden sind - ich schlafe noch ein, zwei Nächte drüber und lese mich noch mal schlau bezüglich des Concertas. 

Danke Dir.
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Re: Erfahrungen mit stationärer Kinder- und Jugendpsychiatrie? Gerne Tiefenbrunn

Beitragvon Eule » 20. Februar 2016 13:06

Das Problem ist dass damit auf jeden Fall eine Wirklücke entsteht. Und diese Lücken verursachen Stress.

Die Wirkung schwindet, es wird anstrengend die Dinge richtig mitzukriegen, es geht vielleicht sogar was schief oder man hat einen Mißerfolg bei etwas von dem man weil es unter Medis geklappt hat inzwischen gerade so verstanden hat dass man dazu doch nicht "zu blöd" ist...

Solche Erlebnisse sind frustrierend, belastend, und sie machen gerade wenn es auch um soziale Dinge geht wie es bei deiner Tochter der Fall zu sein scheint jeden kleinen Fortschritt mit Medis wieder zunichte.

Du schilderst sie hat Schwierigkeiten mit Freunden/Mitschülern bzw hat kaum welche. Vermutlich weil sie immer wieder unangemessen körperlich oder verbal aggressiv ist, Niemand lässt sich gerne beschimpfen, beleidigen, runtermachen. Und wenn man erst mal den Ruf weg hat, dass man solche Dinge anderen Menschen antut, muss man ewig nicht nur "normal" sondern sogar auffallend freundlich, hilfreich, konstruktiv, positiv mit anderen Menschen umgehen, um die Negativ-Erfahrung die sie mit einem gemacht haben sozusagen überschreiben.

Einer meiner Schwachpunkte war und ist Pünktlichkeit. Es klappte zeitweise mal besser, dann wieder schlechter, Auch bei Dingen wie "Verabredung mit der Familie" als ich längst meinen eigenen Haushalt hatte fiel ich immer wieder mal durch Verspätungen im Bereich zwischen 15 Minuten (was tolerierbar ist) und über einer Stunde (was schon sehr viel weniger witzig ist, besonders wenn man sich treffen will um gemeinsam zu essen und die Gastgeberin warmes Essen für 4 bis 10 Leute vorbereitet hat, oder um nach einem schnellen Kaffee gemeinsam eine Veranstaltung mit fester Anfangszeit zu besuchen) auf. Wenn es dann zu meiner Erleichterung mal ein halbes Jahr mit jeweils ein bis zwei solchen Events im Monat weitgehend geklappt hatte, sprich über die Hälfte wirklich pünktlich, vielleicht 2 oder 3 Verabredungen im Bereich Viertelstunden-Verspätung und eine mit einer halben Stunde Verspätung, war das für mich ein Erfolg.

