Denken in Bildern - Flashbacks

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Aschenbecher

Denken in Bildern - Flashbacks

Beitrag von Aschenbecher » 30. November 2014 21:35

Hallo!

Mal eine Frage an die Autisten hier...
Denkt ihr in Bildern? Kennt ihr Bild-Flashbacks, die Gefühle auslösen?
Damit meine ich Bilder, die ich innerlich sehe... Bilder, die zum Teil 20 Jahre alt und älter sind...
Bilder, zum Beispiel von Gesichtern, die ich bis heute nicht einordnen kann...
Bilder, oft auch von mir selbst, die kurz intensiv irgendein Gefühl auslösen...
Angst, Scham oder andere, die ich nicht benennen kann...
Die Bilder sind, so alt sie auch sein mögen, so klar, dass ich Details darüber schildern kann...
Ist so etwas typisch für Autismus? Was läuft da nicht richtig in meinem Kopf?
Ohnehin scheine ich alles in Form von Bildern zu denken und abzuspeichern...
Wer kennt das? Was tut ihr damit/dagegen?
Weil
Foruminventar
Beiträge: 517
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Re: Denken in Bildern - Flashbacks

Beitrag von Weil » 1. Dezember 2014 02:55

Was läuft da nicht richtig in meinem Kopf?
Das hat nichts mit Autismus zu tun.
Manche Menschen sehen sehr intensiv innere Bilder, manche sehen gar nichts, die meisten irgendetwas dazwischen.

Wenn du diese Fähigkeit so ausgeprägt hast, dann kannst du sie zu deinem Vorteil nutzen.

Dass Gefühle an die Bilder gekoppelt sind, erklärt sich aus der Art, wie das Gehirn Erinnerungen speichert. 
Es wird nicht nur das Gelernte, Gesehene, Geschehene oder Personen oder was immer, in definierten Neuronen gespeichert, sondern immer auch eine Verbindung, zuzusagen einen Verweis auf alles, was du damit in Verbindung bringst und auf die dazugehörigen Emotionen.

Beispiel: deine Oma.
Deine Oma belegt eine bestimmte Gruppe von Neuronen. Denkst du an sie, werden diese Neuronen angeregt, "gefeuert" und Verbindungen zu einer Fülle von Informationen, die die Oma betreffen.

Du erinnerst dich an ihr Aussehen, ihren Namen, der Klang ihrer Stimme, bestimmte Ereignisse mit ihr, Gespräche mit ihr, über sie, ihre kleinen Füße, die rauhen Hände, den Geruch ihrer Seife, ihre Katze, den Opa, ein Geschenk von ihr, usw.
Zu ihr fällt dir vielleicht ein, dass sie immer diesen guten Kuchen gebacken hat, du kannst dich erinnern wie gut der geschmeckt hat und siehst ihn vor dir. Und vielleicht hast du Erinnerungen, dass sie dich wegen irgendwas ausgeschimpft hat und du dich darüber sehr geärgert hast.

Automatisch werden zu jedem Erinnerungsfragment auch die zugehörigen Emotionen geweckt und ganz real jetzt und hier empfunden. Hier wird nicht die damalige Emotion gespeichert, sondern an den Teil des Gehirns, das Emotionen erzeugt, die Botschaft geschickt - freuen, schämen oder  fürchten usw, je nachdem.

All diese verschiedenen Aspekte zu dieser Person sind in Neuronen abgespeichert und stehen in Verbindung miteinander, auch wenn sie nicht direkt nebeneinanderliegen, verknüpfen sich zu einem Gesamtbild. Selbst wenn nun, weil längere Zeit nicht mehr genutzt, einige Verbindungen schwächer werden oder ganz weggehen, bleiben noch viele andere, die für dich eindeutig "meine Oma" bedeuten.

Nahe beieinanderliegende Neuronon können sich gegenseitig anregen, so kann der Gedanke von Omas Katze dazu führen, dass du an deinen Schulfreund denkst, der auch eine Katze hatte.

Das alles läuft bewußt oder auch unbewußt ab und je nachdem, in welchem Zusammenhang, intensiv oder nur streifend.

Erinnerungsfetzen sind ganz normal. Wenn du lange nicht an etwas denkst, werden die Verbindungen zur ganzen Geschichte schwach. die Erinnerung ist lückenhaft. Oder ein Gedankenfragment wird per Zufall angeregt, die dazugehörige Emotion bekommst du mitgeliefert, weißt aber gar nicht recht, um was es eigentlich geht.

Also, alles im normalen Bereich. Vielleicht hast du aber als Autist besondere Probleme, anflutenden Emotionen einzuordnen oder sie bringen dich besonders schnell dazu, dich deswegen zu sorgen, das weiß ich nicht. 
Aschenbecher

Re: Denken in Bildern - Flashbacks

Beitrag von Aschenbecher » 1. Dezember 2014 06:05

Weil hat geschrieben:
Was läuft da nicht richtig in meinem Kopf?
Dass Gefühle an die Bilder gekoppelt sind, erklärt sich aus der Art, wie das Gehirn Erinnerungen speichert. 
Es wird nicht nur das Gelernte, Gesehene, Geschehene oder Personen oder was immer, in definierten Neuronen gespeichert, sondern immer auch eine Verbindung, zuzusagen einen Verweis auf alles, was du damit in Verbindung bringst und auf die dazugehörigen Emotionen.

