Wie steht es um die HB-Förderung im deutschen Schulsystem?

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Wie steht es um die HB-Förderung im deutschen Schulsystem?

Beitragvon No User » 16. Februar 2014 01:00

Eine Frage, auf die mich die im Folgenden zitierte Anmerkung brachte. Allgemeingültig kann ich sie nicht beantworten, aber mit ein paar eigenen Erfahrungen.
[quote="Hanghuhn"]
[quote="steffchen"]
... Nun, unsere Tochter hat irgendwann mangels Bock vor der Menge an Fremdsprachen kapituliert und den H-Zug au eigenen Wunsch verlassen, am gleichen Gymi aber unter Beibehaltung von Freundschaften usw. Sohnemann hat sich das zum Vorbild genommen und im Vorstellungsgespräch des H-Zuges gleich klar gemacht, keinen Bock zu haben... Aber so eine Normalo-Gymi-Klasse hat's auch in sich. [/quote]
Auch wenn 's OT ist: Es ist so typisch für unser Schulsystem, dass den Verantwortlichen bei Hochbegabten nicht viel mehr einfällt, als sie einfach noch mehr pauken zu lassen, statt den Stier tatsächlich bei den Hörnern zu packen und mit ihnen ganz anderen interessanten Unterricht zu gestalten. Dann wäre es begabten Kindern eine Freude, daran teilnehmen zu dürfen. Eine Arbeitskollegin, die einen Abschluss als Lehrerin hat, berichtete mir neulich, Wissenschaftler hätten herausgefunden, dass zu viel Pauken die Kreativität beeinträchtigen würde. Da traten mir die vor lauter Pauken vollkommen übermüdeten chinesischen Kinder wieder vor Augen.
[/quote]

Solange man selbst kaum einem Finger krumm macht für die Hochbegabtenförderung, kann man leicht meckern oder trivial interessanteren Unterricht fordern. Das sieht dann ganz anders aus, wenn es um die praktische Umsetzung geht.

Außerdem ist die real existierende Hochbegabtenförderung im deutschen Schulsystem zwar natürlich suboptimal, aber soweit ich sie kenne weit besser als ihr Ruf. Sie wird auch nicht davon besser, dass man alles, was sie richtig macht schlechtredet. Dabei ist unser provinzieller HB-Zug nicht vergleichbar mit den Landesgymnasien, die mit ganz anderer Ausstattung Elitenförderung auf internationalem Niveau betreiben. Aber hier wird schon mal erreicht, Schüler zu retten, die am normalen Curriculum vor Langeweile, Unterforderung und Desintegration krank werden würden.

Den Verantwortlichen ist nicht nur deutlich mehr eingefallen als die Schüler mehr pauken zu lassen, sie haben sogar viele dieser Ideen mit viel Mühe umgesetzt. Dabei hat man in der Pionierphase einiges Lehrgeld zahlen müssen und die frühen Kandidaten des neuen HB-Zuges mussten auch schon mal als Versuchskaninchen herhalten, aber das lässt sich nicht vermeiden, wenn man gerade nicht Lösungen wie die chinesische kopieren will.

Auch meine Tochter würde heftig widersprechen, wenn man ihr nachsagen würde, sie hätte den HB-Zug verlassen, weil sie ihn nicht gut fand. Keines dieser Schuljahre dort hat sie je bereut und sie hat jede  Menge gute Erinnerungen an diese Zeit. Sie nutzte aber die angebotene Option, gerade noch rechtzeitig mit einem Klassenwechsel das Sprachenprofil abzuwählen, das sie im Französischteil in Versetzungsgefahr hätte bringen können.

Eine Ehrenrunde im HB-Zug wäre nämlich besonders widersinnig, erst recht für meine Tochter. Durch ihre späte Einschulung und weil bei ihrer Vorerkrankung Überspringen kein Thema war, war sie sowieso schon die Klassenoma. Denn viele ihrer hochbegabten Mitschüler wurden extrem früh eingeschult und haben dann noch Klassen übersprungen. Das führt schon ständig zu Komplikationen, z.B. im Sport, bei der Frage, welche Bücher altersgerecht sind, wenn man gemeinsam ins Kino geht,...