Sicher muss man auch dazu sagen dass bei mir nicht nur meine eigene Desorganisation Ursache war, sondern obendrein auch mein Beruf eine entscheidende Rolle spielte. Ich hatte kaum planbare Arbeitszeiten, arbeitete je nach Auftrag mal tags, mal nachts, es gab ständige Planänderungen, hohe Abhängigkeit von der Verkehrslage (die ich recht gut einschätzen kann, auch mit Berücksichtigung der Unterschiede ob ich eine Strecke durchs Ruhrgebiet die am späten Vormittag oder nach 18 Uhr in 30 Minuten klappt leider zwischen 7 und 9 Uhr in der morgendlichen Rushhour befahren muss, so dass das ganze zu einer mindestens einstündigen Nervenprobe wird) und ungünstige Betriebsabläufe bei Kunden die immer wieder dafür sorgten dass ein Kundentermin der gut in einer Stunde über die Bühne sein konnte zu einer 2 bis 3 Stunden - Aktion wurde, und ich das auch erst bei bzw nach Ankunft dort rausfand. Selbst mit vorsichtigen Planungen wie "meine Tätigkeit beim Kunden ist in 30 bis 40 Minuten machbar, plus 20 bis 30 Minuten für Papierkram und Verzögerungen weil der zuständige Mitarbeiter des Kunden nicht sofort Zeit hat sich mit mir zu befassen, plus übliche Fahrtzeiten mit dem Dienstfahrzeug zwischen mehreren Kunden, die Zeit zurück in die Firma, plus Staureserve je nach Entfernung und Tageszeit zwischen 30 Minuten und 2 Stunden, plus Pausenzeit, Papierkram etc in der Firma, meinen Kram den ich für einen mindestens einwöchigen Auswärtseinsatz dabei gehabt hatte aus dem Firmenfahrzeug fischen, in den PKW werfen, Zeit für Heimfahrt in meine Wohnung, die Klamotten aus dem PKW rausnehmen, sofort die erste Maschine Wäsche anstellen, Post sichten, duschen und mich familientreffen-tauglich anziehen, und wieder ins Auto für die 40 Minuten bis eine Stunde Fahrt zur Familie. Kurz gesagt: ein Familien-Date am Freitag abend um 18 Uhr bedeutete dass ich meinen Vorgesetzten im Lauf der Woche mehrfach daran erinnerte dass er bitte meinen Einsatz so planen möge dass ich zwischen 14 und 15 Uhr in der Firma bin und spätestens um 15.30 von dort nach Hause fahren kann damit ich eine Chance habe. Und ich war nie der Typ Mitarbeiter der alle Naselang Freitags früher gehen wollte, und hatte meistens auch kein Problem damit wenns erst Samstag vormittag wurde bis ich Wochenende hatte. Irgendwann zwischen Donnerstag abend und Freitag früh um 7 Uhr fing für mich das Zittern an ob das wohl klappen würde, während ich zusehen konnte wie dumme Zufälle, Verkehrsstaus oder Planänderungen eine Zeitreserve nach der anderen auffraßen, so dass ich um 14 Uhr Muttern telefonisch mitteilte "Ich brauche noch mindestens eine Stunde bis zur Firma, plus eine Stunde dort, eine halbe Stunde fürs heimfahren, eine Stunde bei mir zuhause für das nötigste, eine um zu dir zu dir fahren - also hab ich keine Chance vor 18.30 bei dir zu sein. Und wenn in dieser Zeit noch weiteres schiefgeht, kanns auch locker 19 Uhr werden. Die charmante Reaktion war dann "NIE kommst du pünktlich, hättest du das nicht vorher sehen und besser organisieren können, du bist so enttäuschend unzuverlässig...." Und bei mir knallten die Sicherungen durch. Ich stand seit 8 bis 24h unter Dauerstress in dem Versuch irgendwo Zeit gutzumachen, frühzeitig zu erkennen wo es klemmte um ggf Vorgesetzte einschalten zu können damit die vielleicht einen Auftrag mit einem Kollegen tauschten, reduzierte gesetzlich vorgeschriebene und nachzuweisende Pausen für mich auf das absolute Minimum - und kriegte dann so einen Spruch gedrückt.

Ergebnis: der verhaßte Papierkram beim Eintreffen in der Firma ging mir noch langsamer von der Hand als normal, vielleicht gabs auch noch einen uncharmanten Wortwechsel mit einem Kollegen, ich fand einen dringlichen unangenehmen Brief in meiner Post zuhause, telefonierte erfolglos um das zu klären, die Nachbarin die mich im Treppenhaus rauf poltern gehört hatte sprach mich ausgerechnet jetzt wo ich sowieso keine Zeit und nicht die beste Laune hatte darauf an dass ja am Mittwoch der erste des Monats war und sie noch das Geld fürs Treppenhaus putzen bekäme (Ihr das rüberzubringen hatte ich eigentlich für Samstag oder Sonntag auf dem Plan), mühsam mich zusammenreißend rede ich 10 Minuten mit ihr und bezahle, werfe die erste Ladung Schmutzwäsche in die Maschine, mich selbst unter die Dusche, und schwupps sind unter dem entspannenden warmen Wasserstrahl 30 Minuten vergangen, wie ich mit entsetztem Blick auf die Uhr feststelle als ich die "ausgehtaugliche" Kleidung anziehe, die Reisetasche die ich die Woche über mit hatte leer mache, den Kulturbeutel wieder rein werfe, nötigstes Zeug für eine Übernachtung (80km Entfernung für die Heimfahrt gegen Mitternacht nach einem Tag der seit irgendwann zwischen 4 und 6 Uhr früh aus Dauerstress bestand, vielleicht noch ein Glas Wein zum Essen getrunken, und das Wissen dass man mit seinem Führerschein Geld verdient sind gute Gründe lieber das Übernachtungsangebot bei der Familie zu nutzen)  , sowie Kleidung und Schuhe für einen "normalen" Samstag hineinschmeiße, grad noch dran denke dass ich versprochen hatte ein geliehenes Buch zurückzugeben oder eins von mir mitzubringen, Ach ja, wo ist denn die original englische Orangenmarmelade die ich neulich als ich in Großbritannien war als Mitbringsel erbeutet hatte, verdammt, nu aber raus hier!, Geld, Schlüssel, Handy, Headset, Papiere, Tasche, Abflug! Auto starten, Radio an, Verkehrsfunk am Ende der 18 Uhr Nachrichten grad noch erwischt - die Strecke soll frei sein. Blick auf die Tankuhr - es wird knapp schon für die Hinfahrt, also noch eine Ehrenrunde zur Tanke bevor es auf die Autobahn geht, und irgendwie während ich in der Schlange vor der Kasse darauf warte dass eine Telefonkarte für den Kunden der grad dran ist aufgeladen wird, eine Mutter mit ihrem Kind ausdiskutiert dass es sich EINE Süßigkeit aussuchen darf und nicht fünf, irgendwer x-fach seine Karte zum Bezahlen in das unkooperative Gerät schiebt das die Karte lesen soll, tippsel ich eine SMS "Hi Mama, es war absoluter Irrsinn, bin jetzt endlich so weit dass ich zuhause losfahren kann, es wird zwischen 19 Uhr und 19,15h bis ich da bin. Freue mich auf euch!" - "OK" Kurz angebundene Antwort - aber gut, da stehen wahrscheinlich grad die ersten Gäste in der Tür, und mir reicht es zu wissen dass die Info angekommen ist.

