Wie wichtig ist die Asperger-Diagnose?

Dieses Board ist auch für Gäste sichtbar!
Antworten
dorisundmaria
Andersweltler
Beiträge: 12
Registriert: 27. April 2013 21:35

Wie wichtig ist die Asperger-Diagnose?

Beitrag von dorisundmaria » 23. März 2015 08:35

Hallo!

Unsere Tochter (10) hat vor 2 Jahren die ADS-Diagnose erhalten. Für mich war das ein Schock. Sie war immer eher anstrengend, aber ich hätte niemals ein so massives Problem dahinter vermutet. Sie wird seitdem mit Medikamenten behandelt, zur Zeit Ritalin LA 40 und nach Bedarf 10 mg MPH unretardiert am Nachmittag; außerdem seit 10 Monaten mit Verhaltenstherapie.

Je älter sie wird, um so schwerer wird es für sie, sich in Gruppen zu integrieren.
Seit einem halben Jahr macht sie Geräteturnen im Verein und hat bisher zu keinem der Mädchen wirklich Kontakt aufgenommen.
In der alten Klasse wurden die Freundschaften nach und nach weniger - immer mehr Freundinnen riefen nicht mehr an, sie wurde nicht mehr zu Geburtstagen eingeladen. Zum Schluss blieben 1 oder 2 Mädchen, mit denen sie sich traf. Die Verabredungen gingen dann auch immer von ihr aus.

Gestern abend berichtete sie mir, dass sie auch in der neuen Klasse (Gymasium seit September) keine Freundinnen hätte und immer alleine wäre. Niemand will mit ihr spielen, sie zieht sich in den Pausen am liebsten alleine in die Schulbücherei zurück. Aus Angst vor Ablehnung geht sie auch auf niemanden mehr zu, bleibt lieber alleine.
Nach diesem Gespräch gestern fühlte ich mich völlig hilflos.

Es fällt mir immer wieder auf, wie schwer sie sich mit der Interpretation von Gefühlsäußerungen tut. Wie ausdruckslos sie selbst manchmal ist, dass sie nur in Kontakt mit Menschen, die sie wirklich gut kennt, offen und fröhlich ist (z. B. ihrer Pfadfindergruppe, in der sie seit 3 Jahren Mitglied ist) Dass sie immer wieder Annäherungsversuche von anderen Kindern missversteht bzw. gar nicht wahrnimmt  - und wenn diese sich dann zurückziehen, weil sie keine Resonanz erfahren, fühlt sie sich verletzt.

Ihre Therapeutin  hat mich beim letzten Termin auf  möglicherweise vorhandene autistische Züge hingewiesen. Sie hätte den Verdacht aufgrund einiger Beobachtungen, sie rät zur Diagnostik. Ganz ist das sicher nicht von der Hand zu weisen.

Aber ich habe Angst davor, ihr noch einen Stempel auf die Stirn zu drücken.
An der derzeitigen Behandlung würde sich sowieso nichts ändern, Medikation würde bleiben genau wie Therapie.

Welchen Nutzen sollte also eine neue Diagnose bringen?

Hat euch das Wissen um die Erkrankung wirklich geholfen?

lg
dorisundmaria
Benutzeravatar
Sheherazade
Foruminventar
Beiträge: 2569
Registriert: 19. Februar 2012 16:20

Re: Wie wichtig ist die Asperger-Diagnose?

Beitrag von Sheherazade » 23. März 2015 09:38

dorisundmaria hat geschrieben: Aber ich habe Angst davor, ihr noch einen Stempel auf die Stirn zu drücken.
Man muss es ja nicht gleich jedem erzählen, wenn es denn so ist.

Mädchen mit Autismus fallen erst recht spät auf, die wirklichen Probleme kommen meist erst mit der Pubertät.
An der derzeitigen Behandlung würde sich sowieso nichts ändern, Medikation würde bleiben genau wie Therapie.
Eventuell wäre aber eine autismusspezifische Therapie ganz sinnvoll, damit deine Tochter lernt, sich so anzunehmen wie sie ist und mit ihren Stärken und Schwächen entsprechend umzugehen. ADS und Autismus haben sehr viele gleichaussehende Symptome, manchmal ist der therapeutische Ansatz aber doch ein anderer.

Unser jüngster Sohn hat Autismus mit begleitender ADHS, er hat in den letzten Jahren sehr von der Autismustherapie profitiert, eine Verhaltenstherapie wegen der ADHS war nicht nötig.

Bei ihm war in den ersten 7 Lebensjahren der Autismus vordergründig, das ADHS kam erst mit ca. 8 Jahren so richtig zum Vorschein, allerdings nur mit einer mangelnden Impulskontrolle, wogegen Medikinet bei ihm sehr gut hilft.

Letztendlich denke ich, dass eine Autismusdiagnostik deiner Tochter nicht schaden wird, eine Diagnose könnte aber beizeiten nützlich sein.
Sohn *2003 - Autist mit komorbider ADHS
Sohn *2001 - ADS
2 Töchter *1998 und * 1989
Schmerz vergeht, aufgeben ist für immer.
Benutzeravatar
Wölfin
Foruminventar
Beiträge: 928
Registriert: 21. April 2009 08:52

Re: Wie wichtig ist die Asperger-Diagnose?

Beitrag von Wölfin » 24. März 2015 06:39

[quote="dorisundmaria"]
Hat euch das Wissen um die Erkrankung wirklich geholfen?[/quote]Ich finde es sehr hilfreich, wenn man weiß, dass Eigenarten oder gar Unfähigkeiten kein böser Wille oder so sind. Es entlastet den Betroffenen doch irgendwie, denn man zweifelt sonst immer an sich selbst. Ich kenne das noch gut von meiner ADHS-Diagnose. Man ist ja trotz Medis nie ganz "normal".

Mein Freund hat die AS-Diagnose ja erst sehr spät bekommen, aber jetzt weiß er, was er einfach nicht kann. Und ich weiß, dass ich akzeptieren muss, wenn er aus einer Situation raus will.

Ich hatte auch mal den Versuch gestartet, eine AS-Diagnose machen zu lassen. Das wäre aber so aufwändig (Fahrerei etc.) und der Leidensdruck nahm damals langsam ab, dass ich es gelassen habe. Gewissheit hätte ich eigentlich schon gerne, aber so lange es so gut klappt, wie im Moment, lasse ich es.
Offizielles ADS-Träumerchen mit HB-Faktor
Antworten

Zurück zu „ADHS & Asperger / Autismus*“