Auf der anderen Seite wäre auch eine bedingungslose Versetzung Quatsch. Denn auch HBchen pubertieren und haben jede Menge andere Hobbies als ausgerechnet Schule. Da muss man auch ihnen ein Ziel vor die Nase halten.

Was ihrer Motivation fürs Französischbüffeln eigentlich das Genick gebrochen hatte, war ihr extremer Gerechtigkeitssinn, der dazu führte, dass sie sich betrogen fühlte. In der Einführungsveranstaltung des HB-Zuges wurde nämlich eindeutig versprochen, dass die Fächer des sprachlichen und des naturwissenschaftlich-technischen Profils, die hier parallel zu belegen sind, gleichberechtigt nebeneinander stehen. Als es dann aber soweit war, stellte sich heraus, das dies rechtlich gar nicht machbar war. So war dann nur das Sprachprofil versetzungsrelevant ohne Ausgleichsmöglichkeit aus dem NWT-Profil.

Dazu dann noch das Gefühl, der ganz normalen Wahlmöglichkeiten aller anderen Gymnasiasten (Wahl der Sprachenfolge und des Profils) beraubt zu sein. Da schaltete dann eine auf stur, so kenne ich meine Tochter.

Meine Tochter und die Mehrheit ihrer damaligen KlassenkameradInnen würden bestätigen, jede Menge interessanten Unterricht gehabt zu haben. Und nicht nur das, sondern auch jede Menge sehr kreative Projekte, von Theater-, Zirkus- und Musikprojekten bis hin zu unvergesslichen Schullandaufenthalten, Exkursionen, Auftritten usw. Auch Betreuung und Unterstützung zur Teilnahme an Wettbewerben wie Jugend forscht. Und ja, es war ihnen eine Freude, an all dem teilnehmen zu dürfen. Insgesamt war dieses Angebot sogar schon problematisch hoch, weil es in den Parallelklassen Neid und Missgunst nährte und die "Hochbekloppten" (O-Ton) so streckenweise einen schweren Stand außerhalb ihres Klassenverbandes hatten.

Wer sich mit HB-Förderung auskennt, weiß aber auch, dass das interessante und kreative allein nicht ausreicht. Zu keiner Zeit ist es Hochbegabten irgendwie eine echte Herausforderung, kreativ zu arbeiten und interessantes zu lernen. Das Problem ist: Da ihnen regelmäßig der Schulstoff nur so zufliegt, mogeln sie sich -ob sie es wollen oder nicht- jahrelang daran vorbei, wirklich das Lernen zu lernen.

Das kann je nach IQ und eingeschlagenem weiteren Weg sehr lange gut gehen, bis sich das früher oder später rächt und sie auf die Nase fallen. Ob kurz vor dem Staatsexamen oder erst im Beruf, dann fehlt die Übung im Büffeln und Pauken, im Verarbeiten des weniger interessanten, langweiligen aber notwendigen und die Frustrationstoleranz, die Schwierigkeiten damit zu ertragen.

Das war eine sehr vereinfachte Erklärung, es gibt aber sowohl eine Menge Theorie als auch hinreichend praktische Erfahrungen, wie an dieser Stelle Fremdsprachen helfen können. Die werden nämlich selbst von Sprachbegabten zwar schneller gelernt, aber auch nicht ohne Vokabelnpauken. Im Freizeitbereich kann man das (Lernen und Frustrationstoleranz lernen) unterstützen z.B. mit dem Erlernen schwieriger Instrumente (z.B. Streichinstrumente) und/oder mit trainingsintensiven Sportarten.