Immerhin etwas Glück hab ich auf der letzten Etappe des Marathon-Unternehmens "pünktlich zur Familienfeier sein" - weil die Autobahn frei ist gelingt es tatsächlich mit dem Glockenschlag um 19 Uhr das Auto etwa 50 Meter von der Haustür entfernt zu parken. Begrüßung, Umarmung, großes Hallo, nach 15 Minuten dann "Zu Tisch bitte, es tut mir ja leid dass die Kartoffeln verkocht sind, und ich möchte nicht dass auch noch der Braten von der ganzen Warterei auf meine Chaostochter kalt wird. Ich glaub du wirst nie erwachsen."

Peng. Schlag ins Gesicht. Ich kann machen was ich will, egal ob ich oder etwas das ich nicht ändern oder in diesem Ausmaß voraussehen kann für die Verspätung verantwortlich ist, egal ob ich frühzeitig informiere dass es eine Verzögerung gibt - ich bin der unzuverlässige unvernünftige Teenager der vor versammelter Mannschaft abgewatscht wird obwohl ich längst nicht nur über 20, sondern mehr als doppelt so alt bin.

Und für meine Mutter ist das halbe Jahr in dem es halbwegs geklappt hat sofort wieder gelöscht. Die versteht noch nicht mal, wie verletzend es für mich ist dass sie mich für ihr "misslungenes" Essen verantwortlich macht. Denn wenn sie schon am frühen Nachmittag weiß dass vor 18.30 unmöglich ist, und 19 Uhr sehr viel realisitischer, hat sie ja die Möglichkeit so umzuplanen dass das Essen erst gegen 19.30 fertig ist und könnte da eine ganze Menge Stress rausnehmen. Oder sie könnte an ihrem ursprünglichen Plan mit 18 Uhr Eintreffen der Gäste, 18.30 Essen festhalten und mir einen Teller beiseite stellen, so dass ich ohne großes Theater später essen kann.

Aber zurück zu deiner Tochter. Die schafft es mit Medis endlich sich angemessen zu verhalten und in der Schule folgen zu können. Und wenn dann in Mittagspause und Hausaufgabenbetreuung wieder Dinge schiefgehen weil die Mediwirkung auslief, zerstört das die mühsam errreichte Entspannung des gelungenen Vormittags wieder. Weder sie noch die Mitschüler kapieren so recht weshalb das entspannte miteinander umgehen im Unterricht oder in der großen Pause morgens in der Mittagspause unmöglich ist, sie wird als unberechenbar und unzuverlässig wahrgenommen, als jemand dem man besser zur Sicherheit doch aus dem Weg geht. Und sie kommt zu der Überzeugung dass man sie gar nicht mögen kann, wird wütend über ihre Unfähigkeit halbwegs konstant sozialkompatibel zu sein.

