Wann ist eine Reha fürs Kind wirklich sinnvoll?

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Malefica
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Wann ist eine Reha fürs Kind wirklich sinnvoll?

Beitragvon Malefica » 14. Oktober 2014 09:04

Guten Morgen,

schon lange kein Thema mehr eröffnet...  :zwink:

Es stellt sich mir gerade in meinem Kopf die Frage...wäre eine Reha für Sohnemann mit mir als Begleitperson momentan sinnvoll oder eher kontraproduktiv?
Als kontraproduktiv fällt mir z.b. ein:
-erst neu eingeschult worden, direkt für 5-6 Wochen aus der Schule "rausreissen"?
-grade sozusagen im Anlaufen eines neuen Lebensabschnittes für ihn diesen Cut reinbringen?
-weg vom gewohnten Umfeld, Durcheinander?

Positiv wäre natürlich anzumerken:
-sozusagen geballte, fachmännische Anleitung für mich
-Anleitung und Hilfestellung für Sohnemann


Mal ganz abgesehen davon dass ich keine Ahnung habe ob es genehmigt werden würde....
frage ich mich halt ob das für uns Sinn machen würde.

Die Medikation wird ja in ein paar Wochen anlaufen, das könnte dem Ganzen ja nochmal eine positive Unterstützung sein.
Und zu Hause befinde ich mich eigentlich momentan nicht in einer Lage die ich als extrem belastend und schwierig sehe....da hab ich hier schon ganz andere Sachen gelesen.

Also, was meint ihr... wann sollte man so eine Reha in Betracht ziehen?
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Re: Wann ist eine Reha fürs Kind wirklich sinnvoll?

Beitragvon No User » 15. Oktober 2014 09:55

Eine Reha macht dann Sinn, wenn die Entwicklung des Kindes beeinträchtigt oder bedroht ist. Das ist auch sinngemäß die Voraussetzung, wann Rehabilitationsmaßnahmen genehmigt werden und das Motiv der Versicherungen, diese zu finanzieren. Eigentlich ganz schnöde: Die wollen Vorsorge treffen, lieber leistungsstarke Beitragszahler nachwachsen zu sehen als künftige Pflegefälle. Aber dieses Interesse deckt sich ja durchaus mit den Vorstellungen der Betroffenen und deren Eltern von Lebensqualität.

Eine Reha macht keinen Sinn, wenn gesundheitlich, schulisch, famliär und emotional sich alles zum Besten entwickelt, wenn das Kind auch ohne vorankommt und zwar so schnell, dass es (hier ADHS-bedingte) Entwicklungsrückstände nach- und seine gleichaltrigen Mitschüler einholt (die sich ja auch weiterentwickeln, und zwar ziemlich rasant).

Bezüglich einer ADHS-spezifischen Reha muss man, was Gesundheit und schulische Entwicklung betrifft, da natürlich in erster Linie nach Sozial- und Lernverhalten schauen. Hier geht es ja nicht um den Zustand der Gelenke, um Ernährungsfragen, das Gewicht, die Atemwege,...

Schlussendlich macht eine Reha auch nur dann Sinn, wenn sie erfolgreich ist. Manche Voraussetzungen für ihren Erfolg sind vorher erkennbar oder sogar beeinflussbar, andere nicht. Eine Portion Glück gehört nämlich auch dazu, aber dem muss man auch eine Chance geben.

Kein guter Grund für eine Reha ist es, dem Unterrichtsstoff aus banalen Gründen wie Fehlzeiten hinterherzuhinken. Besser ist, wenn man was das betrifft eher noch Reserven hat. Denn die Reha-Kliniken betreiben zwar Klinikschulen, im Klinikbetrieb wird sich aber unter anderem wegen Therapieterminen der Unterricht Einschränkungen haben und z.B. auf die Kernfächer beschränkt sein.

Aber selbst wenn in Sachen Lehrplan der Anschluss an die Klasse bedroht sein könnte, wäre abzuwägen, was wichtiger wäre. Oft wird der Schulstoff über-, das Sozialleben dafür unterbewertet. Aus eigener Erfahrung kann ich aber sagen, dass man Lesen, Schreiben, Rechnen und noch einiges mehr durchaus auch zuhause lehren und lernen kann, das Sozialleben einer Schule aber durch nichts zu ersetzen ist. Dazu kommt, dass es bei einer ADHS-Reha oft um die Grundlagen des Lernens geht, ohne die man früher oder später auch mit dem Unterrichtsstoff noch größere Probleme bekommt.

Die Kompetenz der Klinik ist natürlich eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg einer Reha. Man kann eine Reha in seiner persönlichen Wunsch-Klinik beantragen oder die Ärzte können mit ihrem Überblick über Kliniken und die speziellen Probleme des Kindes eine Klinik vorschlagen oder mehrere. Wenn man die Wahl der Klinik der Versicherung überlässt, ist aber eher mit einer Zusage zu rechnen und vor allem früher mit einem freien Termin.

