Haltet ihr mein Fehlen in der Schule wegen Depressionen für gerechtfertigt?

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DerDenker
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Haltet ihr mein Fehlen in der Schule wegen Depressionen für gerechtfertigt?

Beitragvon DerDenker » 3. April 2014 15:50

Hallo, ich bin Jonas, 18 Jahre alt und komme aus Niedersachsen. Ich möchte versuchen euch meine Probleme und Sorgen möglichst genau zu schildern.

Ich hatte mich nach dem Realschulabschluss für ein Jahr in der Fachrichtung Wirtschaft in der Berufsschule angemeldet. Der Grund war eigentlich nur, dass ich nach der Realschule nicht genau wusste, was ich beruflich machen soll. Mir ging es aber zu der Zeit schon ziemlich schlecht. Ich konnte den Stress einfach nicht ertragen und hatte deswegen schon ein paar mal auf der Realschule geschwänzt. Der Stress hat mich regelrecht krank gemacht. Deshalb gab es in der Schule und zuhause nur Druck, keiner hatte Verständnis. Das machte alles immer schlimmer.

Für die Berufsschule hatte ich eigentlich schon gar keine Energie mehr. Ich habe es halt versucht, aber es ging einfach nicht mehr. Ich bekam auch ständig eine Krankheit nach der anderen: Magen- und Darminfekte, Kopfschmerzen und Erkältungen wechselten sich andauernd ab. Das Schlimme war, dass auch da jeder dachte, dass ich nur simuliere. Ich habe mich elend gefühlt. Nach 2 Wochen konnte ich auf jeden Fall nicht mehr zur Berufsschule hingehen und bin zuhause geblieben. Das hat meine Sorgen noch mehr verschlimmert, weil ich dachte, dass meine Vergangenheit mich wieder einholt und dass nicht einfach alles so hinter mir lassen konnte. Ich habe den Druck von allen Seiten auch noch kaum ausgehalten.

Das Jugendamt informierte mich, dass die Schulpflicht in Niedersachsen erst 12 Jahre nach ihrem Beginn endet und dass ich noch 1 Jahr Schulpflicht erfüllen muss und ich mich nicht einfach von der Berufsschule abmelden kann. Inzwischen habe ich sogar eine Bußgeldandrohung von bis zu 1000€ erhalten.

Die Schule wollte ein Attest von mir sehen und hat mich aufgefordert zu einem Jugendpsychiater zu gehen. Damals war ich noch nicht volljährig. Inzwischen ist bereits ein halbes Jahr vergangen und ich bin jetzt volljährig. Die Jugendpsychiaterin hat alle möglichen Test mit mir durchgeführt, die keine klare Diagnose ergeben haben, außer einer Schwäche in der Konzentration und Aufmerksamkeit. Sie wollte mich zu einer genaueren Diagnose in eine Jugendpsychiatrie einweisen und ggf. dort behandeln lassen. Ich habe mich aber immer geweigert, da ich nicht einfach so als psychisch krank abgestempelt werden wollte. Sie hat sich daraufhin geweigert mir eine Krankschreibung für die Schule auszustellen und wollte mir damit Druck machen, entweder wieder in die Schule zu gehen oder in die Klinik.

Ich bin dann sogar einmal zur Klinik hingefahren, um sie mir anzugucken. Dort fand man aber nicht, dass ich den Eindruck machte, als ob ich da wirklich hingehörte und fragte mich, ob ich mich in der Lage fühle stattdessen etwas ganz anderes anzupacken. Ich sagte, dass ich mir vorstellen könnte z.B. zur Volkshochschule zu gehen und dort den erweiterten Realschulabschluss zu machen. Den Vorschlag fand ich gut und sagten, dass ich das erst einmal ausprobieren sollte.

