Potentiellen ADS´ler aufklären - aber wie?

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Laura6488
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Potentiellen ADS´ler aufklären - aber wie?

Beitrag von Laura6488 » 6. Januar 2012 21:39

Hallo,
ich mache mir große Sorgen um meinen Vater!!! Ich bin mir ziemlich sicher, dass er ebenso wie ich an ADS leidet! Seit ich vor fünf Jahren selbst diagnostiziert wurde, fiel mir auch im Laufe der Zeit immer mehr auf, dass mein Vater viele ähnliche Symptome aufweist, die dafür sprechen.
Er ist unter anderem zerstreut (handelt/spricht vor dem Nachdenken), verlegt Gegenstände, schiebt Aufgaben gerne vor sich her, hat ein schlechtes Kurzzeitgedächtnis (vergisst häufig, was er Sekunden vorher gesagt oder getan hat). Wir machen jeden Sonntag mit meiner Mutter und meinem Bruder einen Spielnachmittag, bei dem sich Einiges noch mal besonders zeigt. Er reagiert schlecht, wenn er an der Reihe ist. Zudem muss man ihm häufig die Spielanleitung von einigen Spielen, die er schon häufig mitgespielt hat, noch einmal erklären. Dann hat er wenig Geduld und steht gerne zwischendurch einfach mal auf, wenn es eigentlich gerade unpassend ist. Trotzdem hat mein Vater auch viele Stärken. Ich halte ihn auch für einen intelligenten Menschen. Er hat zwar gerne Vorurteile gegen andere, hat aber trotzdem einen großen Gerechtigkeitssinn und ist sehr hilfsbereit. Er hatte vor ein paar Jahren auch eine starke Midlife-Crisis, also eine lang anhaltende depressive Phase.
Von meiner Mutter und meinem Bruder fühlt er sich häufig missverstanden und es kommen häufig Sprüche von ihm wie: „Ich weis, dass ich hier immer nur der Depp bin!“ Die beiden behandeln ihn aber auch oft dementsprechend! Das verletzt auch mich, weil ich gut nachvollziehen kann, wie er sich in dieser Rolle fühlen muss. Es gibt zu Hause auch häufig Streit wegen seines Verhaltens. Meine Mutter ist auch bald am verzweifeln. Jedoch will sie mir nicht glauben, dass er ADS haben könnte. Sie glaubt eher an Demenz oder Alzheimer. Es gibt zwar einige Symptome, die sich mit ADS überschneiden, aber tritt Demenz nicht eher erst bei Senioren ein? Immerhin begreift sie aber, dass er vermutlich krank ist. (Dann verstehe ich allerdings nicht, wieso sie ihn häufig Vorwürfe macht und ihn behandelt, als sei sein Verhalten Absicht!)

Und hier das eigentliche Problem: Er klagt häufig über (andere körperliche) Beschwerden, geht aber nie zum Arzt. Dann kommt er mit der Meinung, der Arzt könne ihm eh nicht helfen und glaubt auch, er könne sich selbst eine Diagnose stellen, was bei ihm angeblich die Beschwerden verursacht. Er spielt dann quasi den „Onkel Doktor“.
Ich finde aber, dass ihm geholfen werden muss. Die ganze Familie – insbesondere ihm selbst – leidet unter der ganzen Situation. Nur, dass er selbst die Sache wohl nicht so sehr wahr nimmt.
Aber ich bin auch „mit meinem Latein am Ende“! Wie erkläre ich ihm, dass er (professionelle/ärztliche) Hilfe braucht? Ich habe es schon einmal probiert, es ihm vorsichtig zu erklären, dass er krank sein könnte. Darauf  kam die Reaktion, die ich schon befürchtet hatte: Er dachte, ich will ihn für „verrückt“ erklären und empfand es als „Beleidigung“. Das kann ich schon irgendwo verstehen! Hätte man damals so etwas zu mir gesagt, wäre ich auch gekränkt, weil ich es nicht eingesehen hätte. Ich bin damals durch Zufall selbst darauf gekommen, dass ich ADS haben könnte, indem ich einen Artikel darüber gelesen und mich darin stark wiedererkannt habe. Aber ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte. Und das ist heute leider immer noch so! Ich empfinde es als eine sehr schwere Aufgabe, ihm das beizubringen und ihn dazu zu bewegen, sich ärztlich untersuchen zu lassen.
Deswegen bräuchte ich dringend einen Rat! Denn ich will ihn nicht „erträglicher“ für meine Mutter und meinen Bruder machen, sondern in erster Linie IHM selbst HELFEN!!! Aber wie um alles in der Welt stelle ich das an??? Ich weis es einfach nicht!!  :nachdenk2:  :fr:


Liebe Grüße
Laura
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gel.ice
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Re: Potentiellen ADS´ler aufklären - aber wie?

