Wirklich Hochbegabung?

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Wirklich Hochbegabung?

Beitragvon reneh » 24. Juli 2011 20:42

Das sagt die Seite Schulpsychologie dazu:

In den Schulen werden mehr als die Hälfte der tatsächlich hochbegabten Schülerinnen und Schüler von ihren Lehrerinnen und Lehrern nicht erkannt,
während zwei Drittel der Eltern ihre Kinder fälschlicherweise als hochbegabt ansehen.
wuselit
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Re: Wirklich Hochbegabung?

Beitragvon wuselit » 24. Juli 2011 21:16

... und für die meisten Schulen sind HochLEISTER identisch mit Hochbegabten  :eusa_doh:
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EmmaGSLehrerin
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Re: Wirklich Hochbegabung?

Beitragvon EmmaGSLehrerin » 24. Juli 2011 21:59

Hmmm... steh ich auf der Leitung?

Wie habt ihr das verstanden:

In den Schulen werden mehr als die Hälfte der tatsächlich hochbegabten Schülerinnen und Schüler von ihren Lehrerinnen und Lehrern nicht erkannt


Hieße im Umkehrschluss: Die andere Hälfte der Hochbegabten wird von den Lehrern erkannt.

Was heißt nun "erkennen"?
Weiter unten in Renés link steht ausdrücklich (und richtig):

Deshalb gehört die Diagnose von Hochbegabung ausschließlich in die Verantwortung von Diplom- Psychologinnen und Diplom- Psychologen und - sofern sie Fragestellungen betrifft, die in Zusammenhang mit Schule stehen - ausschließlich in den Zuständigkeitsbereich von Schulpsychologinnen und Schulpsychologen.


Die Lehrer erkennen also keine Hochbegabung im Sinne einer Diagnostik. Aber was ist dann mit "erkennen" gemeint? Sind das die Fälle, in denen Lehrer einen Verdacht geäußert haben, der im Nachhinein bestätigt wurde?



Und wie interpretiert ihr das hier:

während zwei Drittel der Eltern ihre Kinder fälschlicherweise als hochbegabt ansehen.


Was sind das für Fälle? Wurde Eltern da das Ergebnis des IQ-Tests falsch kommuniziert? Oder sind das die Eltern, die mit ihrem Kind beim Schulpsychologen mit Verdacht auf Hochbegabung vorstellig wurden und bei denen sich dieser Verdacht nicht bestätigte?

Whatever.......
Es gibt inzwischen pädagogische Ansätze, die davon ausgehen, dass jedes Kind eine besondere Begabung hat. Es wurden Konzepte entwickelt, wie man diese erkennen und fördern kann. Im Sinne von: Hat ein Kind erstmal Erfolgserlebnisse in einem Bereich, in dem es begabt ist, so wirkt sich dieser "Auftrieb" auch auf Lernbereiche positiv aus, in denen es sich schwertut.

Auch das ist Inklusion: Das Schubladendenken "normale" versus "hochbegabte Kindern" schlichtweg abzuschaffen.
Damit erspart man sich auch diese grausigen Diskussionen à la: "Hochbegabung ist eine Behinderung unter vielen"
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Re: Wirklich Hochbegabung?

Beitragvon reneh » 24. Juli 2011 22:22

Jupp Emma, ich gebe Dir voll und ganz recht.
Die ganze Diskussion über HB oder nicht, gehört imho in den Mülleimer.

Ich fand den Link und die Aussage nur sehr spannend und daher habe ich ihn hier abgelegt.

Das heisst nicht, dass das meine Meinung ist.  :ja:
Aber davon bist Du ja auch nicht ausgegangen. :wu:
Zuletzt geändert von reneh am 24. Juli 2011 22:23, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Wirklich Hochbegabung?

Beitragvon EmmaGSLehrerin » 24. Juli 2011 22:28

Hi René,

spannend find ichs auch. Noch spannender fänd ichs, wenns emmagerechter erklärt wäre.