So stimmt das mit dem Pauken nicht so pauschal, aber es kommt auf die Dosis an. Was wir hier treiben, wäre in China undenkbar, andererseits wäre das chinesische Modell hier undenkbar. Das sind einfach Kulturen, die sich deutlich unterscheiden. Dass die Chinesen deswegen automatisch unkreativ würden, ist allerdings zu großen Teilen deutsches Pfeifen im Walde.

Ich muss zwar sagen, das von allen internationalen Kommilitonen in meinem Studiengang die Chinesen mir am fremdesten blieben, weil ich da keinen Zugang fand. Aber die wirkliche asiatische Elite lässt sich auch kaum am sehr begrenzt attraktiven deutschen Forschungsstandort nieder, die traf ich dann eher im Amiland. Tja, früher hätte man noch gesagt, die Chinesen seien sehr kreativ im Kopieren, inzwischen sind sie aber weit übers Kopieren hinaus.

Wahrscheinlich sind Pauken und Drill auch weniger das Problem chinesischer Eliteabsolventen, richtig leiden dürften vielmehr die, die auf dem chinesischen Weg zur Elite auf der Strecke bleiben, und das sind wahrscheinlich sehr viele. Das könnten wir uns unter deutschen Verhältnissen nicht leisten und wollen das mit unseren Werten auch nicht und so ist der chinesische Bildungsweg ganz unabhängig davon, wie erfolgreich er ist oder auch nicht, für uns kein Modell.

In der Gründerzeit des HB-Zuges nahm man einfach jeden mit dem nötigen IQ, unabhängig von Grundschulempfehlung, Noten und sonstigem. Das Resultat waren beinahe Zustände wie an einer E-Schule, wo trotz sehr kleiner Klasse auch engagierte und qualifizierte Top-Lehrer im Doppelpack einen schweren Stand hatten und viel zu viel Unterrichtszeit für sozialpädagogische und psychologische Geschichten draufging. Ganz abgesehen von der endlosen Diskutierwut der Hochbegabten.

Man hat dazugelernt, sich von Einzelnen getrennt, denen man in diesem Rahmen nicht helfen konnte, die Diskutiererei kanalisiert, die Stärken der HB'ler genutzt, um die Schwächen in den Griff zu bekommen. Heute prüft man vor Aufnahme auch die notwendige Motivation und ein Mindestmaß an Sozialkompetenz. Was hier hilft, andererseits die Frage aufwirft: Wohin nun mit den wirklich problematischen, verhaltensauffälligen Underachievern?

Man hat umgesetzt, was sich in der Theorie Acceleration und Enrichment nennt. Das erste, die Beschleunigung, heißt, den normalen Unterrichtsstoff in weniger Unterrichtsstunden zu packen. Das passt schon bei schneller Auffassungsgabe und wenig Liebe zu langweiliger Wiederholung. Die so gewonnene Zeit wird dann mit dem durchaus interessanten NWT-Profil und weiteren Projekten gefüllt, was dann die Anreicherung darstellt.

Aber so bedeutungstriefend die Theorie von Acceleration und Enrichment auch klingt, in der Praxis hat etwas anderes als für die Kinder tausendmal bedeutender beeindruckt: Das war die eingeschworene Klassengemeinschaft ähnlich tickender Kinder mit vergleichbaren Interessen und Problemen und auch mit relativ viel Verständnis und Toleranz für ebensolche Probleme. Auch in der Abgrenzung zu einem streckenweise nicht immer ganz freundlichen Umfeld. Das hat sich allerdings auch irgendwann beruhigt, durchmischt und relativiert. Inzwischen ist ja auch Kursstufe, da spielt die Klasse weniger eine Rolle.

Soweit meine Erfahrungen mit dem HB-Zug hier. In Rahmen eines Schüleraustausches hatte ich dann noch SchülerInnen des sächsischen Landesgymnasiums Sankt Afra zu Meißen kennengelernt und bin noch immer beeindruckt: Ganz kurz zusammengefasst: Auch dort müssen die verdammt viel richtig machen. Und auch da gibt es, nicht innerhalb der Schule, aber aus dem Ort, neidische Blicke auf "die da oben" (Sankt Afra liegt auf einem Hügel über der Stadt), da sich deren Ausstattung und Möglichkeiten doch deutlich von einer durchschnittlichen Regelschule unterscheidet.

