Medikation über 50?

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jennifer

Medikation über 50?

Beitrag von jennifer » 20. März 2007 20:45

Ist eine Medikation bei einer Diagnose im Alter von 55 Jahren beispielsweise, sinnvoll?
Hat sich ein ADS-Betroffener bis dahin nicht soweit mit sich und seinen Eigenheiten arrangiert, dass er sich so auch akzeptiert? Er lebt doch schon lange damit...ist dann eine solche Veränderung der inneren Verhältnisse nicht eine zu große Umstellung?... Eine ganz plumpe Frage von einer nichtwissenden Nichtadslerin, weil sie wissen möchte, ob sie ihren Partner auf ein möglicherweise vorhandenes ADS wirklich hinweisen soll, wo er sich zwar als defizitbehaftet (Gesellschaft) und dennoch toll und einzigartig anders empfindet...(das hat er sich so antrainiert und liebt sich so. Glaube ich.)... :fr:
maerenthaler
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Re: Medikation über 50?

Beitrag von maerenthaler » 20. März 2007 22:53

Hallo Jennifer,

auf diese Frage wird es wahrscheinlich keine allgemeingültige Antwort geben.

Ich bin 53 Jahre alt, werde Mitte April getestet und freue mich schon heute, wenn bei dem Test ein Ergebniss rauskommt,
auf dem aufbauend eine Therapie beginnen kann.
Und dabei ist es mir vollkommen egal, ob ich ADHS behandelt bekomme oder irgendwas anderes,
von mir aus eine Zahnwurzelbehandlung oder Fußpilz,
Hauptsache, meine derzeit bestehenden Probleme werden angegangen und hoffentlich gelöst,
so daß ich endlich eine Lebensqualität erreiche, die diesen Namen auch verdient.

Mit anderen Worten, ich habe, wenn ich denn tatsächlich ADHS-ler sein sollte, nie gewußt, daß ich ADHS-ler bin,
und deshalb auch nie unter der Tatsache gelitten, ADHS-ler zu sein.

An den Symptomen aber schon.

Ich bin mit meinen Symptomen zum Arzt gegangen, weil ich einfach keine Sonne mehr gesehen habe,
und mein Arzt hat anhand dieser Symptome den Verdacht auf ADHS abgeleitet.

Ich kann mich daran erinnern, wie es war, als ich mit 7 oder 8 Jahren meine erste Brille bekommen habe.
Meiner Mutter war aufgefallen, daß ich manche Dinge einfach ignorierte, bis es ihr endlich aufging,
daß ich sie nicht ignorierte, sondern einfach nicht sah.
Promt hat sie mich zum Augenarzt geschleppt, der hat mir die Brille verschrieben
und ich hab' sie mir auf die Nase gesetzt und bin durch unseren Ort marschiert.
Ich erinnere mich noch ganz genau an meine Freude, über den frisch gewaschenen Eindruck,
den alle Gebäude, Bäume, Stäucher, einfach alles, was mir vorher grau und blass erschien, plötzlich machten.

Und es hat viele Jahre gedauert, bis ich begriffen hatte,
daß etwas, was ich nicht sehe, zwangsläufig, nur weil ich es nicht sehe, tatsächlich nicht auch nicht da sein muß.
Ich rede nicht von Geist oder ideellem,
Nein, ich rede von dem, was da ist, von mir aber einfach nur nicht gesehen wird.

Heute ist es ja so, daß ich beispielsweise morgens im Dunst-geschwängerten Bad stehe und mit Brille nichts sehe,
weil sie vom Dunst angelaufen ist, und wenn ich sie abnehme, sehe ich (verdammt noch mal ) auch nichts.
(Da kommt dann mein ADHS wieder ins Spiel und meine Frau stürzt ins Bad:"mußt du hier so rumschreien, die andern schlafen noch")

Was ich damit sagen will?

Solange mir nichts weh getan hat, war es egal, welche Krankheit ich hatte und gleichzeitig nichts davon wußte.
Erst seit ich weiß, worum es geht, formuliert sich auch zwangsläufig die Frage nach dem Namen für's Kind.

