Was ist los? (Unsicherheit)

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undjetzterst
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Was ist los? (Unsicherheit)

Beitrag von undjetzterst » 19. Oktober 2016 17:41

Hallo ihr lieben,

wie schön dass es einfach mal ein Forum zum Thema ADS gibt! Ich schreib hier mal meinen ersten Beitrag :)
Ich hoffe in erster Linie auf Tipps, bin auch gerne bereit selber welche zu geben (v.a. zu Achtsamkeitsmeditation/MBSR).

Mir gehts eigentlich total gut, habe gerade mit einem sehr interessanten Studium begonnen und bin in ein mega schönes Wohnprojekt gezogen, ich mag die Leute und was ich mache und bin optimistisch wie immer...
Das ist irgendwie verwirrend: Alles gut soweit und ich bin trotzdem permanent am Gedankenkreisen. Ich frage mich: Was ist mit mir (auf neurologischer Ebene) los? Ist das wirklich ADS? Kann ich das handeln ohne Medikamente? Wo soll ich mir Rat suchen? Gibt es einen Namen dafür? Vielleicht hat jemand von euch ähnliche Erfahrungen.

Zu Frage 2: Ich hab als Kind die Diagnose bekommen - jetzt bin ich aber eigentlich immer wunderbar konzentriert. Nur etwas unordentlich und verplant und arbeite grundsätzlich ineffizient. Stört aber nicht so sehr.
Was mich mehr belastet ist dass ich seit ich denken kann immer mehr oder weniger Angst habe wenn ich mit anderen Menschen zusammen bin, auch wenn sie mir vertraut sind - es ist keine starke, aber eine unterschwellige und permanente Angst/Unsicherheit. Das Gefühl von Angst kommt beim Aufwachen (ohaa die Realität!) und ist mal mehr, mal weniger präsent. Manchmal kommt sie in einer Riesenwelle über mich - ein großes Chaos. Ich bin total überfragt was das ist.
Keine Angst habe ich wenn ich wild herumtanze oder mit anderen kuscheln darf :) Dann fühle ich mich wie ich selbst... aktiv statt passiv. Leider viel zu selten.
Ich fühle mich oft nicht zugehörig, nicht verbunden mit meinen Mitmenschen und wäre meinen Freunden gerne so nah wie andere. Ich spüre viel Zuneigung zu anderen und würde sie gerne besser vermitteln - es ist als wäre da eine unsichtbare Mauer. Und das seit ich denken kann, ich hab keine Lust mehr darauf! (Passt das überhaupt zu ADS?)
Jo, ich mach schon eine Verhaltenstherapie die auch ganz gut hilft aber meine Probleme sind denke ich größtenteils genetisch statt durch erlerntes Verhalten bedingt (weil sich die "spezielle Wahrnehmung" seit 4 Generationen in der Familie zeigt und ich an sich keine schlimmen Erlebnisse hatte). Wer weiß, vielleicht hilft da nur eine veränderte Neurotransmitter-balance? Ich bin mir gerade echt unsicher in welche Richtung ich gehen soll und will einfach nur wissen was los ist.


Okay, hoffe das war nicht zu viel Text und einigermaßen verständlich.
Danke schonmal für eure Antworten !
Falschparker
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Re: Was ist los? (Unsicherheit)

Beitrag von Falschparker » 19. Oktober 2016 23:07

Ich hab als Kind die Diagnose bekommen - jetzt bin ich aber eigentlich immer wunderbar konzentriert. Nur etwas unordentlich und verplant und arbeite grundsätzlich ineffizient.
Hallo undjetzterst,

ADS ist nicht einfach Unkonzentriertheit. Lies dich mal etwas in das Thema ein. Bei Themen, die dich packen, kannst du dich konzentrieren- das kann aber auch jeder andere AD(H)S-ler. Aber eben leider nicht bei langweiligeren Themen.
Alles gut soweit und ich bin trotzdem permanent am Gedankenkreisen. Ich frage mich: Was ist mit mir (auf neurologischer Ebene) los? Ist das wirklich ADS? Kann ich das handeln ohne Medikamente? Wo soll ich mir Rat suchen? Gibt es einen Namen dafür? Vielleicht hat jemand von euch ähnliche Erfahrungen.
Ich würde sagen, fast jeder von uns hat ähnliche Erfahrungen. Warum solltest du es ohne Medikamente händeln? Medikamente sind im Allgemeinen der effektivste Teil einer AD(H)S-Behandlung. Mach dir das Leben doch nicht absichtlich schwer.
Jo, ich mach schon eine Verhaltenstherapie die auch ganz gut hilft aber meine Probleme sind denke ich größtenteils genetisch statt durch erlerntes Verhalten bedingt (weil sich die "spezielle Wahrnehmung" seit 4 Generationen in der Familie zeigt und ich an sich keine schlimmen Erlebnisse hatte). Wer weiß, vielleicht hilft da nur eine veränderte Neurotransmitter-balance? Ich bin mir gerade echt unsicher in welche Richtung ich gehen soll und will einfach nur wissen was los ist.
Du solltest das eine tun- und das andere nicht lassen. Eine Verhaltenstherapie kann häufig erst richtig wirken in Verbindung mit Medikamenten. Und die sind auch der einzige Weg, die Neurotransmitter-Balance kurzfristig zu ändern.

Wenn sie sich so stark vererbt, ist die "spezielle Wahrnehmung" höchstwahrscheinlich Symptom einer AD(H)S.

Wie lange liegen deine Erfahrung mit ADHS-Medikamenten (und welchen) zurück und wie waren die?

Viele Grüße und herzlich willkommen
Falschparker
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Re: Was ist los? (Unsicherheit)

Beitrag von jenjala » 20. Oktober 2016 19:03

Hallo undjetzterst,

als ich deinen Betrag gelesen habe, habe ich kurz überlegt ob ich ihn vielleicht geschrieben habe und es nur vergessen habe.


Das mit den Gedankenreisen kommt mir allzu bekannt vor. In meiner Jugend bin ich sehr oft und auch sehr lange in Gedankenreisen verschwunden. Ich hab es aber nie für besonders schlimm erachtet, obwohl ich nicht wusste ob das noch normal ist oder ob ich dringend Hilfe brauche. Mir war vor allem eines wichtig: Die Gedankenreisen durften auf keinen Fall mein Leben in der Realität beeinflussen. Sie haben mich zwar oft vom Lernen oder Hausaufgaben abgelenkt, aber deswegen durften nicht meine Noten darunter leiden. Das war nicht immer leicht und ich bin deswegen manchmal auch verzweifelt gewesen. Aber ich habe gelernt (ohne Medikamente) die Gedankenreisen zu akzeptieren und sie zu meiner Persönlichkeit zu zählen, auch wenn sie manchmal auch echt lästig sind. Ich habe auch gelernt sie zu kontrollieren, nur dann in Gedankenreisen zu verschwinden, wenn ich es möchte und wenn ich dazu die Zeit habe.
Momentan habe ich im Alltag weniger Zeit dazu und so habe ich sie auch weniger, bis gar nicht, gerade Mal nur wenn ich im Urlaub bin. Wenn ich dann aber doch mal dabei bin in eine Gedankenreise zu verschwinden, ohne es zu wollen, beschäftige ich mich mit einer anderen Realität, also mit der echten indem ich zum Beispiel Nachrichten und Artikel lese, die mich interessieren oder indem ich ein Buch lese oder mich auch irgendwie anders beschäftige. Hauptsache ich interessiere mich dafür.


Angst ist in meinem Leben ein großes Problem gewesen. Angst vor fremden Menschen, neuen Situationen, nicht akzeptiert zu werden, nicht den Erwartungen zu entsprechen, etwas falsches zu sagen oder zu tun, jemanden zu stören, verärgern, langweilen, im Weg zu sein… Deswegen hatte ich auch kein Selbstbewusstsein und eine permanente Unsicherheit. Was mir den Alltag erschwert hat, es war immer schwer Freunde zu gewinnen, das hat immer ewig gedauert. Aber mir war es nicht wichtig viele Freunde zu haben, sondern zumindest eine beste Freundin, mit der ich Ich selbst sein kann, die mich so akzeptiert wie ich bin und ich ihr auch meine Zuneigung zeigen kann. Aber ich habe gelernt, dass das seine Zeit brauch, dass man geduldig mit sich selbst, mutig und selbstbewusst sein muss. Ich habe auch gemerkt, dass ich in ganzen Gruppen nicht so den Anschluss finde, wenn ich aber mit einer Person anfange mich anzufreunden und mir jede Person einzeln „vornehme“, dann klappt es besser sich in eine Gruppe zu integrieren.
Und noch ein kleiner Tipp von mir, den du mal ausprobieren kannst, wenn du zu jemandem eine bessere Beziehung aufbauen willst, bitte die Person um Hilfe. Es kann schon was kleines sein und darauf kann man dann aufbauen.


Das sind meine Wege um mit meinem ADS, Gedanken und Ängsten ohne Medikamente umzugehen. Wie das mit ist, kann ich dir nicht sagen und da ich dich auch nicht kenne, weiß ich auch nicht wie schlimm das alles ist und was für dich besser wäre. Ich wollte damit nur sagen, mir ging es genauso und ich habe gelernt damit zu leben. Ich hoffe du findest deinen Weg.

Gruß jenjala
Eule
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Re: Was ist los? (Unsicherheit)

Beitrag von Eule » 20. Oktober 2016 23:51

Ich glaube hier geraten gerade zwei Sachen durcheinander.