Ich kapiers halt nicht...  ist aber nicht so wichtig, denn ich ziele auf denselben Mülleimer wie du... :froi1:
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Re: Wirklich Hochbegabung?

Beitragvon No User » 25. Juli 2011 01:25

Traurig, wenn selbst Schulpsychologen nicht in der Lage sind, sich verständlich auszudrücken und dabei auch konkret etwas auszusagen.

Zum Glück kann Emma sich emmagerecht ausdrücken und dem bleibt wenig hinzuzufügen.

Es ist weder die Aufgabe von Eltern noch von Lehrern, zu messen, ob der IQ die 130er Marke über- oder unterschreitet - mehr sagen die Ettiketten der Schubladen "HB" und "nicht HB" sowieso nicht aus - sondern es sollte beider Ziel sein, die individuellen Begabungen der Kinder zu erkennen und zu fördern, HB hin oder her.

Dem einen oder anderen Lehrer möchte man dennoch etwas mehr Fantasie gönnen, sich vorzustellen, dass manches unerwünschte Verhaltenn und manche mangelhafte Leistung auch noch andere Ursachen haben könnte als Faulheit, Dummheit und falsche Erziehung.

Ich bin mir sehr sicher, dass NICHT zwei Drittel der Eltern(-teile?) ihre Kinder (oder eines ihrer Kinder?) für hochbegabt halten. So etwas daraus zu schließen, dass ggf. nur ein Drittel der mit HB-Verdacht bei den Schulpsychologen vorstellig werdenden Eltern diesen bestätigt bekommen, zeugt doch von einer arg beengten Weltsicht. Es gibt auch noch Leben jenseits der schulpsychologischen Beratungsstellen.

Ohnehin verstehe ich das Problem der Schulpsychologen nicht. Eltern kommen mit einer Frage zu ihnen, die sie in zwei Drittel der Fälle mit "Nein" beantworten müssen. Na und? Ist auch ein Erkenntnisgewinn. Eine etwas genauere Antwort wäre aber noch hilfreicher, z.B. "Ihr Sohn  hat ein sehr gutes räumliches Vorstellungsvermögen und kann mathematisch-logische Probleme bestens analysieren, im Bereich der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten hat er aber noch Nachholbedarf..."

LG
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Re: Wirklich Hochbegabung?

Beitragvon Shadow » 29. Juli 2011 06:41

Das Thema Hochbegabung ist in unserer Gesellschaft ein Randthema.

Nicht nur das die Kinder manchmal nicht erkannt werden, es gibt im aktuellen Lehrplan keine ausreichenden Fördermöglichkeiten. Die Rasenmäher - Methode, alle zu fördern, wird auch nicht funktionieren. Es gibt aber Schultypen die diesen Kids eher entgegen kommen.
Wenn dort dann auch noch Lehrer sind die das Thema aufgreifen und diese Kids  individuell abholen können, wo sie stehen, dann entfalten diese Kinder ihre Fähigkeiten.

HB Kids und Jugendlicher müssen anders geführt und angesprochen werden.

Bei meinem Sohn kann ich mich an ein Gespräch mit dem Doktoranden erinnern, der ihn Monate lang getestet und begleitet hat.
"Das Lehrerteam an der Schule ihres Sohnes ist für ihn nicht geeignet" Dieser Satz hat mich echt umgehauen, weil ich mir dachte, was jetzt. Ausbildung muss sein. An HB hatte zuvor keiner gedacht, eher an das Gegenteil. ADHS kam  ja auch noch dazu, das war damals primär im Fokus.

Der Test , durchgeführt von einer qualifizierten Person, ist unerlässlich, wobei das nicht nur Schulpsychologen feststellen können. Sonst sollte man von Hochbegabung nicht sprechen.

Eltern neigen immer dazu das klügste, schönste und netteste Kind der Welt zu haben. Das ist ja auch gut so, nur Entscheidungen sollte man erst nach einem Test fällen.