Beitrag von gel.ice » 6. Januar 2012 21:55

hallo laura!

da hast du dir eine sehr schwierige aufgabe gestellt! aber ich finde deine beobachtungsgabe und klarheit in der angelegenheit bemerkenswert!
AD(H)S ist ja erblich, also ist es doch gut möglich dass du es von ihm hast. sieht denn deine mutter keine paralellen zwischen dir und ihm?

wissen sie überhaupt von deinem AD(H)S bzw. was oder wieviel wissen sie von deiner "krankheit" und AD(H)S allgemein? haben sie sich schonmal damit auseinander gesetzt?

ich fühle mich auch manchmal "dement" oder als ob ich alzheimer hätte und das ist nicht immer einfach - weißt du ja selbst. dein vater leidet bestimmt auch darunter. aber ich frage mich ob er es selbst merkt oder ob er die schuld nur bei den anderen sucht. war er schon immer so oder hat das jetzt erst angefangen? auch bei 40 oder 50 jährigen kann es vorkommen dass sich schon erste anzeichen von demenz oder aszheimer bemerkbar machen. wenn dein vater aber schon immer so war wird es wohl kaum demenz oder alzheimer sein.

leider weiß ich aber auch nicht wie du ihm da weiterhelfen kannst. er lebt ja nun schon sehr lange in diesen strukturen, da ist es sehr schwer umzudenken und plötzlich sich vorzustellen "krank" zu sein im sinne von schon immer anders gewesen zu sein. das ist ein prozess und das geht nicht von heut auf morgen. vielleicht kannst du das thema immer wieder leicht ankratzen bis es nicht mehr so unglaublich und weit weg klingt und dann irgendwann wenn "die oberfläche aufgeweicht" ist ein direkteres gespräch mit ihm oder deiner mutter zu führen. deine mutter hat ja wenigstens schon "angebissen" in dem sie erkennt dass er in irgendeiner form krank sein könnte. mit ihr hast du darüber bestimmt schon öfter gesprochen. "steter tropfen höhlt den stein"...

viel glück!

lg
nur wer erwachsen wird und ein kind bleibt, ist ein mensch.
(erich kästner)
maerenthaler
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Re: Potentiellen ADS´ler aufklären - aber wie?

Beitrag von maerenthaler » 6. Januar 2012 22:02

Hallo Laura,

[quote="Laura6488"]
Ich bin mir ziemlich sicher, dass er ebenso wie ich an ADS leidet!  [/quote]

würde er wirklich leiden, ginge er zum Arzt.

[quote="Laura6488"]
Er klagt häufig über (andere körperliche) Beschwerden, geht aber nie zum Arzt. Dann kommt er mit der Meinung, der Arzt könne ihm eh nicht helfen und glaubt auch, er könne sich selbst eine Diagnose stellen, was bei ihm angeblich die Beschwerden verursacht. Er spielt dann quasi den „Onkel Doktor“.[/quote]

So wirklich glaube ich Dir nicht, daß er noch nie beim Arzt war.
Und spätestens, wenn sein gebrochenes Bein so richtig weh tut,
wird er seine Meinung, ein Arzt könne ihm nicht helfen, auf's schnellste revidieren.

Nur, dafür muß es halt richtig wehtun.

Und solange ihm seine ADS nicht richtig wehtut, wird er sich nicht zu einem Arztbesuch überreden lassen.
Warum auch?

Ich bin auch erst mit 55 zum Arzt gegangen.

Freiwillig.

Weil ich ganz plötzlich wußte, ohne Hilfe geht's nicht mehr.
Weil's weh tat.

Also laß Deinen alten Herrn einfach in Ruhe,
er ist erwachsen genug, selbst zu entscheiden,
wann es ihm weh genug tut, daß er dadurch leidet und deshalb einen Arzt benötigt.

LG
Christian
Laura6488
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Re: Potentiellen ADS´ler aufklären - aber wie?

Beitrag von Laura6488 » 16. Januar 2012 21:37

Entschuldigung erstmal, dass ich erst jetzt antworte, weil ich ja um einen "dringenden" Rat gebeten habe!

@gel.ice:
Ich kann leider nicht genau sagen, wie es früher war. Aber vor knapp zehn Jahren hatte er eine längere depressive Phase. Die ganzen Symptome, die ich mit AD(H)S verbinde, fallen mir erst seit ca. zwei Jahren auf. Ich war die drei Jahre davor auch mehr mit mir selbst und meiner ADS beschäftigt, seitdem ich diagnostiziert wurde.
Überschneiden sich die Symptome von Alzheimer und ADS so sehr?
Meine Mutter glaubt auch eher daran, dass er Alzheimer hat. Sie will mir partout nicht glauben, dass er AD(H)S hat. Sie meinte, ihr fiele sein Verhalten auch erst seit ein paar Jahren auf, das im Laufe der letzten Monate gravierender wurde. Immerhin glaubt sie mir wenigstens, dass ich es habe. Obwohl ich daran auch manchmal so meine Zweifel habe. Und ja, mein Vater sind uns in vielen Dingen ähnlich. Dieser Meinung ist auch meine Mutter. Mein Vater fällt es nicht auf, dass mit ihm "etwas nicht stimmen" könnte. Er beschwert sich oft, dass er immer als "Depp" und "Buhmann" (von meiner Mutter und Bruder) hingestellt werden würde. Sprich: Er schiebt also auch gerne die eigentliche Schuld auf andere.

LG
Laura
Zuletzt geändert von Laura6488 am 16. Januar 2012 21:54, insgesamt 1-mal geändert.
Laura6488
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Re: Potentiellen ADS´ler aufklären - aber wie?

Beitrag von Laura6488 » 16. Januar 2012 21:50

@Christian:
Er hält schon viel auf unseren Hausarzt und auf meine Tante, die auch Ärztin ist.
Andererseits sagt er auch oft, dass er Beschwerden hat (wie seit einem halben Jahr mit seinem Rücken), bei dem ihn eh kein Arzt helfen könnte und die meisten doch eh nichts taugen würden. Klingt für mich auch leicht widersprüchlich.
Natürlich kann ich meinem Vater nicht einfach mal vorschreiben, zum Arzt zugehen. Und er sieht auch nicht ein, dass "etwas" mit ihm "nicht stimmt". Aber wie ich ihn so erlebe, tut er mir auch Leid. Mittlerweile tut er sich auch mit einigen "simplen Aufgaben" im Alltag schwer.
Ich bin nicht Diejenige, die von ihrem Vater genervt ist und "eigentlich" akzeptiere ich ihn auch als Mensch, so wie er ist!!! Aber ich mache mir einfach große Sorgen um ihn und mir macht es zu schaffen, wie auch andere mit ihm umgehen!
Ich kann gar nicht mal genau sagen, ob er wirklich leidet! Und wenn er seelisch leidet, ob er sich Hilfe suchen würde. Ich weis es einfach nicht!  :confused:  :nachdenk:

LG
Laura
Zuletzt geändert von Laura6488 am 16. Januar 2012 21:54, insgesamt 1-mal geändert.
nixe
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Re: Potentiellen ADS´ler aufklären - aber wie?

