ADHS mit 28 durch "Zufall"

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ADHSWolf
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ADHS mit 28 durch "Zufall"

Beitragvon ADHSWolf » 17. Mai 2018 20:36

Hallo ihr Lieben.

Warum ich erst mit 28 Jahren die Diagnose ADHS Mischtyp bekommen habe möchte ich euch hier kurz schildern. Ich hoffe ich werde nicht zu ausschweifend :lol:

Das mit mir etwas nicht stimmt, das wusste ich seitdem ich denken kann. Ich war in der Schule faul. Das sagten mir immer wieder meine Lehrer nach. Bei Hausaufgaben konnte ich den Fokus nie lange auf die vor mir liegende Aufgabe richten, nach kurzer Zeit war alles andere interessanter. Davon, dass ich Hausaufgaben regelmäßig vergessen habe, will ich erst gar nicht anfangen. Auch in meinem späteren Leben hatte ich so einige Probleme, die andere schlichtweg nicht hatten. Meinen Ausbildungsbetrieb habe ich vier mal gewechselt, immer quasi aus dem Bauch heraus und überfallsartig über Nacht. Ich war immer wieder starken Emotionen ausgesetzt, habe in den Augen anderer massiv überreagiert. Meine Freunde wussten, dass sie sich zu einem vereinbarten Termin nicht hetzen müssen, da ich sowieso chronisch zu spät kam. Auf dem Weg zu einem wichtigen Termin waren auf einmal andere Sachen wichtiger, als dass ich mich dafür fertig gemacht habe. Spiegel im Flur putzen, noch den Geschirrspüler einräumen, Schuhe putzen und so weiter. Ich habe auch seeeehr gerne Geld ausgegeben. Was heißt ausgegeben, mit vollen Armen aus dem Fenster geschmissen trifft es besser. Wenn ich etwas haben wollte, dann musste ich es auch haben, koste es, was es wolle. Das hat mich finanziell sehr belastet. Meine Beziehungen waren für meine Expartner auch sehr anstrengend. Mit mir gab es kein langes Aushalten. Das schlimme dabei: ich habe mich immer gefragt, was sich denn der andere aufregt, ich war doch derjenige der gekränkt war, wegen einer Aussage oder einer Handlung. Irgendwann kam es zu einem Punkt, an dem ein paar Dinge zusammengelaufen sind. Ich wurde in der Arbeit (wieder) mit Vorhaltungen konfrontiert, meine Arbeitskollegen beschwerten sich immerzu über mich und anderes und ich habe darauf gekündigt. Auch die Beziehung mit meinem Ex war zu diesem Geschichte. Ich war dann, weil ich mich nicht mehr aus der Sache rausgesehen habe, in eine psychiatrischen Ambulanz um mir Hilfe zu suchen. Dort wurden die Umstände der Arbeit und meiner Beziehung beleuchtet. Die vorläufige Diagnose: Anpassungsstörung und längere depressive Reaktion. Mir wurde ein Bedarfsmedikament verschrieben (für, im Nachhinein, vermeintliche Panikattacken), zudem eine Psychotherapie. Bei der Psychotherapie wurde schnell klar, dass es sich sicher nicht um Panikattacken handelt. Vielmehr wurde mir, durch mein unruhiges Verhalten und meiner Vorgeschichte, von meiner Psychotherapeutin geraten, ich solle mich doch bitte auf ADHS testen lassen. Komisch dachte ich mir, das ist doch eine Kinder- und Jugendthematik, aber sicher nichts für mich in diesem Alter. Sie hat mich dann aufgeklärt, dass sich bei rund 40-50% die Unterfunktion im Gehirn eben nicht "rauswächst". Ich bin also zu einem klinischen Psychologen. Viele, sehr anstrengende, Tests folgten. Auch eine Differenzialdiagnose, ob ich vielleicht Bipolar sei, wurde gemacht, da diese Krankheitsbilder nahe beieinander liegen. Was herauskam verwunderte mich. Ich habe eine Inselbegabung bei Analogien. Die Fähigkeit, Wörter in andere Kontexte zu setzten, ein sehr großes vokabularisches Lexikon in meinem Kopf und die Fähigkeit semantisch zu denken machten mich zu einem guten Schüler und eine ADHS für andere unwahrscheinlich. Zudem viel es mir somit sehr leicht, anderen einen Bären aufzubinden, ich war mir um keine Ausrede zu schade und zudem immerzu sehr charismatisch. Zahlen waren beim Test nicht so mein Ding, aber das wusste ich schon vorher :D . Auch meine Hyperaktivität hat sich eher im Zaum gehalten. Die innere Unruhe, die Unfähigkeit zum Entspannen und die Impulsivität sowie Vergesslichkeit und Konzentrationsprobleme blieben mir aber mein bisheriges Leben lang treue Wegbegleiter. Ich habe im Laufe meines Lebens einige Strategien entwickelt, um mit meiner Schusseligkeit und Vergesslichkeit besser umzugehen. Mein Terminkalender ist hier mein bester Freund -- da bin ich echt froh im digitalen Zeitalter zu leben, sodass alles blinkt und piepst um mich auf Termine, Aufgaben und Ereignisse aufmerksam zu machen. Nur die Hausarbeit zum Beispiel geht mir nach wie vor nicht leicht von der Hand. Am Ende des Tages hab ich mehr Chaos verbreitet, als ich vorher hatte. Ich konnte, selbst nachdem ich den Befund in der Hand hielt und dieser mir schwarz auf weiß zeigte, dass ich ADHS habe, für mich nicht akzeptieren, dass das wirklich so ist. Trotz all der eigenen Erfahrungen, der Eifersucht, dass anderen die selben Aufgaben viel leichter gefallen sind und dem Gefühl: Hey, mit dir stimmt doch etwas nicht. Ich war also vor zwei Tagen beim Facharzt für Psychiatrie und Neurologie. Auch er war der Meinung, dass ich ADHS habe. Wir sind dann einige Therapiemöglichkeiten durchgegangen. Ich will auf jeden Fall meine laufende Psychotherapie um eine Verhaltenstherapie ergänzen. Von der Angst wegen der Medikamente hat ich mein Psychiater auch befreit. Ich dachte, ich würde Gefahr laufen, mich persönlich zu verändern. Ein anderer Mensch zu werden, als ohne Medis (tja, Familie Guy ist da nicht gerade aufmunternd ^^). Zudem hatte ich Probleme mit dem Medikament, da ich bald mit dem Studium beginne und ich dachte, dass mir vielleicht vorgehalten wird, ich würde doch mein Gehirn dopen oder noch schlimmer: als Dealer angesehen zu werde. Mein Arzt war da so kompetent, dass er mir diese und andere Ängste genommen hat und ich mich auf die medikamentöse Therapie eingelassen habe. Immerhin wäre das auch für mich ein wichtiger Beweis dafür, dass die Diagnose stimmt. Ja, ich bin ein extrem kritischer Mensch. Ich habe also begonnen, Ritalin (er verschrieb mir eine unretardierte Form, damit ich einen besseren Unterschied merken würde. Nach circa fünfzehn Minuten habe ich fast angefangen zu weinen, weil ich es nicht packen konnte. Die Welt war etwas schärfer, ich konnte mich ein bisschen fokussieren, mir sogar ein bisschen einen Plan über Erledigungen machen, mein Gedächtnis war besser, ich habe keine Dinge verlegt und ich hatte meine Emotionen ein Stück weit besser im Griff, die innere Unruhe schwand und in meinem Kopf wurde es auch langsamer. Diese und andere Veränderungen nach der Einnahme des Ritalins machten mich zuversichtlich: ich habe ADHS.