Liegt  HB vor, dann kann man auch eine Mitgliedschaft bei "Mensa" ins Auge fassen, da sich dort die Kids  austauschen können und die Eltern gute Infos und Erfahrungsberichte über Schulen bekommen. Die Mensa Kids sind dort in ihrer eigenen Welt, vernetzen sich über Internet,  und  es gibt regelmäßig Event s.  So entspannt sich vieles, was vorher schwierig war. Gerade in den Flegeljahren sehr empfehlenswert  :ja:

L.G. S.
Zuletzt geändert von Shadow am 29. Juli 2011 06:43, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Wirklich Hochbegabung?

Beitragvon EmmaGSLehrerin » 29. Juli 2011 13:30

Hallo Shadow,

dass Kinder mit außergewöhlich hohem IQ individuell gefördert und angesprochen werden müssen, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Das Problem ist, dass man ganz schnell in einer schwierigen elitären Diskussion landet.

Übrigens ähnlich wie bei der Diskussion über Teilleistungsschwächen: Ein Kind, das schlecht im Lesen und Rechtschreiben ist, sich bemüht, auf keinen grünen Zweig kommt und bei dem eine LRS diagnostiziert wird, erhält einen Nachteilsausgleich. Es bekommt mehr Zeit bei Klassenarbeiten eingeräumt, bei der Benotung wird Rücksicht genommen, evtl. wird durch das Jugendamt eine außerschulische Förderung bezahlt, etc.
Ein Kind, das schlecht im Lesen und Rechtschreiben ist, sich bemüht, auf keinen grünen Zweig kommt und bei dem keine LRS diagnostiziert wird, muss mit seinen 5en und 6en leben.

Wieso eigentlich?

[quote="shadow"]Die Rasenmäher - Methode, alle zu fördern, wird auch nicht funktionieren.[/quote]

Es wäre nett, wenn du erstmal nachfragen würdest wie die entsprechenden Konzepte aussehen, bevor du beschließt, dass sie nicht funktionieren. Danke.  :zwink:

Ich durfte zufällig an zwei Nachbarschulen den Vergleich "additiver Ansatz" versus "inklusiver Ansatz" mitbekommen, deshalb kann ich berichten.

An der einen Schule gab es ein Hochbegabten-Projekt. Eltern durften ihre Kinder testen lassen. Ab einem IQ von 120 durfte sich Filius zu den sogenannten "smarties"  :kotz111: zählen und spannende Förderkurse besuchen.
Es entstand, wer hätts gedacht, ein Konkurrenzgerangel sondergleichen. Wir sind smartie, du nicht. Mein Kind ist hochbegabt, hast du deins schon testen lassen? (Antwort einer Mutter: "Nein, wir haben schon 4 Hochbegabte in unserer Straße, das reicht.  :breitgrinse1: :8: )

An der anderen Schule gabs den inklusiven Ansatz: Es wurden für alle Kinder AGs zu verschiedenen Themen angeboten und die Kinder durften frei wählen. Endlich konnten Kinder, die sich ihn Mathe und Deutsch schwer taten, mal mit ihrem Zeichentalent oder ihrer musikalische Begabung punkten. Das Kind mit dem Förderschwerpunkt Lernen konnte im Werkkurs allen zeigen, dass es über ein großes handwerliches Geschick verfügte. Das Kind mit der Inselbegabung in Mathe konnte einen Knobelkurs besuchen usw.

Und genau das meinte ich: Kinder sind nicht "entweder oder...", weder beim Thema Schwächen noch beim Thema Stärken.

Bei einigen Kindern platzte aufgrund dieser Erfolgserlebnisse tatsächlich in anderen Fächern "der Knoten". Ein Effekt, den viele Eltern hier kennen: Erfolg kommt durch Erfolg.