Leider verursachte mir das wieder ganz viel neuen Stress. Die Berufsschule wollte mich nicht einfach entlassen, woraufhin ich bei der Schulbehörde um eine Befreiung von der Schulpflicht kämpfen musste. In der ganzen Zeit kostete es mich viel Anstrengung mich überall rechtfertigen zu müssen und das Jugendamt, die Schule, die Psychologin und meine Eltern hinzuhalten. Das hat sich über 3 Monate hingezogen, dann bekam ich endlich die Schulbefreiung. Ich war bereits völlig mit den Nerven fertig. Über die Schulbefreiung konnte ich mich dann gar nicht mehr freuen, weil inzwischen ein Einstieg in den Kursus bei der Volkshochschule nicht mehr möglich war. Dies hatte die Schulbehörde aber zur Bedingung gemacht. Danach saß ich wieder ohne Perspektive da.

Ich bin daraufhin nochmal zu einem anderen Psychiater gegangen, diesmal für Erwachsene. Er hat mir eine Tagesklinik empfohlen und ich habe mich freiwillig angemeldet. Jetzt warte ich darauf, dass man mich anruft und mir mitteilt, wann es losgeht. Genau konnte mir der Psychiater aber auch noch nicht sagen, was ich überhaupt habe. Er meinte, dass in erster Linie die Symptome wichtig sind und bekämpft werden müssen. Gestern war aber auch schon wieder jemand vom Jugendamt da, hat enorm Druck gemacht und ist nicht vorher gegangen, bis ich endlich eingewilligt habe, in eine betreute Wohngruppe zu ziehen. Seitdem fühle ich mich total mies, weil ich Angst davor habe, eigentlich erst einmal die Tagesklinik machen möchte und mich der Gedanke große Angst macht, dass ich immer noch nicht weiß, was ich Anschluss machen soll.

Alle Ärzte bei denen ich bisher war, konnten nicht direkt sagen, was ich nun genau habe. Einer sprach von Depressionen und ich selbst vermute, dass es aber hauptsächlich ADS ist.

Ich liste jetzt einfach mal alle meine Symptome auf, die ich habe:

häufige Nackenschmerzen
manchmal auch Kopf- und Augenschmerzen
schneller erschöpft als früher
wenig Selbstvertrauen
unsicher, muss in allem eine Logik sehen
grüble viel
habe schnell Angst
während ich lese verstehe ich den Inhalt nicht
habe Probleme eine Zeile zu fokussieren
sehr ungeduldig
muss mich bemühen, wenn ich mich auf langweilige Sachen konzentrieren soll
unaufmerksam, kriege nicht alles mit was um mich geschieht
bin kaum eigenständig
schlechte Konzentrationsfähigkeit
innerlich unruhig, nervös
bei starkem Stress kratz ich mich ununterbrochen am Hinterkopf
bei starkem Stress fängt meine rechte Hand an zu jucken und ich kratze bis die Hand stark gereizt ist
meine Mutter behauptet, dass ich ein Waschzwang hätte, was die Hände angeht
Seitdem Abstieg vom Gymnasium habe ich keine Freunde mehr
einziges Hobbys heutzutage: Computerspiele
bin nicht sehr belastbar
habe oftmals dunkle Schatten um die Augen
habe oft Aphten (entzündete Stellen im Mund)
bin schüchtern, zurückhaltend und sensibel
vermeide unangenehme Aufgaben bis zum letzten Zeitpunkt
bin schnell genervt
bin angespannt und fühle mich nicht wohl bei Unterhaltungen mit anderen
hasse gesellschaftliche Zwänge
bei entspannter Atmosphäre könnte ich vermutlich viel mehr leisten
wenig Eigenantrieb
wollte meine Schulaufgaben immer gut machen, brauchte jedoch länger als andere
habe meine Schulsachen nicht gut organisiert
viele finden, dass ich „eine lange Leitung“ habe
Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Geräusche
schwitze extrem schnell beim Sport
viele verstörende Albträume (wobei ich damals viele Horrorfilme angeguckt habe)
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Angie
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Re: Haltet ihr mein Fehlen in der Schule wegen Depressionen für gerechtfertigt?

Beitragvon Angie » 3. April 2014 19:24

Das ist ADHS in Mischtyp......... tippe ich mal so drauf, weil die meisten Punkte auf mich auch zu treffen.