Gedankenkreisen, wie es undjetzterst schildert, klingt eher negativ - zumindest ich verstehe darunter sowas wie herumgrübeln, stundenlanges waswärewenn, wiegeheichdamitum - im Kreis denken, sowas begünstigt Ängste, man malt sich teilweise immer schlimmere Dinge aus, die die eigene Handlung oder Nichthandlung nach sich ziehen könnte, Und je länger man rumgrübelt, desto schlechter wird die Stimmung, desto unruhiger wird man innerlich, man steigert sich gedanklich rein, kann aber gleichzeitig trotzdem nicht den "cut" machen und das Grübeln abbrechen, und beispielsweise anfangen die Wohnung zu putzen und gleichzeitig überlegen was man noch im Supermarkt holen muss, oder vielleicht Musik oder ein Hörbuch laufen lassen, um durch die anderen, "harmlosen" Reize und Aufgaben das Hirn zu zwingen sich endlich mit was anderem zu beschäftigen.

Gedankenreisen ist ein Wort das ich eher für "Phantasiereisen" , "Urlaubserinnerungen als innerer Film" verwenden würde - also eine "Realitätsflucht" in eine angenehmere Welt als die mit der man sich eigentlich auseinandersetzen *müsste*. Die können durchaus hilfreich und positiv sein - vorausgesetzt man schafft es, sie so weit zu kontrollieren, dass man nicht dauernd erst Stunden später merkt, dass man weggeträumt ist, und dass man nun zu irgendeinem Termin irgendwas nicht mehr rechtzeitig fertig kriegt, oder dass man schon seit einer halben stunde irgendwohin unterwegs sein müsste. Denn sich zur richtigen Zeit einen solchen geistigen "Mini-Urlaub" zum entspannen, für eine erholsame Pause etc zu verschaffen, ist ja auch eine Sache, die helfen kann, eine Herausforderung zu bewältigen, zur Ruhe zu kommen etc.

Ganz klar, beides sind Dinge die typisch bei ADHS sind - weil es ADHSlern entgegenkommt in Bildern zu denken, und gerade emotional stark berührende Bilder haben richtig "Zugkraft" - dummerweise allerdings starke negative Bilder ebenso wie starke positive Bilder. Und die Kombination Angst, Selbstunsicherheit, Phantasie, Ratlosigkeit, vielleicht auch noch Misserfolgserfahrung in ähnlichen Situationen führt leicht dazu, dass ein ADHSler in der gedanklichen Negativspirale landet, und darin bis zur völligen Handlungsunfähigkeit, nicht schlafen können, weder geistig noch körperlich zur Ruhe kommen, depressiv werden festklebt.

@undjetzterst

wer oder was bestimmt eigentlich, ob du herumtanzen darfst? Wenn dir das gut tut, solltest du das doch jederzeit dürfen? Naja... vielleicht nicht grad mitten in einer Vorlesung. AberwWenn du allein zuhause bist, und dir dabei nicht komisch vorkommst, probier doch mal, ob Lieblingsmusik auflegen und alleine wild tanzen dir hilft aus dem Gedankenkreisen raus zu kommen.

Was unordentlich, verplant, ineffizient arbeiten betrifft: Da schrillen mir grad alle Alarmglocken. Ich hatte solange ich zuhause wohnte Eltern, die ein gewisses Maß an Ordnung in meinem Zimmer einforderten, die Struktur gaben, die dafür sorgten dass Wasser, Saft, Limo, Bier und ein gefüllter Kühlschrank vorhanden war, es gab einen gemeinsamen Wäschekorb, und irgendwer schaute dass da regelmäßig eine Ladung Wäsche angestellt wurde, und auch wenn ich dann das Zeug für alle aufhängen, abkängen, bügeln musste, beim Kartoffelschälen helfen oder die Spülmaschine ein-und ausräumen - ich musste nicht entscheiden dass diese Aufgabe jetzt dran ist, oder mir überlegen was es am Sonntag zum Essen geben sollte, und was dafür wo gekauft werden müsste. Mein einziger Job war also, dass ich mich zuerst auf meine Schul-, danach auf meine Berufsausbildung konzentrieren musste, und nebenbei auf Anweisung irgendwelche Hilfsarbeiten im Haushalt erledigen. Mit dem Moment wo ich selber schauen musste, dass ich die Kleidung für die Arbeit rechtzeitig gewaschen und gebügelt wieder verfügbar hatte, den Lebensmittelnachschub organisieren, an meinen Mülltonnenrausstelldienst einmal monatlich denken musste und ähnliches Zeug, hatte ich plötzlich viel mehr Aufgaben die ich planen, bedenken, organisieren musste an der Backe - und weil das alles neu und ungewohnt war, war es anstrengend, ich habe manches Mal irgendwas vergessen einzukaufen das ich dann sauteuer in der Tankstelle oder im Kiosk besorgen musste, mal waren Hygieneartikel von Tampons bis Haarshampoo ausgerechnet am Wochenende ausgegangen, mal hatte ich weil ich es falsch im Kopf hatte nochmals Joghurt gekauft obwohl der Kühlschrank davon schon überquoll und ich eigentlich Schmand gebraucht hätte - ich habe gerade in dieser Anfangszeit viel Geld durch planloses Einkaufen verbraten, was dann natürlich an anderer Stelle fehlte. Dann stand Zeug herum, das nicht mehr in den dafür gedachten Schrank passte (ich war spitze darin sperriges Zeug wie Küchenrollen oder Klopapier doppelt zu kaufen, hatte aber eine winzige Bude), irgendwo wurde ein Haufen Zeug zwischengelagert, der dann mit anderen Haufen Rudel und ganze Gebirge bildete, beispielsweise mit Kleidung, die wegzuräumen ich nervig fand weil die Schranktüren wo das hingehörte blockiert waren, irgendwelche Werbung wurde auch noch im Vorbeigehen auf die Ablagefläche geschmissen - und nach 5 Tagen stand ich vor einer Chaosbude, die aufzuräumen mich reichlich Nerven und das halbe Wochenende kostete.

Will sagen: Verplant, unordentlich sein, ineffizient arbeiten kann man sich teilweise solange man noch zuhause lebt "leisten", weil einem da noch einiges abgenommen wird. Also nimmt man das auch nicht als Problem wahr, sondern betrachtet es bestenfalls als etwas das einem gelegentlich nervige oder peinliche Momente beschert. Mit dem Moment wo man dann nach dem Auszug zuhause die komplette Organisation für die ganz normalen Lebensdinge auch noch am Hals hat, wird der Stress größer, was bedeuten kann, dass man entweder sich in seinem Zuhause nicht so recht wohlfühlt, weil es unordentlich und ungemütlich ist, oder dass man soviel Energie darauf verbrät das so hinzukriegen wie man es haben möchte, dass einem die Energie auch im Beruf, Studium, Ausbildung noch das auf die Reihe zu kriegen was da nötig ist fehlt.

Es muss nicht so passieren - aber es kann. Eine Wohnung die dauernd nervt, weil man sich darin nicht wohlfühlt, weil man *schon wieder* putzen muss, oder gar viel Zeit damit verliert Dinge zu suchen die man in der Unordnung verlegt hat, das verursacht Stress, miese Stimmung, schlechtes Gewissen, das Gefühl unfähig, disziplinlos zu sein - und das hat Rückwirkungen/Auswirkungen auf das gesamte Leben, Leistungsvermögen, Wohlbefinden, wenn es zum Dauerzustand wird.

Insofern denke ich, es könnte für dich wichtig sein, darauf zu achten, ob die gesammelten scheinbar nicht schlimmen kleinen Verpeiltheiten wirklich nicht stören, oder ob sie zu einer Verunsicherung oder gar seelischer Destabilisierung beitragen. sollte es so sein, wäre sowohl ein GEspräch über das Thema im rahmen der Verhaltenstherapie eine schlaue Idee, und womöglich auch die Frage nach Medikamenten, die beim dranbleiben und beim bändigen on Chaos und schlechter Selbstorganisation durchaus helfen können eine Idee. Wenn dich der "Alltagskram" weniger beansprucht, hast du auch mehr Kraft für die anderen Dinge die dir am herzen liegen übrig.

Was diese emotionale Geschichte mit der unsichtbaren Mauer betrifft: Es klingt ein bisschen nach traumatischer Erfahrung - und offenbar denkst du ja selber schon in die Richtung, ob es da was geben könnte. Es gibt nicht nur die "großen Katastrophen" bei denen jeder sofort sagt "Ja klar, Trauma", sondern auch viel subtilere Dinge, manchmal als "Mikrotraumata" bezeichnet, die solche Reaktionen auslösen können. Ein mögliches Stichwort dabei ist Mobbing. Auch das bei ADHS typische Phänomen, dass man von anderen permanent gesagt bekommt "Du machst aus einer Mücke einen Elefanten", "Deine Gefühlsäußerung ist völlig unangemessen", oder dass man total egoistisch sei, weil man die runtergefallene und kaputtgegangene eigene Lieblingskaffeetasse betrauert als wäre ein Haustier oder gar ein Mensch gestorben, aber ne halbe Stunde später nicht versteht dass eine schlechte Note in einem ihr wichtigen Fach für die beste Freundin eine Katastrophe ist für die sie sich intensiven Zuspruch wünscht, weil man immer noch gedanklich an der Kaffeetasse hängt. Wenn man immer wieder erlebt, dass die eigenen Gefühle und der Umgang damit von anderen als unangemessen und nicht ok wahrgenommen werden, vermeidet man irgendwann die Gefühlsäußerung, weil man nicht schon wieder auf die Mütze kriegen will. Und wenn man das tut, hat man selber das Gefühl den anderen fern zu sein, oder wird gar von den anderen der Arroganz oder Gefühlskälte verdächtigt - obwohl das genaue Gegenteil der Fall ist, aber man keine Ahnung hat, wie man das rüberbringt.
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undjetzterst
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Re: Was ist los? (Unsicherheit)