[quote="Shadow"]Bei meinem Sohn kann ich mich an ein Gespräch mit dem Doktoranden erinnern, der ihn Monate lang getestet und begleitet hat.
"Das Lehrerteam an der Schule ihres Sohnes ist für ihn nicht geeignet"[/quote]
Ich weiß nicht, meine Erfahrung ist eine andere. Hochintelligente Kinder lassen sich mit recht geringem Aufwand nach vorne fördern, ganz im Gegensatz zu den Kindern, die sich beim Lernen schwertun. Weil sie im Gegensatz zu den Schwachen gut in der Lage sind, selbstständig zu arbeiten. Den meisten intelligenten Kinder kann man "Futter geben" und sie machen lassen. "Machen" tun sie dann in aller Regel mit wachsender Begeisterung. Natürlich müssen die Ergebnisse gewürdigt und reflektiert werden, doch auch das ist machbar - wenn sich das Kind nicht gerade in einer Riesenklasse befindet. Doch in Riesenklassen ist alles problematisch, nicht nur die Förderung nach vorne.

Vielleicht fehlt mir in diesem Punkt aber auch die entsprechend vielfältige Erfahrung...? Sooo häufig sind hochbegabte Kinder ja nun auch wieder nicht. Ich kann dir auch nicht sagen, wie viele Minderleister mir schon durch die Lappen gegangen sind. Doch das ist ja nun mehr ein Problem der Diagnostik als der Förderung.
Doch wie gesagt, bei den HB-Kindern die ich unterrichtet habe lief es sehr gut wie oben beschrieben. Und es waren auch schon ADHSler darunter.  :zwink:

Lg
Zuletzt geändert von EmmaGSLehrerin am 29. Juli 2011 13:48, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Wirklich Hochbegabung?

Beitragvon Shadow » 31. Juli 2011 04:23

Hallo Emma,

In der GS kann man die Inclusion  realisieren, da ist noch viel Zeit und es sind wenige Fächer.
Ich denke da macht so was auch Sinn. Elitäres Denken ist hier auch noch völlig unangebracht. Mein Sohn hatte bereits vor 9 Jahren offenes Lernen, und ein Pensenbuch (verbale Beurteilung)  bis zur 3. Klasse. Da gab es auch schon Erfolgserlebnisse für alle  :ja:
Zu dieser Zeit war er ein unentdeckter Minderleister.
Erst in der 4. Klasse gab es Noten.


Ab Gym Unterstufe kenne ich nur den additiven Ansatz mit Mathe +, Englisch + ,Theaterwerkstatt, Sprachwerkstatt, zusätzliche Fremdsprache, ECDL, Musikinstrument ... . "Bei entsprechender Begabung heißt es und max 2 Inskriptionen"
Damit kann sich der begabte Schüler vertiefen, allerdings langweilt er sich trotzdem im Regelunterricht.
Die Geschwindigkeit orientiert sich ja meist an den schwächsten Schülern.
Man muss akzeptieren dass es unterschiedliche Geschwindigkeiten gibt.


"Das Lehrerteam an der Schule ihres Sohnes ist für ihn nicht geeignet" bezieht sich auf  Verhalten , Unterrichtsmethodik der Lehrkräfte und dem Geist an diesem Gymnasium. Gymnasium Professoren sind meiner Meinung auch keine Pädagogen.
Hochbegabte lernen zwar leicht und schneller, aber sie verlieren extrem schnell das Interesse bei langweiligem Unterricht, flüchten in ihre Welt, träumen,schlafen wenn das Umfeld nicht stimmt. Sie bekommen auf Antworten oft negative Rückmeldungen, weil sie anders Denken.Missverständnisse sind an der Tagesordnung.  Auch gibt es ständig Ärger in Mathe, wenn sie Nebenrechnungen nicht brauchen und alles im Kopf rechnen, oft wird Betrug unterstellt. Nicht selten produziert die Schule aus HB Schulversager, die sich dann selbst für dumm halten.
Mit ADHS wird die Sache auch nicht einfacher.