Zähl mal auf, was nicht zu trifft, ist leichter.  :icon_mrgreen:

bei starkem Stress fängt meine rechte Hand an zu jucken und ich kratze bis die Hand stark gereizt ist --- ich nehme da mein Gesicht für.  :icon_rolleyes:

meine Mutter behauptet, dass ich ein Waschzwang hätte, was die Hände angeht--- hab ich nicht
habe oft Aphten (entzündete Stellen im Mund)  habe ich auch nicht  ---- dafür hab ich seb. Dermatitis
bin schüchtern, zurückhaltend und sensibel  -- auch im Wechsel, entweder schüchtern oder aufbrausend


sonst trifft der Rest auf mich auch zu.

Wie ich auf Mischtyp komme, du hast da: bin schnell genervt  ... was auf Impulsivität schliessen lässt, nur ADS der Träumertyp ist nicht impulsiv.
Ich habe nix Schlimmes, ich habe....eij gugg mal nen Eichhörnchen.
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Re: Haltet ihr mein Fehlen in der Schule wegen Depressionen für gerechtfertigt?

Beitragvon nixe » 3. April 2014 21:00

derDenker,

erstmal herzlich willkommen im Forum, gutes Ankommen und aufschlussreichen Austausch wünsche ich Dir : )

Leider kann niemand hier Dir eine Ferndiagnose stellen, da bringt es auch nicht viel, wenn verschiedene Symptome übereinstimmen. Dazu gibt es bei verschiedenen in Frage kommenden Diagnosen viel zu große Überschneidungen und ein -sich-wieder-erkennen bleibt ein rein subjektiver Eindruck.

Die verschiedenen Möglichkeiten abzuwägen, gegeneinander auszuschließen und sorgfältig zu diagnostizieren bleibt Aufgabe eines Fachmenschen.

Was Dir aber Mut machen kann: wie auch immer das "Baby" nachher heißt, eine gute, sprich fachgerecht durchgeführte Diagnose wird Dir die nötigen Ansatzpunkte eröffnen, etwas zu ändern. Auf mich wirkst Du schon sehr beeinträchtigt durch Leidensdruck und wenn das wirklich so ist, hat das auch sein Gutes. Leidensdruck ist ein starker Antrieb und ein sinnvoller Begleiter auf dem Weg zu positiven Veränderungen.

So lange es einem noch so làlà geht, verdrängt man viel und hält auch viel aus. Erst, wenn man wirklich gegen eine Wand rennt, findet man zwangsläufig zu einem Richtungswechsel. Mir ist schon klar, dass sich das Ganze deshalb nicht besser anfühlt. Aber es setzt eben auch Energien frei, den Mut der Verzweiflung.

Ich wünsche Dir vor allem kompetente Ansprechpartner und die Gelassenheit, Dich von einem wie-auch-immer-gearteten Etikett nicht aus der Bahn werfen zu lassen.
Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. (Ingeborg Bachmann)
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Re: Haltet ihr mein Fehlen in der Schule wegen Depressionen für gerechtfertigt?

Beitragvon No User » 4. April 2014 03:20

Ich sehe leider nur wenig Zusammenhang zwischen der Frage, die als Betreff deinen Thread überschreibt und deinem Posting. Deswegen beantworte ich beides getrennt.

Zuerst: Rechtfertigt eine Depression ein Fernbleiben von der Schule?

Eine richtige Depression ist, wenn sie denn vorliegt, eine sehr ernsthafte, gelegentlich sogar lebensbedrohliche Erkrankung. Eine Depression kann durchaus sowohl Berufstätigkeit wie auch Schulbesuch unmöglich machen und bedarf im schweren Fall einer stationären Therapie. Das ist keine Frage der Rechtfertigung, sondern hängt damit zusammen, was Depressionen mit den von ihnen Betroffenen faktisch machen.

Du musst dich allerdings auch fragen, ob du dir einen Gefallen tust, dich bei jeder depressiven Verstimmung aus dem Schul- und Sozialleben zurückzuziehen in die Sinn- und Perspektivlosigkeit. Das ist ja etwas anderes, als schulisch eine Pause zu machen, um sich intensiv der Heilung von einer Erkrankung zu widmen. Das könnte eher Einstieg in einen Teufelskreis der Depression sein.

