Fremdanamnese als Bedingung für ADHS-Diagnose?

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Jekaterina
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Fremdanamnese als Bedingung für ADHS-Diagnose?

Beitragvon Jekaterina » 18. August 2016 21:59

Guten Abend zusammen,

auch wenn meine Diagnose bereits im März festgestellt wurde, habe ich mich auf die Warteliste des regionalen ZI setzen lassen, da diese weitere Tests machen und auch besser Therapien vermitteln können.

Letzte Woche hatte ich dort das Erstgespräch. Es dauerte eine Stunde. Die Ärztin sagte, sie ist sich sehr sicher, dass die Diagnose ADHS auf mich zutrifft.
Trotzdem soll ich meinen Partner und meine Eltern Fragebögen zu ihrem Eindruck von mir ausfüllen lassen. Die Bögen sollen bis zum nächsten Termin Anfang September vorliegen. Das ist auch anscheinend das normale Vorgehen.

Ok: Aber was ist, wenn diese die Mitarbeit verweigern und dumme Sprüche über diese Sachen machen? In einer Mail habe ich das die Ärztin nochmal gefragt. Und ihr gesagt, dass ich nicht möchte, dass eine Diagnose, egal, welche, von ANDEREN Personen ABHÄNGIG gemacht wird.

Sie bat mich daraufhin, "dumme Sprüche" von Angehörigen zu ignorieren und sie dazu zu bewegen, die Bögen auszufüllen. Ok, mache ich, aber für mich war das keine richtige Antwort.

Was sagt ihr dazu?

Gruß
Jekaterina
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Menolly
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Re: Fremdanamnese als Bedingung für ADHS-Diagnose?

Beitragvon Menolly » 18. August 2016 22:10

hm... also ich musste keine Bögen von meiner Familie ausfüllen lassen.

Bist du denn selber der Meinung, das die Diagnose nicht passt, oder warum machst du das ganze noch einmal durch?
Und ob die Klinik wirklich gute und für dich passende Therapien vermitteln kann?
Du sollst Deine Freunde nicht trocknen und rauchen.
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Re: Fremdanamnese als Bedingung für ADHS-Diagnose?

Beitragvon Jekaterina » 18. August 2016 22:30

Doch, ich denke auf jeden Fall auch, dass die Diagnose passt. Und da ich bei der 1. Diagnose recht erfolglos mit der Therapiesuche war und mir außerdem meine Hausärztin und der Psychiater dazu rieten, habe ich mir eine Zweitmeinung vom ZI geholt - plus eine Liste mit Einrichtungen, die sich auf die Behandlung von ADHS spezialisiert haben.

Beim Test im ZI hat mir die Ärztin die Bögen gegeben - es klang irgendwie selbstverständlich, dass eine Fremdanamnese gemacht wird. Auch wenn sie das nicht direkt gesagt hat. Dummerweise war ich während des Gesprächs so nervös und unruhig, dass ich diese Selbstverständlichkeit erst später hinterfragt habe...
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Re: Fremdanamnese als Bedingung für ADHS-Diagnose?

Beitragvon Eule » 19. August 2016 10:49

Die wird wohl vor allem gemacht um der gelegentlich schlechten Selbstwahrnehmung von ADHSlern ein bisschen "Gegengewicht" zu geben.

Bei mir war das ziemlich schwierig überhaupt jemanden zu finden der den Bogen ausfüllen konnte. Beziehungen waren seit Jahren berufsbedingt Fernbeziehungen, in denen ich den Partner nur selten mehr als ein oder zwei Wochenenden monatlich "live" sah, ansonsten wurde halt dauertelefoniert. Es gab eigentlich nur zwei Menschen die mich gut genug kannten um so einen Bogen überhaupt ausfüllen zu können - meine Mutter und eine langjährige Freundin. Ich hab mich damals dafür entschieden meine Mutter darum zu bitten. Sie hat bei einigen Fragen auch gemeint, das könne sie gar nicht wissen weil sie ja nicht mit mir zusammen lebe, oder da kenne sie nur mein Verhalten als Kind/Jugendliche, als wir noch in einem gemeinsamen Haushalt lebten. Ich hab ihr dann gesagt sie könnte das ja als Kommentar dazu schreiben dass sie das aus früheren Zeiten erinnert, aber nicht weiß wie es heute ist, oder eben dass sie die Frage gar nicht beantworten kann weil sie nicht nah genug an mir dran ist. Wie sie es genau gemacht hat weiß ich nicht, sie hat den Bogen damals direkt an die Praxis geschickt, so dass ich nicht weiß was sie wie ausgefüllt hat.

Allerdings war wohl auch bei mir das Anamnesegespräch allein schon so eindeutig, dass ich die Diagnose bekommen habe. Ob es wirklich nötig ist, wie es bei dir wohl laufen soll nicht nur einen Angehörigen sondern sowohl die Eltern als auch den Partner zu befragen, kann ich nicht beurteilen. Aber ich denke, dass eine zumindest teilweise Bestätigung deiner Selbstwahrnehmung durch anderen Menschen durchaus hilfreich ist.

