ADHS Erstdiagnose mit 36

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Sternchen81
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ADHS Erstdiagnose mit 36

Beitragvon Sternchen81 » 8. Februar 2018 03:25

Liebe Gemeinde,

ich bräuchte mal ein paar Meinungen von euch (und sorry für den langen Beitrag):
Seit spätestens meinem 16. Lebensjahr war mir klar, dass etwas mit mir nicht ganz stimmt. Ich würde sagen, dass ich da zum ersten Mal eine Depression hatte, aber mein Arzt meinte nur so "jaja, Teenagermädchen, Pubertät ist nicht einfach" blablabla. In den letzten Jahre hat man mir so manche Pille aufgeschrieben und die ein oder andere Diagnose vermutet. Bipolar, depressiv, posttraumatische Belastungsstörung, faul und scharf auf eine AU, schlicht zickig etc... eine reine Odyssee.
Auch mit Psychologen oder Psychiatern kam ich nicht klar. Es kam mir vor als würden wir zwar die gleiche Sprache sprechen, aber auf unterschiedlichen Frequenzen.

Generell mag ich alles, was mit Zahlen und Logik zu tun hat. Wenn ich Dingen Struktur geben und sie nach meiner Logik ordnen kann, bekomme ich vieles sehr gut bewältigt. Ich bin sehr gut darin geworden, mich selbst zu coachen. Das trifft auf ziemlich alles zu, was man praktisch angehen kann. Ich habe mir antrainiert ordentlich zu sein (alles hat einen Platz), ich bin nie unpünktlich oder vergesse Termine, ich bin auch erstaunlich gut organisiert in alltäglichen Dingen und komme allen wichtigen Verpflichtungen nach. In der Schule und an der Uni habe ich gute Noten gehabt und bin nie bei etwas durchgefallen. Für die langweiligen Fächer habe ich allerdings aus Kalkül nie mehr gemacht wie absolut notwendig.

Alles, was sich in meinem Kopf abspielt, ist hingegen Feindesland. Meine Gefühle sind die reinste Achterbahn, ich bin sehr impulsiv, mich regen kleinste Dinge auf (die andere zu meinem Erstaunen nicht mal wahrnehmen) und wenn mich etwas nicht interessiert, kann man mich kaum oder gar nicht dazu bewegen. Daher schiebe ich seit 5 Jahren meine Masterarbeit auf. Wie auch immer, es gibt viele Anzeichen für ADHS bei mir, darauf kam ich schon vor einiger Zeit ganz ohne Arzt (arbeite im Gesundheitswesen, alles kein Neuland)

Nun bin ich seit April 2015 auf Reisen und aktuell in Kanada. Die Leute und vor allem die (Un)Kultur haben meine kleine Welt so ins wanken gebracht, dass ich sehr, sehr depressiv geworden bin und auch ernsthaft über Selbstmord nachgedacht habe. Aus meiner Not heraus habe ich im Dezember 2017 eine Beratungsstelle aufgesucht und bin seitdem regelmäßig bei einer Mental Health Nurse. Sie meinte nach einigen Gesprächen, dass sie bei mir ADHS vermutet und hat mir einen Termin beim Psychiater organisiert.
(Hier läuft alles etwas anders, Fachkrankenschwestern, Ärzte und Psychologen arbeiten viel stärker im Team zusammen und tauschen sich aus).
Meine Hausärztin hatte mir zwischenzeitlich auf Empfehlung des Psychiaters bereits vor dem Termin Wellbutrin verordnet, da dies im Gegensatz zu Remeron bei Depressionen, aber auch bei ADHS helfen kann/soll. Naja, hat es nicht, eher im Gegenteil.

Nun war gestern mein Termin mit dem besagten Fachmann und er hat die Diagnose ADHS dingfest gemacht. Wir haben uns ca 1 Std unterhalten, die Mental Health Nurse war zu meiner Unterstützung dabei, und er hat sich alles mögliche notiert. Zusätzlich hatte er wohl alle Berichte der Mental Health Nurse. Gegen Ende des Gespräches fragte er, was ich von der Diagnose halte und wie wir weiter verfahren sollen.
Ich fand die Frage ziemlich dumm; ich hab mir das ja nicht ausgesucht und hätte lieber ein gebrochenes Bein oder so. Zudem bin ich keine Fachfrau, sonst hätte ich wohl kaum einen Termin bei dem Vogel gehabt. Zum Glück konnte ich den Kommentar zurückhalten. Er meinte dann etwas von unterschiedlichen Therapiemöglichkeiten, aber zu dem Zeitpunkt war meine Stimmung bereits "Jetzt mach hinne, wir sind beide nicht zum Vergnügen hier. Zauber gefälligst ein Kanninchen aus deinem Hut und lass mich gehen".