Beispiel: deine Oma.
Deine Oma belegt eine bestimmte Gruppe von Neuronen. Denkst du an sie, werden diese Neuronen angeregt, "gefeuert" und Verbindungen zu einer Fülle von Informationen, die die Oma betreffen.
Hallo Weil...  :zwink:

Danke für die tolle Antwort...  :froi1:
Ja, das kann ich meist ganz gut nutzen, das Denken in Bildern...
In der Regel ist das eine Sache, die mich nicht stört, die mir sogar hilft...
Auch Bilder von meiner Oma kann ich sehen, wenn ich an sie denke...
Aber, um bei diesen Beispiel zu bleiben, sehe ich sehr oft ein ganz bestimmtes Bild...
Das ist ein Bild von ihrem Gesichtsausdruck, den ich nie interpretieren konnte...
Interpretieren kann ich diesen Gesichtsausdruck bis heute nicht...
Dieses Bild ist anders als die anderen Erinnerungen... Es taucht sehr oft auf, ist sehr intensiv,
verursacht ein Gefühl, das ich nicht einmal benennen kann.
Mit dem Benennen von Gefühlen habe ich so meine Probleme...
Ich weiß nur, dass es seltsam ist, etwas unangenehm... Und es blockiert mich instantan...
Es lähmt fast... So etwas meine ich mit Flashbacks...
Weil
Foruminventar
Beiträge: 517
Registriert: 18. Dezember 2008 21:04

Re: Denken in Bildern - Flashbacks

Beitrag von Weil » 1. Dezember 2014 16:56

Das kann zB dann passieren, wenn du ein aufwühlendes Erlebnis hattest, die Zusammenhänge aber nicht mehr da sind.

Ich konstruiere mal eine Geschichte dazu.
Nimm mal an, du hattest als Kind einen kleinen Unfall, der für dich mit einem großen Schrecken verbunden war. Deine Oma war anwesend.
Die ganze Angelegenheit hast du vergessen, aber an den Gesichtsausdruck der Oma in dem Moment kannst du dich erinnern, weil sich Dinge tief einprägen, die mit starken Gefühlen verbunden sind und weil du ein ausgeprägtes visuelles Gedächtnis hast.

Nun könnte dieser Gesichtsausdruck der Oma, der dir aus irgendeinem Zusammenhang einfällt oder indem du bewußt an ihn denkst, den du aber nicht interpretieren kannst, weil du den Rest der Geschichte nicht erinnerst, die Emotion wachrufen, die du damals empfunden hast.
Es könnte also sein, dein Omabild drückt liebevolle Sorge oder Belustigung aus oder vielleicht auch einen Vorwurf weil du unachtsam warst und du empfindest bei dieser Erinnerung Furcht, Verzweiflung und Schrecken, weil das deine damalige Empfindung war.

Wenn du als Autist sowieso Probleme hast, Emotionen zu benennen, wird dir diese Kombination erst recht unerklärlich erscheinen. Auch wenn dir so eine Erinnerung beunruhigend erscheint, ist sie im Grunde harmlos. Jeder andere wäre auch erstaunt bis verwirrt.

Grundsätzlich sind Flashbacks ganz normal und nicht notwendigerweise unangenehm, können aber sicher verwirrend oder beunruhigend sein oder zu dem intensiven Gefühl führen, dass etwas fehlt, was dir das Ganze erklärt. 

Schlüsselreize, ähnliche Reize, neue Erfahrungen, bewußte und unbewußte Gedanken bringen ständig die unterschiedlichsten Gruppen von Neuronen zum feuern, ganze Kaskaden von Gedanken und Gedankenverbindungen sind ununterbrochen aktiv.
Das Gehirn ist ständig am arbeiten, vergleicht aktuelle Begebenheiten mit vergangenen, ordnet, verknüpft, vermutet, interpretiert, verwirft und fügt alles in sein Weltbild ein, das in sich immer stimmig sein muss (selbst wenn es noch so absurd ist). Das läuft andauernd im Hintergrund ab, ohne dein Zutun und ohne dass du überhaupt merkst, dass es geschieht.  Deinem Bewußtsein werden nur die Ergebnisse zur Verfügung gestellt.

Manchmal kommt dabei etwas an die Oberfläche des Bewußtseins, was vielleicht wegen heftiger Begleitgefühle irgendwie wichtig scheint und -pling- hast du ein Bild, einen Geruch, einen Klang in dir, mit dem du in dem Moment gar nichts anfangen kannst.