Beitrag von undjetzterst » 21. Oktober 2016 18:27

Heyho,
wow, ich freu mich voll über so viele Antworten! Ich finde es so verwirrend in einer Gesellschaft zu sich zu finden, in der so viel Uneinigkeit (fast schon ein Glaubenskrieg) besteht bezüglich ADS und anderen "Varianten". Die Verhaltenstherapeutin scheint auch nichts damit anfangen zu können/nicht daran zu glauben und unter anderem deswegen bin ich so am rätseln. (haben die Bücher über ADS in denen ich mich so wiederfinde am Ende unrecht...?) Die Therapie mache ich aber auf jeden Fall weiter.
Also - schön nicht alleine zu sein (und so viel über mich selber schreiben können, was andere auch noch interessiert, wow :))

@Falschparker: Zu deiner Frage bzgl. meinen Erfahrungen mit Medikamenten: ich habe von 7 bis 12 glaube ich 10mg Mph pro Tag genommen (bin jetzt 19) und laut meinen Eltern hat das meine Konzentration und Motivation in der Schule sehr verbessert (ich hab keine leeren Blätter mehr abgegeben und weniger Zeugs vergessen). Aber schüchtern und ängstlich war ich trotzdem, da hätte ich echt noch ne andere Art 'Therapie gebraucht als nur Medikamente. Vor ein paar Monaten habe ich zwei Wochen probeweise Mph in der selben Dosierung genommen (die Reste von damals, zufällig gefunden) um mal zu gucken wie es wirkt (und weil ich nicht weiterwusste). Die meiste Zeit die es wirkte dachte ich schon, wow, wie schön, die U-Bahn-Fahrt wird zum Waldspaziergang (bezüglich Reizflut) und ich habe endlich die Energie mit Leuten zu diskutieren und mit nervigen Kindern zu spielen und fühle mich so schön klar und ruhig... Aber manchmal hatte ich auch den Eindruck es wirkt gar nicht, macht die Emotionale Achterbahnfahrt über die Woche gesehen nicht besser (laut Stimmungsprotokoll) und bringt mich vor allem nicht in dieses Zugehörigkeitsgefühl (naja ist irgendwie auch zuviel erwartet in 2 Wochen). Diese Zeit ist vielleicht auch nicht so representativ, da hat mich keiner betreut und ich hatte keinen richtigen Rhythmus beim Einnehmen und so.
Ich bin mir echt nicht sicher ob ich das nochmal probieren möchte - so wie jetzt möchte ich nicht dass es weitergeht aber ich habe Angst vor diesem "Glaubenskrieg", mich immer rechtfertigen zu müssen weil ich Medikamente nehme... und vielleicht schaffe ich es ohne. Andererseits, ich hab echt Sehnsucht nach einer "Substanz die alles gut macht" und da will ich nicht irgendwann zur falschen greifen und von irgendwas abhängig werden (das sind so die Gedanken dabei).

@jenjala: Wow krass dass es bei dir genauso war! Du kennst wahrscheinlich auch die positiven Seiten der Gedankenreisen? Kommen dir dabei auch manchmal so lustige Erkenntnisse über die Welt? Oder surreale Verknüpfungen von Dingen auf die kein anderer kommt?
Ich wäre am liebsten viel mehr "auf Reisen" und hab aber Angst/fühle mich unter Druck, dass ich irgendwas verpasse oder vergesse wenn ich mich treiben lasse... die Realität zerrt mit eisernen Fingern an mir. Cool dass du das so kontrollieren kannst.
"Permanente Unsicherheit", das trifft es. Irgendwie, weil ich so gerne dazugehören will bin ich meistens am Überkompensieren und quatsche fast jeden Menschen in einer Gruppe an. Aber du hast schon recht, bei Freunschaften zählt mehr Qualität als Quantität (meintest du das?). Besser wenige, dafür authentische Beziehungen als viele, die sich oberflächlich anfühlen. So viel Nähe und Offenheit ist eine schöne Vorstellung, ich merke wie viel Sehnsucht ich danach habe. Ich glaube aber dass ich das lernen werde.

@Eule: Hmm, das wurde falsch verstanden, aber egal, beides wie du sagst sehr typisch! Gedankenkreisen, genau, das ist dieses Ewige Grübeln und Eingenommensein von einer Frage, einem Thema. Es lässt sich leider kaum abstellen, weder im Gespräch noch beim Meditieren oder so. Naja es geht auch irgendwann wieder weg... und kommt wieder... und geht wieder...
Oh ja beim Ordnung halten und Haushalt und so hatte ich ähnliche Erfahrungen. Es ist so schön wenn die Eltern das planerische im Haushalt übernehmen und man selber einfach nur kleine festgelegte Aufgaben hat.
Vor einem Monat bin ich in ein Wohnprojekt mit 10 Leuten gezogen und ich habe kein eigenes Zimmer sondern ein Bett im gemeinsamen Schlafzimmer, das sich 6 Leute teilen. Ich besitze so wenig Kram wie möglich, da verteilt er sich nicht ganz so schnell. Außerdem haben wir einen Putzplan mit festgelegten Verantwortlichkeiten (jeder für ein, zwei Zimmer). Das ist schön übersichtlich. Aber klar, da ist trotzdem, gerade wenn ich mit so vielen Leuten zusammen wohne, auch immer der Druck da an alles zu denken, nichts liegenzulassen. Mal schauen wie das noch so wird, keine ahnung wie stressig das sein kann mit dem Alltagskram und Studium zusammen. Da denke ich wie du, es kann echt soo viel Energie rauben und noch schlimmer, das Selbstwertgefühl (außer man erkennt, was vor sich geht!). Ich habe mich für diese wunderbare WG entschieden weil ich nicht alleine wohnen kann - da bin ich überhaupt nicht motiviert mich um irgendwas zu kümmern, es fehlt die Struktur und ich fühle mich allein - so ist es mehr wie ne Familie, obwohl ich mich hier noch nicht angstfrei bewegen kann und mir zu manchen der Zugang fehlt. Aber es gibt hier immerhin noch mehr Chaoten :)
Was du zu "Mirkotraumata" schreibst klingt auch sehr plausibel, gerade die Erfahrung, die eigenen Gefühle seien nicht angemessen oder solche Sachen. Hm ich hab manchmal das Gefühl die Regeln nach denen Menschen so miteinander leben nicht richtig zu verstehen aber letztendlich, was soll's? Lieber etwas merkwürdig rüberkommen als voller Angst sein und lieber mutig als nur an anderen orientiert...
Mir fällt es irgendwie mega schwer mich an früher zu erinnern, das macht die Therapie manchmal etwas anstrengend. Es kann gut sein dass sich kleine schlechte Erfahrungen zu dieser Unsicherheit summiert haben. Andererseits war ich im Kindergarten schon ängstlich und zurückgezogen. Hmm aber man wird ja nicht ängstlich geboren oder? Oder verstehe ich wirklich etwas in der menschlichen Kommunikation nicht? Da komm ich gerade nicht weiter.

Oh man so viel Ratlosigkeit, ich denke immer ich sollte etwas positives schreiben damit es nicht zu deprimierend wird sich durch das Forum zu blättern. Manchmal denke ich dass ADS sogar etwas ganz Schönes sein kann und nur die Gesellschaft und ihre Erwartungen nicht dazu passen - habt ihr MOMO von Michael Ende gelesen? Ich fühle mich ein bisschen wie sie.

LG undjetzterst
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Re: Was ist los? (Unsicherheit)

Beitrag von Falschparker » 22. Oktober 2016 17:41

Hallo undjetzterst,

niemand verlangt von dir innerhalb kürzester Zeit zum Experten zu werden und den "Glaubenskrieg" argumentativ zu führen. Du musst herausfinden was für dich richtig ist.

Und welche Medikamente du nimmst ist auch deine Sache, von daher zwingt dich niemand dich rechtfertigen zu müssen. Es ist daher gut den Kreis der Mitwisser klein zu halten, so wie man auch nicht herumerzählt etwas gegen erektile Disfunktion zu nehmen beispielsweise.

Wenn du damals 10 mg Methylphenidat pro Tag genommen hattest, vermutlich unretardiert, dann wirkten die 3 bis allerhöchstens 4 Stunden. Es ist außerdem die Frage ob die Dosis individuell angepasst wurde. Um effektiv gegen Schüchternheit und Ängstlichkeit zu wirken bzw. heute eine emotionale Achterbahnfahrt zu verhindern sollte der Tag größtenteils abgedeckt sein und das in der genau richtigen Dosis, ansonsten wird die Achterbahnfahrt eher größer. Und du sagst ja selbst, da hättest du als Kind (jezt hast du die ja) noch eine andere, nicht medikamentöse Therapie dazu gebraucht.

Wobei das
Die meiste Zeit die es wirkte dachte ich schon, wow, wie schön, die U-Bahn-Fahrt wird zum Waldspaziergang (bezüglich Reizflut) und ich habe endlich die Energie mit Leuten zu diskutieren und mit nervigen Kindern zu spielen und fühle mich so schön klar und ruhig...
für einen Test mit zufälliger Dosis eigentlich schon beeindruckend ist. Ich rate von solchen Tests eher ab, u. a. weil es eben eine Enttäuschung sein kann und dann von einem "ernsthaften" Versuch mit ärztlicher Anleitung (der vermutlich positiver verläuft) abhält.
... und vielleicht schaffe ich es ohne.
Bewusster Verzicht ist manchmal hoch angesehen. Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Das ist durchaus sinnvoll, z. B. wenn man die Treppe statt den Fahrstuhl nimmt, um in den 3. Stock zu gelangen. Keine Jacke zu anzuziehen bei sehr kalten Temperaturen ist schon weit sinnloser, und keine Brille zu tragen wenn man eine bräuchte ziemlich dumm.