Beitrag von nixe » 16. Januar 2012 22:04

Hallo Laura,

es spielt überhaupt keine Rolle, welche Krankheit Dein Vater hat und ob nun eher Deine Mutter Recht hat oder Du oder wer auch immer. Der wichtige Punkt ist doch, dass Du Dir Sorgen um ihn machst.

Mein Vorschlag: sprich mit ihm. Erkläre ihm, dass Du ihn lieb hast und das Du Dir Sorgen machst und bitte ihn, die Sache abzuklären.

Was er mit Deinem Hinweis dann anfängt, ist seine Sache. Er ist nunmal erwachsen und kann / darf / muss selbst entscheiden, wie er mit sich selbst umgehen möchte. Wenn Deine Mutter und Dein Bruder sich auch Sorgen machen, solltet Ihr eben miteinander offen sprechen. Es kann schon vorkommen, dass eine (entstehende) Krankheit erst Anderen auffällt. Mehr, als es ehrlich ansprechen, kann man allerdings bei einem Erwachsenen nicht machen. Auch Leid ist häufig selbst gewählt.

Was das Verhalten von Mutter und Bruder angeht - auch da bietet sich die offene und ehrliche Ansprache an. Was denn auch sonst eigentlich ?

Ändern kann man andere Menschen nicht, das müssen sie schon selber tun. Man hat noch nicht einmal einen Anspruch darauf, dass die Gegenüber sich der eigenen Wahrnehmung und Wahrheit anschließen.
Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. (Ingeborg Bachmann)
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Püppilotta
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Re: Potentiellen ADS´ler aufklären - aber wie?

Beitrag von Püppilotta » 16. Januar 2012 22:28

[quote="maerenthaler"]

Hallo Laura,

[quote="Laura6488"]
Ich bin mir ziemlich sicher, dass er ebenso wie ich an ADS leidet!  [/quote]

würde er wirklich leiden, ginge er zum Arzt.

[/quote]

Liebe Laura,

ich verstehe Deine Sorgen.

Ich kenne es auch selbst sehr gut, ein Problem erkannt zu haben, helfen zu wollen, aber nichts ausrichten zu können.
Mittlerweile seh ich es, wie Christian sagt.. Du kannst nur abwarten, ob er von selbst geht..

Mein Opa hörte erst nach der 2. Lungen-OP auf zu rauchen, weil er es vorher nicht für notwendig befand..
Auch geht er erst jetzt zum Osteopathen - nach 4 Jahren Schmerzen..
Ich hatte mir den Mund fusselig geredet und was nun, ER SELBST hat entscheiden, wann es soweit ist..

Du hilfst ihm wahrscheinlich am besten, wenn Du für ihn da bist und im Verständnis zeigst, wenn er sich wie ein "Trottel" behandelt fühlt  :ja:

Ich wünsch Dir viel Kraft! Den grad seinen Lieben möchte man UNBEDINGT helfen  :wu:

Viele Grüße  :winken:
"Gesundheit ist die Fähigkeit, 'lieben und arbeiten' zu können." Sigmund Freud

"AD(H)S bedeutet, mit angezogener Handbremse zu fahren" Zitat
[hr][/hr]
:froi1:
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kleiner Hypie
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Re: Potentiellen ADS´ler aufklären - aber wie?

Beitrag von kleiner Hypie » 16. Januar 2012 23:03

Hallo,

was würdest du dir davon erhoffen?

lg, kH
Ohne michael ist Forum doof.
McSnoop
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Re: Potentiellen ADS´ler aufklären - aber wie?

Beitrag von McSnoop » 20. Februar 2012 11:26

Hallo Laura,

AD(H)S != oder == Krankheit??

Ich(30, im Nov 2011 diagnostiziert) selbst sehe ADS nicht als Krankheit sondern eher als eine Beeinträchtigung(das Wort Behinderung gefällt mir genauso wenig) mit Krankheitswert. Da ADS nicht heilbar ist passt mir der Begriff Krankheit auch nicht so recht. Der Krankheitswert entsteht m.M.n. je nachdem wie stark die  Komorbitäten ausgeprägt sind. Wenn man erst im Erwachsenenalter diagnostiziert wurde gibt es 100% welche die das Leben für einen bereit hält.

Wie nun auf andere einwirken?

In erster Linie kannst du nur reden und versuchen ihn zu überzeugen das Abprüfen zu lassen. Den Weg des Akzeptierens und Willens sein muss er selbst gehen.
Auch wenn das etwas hart klingen mag. Ich bin zur Diagnostik gegangen mit der Haltung entweder/oder. Mir war das Ergebnis am Anfang egal, als ich die Diagnose dann bestätigt(Verdacht hatte ich bereits ab 2006) bekam. Ab dem Befund ging es bis jetzt stetig Bergauf, sowohl was das akzeptieren angeht als auch alles andere und es wahr vor allem eine Erleichterung für mich und mein Umfeld.

