Abhängigkeit erkennen

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Ianna
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Abhängigkeit erkennen

Beitragvon Ianna » 27. April 2009 13:31

Ich habe sehr ausgeprägt AD(H)S-Mischtypus. Leider erst mit 40 diagnostiziert und eingestellt.
Aufklärung ist wichtig.Vieles wäre in meinem Leben anders gelaufen, wenn ich als Kind schon medikamentöse und therapeutische Unterstützung erhalten hätte.
Ich stelle hier mal einen Auszug aus meinem Therapie-Tagebuch von Anfang 90 zur Verfügung. Bitte beachten, daß ich damals noch nichts von meinem AD(H)S wußte. Zum besseren Verständnis für all jene, die sich mit dieser schwierigen Problematik auseinandersetzen möchten/müssen.
Ich möchte Mut machen. Auch denen Hoffnung geben,die noch nie ein normales Leben geführt haben, die denken, daß aus diesem Dreck nicht rauszukommen wäre. Es geht auch ohne. Es ist schwer, braucht Zeit, aber es ist zu schaffen.

"Es ist nicht schwer, anderen gegenüber ehrlich zu sein. Jeder kriegt das, was er verdient. Viel schwerer ist es sich selber die Wahrheit einzugestehen. Ich hab zwar schon von den ganzen Drogen erzählt, die ich genommen habe, um die ganze Scheiße besser zu ertragen. Aber eben nur so nebenbei. Ein halbes Jahr Klinik - und ich habe mir selber nicht eingestanden, daß das meine Flucht war - früher - und auch noch heute.

Es ist mir erst die letzte Zeit klar geworden, daß ich das Leben ohne irgendetwas was dröhnt, gar nicht ertrage.
Früher, als ich noch in die Schule gegangen bin, haben wir immer was geraucht. Mir war dann vieles scheißegal, man konnte mich nicht mehr so verletzen und viele Dinge konnte ich so ertragen. Wenn die A. mit ihrer Vespa vorbeikam bin ich dann einfach mit ihr ab, hab den Rest des Tages blau gemacht. Eh kein Bock mehr auf diese Schule und den ganzen Stress. Bin sowieso immer nur der Looser gewesen. Wir sind zu A. gefahren und haben riesige Huggas geraucht. Wir konnten einfach abhängen, uns kaputtlachen und Spaß haben!

Wir sind getrampt, um überall hinzukommen, haben Prpppers und Trips ausprobiert. Schlimm wurde es, als ich dann mit E. zusammenkam. Die Brüder waren nur zu. Oft war die Polizei bei denen. Und wir wurden kostenlos mit allem versorgt.
Wenn wir nichts hatten, haben wir uns was geklaut. Meistens sind wir mit dem Auto irgendwohin gefahren und haben uns eine Tüte gebaut.

Ich glaube ich muß mir eingestehen, daß es meine Schuld ist, daß mein Bruder damit angefangen hat. Ich hab ihm so oft was gegeben. Hab mir nichts dabei gedacht. Mir hat´s ja auch geholfen! Es hat ja auch nicht geschadet, bis heute hab ich gedacht Hasch macht nicht süchtig. Jetzt bin ich hier gelandet mit meiner Erkenntnis! Was is´n Sucht überhaupt? Wo ist der Übergang von ich konsumiere etwas und ich bin drauf? Es tut mir so leid. Mein Bruder kokst wie ein Tier. Das werde ich mir nie verzeihen können.

Ich habe fast ein Jahrzehnt immer nur von einem Wochenende zum anderen gelebt. Von einem Trip zum anderen. Oft haben wir darüber Witze gemacht. Wenn mich jemand gefragt hat, wie´s geht, hab ich gelacht und gesagt: Ich bin unterwegs. Wir hielten uns für die Coolsten und die Absoluten! Wir waren die Macher, diktierten Musik und Mode....und all die normalen Penner wünschten sich auch mal so angesagt wie wir zu sein.
Wenn keine Drogen da waren, ging´s auch schon mal mit Alkohol. Oder irgendwelchen Pillen. Oder eine Kombination von irgendwas mit irgendwas. Die Cocktails waren sowieso immer das Beste. Ich muß nur an die vielen Partys denken, die wir in meiner ersten WG gefeiert haben. Als E. krank wurde, habe ich alleine weitergemacht.

Auf das Koks hat mich A. drauf gebracht. Sie sagte das wäre so ein geiler Kick. Natürlich da gab´s geile Wärme, die den ganzen Rücken runterläuft und hinterher war alles so schön entspannt. Ich hätte es ja nicht nehmen müssen, aber sie hat mir so oft was angeboten und irgendwann wollte ich es auch machen.
Und ich war drauf! Alles andere wäre gelogen. Ich hab´s mir bisher nie eingestanden. Die Woche über hab ich gekokst und geraucht, damit es überhaupt einigermaßen erträglich war alles um mich herum! Wenn ich mir jetzt so im Nachhinein überlege, was das teilweise für eine gefährliche Mischung war. Ich hätte dabei draufgehen können!