Ich will damit sagen: Etwas "ohne" etwas zu schaffen, ist kein Wert an sich. Manchmal schont es die Umwelt und manchmal das Einkommen, aber man ist deswegen nicht besser.
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Re: Was ist los? (Unsicherheit)

Beitrag von Maya18Max » 22. Oktober 2016 20:44

Hallo,

von mir auch noch ein "nachträgliches" Willkommen.
undjetzterst hat geschrieben: Manchmal denke ich dass ADS sogar etwas ganz Schönes sein kann und nur die Gesellschaft und ihre Erwartungen nicht dazu passen
Das ist ein schöner Satz von dir! Du hast Recht. Für mich war es auch lange sehr verwirrend, denn ich musste zuerst feststellen, dass mein Sohn diese "Besonderheit" hat. Eine Schulungsleiterin hat nie von Krankheit gesprochen und ich finde, sie hat mittlerweile Recht (mit Einschränkungen natürlich, weil du brauchst ggf. Medikamente und musst regelmäßig zum Arzt usw.). Bei jedem weiteren darüber Lesen habe ich festgestellt, dass mein Mann auch betroffen ist. Zu guter Letzt, sind wir alle so Besonders in unserer Familie. Das war ein großer Schock, aber ich finde auch eine sehr große Chance. Wir haben das wissen und wir wissen jetzt woran es hakt. Im Alltag, in der Schule, im Job, bei der Reizüberflutung, in der Organisation, in der Verpeiltheit, im Zwischenmenschlichen usw.
undjetzterst hat geschrieben:Ich bin mir echt nicht sicher ob ich das nochmal probieren möchte - so wie jetzt möchte ich nicht dass es weitergeht aber ich habe Angst vor diesem "Glaubenskrieg", mich immer rechtfertigen zu müssen weil ich Medikamente nehme... und vielleicht schaffe ich es ohne. Andererseits, ich hab echt Sehnsucht nach einer "Substanz die alles gut macht" und da will ich nicht irgendwann zur falschen greifen und von irgendwas abhängig werden (das sind so die Gedanken dabei).
Auch Medikamente sind eine große Chance für uns, unseren Alltag noch besser zu meistern. Seit ich die Medikamente nehme fühle ich mich, so wie du, nicht mehr so Reizüberflutet. Der Alltag im (Großraum-)Büro ist erträglicher. Ich falle abends nicht einfach sofort ins Bett, sondern kann mir tatsächlich noch was vornehmen oder reagiere nicht so schnell über, wenn Sohn oder Mann mal "austicken".

Du musst es auch nicht "ohne" schaffen. Warum sollst du dir es nicht "einfacher" machen?! Die Vergleiche von Falschparker treffen es vollkommen!

Rechtfertigen gegenüber anderen musst du dich nicht. Schon gar nicht wg. der Medikamente. Es ist deine Entscheidung und dein Leben, und wenn du dich dafür entscheidest und es dir gut tut, dann ist alles in Butter.

Zum Thema abhänigkeit von MPH (ich weiß nicht ob du auch das gemeint hast), kannst du hier mal rein schauen:
viewtopic.php?p=627308#p627308

LG Maya
Eine völlig Chaotische Familie:
Und immer geht es Berg und Tal, wie bei einer Achterbahn :mrgreen:
jenjala
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Re: Was ist los? (Unsicherheit)

Beitrag von jenjala » 23. Oktober 2016 02:26

Oh :huch: hab das k von Gedankenkreisen überlesen. @Eule Danke für den Hinweis.

@undjetzterst
Ja Gedankenreisen, also auch Gedankenkreisen können durchaus positiv sein. Ich bin durch Gedanken(k)reisen schon zu manchen wichtigten Lebenserkenntnissen gekommen. Und beides kann manchmal auch helfen um abzuschalten und um sich zu erholen. Deswegen sehe ich das auch als ein Vorteil von AD(H)S, auch wenn es gleichzeitig ein Nachteil sein kann. Was ich auch schon gemacht habe ist, ich weiß es klingt komisch, ich hab mir einen Wecker gestellt und bin dann nach dem klingeln wieder zur Realität zurückgekehrt. Und ja dabei sind wirklich schon skurrile Sachen rausgekommen. Manches hoch philosophisch und manches total absurdes. Es hat mich schon zum Lachen gebracht, aber auch schon zum Weinen. Das ist dann Leider doch der Nachteil. Manchmal erkennt man doch, dass die Welt grausam und ungerecht ist oder dass deine Hauptfigur in deiner Phantasiereise sterben muss.

Zu Freundschaft. Ja das trifft es, ich finde Qualität wesentlich wichtiger als Quantität, vor allem für ein AD(H)Sler, der dann seine Gefühle besser auf ein paar wenige Personen „bündeln“ kann. (Ist nicht ideal, aber mir fällt gerade kein besseres Wort ein).

Ich fand dein Vergleich mit Momo sehr schön und ich kenne das, aber der Unterschied zu Momo ist, dass du nicht alleine als Momo bist, sonders es ganz viele Momos gibt, die genau wissen wie das ist. Allein dieses Forum, wie viele Mitglieder das hat, die entweder selbst AD(H)S haben oder jemanden kennen, der das hat oder sich zumindest dafür interessieren. Und im Grunde sind wir eine Gesellschaft. Und vielleicht sind dann in unserer AD(H)S-Gesellschaft die Normalos die Momos. Ich persönlich habe auch ein paar Freunde, die AD(H)S haben und wenn ich mich mit ihnen unterhalte, sind wir die Normalos und alle anderen unnormal. Und es ist doch irgendwie cool, eine eigene kleine Gesellschaft für die eigene Macke zu haben. :D

Gruß jenjala
Eule
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Re: Was ist los? (Unsicherheit)

Beitrag von Eule » 23. Oktober 2016 10:49

@undjetzterst

Ich kann nicht sagen dass ich es immer angenehm gefunden habe dass meine Eltern vieles organisiert, koordiniert, strukturiert haben, solange ich zuhause wohnte. Irgendwie kamen sie unerfreulich oft genau dann wenn ich was anderes tun wollte/musste mit irgendwelchen Arbeitsaufträgen daher - und außer Schulterminen oder Hausaufgaben gab es so gut wie keinen akzeptablen Grund dass ich jetzt nicht mit dem Rad zu Aldi fahren könnte - da musste ich mehr als einmal nicht nur irgendeine angenehme Aktivität wie Musikhören oder lesen zuhause abbrechen, sondern manchmal auch einer Freundin mit der ich verabredet war mitteilen dass ich später kommen würde oder dass ich früher als ich mir das gedacht hatte bei ihr wieder weg müsste, um den Einkauf auf dem Heimweg zu erledigen. Und es hat natürlich genervt, einfach so von jetzt auf gleich verfügbar sein zu müssen.

Vor allem weil ich damals weder so recht verstanden habe was da alles geplant wurde und nach irgendwelchen Regeln ablief - es lief einfach. Weil ich mich nicht darum kümmern musste, bemerkte ich an vielen Stellen gar nicht dass es Dinge gab, die von irgendwem in der Familie einen gewissen Aufwand an "Hirnschmalz" verlangten, um laufen zu können. Erst viele Jahre später, als ich immer mehr mit meinem eigenen Haushalt kämpfte und immer deutlicher merkte wie schwer es war Strukturen zu etablieren und zu halten, fielen mir im Rückblick Kleinigkeiten auf, wie der große Planer fürs ganze Jahr in der Küche, in dem in regelmäßigem Abstand auch sowas wie "Betten" (für Bettwäsche wechseln) drinstand oder sofort nach der Bekanntgabe die Sperrmülltermine eingetragen wurden, neben so "Kleinigkeiten" wie Schulferien, Klassenfahrten, Urlaubsdaten unserer Eltern, Arzttermine für uns Kinder, alle Geburtstage die wichtig waren... Dass dieser Kalender nur funktionieren konnte, wenn zum einen klar war, was da rein gehörte, um ihn nicht mit "unwichtigem" zu überfrachten, und zum anderen auch insbesondere meine Mutter (als die Person die das Ding ausfüllte) daran dachte jeden Termin von dem sie erfuhr dort sofort einzutragen, wurde mir erst viel später klar. Selbst die Tatsache dass der Kalender an der Wand neben dem Esstisch hing, so dass alle Familienmitglieder ihn mindestens 2mal täglich bei den Mahlzeiten sahen, und man mehr oder weniger automatisch schaute "Wo sind wir eigentlich, steht da für heute oder die nächsten Tage was drin was mich betrifft?" war für mich so selbstverständlich, dass ich lange gebracht habe, um zu verstehen dass ein Kalender nur funktionieren kann, wenn man irgendwelche Methoden hat, mit denen man dafür sorgt, dass man ihn tatsächlich sowohl zum eintragen als auch zum nachsehen benutzt. Über sowas habe ich mir keine Gedanken gemacht, und für meine Eltern war das so selbstverständlich, dass sie es nicht für nötig hielten es zu erklären.

Daher habe ich bei meinem Auszug aus dem Elternhaus es erst mal als große Befreiung erlebt, dass es nun endlich keinen mehr gab, der mir willkürlich aus dem Nichts irgendwelche Aufgaben und Regeln auferlegte - und natürlich habe ich auch ausprobiert, wie lange eigentlich das Geschirr ausreichte, wenn man keinen Bock oder keine Zeit zum spülen hatte, oder wie hoch man es neben der Spüle auftürmen könnte - und ziemlich auf die harte Tour gelernt, dass es keinen Spaß macht, wenn man den Abwasch eine ganze Woche stehen lässt, so dass die Essensreste entweder eingetrocknet und nur nach ewigem Einweichen ablösbar sind, oder gar sich irgendwelches Leben darauf/darin entwickelt.

Bis ich verstanden hatte, dass ich für mich selber ein System und Regeln brauche, die für mich sinnvoll, einsehbar und logisch sind, um diesen Alltagskram zu bewältigen, und dass ich es eben nicht "irgendwie automatisch" und nebenbei schaffe, weil Frauen dafür von Natur aus ein Auge haben, , hat es verdammt lang gedauert. Und in manchen Bereichen dauert es immer noch, weil es mir schwerfällt, mir selber Regeln zu geben, die ich auch einhalten kann und will.