Die Erde bleibt trotzdem nicht stehen und dreht sich weiter, nur halt mit dem Wissen und der Tatsache dran arbeiten zu können.

Demenz --> degenerative Erkrankung des Gehirns, das läßt sich durch verschiedene Verfahren nachweisen

Auch das kann geprüft werden nur um zu Wissen woran man ist.

Liebe Grüße
Tobias
ADHS SHG DD --> www.adhs-dresden.net
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Tamiki
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Re: Potentiellen ADS´ler aufklären - aber wie?

Beitrag von Tamiki » 20. Februar 2012 19:37

Da sehe ich es so McSnoop: Weder ADS noch Asperger würde ich als Krankheit bzw. Behinderung bezeichnen.

Daß so eine "Diagnose" beim Vater nicht gut ankäme, kann ich nachvollziehen.

Ansonsten würde ich vorsichtig versuchen, mal in einem gut gewählten Moment ins Gespräch mit ihm zu kommen. Vielleicht geht er aus sich heraus und kann darüber sprechen, ob ihn etwas so belastet, daß er damit alleine nicht mehr fertig wird. Evtl. ist er dann bereit, professionelle Hilfe zu suchen.

edit: Ihn einfach nur  in Ruhe zu lassen, sehe ich zwiespältig. Gerade wenn schon einmal Despressionen auftraten.
Deshalb würde ich nicht bedrängen, aber Verständnis und behutsam ein Gespräch anbieten.
Zuletzt geändert von Tamiki am 20. Februar 2012 19:44, insgesamt 1-mal geändert.
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caithlin
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Re: Potentiellen ADS´ler aufklären - aber wie?

Beitrag von caithlin » 7. April 2012 13:22

Hallo Laura,

Sinnvoll fände ich schon wenn du, deine Mutter und dein Bruder auf deinen Vater einwirken würden mal zum Arzt zu gehen um wenigstens Alzheimer auszuschließen. Sollte er da doch betroffen sein, sorgen Medikamente und Behandlung dafür daß er sehr viel länger besser damit klarkommen könnte. Hat er einfach Angst und schiebt deshalb das 'die Ärzte können mir da eh nicht helfen' vor?

Anderer Ansatz:
Hast du ihn über deine Diagnose aufgeklärt? Du schreibst ja, daß du mit deiner Mutter darüber gesprochen hast. Sonst könntest du ihm evt. diesen Artikel wo du dich wiedererkannt hast zum lesen geben. Um sozusagen Verständnis für deine Lage zu bekommen. Nebenbei kannst du ja fallen lassen, daß dir mit der Diagnose geholfen ist, daß du dich endlich kein Depp (oder so..) mehr fühlst, daß du jetzt besser weiß wie mit Sachen umzugehen etc. Und daß du der Meinung bist, du bist aber NICHT krank oder behindert.

Ich habe häufiger mit meine Eltern über unsere Kinder gesprochen (ADHS und ADS) und daß es erblich ist. Für die Diagnose waren sie offen, sie sehen ja auch wie unser Sohn mit MPH regelrecht aufgeblüht ist. Eine Kusine mütterlicherseits hat auch ADHS. Eine Tante (Schwester der Mutter) auch. Und daß ich mich jetzt auch testen lassen werde. Meine Mutter hat da auch irgendwann angefangen nachzudenken über sich selber (wo sie aber auch ein reflektierter Mensch ist).

Mit meine Brüder habe ich da auch langsam Zweifel. Mein jüngster Bruder ist aus der Schule rausgefallen und hat letztendes doch ein Berufsausbildung gemacht, obwohl überdurchschnittlicher IQ. Aber er scheint recht zufrieden, obwohl er ws. etwas viel grünes raucht. Ich weiß daß meine Mutter sich da auch in Richtung ADS Gedanken macht. Bei ihm könnte ich mir vorstellen anzusprechen, daß ich mich testen lasse und das es erblich bedingt ist...

Mein andere Bruder hat immer wieder depressive Verstimmungen (spricht aber nicht darüber), ist aber im Job super klar gekommen und hat richtig Karrierre gemacht. Der lässt so gar niemand aus der Familie ran, also werde ich mich hüten da was zu sagen.
Ich selber hab auch Uniabschluß, die Karrierre war dann aber nicht so blendend. Aber dafür habe ich zwei tolle Kinder für die ich viel Energie und Zeit brauche. :ichboss:

Die meisten Leute sind nicht richtig aufgeklärt was ADS betrifft. Allgemein bekannt ist das Zappelphillip-Verhalten, das Verträumte wird auch deshalb häufig nicht wahrgenommen denke ich. Wenn du da betroffen bist, sind strategisch angebotene Infos (über dich  :zwink:) evt, echt sinnvoll.

Aber gib es Zeit...und evt. braucht es ja auch Leidensdruck...leider.
LG, caithlin
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Selenia
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Re: Potentiellen ADS´ler aufklären - aber wie?

Beitrag von Selenia » 7. April 2012 20:58

Ich persönlich bin dafür, dass man "erkannte" ADSler aufklärt.

Die beste Methode war bis jetzt, dass ich einen Punkt von mir selber ansprach und sagte, wie das bei mir ist - wichtig ist, dass das Gegenüber genau  diesen Punkt aber auch hat!
Also setze ich auf Erkennungswert.

So grob gesagt:
Ach weisst du.. ich habe halt ADS.. und habe gemerkt, dass ich gewisse Dinge anders empfinde als andere.. deshalb anders angehen muss. Seit ich das so und so mache, geht das viiiiiel besser.

Dann setze ich mich ruhig zurück und lasse das wirken.
sollte es das Edison-Gen sein?
Laura6488
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Re: Potentiellen ADS´ler aufklären - aber wie?