Auch die Tatsache dass die Medis zwar primär als etwas das die Fähigkeit dem Unterricht folgen zu können, zu lernen, sich konzentrieren zu können erklärt werden, aber in Wirklichkeit auch bei der Fähigkeit die relevanten Infos bei sozialer Interaktion mitzukriegen, einzuordnen und darauf angemessen zu reagieren eine entscheidende Rolle spielen, dürfte dabei wichtig sein. Wer von diesem zweiten Effekt der Medis nicht weiß, hat gar keine Chance sich seine eigenen Erfolge oder Schwierigkeiten im sozialen bereich zu bestimmten Tageszeiten zu erklären, und MUSS zu dem Schluss kommen dass er "schuld", "zu blöd zum Freundschaften pflegen" oder schlicht ein "Arxxx" ist, den alle anderen meiden.

Und diese Negativerlebnisse haben Konsequenzen - die Hausaufgaben (selbst wenn sie einfach sind und das ganze im Unterricht verstanden wurde) klappen nicht nur wegen der fehlenden Mediwirkung, sondern auch wegen der davor liegenden Frusterlebnisse und Mißerfolge in der Mittagspause nicht.

Ganz ähnlich wie bei meinem Familientreffen-Marathon das Telefonat am Nachmittag in dem mir auch noch zusätzlich zu dem aktuellen unverschuldeten Zeitnot-Problem eindringlich sämtliche früheren Fehltritte (bei denen es teilweise wirklich einzig an mir und meiner Selbstorganisation lag) flashback-artig ins Gedächtnis gerufen wurden. Und schwupps klappt auch das was eigentlich zum gut beherrschten Repertoire gehört schlechter, ich brauche eine Auszeit unter der Dusche um überhaupt irgendwie klar zu kommen, die aber gleichzeitig die Zeitnot weiter verschärft,  und ich komme in einem dermaßen abgekämpft-entnervten Zustand an, wissend dass gerade in den letzten Stunden durchaus auch Dinge die in meiner Hand lagen suboptimal gelaufen sind und irgendwas zwischen einer halben und einer Stunde der aufgelaufenen Verzögerungen mit mir zu tun hat, so dass ich aller Wortgewandtheit zum Trotz nicht in der Lage bin den fiesen Seitenhieb vor versammelter Mannschaft irgendwie souverän zu parieren.

Was deine Idee zum nachnehm-Zeitpunkt angeht:

Wenn sie um 7.20h einnimmt, ist das nicht auch Wirkbeginn. Das Medi muss erst vom Mund in den Magen, vom Blut aufgenommen werden und zum Hirn verfrachtet werden. Üblicherweise dauert das bei unretardierten Medis zwischen 15 und 30 Minuten.

Würde sie also um 13.30 nachnehmen, so hätte sie frühestens ab 13.45 beginnende Wirkung. Aber davor, in der Zeit ab 12 Uhr hat sie anderthalb bis 2 stunden lang die Chance jede Menge Mist zu erleben, was anstrengend und frustrierend ist, und wenns ganz dumm läuft ist sie bis das Medi beginnt zu wirken so in einer Negativ-Reinsteigeritis drin, dass sie selbst mit Medis die Bremse nicht mehr findet.

Nach dem was du schilderst wäre also ein nachnehmen zwischen 11.30 und 12.00h sinnvoll, damit sie erst gar nicht diesen "Absturz" erlebt. Und eine konsequente Einnahme auch am Wochenende oder in den Ferien, damit auch an der "Kriegsfront" zuhause etwas Ruhe einkehrt - das wirkt stabilisierend, nicht nur in deinem Verhältnis zu deiner Tochter, sondern auch in ihrem Leben außerhalb von zuhause.

Und wenn das eigenständig und zuverlässig nachnehmen nicht realisierbar ist, was ich bei einer Neunjährigen, selbst wenn es einen markanten Zeitpunkt wie das Mittagessen dafür gibt, und selbst wenn sie kein ADS hat für unwahrscheinlich halte, dann ist ein Wechsel zu einem retardierten Präparat ohne weiteres langes Gezappel nach meiner Einschätzung die klügere Lösung.