Und dann die ganze Zeit mit S.! Wir sind zu sämtlichen House-Partys! Koks zu teuer...scheiß egal....Speed tut´s auch. Diese ganze Synthi-Scheiße und dieses verdammte Exstasy! Jedesmal bevor wir die Nacht durchgetanzt haben: jeder ´ne Flasche Sekt, Pillen geschmissen, gesnieft,... morgens dann was geraucht zum Einschlafen. Kein Wunder, daß mein Kreislauf so oft versagt hat!

Ich erinnere mich an den einen Morgen. Das hab ich in der Therapie gar nicht erzählt. S. war auf dem Sofa eingeschlafen. Ich bin auf allen vieren zu ihr hin gekrabbelt. Ich hab auf einmal gar nichts mehr gesehen. Alles war ganz weit weg, mir war kalt und ich hab so geschwitzt und irgendwie hab ich gewußt, wenn ich jetzt weg bin, ohnmächtig werde, einschlafe, was auch immer...dann ist Ende Gelände.
Gott sei Dank kann ich da nur sagen, daß mein Körper das nach all den Jahren nicht mehr mitgemacht hat. Ich hab zum Schluß jedes Mal wenn ich irgendwas genommen habe panische Angst gekriegt, daß ich sterbe. Das sind eigentlich meine psychosomatischen Störungen.

Ich bin dann krank geworden, hab ne Pause gemacht und gedacht, das wird schon wieder. Aber ich hab diese Panikattacken trotzdem weiterhin gekriegt - bis heute. Vielleicht schützt sich mein Körper davor, daß ich ihn absichtlich langsam kaputtmache. Vielleicht will meine Seele was anderes.
Jetzt nach dem Klinikaufenthalt geht es mir eigentlich wieder ein bischen besser. Ich hab so viel aufgearbeitet in all den Monaten: diese verf.... Kindheit! Und was mach ich? - Ich fang mit dem ganzen Müll wieder an. Ich fang wieder von vorne an, weil ich es einfach nicht ertrage, Ich kann diese scheiß Unruhe in meinem Körper nicht aushalten! In meinem Kopf! Und ich will nicht immer so viel fühlen! Alle Menschen kommen mit ihren Gefühlen klar - nur ich nicht! Ich kann das Leben ohne Dröhnung nicht ertragen!!!!!
Das klingt doch bescheuert, oder?

Ich hab in der Klinik schnell gemerkt, daß die ganzen Pillen richtig dosiert oder überlegt kombiniert auch einen guten Effekt erzeugen können. Ich weiß nicht, warum der Idiot von Hausarzt das Sinquan sofort wieder abgesetzt hat. Antidepressivas über längere Zeit genommen machen angeblich süchtig! Ha! Wenn der wüßte!  Es war so schön still innendrin. Ich hätte es schaffen können.

Was ist nur los mit mir? Warum kann ich nicht sein wie die anderen? Jetzt hab ich in letzter Zeit so viel Pillen geschluckt, daß ich denke, daß ich auch da schon an der Grenze bin. Und die Panikattacken fangen auch wieder an.
Letzte Woche wollte ich wieder ein bischen abwechseln. Ich hab von M. was zu rauchen gehabt und über ein Gramm Koks. Die Hälfte hab ich mir reingezogen und dann noch was geraucht. Ich war allein den Abend. Im ganzen Haus war niemand. Ich hasse das! Den Rest wollte ich wegschmeißen aber ich konnte nicht! Da hab ich angefangen über das ganze Abhängiggkeitsproblem nachzudenken! Ich hab dann alles zusammengesammelt, bin dann eine Stunde weit zu meinem neuen Freund gefahren, den ich in der Klinik kennengelernt habe. Ich hab´s ihm gegeben, damit er es für mich wegschmeißt. Aber das hätte ich nicht tun sollen! Das hat ihn fix und fertig gemacht! Ich hab ihn enttäuscht. Und ich glaub wenn ich das nochmal mache, dann kann ich gehen. Er ist ja wegen seiner alkoholkranken Mutter in Behandlung - da brauch er nicht noch so eine wie mich!

Ich muß damit aufhören und ich weiß daß ich das schaffen kann! Ich muß nur wollen! Es tut mir so leid, daß ich mir das selber immer wieder antue. Aber es weiß halt auch niemand, daß es so ist. Und ich kann von mir aus nicht einfach hingehen und sagen: Helft mir, ich hab da dieses Problem! Was soll ich denn sagen, helft mir, ich flippe aus, wenn ich meinen Körper fühlen muß? Oder ich kann meinen Kopf nie ausschalten, noch nicht mal um zu schlafen?
Vielleicht kann ich nochmal auf Sinquan eingestellt werden, das war das erste Mal in meinem Leben, daß es innendrin stll war! Auch ohne irgendwelche Drogen! Ich brauch ja nur einen, der meinen inneren Schweinehund unter Kontrolle hält!

