Therapiemöglichkeiten?

Dieses Board ist auch für Gäste sichtbar!
Antworten
erdbeerchen
Andersweltler
Beiträge: 9
Registriert: 24. Februar 2014 08:26

Therapiemöglichkeiten?

Beitrag von erdbeerchen » 24. Februar 2014 10:57

Hallo zusammen,

bin ganz neu bei euch und habe auch gleich eine Frage.
Bei meinem Mann wurde nun mit Mitte 30 erst ADHS diagnostiziert.
Wir beide setzen uns damit auseinander und er ist auch sehr interessiert an Therapiemöglichkeiten, da das ADHS schon so ein bisschen eine Antwort auf die Problematiken ist, die wir in unserer Ehe haben. (das sehen wir beide so)
Wir haben große Kommunikationsprobleme! Wenn es ein Thema gibt, was nicht so angenehm ist, über das wir sprechen müssen kommt es meistens zum Streit. Er legt jedes Wort von mir auf die Goldwaage, verbessert, kritisiert, meine Wortwahl, meine Stimmlage, meine Art und Weise.
Und das obwohl ich wirklich sehr darauf achte ruhig und sachlich mit ihm zu sprechen.
Ich bin dann in seinen Augen diejenige die dies und das und jenes ändern muss.
Er sieht dann später aber oft auch ein, wenn er sich falsch verhalten hat.
Das Problem ist, dass ich überhaupt nicht mehr weiß, wie ich mich verhalten soll ihm gegenüber, habe das Gefühl alles ist falsch.
Wir haben noch andere größere Probleme, über die ich dann aber vielleicht später einmal im geschützten Rahmen schreibe.
Das Positive ist, dass wir nach wie vor an uns und an der Ehe arbeiten wollen.
Nun geht es eben um Möglichkeiten der Therapie.
Was gibt es da denn alles so? Mein Mann sprach von einem Coaching? Das Problem ist, dass wir sehr ländlich wohnen und es hier in der Umgebung echt kaum was gibt, außer ergo. Und da meint mein Mann, das würde ihm/uns nicht weiter helfen.
Er denkt darüber nach stationär in eine Klinik zu gehen, die ziemlich weit weg ist. Da habe ich aber aufgrund unserer Vergangenheit ein großes Problem mit.
Er mag den Gedanken aber auch nicht unbedingt gern.
Gibt es noch andere Möglichkeiten?

Danke fürs Lesen und liebe Grüße an alle  :winken:
Elchi
Foruminventar
Beiträge: 1908
Registriert: 7. November 2011 12:49

Re: Therapiemöglichkeiten?

Beitrag von Elchi » 24. Februar 2014 12:23

Hallo Erdbeerchen,

eine Diagnose in diesem Alter ist natürlich nicht leicht. Besonders, wenn einem dann auf einmal klar wird, warum man schon sein ganzes Leben Probleme hat und dass einem eigentlich schon früher hätte geholfen werden können.

Aber schön, dass Ihr jetzt wisst, was vielleicht ein Grund für Eure Probleme ist.

ADHS ist ja immer auch eine Wahrnehmungsstörung. Das soll jetzt keine Entschuldigung für Deinen Mann sein, aber für Dich kann es eine Erklärung sein, warum er manchmal Deine so sachlich vorgebrachten Argumente trotzdem als Angriff erlebt (mit der entsprechenden Reaktion).

Meine persönliche Meinung: Wenn man in diesem Alter eine Diagnose bekommt, dann nicht, weil irgendjemand gemeint hat "der ist so hibbelig, den untersuchen wir mal auf ADHS", sondern weil man gezielt zm Arzt ist, weil man mit irgendwas Probleme hat, die man gelöst haben will.
Das beinhaltet einen für mich ausreichenden Leidensdruck, mal einen Versuch mit Medikamenten zu starten. Es ist eine Stoffwechselstörung, die man mit anderen Therapien nicht beheben kann.
Wohl kann man aber natürlich bei weniger ausgeprägten Symptomen mit einem Coach lernen, sein Chaos in den Griff zu bekommen. Auch Verhaltensänderungen sind möglich, aber es gibt Studien, die nachweisen, dass alle diese Therapien am besten wirken, wenn man sie unter Mediakmenteneinfluss macht.

Zu welcher Art von Therapie möchte Dein Mann denn eventuell stationär in die Klinik gehen?

LG
Elchi
Falschparker
Foruminventar
Beiträge: 5002
Registriert: 28. Mai 2008 13:37
Wohnort: Kleinstadt
Alter: 52

Re: Therapiemöglichkeiten?

