Vorgesetzter belastet Belegschaft mit ADHS-Verhalten - wie damit umgehen?

Dieses Board ist auch für Gäste sichtbar!
Antworten
PapaSchlumpf
Andersweltler
Beiträge: 5
Registriert: 8. Juli 2018 18:10

Vorgesetzter belastet Belegschaft mit ADHS-Verhalten - wie damit umgehen?

Beitrag von PapaSchlumpf » 8. Juli 2018 19:20

Hallo,

habe als indirekt Betroffener in diesem Forum bislang nur von außen mitgelesen, und suche hier nun selbst erstmals Rat.

Mein Hintergrund ist dadurch gekennzeichnet, dass ich einen nahen Angehörigen mit diagnostiziertem ADHS habe (und im Zusammenhang damit auch selbst einen langjährigen Leidensweg durchlaufen habe, dessen Ursache mir erst durch die Diagnose klarer geworden ist). Ich kann ADHS in vielen Fällen auch recht treffsicher intuitiv erkennen, obwohl ich kein Psychologe bin.

Seit einigen Jahren habe ich nun einen neuen Vorgesetzten, der die Belegschaft mit Dauerkonflikten aufreibt, die den klassischen ADHS-Phänotyp aufweisen. Wie diverse Kollegen vermute ich ADHS dahinter, ohne dass aber bislang seitens des Vorgesetzten eine Diagnose offen gelegt worden wäre. Aber es kommen sämtliche Anteile zusammen - von der Hyperaktivität, Planungsdefiziten und Problemen mit der Prioritätensetzung über Aggressionen und Eskalationen bis hin zur Hyperfokussierung beim Kontakt mit hochrangigen Vertretern der Führungsebene, die die Katastrophe an der Basis nicht ahnen können. Es würde den Rahmen dieses Forums sprengen, alles detailliert zu beschreiben.

Kurzum, die Situation ist sehr belastend und die Unzufriedenheit in der Belegschaft, wie auch meine eigene Unzufriedenheit, sind hoch. Da auch die Personalvertretung überfordert und nicht zu einem wirksamen Schutz in der Lage ist, fühle ich mich mit dem Problem allein gelassen. Es kann mir im Extremfall auch die berufliche Zukunft kaputtmachen.

Deshalb die folgenden Fragen:

- Wo kann man in so einer Situation Hilfe finden?
- Kann man den ADHS-Verdacht offen ansprechen? Drohen arbeitsrechtliche Konsequenzen, wenn man diese Sichtweise gegenüber der Geschäftsführung offen legt? (Rufschädigung, Verlust der Vertrauensbasis etc.). Bei Letzterem sitzt ja arbeitsrechtlich meist der Arbeitnehmer am kürzeren Hebel und muss eine Kündigung fürchten, während die Vorgesetzten geschützt sind.
- Kann der Betriebsarzt, bzw. der betriebsmedizinische Dienst helfen?

Bin für jede reelle Hilfe dankbar.

LG
ULBRE
Spezial User
Beiträge: 347
Registriert: 8. Februar 2018 22:08

Re: Vorgesetzter belastet Belegschaft mit ADHS-Verhalten - wie damit umgehen?

Beitrag von ULBRE » 8. Juli 2018 22:24

Hallo,

das ist meines Erachtens eine spezifisch arbeitsrechtliche Frage.
Wenn Ihr einen Betriebsrat habt, wäre der ein Ansprechpartner.
Ansonsten könntet Ihr Euch von einem Fachanwalt für Arbeitsrecht beraten lassen.

Viele Grüsse

UlBre
„Wenn ein unordentlicher Schreibtisch einen unordentlichen Geist repräsentiert, was bedeutet dann ein leerer Schreibtisch ?“ Albert Einstein
Benutzeravatar
Hanghuhn
Foruminventar
Beiträge: 4945
Registriert: 24. Oktober 2010 03:29

Re: Vorgesetzter belastet Belegschaft mit ADHS-Verhalten - wie damit umgehen?

Beitrag von Hanghuhn » 9. Juli 2018 00:45

PapaSchlumpf hat geschrieben:Hallo,
- Kann man den ADHS-Verdacht offen ansprechen? Drohen arbeitsrechtliche Konsequenzen, wenn man diese Sichtweise gegenüber der Geschäftsführung offen legt? (Rufschädigung, Verlust der Vertrauensbasis etc.).
Bist du so verzweifelt, dass du auf einer ärztlichen Diagnose bestehen willst?

