Frustration in der Beziehung

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rollergirl
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Frustration in der Beziehung

Beitrag von rollergirl » 31. Juli 2018 13:07

Hallo zusammen :)

ich weiß eigentlich gar nicht so wirklich, was ich mir von diesem Eintrag erhoffe. Vermutlich ein paar Tipps und vllt. ein fremdes Meinungsbild. Andererseits möchte ich mir meinen Frust einmal von der Seele schreiben.
Mein Freund (30) hat diagnostiziertes ADS. Wir sind seit 5 Jahren zusammen und wohnen jetzt seit 4 Monaten zusammen. Vorher haben wir hauptsächlich eine Wochenendbeziehung geführt, da wir in verschiedenen Städten gelebt haben. In den letzten Monaten habe ich jedoch immer stärker das Gefühl, dass sich unsere Beziehung Richtung Aus bewegt. Ich dachte, dass das gemeinsame Wohnen unsere Beziehung wieder verbessern könnte, da auch der Stress mit dem ständigen Pendeln wegfallen würde. Leider ist dies nicht so wirklich eingetreten.

Mein Freund hat ein gutes Herz und ist ein sehr offener, kreativer und spontaner Mensch. Wie es wohl bei vielen Betroffenen der Fall ist, ist er jedoch auch sehr chaotisch, unzuverlässig und mir gegenüber nicht sehr einfühlsam. Damit, dass er oft Dinge sagt, die er nicht so meint habe ich mich arrangiert. Ebenso damit, dass er für mich keine starke Schulter zum Anlehnen bieten kann, sondern ich immer die sein muss, die die Starke in der Beziehung ist. Wenn ich wirklich Unterstützung brauche oder mal über Gefühle reden möchte, wende ich mich damit an meine Eltern oder eine gute Freundin. Ich würde es mir natürlich anders wünschen, kann dies aber von ihm nicht erwarten.

Dennoch habe ich momentan immer wieder das Gefühl, dass ich mich mit ihm auf Dauer unglücklich mache. Dies liegt vor allem daran, dass er sehr faul und unzuverlässig ist. Mir fällt es auch total schwer einzuschätzen, wo das ADS aufhört und sein Charakter bzw. schlechte Angewohnheiten anfangen. Dies führt dazu, dass ich nicht weiß, was ich von ihm einfordern kann und was nicht. Ich habe das Gefühl, dass er gerne eine Freundin hätte, die sich wie eine Mutter um ihn kümmert und ihre eigenen Bedürfnisse hintenanstellt. Eigentlich ist es keine Vermutung, ich habe ihn schon einmal mit diesem Vorwurf konfrontiert. Abgestritten hat er es nicht. Seinem Verhalten nach zu urteilen würde er gerne wie ein Kind behandelt und umsorgt werden aber gleichzeitig mündig sein und alle Rechte eines Erwachsenen haben.

Was mich nun besonders stört ist seine Bequemlichkeit. Er bittet mich für jeden Mist um Hilfe. Es ist schon ein Reflex würde ich sagen. Zum Beispiel ihm eine Tasche runter zum Auto zu tragen, obwohl er noch eine Hand dafür frei hatte. Generell fragt er mich immer, ob ich ihm was abnehmen kann. Oder, ob ich ihm helfe sein Zimmer aufzuräumen, das immer aussieht wie ein Schweinestall und auch nach dem Aufräumen spätestens zwei Tage später wieder total unordentlich ist, so dass man kaum noch dadurch laufen kann. Er fragt mich das immer noch, obwohl ich schon seit zwei Jahren sage, dass ich ihm dabei nicht mehr helfe.
Zudem muss ich ihn auch oft daran erinnern, dass er genauso seinen Teil zum Haushalt beitragen muss wie ich. Ich glaube insgeheim sieht er die Verantwortung dafür hauptsächlich bei mir. Damit er auch mal was macht, haben wir jetzt eingeführt, dass wir abwechselnd Putzen. Zum Teil macht er es auch sehr gründlich, wenn er keine Lust hat jedoch nur äußerst grob. Außerdem lässt er sich währenddessen immer wieder ablenken und bringt die Sachen nie zu Ende. Er wischt z.B. die Wohnung, der Eimer mit dem Putzwasser steht aber noch Tage später im Flur. Als er das letzte Mal mit dem Hausputz dran war habe ich ihn mehrmals dran erinnert den Eimer zu entleeren. Die Antwort ist immer die Gleiche auf solche Bitten „Ja, mach ich gleich“. Passieren tut natürlich nichts, stattdessen liegt er weiterhin mit seinem Laptop im Bett. Wenn ich ihn dann öfter darauf hinweise, wird er gereizt und ungehalten. Er wirft mir vor, dass ich übertreibe und ihn nerve. Wenn ich dann nichts mehr sage, bleibt alles so wie es war und ich bin diejenige die dann Tage später z.B. den Eimer selber entleert. So ist es auch mit vielen anderen Dingen auf die ich ihn hinweise. Z.B. leere Milchtüten direkt in den Müll zu schmeißen statt auf dem Küchentresen abzustellen, nach dem Kochen alles in die Spülmaschine zu räumen, Essensreste in den Kühlschrank zu stellen, usw. Es steht alles immer so da wie er es abgestellt hat. Auch wenn er anschließend mehrmals wieder in die Küche geht, räumt er die Sachen nicht weg. D.h. jeden Tag wenn ich von der Arbeit komme mache ich die Küche sauber, nur damit er sie wieder dreckig machen kann. Und so ist es mit vielen Dingen. Bitte ich ihn den Balkontisch zum Essen freizuräumen, stellt er die leeren Flaschen die dort standen einfach in die andere Ecke des Balkons, statt sie in den dafür vorgesehenen Korb in der Küche zu tun. In meinen Augen pure Faulheit.