Beitrag von Falschparker » 24. Februar 2014 12:55

[quote="erdbeerchen"]
Wir beide setzen uns damit auseinander und er ist auch sehr interessiert an Therapiemöglichkeiten, da das ADHS schon so ein bisschen eine Antwort auf die Problematiken ist, die wir in unserer Ehe haben. (das sehen wir beide so)
Wir haben große Kommunikationsprobleme! Wenn es ein Thema gibt, was nicht so angenehm ist, über das wir sprechen müssen kommt es meistens zum Streit. Er legt jedes Wort von mir auf die Goldwaage, verbessert, kritisiert, meine Wortwahl, meine Stimmlage, meine Art und Weise.
Und das obwohl ich wirklich sehr darauf achte ruhig und sachlich mit ihm zu sprechen.
Ich bin dann in seinen Augen diejenige die dies und das und jenes ändern muss.
Er sieht dann später aber oft auch ein, wenn er sich falsch verhalten hat.
Das Problem ist, dass ich überhaupt nicht mehr weiß, wie ich mich verhalten soll ihm gegenüber, habe das Gefühl alles ist falsch.
[/quote]

Hallo Erdbeerchen,

ich kenne das Problem sehr gut von mir selbst.

Es ist einerseits wichtig dass er sich die falschen Kommunikationsmuster bewusst macht und ihr zusammen eine bessere Art der Auseinandersetzung trainiert. Und dass er zu den Zeiten, wenn ihr wichtige Gespräche habt, ausreichend mit MPH eingestellt ist.

Das heißt, wenn er Medikinet Adult bspw. nur einmal morgens nimmt, um im Beruf klar zu kommen, und ihr kommt zu euren "unangenehmen" Themen erst am Abend, nutzt das Medikinet natürlich nichts. Die Dosis sollte hoch genug sein und sie sollte den allergrößten Teil des Tages abedecken (und selbstverständlich auch die freien Tage).

Ich merke selbst auch, dass ich nach 22:00 manchmal wieder rechthaberisch, schnell angegriffen usw. bin im Gespräch mit meiner Frau, also in alte Muster zurückfalle. Dann bleibt meist nur übrig, den Streit zu vertagen.

Vielleicht findet ihr auch eine(n) Psychologin/en, der euch dabei hilft. Wichtig ist, dass diese/r sich mit ADHS auskennt. Über ein bloßes Coaching geht das hinaus.

Viele Grüße und alles Gute  :winken:
Falschparker
<><
graffiti
Foruminventar
Beiträge: 3498
Registriert: 10. März 2009 10:25

Re: Therapiemöglichkeiten?

Beitrag von graffiti » 24. Februar 2014 13:32

einschub:

auch ich habe für mich erfahren: alle lernaktivitäten (auch soziale + kommunikative) sind leichter mit mph, wenn man drauf anspricht.
habe aber auch erfahren: sie sind auch ohne medikamente nicht sinnlos.

wieder mal beispiel aus meinem koffer:
zeitpunkt der diagnose + der anschließenden einstellung auf mph war bei mir vor gut 5 jahren.
auch vorher habe ich dauernd dazugelernt, habe mein verhalten stetig verändert.
seit 5 jahren geht es schneller, leichter + bringt mir mehr.
zum einen, weil ich mich selber besser einschätzen kann + zum anderen sicher auch deshalb, weil ich ruhiger bin ... und weniger vergesse.
aber unmöglich war es auch vorher nicht.

also würde ich nie sagen: nur mit mph kann ein ad(h)sler sein sozialverhalten ändern - weil es einfach nicht stimmt.

worin ich falschparker zustimme: es ist sicher hilfreich, wenn ein coach / paartherapeut / was-auch-immer erfahrung mit erwachsenen adhslern hat.
auch hier wieder: es ist sicher nicht zwingend notwendig - man muß halt alles für sich umbauen + wird vermutlich auch an grenzen stoßen bzw. auf bereiche, an die man mit herkömmlichen erklärungen / lösungsmodellen nicht rankommt.

ende des einschubs ... und ich schließe mich elchis frage an: an welche art(en) von therapie denkt ihr?
bin ich froh, daß ich mir diese nachdenk-zigarette nicht angezündet habe, als ich die gasleitung abgemäht habe :icon_mrgreen:<br />oder: alles wird gut.
Elchi
Foruminventar
Beiträge: 1908
Registriert: 7. November 2011 12:49

Re: Therapiemöglichkeiten?

Beitrag von Elchi » 24. Februar 2014 13:43

So weit ich weiß, beziehen sich diese Studien hauptsächlich auf Kinder. Möglicherweise klappt es bei ihnen wirklich mit Medis deutlich besser.
Bei Erwachsenen, die selber ihre Defizite sehen (und sicher besser einordnen können als Kinder), ist vielleicht eine Verhaltensänderung ohne Medis eher möglich, weil sie anders herangehen.
Aber wie Graffiti schreibt: Einfacher ist es mit Medis

LG
Elchi
Eule
Foruminventar
Beiträge: 2680
Registriert: 30. Oktober 2010 00:35
Wohnort: auf einem windigen Hügel bei Köln
Alter: 48

Re: Therapiemöglichkeiten?