Vielleicht ist es eine gute Idee, wenn du dir für den nächsten Termin eine Liste mit den aufkommenden Fragen machst (ich nehme in solchen Fällen eine Notizbuch-App im Handy, in der ich die nötigen stichworte aufschreibe und das ganze gerade in sehr verpeilten Phasen auch noch mit einem Handy-Wecker/Erinnerung programmiere, so dass das Handy während ich in der Praxis bin oder sehr kurz davor nochmal piepst und ich mir diese stichworte nochmal ansehen und ins Gedächtnis rufen kann. Man kann natürlich auch ganz altmodisch einen Zettel/Block/Notizbuch nehmen - wobei ich für mich die erfahrung gemacht habe dass Handy besser geht weil ich das konsequenter und zuverlässiger fast immer und überall in Reichweite habe, um ggf Notizen zu ergänzen und es anders als die berüchtigten Einkaufszettel auch nur extrem selten irgendwo zuhause auf dem Tisch liegen bleibt, wenn ich das Haus zum Einkaufen, bzw entsprechend zum Arzttermin, verlasse. Schau halt was dir passend erscheint, um das hinzukriegen.
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Re: Fremdanamnese als Bedingung für ADHS-Diagnose?

Beitragvon laetitia » 19. August 2016 11:31

Ich bekam einen Fragebogen für meine Eltern. Das war mir auch etwas unangenehm aber ich liess sie das ausfüllen und schaute natürlich, was sie so dachten. Der Psychologin sagte ich dann, dass die Antworten Teilweise sehr abweichen von meinen. Sie sagte nur, dass das normal sei. Ausschlaggebend für die Diagnose war das Ausführliche Interview, in dem den gefragten Punkten noch etwas genauer auf den Grund gegangen wurde.
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Re: Fremdanamnese als Bedingung für ADHS-Diagnose?

Beitragvon Jekaterina » 19. August 2016 18:51

Danke für eure Ideen.
Eule, die Idee mit dem Notieren von Fragen finde ich sehr gut und werde das auch bis zum nächsten Termin machen.

Das war mir auch etwas unangenehm aber ich liess sie das ausfüllen und schaute natürlich, was sie so dachten. Der Psychologin sagte ich dann, dass die Antworten Teilweise sehr abweichen von meinen. Sie sagte nur, dass das normal sei.


Ok, das klingt beruhigend.

Nicht, dass ihr mich falsch versteht: Ich möchte nur nicht, dass die Fremdanamnese als Grundlage dazu genommen wird, überhaupt eine Diagnose zu erhalten. Denn was machst du, wenn die Angehörigen nicht "mitmachen" - oder tot sind oder es einfach keinen Kontakt mehr gibt? Das wäre dem Patienten dann gegenüber extrem unfair, wenn man deshalb seine Selbsteinschätzung in Frage stellen würde.
Zu mir: Ich denke, dass ich dieses Problem nicht haben werde, aber noch haben nicht alle die Bögen ausgefüllt.

Davon abgesehen sagte die Ärztin aber, dass die Diagnose ADHS bei mir schon sicher ist. Sie hat ja auch mein Verhalten beim Gespräch beobachtet und fand es eindeutig.
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Re: Fremdanamnese als Bedingung für ADHS-Diagnose?

Beitragvon Hanghuhn » 19. August 2016 20:17

Ich hatte einfach niemanden, den ich bitten konnte, den Fragebogen auszufüllen.

Allerdings war ich, nachdem ich endlich erfahren hatte, dass es nicht nur die Zappelphilipp-Variante gibt, so davon überzeugt, ADS zu haben und konnte das so überzeugend rüberbringen (ich war damals so richtig down, weil ich so total unter meinen Möglichkeiten eingesetzt wurde und wieder mal eine Stufe abgestiegen wurde), dass die von mir ausgefüllten Fragebögen und das Arztgespräch für die Diagnose ausreichten. Die weiteren Untersuchungenwirden gleich in der Pravis gemacht.
LG Hanghuhn
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Re: Fremdanamnese als Bedingung für ADHS-Diagnose?

Beitragvon Hanghuhn » 19. August 2016 21:09

Ich kann meinen Beitrag nicht mehr ändern. Ich wollte aber noch etwas ergänzen.

Ich würde die Fragebögen niemandem übergeben, bei dem ich befürchten würde, dass er die Befragung und die Information, die durch die Art der Fragestellung mitgegeben wird, für sich ausnutzen würde, dass derjenige mir sein Wissen z. B. im Streit an den Kopf knallen würde, auch wenn er so etwas zunächst nicht vor hatte.

Die Selbstwahrnehmung ist zwar bei einigen gestört, aber eigentlich eher in nur einer Richtung. Manche AD(H)Sler halten sich und ihre Lebensumstände für normal, wahrscheinlich weil es von Kindesbeinen an ihre Lebenswirklichkeit ist.