Nein, nicht weil ich mit ihm reden will, sondern weil ich mich endlich davon freimachen will.

Und wenn mir noch so viele erzählen werden, daß man sich davon nie befreien kann,
so werde ich aber auch nie aufhören, est trotzdem zu wollen.

LG Christian
Eva
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Re: Medikation über 50?

Beitrag von Eva » 20. März 2007 23:11

Hallo Christian. Das hast Du hervorragend beschrieben. Danke  :smt023:
Alles über Deichhöhe ist überflüssig! :winy:
bellaria

Re: Medikation über 50?

Beitrag von bellaria » 20. März 2007 23:29

[quote="jennifer"]
... und dennoch toll und einzigartig anders empfindet...(das hat er sich so antrainiert und liebt sich so. Glaube ich.)... :fr:
[/quote]

ADHS-ler sind toll und einzigartig. Eigentlich sind ja alle Menschen toll und einzigartig anders, aber ADHS-ler ganz besonders. Das ist nichts, was wir uns einreden, um unsere Minderwertigkeit (die in dieser Gesellschaft an Funktionalität und Einkommen gemessen wird) zu beschönigen - das ist eine simple Tatsache. Oder warum bist Du mit einem "Verdachts-ADSler" zusammen?!  :icon_wink:
Zuletzt geändert von bellaria am 20. März 2007 23:29, insgesamt 1-mal geändert.
maerenthaler
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Re: Medikation über 50?

Beitrag von maerenthaler » 20. März 2007 23:32

Hallo Eva,

seit meiner Kindheit hab' ich immer nur gehört: "Das kannst du nicht"

Oder ich bekam was auf die Mütze, weil ich schon wieder was verseibelt hatte.

Ich hab' gedacht, daß das einer von vielen Hinweisen auf ADHS sei.

Gestern hat mir Steffen auf einer anderen Seite gesagt, ich hätte was richtig gemacht,
heute sagst Du auch so was, irgendwas ist doch hier faul!

Das mir und auch noch an 2 Tagen hintereinander?

Heißt das, ich bin geheilt?

Oder ich hab gar kein ADHS?

ggggrrrrrrrrrrriiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnssssssssssssssssssssssssss!


Lob und Anerkennung.               Tut gut.


Danke, an alle beide!

LG Christian
jennifer

Re: Medikation über 50?