Beitrag von Eule » 24. Februar 2014 15:20

Diagnose habt ihr - hat die ein facharzt in eurer Nähe gestellt, der auch Medikamente verschreiben darf?

Wenn ja: Hat er einen Medikamentenversuch angeboten? Dann ist das einen Versuch wert, vorausgesetzt ihr seid dem aufgeschlossen. Wenn ihr diesbezüglich noch unsicher seid: Informationen sowohl über Möglichkeiten Grenzen Schwierigkeiten und Risiken der Medikation von fachkundiger Stelle (der Arzt, sowie z.B. hier) beschaffen, Infos über ADHS an sich beschaffen, überlegen ob Medikation gerade bei euren drängendsten Problemen eine hilfe sein könnte, überlegen ob ihr aufgrund der neuen Infos nun den Zweifel und das Mißtrauen so weit beseitigt habt, daß ihr es doch probieren wollt.

Wenn nein: Wenn es aufgrund der Tatsache ist daß dieser Arzt nicht vor Ort ist, hilft evtl die hiesige Arzt- und Therapeutensuche. Wenn es daran liegt daß es "nur" ein Psychologe/Psychotherapeut war, dr sich zwar mit dem Thema auskennt und die nötigen Fragebögen und sonstigen Tests durchführen und  auswerten kann, aber mangels zusätzlicher Qualifikation als Arzt (wäre dann z.B. Berufsbezeichnung "Ärztlicher Psychotherapeut" oder gleich "Psychiater"), solltet ihr euch die Diagnose vom Psychologen schriftlich geben lassen, und zum einen die evtl noch ausstehende Abklärung von Schilddrüsenproblemen die auch ADHS-artige Symptome machen können, zum anderen auch die Abklärung von evtl gegen Medikamente stehende weitere erkrankungen (Bluthochdruck, EEG mit Hinweisen auf mögliche Anfallserkrankungen...) bei einem Arzt der auch Medikamente verschreiben darf( (wieder: Arztsuche hier!)  und sich mit dem Thema auskennt anschieben.

Wenn er keine Medikamente angeboten hat obwohl er die fachlichen Voraussetzungen erfüllt: Fragen warum er das nicht anbietet, und wenn er konkrete Gründe gegen Medikamente nennt mit dem Doc nach Lösungen suchen wie diese "Hindernisse" beseitigt werden können. Es kann beispielsweise sein daß er weitere psychische Schwierigkeiten sieht, die evtl dazu führen daß jemand nicht allzusehr von Medikamenten profitiert, beispielsweise wenn Ängste ein Thema sind oder wenn zusätzlich Depressionen im Spiel sind, oder daß er in Medikation nur dann einen Sinn sieht, wenn begleitend auch weitere Behandlung (Psychotherapie ergotherapie Konzentrationstraining, soziales Komepetenztraining wasauchimmer) erfolgt.

Was die späte Diagnose angeht: Ich hab meine mit 42 bekommen und es gibt hier Leute die bei ihrer Diagnose noch älter waren - das einzige was dazu zu sagen bleibt ist letztlich "Es ist gut es überhaupt zu wissen und nicht noch länger im Dunkeln zu tappen.".  Klar schiebt man daraufhin erst mal gewaltig Frust, daß das nicht schon viel früher erkannt wurde, und hat oft genug das Gefühl man hätte in seinem Leben viele Enttäuschungen, Schwierigkeiten und Fehlentscheidungen nicht erleben müssen, wenn man gewußt hätte wo es "klemmt". Die Diagnose löst bei vielen Leuten zunächst mal eine ziemlich wilde Mischung aus ohnmächtiger Wut auf sich selbst und den ganzen Rest der Welt der sich in Vorwürfen ergangen hat statt die Zeichen zu erkennen und zu helfen, erleichterung doch nicht "zu blöd" oder "zu faul" zu sein, und Enttäuschung über die verpaßten Chancen und Möglichkeiten aus, und muß erst mal "verdaut" werden.

Wirklich wichtig und hilfreich ist jetzt gute Information zum Thema sowohl für ihn als auch für dich, um zu verstehen was bei ADHS "schiefläuft", was typische ADHS-Verhaltensweisen sind, und welche "Tricks" und Techniken es gibt, nicht immer wieder in die gleichen Fettnäpfe und Stolperfallen zu tappen. Wenn ihr gerne Bücher lest, gibts im Bücher-Board jede Menge Hinweise auf hilfreiche Literatur zum Thema, außerdem gibts irgendwo einen Thread über teils deutschsprachige teils englischsprachige gutgemachte Videos zum Thema.