Letzendlich bin ich mit einem Rezept für Concerta 18mg retard und einem Termin in zwei Wochen raus spaziert.

Mein großes Problem ist, dass ich SEHR, SEHR misstrauisch bin und dem Braten nicht traue. Intellektuell kann ich die Angelegenheit gut nachvollziehen und würde der Diagnose zustimmen. Dennoch fühlt es sich falsch an. Der Grund: in der Vergangenheit hat mich kein Arzt wirklich ernst genommen. Ich wurde immer mit einer möglichst schwammigen Diagnose und einem Rezept abgespeist. Warum sollte es hier also anders sein?
Ärzte haben "Lieblingsdiagnosen", die sie jedem verpassen möchten. Vielleicht ist er nur der Idee der Mental Health Nurse gefolgt so nach dem Motto "hört sich gut an, warum sollte ich mir noch Gedanken machen? Rezept und Tschüss!".

Zudem war mein erster Tag mit Methylphenidat 18mg ret alles andere als toll. Seit der Einnahme fühle ich müder denn ja, bin noch immer zappelig und denke nur ans Schlafen. Wellbutrin und Remeron waren schon zwei Misserfolge in kurzer Zeit und haben so gar nicht wie erwartet gewirkt.

Ich denke einige hier werden das zu gut verstehen, ich könnte nicht noch eine Enttäuschung ertragen. Man sucht sich Hilfe, bekommt ein Rezept und ist am Ende manchmal noch schlimmer dran. Bei jedem Medikament schwingt so viel Hoffnung mit... und dann kommt die Scham, dass man so offen war, sein Seelenleben dargelegt hat für Nichts.

Die Mental Health Nurse versucht mich immer davon zu überzeugen, dass sie schon viele Menschen gesehen hat, die kurz vorm Suizid standen und plötzlich durch die richtige Therapie wie ausgewechselt waren. Ich würde es ja gerne glauben, kann es aber nicht.

Wie soll mir denn eine Tablette bei sozialen Schwierigkeiten helfen?
Gewisse Dinge haben in einer bestimmten Weise abzulaufen, ansonsten verliere ich den Faden (ein Freund hatte zB meinen Schlüssel nicht auf seine Platz gelegt und ich habe mich folglich ausgesperrt). Zum Glück bin ich im Ausland, da denkt man es sei "typisch deutsch", dass klingt viel netter wie Zwängler, Pedant, etc.
Ich bin so daran gewöhnt, dass Leute von mir genervt sind weil ich zu viel nachdenke, meine eigene Meinung habe (die ich leider nicht immer hinterm Berg halten kann), Blödsinn rede und ziemlich impulsiv bin, wenn es um Gefühle geht. Nur Schuld, Scham, Verzweiflung und Traurigkeit bleiben, die Konsorten sind durch nichts zu vertreiben.

Aus diesen Gründe habe ich seit Jahren das Gefühl, dass ich eine fehlerhafte "Montagsproduktion" bin und gehe Menschen bestmöglich aus dem Weg. Immer wieder (und immer häufiger) habe ich Tage, an denen ich ins Bett gehe und denke "Morgen nicht aufzuwachen wäre irgendwie voll ok".

Wenn ich jemanden wirklich mag, wird es noch schlimmer, denn ich gebe unwillentlich mein Bestes um es zu ruinieren. Ich kann wegen Nichts wie eine Bombe explodieren und lasse dabei keinen Stein auf dem anderen. Leider ist es mir am Tag danach peinlich, aber meist zu spät um noch etwas zu kitten. Inzwischen versuche ich mich direkt vom Acker zu machen, wenn ich diesen inneren Druck verspüre, ich jedoch noch nichts groß gesagt habe. Das finde viele ebenfalls unhöflich, sie denken ich lasse sie einfach stehen. Ich kann und will mich auch nicht ständig erklären müssen, zumal ich so oder so nie auf den Punkt kommen und alles noch peinlicher werden würde.