(Das geht auch umgekehrt: dir fällt irgendwas gerade nicht ein, dann denkst du einfach intensiv daran und machst und richtest deine Gedanken auf etwas ganz anderes. In ganz vielen Fällen wird dir später diese Erinnerung von deinem Gehirn serviert werden, weil es sich im Hintergrund damit beschäftigt. Bewußt in den Erinnerung zu kramen führt viel weniger zum Erfolg.) 

Wahrnehmen heißt sich erinnern, das Gehirn greift immer auf Gespeichertes zurück. Beispiel: groß, grün und im Park, das ist ein Baum. Kein weiteres Hinschauen, keine weiteren Gedanken vonnöten. Oftmals täuscht der erste Eindruck, dann wird mit mehr Information der erste Schluss verworfen. Das Ding geht weg? Also kein Baum, ich muss genauer hinsehen.
Der Aufwand, jedesmal den Dingen systematisch auf den Grund zu gehen, wäre wesentlich höher, als erstmal Vergleiche und  Vermutungen anzustellen und sie gegebenenfalls zu revidieren.

Neues wird erstmal darauf abgeklopft, ob es nicht schon bekannt ist. Wenn nicht, dann ordnen wir es nach bekannten Kriterien ein.
Was nicht passt, wird passend gemacht. Erinnerungen werden zurechtgebogen, Vorurteile ersparen uns das Nachdenken, wir sehen, was wir sehen wollen. Das ist gar nichts Negatives, so funktionieren wir.

Oder das Weltbild erweitert sich, wir lernen dazu, ändern unsere Meinung, gewinnen an Erfahrung, denn wir können unsere Gedanken steuern, logisch nach Lösungen suchen, Bekanntes in Frage stellen und neu überdenken.
Es wäre aber Quatsch, alles und jedes immer neu zu bewerten, das ist nicht ökonomisch und wirkt dem Bedürfnis nach klaren Verhältnissen eher entgegen. Und wir können nicht alles über den Haufen werfen, was wir sind und was uns bisher zusammengehalten hat.
Ist ja nicht alles so negativ, oder?

So, zurück zu deinem beunruhigenden Oma-Gesichtsausdruck-Beispiel.
Du muss es dir ja irgendwie erklären, das Weltbild muss stimmig sein. Deine Schlussfolgerung "Was läuft da nicht richtig in meinem Kopf?" erklärt die Sache damit, dass du sie auf deine gehirntechnischen "Unzulänglichkeiten" schiebst und damit eingeordnet hast.
Dein (Teil)Welbild - bei mir stimmt was im Kopf nicht - wird dadurch leider bestätigt. Das hindert dich an deiner freien Entfaltung im Rahmen deiner Möglichkeiten.

Vielleicht schaffst du es, mit der Information, dass Flashbacks normal sind und immer wieder mal vorkommen und aus den oben angeführten Gründen die Gedankenvorgänge genaus so ablaufen müssen (zumindest als These), solche Erfahrungen anders einzuordnen und damit anders, gelassener, umzugehen.
Vielleicht findest du eine logische Erklärung, die dich befriedet oder eine Methode zur Ablenkung in solchen Momenten.
Es wird nie möglich sein, allen Gedankenfetzen die ganzen Zusammenhänge zuzuordnen.
Zuletzt geändert von Weil am 1. Dezember 2014 17:00, insgesamt 1-mal geändert.
Aschenbecher

Re: Denken in Bildern - Flashbacks

Beitrag von Aschenbecher » 2. Dezember 2014 00:35

Hallo, Weil!  :winken:

Das Problem hatte ich mit der eventuellen Unfähigkeit des Lesens von Mimik verbunden und deshalb mit dem Autismus...
Es betrifft ja auch Gesichtsausdrücke, die ich nicht zuordnen kann...
Meine Thera ist der Ansicht, dass dieses Unvermögen unter Umständen meine Paranoia erklären könnte... Wenn man permanent nicht weiß, was das Gegenüber von einem will, könnte ich mir das auch gut vorstellen...
Problem für mich ist natürlich, dass ich meine Wahrnehmung nicht mit der anderer Personen vergleichen kann... Auch ich habe ja mit der Zeit gelernt, Gesichter zu interpretieren...
Die, bei denen mir das nicht gelingt, oder auch eine grundsätzliche Unsicherheit bei der Interpretation, wären dann also für paranoide Tendenzen und eben für eine weitere, komorbide Störung verantwortlich...
Auch Rückzugsverhalten könnte man damit erklären, denn unter Menschen bin ich ständig angespannt und beobachte permanent alles um mich herum...
Mir fällt jede kleine Veränderung in einer Menschenmenge sofort auf, weil ich wohl sehr geübt darin bin, mein Umfeld ständig zu beobachten... Das brachte mir in der TK den Spitznamen Monk ein...  :Frag:
Deine Antworten sind sehr interessant und fundiert... Angenehm zu lesen... Bist du beruflich damit beschäftigt?  :co:
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