Ich habe weniger von Leuten gehört oder gelesen, die der Meinung sind, sie wären AD(H)Sler, sind es aber dann doch nicht. Wenn sie es tatsächlich nicht sind, steckt hinter ihren Symptomen dann eben eine andere psychische Störung. Sie bilden sich ihre Symptome nicht ein.

Deshalb würde ich Deine vorhandene Diagnose nicht so sehr anzweifeln (lassen). Sei sparsam mit der Vergabe der Fargebögen!
LG Hanghuhn
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Re: Fremdanamnese als Bedingung für ADHS-Diagnose?

Beitragvon Falschparker » 19. August 2016 22:53

Hallo Jekaterina,

hast du der neuen Ambulanz denn die Diagnose der anderen (oder der anderen Praxis) mitgeteilt oder sogar den schriftlichen Bericht ausgehändigt?

Alles Andere fände ich nicht richtig, denn es wäre ja völlig unsinnig, dass die Neuen sozusagen bei Adam und Eva anfangen. Auch wenn der Gedanke, die sollten möglichst wenig voreingenommen sein, etwas für sich hat, aber der neuen Stelle steht ja frei die Ergebnisse der alten Stelle anders zu bewerten. Wurde denn damals eine Fremdeinschätzung erhoben? Dann wäre eine neue wirklich überflüssig.

Schade dass dein Mann noch immer so wenig davon hält. Aber du kannst ihn eventuell davon überzeugen, einfach die Fragen zu beantworten ohne ein Fass aufzumachen.

Die eigenen Eltern geht eine ADHS-Diagnostik und -Behandlung, wenn man erst einmal aus dem Haus ist und eine eigene Familie hat, nach meiner Ansicht nichts an. Die haben ihr Leben, wir haben unseres. Und an seine Kindheit kann man sich manchmal besser erinnern als es (nach Jahrzehnten) unsere Eltern tun.
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Re: Fremdanamnese als Bedingung für ADHS-Diagnose?

Beitragvon Jekaterina » 22. August 2016 13:09

Danke euch für eure Antworten.
Mittlerweile haben alle die Bögen ausgefüllt und ich konnte auch schon alles ans ZI schicken.
Trotzdem sehe ich es auch so wie einige von euch, dass das Ganze die Eltern nichts mehr angeht und man vor allem eine Diagnose nicht von den Einschätzungen anderer "abhängig" machen sollte, selbst wenn diese wertvolle Hinweise liefern KÖNNTEN.

Ja, Falschparker, ich habe dem ZI die Diagnose der ersten Praxis ausgehändigt - bei dem Test der 1. Praxis wurde keine Fremdanamnese gemacht.

Die Ärztin vom ZI wollte den Arztbrief bei unserem Gespräch noch nicht lesen, da es sie voreingenommen machen könnte. Sie wollte mich zuerst testen. Ist ja an sich auch richtig so.

Sie bilden sich ihre Symptome nicht ein.

Deshalb würde ich Deine vorhandene Diagnose nicht so sehr anzweifeln (lassen). Sei sparsam mit der Vergabe der Fargebögen!


Eben diese Befürchtung hatte ich, dass sie mir eine "Einbildung" ankreiden. Aber die Ärztin vom ZI sagte ja, sie sei sich sicher, dass die Diagnose stimmt.

Ich warte jetzt mal ab, was beim nächsten Termin herauskommt, wenn sie auch die Fremdanamnese auswerten. Auf jeden Fall werde ich ihnen sagen, dass ich keine weitere "Beteiligung" von Fremden mehr möchte, egal wer es ist und egal, wie gut er es (momentan) mit mir meint. Ausgenommen davon sind natürlich Leute "vom Fach" :)
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Re: Fremdanamnese als Bedingung für ADHS-Diagnose?

Beitragvon caithlin » 21. April 2017 12:28

Wie ist es weitergegangen, Jekatarina?

Bei mir war es auch so, daas Partner und Eltern die Fragebögen einfüllen mussten.
Leider waren die Elternantworten so unauffällig, dass der Therapeut meinte, er könne keine 100% ADS Diagnose, eher Grenzbereich geben. Es sollte ja Symptome aus der Kinderzeit da sein. Meine Eltern haben das aber nie so eingeschätzt und da ich a) mit eine gute Intelligenz viel kompensieren konnte und b) nicht im Unterricht gestört habe (sondern nur geträumt :roll: ) fiel es wohl niemand auf.

Ich durfte trotzdem ein Versuch mit Medikinet Ret. machen (was leider nicht geklappt hat, da zu lange Wirkungszeit)

caithlin
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Re: Fremdanamnese als Bedingung für ADHS-Diagnose?

Beitragvon ADHDgoesto11 » 21. April 2017 12:50

caithlin hat geschrieben:Leider waren die Elternantworten so unauffällig, dass der Therapeut meinte, er könne keine 100% ADS Diagnose, eher Grenzbereich geben.


Der Therapeut erwartet von den Eltern eine vollkommen objektive Symptombeschreibung?

Uiuiui. :lol:

Tochter *2007 ... ADHS
Sohn *2005 ADHS+Autismus

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