Beitrag von jennifer » 21. März 2007 01:13

@bellaria: Ja. Klar. SIND sie. Ich nehme an, du hast mich schon so verstanden, wie ich es gemeint habe, nä? :icon_wink:
Ich glaube auch nicht, dass mein Freund sich irgendwas einreden muss....ich "kenne" ihn seit 2einhalb Jahren und wenn ich sage "Er empfindet sich", heißt das nur, er gehört nicht zu den Leuten, die über sich jammern, wie arm sie doch sind, weil sie nicht in die "übliche Gesellschaft "passen, sondern hat ein gesundes, herzerfrischendes Selbstbewußtsein. Und "antrainiert" heißt, er war auch immer sehr bedacht darauf und ist es auch jetzt, das als wichtiges Kriterium seiner Selbst hochzuhalten, nichtzuletzt auch um immer gewappnet zu sein. Nichtsdestotrotz leidet er eben dennoch unter den "Symptomen", macht aber aus jedem "Scheiß" ne Tugend, was ich bemerkenswert finde.
Ich finde es ein bisschen befremdlich, dass ich den Eindruck habe, du könntest glauben hier eine Lanze für wen brechen zu müssen...
Und ich bin NICHT mit einem "Verdachts-adsler" zusammen, sondern mit einem Menschen, den ich liebe, als Persönlichkeit und Individuum.
Ich bin eigentlich der Meinung, dass ich genau deshalb auch alles so lassen sollte, wie es ist, das heißt, ich denke nicht, dass ich ihn darauf aufmerksam machen sollte, dass er möglicherweise "etwas hat", das dafür sorgt, dass er hier und da "Mankos" in  seiner Persönlichkeit bemerkt und als unangehm empfindet. Das tue ich auch, als Nicht-adsler bei mir selbst und da käme auch keiner auf die Idee, mir zu sagen: Hömma, du könntest eine eigene Persönlichkeit haben, da gibts aber ein Medikament dagegen.
In seinem Fall bedeutet das aber zum Beispiel: Keine Arbeit (auch aufgrund eines Lebenslaufes, der sehr bunt und lustig zu lesen ist, aber keinen Fuß in den Arbeitsmarkt zulässt), nicht viel soziale Kontakte, eine latent permanente Unzufriedenheit mit sich selbst, daraus resultierend (dennoch) und das Gefühl, das das "Anderssein" nicht von jedem so akzeptiert wird, wie von ihm selbst. Ich nehme an, sowas merkt man und leidet eben doch in gewisser, ständiger Weise darunter. Wie man das kaschiert, kann toll sein, aber nicht gleich "befreiend". Schließlich wird er dennoch dauernd in seinem Umfeld damit konfrontiert.
Um das mal klar zu machen: "für mich"sollte er keine Medis nehmen oder sich diagnostizieren lassen. Deshalb halte ich ja auch mit dem Thema hinterm Berg. Nur mache ich mir hin und wieder Gedanken darüber, ob er mit seinem Eindruck und Bild von sich selbst auch ehrlich zu sich ist, denn, wiegesagt, er empfindet sich als toll und einzigartig, dennoch scheint genau diese Art der Empfindung der "Einzigartigkeit" oft ein Schild zu sein gegen eine Konformität, die erwartet wird innerhalb dieser Gesellschaft, der er leidend nicht gewachsen ist (das ist sein anderes Empfinden, tief irgendwo in ihm). Das bilde ich mir nicht ein, sondern erlebe sein Hadern schön mit.
Nun habe ich in einer Beziehung auch Verantwortung für meinen Partner und wenn ich denn solche Beobachtungen mache....soll ich ihn dann darin unterstützen, "so zu bleiben", wie er sich fühlt (nämlich sehr ambivalent) oder soll ich sagen: Es gibt da vielleicht eine Möglichkeit....
Um nochmal auf meine Einganfgsfrage zu kommen: Ist es sinnvoll, jemanden damit zu konfrontieren, der seine Strategien über Jahrzehnte entwickelt hat, undzwar zwar nicht zu seinem Übelsten, aber auch nicht zum Optimalen (für sich selbst als optimal empfunden)? Gott ist das schwer, sich unmißverständlich auszudrücken... :icon_rolleyes:

Eine simple Tatsache ist, dass ADHSler ganz besonders toll und einzigartig sind?
Magst darüber nicht nochmal nachdenken? Auch so kann man Unverständnis hervorrufen, indem man Spaltungen erzeugt, wo simpel tatsächlich nichts zu spalten ist.  Komischer Focus.
 
Zuletzt geändert von jennifer am 21. März 2007 01:34, insgesamt 1-mal geändert.
jennifer

Re: Medikation über 50?

Beitrag von jennifer » 21. März 2007 01:29

@christian: Vielen Dank für deine Ausführung...die hilft mir in jedem Fall ein Stück weiter, unterstreicht sie doch die unterschiedliche Art der Wahrnehmung ein- und derselben Sache. Sehen und Sehen ist nicht immer Eins. Ich werde einfach weiter "sehen", ob bei meinem Partner das Unwohlsein überwiegt...das kann ich eben noch nicht so gut beurteilen.
Er ist sehr selbstbewußt und dennoch immer etwas haderig mit sich, wenn seine Umwelt ihn mit der Nase in eine entsprechende Pfütze stupst.
Er hat eben trotz seiner Selbstsicherheit eine Lebensangst, die mir etwas Sorgen macht...ich kann nicht wirklich beurteilen, ob das mit ADS zusammenhängt, und genau deshalb meineZweifel: Ein Arzt könnte das vielleicht, und ihm damit dabei helfen.
Aber heißt das in dem Fall nicht vielleicht auch, vieles über den Haufen schmeißen zu müssen, was man sich bis dahin an "Überlebensstrategie" entwickelt hat? Komplex das Ganze.
Marianne
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Re: Medikation über 50?