Ich liebe mich - trotz allem- ich will mich doch nicht kaputt machen! 
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Re: Abhängigkeit erkennen

Beitragvon Angie » 27. April 2009 13:36

Warum du dir damals deinen Kopf vollgedröhnt hast, kann ich mir bei deiner traumatisierten Vorgeschichte, die ich nun mal kenne, gut vorstellen.
Ok, bist dann für einige Stunden nicht in dieser Welt, aber auch die Realität holt einen ein und man muss etwas anderes Unternehmen, um daraus zu kommen.
Ok, das hast du ja geschafft. Da kannst du Stolz auf dich sein.  :smt023:

Gekifft habe ich auch schon mal. Ja ich gebe es zu, 4 Jahre lang.
Ich war auch mal Tablettenabhängig ein Jahr lang.
Zum Glück, habe ich mich da selber wieder herausgewurschtelt.
Ich glaube, umso älter ich wurde, um so klarer wurde die Birne.

Ich sag  nur Tranqulizer. Die bekam meine Mutter verschrieben. Die nahm sie nie. Als sie fragt:"Wo sind eigentlich diese Tabletten?"
Hab ich geantwortet:"Die hast du weggeworfen."
Diese Dinger die eigentlich zur Beruhigung da waren, putschten meinen antriebslosen Hintern auf.
Zuletzt geändert von Angie am 27. April 2009 13:46, insgesamt 1-mal geändert.
Ich habe nix Schlimmes, ich habe....eij gugg mal nen Eichhörnchen.
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Re: Abhängigkeit erkennen

Beitragvon StellaS » 27. April 2009 14:25

Hallo Ianna !
Erst mal, erstaunlich, Du scheinst mein Zwilling zu sein. Ich habe auch sehr lange Zeit in meinem Leben nur mit Drogen und Partys verbracht.
Von Freitag bis Montag. Ohne schlafen, ohne nach Hause zu gehen.

Nur bei mir ging es dann irgendwann noch einen Schritt weiter. Montags war ich dann total fertig vom Schlafmangel, Speed, E usw.
Das runterkommen war fürchterlich. Verfolgungswahn, Depressionen, Wahnvorstellungen.

Wir haben dann irgendwann angefangen auf der Heroin Szene Valium oder Rohypnol zu kaufen, um den Zustand zu ertragen.
So bin ich dann langsam aber sicher ziemlich abgestürzt.
Habe Braunes und Weißes gespritzt.

Immer in Maßen, ich habe immer gearbeitet und bin nicht kriminell geworden.


Gut, Du kannst jetzt sagen, ach, das ist ja ätzend, würde mir nicht passieren.
Aber der Schritt ist nur ein ganz kleiner.
Ich habe beim kauf der harten Dinge viele, viele ehemalige Party-"Freunde" getroffen.

Viele schwenken irgendwann um, das runterkommen und auch das nüchtern sein wird irgendwann unerträglich.



Wie ging es bei mir weiter?
Ich habe irgendwann einfach aufgehört.
Habe meinen heutigen Mann kennen gelernt, bin aus S weggezogen.
Das ist jetzt 10 Jahre her.

Ich bin heute clean.
Hab zwei Kinder und lebe völlig spießig in einem kleinen Dorf.
Nur eines hat mich eingeholt.
Ich habe eine chronische Hepatittis B. Kann keinen Alkohol mehr trinken,  warscheinlich keine  Medis für  meine ADS nehmen, keine Drogen, kein nichts.
Sonst sehe ich meine Kinder nicht mehr aufwachsen.

Wie ist es jetzt?

Schwer. Manchmal sehr schwer. Es ist echt ein Stück Arbeit sich nüchtern zu ertragen.
Aber es geht. Es ist manchmal schwierig, aber es geht.

Ich wünsche Dir so sehr das Du es auch schaffst.
Ohne Umweg nach ganz unten!
Zuletzt geändert von StellaS am 27. April 2009 14:32, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Abhängigkeit erkennen

Beitragvon Ianna » 29. April 2009 14:02

@Stella

Ich habe diesen Tagebuchauszug von damals hier reingestellt, weil viel über das Thema ADHS und Abhängigkeiten diskutiert wird und um auch zu zeigen, daß man das alles hinter sich lassen kann.

Bin nun verheiratet, habe Kinder und seit über einem Jahrzehnt keine Probleme mit irgendwelchen legalen oder illegalen Drogen.


@Angie Bin auch stolz auf mich. Viele, die ich damals kannte, habens nicht geschafft. Leider.

Ianna
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Re: Abhängigkeit erkennen

Beitragvon boralmar » 29. April 2009 14:06

hut ab!
Zuletzt geändert von boralmar am 29. April 2009 14:07, insgesamt 1-mal geändert.
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