Beitrag von Laura6488 » 20. April 2012 21:01

Da ich schon diverse Gesprächsversuche gestartet habe und ich bei ihm damit nicht durchkomme, habe ich ihn jetzt erstmal in Ruhe gelassen. Schließlich bin ich tatsächlich nicht sein Vormund und er hat ja sein Leben bisher trotzdem im Griff gehabt bzw. hat es im Großen und Ganzen immer noch. Und doch grübele ich noch manchmal drüber nach und mache mir Sorgen. Ich werde wahrscheinlich auch noch mal bei meiner Mutter ein Gespräch suchen. Mir ginge es halt auch in erster Linie darum, dass er halt wenigstens ´ne Diagnose hätte. Klar liegt es im Endeffekt dann bei ihm, was er daraus macht!

Ich weis auch nicht, ob das ein "Zeichen"/"Wink mit dem Zaunpfahl" für irgendwas sein soll, aber ich bin erstaunt darüber, wie "viele" Leute ich kenne, bei denen ich "die Hand dafür ins Feuer legen" würde, dass sie ebenfalls von ADS betroffen sind. Cousin (adoptiert), vier Freunde, Vater, Kollegen. Bei den zwei Freunden habe ich es auch versucht, sie aufzuklären, indem ich auch von den Ähnlichkeiten zwischen mir und ihnen erzählt habe, was durchaus Symptome sein könnten. Hat aber nicht gefruchtet. Aber bei den Beiden denke ich mir: Okay, müssen sie ebenso selbst wissen! Ich habe ja schon mal den Anfang gemacht. Wenn sie doch von selbst noch mal ins Grübeln kommen, wissen sie ja (hoffentlich), an wen sie sich u.a. wenden können!

Was mir bei all den „Bekannten“ halt manchmal weh tut: wenn sie auf irgendeine Weise für deren Zerstreutheit oder angeblicher „Andersartigkeit“ verspottet und belächelt werden!
Ich finde es halt traurig, dass wir hier in einer Gesellschaft leben, in der eine gewisse Norm scheinbar einen hohen Stellenwert hat! 
Wer sich nicht an diese Norm hält, wird schnell belächelt. Ist halt noch die Frage, um welche Norm es genau geht. Aber darunter scheint wohl auch eine gewisse Art an Perfektionismus zu fallen. Ist irgendwie so meine Philosophie! Andererseits müsste das „Normalsein“ doch auf die Dauer auch irgendwie langweilig werden, oder!?

Naja, zurück zu den Antworten auf Eure Beiträge:

@ caithlin: Ob er evtl. Angst vor Arztbesuchen hat, weis ich nicht. Er tut halt immer so, als könne er sich seine Diagnose auch selbst stellen. Als hätte er selbst Medizin studiert und all die Ärzte hier im Umkreis nichts taugen würden.
Ich hatte wie bei den beiden Freunden erstmal sehr zaghaft versucht, mit ihm über unsere Ähnlichkeiten zu sprechen (, welche aber auch typische ADS-Symptome sind). Damit meine Mutter mir glaubt, dass er an ADS „leiden“ könnte, habe ich ihr einen ausführlichen Artikel über ADS präsentiert, in dem auch Vieles auf meinen Vater und mich zutrifft. Zum Glück hat sie ihn wirklich gelesen, zweifelt aber trotzdem dran. Sie tippt eher auf Demenz/Alzheimer. Immerhin versteht sie aber meine Sorge. Sie macht sich ja selbst Sorgen. Vielleicht finden wir noch eine Lösung…

Ich sehe das aber auch so, dass die Gesellschaft einfach besser aufgeklärt werden müsste! Ich bin seit sechs Jahren aktives Feuerwehrmitglied und habe es bis zu einem recht hohen Dienstgrad geschafft. Ich wurde belächelt für meine Schusseligkeit bei Praxisübungen, was irgendwann sogar in regelrechtes Mobbing überging. (Klar verstehe ich auch, dass Schusseligkeit bei Feuerwehr, Rettungsdienst, THW, etc. fehl am Platz ist. Man soll die entstandenen Schäden ja beseitigen oder zumindest verringern, statt sie mit evtl. Chaos zu verschlimmern!) Nehme jetzt seit 1 ½ Jahren Medikamente, die mir sehr helfen, mich besser zu konzentrieren, aufmerksamer zu sein und vor allem erst zu denken und dann zu handeln. Ich bin somit sehr viel organisierter und dadurch auch selbstbewusster geworden.
Letztes Jahr habe ich es einfach nicht mehr ausgehalten und den Entschluss gefasst, mich drei Feuerwehrkameraden, die auch eine recht hohe Stellung in unserer Wehr haben, anzuvertrauen (- das waren auch Gott-sei-Dank welche, die noch zu mir standen -) und aufzuklären. Diese wiederum haben die Infos dann an Andere weitergegeben. Gott-sei-Dank hat sich alles zum Guten gewendet und von heute auf morgen hat sich das Verhalten der Meisten mir gegenüber schlagartig geändert! Sie haben viel Verständnis gezeigt und sogar einen gewissen Respekt bekundet, dass ich es trotzdem soweit gebracht habe (Lehrgänge/Dienstgrad)! Denn auch sie kennen es, mal ein „Blackout“ zu haben, mal Dinge zu verlegen, mal was zu vergessen, etc…. Und der eine Kamerad, dem ich es zuerst anvertraut hatte, fragte mich hier letzt, wieso ich nicht einfach früher mit dem Problem gekommen wäre. Über so was könnte man doch reden.
Also die meisten Menschen zeigen zum Glück schon Verständnis, wenn man sie darüber richtig aufklärt! Aber der Großteil unserer Gesellschaft muss halt noch mehr aufgeklärt werden! Auch Ärzte. Ich werde immer noch von Ärzten schräg angeschaut, wenn ich denen sage, dass ich Methylphenidat wegen ADS nehme. So nach dem Motto: „Hier sitzt doch eine recht entspannt wirkende erwachsene Frau vor mir! So was trifft doch eher auf zappelige männliche Kinder zu!“
Aber immerhin geht es mit der Forschung, Aufklärung und Behandlungen anscheinend recht gut voran! Finde ich!