Für mich heißt es jetzt somit: Verhaltenstherapie um neue Strategien zu erlernen, damit ich besser durch den Alltag komme (ich will die Medis nicht dauerhaft nehmen) und die optimale Dosierung des Medikamentes finden.

Was ich euch jetzt fragen will: Ich hatte am ersten Tag der Einnahme starke Kopfschmerzen. Da ich weiß, dass Ritalin dehydriert, habe ich extra darauf geachtet, genug zu trinken (es waren fünf Liter Wasser am Tag). Auch ausreichend gegessen habe ich, da ich mal gelesen habe, dass der Glukosehaushalt unter der Ritalineinnahme leidet. Frische Luft und ein Nickerchen auf der Couch und ein Espresso doppio brachten auch nix. Ich hab dann eine Ibuprofen genommen, auch hier keine Besserung. Die Kopfschmerzen hatte ich auch noch lange, nachdem die Wirkung bereits abgeklungen hätte sein müssen. Kann es sein, dass ich vielleicht gerade in einer Gewöhnungsphase bin? Immerhin war mein Gehirn jahrelang in seiner Funktion gestört. Am zweiten Tag hatte ich zwar auch Kopfschmerzen, aber sie waren sehr leicht und somit auch kein Thema. Hat wer von euch auch Kopfschmerzen, bei bereits geringen Dosen? Ich habe in der Früh 10mg Ritalin unretardiert genommen, fünf Stunden später dann nochmal 10mg. Die Kopfschmerzen hatte ich bereits zu Beginn der Wirkeinsetzung, nicht erst dann, als die Wirkung nachließ und sie hielten auch, wie geschrieben, darüber hinaus an.

Zum Thema Dosisfindung habe ich auch noch ein paar Fragen. Ich weiß, dass jeder eine individuelle Dosierung hat. Aber worauf sollte ich da achten? Müssen die Symptome des ADHS ganz verschwinden? Also das Mittel so weit steigern, dass ich zur Gänze keine Probleme mehr habe? Wie viel sollte man maximal nehmen? Ab wann ist es nicht mehr vertretbar, das Mittel einzunehmen? Ich weiß, ich hätte das meinen Arzt fragen sollen, aber ich habe es leider vergessen... Und ich erreiche Ihn die nächsten Tage leider nicht, da er von Freitag bis Sonntag keine Ordination hat.


Hab mir die Länge des Beitrages nochmal angeschaut. Ist doch etwas länger geworden als gewollt. Also Danke fürs Lesen :)

Liebe Grüße aus Österreich
Falschparker
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Re: ADHS mit 28 durch "Zufall"

Beitragvon Falschparker » 18. Mai 2018 10:02

Ich kenne leider keine aktuellere "Anleitung" als diese:
http://www.pppraxis.ch/pinnwand/Merkbla ... ndlung.doc

Leider sind dort die Retardmedis noch nicht berücksichtigt. Aber du nimmst ja zzt. auch unretardierte Tabletten.

Kopfschmerzen am Anfang sind leider normal, auch bei geringen Dosen. Die verschwinden nach einigen Wochen.

Sorry dass ich gerade keine Zeit für eine ausführlichere Antwort habe. Alles Gute und herzlich willkommen!

Viele Grüße
Falschparker

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