Beitrag von Marianne » 21. März 2007 01:32

[quote="maerenthaler"]
Hallo Jennifer,

auf diese Frage wird es wahrscheinlich keine allgemeingültige Antwort geben.

Ich bin 53 Jahre alt, werde Mitte April getestet und freue mich schon heute, wenn bei dem Test ein Ergebniss rauskommt,
auf dem aufbauend eine Therapie beginnen kann.
Und dabei ist es mir vollkommen egal, ob ich ADHS behandelt bekomme oder irgendwas anderes,
von mir aus eine Zahnwurzelbehandlung oder Fußpilz,
Hauptsache, meine derzeit bestehenden Probleme werden angegangen und hoffentlich gelöst,
so daß ich endlich eine Lebensqualität erreiche, die diesen Namen auch verdient.

Mit anderen Worten, ich habe, wenn ich denn tatsächlich ADHS-ler sein sollte, nie gewußt, daß ich ADHS-ler bin,
und deshalb auch nie unter der Tatsache gelitten, ADHS-ler zu sein.

An den Symptomen aber schon.

Ich bin mit meinen Symptomen zum Arzt gegangen, weil ich einfach keine Sonne mehr gesehen habe,
und mein Arzt hat anhand dieser Symptome den Verdacht auf ADHS abgeleitet.

LG Christian
[/quote]

Danke Christian für Deinen Beitrag, dieser hat mir sehr gut getan! :icon_wink: :icon_wink: :icon_wink:

LG Andreanne
Welche Fragen können beantwortet werden? Alle, die Du stellst!
maerenthaler
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Re: Medikation über 50?

Beitrag von maerenthaler » 21. März 2007 03:48

Hallo Jennifer,
Vor nicht allzulanger Zeit hätte ich nicht nur genauso gedacht,
ich habe ja sogar, obwohl es mich (ohne daß ich es wußte) ja selbst betraf, einfach nur abgewinkt.

[quote="jennifer"]
Hat sich ein ADS-Betroffener bis dahin nicht soweit mit sich und seinen Eigenheiten arrangiert, dass er sich so auch akzeptiert? [/quote]

Ich habe mich 53 Jahre lang durchgewurstelt,
mich dabei gar nicht „anders“ gefühlt (die andern sind anders, ich bin doch richtig),
Ich habe gegen die Widerstände mein Leben gelebt, in der Überzeugung, daß das,
was ich da lebe, ich bin, unvergleichlich, unverwechselbar und
nach meinen Maßstäben richtig.
Aber ich habe mich nie mit irgendetwas arrangiert..
Um sich mit etwas arrangieren zu können, muß erst mal ein Bewußtsein über
die Notwendigkeit eines Arrangements bestehen.
Und dann muß dieses Arrangement ausgehandelt werden, um ein gegenseitiges
Geben und Nehmen in ein für beide akzeptables Gleichgewicht zu bringen.
Nur, wer ist mein Verhandlungspartner? Und was kann er mir geben, was mich
den Lebensdruck einfach so ertragen läßt?
Ich war immer der lebenslustige Draufgänger, gut gelaunt, nie um eine Antwort verlegen,
bin der typische „mit dem kannste Pferde stehlen“-Mensch gewesen,
habe Spaß an meinem Leben gehabt,
habe abgewunken, wenn jemand mich warnen wollte vor weiß der Teufel welchen Risiken,
kurz, ich hatte überhaupt keinen Grund, mich mit irgendwas zu arrangieren.
Fehler machen ist menschlich.
Ich bin ein Mensch, meiner Ansicht nach sogar ein guter,
also darf ich auch Fehler machen.
Wenn schon jemand das Recht hat, sich über meine Fehler aufzuregen,
dann bin allein ich das.
Ich weiß, daß es diplomatischer wäre,
an gerade dieser Stelle das eine oder andere Arrangement mit meinen Mitmenschen einzugehen

Nein!

ADHS heißt, sich nie zu arrangieren.
ADHS-ler sind nicht arrengement-fähig, das ist doch das Problem.