Jetzt könnte man von so guter Schule für alle träumen. Aber erzähle das mal einem Volk, dessen Wahlentscheidung maßgeblich von der Vermeidung von Steuererhöhungen abhängt...

LG
Steffchen
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Re: Wie steht es um die HB-Förderung im deutschen Schulsystem?

Beitragvon Hanghuhn » 16. Februar 2014 02:17

Na, zumindest würde ich den Chinesen, die den Goldenen Bären gewonnen haben, nicht mangelnde Kreativität unterstellen.

Was Du über den HB-Zweig in BW schreibst, finde ich überzeugend. Alle Achtung, das hätte ich den "Verantwortlichen" gar nicht zugetraut.  Da muss ich wohl einen Teil meiner Vorurteile revidieren.

Meine Kinder hätte eine weitere Fremdsprache wohl auch abgehalten, was bei dem einen wg. seiner Sprachprobleme ganz normal wäre,  bei dem anderen aber auch ganz ohne solche Probleme ganz sicher der Fall wäre.
Zuletzt geändert von Hanghuhn am 16. Februar 2014 02:25, insgesamt 1-mal geändert.
LG Hanghuhn
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Re: Wie steht es um die HB-Förderung im deutschen Schulsystem?

Beitragvon No User » 16. Februar 2014 17:13

Ich bin jedenfalls schon mal sehr froh, dass es dieses Angebot heute gibt und jetzt käme es darauf an, dieses zu kopieren und etwas mehr in die Fläche zu verteilen. Denn noch ist das Einzugsgebiet gigantisch und es ist keine Seltenheit, dass Kinder 60 km einfache Stecke und mehr wegen dem HB-Zug zur Schule pendeln.

Da ist es für uns zufälliger Luxus, dass er am gleichen Gymi beheimatet ist, das sowieso alle meine Kinder besuch(t)en und dass wir trotz Landkreis im Einzugsgebiet des Stadtbusses liegen, der die Kinder fast direkt von Haustür bis Schultür und zurück bringt.

Für die Kinder weit außerhalb des normalen Einzugsbereiches der Schule ist es dann auch viel schwieriger, bei Bedarf den H-Zug zu verlassen und trotzdem mit den Freunden zusammen zu bleiben.

Für viele Kinder sowohl des Jahrgangs meiner Tochter als auch der nachfolgenden H-Klassen war diese Einrichtung eine große Hilfe nach einer häufig reichlich besch...problematischen Grundschulzeit. Im Grundschulbereich sehe ich da nach wie vor noch viel Handlungsbedarf.

Dort habe ich inzwischen auch hochintelligente Verweigerer kennengelernt, die dann auf der HauptWerkrealschule endenlanden. Und obwohl sowohl diese als auch unsere Grundschule über umfangreiche Förder- und Jugendhilfemöglichkeiten verfügt, ist da nichts wirklich passendes dabei. Dafür ist Hochbegabung einfach zu selten. Es funktionierte schon ganz gut, solche Kinder in mein Angebot (Experimente) zu integrieren, aber das ist eben nur der Tropfen auf den heißen Stein, den ich liefern kann.

Außerschulisch helfen in der Altersgruppe die Angebote der Kinderakademien, auch die Kinderuni steht interessierten und motivierten Kindern offen, regional hat bei uns die aim einiges zu bieten. Für die Grundschulen selbst nennt der Landesbildungsserver aber gerade eine Handvoll  "Grundschulen mit Engagement für hochbegabte Kinder", was auch immer das bedeuten mag. Für Grundschüler ist das Pendeln jedoch noch problematischer als für Gymnasiasten.