Es gibt auch Vorteile, weil manche Begabungen in klingende Münze wandelbar sind, nur ist das nicht bei jedem Hochbegabten so.


L.G.
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Zuletzt geändert von Shadow am 31. Juli 2011 04:31, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Wirklich Hochbegabung?

Beitragvon EmmaGSLehrerin » 31. Juli 2011 11:52

Hallo Shadow,

du hast völlig Recht, für die weiterführenden Schulen fehlen mir die Erfahrungswerte.  :ja:

Man darf gespannt sein, wie sich dort die Schullandschaft in den folgenden Jahren entwickeln wird.

Lg
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Re: Wirklich Hochbegabung?

Beitragvon Shadow » 31. Juli 2011 14:33

.. noch ein Problem gibt es, die  Frage der sozialen Integration von HB.

Tritt auf , wenn

- Kinder 1-2 Klassen überspringen und dann 2-3 Jahre jünger sind als die Mitschüler.

- 14 Jährige als außerordentliche Hörer an Universitäten in  Vorlesungen sitzen.

- später im Berufsleben, wenn gestandene Akademiker auf HB Jugendliche treffen und feststellen, dass diese bereits in einzelnen Bereichen über größeres Wissen verfügen, dann ist Neid und Missgunst nicht weit.

Manche Firmen gieren aber geradezu  nach  den jungen Querdenkern.

HB ist eben nicht nur Segen sondern auch ein Fluch, der für die Familien der Betroffenen sehr fordernd sein kann.

Deshalb sind Organisationen wie Mensa sehr wichtig, da kennt man die Probleme und meist auch einen Lösungsansatz.

Oberflächlich betrachte sieht  Mensa wie ein elitärer Verein aus, dem ist aber nicht so.

L.G. S.
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Re: Wirklich Hochbegabung?

Beitragvon Olav van Gerven » 6. September 2011 19:53

Am Ende des Threads angefangen:

# Für hochbegabte Kinder ist Akzeptanz wichtiger als Integration. Ungeachtet ob sie eine oder mehrere Klassen überspringen.

# Im Berufsleben wird jeder Hb für Vorgesetzten zu eine Bedrohung, wenn er zeigt, Zusammenhänge schneller zu erkennen und sich innerhalb sehr kurzer Zeit Wissen angeeignet hat, wo der Vorgesetzte mehrere Jahre für gebraucht hat. Dabei ist es völlig unwichtig ob Arbeitnehmer oder Chef studiert haben.

# In den meisten weiterführende Schulen ist die Teilnahme an Begabtenförderung gebunden an den Notenschnitt - und nicht an der Begabung des Schülers. Nichts gegen Leistungsförderung einzuwänden, m.E. sollte man es dann aber auch so nennen.

# In der Gausche Normalverteilung kann man ablesen, dass nur ca. 2,23% einen IQ von 130 oder höher haben. Als Schlussfolgerung daraus ergibt sich, dass nur ca. 2,23% der Kinder hochbegabt ist. Es gibt kein wissenschaftlichen Beweis dafür der belegt, dass die Normalverteiling nicht auch für Lehrkräfte gilt - somit findet man auch unter Lehrkräfte nur eine begrenzte Zahl von HBs. Die Folge davon - viele Lehrkräfte verstehen einfach nicht wie HBchen "ticken" und haben deswegen erhebliche Probleme damit diese Kinder auch entsprechend zu fördern. Die "gute" Lehrkräfte finden aber Mittel und Wege und lassen mal "Fünf gerade sein..." wenn es um das Kind geht. Die weniger Gute werden dogmatisch, erfahren das Kind als eine Bedrohung der "Ordnung" in der Klasse und werden es versuchen auszubooten.

# Die Rahmenpläne und Schulgesetze bieten eigentlich sehr viele Möglichkeiten zur Förderung, wenn man sich nicht selbst einschränkt und nur das macht, was explizit erlaubt ist.