Deshalb bin ich doch so dünnhäutig geworden, könnte die ganze Welt zusammenstauchen,
nur weil wieder mal ein Grund zu finden ist,
ein Arrangement eingehen zu sollen, das jetzt besser wäre, ich aber nicht will.

[quote="jennifer"]
Er lebt doch schon lange damit...ist dann eine solche Veränderung der inneren Verhältnisse nicht eine zu große Umstellung?[/quote]

Ich bin zum Arzt gegangen, um mich auf Rheuma untersuchen zu lassen.
Ich habe Schmerzen am ganzen Körper,
jeder Knochen, jedes Gelenk, jeder Muskel schmerzt.
Ich habe Erschöpfungszustände, die mich in meinem Leben so sehr einschränken,
daß sie zumindest auf mich existentiell bedrohlich wirken.
Mein Arzt sagt: Sie leben schon lange damit,
sind deshalb nicht mehr in der Lage, los zu lassen  und zu entspannen.
Wenn sie nicht bald eine Veränderung ihrer inneren Verhältnisse herbeiführen, sehe ich keine Möglichkeit, ihnen zu helfen.


Man kann sich nicht mit dem Kopf unter Wasser arrangieren.

Entweder du schwimmst nach oben und holst Luft,
oder du ersäufst.

Ich wünschte mir, mein Arzt hätte schon viel früher erkannt, in welcher Gefahr ich lebe.

Jennifer, ich kann Dir keine Entscheidung abnehmen, keiner kann das, die mußt Du selbst treffen.

Aber für Deinen Partner ist ADHS nichts freiwilliges, wo er sich für oder gegen entscheidet.

Er hat ADS oder hat es nicht, das kann ein Arzt diagnostizieren.

Ob Dein Partner dann etwas mit dieser Diagnose unternimmt,
das wiederum kann er entscheiden, aber das muß er dann selbst tun.

LG Christian

Tut mir leid, daß es so viel ist
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lola57
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Re: Medikation über 50?

Beitrag von lola57 » 21. März 2007 07:49

Liebe Jennifer,

ob für deinen Partner in seinem Alter noch eine Medikation nötig und sinnvoll ist, kann nur der Fachmann beurteilen. Ich kann dir nur von mir erzählen ...

Ich habe meine Diagnose im letzen Sommer im Alter von 49 Jahren bekommen. Und es war eine große Befreiung für mich. All die Selbstzweifel, all das Grübeln über verpasste Chancen und unerklärliches Scheitern - das hatte alles psötzlich eine Erklärung! Das hat mich von lebenslagen Komplexen und Schuldgefühlen befreit.

Mein Lebenslauf hat mehr Kurven als eine Rennstrecke - und leider ging er auch oft im Kreis. Aber ich habe bis jetzt überlebt. Nur werde ich nicht jünger, ich halte diesen Lebensstil nicht mehr so gut aus. Und eine berufliche Situation mit drei freien Dienstverträgen (mangels fixer Arbeit) wird in dem Alter auch schon bedrohlich. Eine längere Erkrankung kann mich die Wohnung und alles kosten, da ich für Rücklagen einfach nicht genug verdiene.

Mir ist es da ein bisschen anders ergangen als Christian. Ich habe mein Leben lang gelitten, und wusste nicht an was. Da kämpft man, und kämpft und kämpft - um dann doch wieder auf die Nase zu fliegen. Durch die Diagnose weiss ich jetzt wenigsten, wo es hakt, und kann mich konkret damit beschäftigen. Ist auch nicht immer lustig, da ich einige "Unzulänglichkeiten" auch vor mir selbst verschwiegen(versteckt hatte, aber wenigsten habe ich eine Perspektive!

Ich bin fest entschlossen, wenigstens die späten Jahre mit einer vernünftigen Lebensqualität zu verbringen.

Es gibt hier übrigens ein ganzes Board für "Spätberufene": http://www.adhs-anderswelt.de/index.php/board,186.0.html
Vielleicht ist da auch was Interessantes für dich dabei.