Ich habe immer alleine gewohnt bzw eine eigene Bude gehabt, auch während längerer Beziehungen war mir mein eigenes Reich extrem wichtig. Ein einziges Mal gab es eine kurze Zeit des Zusammenlebens mit einem Partner, das (jedoch nicht ausschließlich an den Schwierigkeiten des Zusammenlebens) gescheitert ist, und spätestens seitdem weiß ich, wie wichtig für mich eine Rückzugsmöglichkeit ist, wo ich die Tür von innen zu machen kann, und niemand reinkommt, den ich nicht haben will.

Ich könnte mir für mich sowas wie dein Wohnprojekt überhaupt nicht vorstellen. Ich fände es anstrengend, mit so vielen Menschen in einem Raum zu schlafen, die ja sicher nicht alle gleichzeitig ins Bett gehen, so dass ich entweder wenn ich früh ins Bett ginge damit rechnen müsste dass mich einer der später geht durch Licht machen, rumpoltern etc weckt, oder dass ich selber, wenn ich spät ins Bett gehe der "Störer" wäre. Ich lese gelegentlich abends gerne im Bett - aber ich finde Licht von Lampen, den Widerschein von irgendwelchen TV-Bildschirmen egal ob mit oder ohne Ton für mich schlafstörend, wenn es im gleichen Raum stattfindet, und selbst das Bedürfnis das Radio noch leise eine Zeitlang als Gute-Nacht-Musik laufen zu lassen, wie es ein Exfreund gerne machte, ist für mich zwar verständlich aber so störend dass ich dann nicht zur Ruhe komme.

Ich weiß nicht, wie ihr in eurer WG Möglichkeiten geschaffen habt, dass jemand der Zeit für sich alleine braucht, auch tatsächlich einen Raum hat, in dem er ungestört ist, wo niemand reinkommt, und man schon gar nicht angesprochen wird, und vor allem fände ich es wichtig diese Möglichkeit jederzeit von jetzt auf gleich zu haben - ohne etwa erst eine "Reservierung" für den "ichwilljetztalleinesein" - Raum machen zu müssen, oder gar schauen zu müssen, ob dieser Raum genau dann wenn ich eine Auszeit brauche überhaupt verfügbar ist.

Ich erwarte von einem Zuhause (und das sollte dieses Wohnprojekt für dich ja sein) die Möglichkeit, mich dort angstfrei, sicher, stressfrei bewegen und aufhalten zu können. Von Anfang an. Unsicherheiten, Stressfaktoren, anstrengendes Zusammentreffen mit anderen Menschen habe ich "draußen" mehr als genug, sowas brauche ich nicht auch noch in meiner "Ruhezone", in der ich einfach ich sein können und dürfen will.

Was Therapie und Erinnerungen angeht: Ich fand es auch immer schwierig mich an Kindheit etc zu erinnern, und bei manchen Dingen erinnere ich mich erst heute an irgendetwas. Ich glaube auch, dass übermäßiges herumgraben in der Vergangenheit nicht unbedingt bei einer Therapie hilft. Letztlich geht es doch darum, Lösungen zu finden, um mit Dingen die ich heute schwierig finde besser umzugehen, besser klarzukommen. Dafür muss ich aber nicht zwingend wissen, warum diese Dinge für mich schwierig sind. Es reicht, wenn ich sagen kann "An dieser Stelle gibts was das ich verändern möchte, da passiert dasunddas, und ich weiß nicht wie ich darauf reagieren soll, oder ich reagiere auf eine Art die ich selber nicht mag, oder die zu Konflikten mit anderen führt." Manchmal habe ich nach der Entdeckung/Entwicklung einer "Lösung" für das Problem auch nach einiger Zeit des übens mit der neuen Verhaltensweise erst rausgefunden, warum ich zuvor anders handelte - ich glaube dass es manchmal erst mit dem ausprobieren einer vorher unbekannten/undenkbaren Handlungsweise möglich wird, zu verstehen, wie man zu der vorherigen "ungünstigen"/"problematischen"/"falschen" kommen konnte.

Das schwierige am Nichtverstehen von Regeln der "anderen" ist, dass es für diese anderen völlig unverständlich ist, wieso man das was ihnen selbstverständlich und logisch ist eben nicht versteht, oder diese Regeln verletzt, und da steckt natürlich Konfliktpotential drin.

Was Medikamente angeht, kann ich das was falschparker und Maya sagen nur unterstützen - ich sehe das sehr ähnlich, und erlebe es als große Entlastung, dass ich nachdem vor fast 8 Jahren erstmals der Verdacht dass die Erklärung für meine Schwierigkeiten ADHS heißen könnte im Raum stand, und ich, je mehr ich mich darüber informierte immer sicherer wurde "Ja, das ist es", bis ich schließlich vor knapp 4 Jahren nach reichlich nervenzerrenden Wartezeiten und sorgfältiger Abklärung bei diversen Fachärzten dann auch "offiziell" die Diagnose hatte. Ich sehe einen deutlichen Unterschied zwischen dem was ich aus der schon etwas vor dem beginn der Medikation begonnenen Verhaltenstherapie umsetzen kann, und dem, was nach dem gut begleiteten Finden des für mich geeigneten Medikaments samt passender Dosierung und Einnahmerhythmus möglich wurde.

Ich denke es könnte gerade nach deinem wie Falschparker richtig anmerkt erstaunlichen Erfolg mit dem MPH für dich sinnvoll sein, einen erneuten Versuch mit Medis zu machen. Denn das was du schilderst, diese Entlastung bei der Reizüberflutung, ist tatsächlich das was die Medis leisten sollten - die dadurch freiwerdende Kraft, Energie, Aufmerksamkeit auf das zu lenken was dir wichtig ist, ist dann deine Aufgabe, das wird dir dadurch nicht abgenommen, sondern nur erleichtert. Da du gerade erst volljährig geworden bist und noch in einer Ausbildung, könnte vielleicht sogar wenigstens fürs erste eine Behandlung bei dem damaligen Arzt möglich sein, meines Wissens gibt es für Leute bis 25 die noch in Ausbildung sind die Möglichkeit eine Behandlung bei einem Arzt/Psychiater für Kinder und Jugendliche wegen einer chronischen Erkrankung (und ADHS gilt als solche) der sie schon als Minderjährige deswegen behandelt hat fortzusetzen. Und selbst wenn das (z.B. weil du weit weg von zuhause studierst oder es aus anderen Gründen nicht möchtest) für dich keine Option ist, oder der Arzt sagt es ginge nicht weil es ja nicht lückenlos war, wird eine Anfrage bei dem Arzt der dir *damals* die Medis verschrieben hat hilfreich sein, um die Diagnose und die damalige Medikation schriftlich bestätigt zu bekommen und damit bei einem Erwachsenen-Psychiater ohne riesigen Test-Aufwand etc eine erneute Medikamenteneinstellung zu erbitten. Du müsstest also wenn du es nicht möchtest nicht einmal deinen Eltern mitteilen dass du es jetzt doch nochmal mit Medis versuchen möchtest, oder bei ihnen nachfragen ob sie die damalige Diagnose schriftlich haben, sondern könntest selber den damaligen Arzt, sowie gegebenenfalls einen Erwachsenen-Psychiater bei dir vor Ort kontaktieren. Das Forum hat eine Arztsuche, PN mit den ersten 2 bis 3 Ziffern deiner Postleitzahl an jemanden vom Team oder deine Suche posten im entsprechenden Unterbereich, so dass du hoffentlich auch Adressen bekommst von Leuten die sich tatsächlich mit (Erwachsenen-) ADHS und Medikation auskennen, und eine Medi-Einstellung aufgrund ihrer Erfahrung gut begleiten können.

@jenjala

Ich finde das mit dem Wecker überhaupt nicht seltsam, sondern ziemlich clever. Ein bisschen klingt dein Umgang mit den Gedankenreisen ähnlich wie die Techniken die z.B. Michael Harner als Core-Schamanismus bezeichnet. Und solange man auf solche oder ähnliche Art differenziert zwischen "realer Welt" und "anderer Welt", und auch bewusst und beabsichtigt zwischen beiden "Welten" wechseln kann, und auch weiß, wann man das besser lässt, ist es möglich aus diesen Reisen nicht nur Entspannung, sondern auch Erkenntnisse, die zu einer Veränderung oder Entwicklung in der realen Welt führen können mitzunehmen. Auch wenn, wie du ja auch schon festgestellt hast, diese Erkenntnisse nicht immer nur "flauschig" und "bonbonrosa" sind, und manchmal auch das eigene Wünschen, Wollen und Wissen gehörig auf den Kopf stellen.
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Re: Was ist los? (Unsicherheit)

Beitrag von undjetzterst » 23. Oktober 2016 19:52

Heyho,
Boah ganz schön viel Inhalt und Tipps, fühle mich wahrgenommen :)
Ich musste mir gerade erstmal über meine eigenen Gedanken und Einstellungen klar werden - sowas mache ich oft über eine Mind Map. Das funktioniert super, wenn ich vor lauter Eindrücken, Argumenten und Chaos nicht mehr weiß was ich will: Ich schreibe eine Frage in die Mitte und ziehe verbindungen, schreibe einfach spontan alles auf was ich weiß und danach bin ich um vieles klarer!