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Re: Wirklich Hochbegabung?

Beitragvon Shadow » 7. September 2011 01:42

Für hochbegabte Kinder ist Akzeptanz wichtiger als Integration. Ungeachtet ob sie eine oder mehrere Klassen überspringen.

Das ist falsch, den Integrationsaspekt kann man nicht außen vor lassen, Klassen überspringen nicht um jeden Preis.Wenn der Preis Mobbing vom Feinsten ist, dann sollte man es lieber lassen.
Das hängt einfach von den Gegebenheiten ab. Ich kenne einige Eltern die sich dagegen entschieden haben.

m Berufsleben wird jeder Hb für Vorgesetzten zu eine Bedrohung

Ja, das stimmt,Jugendliche/ junge Erwachsene sind davon jedoch besonders betroffen und können damit sehr schwer umgehen. Firmen mit Metorenprojekten  nehmen sich des Problems aber an.

In den meisten weiterführende Schulen ist die Teilnahme an Begabtenförderung gebunden an den Notenschnitt

In den mir bekannten Schule in Österreich wird das in jedem Gegenstand getrennt bewertet. Mathe+ kann besucht werden wenn, Mathe Note 1-2 ist oder einfach noch Platz ist .
Was der betreffende Schüler in Englisch hat ist völlig irrelevant. Deutschland ist in der Schulfrage  in die Bundesländer zersplittert, ich kenne mich da noch nicht mal in Bayern wirklich aus.

Gauß und Statistik :

Erst mal sind ca. 5-10 % der Lehrkräfte für den Lehrberuf völlig ungeeignet, diese schwarzen oder "doofen" Schafe bekommt man derzeit aus dem Schulbetrieb nicht los.

Der gute alte Gauß gilt natürlich  für die Gesamtbevölkerung, aber nicht jeder  Lehrer muss  HB sein um solche Kinder zu unterrichten.
HB Lehrer wissen nicht automatisch besser, wie HB Kids ticken.  Bei Mensa krachen auch gelegentlich Ideologien aufeinander ^^
Ich habe gute Erfahrungen mit Technikern ( DI oder DR. tech) gemacht, die schaffen es irgendwie besser meinen Sohn zu erreichen.
Den Schultyp HTL gibt es in Deutschland nicht, ein techn Gymnasium wird ihm nicht gerecht. .
Beispiel: http://htl.moedling.at/
In diesem Schultyp sammeln sich sehr auch gerne  HB an, dort stimmt dann die Gauß Verteilung sicher nicht mehr ^^
In der Mathematik und Technik lässt die HB auch viel einfacher ausleben. 
Wenn da 2 im Unterricht still an ihrem Sonder-Projekt arbeiten stört sich keiner daran, auch wenn sie den Klassenraum verlassen.
Auch ein Coaching kombiniert mit Tutoren/Mentorensystem für Mitschüler ist denkbar.

Die Rahmenpläne und Schulgesetze bieten eigentlich sehr viele Möglichkeiten zur Förderung

Ja, das tun sie, es hängt aber immer an der Bereitschaft der Lehrkraft und auch an der Schülerzahl in der Klasse.
Diese Förderung ist ein Mehraufwand für den Lehrer, weil er zusätzliche Unterlagen erstellen muss und sich zusätzlich vorbereiten muss.
Das Ego der Lehrkraft muss auch ertragen, das ihre Schüler in Teilbereichen sehr schnell weiter sind als die Lehrer.


Die Sir Karl Popper Schule, ein Gymnasium in Wien  verfolgt hingegen einen anderen Ansatz http://www.popperschule.at/ . Sie ist speziell auf HB abgestimmt.
Sie wurde unter anderem von  Dr. Andreas Salcher gegründet, einem österr. Schulkritiker, der vllt Olaf sogar ein Begriff ist.
Ich hatte diese Schule für meinen Sohn im Auge, er entschied sich aber dagegen und nahm die HTL.