In dem Zusammenhang erstaunt es mich daß du als nichtbetroffene Partnerin hier auftauchst, und danach fragst wo er sich Hilfe holen kann. Bitte nicht als Angriff verstehen, es ist gut DASS du fragst. Aber es wäre sehr gut, wenn ER selber nach Hilfe fragen würde.

Ich habe nämlich so ein kleines bißchen den Verdacht, daß dein Mann zunächst mal mit der Erklärung ADHS zufrieden ist. Er hat anscheinend zunächst mal nach einer "Superlösung" (Klinik stationär und weit weg) für sein Problem gesucht, und weil die aus diversen Gründen eher wenig praktikabel erscheint, und erst recht nicht kurzfristig verfügbar ist, und obendrein auch keine kurzfristige und eher realisierbare Lösung in Sicht ist, zieht er sich zunächst mal auf die Position "Ich hab halt diese Scheixx ADHS Geschichte, ich kann nix für mein Verhalten, ich kanns auch nicht alleine ändern, und weil mir keiner hilft mußt du als Partnerin mich so ertragen wie ich nun mal störungsbedingt bin" zurück.

Ich würde mich sehr freuen wenn ich mit diesem Verdacht falsch liege - aber leider ist er naheliegend, besonders da er ja deiner Schilderung nach ohnehin gern versucht, den "Fehler" bzw den "Veränderungsbedarf" bei anderen zu verorten.

Ganz klar: auch das wäre typisch ADHS - aber es ist definitiv nicht ok. Auch ein Mensch mit ADHS hat nicht das Recht, die Grenzen seiner Mitmenschen permanent zu überschreiten und ihre Nerven zu strapazieren, und dann auch noch zu sagen, er könne ja leider nicht anders. ADHS ist eine Erklärung für bestimmte Verhaltensweisen und Schwierigkeiten, und gleichzeitig der Hinweis, wo und auf welche Art Lösungen gesucht werden können, es ist jedoch keine Entschuldigung und auch kein Freibrief für schlechtes Benehmen aller Art.

Also: es ist gut daß du dich informierst möglicherweise kannst du tatsächlich auch helfen, indem du auf eine bestimmte Art mit seinen Schwierigkeiten umgehst - aber der allerwichtigste Mensch der sich informieren und mit oder ohne fachkundige Unterstützung neues Verhalten und neue Sichtweisen lernen muß ist er als Betroffener. Da wäre es gar nicht dumm, wenn ER sich ebenfalls ein entsprechendes Internetforum sucht, wenn ihr damit umgehen könnt ebenfalls hier und wenn ihr lieber sicherstellen wollt daß ihr eure Konflikte nicht noch zusätzlich virtuell austragt dann eben in einem anderen ADHS-Forum.

Was die Ergotherapie betrifft: Es hängt davon ab, was dort gemacht wird. ich kenne über meine Selbsthilfegruppe jemanden, bei dem gerade Kommunikationstechniken ein zentrales Thema der Ergotherapie sind. Und auch in meiner eigenen Ergotherapie habe ich neben diversen Schwierigkeiten in der Selbstorganisation und Konzentration auch das Thema Kommunikation angesprochen, und durchaus auch schon entsprechende Rückmeldungen und Hinweise bekommen.

Was auf jeden fall nachfragenswert ist, ist eine Verhaltenstherapie bei einem Psychotherapeuten, der sich mit ADHS auskennt, und auch auf die Kommunikationsprobleme eingehen kann. Die Arzt- und Therapeutensuche des Forums kann dir evtl jemanden in eurer Nähe nennen.

Was möglicherweise kurzfristig eine Option ist: Sucht nach einer Selbsthilfegruppe in der Nähe. Wenn es keine gibt die sich ausdrücklich an Erwachsene richtet, dann ist evtl auch eine entsprechende Anfrage bei einer Gruppe Für Eltern betroffener Kinder eine Idee - weil die möglicherweise ohnehin teilweise aus ebenfalls betroffenen Erwachsenen besteht (ADHS ist erblich) und daher auch ein Anlaufpunkt für einen erwachsenen Betroffenen sein kann, oder weil die vielleicht einen Kontakt (Ärzte, Therapeuten, doch eine erwachsenengruppe...) wissen, der nicht öffentlich bekannt ist.
Benutzeravatar
Sheherazade
Foruminventar
Beiträge: 2562
Registriert: 19. Februar 2012 16:20

Re: Therapiemöglichkeiten?