Wie Ulbre schon schrieb, geht es hier eher um arbeitsrechtliche Dinge. Du kannst dich allein oder ihr als Untergebene könnt Euch über euren Chef beschweren. Ihr könnt jede Sekunde seines Verhaltens von vorn bis hinten auseinandernehmen und jedes Wort auf die Goldwaage legen.

Warum er so ist, wie er ist, geht niemanden etwas an.
LG Hanghuhn
PapaSchlumpf
Andersweltler
Beiträge: 5
Registriert: 8. Juli 2018 18:10

Re: Vorgesetzter belastet Belegschaft mit ADHS-Verhalten - wie damit umgehen?

Beitrag von PapaSchlumpf » 9. Juli 2018 08:37

@Hanghuhn: Ja, etliche der Kollegen sind so unzufrieden, dass es offene und verdeckte Fluktuation gibt (Langzeiterkrankungen, Versetzungsanträge, Reduzierung der Arbeitszeit). Die Verbleibenden werden durch den resultierenden Personalmangel noch stärker belastet. Die Folge sind noch mehr Konflikte, auch zwischen den Mitarbeitern, die diesen Spannungen ständig ausgesetzt sind und Angst vor der Zukunft haben. Mich beginnt es auch immer stärker direkt zu betreffen; ich habe vor der Abfahrt zur Arbeit oft einen erhöhten Blutdruck. Wenn man sich über viele Jahre eine Arbeitssituation aufgebaut hat, und die Zufriedenheit wird so kaputtgemacht, erzeugt es Verzweiflung. Es wird ohne Eingriffe nicht besser werden.
Ich wäre froh, wenn die fehlende Eignung dieses Vorgesetzten für die Mitarbeiterführung offen auf den Tisch käme, beispielsweise durch eine ärztliche Diagnose, in deren Folge ihm unter Umständen eine Alternative ohne direkte Personalverantwortung angeboten werden könnte. Leider traut sich die Personalvertretung noch nicht an dieses heiße Eisen.
Stefan SRO
Spezial User
Beiträge: 254
Registriert: 21. Juni 2018 06:52
Wohnort: Thüringen SHK
Kontaktdaten:

Re: Vorgesetzter belastet Belegschaft mit ADHS-Verhalten - wie damit umgehen?

Beitrag von Stefan SRO » 9. Juli 2018 08:49

Ich einmal ein solcher Chef!

Das war lange vor meiner Diagnose aber nach meiner Erkenntnis, mit viel Leistung meine Defizite aus der Schule kompensieren zu können. Die positive Bestätigung trieb mich immer weiter die Leiter hinauf bis der Burny mich stoppte. "Managerkrankheit"

Vor Jahren habe ich aber selbst bemerkt, dass ich nicht zum Anführer tauge und habe mich eher fachlich als disziplinarisch weiter entwickelt. Aber mal von vorn:

Das Bemerken fand sowohl in der Selbstreflektion als auch durch Beschwerden meiner Leute statt. Die haben gut zusammen gehalten und mir jeden Fehler vorgehalten. Anfänglich waren es für mich nur "Nörgler", denn die die nichts Sagten bestätigten mich in der Annahme alles richtig zu machen. Erst als es mehr "Nörgler" als "Nichtssager" gab, kam die Wende.
Natürlich sind sie auch zu meinem Vorgesetzen gegangen und haben sich beschwert.

Die Erkenntnis, für einen Führungsjob nicht geeignet zu sein kam dann bei mir selbst und da mein Chef auch schon Wind davon hatte, war der Schwenk nicht wirklich Problematisch. Das alles geschah 15 Jahre vor meiner Diagnose.
Hätte mir damals jemand einen Wink gegeben, wäre ich dankbar gewesen. Doch hätte ich das wohl erst nach der Erkenntnis nicht geeignet zu sein und vor allem UNTER VIER AUGEN akzeptiert.

Also mein Tipp.
Sammelt die Fehler. Beschwert Euch über jeden Einzelnen und haltet zusammen. Haltet Euch an die arbeitsrechtlichen Regeln, sonst könnte es böse enden, auch wenn Du recht haben solltest.

Das ADHS lass da raus und sprich mit keinem darüber der nicht von sich aus damit auf Dich zu kommt (Rufschädigung / Mobbing) denn Du könntest auch falsch liegen.