Hat irgendwer aus eigener Erfahrung ein paar aufmunternde Worte, die mir etwas Hoffnung geben könnten? An Hoffnung fehlt es mir derzeit wie noch nie zuvor.
Gutemiene
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Re: ADHS Erstdiagnose mit 36

Beitragvon Gutemiene » 8. Februar 2018 18:58

Upps!

Das ist ja starker Tobak!
Aber sehr anschaulich geschildert, finde ich.
Ich bilde mir ein, deine Situation gut nachempfinden zu können...und genau wie du es schilderst, misstraue auch ich der Diagnose einer ADHS im Erwachsenenalter. Nicht, dass es sie nicht gibt- oh no! Aber sie sollte doch deutlich und positiv gefunden werden und nicht nach dem Motto "Das wird es wohl sein, jedenfalls am ehesten".

Da ich morgen für ein paar Tage Besuche mache und deshalb im Moment nicht so stark auf jeden einzelnen Punkt eingehen kann, tröste ich dich vorerst mit der Ankündigung, mich in ein paar Tagen ausführlicher mit deinem Beitrag zu b eschäftigen.

Außerdem hoffe ich, dass noch andere mit viel Empathie und Erfahrung Ratschläge geben werden.

Anregung: Es gibt auch viele "Betroffene", die mindestens die Doppeldiagnose AD(H)S und Autismus-Spektrum-Störung bekommen.
Von einem Schweizer Arzt wurde beschrieben, wie er dazu kam, sich mit Autisten zu beschäftigen: Er sah, dass bei diesen "Fällen" die ADHS-Medikation nicht wirkte- jedenfalls nicht lange. Deshalb suchte er nach anderen verursachenden "Krankheitsbildern" und kam auf Autismus.
Deine Beschreibungen würden jedenfalls sehr gut zu hochfunktionalem oder Aspergerautismus passen!



Dann frage ich mich noch, was du mit "Unkultur" meinst. . . . die "Blödheit der Welt" an sich oder spezifische Sitten der kanadischen Gesellschaft?
Da bin ich einfach neugierig.


erst mal liebe Grüße - Gutemiene
- und nicht verzweifeln - es gibt mehr als eine Antwort auf deine Fragen und vermutlich bist du nur in eine Sackgasse geraten. Man kann auch umdrehen und woanders lang gehen....:)
"Mach' GUTEMIENE zum Besenspiel" :lol:
Agatha
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Re: ADHS Erstdiagnose mit 36

Beitragvon Agatha » 9. Februar 2018 11:07

Sogar wenn du nur ADHS hättest, einfach nur mal Concerta löst nicht alle Probleme. Man weiß mittlerweile, dass ein begleitendes Coaching oder eine Verhaltenstherapie zusammen mit Medis deutlich bessere Erfolge bringen als nur Medis. Die Chemie im Gehirn ist nicht alles, vor allem, wenn man 36 ist. Gewohnte Verhalten kann man nicht so einfach von allein verlernen. Aber es geht!

Und du hast nicht nur ADHS, sondern auch Depression. Es ist sehr, sehr wichtig, dass beide behandelt werden. Ich weiß nicht was die besten Optionen sind, um mit Depression umzugehen, aber es gibt nicht nur die Option Tablette.

Vielleicht hat dein Arzt gedacht, er findet erst die richtige ADHS Medis für dich und schaut dann nach weitere Therapien... oder vielleicht denkt er nur an Medis, weil er so drauf ist. Aber es ist nicht und kann nicht das Einzige sein, vor allem bei sozialen Schwierigkeiten.

Ich bin keine Profi aber denke, Concerta lässt dich vielleicht die Depression Symptome deutlicher spüren als zuvor. Dazu zählen sowohl extreme Müdigkeit als auch Hoffnungslosigkeit. Dieses Gefühl, dass es kein Ausweg gibt, ist ein Symptom. Es ist nicht echt. Depression wird man nicht so schnell los, sogar mit der richtigen Therapie, es geht nicht von heute auf Morgen. Aber man wird es los. Ich habe es geschafft, und viele andere auch. Aber mit Hilfe.

Wahrscheinlich ist es keine gute Idee extra Medis gegen Depression jetzt zu nehmen, wenn du noch die richtigen ADHS Medis suchst. Aber Psychotherapie kannst du problemlos parallel machen. Frag deinen Arzt danach. Du hast Selbstmordgedanke, da muss er mehr machen als dir Concerta geben.

Gib nicht auf. Ich weiß, es ist hart, aber es gibt noch ganz viele Türe zu öffnen.

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