@ Tamiki:
Da gebe ich Dir Recht! Man sollte bei so einer „Aufklärung“ sehr behutsam umgehen und nicht gleich mit negativen Begriffen wie „Störung“ oder „Krankheit“ oder gar „Behinderung“  und so um sich werfen! Wenn das jmd. bei mir gemacht hätte, wäre ich auch erstmal beleidigt gewesen, dass man mir so was Negatives „unterstellt“.
Zumal man ADS nicht unbedingt als solche Dinge betrachten kann. Zumindest nicht als „Behinderung“!

@Selenia:
In der Weise habe ich das auch schon probiert. Er hält es schlicht und einfach für Charaktereigenschaften. Also ich will ihn ja auch nicht wirklich ändern. Ich finde es halt auch wie Du wichtig, dass er wenigstens Bescheid wüsste, was mit ihm los ist!


So kompliziert und vielseitig AD(H)S eh schon ist, so ist es auch zu erklären! :-[
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Hanghuhn
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Re: Potentiellen ADS´ler aufklären - aber wie?

Beitrag von Hanghuhn » 20. April 2012 23:41

Hallo, Laura,

ich kann Dich sehr gut verstehen. Du hast ganz sicher einen langen Weg hinter Dir, bis die Erkenntnis gereift ist, Du könntest ADS haben. Erst dann ist man ja auch bereit, zum Psychiater zu gehen. Das heißt aber noch lange nicht, dass man gleich am nächsten Tag einen Temin festmacht.

Natürlich kann man ADS und Alzheimer haben. Anstelle Deines Vaters wäre mir eine ADS-Diagnose bei Weitem lieber. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es mit zunehmendem Alter immer mehr Situationen gibt, in denen ADS zum echten Hindernis wird. Man ist nun mal als junger Mensch aufnahmefähiger. Das heißt, es wird immer schwieriger, sein ADS zu kompensieren. Wenn auch noch, wie in den letzten Jahren immer mehr zu merken, Geschwindigkeit im Beruf und in einigen privaten Bereichen eine immer größere Rolle spielt, wird es auch für ADSler immer enger und schwerer, ihr Leben zu meistern.

Dass Dein Vater gar nicht leidet, stimmt definitiv nicht. Es fehlt nur die Erkenntnis, dass ein Großteil seiner Probleme einen Namen haben könnte.

Die Art und Wiese, wie er mit seinen sonstigen körperlichen Problemen umgeht, zeigt eher nur, dass er eher zur Verdrängung seiner Probleme neigt. Das macht es Dir ja auch nicht gerade leicht, ihm zu "verklickern", dass er ADS haben könnte. Dass auch Deine Mutter recht unkompetent mit dem Thema ADS umgeht, bedeutet für Deinen Vater, dass er es auch innerhalb der Familie echt schwer hat.

[quote="Laura6488"]
Meine Mutter glaubt auch eher daran, dass er Alzheimer hat. Sie will mir partout nicht glauben, dass er AD(H)S hat. Sie meinte, ihr fiele sein Verhalten auch erst seit ein paar Jahren auf, das im Laufe der letzten Monate gravierender wurde. Immerhin glaubt sie mir wenigstens, dass ich es habe. Obwohl ich daran auch manchmal so meine Zweifel habe. Und ja, mein Vater sind uns in vielen Dingen ähnlich. Dieser Meinung ist auch meine Mutter. Mein Vater fällt es nicht auf, dass mit ihm "etwas nicht stimmen" könnte. Er beschwert sich oft, dass er immer als "Depp" und "Buhmann" (von meiner Mutter und Bruder) hingestellt werden würde. Sprich: Er schiebt also auch gerne die eigentliche Schuld auf andere.[/quote]

In meinem Umfeld gibt es auch einige Leute, bei denen ich ganz stark ADS vermute. Ich habe einmal meine Meinung geäußert. Das wars. Viele Männer, die AD(H) haben, es aber nicht wahrhaben wollen, kommen auch deshalb ganz gut damit zurecht, weil ihr Leben zu einem großen Teil von ihren Ehefrauen gemanagt wird. Vielleicht ist Deiner Mutter die Zerstreutheit ihres Mannes erst jetzt so richtig aufgefallen, weil sie selbst auch die Schwächen ihres Mannes nicht mehr so sehr kompensieren kann, wie sie es früher getan hat

Einmal Deinem Vater oder Deiner Mutter von ADS zu erzählen, wird wohl nicht reichen. Das Gespräch des öfteren auf dieses Thema als Dein Thema lenken, wäre unterm Strich sicher effektiver. Vielleicht weckst Du damit die Neugier, sich doch einmal genauer mit dem Thema auseinander zu setzen.
LG Hanghuhn
Weil
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Re: Potentiellen ADS´ler aufklären - aber wie?