Als ich letztens am sehr frühen Morgen mit der Bahn nach Ludwigshafen musste, habe ich unterwegs nicht schlecht gestaunt, wie viele Schüler -auch sehr junge Kinder- mit ihren Schultaschen im Raum Rhein-Neckar zu nachtschlafender Zeit durchaus weite Strecken zurücklegen. Also selbst im Ballungsgebiet scheint nicht selbstverständlich zu sein, die passende Schule um die Ecke zu haben.

Ich stand auch mit meinem Sohn schon kurz davor, ihn in die Landeshauptstadt pendeln zu lassen, konnte mir das aber (inklusive Schulgeld) nicht leisten. Irgendwie bin ich jetzt aber auch froh, dass er nicht so viel seiner Lebenszeit an die Deutsche Bahn verschwenden muss.

Ich möchte nicht unterschlagen, dass viele Grundschulen je nach ihrem Schwerpunkt viele interessante musische, künstlerische, sportliche oder sonstige Projekte stemmen, in denen sich auch hochbegabte Grundschüler austoben können. In der Breite und mit System speziell für Hochbegabte scheint aber noch immer das billige, jedoch im Sozialleben nicht unproblematische Überspringen das Standardangebot zu sein. Ich hoffe, dass sich da noch mehr tut.

LG
Steffchen 
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Re: Wie steht es um die HB-Förderung im deutschen Schulsystem?

Beitragvon Hanghuhn » 16. Februar 2014 18:10

Die größte Herausforderung dürfte sein, ein Underachievement erst gar nicht entstehen zu lassen. Da ist vor allem in den Kindergärten und Grundschulen großer Handlungsbedarf. Unter den heutigen gegebenen Umständen ist das für die Erzieher/Innen und GS-Lehrer/Innen kaum bis gar nicht leistbar.

Soweit mir bekannt ist, haben damit alle PISA-Teilnehmer-Länder ein Problem.

Vor sehr langer Zeit hatte ich einen Bericht über eine Hochbegabtenschule oder -klasse gesehen. Das muss schon sehr lange her sein. Damals hatte ich noch kein Kind oder zumindest kein Schulkind. Die Eltern stellten Anträge, damit ihre Kinder aufgenommen werden konnten. Aufnahmebedingung war nicht unbedingt Hochbegabung, aber doch besondere Begabung - in welchem Bereich? - ich weiß es nicht mehr. Aber auf diese Art könnte man an jedem größeren Gymnasium eine HB-Klasse oder Begabtenklasse installieren.

Bei all den Angeboten und Anforderungen steht für mich immer noch im Raum, dass es nicht sein darf, dass die Schule den gesamten Freizeitbereich in Anspruch nimmt. So vielfältig kann gar kein Angebot sein, dass es die Interessen der Schüler abdeckt. Da gibt es ja auch recht exotische Interessen.

Wenn ich an das "oppositionelle Verhalten" meines großen Kindes denke, würde es wohl ausreichend sein, dass sich die Schule sein ureigenstes Interesse auf die Fahnen schreiben würde, schon wäre das Fachgebiet vollkommen uninteressant. Aber das ist jetzt eine Unterstellung von mir, ich habe bei meinem Kind nicht konkret nachgefragt.
LG Hanghuhn
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Re: Wie steht es um die HB-Förderung im deutschen Schulsystem?

Beitragvon No User » 16. Februar 2014 20:00

Ja, Herausforderung kannst du laut sagen, ich hätte da auch kein Patentrezept.

Wie ist das mit der Freizeit:

Laut Kultusministerkonferenz darf sich eine Schule "Ganztagsschule" nennen, wenn sie an mindestens drei Tagen in der (Schul-)Woche ein ganztägiges Angebot bietet, das mindestens 7 Zeitstunden umfasst. Also das wäre schon erfüllt mit Montag als Schontag, Di., dann Mi., Do. von 8:00 bis 15:00 inklusive Mittagessen und Freitag halb eins macht jeder seins. Oder sagen wir realistischer 11:15 Uhr.