Beitrag von Sheherazade » 24. Februar 2014 15:46

[quote="Eule"]
Diagnose habt ihr - hat die ein facharzt in eurer Nähe gestellt, der auch Medikamente verschreiben darf?
[/quote]

Dem Vorstellungsthread nach ist ihr Mann bereits auf MPH eingestellt. Ich weiß allerdings nicht wie lange schon. Von daher besteht die Möglichkeit, dass dieser Thread hier einer gewissen Ungeduld entspringt.
Sohn *2003 - Autist mit komorbider ADHS
Sohn *2001 - ADS
2 Töchter *1998 und * 1989
Schmerz vergeht, aufgeben ist für immer.
graffiti
Foruminventar
Beiträge: 3498
Registriert: 10. März 2009 10:25

Re: Therapiemöglichkeiten?

Beitrag von graffiti » 24. Februar 2014 15:51

erdbeerchen schrieb:
es hier in der Umgebung echt kaum was gibt, außer ergo. Und da meint mein Mann, das würde ihm/uns nicht weiter helfen
hm.
wie eule schon schrieb:
ich kenne [...] jemanden, bei dem gerade Kommunikationstechniken ein zentrales Thema der Ergotherapie sind.
und ich kenne jemanden, bei dem der ergotherapeut die rolle eines coach übernommen hat - nämlich mich.

vielleicht ist es einen versuch wert?
es kommt ja auch immer sehr darauf an, was man selber für knackpunkte hat, was man selber mit einer therapie erreichen möchte.

was sagt der arzt, der die diagnose gestellt hat, bzgl. sinnvollem weiteren vorgehen?

erdbeerchen: du ersparst dir selber viele kommentare, die nicht auf den punkt zielen, wenn du uns wieder einnordest :zwink:
wir spielen hier herrlich mit deinem eingangsbeitrag rum + jeder liest was anderes raus.
bis morgen hast du 40 antworten + wir drehen hier einen film nach dem anderen ...
bin ich froh, daß ich mir diese nachdenk-zigarette nicht angezündet habe, als ich die gasleitung abgemäht habe :icon_mrgreen:<br />oder: alles wird gut.
erdbeerchen
Andersweltler
Beiträge: 9
Registriert: 24. Februar 2014 08:26

Re: Therapiemöglichkeiten?

Beitrag von erdbeerchen » 25. Februar 2014 10:10

Hallo ihr lieben,
entschuldigt bitte, ich konnte leider nicht schneller antworten.
Toll, dass ihr so schnell geantwortet habt :-)

Also es ist so, dass die ganze Sache durch unseren Sohn ins Rollen kam.
Er war schon immer "irgendwie anders", "außergewöhnlich", anders als andere Kinder in seinem Alter.
Im Kindergarten wurde uns geraten mal zum sozial pädriatischen Zentrum hier zu gehen.
Ich habe mich einige Zeit dagegen gestreubt, weil ich nicht wollte, dass unser Sohn irgendeinen Stempel aufgedrückt bekommt.
In der Schule wurden die Probleme dann allerdings immer sichtbarer und so blieb uns nichts anderes übrig, als dem nachzugehen.
Wir wollten ja auch nicht, dass er leiden muss.
In diesem Zentrum wurden einige Tests gemacht und nach einiger Zeit war klar, dass unser Sohn eine einseitige Hochbegabung - und zudem auch ADHS hat.
Da musste ich erstmal schlucken, obwohl ich es mir schon irgendwo gedacht habe.
Unser Sohn bekommt Medikinet retard 20mg und neurofeedback. Es geht ihm sehr gut damit.
Bei dem Elterngespräch, was sehr ausführlich war, fragte die Ärztin meinen Mann, ob er sich schonmal auf ADHS hätte testen lassen.
Er hat das verneint und ich belächelte das erst ein bissschen (mir schoss der Begriff "Modediagnose" in den Kopf)
Sie gab uns ein Heftchen mit und sagte, er solle das doch mal lesen und wenn er sich da wieder finden würde, sollten wir uns nochmal melden.
Zu Hause führten wir uns dieses Heftchen gleich zu Gemüte und kamen aus dem Staunen nicht mehr raus.
Dort stand wirklich genau mein Mann beschrieben  :icon_eek:
Also meldeten wir uns zurück und er bekam einen Termin in einer speziellen Klinik.
Am Ende des Tages, den er dort verbrachte stand fest, dass er ADHS hat.
Darauf hin bekam auch er Medikent adult, er bekommt zZ. 80 mg.
Man merkt es auch, ziemlich sofort, wenn er das Medikinet mal nicht nimmt.
Er ist dann aufbrausender, schnell zornig, wird schnell laut und ist wirklich sehr empfindlich.
Erst ist alles in Ordnung und man hat eine schöne Zeit zusammen und plötzlich knallt es und es gibt ein riesen Gewitter.
Genauso schnell wie es gekommen ist, ist es auch meistens vorbei und ich komme da häufig nicht mit.
Fühle mich dann noch verletzt, oder bin selbst wütend, wegen dem, was er gesagt hat.
Wenn er das dann merkt, geht die Sache oft wieder von vorne los, weil er dann sauer ist, weil ich sauer bin.
Oder vielleicht ist er auch einfach enttäuscht von der Situation, das passt vielleicht mehr als sauer.
Es ist nicht immer einfach für mich, das zu unterscheiden, weil er dann immer so böse schaut :-/
Das kann morgens um 05:00 schon sein, wenn er frühschicht hat und hier durch rast wie  ein blitz, weil er seine Sachen wieder verlegt hat und nicht findet. Wenn ich dann im Weg stehe, oder "was falsches" sage, dann kracht es oft.
Das ist auf Dauer einfach sehr anstrengend, deswegen würde ich mir als Therapie etwas wünschen, wo wir beide lernen mit solchen Situationen umzugehen.
In der wir lernen, miteinander zu reden, so dass es nicht ständig kracht.