Organisatorische Dinge mache ich mittlerweile auch alle selbst. Sei es sich um den Internetanschluss, Urlaub, Strom etc. zu kümmern. Übergebe ich ihm diese Aufgabe dauert es Monate bis er es umgesetzt hat. Das Verrückte ist, verhalte ich mich einmal so wie er (damit er mal merkt wie es ist) und hinterlasse z.B. die Küche dreckig nach dem Kochen, wirft er mir das direkt vor.
Mittlerweile lasse ich mir auch längst nicht mehr alles Gefallen wie am Anfang der Beziehung. Ich bin strenger und fordere Sachen von ihm ein. Jedoch habe ich das Gefühl, dass er mit dieser Verhaltensänderung überhaupt nicht umgehen kann und sich ungerecht behandelt fühlt. Ich weise ihn häufig darauf hin, dass ich nicht seine Haushälterin bin. Oft kommt von ihm auch der Spruch „Wenn du mich so nervst, mache ich gar nichts mehr (im Haushalt)“. Für mich ist das das Zeichen, dass er unsere Beziehung nicht als Partnerschaft sieht, sondern eher als Mutter-Kind-Beziehung.

In ein paar Jahren hätte ich auch gerne Kinder (er auch). Nur habe ich die Befürchtung, dass alle unangenehme Arbeit, die damit verbunden ist an mir hängenbleiben wird. Das er mit dem Kind spielt und sich kümmert ist keine Frage. Aber Elternschaft hat halt auch nicht nur angenehme Aufgaben, und diese müssen auch erledigt werden. Ich denke zurzeit, dass ich eine totale Überforderung erleben werde. Da ich teilweise momentan schon an meine Grenzen komme und nicht der stressresistenteste Mensch bin. Eigentlich finde ich, dass wir gut zusammen passen und würde die Beziehung gerne weiterführen. Z.B. im Urlaub verstehen wir uns immer super, generell immer dann wenn es keine Pflichten zu erledigen gibt.

Aber wegen beschriebener Verhaltensweisen werde ich immer skeptischer und resigniere auch teilweise. Hinzu kommt, dass auch äußerst gerne diskutiert und sich dabei zumeist total im Recht sieht, obwohl es oft nicht so ist. Außerdem kommt an der Stelle auch noch hinzu, dass er sobald er frustriert ist von der Beziehung, direkt anfängt auf Tinder zu chatten. Mittlerweile ist es schon einmal in meinem Bekanntenkreis und einmal auf beruflicher Ebene vorgekommen, dass mich jmd. darauf hingewiesen hat. Vor allem auf beruflicher Ebene ist das für mich einfach nur eine Zumutung. Ich messe dem gar nicht so viel Bedeutung zu, obwohl es mich natürlich wütend macht. Ich denke, dass es einfach eine Übersprungshandlung ist um sich abzulenken und sich Bestätigung zu holen. Dennoch finde ich es ziemlich arm von ihm. Zumal es für mich nie in Frage käme so etwas zu tun, da ich äußerst loyal bin. Er hat damit wohl weniger Probleme.

Was das größte Problem ist und auch für meine Resignation verantwortlich ist, ist, dass er wohl denkt er hätte sich schon genug verändert. Wenn ich ihn auf Sachen hinweise kommt oft zurück „Was willst du noch, ich hab mich doch schon voll verbessert“. Ich sehe das etwas anders, seit zwei Jahren nimmt er wieder Medikinet. Er war auch eine Zeit lange in Therapie, die in meinen Augen jedoch viel zu unregelmäßig war (ca. alle zwei Monate eine Sitzung). Das Medikinet hilft zwar, jedoch finde ich nicht, dass er deswegen aufhören kann an sich zu arbeiten. Der Meinung ist er aber wohl schon.

Vielen Dank an alle, die es geschafft haben sich diesen Roman bis zum Ende durchzulesen! :)
Squirell
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Re: Frustration in der Beziehung

Beitrag von Squirell » 31. Juli 2018 20:13

Hallo rollergirl,

Ich kann deine Frustration sehr gut verstehen. ich bin jetzt mit meiner Freundin seit nunmehr 7 Jahren zusammen, wohnen aber getrennt, weil sie wie dein Freund etwas sagen wir mal Chaotisch ist :? :? . Das Zusammenleben mit einem Partner, der ADHS hat ist gottweißdas nicht leicht, denn auch bei uns trifft Ordnung auf Chaos. Pünktlichkeit auf Unpünktlichkeit, ja, man könnte sagen man ist wie Feuer und Wasser. Während bei mir alles seinen Platz hat und man genug Platz zum bewegen hat, meint man bei meiner Freundin, das sie in einer Räuberhöhle haust. Deshalb halte ich mich dort nie lange auf, weil ich dieses "in den Tag rein leben" ( Meine Freundin ist frühverrentet ) und rundherum herrscht das Chaos nicht leben könnte. Aufräumen bei ihr ist ein Kampf, den ich aufgegeben habe, denn laufend wird dann eine Ausrede nach der Anderen gefunden, dies nicht machen zu müssen, sei es " Ich bin krank, es ist zu heiß, Habe ich vergessen und und und." :roll: :roll: Und auch bei mir merke ich wie ich immer mehr mit dem Gedanken spiele, mich von meiner Partnerin zu trennen, weil meine Freundin eine Medikation ablehnt, weil sie angeblich das Medikinet nicht verträgt, also bleibt alles beim Alten. :twisted: :twisted:

Sicherlich muss man auch Verständnis für ADHS`ler haben, aber auch die Partner haben ein noch größeres Los zu tragen als der "Kranke" selber...


Gruß

Squirell
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