Aber so "viel" Ganztag schafft unser Gymi gar nicht, auch nicht im H-Zug. Schauen wir mal stattdessen ein tatsächliches Ganzags-Gymi an, etwa das Elly, ehemals "Höhere Töchterschule": Da gehen 4 "ganze" Tage in der Woche Mo.-Do. inklusive Unterricht, Essen, Schülerbibliothek, Betreuung, "Sport am Mittag", Hausaufgabenbetreuung und Arbeitsgemeinschaften von 8:00 Uhr 15:30 Uhr. Damit sind die Ganztagsschüler garantiert deutlich vor ihren ganztags arbeitenden Eltern wieder daheim und haben dann schon Hausaufgaben und einige Hobbies (Fußball, Chor, Entspannungsübungen, Streicher, Garten, Cheerleading,...) hinter sich. Lediglich die Musical-Fans und fortgeschrittene Schachspieler bleiben dienstags auch mal bis 16:25 Uhr in der Schule.

Als offenes Ganztagsangebot lässt sich das freiwillig inklusive Mittagessen für 55€ im Monat komplett buchen oder pro Wochentag für 14€ monatlich. Kann man echt nicht meckern. Nun ist das auch an den "ganzen" Tagen weniger als ein Drittel des Tages. Und komplette Schulwochen verbrauchen für Vierfachganztagsschüler je nach Freitagsstundenplan etwa ein Fünftel (20 %) der Kalenderwoche. Ein Jahr hat gut 52 Wochen, aber nur 38 Schulwochen. Durch Ausfall wegen Krankheit (der Lehrer), Abiturprüfungen, pädagogischen Tag, Feiertage, Abistreich usw. bleiben davon höchtens 33 Wochen übrig. Ich lasse mal unberücksichtigt, dass in den letzten Wochen vor den Ferien, insbesondere den Sommerferien sowieso nicht wirklich mehr unterrichtet wird.

Jedenfalls verbringt auch der Ganz-Ganztagsschüler keine 13 % des Jahres in der Schule. Zum Vergleich: Für halbwegs gesunde Lebensweise sollten Jugendliche 9-10 Stunden täglich schlafen, also um die 40 %. Dass solche Schlafzeiten in der Realität kaum erreicht werden, liegt witzigerweise stark an den bescheidenen 13 % Schule. Aber nicht an deren Länge, sondern an deren frühem Beginn. Denn deswegen früher zu Bett gehen hilft dagegen nur begrenzt, wenn der Biorhytmus so nicht mitspielt.

Das darf alles nachgerechnet werden, da ist kein Trick dabei.

Bei meinen Kindern kann ich nicht erkennen, dass die Schule ihnen die Freizeit rauben würde. Allzu ewig halten sie sich nicht mit Hausaufgaben und Lernen auf, nur dass das kurz vorm Abi etwas zunimmt, sollte selbstverständlich sein. Aber da war nicht nur immer Raum für Hobbies wie Handball, Musikschule, Rudern, Fahrschule, Pfadfinder, für taschengeldaufbessernde Jobs wie Zeitungaustragen, Babysitting, Nachhilfe geben, Kinderakademie-Kids betreuen usw. Da blieben auch mehr als genug vor PC, TV, Konsole und Smartphone vertrödelte Stunden, Chillen, Abhängen, Quatsch machen,...

So sehe ich Schule weit davon entfernt, "den gesamten Freizeitbereich in Anspruch" zu nehmen. Mit dem häufig zu hörenden Gejammer über G8 stimmt etwas nicht: Wenn man in die Terminkalender der ach so gestressten Schüler blickt, springt einem oft eine Menge Stress ins Auge, der mit Schule rein gar nichts zu tun hat.

Den Satz mit dem oppositionellem Verhalten habe ich auch nach wiederholtem Versuch nicht verstanden, sorry.

LG
Steffchen

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