Achso und weil die Frage aufkam, warum er nicht hier nach Hilfe sucht:
Mein Mann ist einfach nicht der "Forum Typ".
Ich hingegen bin in verschiedenen Foren unterwegs, kenne mich aus und es macht mir auch Spass. Außerdem habe ich wohl das größere redebedürfnis.
Mein Mann weiß allerdings, dass ich hier bin und darf auch schauen, was geschrieben wird, das wird er bestimmt auch mal tun, wenn er die Zeit hat.
Im Moment muss er wahnsinnig viel Arbeiten.

Liebe grüße an euch alle  :winken:
Zuletzt geändert von erdbeerchen am 25. Februar 2014 10:13, insgesamt 1-mal geändert.
nixe
Foruminventar
Beiträge: 2397
Registriert: 7. Januar 2006 17:53

Re: Therapiemöglichkeiten?

Beitrag von nixe » 25. Februar 2014 12:06

Erdbeerchen,

das Gute ist doch mal, dass Ihr schon einige ganz entscheidende Schritte getan habt. Die Diagnose steht, Dein Mann bekommt Medikamente. Das ist toll ! Ganz viele Erwachsene tun sich unendlich schwer damit, sich auf diesen Weg einzulassen und oft ist zwar klar, dass der Partner oder die Partnerin betroffen ist, derjenige aber noch nicht bereit ist, etwas zu ändern.

Dass Dein Mann sich darauf einlassen kann, Unterstützung in Anspruch zu nehmen, ist ein sehr sehr gutes und wichtiges Signal.

Nun kommt das "aber": Medikamente sind eine sehr gute Unterstützung, sind aber auch kein Zaubertrank. Das heißt, bestehende Probleme, angewöhntes Verhalten werden davon nicht einfach auf Knopfdruck ausgeschaltet.

Evtl. käme für ihn oder auch für Euch beide gemeinsam als Paar eine Therapie in Frage. Gut erreichbar auch im ländlichen Bereich müssten immerhin Caritas / Diakonie sein, die das häufig im Angebot haben.

Wichtig ist, dass jeder bei sich bleibt, wie es so schön heisst. Jeder darf mal sauer sein und muss das auch nicht zur Geheimsache machen. Der oder die andere ist nicht verpflichtet, sich davon ´runterziehen zu lassen und ebenfalls sauer zu sein. Wenn er z.B. morgens im Treiben ist - *seine* Sache. Da stehst Du nicht "in seinem Weg" oder tust oder lässt irgendwas Falsches - das ist schlicht *seine* morgendliche Laune und *sein* verbummelter Kram. Wenn er deswegen sauer ist, musst Du das nicht auf Dich beziehen. Umgekehrt braucht er Dir deshalb auch keine Vorwürfe zu machen.

Wer seinen Schlüssel sucht und deshalb in schlechte Laune kommt, kann entweder um Hilfe bitten oder in seinem eigenen Saft schmoren. Niemand anderer ist deswegen zu ebenfalls schlechter Laune verpflichtet.
Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. (Ingeborg Bachmann)
erdbeerchen
Andersweltler
Beiträge: 9
Registriert: 24. Februar 2014 08:26

Re: Therapiemöglichkeiten?

Beitrag von erdbeerchen » 25. Februar 2014 12:49

Um Hilfe bittet er mich dann wohl.
Wir suchen häufig gemeinsam sein Sachen und er sagt auch oft: "Wenn meine Frau nicht weiß wo es ist, dann ist es wirklich weg"  :icon_mrgreen:
Hm, Diakonie und auch Caritas gibt es bei uns wohl.
Was für eine Art Therapie ist das denn da dann? Eine "ganz normale" Paartherapie? Oder verstehen die sich auch auf ADHS?
Ich muss sagen an diese Stellen habe ich tatsächlich noch gar nicht gedacht.  :kk:
Das wäre vielleicht wirklich eine Idee.
Ebenso die hier angesprochene Selbsthilfegruppe für Eltern mit Kindern mit ADHS.
Wäre vielleicht auch noch eine Idee.
Das werde ich ihm mal vorschlagen.