Olaf du verfolgt mit seinem Konzept einen viel früheren Ansatz - bereits in der Grundschule.
Bei meinem Sohn wurde das erst in der 8.Klasse bekannt und Sir Karl Popper setzt auch erst ab der 5. Klasse an.

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Re: Wirklich Hochbegabung?

Beitragvon Olav van Gerven » 7. September 2011 11:02

Um wieder am Ende anzufangen: Wir setzen deswegen in der Grundschule schon an (und sind dabei jetzt auch Kindergarten und erste Klasse einzubeziehen), weil Vorbeugen besser für die Kinder und billiger für die Bildungsbehörden ist als Jahre später etwas reparieren zu müssen.

Salcher ist ein Begriff, ich habe mich vor einige Jahreim Rahmen der ECHA-Ausbildung auch in Wien mit Leute getroffen. Allerdings bin ich (bis auf wenige Ausnahmen) einen Gegner von spezielle HB-Schulen. HBs müssen lernen Ideen und Arbeiten auch mit anderen zu kommunizieren. Das wird aber schwer, wenn sie sich "immer" in eigene Kreisen befinden, besonders dann, wenn sie gedankliche riesen Sprünge machen die "Muggles" nicht nachvollziehen können. Sie müssen halt lernen "dumm zu denken", ganz wichtig auch für ihr Berufsleben.

Das 10% der Lehrkräfte ungeeignet sind trifft zu, aber das gilt auch für 10% der Ärzte, der Polizisten, der Poltiker (ok, da mag der Anteil höher sein), oder alle andere Berufe. Aus meiner Sicht (35 Jahre Arbeitserfahrung, im Schnitt alle 4 Jahre einen anderen AG, andere Berufszweig und anderes Land) findet man diese Kategorie in jedem Beruf. Für Lehrer empfehle ich in solche Fälle, sie sollen doch Pinguine am Nordpol unterrichten (und für die die sagen, da gibt es keine Pinguine, stimmt, ich optimiere eben die Schadensbegrenzung...)

Differenzierung und Ausschöpfung der Rahmenpläne muss nicht zwangsweise mehr arbeit für Lehrkräfte bedeuten. Es reicht wenn sie lernen innerhalb einer Schule miteinander zu kommunizieren - und nicht nur wer dieses Mal den Kaffee ins Lehrerzimmer stellen soll. Innerhalb eines Fachbereiches unter einander austauschen, bei mehrere Lehrkärfte innerhalb eines Jahrganges die Niveaus auteilen udn dann die Aufgaben austauschen etc. es ist möglich - wenn man will.

Ich habe in ein Forum für HB-Jugendlichen mal die Frage gestellt, was wichtiger wäre Akzeptiert zu sein in der Klasse oder integriert zu sein. Keiner der Schüler hatte das Bedürfnis integriert zu werden, sie waren bereit zusammen zu arbeiten, ihre Kenntnisse zu teilen, anderen zu helfen, aber sie mussten nicht unbedingt mit denen auch noch die Discos durchstreifen. Sie wünschten sich viel mehr von der Klasse endlich akzeptiert zu werden so wie sie sind. Als Sport nicht das elitäre Golf, sondern Radball spielen zu können ohne ausgelacht zu werden. Als Musik Rachmaninow oder This van Leer hören zu können, ohne sich unter Druck gesetzt zu fühlen weil sie Spears, Lopez oder diese Gastrojungs aus dem Osten (Tokyo Hotel hießen die glaube ich) hören zu müssen.
HBs dürfen nicht erwarten, dass jeder sie versteht, sie dürfen aber erwarten, dass sie akzeptiert wrden - ohne sich verbiegen zu müssen.