Jetzt hab ich mir die Frage gestellt: Will ich Medikamente nehmen? Ich bin in letzter Zeit mit meiner Einstellung mal bei ja und mal bei nein gewesen und musste jetzt bei euren Kommentaren nochmal drüber nachdenken.
Das kam heraus: Für die Medikamenteneinnahme spricht der Druck durch das immerwährende Chaos, die Angst (davor dass schlimmes passiert wenn ich wegträume), Energielosigkeit/"in ein Loch fallen", einer leichten Essstörung (Essen zur Beruhigung/Stimulation; das ganze tendiert manchmal zu Bulimie, ist aber besser inzwischen). Außerdem die Sehnsucht danach mich mal mit was anderem als Psychothemen beschäftigen zu können, einfach mal ganz gelöst und sorglos zu sein zwischen anderen, geordnete und stabile Emotionen zu haben.


Auf der Contra-Seite die Frage danach, ob Medikamente die Persönlichkeit verändern können? Ich mag mich ganz gerne, gerade meine "Begabung für das Chaos". Ist diese Angst begründet?
Bei dem Satz @Falschparker:"etwas ohne zu schaffen ist kein Wert an sich" weiß ich noch nicht ganz wie ich dazu stehe. (Vielleicht glaube ich, wenn ich ein Medikament nehme denke ich von mir ich sei unvollkommen ohne es?) Und letztendlich, u.a. von jenjala inspiriert, dieser Gedanke: Ich bin doch gar nicht falsch, die Gesellschaft passt nur nicht zu mir - und warum soll ich mich anpassen? Würde ich in einer Gesellschaft leben, die nicht so Beschleunigt, leistungsorientiert und komplex ist, wäre ich da nicht einfach so glücklich wie als Kind, als meine Träumereien und das langsame, beobachtende Tun noch ihren Raum hatten? Andererseits, da kann ich lange warten bis die Gesellschaft oder meine Umgebung so schön ADS-gerecht wird (es sei denn ich steige aus der Gesellschaft aus und werde Einsiedler oder so).
Was denkt ihr dazu?

Jedenfalls werde ich mich auf die nervige Suche nach einem ADS-erfahrenen Psychiater machen. Ich habe schon zwei Adressen bekommen. Mit neunzehn ist das etwas schwierig, der Erwachsenenpsychiater behandelt erst ab 21 und Kinder/Jugendpsychiater haben wahrscheinlich einen anderen Blick auf das Ganze.
Was mich sooo nervt ist, dass meine Therapeutin nichts mit ADS anfangen kann - bzw. gar nicht versteht was das ist (kann ich nachvollziehen, ist ja auch sehr schwierig). Sie meint, sie glaubt nicht dass ich ADS habe, weil ich im Gespräch immer konzentriert wirke. Ich denke das kommt daher, weil es um mich geht und das ist spannend ;) Die Frage ist, macht es einen Sinn ADS anzusprechen? Das ist es doch woher meine Probleme kommen...? Oder funktioniert die Therapie auch wenn ich das Thema ausklammere? Kann ich mir irgendwo auch vorstellen.

@Eule: Danke für deine konkreten Tipps! Und für deinen Satz mit den "Regeln der anderen". Puuh ich denke oft dass ich irgendwie doof oder zurückgeblieben bin dass ich manche "Regeln" nicht verstehe, und fühle Erleichterung und Freude dass ich mich nicht doof fühlen muss!
Zu deiner Frage bezüglich meiner WG: Klar, wir haben Rückzugsmöglichkeiten (sonst wär ich sicher nicht eingezogen). Es gibt drei Rückzugsräume, die auch so genannt werden (u.a. einen Yoga-Raum). An der Klinke hängt eine Ampel, die man auf Rot stellen kann (das heißt, keiner soll reinkommen) - oder auf gelb (anklopfen, vorsichtig reinkommen ist OK). Ich ziehe mich auch oft in den Garten zurück. In solchen WGs ist es einfach mega wichtig, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und zu kommunizieren.
Mit dem gemeinsamen Schlafraum hab ich keine Probleme, wir geben schon sehr auf einander acht und machen kein Licht und sind leise. Kann aber verstehen dass du darauf anders reagierst. Ich merke, wie sehr es mich beruhigt mit anderen den Alltag zu teilen, weil ich mich dann nicht um das Organisieren von Treffen kümmern muss (das ist soo anstrengend!), sondern wenn ich Menschen um mich möchte einfach in der Küche vorbeischauen kann. Klar, Menschen sind anstrengend, aber ich fühle mich unter Leuten trotzdem geborgener als alleine.
Übrigens kenne ich das auch voll: Dieser Alles-ist-geplant-nur-ich-steig-nicht-durch-Effekt (wenn du das meinst).

Und @jenjala: Dein letzter Absatz ist auch so beruhigend. Irre wie viele es von uns gibt. Voll krass, beim Stöbern im Forum denke ich schon manchmal: Wooow, jemand hat das auch?!!!

Ui es gibt noch so viel worauf ich eingehen und was ich sagen könnte aber ich belasse es erstmal dabei...
Schönen Abend euch!
Eule
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Re: Was ist los? (Unsicherheit)

Beitrag von Eule » 23. Oktober 2016 22:36

@undjetzterst

Ich denke gerade in einer Stadt die Hochschulstandort ist, wird es gar nicht so wenige Leute geben, die ebenso wie du frisch die Schule beendet haben und zuhause ausgezogen sind, und nun feststellen dass sie vor soviel neuem, ungewohntem Fremdem stehen, dass Medikamente auch weiterhin nötig sind oder plötzlich völlig neu nötig werden. Insofern halte ich es für gut möglich dass ein KJP in einem solchen Umfeld eben nicht wie du anscheinend befürchtest ausschließlich 6jährige die über Tisch und Bänke gehen und 10jährige die von einem Tagtraum in den nächsten abdriften als Patienten haben, sondern auch Leute in deiner Situation und deinem Alter. Wenn ich sehe wie alt die Patienten bei meinem Erwachsenen-Psychiater üblicherweise sind (das geht Ende 20/Anfang 30 los, bis zu Leuten die ich auf zwischen 50 und 60 schätze, da bin ich mit Mitte 40 tatsächlich im Mittelfeld), glaube ich dass ein solcher Arzt möglicherweise noch weiter weg von einem Patienten ist, der gerade dabei ist die ersten größeren Schritte unabhängig vom Elternhaus zu machen und daher gleichzeitig mit einer völlig neuen WOhn- und Lebenssituation sowie mit einer völlig neuen "Berufssituation" konfrontiert ist - denn studieren ist in vielen Punkten, insbesondere was Selbstorganisation und Struktur angeht völlig anders als Schule, wo man noch sehr viel mehr an die Hand genommen und angeleitet wird. Bei einem KJP gehe ich davon aus, dass er zum einen sicher nicht nur "richtige Kinder" die noch Feuerwehrfrau und Tänzer/Tanzlehrer werden wollen als Patienten hat, sondern auch Patienten von 15 aufwärts - und ab dem Alter fangen die meisten ja etwas realistischer und praktischer an zu überlegen, wie es nach der Schule weitergehen soll, je nach Schulform schreiben da auch schon die ersten ihre Bewerbungen für eine Ausbildungsstelle und haben unter Umständen den Schritt raus aus der Schule rein in Ausbildung und Berufswelt altersmäßig schon ein paar Jahre vor dir gemacht - also werden einem KJP die Themen die für dich momentan auf dem Tisch sind bestimmt keine fremden Dinge sein..

Kontaktiere doch einfach beide Praxen, und lass dir bei beiden einen Termin geben. Und wenn du dann nach dem Gespräch was dir früher angeboten wird das Gefühl hast bei dem Arzt "richtig" zu sein, kannst du den zweiten Termin immer noch absagen, bzw wenn du bei dem ersten das Gefühl hast es passt nicht, schaust du dir den zweiten auch noch an.

Was mir zu deiner Therapie gerade in den Sinn kommt:

Eine Therapeutin die keine Ahnung von ADHS hat, mag vielleicht ok sein, wenn sie bereit ist, sich auf die ADHS-Erklärungsansätze die man als Patient schildert einzulassen. was aus meiner Sicht viel schlimmer ist, ist, dass sie trotz ihrer Ahnungslosigkeit sich erdreistet eine ärztliche Diagnose in Frage zu stellen, weil du ihrer Vorstellung davon was ADHS sein soll nicht entsprichst. Das geht gar nicht.

Du sagst, dass bei dir Ängste und Unsicherheit ein großes Thema sind - wie bitte soll eine Therapie dir zu mehr Sicherheit und weniger Angst verhelfen, wenn permanent die Diagnose angezweifelt wird, die du als Ursache und Erklärungsansatz für deine Schwierigkeiten akzeptierst und plausibel findest? In gewissem Sinn gibt einem das Wissen, dass man die ADHS-Diagnose hat ja auch eine Sicherheit - es bedeutet, dass man auf eine ganze Menge Erklärungen zurückgreifen kann, die helfen dass man selbst seine Art zu denken, wahrzunehmen, und zu handeln versteht. Stellt jemand diese Diagnose in Frage, bedeutet das, dass man eben keine Erklärung mehr hat. Was aber dann? Doch zu dumm? Selber schuld? Zu kindisch? Damit landest du doch wieder genau in der Denkfalle, in der sich so viele ADHSler (besonders lange unerkannte) festhängen. Da ist es dann wieder, das kleine Teufelchen, das einem einflüstert, dass sie doch alle recht haben, und man zu blöd ist, sein Hirn zu benutzen, dass man ein Versager ist weil man Schwierigkeiten mit der Pünktlichkeit hat, oder zu einem Termin nicht wie verabredet Dokumente mitbringt, einen Freund 3mal besucht und jedes Mal vergißt das Buch einzupacken das man ihm schon länger zurückgeben soll etc. Wenn man sich selbst sagen kann OK, solche Sachen passieren mir im Serienschuß weil ich ADHS habe, ist das zwar auch nicht schön, und man kann auch nicht vom Rest der Welt einen Freifahrtsschein für solche Aktionen erwarten, weil man diese Diagnose hat. Aber es ist eindeutig netter zu sagen OK, ich hab ADHS, ich brauche für sowas besonders gute Strategien, wie kriege ich das besser hin? als sich selber als Versager, Dummkopf und schlimmeres zu betrachten. Ein Behandler, der einem ohnehin schon mit Unsicherheit kämpfenden Patienten die Sicherheit einer ärztlichen Diagnose madig macht, ist ein Unding, und trägt womöglich eher zur Destabilisierung bei als dass er hilft.