@Christian
Schon wieder so ein wunderschöner Text. Hast du mal dran gedacht, Bücher zu schreiben?

lg

lola
Nur weil etwas einfach ist, muss es noch lange nicht leicht sein.

Ich vergesse nur wichtige Dinge - Details merke ich mir ewig.
jennifer

Re: Medikation über 50?

Beitrag von jennifer » 21. März 2007 08:58

Vielen Dank, das ist Stoff zum Weitermachen. Was Du Christian schilderst, mit den Arrangements, die nicht getroffen werden können, ist ein schönes Beispiel, noch einen wichtigen Punkt zu schildern: mein Partner hat sich schon als Kind verschiedene Möglichkeiten überlegt, wunderbar mir sich klarzukommen und dann die Umwelt (so gut es eben ging und noch für ihn selbst erträglich war) völlig auszuklammern. Er kreierte den einsamen Rebellen, der er nun eben auch heute noch ist.
Das scheint so sehr verfestigt, und dauch die Überzeugung, dass wirklich fast alle anderen um ihn herum und überhaupt die komplette Gesellschaft/ Menschheit irgendwie ne Schraube locker hat (womit er sich dann eben doch das Leben manchmal sehr schwer macht...), dass ich denke, es ist vielleicht wirklich nicht falsch, zumindest die Vermutung in den Raum zu stellen, dass das viellicht noch wieder etwas aufweichen kann, wenn er so wie Du Christian eine Erkenntnis darüber gewinnt, wie alles zusammenhängen könnte.

Ich habe ihn schon einmal direkt darauf angesprochen und ihm ein wenig darüber erzählt, woraufhin er verschmitzt lächelte und fragte, ob das ansteckend sei...damit war es für ihn erledigt. Auch ein Grund, weshalb ich es nicht weiter ansprach....aber eure Ausführungen und Antworten bewegen mich doch eher dazu, es nochmal zu versuchen. Wenn er nicht will und es abtut, dann ist es eben so. Ich ahne, dass er weiter lächelt mit einem Hauch von Unsicherheit um die Mundwinkel, aber eine Chance sehe ich dennoch.

Danke lola57 (tu mir gleich mal den link rein) und Christian :  :)

I
maerenthaler
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Re: Medikation über 50?

Beitrag von maerenthaler » 21. März 2007 09:51

Jennifer,
das was Du vom einsamen Rebellen schreibst,
würde ich als eine auf's knappste reduzierte Beschreibung meines eigenen Lebens bezeichnen.

Als ich vor ein paar Wochen auf der Arbeit mal wieder den ganz großen Ausraster hatte,
(man sammelt so die Kleinigkeiten, und wenn's dann soweit ist, macht man den großen Rundumschlag)
ich habe wirklich alles und jeden zusammen geschrien
und war schon wieder bei der fristlosen Kündigung
(ich wollte Kündigen, nicht mein Chef, der nach dieser Attacke jeden Grund gehabt hätte;
das z.B. ist etwas, was mich existenziell bedroht)
jedenfall kam da einer meiner Kollegen, als er mich ein paar Tage später, wieder ruhiger,
in einer stillen Ecke alleine sprechen konnte, und sagte folgendes:
Alles, was Du da als Rundumschlag von dir gegeben hast,
alles war berechtigt, ich würd's direkt unterschreiben.
Weißt du warum ich das aber nicht tue?
Du brauchst Freunde, auch hier in der Firma, denk mal drüber nach.

Damit ließ er mich allein.

Ich hätte am liebsten geschrien.

Scheiß auf alle Freunde, wofür brauche ich Feinde, wenn ich solche Freunde habe?

Ich hab eine Zeit gebraucht, mich zu kontrollieren, daß ich tatsächlich nicht geschrien habe.

Und dann hab ich nochmal Zeit gebraucht und drüber nachgedacht.

Und dann hab ich den Termin beim Arzt gemacht.

Das war der für mich notwendige letzte Tropfen gewesen, einzusehen,
daß es ohne Hilfe so nicht mehr geht.

Christian
jennifer

Re: Medikation über 50?