Was wird denn in der Ergotherapie so gemacht?
Mein Mann war vor einigen Jahren stationär wegen schweren Depressionen aufgenommen und hat da ebenfalls Ergotherapie bekommen.
Er hat wirklich sehr schöne Bilder gemalt während der Therapie. Aber viel mehr haben die da auch nicht gemacht.
Das würde uns natürlich nicht wirklich weiter helfen  :Frag:

Lieben Gruß
Benutzeravatar
Sheherazade
Foruminventar
Beiträge: 2562
Registriert: 19. Februar 2012 16:20

Re: Therapiemöglichkeiten?

Beitrag von Sheherazade » 25. Februar 2014 13:39

[quote="erdbeerchen"]
Hm, Diakonie und auch Caritas gibt es bei uns wohl.
Was für eine Art Therapie ist das denn da dann? Eine "ganz normale" Paartherapie? Oder verstehen die sich auch auf ADHS?
[/quote]

Die machen in der Regel Familienberatung, Erziehungsberatung, Eheberatung .... einfach mal anrufen. Mir bzw. uns haben die damals richtig gut geholfen.

Und löse dich ein wenig vom ADHS, ihr müsst den normalen (liebe- und respektvollen) Umgang miteinander lernen, dafür braucht es nicht zwingend einen ADHS-Spezialisten.
Sohn *2003 - Autist mit komorbider ADHS
Sohn *2001 - ADS
2 Töchter *1998 und * 1989
Schmerz vergeht, aufgeben ist für immer.
erdbeerchen
Andersweltler
Beiträge: 9
Registriert: 24. Februar 2014 08:26

Re: Therapiemöglichkeiten?

Beitrag von erdbeerchen » 27. Februar 2014 08:14

Ja das stimmt.
Wir haben eigendlich bereits einen sehr liebevollen Umgang miteinander. So im ganz normalen Alltag.
Nur in diesen Gewittersituationen, da hakt es eben noch.
Ich schaffe es mitlerweile auch immer öfter selbst einigermaßen ruhig zu bleiben, obwohl mir das dann schwer fällt.
Aber damit ist schon einiges gewonnen.
Aber es reicht eben noch nicht

Danke für eure Antworten  :winken:
Eule
Foruminventar
Beiträge: 2680
Registriert: 30. Oktober 2010 00:35
Wohnort: auf einem windigen Hügel bei Köln
Alter: 48

Re: Therapiemöglichkeiten?

Beitrag von Eule » 27. Februar 2014 09:30

Bleiben wir mal bei dem "Er sucht morgens seine Dinge" - beispiel.

Würde er sie nicht suchen, "müsste" er nicht sauer werden und dich anmaulen.

es geht also für ihn wahrscheinlich weniger darum, zu lernen sich zu beherrschen - das ist für jemanden mit ADHS ohnehin höllenschwer, und wird selbst mit Medis nicht immer gelingen. Außerdem ist er wahrscheinlich fürchterlich angenervt wenn ihm jemand sagt er solle sich beherrschen, weil er das schon sein Leben lang hört, und er in diesem Bemühen wahrscheinlich auch öfter gescheitert ist als er selbst und seine Umwelt für gut befunden haben.

Das soll kein Freibrief für Wutausbrüche sein - es ist eine Erklärung, weshalb möglicherweise allein der vom Gegenüber gesagte oder selbst innerlich gesagte Satz "Nun krieg dich wieder ein" oder "Nun nimm dich mal zusammen" dermaßenen frust und Widerwillen auslösen weil die Erinnerungen an all die 1000 ereignisse der Vergangenheit hochkommen an denen man genau das eben nicht hingekriegt hat, daß man erst recht den Raketenstart hinlegt.

Die Lösung für dieses Problem müßte also schon vor dem Suchen, das den Wutausbruch und vor allem die gesammelten alten Versagensgefühle auslöst liegen - denn sobald diese Emotionen das Hirn schon in die falsche Richtung geschubst haben, ist die Bremse kaum mehr erreichbar.

Er braucht also feste Orte für seine Dinge die er morgens benötigt, und er muß Routinen entwickeln, mit denen er die Dinge abends da hin legt, wo er sie morgens wiederfinden kann und will. Dabei ist wichtig, daß das SEINE Ordnung ist, nicht eine die ein anderer Mensch für ihn (auch im besten Willen) erstellt - es muß sich für ihn richtig anfühlen, nur dann hat er eine Chance das auch einzuhalten.

Und bei der Entwicklung solcher Routinen und Handlungsabläufe, die das sicherstellen, kann ein ergotherapeut durchaus helfen.

Auch beim erlernen von Suchstrategien, wenn denn doch mal etwas verschwunden ist kann Ergotherapie helfen.