Die Befürchtung, dass man dabei nur Restplätze zugeteilt bekäme, die aus gutem Grund sonst keiner wollte, hat sich bei uns nicht bestätigt. Aus dem oben erwähnten Motiv will die Versicherung das Geld für eine Reha (ist echt nicht billig) nicht aus dem Fenster werfen, sondern ist an einer erfolgreichen Reha interessiert. Beim ersten Mal hätten wir die Klinik nie gewählt, die man für uns herausgesucht hat. Nachdem die aber so geholfen hatte, war beim zweiten Mal klar, wo wir wieder hin wollen. Dann waren es aber auch überzeugende, auf objektiven Fakten beruhende Argumente, dass das Kind die Klinik schon kannte und die Klinik das Kind, sodass das dann auch wieder klappte, sobald dort ein Platz frei war.

Es gibt auch bekannte Kliniken mit einem sehr guten Ruf, die in den höchsten Tönen gelobt werden, wo ganz viele hin wollen ... und doch nicht wenige enttäuscht werden. Ich wäre deshalb GANZ vorsichtig, eine bestimmte Klinik zu empfehlen. Denn wie hilfreich der Aufenthalt wird, hängt auch von einigem ab, das man nicht vorhersehen kann.

Fangen wir mit dem Termin an. Es ist realtiv aussichtslos, gleichzeitig eine Wunschklinik und einen Wunschtermin vorzugeben. Wenn diese Klinik voll ist, dann ist sie voll, da wird man selbst für einen "Notfall" keine anderen Patienten rausschmeißen können, die schon einen Rehaplatz haben. Der Termin könnte aber sich aber auch mal mit der Ferienzeit überschneiden, oder mit der Ferienzeit des Bundeslandes, in dem die Klinik steht (dann hat die Klinikschule Ferien).

So eine Klinik kann von Saison zu Saison ganz unterschiedlich mit Personal ausgestattet sein. Und die Therapeuten (relativ variabel) sind nunmal viel wichtiger als die konstanteren Klinikgebäude, -leitung und -verwaltung. Woran man seltener denkt, ist dass auch die lieben Mitpatienten und Miteltern einen erheblichen Einfluss darauf haben, wie die Reha erlebt wird. Die kann man sich nicht aussuchen. Das kann mal ein tolles Team sein, ein paar Miesepeter zu viel können die Stimmung aber auch kippen. Und manchmal erlebt man dort auch Eltern, die starke Zweifel an der ADHS-Diagnose ihre Kinder aufkommen lassen.

Ob die Erwartungen an so eine Reha enttäuscht werden, hängt auch stark von den Erwartungen ab. Wer hier einen Wellness-Urlaub sieht, MUSS enttäuscht werden. Reha ist harte Arbeit. Dazu kommt, dass in einer real existierenden Klinik nicht alles nach Plan läuft. Da fallen auch mal Termine aus, oder es geht ein Magen-Darm-Virus rum, oder es sind Bauarbeiten im Gange, erkranktes Personal fällt aus,... Einzelne ADHS-Reha-Kliniken scheinen manchmal sogar selbst ADHS zu haben, so unorganisiert, verpeilt, vergesslich oder hyperaktiv sie arbeiten. Das nimmt man ggf. besser mit Humor.

Zu den positiven Nebeneffekten einer Reha gehört auch, dass sie einer kriselnden Beziehung zwischen Schule und Schüler eine Verschnaufpause gönnen kann. Das macht natürlich keinen Sinn, wenn in dieser Beziehung wie frisch verliebt nichts kriselt. Und es macht SEHR viel Sinn, wenn es sich ansonsten in Richtung Schulausschluss entwickeln könnte. Eine Reha ist eben auch eine Maßnahme, die Hoffnung auf Besserung bringt und damit Kraft, sich weiter zusammenzuraufen. Die Hoffnung ist durchaus berechtigt, solange sie nicht zu der Erwartung überhöht wird, das rehabilitparierte Kind müsse nach der Reha "funktionieren", und zwar als Selbstläufer.

Dass dazu das Kind für eine Weile aus dem gewohnten Umfeld herausgenommen wird, ist durchaus beabsichtigt. Als Begleitperson bist du nicht der Teil Umwelt, von dem das Kind vorübergehend entlastet wird, aber z.B. die Schule, mit der das Kind momentan ggf. überfordert ist, ist es.

Das mit dem "Rausreißen" finde ich nicht so wild, nach 6 Wochen ist das Kind auch kein "Neuer" wie bei einem Schul- oder Klassenwechsel, sondern ein alter Bekannter, der eine neue Chance hat

LG
Steffchen
Zuletzt geändert von No User am 15. Oktober 2014 10:03, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Wann ist eine Reha fürs Kind wirklich sinnvoll?

Beitragvon Malefica » 15. Oktober 2014 15:19

vielen Dank mal wieder für deine ausführliche Antwort Steffchen.

vor zwei Jahren war ich in Mutter-Kind-Kur mit meinem Sohn und auch das war nicht gerade entspannend, eher im Gegenteil. Eine Woche von den 3 Wochen war mein Sohn krank und wir mussten uns so gut wie ausschliesslich auf dem Zimmer aufhalten...das war sehr anstrengend. Da mache ich mir also glaube ich keine Illusionen.

Wenn ich das so lese denke ich, besteht bei uns momentan eher keine Notwendigkeit und es wäre wohl klüger erstmal abzuwarten wie es sich weiterentwickelt.

Kann man denn in etwa sagen wie viel Zeit normalerweise vergeht zwischen Beantragung (falls es genehmigt wird) und Beginn einer Reha?

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