Zumal du dir selbst so maximal im Weg standst und dir ein Bein gestellt hast, wie es überhaupt nur möglich war: Du hast dich aus Vorurteilen einer genaueren (stationären?) jugendpsychiatrischen Diagnostik verweigert. Ohne  diese gibt es nun auch keine konkrete psychiatrische Diagnose wie etwa Depression und dann gibt es für die nicht vorhandene Diagnose natürlich auch keine Therapie. Die Nicht-Diagnose rechtfertigt selbstverständlich auch kein Schulschwänzen und das einzige, was hier gerechtfertigt scheint, war dir unter diesen Umständen die Krankschreibung zu verweigern.

Nun zu deinem Beitrag im Übrigen:

Ich weiß nicht, wie du ausgerechnet auf ADS kommst, Konzentrationsprobleme, Antriebslosigkeit, Stress- und Lärmempfindlichkeit, Unruhezustände usw. können auf sehr vielen Ursachen basieren, sowohl auf psychischen Störungen als auch auf körperlichen Erkrankungen. Eine ADS aber muss definitiv im Kindesalter beginnen, und davon schreibst du gar nichts. Ich will da aber genauso wenig etwas ausschließen wie aus der Ferne diagnostizieren.

Deine Liste der "Symptome" ist eine bunte Mischung tatsächlich beunruhigender Symptome, die aber auf alles mögliche hindeuten können, mit Persönlichkeitsmerkmalen, Lebensumständen und subjektiven Wertungen. Was du offenbar bräuchtest, wäre ein Fachmann/eine Fachfrau, die zunächst mal die richtigen Fragen stellt.

Dabei könnte aber gerade deren Spezialisierung auf psychologische/psychiatrische Störungen allein auch wieder ein Problem werden, wenn mögliche körperliche Ursachen dadurch aus dem Fokus geraten. Und dein Text beinhaltet einige Hinweise auf mögliche Entzündungsvorgänge in deinem Körper, auf Probleme deines Immunsystems, auf hormonelle Besonderheiten, auf Augenprobleme usw.

Solche körperlichen Probleme können durchaus psychosomatische Folgen von psychischen Störungen oder schwierigen Lebenssituationen (Stress,...) sein. In dem Fall hat dein verständnisloses Umfeld die Probleme noch verschärft, weil nicht gesehen wurde, dass Psychosomatik nur ursächliche Mechanismen beschreibt, die Folgen aber echte körperliche Erkrankungen sind, echtes Leid, nicht "Einbildung" oder "Simulation".

Es könnten aber genauso gut die psychischen und psychosozialen Auffälligkeiten Folgen körperlicher Probleme sein. Leider braucht es auch im Bereich physiologischer Diagnostik einige Geduld, um selteneren körperlichen Erkrankungen auf die Spur zu kommen. Ich könnte gut nachvollziehen, wie man angesichts der vielen ungeklärten Schmerzen, Erschöpfungszustände, der Unruhe, Konzentrationsprobleme, der eigeschränkten Leistungsfähigkeit usw. ins Grübeln kommen kann bis hin zu Ängsten und Depression.

Nicht zuletzt bist du gerade mal 18 und um Unklaren, wohin du mal kommen willst. Vielleicht ist deine gegenwärtige Fachrichtung an der Berufsschule einfach nicht das Richtige für dich? Allerdings besteht die Gefahr, dass dir deine gegenwärtigen Gesundheitsprobleme selbst im idealen Traumjob den Einstieg vermasseln könnten.

Den Hintergrund, warum nun eine betreute Wohngruppe die Lösung sein soll, kenne ich nicht. Vielleicht kann das deine Selbständigkeit fördern, vielleicht dich etwas von den Computerspielen zurück ins Leben holen. Ich wünsche dir viel Erfolg, diesen Weg zu finden.

LG
Steffchen 

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