Ich habe meine Diagnose mit Ü40 erst bekommen - und eines der ersten Gespräche zu diesem Thema habe ich mit meiner damaligen Hausärztin geführt, nachdem ich von einer Freundin auf ADHS als Erklärungsansatz für meine SChwierigkeiten gebracht worden war, und nach anfänglichen Zweifeln ziemlich schnell sicher war, dass genau das mein Ding ist, und dass es meine Probleme erklärt. Natürlich fragte die Ärztin (die meinen Verdacht erfreulicherweise nicht ganz abwegig fand, und auch wusste dass ADHS sich nicht in der Pubertät "verwächst", sondern dass es auch betroffene Erwachsene gibt), was ich mir von der Diagnose verspräche - und meine erste Antwort war wohl für sie ziemlich unerwartet. Ich sagte: "Es bedeutet dass ich nicht schuld bin, dass ich nicht doof bin, dass ich nicht aus Bosheit oder Faulheit irgendwas vergesse." Eine Therapie bekommen, gegebenenfalls auch Medis, und lernen wie ich mit meinem ADHS-Hirn besser umgehe - das war für mich erst der zweite Schritt. Allerdings auch ein unumgänglicher Schritt - wissen wie das Problem heißt, bedeutet nicht "Freifahrtsschein" *ichkannnichtweilichADHShabe", sondern bedeutet zu wissen dass die Lösungen die für "Normalos" funktionieren für mich nicht oder nur unter ziemlichen Schwierigkeiten/Anstrengungen funktionieren, und dass es daher schlau ist, für mich geeignetere Lösungen zu finden. Meine Therapie habe ich bei einem ADHS-Fachmensch gemacht, und ich war und bin froh, so vieles, das ich immer wieder schwierig und belastend gefunden habe, endlich in dem Kontext ADHS betrachten zu können, und auch immer wieder jemanden zu haben, der mir an den Stellen, wo ich es nicht sehe aufzeigt, was mein ADHS mit diesen Schwierigkeiten zu tun hat, und wo ich folglich ansetzen kann, mit einem anderen Blickwinkel oder einer neuen Strategie das ganze für mich besser handhabbar zu machen.

Was die nicht ADHS-kompatible Gesellschaft angeht: Ja - die wird sich wie du richtig sagst für uns nicht ändern. Und wenn man nicht zum Einsiedler werden will und kann, bleibt einem nix anderes übrig, als sich zum einen eine Nische zu suchen die zum eigenen ADHS passt, und gleichzeitig zu lernen das was auch in einer passenden Nische, in der man wegen seiner Stärken geschätzt wird immer noch schwierig ist so zu handhaben dass man selber sich weder zu sehr "verbiegt" noch so aneckt, dass es Probleme gibt.
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Re: Was ist los? (Unsicherheit)

Beitrag von jenjala » 24. Oktober 2016 01:12

@undjetzterst

Ich kann dir nichts über das Thema Medikamente sagen. Ich habe nie welche genommen und kenne den Unterschied nicht. Ich hab da keine Ahnung und deswegen halte ich mich da raus. Nur eines möchte ich loswerden. Ich bin im Grunde in einer ähnliche Situation wie du. Ich bin 19 und habe vor einem ¾ Jahr mein Abi gemacht. Vor 2 Monaten bin ich von zu Hause ausgezogen in eine WG( obwohl das überhaupt nicht mit deinem Wohnprojekt vergleichbar ist), um meinen Traum von meinem Studiengang zu verwirklichen. Von jetzt an muss ich selbst kochen, putzen, Wäsche waschen. Ich kann nur mind. einmal im Monat nach Hause und bin als Dorfkind in eine Großstadt, ohne einen einzigen dort zu kennen, gezogen. Im Grunde ist jetzt nichts mehr wie es vorher war.
In meinem Studium habe ich jemanden kennengelernt, die auch ADS mit H aber hat und sie will um in das Studium reinzukommen wieder Medikamente nehmen und sie fragte mich ob ich das vielleicht auch möchte. Und ich bin dann ins Überlegen gekommen. Weil ich mir dachte, dass es doch ein Versuch wert sein kann. Aber dann ist mir eingefallen, dass ich genau das mache was ich will, wofür ich mich interessiere und ich bin genau da wo ich immer hin wollte. Klar ist es am Anfang für mich schwierig. Aber welcher Anfang ist nicht schwierig. Der Gedanke war dann einfach, ich habe es ohne Medikamente soweit gebracht, dann ist es doch genauso ein Versuch wert es ohne weiter zu probieren. Zumal ich im Studium mit ADS jetzt schon weniger Problem habe, als Leute ohne AD(H)S, die sich nicht so sehr für das Studium interessieren wie ich.
Ich will damit nicht sagen du solltest auf keinen Fall Medikamente nehmen, weil die böse sind und nichts bringen. Nein, ich will damit sagen, dass ich mich in der Gesellschaft angekommen fühle, trotz ADS, wenn ich das mache wofür ich mich interessiere. Dabei spielt finde ich mein ADS nicht mehr so eine große Rolle, sondern mehr mein Talent und meine Neugier für mein Studium. Im Grunde ist das mein Tablettenersatz. (wow, während dem Scheiben eine Lebenserkenntnis bekommen)
Was wollte ich eigentlich sagen? Ach ja, ich bin zwar kein Philosoph, aber ich glaube das jeder einen Platz in der Gesellschaft finden kann, egal mit oder ohne AD(H)S, egal mit oder ohne Medikamente, da muss jeder seinen eigenen Weg finden. Und es muss keiner ein Einsiedler werden oder sich ausgegrenzt fühlen.

Gruß jenjala
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Re: Was ist los? (Unsicherheit)

Beitrag von undjetzterst » 27. Oktober 2016 21:58

So... hmm danke nochmal :)

@Eule: Diese Suche nach einem Psychiater ist geradezu blödsinnig schwierig, der eine behandelt nur bis 18, der andere ab 21... und geht nicht ans Telefon... das mit dem Termin dauert wohl noch eine Weile aber ich bin motiviert.
Bei der Therapeutin bin ich mir gar nicht so sicher ob sie die ärztliche Diagnose so grundsätzlich anzweifelt oder ob sie einfach eine andere Sicht auf die Dinge hat. Die Therapeuten da sind sozusagen frisch von der Uni und noch nicht "ganz fertig" (das ist so ein Institut, wo man aber auch regulär behandelt werden kann) und werden von Supervisoren betreut und so. Vielleicht steckt sie einfach total im Verhaltenspsychologischen Ansatz drin und versucht alles damit zu erklären... und ADS sieht ja auch verdammt so aus wie alles mögliche andere. Und ich selber weiß ja auch nicht so genau wie alles zusammenhängt. Jedenfalls geht sie ganz anders an z.B. das Thema Unaufmerksamkeit ran - und irgendwo macht das alles auch Sinn und hilft tatsächlich, also kompetent finde ich sie schon. Aber genau wie du sagst, wenn ich keine ADS haben sollte - was dann? Dann kommt genau der Gedanke, tja, ich bin wohl dumm/faul/falsch geschaltet im Kopf... und das muss nicht sein, etwas über ADS zu lesen fand ich so befreiend und das will ich mir eigentlich nicht nehmen lassen. Ich bin übrigens auch der Meinung dass ADS keine Entschuldigung ist, man ist für das eigene Handeln immer noch selbst verantwortlich - es geht nur darum Verständnis und Empathie zu sich selbst zu entwickeln. Das wird glaube ich oft falsch verstanden, so als wollte man sich mit der Diagnose nur rausreden und deshalb hab ich oft das Gefühl mich rechtfertigen zu müssen (ist wohl aber eh besser es eher für sich zu behalten).
Menschen sind oft ganz gut darin, sich Nischen zu suchen, und dazu gehören auch die richtigen Leute, die die Schönheit des Chaos verstehen bzw. genauso sensibel sind. Ich hab das in der "Öko-Szene" entdeckt, und hab so fast das Gefühl es gibt mega viele ADSler unter den Hippies :)

@jenjala: Krass, unsere Situationen sind sich echt ähnlich. Schön, dass du deinen Traum leben kannst! Mir geht es auch so, dass ich das Studium einfach soooo spannend und toll finde, es ist abgefahren wie viel ich zuhören kann. Das geht echt gut. Der Anfang hier war für mich wunderbar, viel besser als davor und ich bin froh endlich in eine andere, kleinere Stadt zu ziehen (ich kam mit der Großstadt nicht klar).
Ich denke auch dass die Gesellschaft Platz für jeden Menschen hat.
Ich weiß auch gar nicht warum ich mich beschweren muss, aber ich bin irgendwie einfach nicht glücklich. Und ich verurteile mich auch noch dafür weil ich gar keinen Grund dazu haben sollte, ich habe es doch so gut, so viel besser als andere. Naja der Gedanke hilft nicht so viel. Aber ja, irgendwie denke ich zu viel oder so. Ich meditiere jeden Tag und bin unter netten Leuten die offen miteinander reden und mag meine Familie und habe Natur um mich rum und denke mir ... was denn noch??