Am Rande.
Ich bin 5 Jahre als Leiter in verschiedenen Eben unterwegs gewesen, bevor sich die Erkenntnis bei mir endgültig fest gesetzt hatte. Danach war ich Trainer und Berater, was viel besser zu meinem Leistungsspektrum passte.
Diese Erkenntnis musste sich aber auch erst mal bei meiner damaligen GF durchsetzen, die bis dahin eine Karriere nur als Leiter vor sah. Erst mit mir wurden dann auch andere Laufbahnen möglich.
"Mein Hirn kann nicht still sitzen..."
-
Was heute noch logisch und klar erscheint, ist morgen schon undurchsichtig rätselhaft.
-
-Mal Einstein und mal taube Nuß.-
-Was man nicht all´s ertragen muß.-
Benutzeravatar
Hanghuhn
Foruminventar
Beiträge: 4945
Registriert: 24. Oktober 2010 03:29

Re: Vorgesetzter belastet Belegschaft mit ADHS-Verhalten - wie damit umgehen?

Beitrag von Hanghuhn » 9. Juli 2018 09:33

Ich kann nachvollziehen, dass diese Person die Hauptursache für eure Probleme ist. Aber ich sehe hier auch die Verantwortung bei den höher gestellten Verantwortlichen. Alles, was du vorbringst, kannst du sehr wohl gegen deinen Chef ins Feld führen. Aber da zählt das, was er tut.

Das Verlangen einer Diagnostik finde ich übergriffig.

Aber auch AD(H)Sler sind Menschen, von denen jeder Einzelne seinen eigenen Charakter hat. Du hältst an einem ziemlich negativen Bild von AD(H)Slern fest und versuchst, deinen Chef durch das Erzwingen einer Diagnostik zu stigmatisieren.

Versprich dir nicht zu viel von einer Diagnose!
PapaSchlumpf hat geschrieben:Mein Hintergrund ist dadurch gekennzeichnet, dass ich einen nahen Angehörigen mit diagnostiziertem ADHS habe (und im Zusammenhang damit auch selbst einen langjährigen Leidensweg durchlaufen habe, dessen Ursache mir erst durch die Diagnose klarer geworden ist). Ich kann ADHS in vielen Fällen auch recht treffsicher intuitiv erkennen, obwohl ich kein Psychologe bin.


Vor allem der letzte Satz ist Quatsch. Es besteht - sagen wir mal - eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass du richtig liegst. Aber die Diagnose führt ein ausgebildeter Arzt durch. Es gibt immer eine Restwahrscheinlich, dass eine ganz andere Störung zugrunde liegt. Z. B. weißt du nicht, wie dein Chef in seiner Kindheit war. Das gehört aber zu einer Diagnostik dazu. Aber auch dann kann es weitere Ursachen für sein Verhalten geben, die nichts mit AD(H)S zu tun haben.

Ein AD(H)Sler ist nicht per se als Chef unfähig. Da kämpfst du gegen Windmühlen. Hier im Forum gibt es mehrere Mitglieder, die z. B. selbständig sind und damit Verantwortung für ihre Mitarbeiter wahrnehmen. Soweit mir bekannt ist, gibt es auch mehrere Mitglieder, die als Teil eines Unternehmens Führungsverantwortung haben.

Falls du wirklich etwas erreichen möchtest, hast du eher Chancen, erhört zu werden, wenn du nicht mit deiner verschwurbelten These von ADHS daherkommst. Stütz dich auf das, was wirklich stört! Das ist sein Verhalten:
PapaSchlumpf hat geschrieben:von der Hyperaktivität, Planungsdefiziten und Problemen mit der Prioritätensetzung über Aggressionen und Eskalationen bis hin zur Hyperfokussierung beim Kontakt mit hochrangigen Vertretern der Führungsebene, die die Katastrophe an der Basis nicht ahnen können
Das sind Punkte, die du tatsächlich ins Feld führen kannst. Wehr dich oder wehrt euch! Niemand muss sich das gefallen lassen. Aber wenn du oder ihr auf das Bestehen einer Diagnostik bau(s)t, hast du oder habt ihr schon von Anfang an verloren. Damit kommt man (zum Glück) nicht durch.

Hast du einen älteren Bruder oder eine ältere Schwester (oder Cousin oder Cousine), der oder die dir als Kind das Leben schwer machten? Eltern sind nicht immer dabei, wenn sich Kinder untereinander zecken. Trotzdem sind es eher die Eltern, die du verantwortlich machen solltest. Sie hätten genau hinsehen und einschreiten müssen, wobei es keine Eltern gibt, die alles richtig machen. Früher hatten die Eltern oftmals keine Ahnung von ADHS, man sprach eher von lebhaften Kindern. Da ist es kein Wunder, dass die Älteren unter uns als Kind kaum eine Diagnose bekamen.