Beitrag von jennifer » 21. März 2007 10:18

Ja, Christian...ich spüre oft eine Grenze bei meinem Partner und ich vermute, dass es auch bei ihm so sein wird müssen...eine eigene Erkenntnis in die Notwendigkeit. Die kann und will ich ihm natürlich nicht einquatschen. Ich werde ihn gegebenfalls, vielleicht in einer Situation, wo ich es als nötig erachte, nur mal stupsen, ein Denkanstößchen, Hinweischen geben....wie du schon sagtest, muss er entscheiden.

Da sind schon einige deutliche Parallelen für mich zu sehen...was du schreibst kommt mir recht bekannt vor, mir als "Außenstehender". Genau darum, wird ein Prozess von mir natürlich nur leicht angestoßen werden können....leben muss er ihn.

Für dich freuts mich, dass es einen "Öffner" gab, der selbst wenn er im ersten Moment unangenehm ist, so doch zu einer positiven Entwicklung führen kann!  :)
Tonks1
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Re: Medikation über 50?

Beitrag von Tonks1 » 29. März 2007 15:03

Hallo Jennifer,

ich versuche mal deine Frage zu beantworten.
So wunderbar wie der Christian oder auch so strukturiert wie die anderen kann ich es nicht.
Meine Gedanken schiessen mir mal wieder ganz unsortiert durch den Kopf und das ist beim Schreiben
doch "etwas" hinderlich.

Meiner Meinung sind Medikamente immer dann sinnvoll wenn ein Leidensdruck besteht,
wenn gar keine oder nur eine sehr geringe Lebensqualität vorhanden ist. Also unabhängig vom Alter.
Wenn einfach alles nur ein großer Kampf gegen sich selbst ist und gegen die eigene, angebliche! , Unfähigkeit.
Ich habe mit Anfang 40 meine Diagnose erhalten. 
All die Jahre zuvor versuchte ich vergeblich mich mit meinen Eigenheiten zu arrangieren,
ich selbst habe mein "Anderssein " nie als Eigenheit empfunden.
Für mich es immer nur Unfähigkeit, Dummheit  und  wasweißichnoch... 
Naja, das kennen bestimmt viele *grins*
So gesehen akzeptierte ich meine „Eigenheiten“ – ich war fest davon überzeugt alle Welt hatte Recht ,
ich bin tatsächlich blöd.
(Ha, was damals NIEMAND wusste, das stimmt GAR NICHT )

Irgendwann hatte ich einfach nicht mehr die Kräfte für den alltäglichen Kampf gegen mich selbst,
die Batterien waren leer, auch das kennen viele Betroffene aus eigener Erfahrung.
Um es kurz zu machen –
nach der Diagnose begann recht schnell die medikamentöse Behandlung und ich stellte ganz überrascht fest
wie schön doch dieses Leben ist .
Ich lernte mich zu strukturieren, etc etc.
Eben alles was das Leben leichter, verständlicher und überschaubarer macht.
Und das bedeutet auch, mein Körper kann Kräft sinnvoll einsetzen.
Ohne die medikamentöse Unterstützung gehen bei vielen Betroffenen viele Kräfte "nur" für das sich Anstrengenden,
zwanghafte Konzentration und das sich durch das Leben-zwingen drauf.


Natürlich habe ich auch heute noch in einigen Bereichen Schwierigkeiten,
ich bin z.B. ganz extrem überorganisiert und das bedeutet einen großen und auch unnötigen Kraftaufwand.

Wie jetzt meinen Text so lese,  ich glaube ich habe hier ziemlich viel unverständliches Zeugs geschrieben.
Inzwischen habe ich auch vergessen was ich Anfangs alles schreiben wollte, sei es drum.
Möglicherweise bin auch mal wieder total am Thema vorbei.
Dafür habe ich  nebenher "eben schnell mal" den Geschirrspüler ausgeräumt, Wäsche aufgehängt
und etwas Bürokram erledigt.
Ich bin flexibel *grins*

Viele Grüße,
die Tonks



[quote="jennifer"]
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[/quote]
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Re: Medikation über 50?

Beitrag von maerenthaler » 29. März 2007 21:50

Hallo Tonks,

danke für die Blumen.