Ich würde dafür übrigens nicht nur Medikinet retard bzw Concerta, sondern auch Ritalin LA in Betracht ziehen - ich habe nach dem was ich selbst erlebe und von anderen in der Selbsthilfegruppe mitbekommen den Eindruck dass das bei ADS, also mehr Unaufmerksamkeit als körperlicher Hyperaktivität besser hilft als das Medikinet retard. Bei mir ergab Medikinet retard (bzw die "baugleiche" Erwachsenenversion) eine insgesamt zu kurze Wirkdauer mit einer verunsichernden unzuverlässigen "Wirkungs-Achterbahn" und Nachnehmen nach kaum über 4 Stunden, während ich bei Ritalin LA (auch in der identischen Erwachsenenversion) sehr viel gleichmäßigere Wirkung bis knapp 7 Stunden nach Einnahme erlebe und entsprechend auch erst nach 6 bis 6,5h nachnehme (Erwachsenen-Tage sind nun mal etwas länger als Kinder-Tage). Concerta sollte noch länger wirken, Erfahrung habe ich damit nicht da es für Erwachsene nicht zugelassen ist. Der Hersteller gibt etwa 12 stunden an. Je nach üblicher Schlafenszeit kann das schon fast zu lang sein für deine Tochter - vielleicht ist da (wenn es eine gute Lösung für das Nachnehm-Problem gibt) Ritalin LA und in der Mittagspause noch eine halbe oder ganze Tablette unretardiert nachnehmen um den nachmittag abzudecken und den Übergang zum Ende der Wirkung sanfter zu machen die günstigere Variante.

Aber bevor man bei retardierten medis an nachnehmen denkt, ist auch da genau wie bei den unretardierten die Einnahme einer morgendlichen Dosis und die Feststellung ob die Umrechnung von dem unretardierten passt und wie lang es tatsächlich wirkt angesagt. Die Umrechnung wäre ausgehend von den 10mg unretardiert sowohl bei medikinet retard als auch bei Ritalin LA 20mg, bei Concerta ist es komplizierter da die Verfügbarkeit anders ist und es 3 Einzeldosen entspricht, so dass da entweder das 27er oder das 36 in Frage käme.

Ich würde an deiner Stelle heute und am Sonntag wo du dabei bist und es mitkriegst mal den Versuch mit dem nachnehmen beim unretardierten machen, die kommende Woche mit dem Nachnehm-Versuch beim unretardierten laufen lassen und mit den gemachten Beobachtungen zum Ende der Woche nochmals mit der Arztpraxis sprechen, wie es weitergehen kann. So hast du noch ein bisschen Zeit dich zu informieren, zu überlegen, und vielleicht auch schon den ersten Termin in der Klinik.

Tochter auf den Kliniktermin vorbereiten unbedingt mit Mediwirkung in einer ruhigen Phase, vielleicht ja morgen am späten Vormittag - ihr habt so schon genug Stress und solltet das Medi konsequent zu eurer Entlastung nutzen.
Teetasse
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Re: Erfahrungen mit stationärer Kinder- und Jugendpsychiatrie? Gerne Tiefenbrunn

Beitragvon Teetasse » 21. Februar 2016 11:24

Eule,

Erst einmal danke für deine ausführliche Antwort.

Gerade nur kurz: Es hat ein Gespräch stattgefunden und sie will nach Göttingen.
Ich habe ihr gesagt, dass ich das Gefühl habe, sie sei ganz oft wütend and furchtbar traurig und wisse dann nicht wohin mit sich und ihren Gefühlen. Sie saß mit einer Puppe auf meinem Schoss und "beide" stiefelten los und holten wie ich schon vermutete ihr Photoalbum vom Papa. 

Ich habe den Vorschlag mit der Klinik angesprochen und ihr gesagt, dass die Empfehlung kam, dorthin zu gehen wo die Leute arbeiten die sich mit sowas auskennen. Dort würde sie lernen, mit diesem Gefühl umzugehen und auch schöne Dinge machen... Gleichzeitig würde ich auch Hilfe bekommen damit es Zuhause besser läuft. Und auch ihr würde es helfen, mit den anderen Kindern besser klarzukommen. 
Das Ganze natürlich etwas ausführlicher aber letztendlich möchte nun gerne hin. 


Ich bin so erleichtert.  Sie weiss noch nicht dass es so weit weg ist aber das schaffen wir auch noch.  :froi1:
Eule
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Re: Erfahrungen mit stationärer Kinder- und Jugendpsychiatrie? Gerne Tiefenbrunn

Beitragvon Eule » 21. Februar 2016 11:44

:top: Prima, der Anfang ist gemacht!

Und dass der gut war macht für euch beide die nächsten Schritte leichter. Positive Erlebnisse wirken nicht nur bei ADHSlern entspannend und motivieren dazu die "Taktik" die dieses Erlebnis beschert hat weiter zu verwenden. Der einzige Unterschied: Jemand mit ADHS braucht länger um sich diese Strategie als "nutzbar" und "wiederholenswert" einzuprägen und ungünstigere Strategien "einzumotten".

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