P.S.: "Hyperfokussierung beim Kontakt mit hochrangigen Vertretern der Führungsebene":
Schleimt er? Den Begriff Hyperfokusierung hast du unter Garantie falsch verstanden. Schleimen ist auf gar keinen Fall ein typisches Merkmal von AD(H)S. Das Schleimen gehört einfach zu einer nicht guten Charakterereigenschaft. Beim Schleimen hilft es eher, die Grundlage für das Schleimen zu entziehen, z. B. indem man zeigt, wer wirklich für das gute Arbeitsergebnis verantwortlich ist. Ich weiß, dass das nicht immer einfach ist. Vor allem sollte man das so schaffen, dass man sich selbst noch geradeaus im Spiegel anschauen kann.
LG Hanghuhn
ULBRE
Spezial User
Beiträge: 347
Registriert: 8. Februar 2018 22:08

Re: Vorgesetzter belastet Belegschaft mit ADHS-Verhalten - wie damit umgehen?

Beitrag von ULBRE » 9. Juli 2018 10:39

Hallo,

nochmal ausserhalb des arbeitsrechtlichen gedacht:

Solche Situationen sind kommunikativ schwer zu bewältigen.
Man hat ein - berechtigtes - Anliegen, aber der, den es betrifft, will das nicht hören (jedenfalls sehr wahrscheinlich) und er hat die Macht.
Um in so einer Situation weiterzukommen würde ich unter anderem auf folgende Punkte achten:

- immer dem Menschen respektieren und nur konkrete Verhaltensweisen kritisieren (Verhalten vom Menschen trennen)
- die negativen Folgen des Verhaltens als sachliche Wiedergabe der eigenen Wahrnehmung darstellen (eigene Wahrnehmung statt vermeintliche Fakten, Ich-orientiert kommunizieren)
- nie nie niemals negative Motive unterstellen (niemand, der AD(H)S hat, hat deswegen ein Interesse, andere zu verletzen. Das wäre ein schlechter Charakter oder vielleicht Ausfluss anderer, komorbider Störungen. Und selbst dort wären die Leute froh, das los zu sein).
- das Interesse an einer guten Zusammenarbeit und den Respekt für den Vorgesetzten als Mensch betonen
- mehr positiv kommunizieren: wie sollte es sein, weniger negativ (was ist schlecht).
- nicht alleine argumentieren, um nicht alleine gemobbt zu werden und auch nicht hinter der Gruppe verstecken
- keinen Druck aufbauen. Geduld einplanen. Eine so schwerwiegende Erkenntnis ist nicht in ein, zwei Gesprächen zu erreichen. Da hilft allenfalls der dauerhafte Tropfen. Die Idee, da schnell etwas zu ändern würde einen Druck aufbauen, der nicht lösbar ist und beide Seiten frustrieren. Es geht eher um einen Prozess, um ein Ingangsetzen einer Bewegung, nicht um ein bald ankommen.
So etwas anzunehmen braucht menschliche Grösse. Und es tut weh, von einer ganzen Gruppe "abgelehnt" zu werden. Ausgrenzung, nicht dazu gehören ist einer der schwerwiegendsten Stressoren, die es gibt ! Bedenke ausserdem: Rejection Sensitivity (besondere Kränkbarkeit / Überempfindlichkeit auf Ablehnung) ist ein typisches Symptom von AD(H)S (jedenfalls in meinen Umfragen). Samthandschuhe und Geduld helfen.
Oft wird es klarer, wenn man sich überlegt, wie man einen Hund erzieht. Da erwartet man ja auch nicht, dass man einmal was sagt und der liebe Vierpföter hält sich dran. Man muss es konsequent und warm vorleben und braucht viel Geduld und Gelassenheit. Strafen bringen viel weniger als Belohungen.

Ob man Verhaltensweisen nicht als Einzelfall sondern als Muster darstellt ist schon so eine Sache. Ein Muster sagt ja schon sehr viel deutlicher, dass da jemand als Charakter ein Problem hat - jedenfalls aus Sicht von jemandem, der nicht aus dem Blickwinkel AD(H)S schaut.

Das sind jetzt nur so die Sachen, die mir spontan einfallen.
Dazu gibt es sicher noch viele gute Ideen von anderen hier.