Bilder malen oder andere künstlerisch-handwerkliche Tätigkeiten sind in der Ergotherapie Mittel mit denen Handlungsplanung geübt werden kann, und die gleichzeitig (und das kann bei einer schweren Depression wichtig sein) zu dem psoitiven erlebnis führen, etwas schönes zu tun statt sich in negativgedanken zu verlieren, und einen sichtbaren erfolg zu haben. Ergotherapie kann aber auch sehr viel konkreter arbeiten, bei der Entwicklung individueller handlungsabläufe die helfen den Alltag zu bewältigen, mit Konzentrationstraining, oder eben tatsächlich indem der Ergotherapeut zum Coach wird.

Als ich (ebenfalls im ländlichen bereich) nach einem ergotherapeuten gesucht habe, der sich vorstellen konnte mit einem erwachsenen ADHSler zu arbeiten, bin ich zunächst mal über Internet an die Suche gegangen, habe auch gezielt nach Therapeuten gesucht, die grundsätzlich die Arbeit mit Erwachsenen mit psychischen Problemen als Thema nannten und zusätzlich ADHS bei Kindern behandelten. Die deren Homepages oder Vorstellung in entsprechenden Datenbanken mich am meisten ansprachen, hab ich dann kontaktiert, und versucht in Telefonaten rauszufinden, ob sie sich das vorstellen können, und wenn ja ob sie Hausbesuche machen würden - dafür gibts ein relativ enges Entfernungslimit, ich glaube bei irgendwas zwischen 10 und 20km Umkreis ist Schluß - und das kann im ländlichen bereich durchaus auch schon eine halbe stunde Fahrt bedeuten. Wichtig ist dabei auch die persönliche Sympathie - wenn die Chemie nicht stimmt, wird es schwierig. Auch wenn er viel arbeitet - es ist empfehlenswert daß dein Mann selber sucht und anruft. Es muß für ihn passen, nicht für dich.

Und dieser letzte Satz ist das, was auch dazu geführt hat daß ich danach gefragt habe, warum dein Mann nicht selber hier fragt und schreibt. Wenn es ein anderer Mensch tut, selbst wenn es die ihn gut kennende und ihm wohlgesonnene Partnerin ist, hat das immer etwas von "Stille Post". Du kannst nicht in ihn reingucken, du weißt nicht wie er bestimmte Dinge erlebt, wie sich das für ihn anfühlt. Und es ist selbst mit der präzisesten Beschreibung die dir dein Mann geben könnte auch nicht möglich, daß du seine Gefühle, seine Wahrnehmung "nacherleben" und nachvollziehen könntest. Deshalb ist es so wichtig daß ER was macht. Du KANNST das nicht für ihn leisten - du kannst ihn nur darin unterstützen, sich auf diesen Weg zu machen. egal ob es um Psychotherapie, ergotherapie oder eine Selbsthilfegruppe geht.
erdbeerchen
Andersweltler
Beiträge: 9
Registriert: 24. Februar 2014 08:26

Re: Therapiemöglichkeiten?

Beitrag von erdbeerchen » 27. Februar 2014 10:29

Vielen Dank Eule, für diese detaillierte Beschreibung!
Ich wusste gar nicht, das ein Ergotherapeut auch soetwas leisten kann :)
Ich denke, dass ist eine Sache, die wir hier durchaus auch bekommen könnten.
Das hört sich wirklich sehr vielversprechend an.

Zu den verlorenen Dingen; Er versucht bereits ein Ordnungssystem zu finden. Wir sind vor einiger Zeit umgezogen und er hat sich ein kleines Büro eingerichtet und war sehr stolz darauf das erste mal Ordnung in seinen Papieren zu haben.
Ich habe mich da auch echt drüber gefreut, endlich muss man nicht mehr endlos suchen, wenn man mal etwas braucht.  :top:
Leider ist in letzter Zeit auch wieder immer mehr Chaos  da rein gekommen.
Und er geht da nicht dran, ich könnte mir vorstellen, dass er frustriert ist, dass er wieder so ein Chaoszimmer hat.
Ich würde ihm gern helfen, aber du hast recht, wenn du sagst, dass er seine eigene, für ihn Sinn machende Ordnung finden muss.
Deswegen möchte er da auch keine Hilfe von mir. Bzw. ich könnte ihm da keine sein.
Was noch auffällig ist, ist dass er regelrechte "Powerphasen" hat.
Da schafft er unheimlich viele Dinge zu erledigen, die sich über längere Zeit aufgestaut haben.
Da darf man ihn dann auch auf keinen Fall mit irgendwas stören, denn ist er ziemlich schnell abgelenkt und findet dann wieder den Dreh nicht weiterzumachen, was ihn dann natürlich wieder total frustriert und unzufrieden macht.
Antworten

Zurück zu „ADHS späte Diagnose*“