Und was Mobbing nach Spingen angeht: Da steht das Problem in alle mir bekannte Fälle VOR der Klasse. "Na Proffessor, erzähle Du mal wie es deiner Meinung nach wirklich ist..." am ersten Tag in der neuen Klasse (O-Ton eines Lehrers in der 5. Klasse!) reicht um alles kaputt zu machen - inklusive die Motivation des betreffenden Schülers. Es ist nicht ohne Grund dass das Landesgericht Zweibrücken in sein Mobbingurteil die Schulen und Lehrer eine sehr hohe Verantwortung zuspricht.

Olav
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Re: Wirklich Hochbegabung?

Beitragvon Shadow » 7. September 2011 17:57

Vorbeugen besser für die Kinder und billiger für die Bildungsbehörden ist als Jahre später etwas reparieren zu müssen


Ja, das ist natürlich super, wenn man da schon wirklich viele erwischt und auffangen kann.

Sie müssen halt lernen "dumm zu denken", ganz wichtig auch für ihr Berufsleben


Sie müssen ihre Gedanken auf Basis- Niveau erklären können, Abiturienten sind aber nicht dumm ^^. Im Mathe z.B. Zwischenrechnungen aufschreiben, die sie niemals selbst benötigen, aber der Professor braucht sie halt.
Den Lösungsweg qualitätsgesichert dokumentieren, in logischen aufeinander folgenden Schritten, so sag ich es meinen Mitarbeitern immer. "Dumm denken" verlange ich von keinem, ich verlange nur eine so hohe  Qualität dass auch die Putzfrau oder ein Politiker dann auch versteht was wir tun.  :ichboss:

Das 10% der Lehrkräfte ungeeignet sind trifft zu, aber das gilt auch für 10% der Ärzte, der Polizisten, der Poltiker


Ja,das stimmt zwar, aber bei den Lehrern ist das fatal, die haben Multiplikatorfunktion. Solche Lehrer können massenweise Leben ruinieren.
Das schlimme ist ja dass man die recht bald kennt. Die Schulrektoren/direktoren können sich ihre Lehrer nicht aussuchen, sie können sich auch von solchen schwarzen Schafen nicht trennen.
Die Lehrergewerkschaft ist so mächtig in Österreich, die blockieren Reformen, schützen solche Kollegen.  Die deutsche Rechtslage kenne ich noch nicht, hatte da (noch) kein Schulkind.

"Na Proffessor, erzähle Du mal wie es deiner Meinung nach wirklich ist..." am ersten Tag in der neuen Klasse (O-Ton eines Lehrers in der 5. Klasse!) reicht um alles kaputt zu machen


So ein Lehrer hat in diesem Job nichts verloren.

Keiner der Schüler hatte das Bedürfnis integriert zu werden, sie waren bereit zusammen zu arbeiten, ihre Kenntnisse zu teilen, anderen zu helfen, aber sie mussten nicht unbedingt mit denen auch noch die Discos durchstreifen

Also da kann ich nur sagen, da habe ich andere Erfahrungen, meiner zieht mit seinen Kameraden um die Häuser wenn er sonst nichts vor hat, auch wenn er sehr ausgebucht ist. Er ist definitiv lieber mitten drinn, als außen vor.
Die Mobbing-Phase liegt hinter ihm, das hatten wir von 10-12 J sehr intensiv, die will er definitiv nicht wieder. Die Altersstruktur in seine Klasse ist sehr heterogen 15-19J, durch einige Spätberufene. Er ist jetzt 15, integriert und auch akzeptiert und geht gerne zu Schule. Übersprungen hat er nicht. Andere Kinder aus meinem Bekanntenkreis, die übersprungen haben hatten arge Kämpfe durchzustehen, eine wechselte sogar nach 4 Monaten wieder zurück. Ich bin eher für ein Modell außerschulischer Belastung mit Sport und Arbeit. Das hat sich bei uns bewährt und meinem Sohn das innere Gleichgewicht wieder gegeben. Die Schule trägt auch durch Sonderregelung ihren Beitrag, vor allem nützen die seine Arbeitskraft und Möglichkeiten gerne aus.

L.G.S.

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