Beitrag von Weil » 3. Mai 2012 17:02

In bester ADS-ler Manier hast du dich da in eine Sache verbissen und hast keine Zweifel an deiner "Diagnose". Du magst ja recht haben, dass dein Vater betroffen ist, was aber ist, wenn deine Mutter recht hat? Oder ihr beide? Ihre Vermutung tust du ab, weil du es nicht glauben magst.
Zieh mal in Betracht, dass du du dich irrst  und selbst wenn dein Vater AD(H)S hat, sein wahres Problem tatsächlich eine Demenz ist? Dann tust du mit deinem Beharren deinem Vater nix gutes.

[quote="Laura6488"]
Ich kann leider nicht genau sagen, wie es früher war. Aber vor knapp zehn Jahren hatte er eine längere depressive Phase. Die ganzen Symptome, die ich mit AD(H)S verbinde, fallen mir erst seit ca. zwei Jahren auf. Ich war die drei Jahre davor auch mehr mit mir selbst und meiner ADS beschäftigt, seitdem ich diagnostiziert wurde. [/quote]

Depression und Demenz fördern sich sich gegenseitig.

[quote="Laura6488"]Überschneiden sich die Symptome von Alzheimer und ADS so sehr?  [/quote]

Ja. Zumindest anfangs.
Nur die Ursachen sind unterschiedlich und die Folgen. Völlig verschieden ist der Verlauf. Ich selber habe schwere Erschöpfung und Dekompensation bei  AD(H)S durchgemacht, das ist ganz was anderes und vergeht auch wieder. AD vergeht nicht.


[quote="Laura6488"]Meine Mutter glaubt auch eher daran, dass er Alzheimer hat. Sie will mir partout nicht glauben, dass er AD(H)S hat. Sie meinte, ihr fiele sein Verhalten auch erst seit ein paar Jahren auf, das im Laufe der letzten Monate gravierender wurde. [/quote]

Und du willst partout nicht glauben, dass er Alzheimer -Demenz (AD) hat.
Nun ist es zwar keine Glaubensfrage, aber um dem Vater zu helfen, ist die Grundannahme schon wichtig.
AD ist eine fortschreitende unheilbare Krankheit, die durchschnittlich 7 Jahre nach der Diagnose durch Komplikationen durch Begleiterscheinungen zum Tode führt.
Für Alzheimer spricht die gravierende Verschlechterung innerhalb einiger Monate. Besonders bei Frühbetroffenen kann die Krankheit zügig voranschreiten. Andererseit ist AD ein schleichender Prozess, der sich lange Jahre bevor nach außen alarmierende Anzeichen auftreten anbahnt. Das Gedächtnis (alle Vorgänge des Gehirns beruhen ja auf einer Gedächtnisleistung) lässt nach, aber der Mensch ist flexibel genug, um erstaunlich vieles zu kompensieren. Man verdrängt, vermeidet, verbirgt und bestreitet die zunehmenden Defizite. Wie anstrengend und erschöpfend das ist, wissen wir ADSler ja ganz gut. Die Alzheimer-Diagnose wird meistens erst dann gestellt, wenn die Kompensation nicht mehr aufrechterhalten werden kann, das ganze System also bereits zusammengebrochen ist. Das wird dann auch nicht mehr.

Die meisten Angehörigen von AD-Patienten sagen später, dass sie eigentlich die Anzeichen hätten sehen müssen, sie aber dem Alter oder dem schwierigen Charakter zugeschrieben haben. Er/sie war ja immer schon stur, aufbrausend, zerstreut, eigen. Wenn du das Verhalten AD(H)S  zuschreibst, folgst du genau diesem Schema, man sucht nach einer Erklärung.

[quote="Laura6488"]Mein Vater fällt es nicht auf, dass mit ihm "etwas nicht stimmen" könnte. [/quote]

AD-Patienten wissen ganz genau, dass etwas nicht stimmt. Sie sind schließlich am nächsten dran. Natürlich merken sie ihre Vergesslichkeit, ihre Unruhe, ihr ständiges Versagen bei Dingen, die sie früher ohne Probleme bewältigt haben. Jeder hat da eine eigene Strategie, um damit fertig zu werden. Welche Strategie das sein kann, hängt von seinem Wesen und sehr stark von seiner Umwelt ab, der Familie. Kann er vertrauensvoll sagen:ich kann das nicht, ich hab mich verlaufen, ich hab das vergessen, ich bin verwirrt, kenn mich nicht mehr aus oder muss er sich ständig verteidigen, werden ihm seine Defizite vorgehalten, fühlt er sich unverstanden und bekommt das Gefühl, nicht mehr als Mensch geachtet zu werden. Diskussionen darüber, dass er doch einsehen, zugeben muss, zum Arzt gehen muss, dies und das falsch macht und falsch beurteilt, werden ihn verschließen. Er muss alleine mit der Krankheit fertig werden, was das sowieso krankheitsbedingte Misstrauen und die Traurigkeit und Verzweiflung noch verstärkt.

[quote="Laura6488"]Er beschwert sich oft, dass er immer als "Depp" und "Buhmann" (von meiner Mutter und Bruder) hingestellt werden würde. Sprich: Er schiebt also auch gerne die eigentliche Schuld auf andere.
[/quote]
Genau das ist der Knackpunkt.
Nur mal angenommen, dein Vater hätte tatsächlich Alzheimer, dann muss er sich dagegen wehren, dass man ihn als  "Depp" und "Buhmann"  sieht. Der verbliebene Verstand arbeitet ja, die Logik ist sogar geschärft, er muss für deine verschobene Welt eine Erklärung zusammenbauen, da jedes Menschen Weltbild immer komplett sein muss. Für gänzlich unerklärliche Begebenheiten, muss es daher einen Grund geben und dieser Grund, mag er für andere noch so abartig klingen, bringt das Weltbild wieder in Ordnung. Gleichzeitig weiß er, dass dabei was nicht stimmt.