Du hast mit anderen Worten als ich sie wählen würde,
Dinge gesagt, die ich genau so empfinde,
aber nicht gesagt habe.

Mach Dich nicht kleiner und mich nicht größer, als wir beide es verdienen.

Ich finde es Klasse, was Du sa sagst.

LG Christian
jennifer

Re: Medikation über 50?

Beitrag von jennifer » 29. März 2007 22:02

Ja, immerhin habe ich das Thema hier eröffnet und bedanke mich bei euch, die ihr mir geantwortet habt. Tonks, ich finde deine Ausführung durchaus nachvollziehbar und habe alles kapiert und auch lesen lässt es sich prima.  :)

Möglicherweise, stellt sich gerade heraus, wird das Thema Medikation wohl eher für mich eines werden..., da mein Doc, der mich ein paar mal wegen Depression, Angst und jetzt Burnout aus dem Verkehr zog, mir zuriet, mich auf ADS testen zu lassen.

Dann also Medikation über 39...wenn ich es mache. (ich meine Tabletten nehmen...ich will es lieber ohne versuchen, wenn ich denn echt diagnostiziert werde).

Ich werde mich also ohnehin weiter hier und sonstnochwo, wo ich Informationen bekommen kann klug machen.

Ich bin übrigens auch einem Irrtum aufgesessen, was meinen Partner angeht...oder hab mir was vorgemacht...er ist gar nicht glücklich mit sich und ziemlich durch.

Aber er wird sich nie testen lassen, geschweigedenn eine Medikation auch nur ansatzweise in Erwägung ziehen.

Danke euch.
Tonks1
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Re: Medikation über 50?

Beitrag von Tonks1 » 30. März 2007 18:09

Hallo Christian,

vielen Dank für deine netten Worte,  :-)

viele Grüße,

die Tonks
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Re: Medikation über 50?

Beitrag von red_ant » 12. Januar 2009 20:53

hallo,

ich bin nun 46 und habe meine diagnose vor ziemlich genau 2 jahren bekommen.
und ich schließe mich im grunde Tonks an.......

ich nehme Medis nur, wenn es eine anstehende aufgabe erfordert.
nachdem ich eben über 40 jahre auch ohne "überlebt" habe und ich sowieso der bedingungslosen einnahme von medis eher skeptisch gegenüber stehe, sehe ich das so, daß man in fortgeschrittenem alter eben auch einige "workarounds" gefunden hat.
dazu kommt auch noch, daß ich ADS als eine persönlichkeitseigenschaft betrachte und nicht als etwas negatives oder krankes.

daher auch von mir: Medis können in bestimmten fällen hilfreich sein, das ziel sollte aber lauten: ohne sie auskommen

gruß,
Kirsten
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ferdinandel
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Re: Medikation über 50?

Beitrag von ferdinandel » 13. Januar 2009 20:19

@Christian, und Tonks,

ihr beschreibt meinen Leidensweg, mehr brauche ich nicht dazu zu schreiben. Vielen Dank.

Zu den Medikamenten. Sie ermöglichen eine Lebensqualität, die ich bisher nicht kannte. Ich kann mich besser konzentrieren, flippe nicht mehr so oft innerlich aus,
kann soziale Kontakte knüpfen kann meine Impulse besser steuern etc.
Meine Odeusse zu den Ärzten kann ich nicht beschreiben und ich war froh, als ich eine Diagnose hatte. Besser spät als nie.

lg
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Re: Medikation über 50?

Beitrag von Rebell » 12. Februar 2009 01:47

Hallo an alle Vorredner-bzw.-schreiber

in fast allen Beiträgen finde ich mich immer wieder selber wieder,so viele Jahre wußte ich nicht was mit mir los war.Ich empfinde sie nicht als verloren,aber es hätte vieles besser laufen können.Heute kann ich mir halt vieles erklären.
Als Medi nehm ich Johanniskraut,was mir tatsächlich hilft.

Positiv wirkt auch das Lesen der Beiträge von den vielen Betroffenen,das gibt mir Kraft und Hoffnung.

Lg Rebell    :ja:
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