Manchmal denke ich der Verstand ist so eine destruktive Sache, immer will der Mensch nach etwas streben, ist rastlos und unruhig und unzufrieden, immer auf der Suche nach dem Besseren was vor ihm liegt, wo er doch bereits irgendwo angekommen ist! Ich bin doch schon da, und kann die Dinge um mich herum einfach wahrnehmen und genießen... Aber irgendwas in mir muss weiter forschen und kann nicht einfach mit dem was ist glücklich sein. Und auch dafür habe ich kein Verständnis bzw. mache mir Vorwürfe ("bin ich einfach nur undankbar?").
Öhhm ganz schön kompliziert aber vielleicht einfach nur ein Symptom des überaktiven Chaos bei ADS...? Ich merk manchmal, wenn ich ausreichend "stimuliert" bin (Sport oder Koffein oder so) geht das Chaos zurück und ich kann gelöster, mehr im Hier-und-jetzt sein (oder bin einfach glücklicher??). Oder ich hab noch nicht die richtige Methode gefunden??
boah ich hoffe das wird irgendwann gut. Ach ich glaube schon dass alles gut wird. Das braucht halt eine weile...

Jenjala, voll cool, lass dich nicht entmutigen und mach weiter das, was dir am Herzen liegt! Und pass auf dass dich die Großstadt nicht erschlägt o.O...

LG
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Re: Was ist los? (Unsicherheit)

Beitrag von Falschparker » 28. Oktober 2016 21:12

undjetzterst hat geschrieben:Auf der Contra-Seite die Frage danach, ob Medikamente die Persönlichkeit verändern können? Ich mag mich ganz gerne, gerade meine "Begabung für das Chaos". Ist diese Angst begründet?
Bei dem Satz @Falschparker:"etwas ohne zu schaffen ist kein Wert an sich" weiß ich noch nicht ganz wie ich dazu stehe. (Vielleicht glaube ich, wenn ich ein Medikament nehme denke ich von mir ich sei unvollkommen ohne es?) Und letztendlich, u.a. von jenjala inspiriert, dieser Gedanke: Ich bin doch gar nicht falsch, die Gesellschaft passt nur nicht zu mir - und warum soll ich mich anpassen? Würde ich in einer Gesellschaft leben, die nicht so Beschleunigt, leistungsorientiert und komplex ist, wäre ich da nicht einfach so glücklich wie als Kind, als meine Träumereien und das langsame, beobachtende Tun noch ihren Raum hatten? Andererseits, da kann ich lange warten bis die Gesellschaft oder meine Umgebung so schön ADS-gerecht wird (es sei denn ich steige aus der Gesellschaft aus und werde Einsiedler oder so).
Was denkt ihr dazu?
Ja und nein. Ja, natürlich verändert es die Persönlichkeit, das soll es ja auch. Nein, es verändert (richtig dosiert) die Persönlichkeit nicht in dem Sinne, dass du dich wie ein Roboter fühlst. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich weniger individualistisch bin. Aber nicht ganz so "verrückt", gut.

Ja, unvollkommen ohne. Du musst es sehen wie jedes Hilfsmittel, ich finde den Vergleich mit der Brille gar nicht schlecht. Von der bin ich, wegen meiner starken Kurzsichtigkeit, sogar noch abhängiger als vom Ritalin. Ich sehe durch die Brille nichts was nicht sowieso da ist, die Brille ist kein Doping.

Die Gesellschaft passt nicht- das trifft auf mich jedenfalls nicht zu. Ich ärgere mich über meine Verpeiltheit auch wenn ich ganz allein bin. Und der wichtigste Teil der Gesellschaft, der unter meiner ADHS leidet bzw. von meiner ADHS-Behandlung profitiert, sind meine Frau und meine Kinder- soll ich denen vorwerfen, sie seien zu leistungsorientiert, beschleunigt und komplex, und eigentlich müssten sie ADHS-gerechter werden? Nö, eine ADHS-gerechtere Ehefrau gibt es gar nicht :kuss: und meine Kinder sind selbst Hypies.
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Re: Was ist los? (Unsicherheit)

Beitrag von Eule » 29. Oktober 2016 13:58

Zum Thema Altersgrenzen:

Schau dir mal diese Stellungnahme zur "Transitionsmedizin" - also Übergang zwischen Behandlung durch einen Kinder-/Jugend-Arzt zu einem Erwachsenen-Arzt an. http://dgkjp.de/stellungnahmen-position ... sychiatrie

Demnach sollte ein niedergelassener KJP bis 21 behandeln dürfen, problematisch wird es bei den Institutsambulanzen, wo die Grenze bei 18 Jahren liegt. Alles nicht ganz einfach. Und ich halte es gerade wenn unmittelbar vor der Volljährigkeit keine Medi-Behandlung und somit kein KJP an der Behandlung beteiligt war für gut möglich dass man da irgendwie durch die Maschen rutscht. Vielleicht schaust du mal genau nach, ob der Arzt der sagt "nur bis 18" nun ausgerechnet zu einer Institutsambulanz gehört, oder ob es sich dabei um einen Niedergelassenen handelt, der womöglich wegen "Full House" oder weil er diesen Spielraum bis 21 nur bei seinen schon als Minderjährige zu ihm gekommenen Patienten versteht, nicht aber generell, und so einfach mal ein bisschen "mauert".
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Re: Was ist los? (Unsicherheit)

Beitrag von undjetzterst » 17. Dezember 2016 13:44

Huii.
Ich habe es etwas verpeilt zu antworten und wollte nur mal ein Update geben.
Hmmm mir gehts besser :)
Es war immer wieder sehr schwer, mir einzugestehen, dass ich mir Hilfe suchen "darf" (und es mir nicht so schwer machen muss bis ich durchdrehe) - da haben mir eure Antworten ziemlich geholfen bzw. Mut gemacht. Zwischendurch hatte ich eine Phase mit einem Grad an Verzweiflung und Sinnlosigkeitsgefühl den ich so noch nicht kannte. Man sollte sich lieber helfen bevor sowas passiert...! Selbstfürsorge über das befürchtete Unverständnis der anderen hinweg...
Die Suche nach einem Psychiater war endlich erfolgreich und seit 3 Tagen nehme ich 2x5mg Medikinet retard. So ganz kann ich noch nicht sagen wie gut es wirkt, vielleicht bin ich auch einfach in einer Phase guter Stimmung oder so und die Psychiaterin war etwas skeptisch dass ich mit 5 statt 10mg anfangen will, weil sie meinte das würde nicht wirken (wozu gibt's das dann?).
Was aber schonmal sehr angenehm ist, ist, dass ich viel weniger Angst habe, Dinge zu verpassen oder zu vergessen, außerdem hab ich viel mehr Energie mit Leuten zu reden. Und es ist, als hätte jemand einen Draht von meinem Denken zu meinem Handeln verlegt :) (also die exekutiven Funktionen - ich mache endlich das was ich vorhabe). Es wird sich zeigen ob ich mir das einrede oder nicht ;)
Und es ist auch gut zu wissen, wobei es nicht hilft. Die Unsicherheit(-sstörung) ist noch da, aber ich kann mich endlich darauf konzentrieren damit zu arbeiten und das Zeug aus der Verhaltenstherapie auch umsetzen.
So.
Ich finde es immer noch sehr spannend über die Rolle von ADS in der Gesellschaft nachzudenken, gerade weil ich so das Gefühl habe, an allen Ecken ADSler zu "entdecken"... und meine Mitbewohnerin hat jetzt auch einen Termin bei derselben Psychiaterin um sich testen zu lassen. Es kommt mir vor als wären das soooo viele Menschen... und wenn ich z.B. den Verdacht habe und sehe dass jemand unter den typischen Symptomen auch ziemlich leidet, sag ich dann was...? Hilft das eher weiter oder packe ich dann jemanden in eine Schublade und stoße Gedanken an, die ihm/ihr gerade nicht helfen? Naja so Sachen frag ich mich.

Hmm ich freu mich einmal mehr über die Community und über ... ach keine Ahnung, ist alles so aufregend gerade !

Alles liebe
undjetzterst
Eule
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Re: Was ist los? (Unsicherheit)

Beitrag von Eule » 17. Dezember 2016 14:11

Zum Thema Medikamenteneinstellung gibt es ein eigenes Unterforum - evtl hilft es dir auch dort mal ein bisschen quer zu lesen wie andere ihre Einstellungsphase erleben, und worauf zu achten wichtig ist, um die richtige Dosierung und den richtigen Abstand der Einnahme für sich selbst zu finden.

Erste positive Effekte hast du ja anscheinend davon - ich nehme an deine Ärztin hat dir gesagt nach welcher Zeit (üblich ist eine Woche mit gleicher Dosis) du die Dosis in welcher Weise erhöhen solltest, um herauszufinden ob es mit der nächsthöheren Einzeldosis womöglich noch besser läuft, und wenn das nicht der Fall ist oder unangenehme Nebenwirkungen auftreten, kannst du eben die Dosis auch wieder zurückschrauben.

Natürlich ist es möglich dass ein Teil der wahrgenommenen Verbesserungen aus deiner ersten Euphorie kommt, und du in ein oder zwei Wochen das Gefühl hast, dass 10mg Einzeldosis doch sinnvoller sind - das ist nicht ungewöhnlich, und solange dann in Absprache mit dem Arzt überlegt wird was man tatsächlich zweifelsfrei auf Medis zurückführen kann und was eher Placebo-Effekte oder zufällig an einem bestimmten Tag gerade günstige Rahmenbedingungen sind, und daraus folgend die Dosis angepasst wird, ist das alles in Ordnung. Hilfreich ist es dabei, wenn du zum einen gut aufschreibst wann bezogen auf den Einnahmezeitpunkt welche Wirkung oder Nebenwirkung auftrat, und zum anderen die Möglichkeit hast zeitnah auch mit deiner Ärztin deine Beobachtungen zu besprechen. Wenn der nächste termin erst nach 3 bis 5 Wochen ist, ist das aus meiner Sicht ein ziemlich langer Abstand, in diesem Fall sollte es wenigstens die Möglichkeit eines Telefontermins geben.
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