Ich gebe dir ein Beispiel aus eigener Erfahrung.
Ein AD-Patient geht zum Schwimmen, war in dieser Schwimmhalle aber noch nicht so oft. Er biegt eine Straße zu früh ab und findet die Halle dort nicht.
Du und ich, wir würden als AD(H)Sler uns ärgern, dass wir uns mal wieder verlaufen haben, uns die Adresse nicht gemerkt haben und einfach drauflosgegangen sind, uns mit unserer Zerstreutheit und Vergesslichkeit wieder mal selbst ein Bein gestellt haben.
Der AD- Patient dagegen irrt eine Weile umher, wird immer unsicherer, ist desorientiert und am Ende völlig verwirrt.
Er fragt sich, wie das sein kann, dass es dieses Schwimmbad dort gar nicht mehr gibt, ja, das ganze Haus plötzlich verschwunden ist. Er sucht nach einer Erklärung, er braucht eine Erklärung und sei sie noch so (für uns) absurd. Diebe, Politiker, Russen,  haben es weggebracht oder egalwas.

Oder:
Dieser arme Mensch sitzt zuhause, sieht sich um und weiß plötzlich nicht mehr, wo er ist. Der Anblick ist plötzlich ganz fremd. Er dachte vielleicht gerade an früher, ein Gedankenstreif an eine frühere Wohnung kommt hoch, er erwartet in dem Moment einen anderen Anblick. Er fühlt sich unwohl, steht auf und besteht darauf, jetzt nach Hause zu gehen. Sofort! Nun kommt aber vielleicht gleichzeitig der Impuls, jöh, das schaut ja doch so aus wie meine Wohnung.
Nun sind zwei Dinge im Kopf, fremd und vertraut. Die Erklärung ist oft ganz logisch: diese Wohnung hier sieht genauso aus, wie meine Wohnung zuhause.So lässt sich der Konflikt, die innere Not lösen und,  da er gleichzeitig irgendwie weiss, dass etwas nicht richtig ist,  kann er gegenüber Anwesenden mit dieser Erklärung von dem eigenen Irrtum ablenken. Wichtiger aber ist, für sich selber eine Erklärung zu haben.
Das kann noch viel weiter gehen, dass eine Geschichte drumherumgesponnen wird. DIE, es ist immer wieder diese Formulierung, DIE haben mit böser Absicht sein Haus gestohlen und nun eine Kopie hingestellt, um ihn zu täuschen. DIE können Wände verschieben, den Wald versetzen, durchs Dach eindringen, DIE stehlen sein Geld, tauschen Dinge oder Personen aus usw
Hier geht es, wichtig!, nicht darum Schuld an eigenen Fehlern abzuwälzen. Es geht um Erklärungen, akzeptabel sind Einflüsse von aussen, von Fremden, von einer feindlichen Welt, auf die man keinen Einfluss hat.

Nun ist es schon sehr wichtig, dass die Familie nicht ständig auf Fehler hinweist, nicht auf der "Wahrheit" besteht, nicht solange an ihn hindiskutiert bis er doch endlich zugeben möchte, dass er falsch liegt, dass es der höchste Quatsch ist, den von sich gibt. Es ist eben kein Quatsch, es ist seine Überlebensstrategie, ein notdürftig zusammengebasteltes Bild, dass seine Welt zusammenhält.

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So, ich weiss es nicht und ich sage nicht, dass dein Vater Morbus Alzheimer hat. Aber, deine Schilderung habe ich schon hunderte Male gehört und ich würde es an deiner Stelle keinesfalls ausschließen. Ich wäre höchst alarmiert. Wenn deine Mutter die Vermutung hat, ist nach aller Erfahrung auch etwas dran. AD(H)S ist in dem Fall kein Problem.

Am besten wäre natürlich, ihn einem Neurologen oder einer Gedächtnissprechstunde vorzustellen und abzuklären, was wirklich los ist.
Die Weigerung, zum Arzt zu gehen, ist typisch. Und tatsächlich muss die Zeit reifen, erzwingen kann man nichts. Sicher wäre es im Falle des Falles gut, Antidementiva zu geben, aber nicht unbedingt entscheidend für den weiteren Verlauf.

Nicht warten kann aber und viel wichtiger ist, dass die Angehörigen sich öffnen, die Erkrankung erkennen und die Veränderung akzeptieren, mit dem Erkrankten zusammen die Krankheit bekämpfen und nicht noch zusätzlich belastend sind. Ihn an die Hand nehmen und durchs Leben begleiten. Die Lebensumstände anpassen, demenzverstärkende Faktoren vermeiden, Sicherheit schenken, Vertrauen aufbauen, zusammen lachen und weinen, ihm dabei helfen, sich zu erinnern, ihm immer das Gefühl geben, an seiner Seite zu sein.
Da muss ein Riesenruck durch die Familie gehen, Abschied von gewohnten Rollen, Verantwortung für den Vater, Verantwortung füreinander, ein ganz neues Familiengefüge.

Falls es wirklich Alzheimer ist, liegt eine schwere Zeit vor euch, vor allem für deine Mutter. Es könnten viele Jahre des Abschieds werden. Sie braucht deine Hilfe.
Vielleicht ist es dir möglich, deine Talente einzusetzen um zu helfen. Man kann mit AD umgehen, man kann vieles tun um die Lebensqualität lange Zeit zu erhalten,  man kann sich informieren und lernen in kritischen Situationen das Richtige zu tun.

Weil
Zuletzt geändert von Weil am 3. Mai 2012 17:10, insgesamt 1-mal geändert.
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