Als Lektüre dazu gibt es die Standardwerke "Miteinander reden", Band 1 bis 3 von Schulz von Thun oder, etwas konzentrierter, "Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation" von Rosenberg, ein sehr lesenswertes kleines Büchlein.

Viele Grüsse

UlBre
Zuletzt geändert von ULBRE am 9. Juli 2018 10:41, insgesamt 2-mal geändert.
„Wenn ein unordentlicher Schreibtisch einen unordentlichen Geist repräsentiert, was bedeutet dann ein leerer Schreibtisch ?“ Albert Einstein
PapaSchlumpf
Andersweltler
Beiträge: 5
Registriert: 8. Juli 2018 18:10

Re: Vorgesetzter belastet Belegschaft mit ADHS-Verhalten - wie damit umgehen?

Beitrag von PapaSchlumpf » 9. Juli 2018 10:39

@Hanghuhn: Die Details aus meiner privaten Vorgeschichte würde ich nicht so gern ausführlich in diesem Thread behandeln - da gibt es auch ein paar spezielle Gegebenheiten, und man müsste es getrennt von der Arbeitssituation diskutieren. Diese Ebene ist z.Z. auch nicht akut.

Aber die Aussage, die betreffende Person sei eben ein bißchen lebhafter, und man solle mal nicht so empfindlich sein, kenne ich tatsächlich zur Genüge - und möchte damit nicht mehr vertröstet werden, wenn in meinem Nahbereich erneut ein beständiger Leidensdruck durch einen solcherart strukturierten Menschen erzeugt wird. Leider ist es im Moment aber noch so, dass genau diese Sichtweise in der übergeordnetet Ebene fortbesteht. Bei Unternehmensleitung und in Teilen der Personalvertretung wird immer noch so argumentiert, dass es an den Kolleg/innen des Betriebsteils selbst läge - der Vorgesetzte sei hochkompetent und optimal für diesen Bereich geeignet. Für mich ein Déjà-Vu-Erlebnis, das natürlich nicht zu einer positiven Wahrnehmung des Vorgesetzten im belastenden Alltag beiträgt.

Natürlich weiß ich, dass ich keine nervenärztliche Diagnose stellen kann. Dennoch kann ich den Phänotypus und die daraus für die soziale Umwelt entstehenden Belastungsmuster vergleichen, und dann den Versuch unternehmen, Schlussfolgerungen zu ziehen, um zu einer schützenden Distanzierungsstrategie zu kommen. Dabei steht mein Selbstschutz im Vordergrund; dies auch vor dem Hintergrund, dass ein Berufswechsel in absehbarer Zeit für mich aus verschiedenen Gründen nicht realistisch ist. Aber natürlich betrifft es in einer Teamsituation auch die Kolleg/innen, die teilweise noch stärker belastet sind als ich. Und man hat immer das Problem, die oft diffuse und abrupt schwankende, aber trotzdem allgegenwärtige Spannung begrifflich auf den Punkt zu bringen - eine klare Diagnose von einer anerkannten Instanz, laute sie nun auf ADHS oder auf was anderes, würde helfen.

Zu diesem Schlagwort Hyperfokussierung: plumpe Schmeichelei ist hier nicht gemeint. Vielmehr nimmt dieser Vorgesetzte im Umgang mit höherrangigen Personen seine gesamte Selbstdisziplin zusammen, die ihm im Umgang mit Untergebenen fehlt. Smartes Auftreten vor fremdem Publikum, Außenwirkung, Beschaffung neuester Gegenstände, das Verkehren mit Angehörigen der sozialen Elite und vordergründige Erfolgsmeldungen sind ihm am wichtigsten. Nach solchen Situationen kann man ihm manchmal anmerken, wie „groggy“ er ist. Es kommen tatsächlich auch stundenlange Strähnen des Alleine-Arbeitens, mitunter bis in die Nacht vor, die von manchen Kolleginnen als "Autismus" gedeutet werden. Es kann sich um (zuvor aufgeschobene) Büroarbeiten kurz vor Fristablauf handeln, aber auch um Dinge, für die diese Person eigentlich gar nicht primär zuständig ist (handwerklicher Kram außerhalb seiner Aufgaben, unglaublicher persönlicher Aufwand für banale Beschaffungen o.ä.).

Das Problem dabei ist einfach, dass entferntere Führungskräfte, die den Alltag nicht miterleben, deshalb von einem mordsmäßigen kompetenten Vorgesetzten ausgehen, und die Kritik an ihm nicht ernst genug nehmen.
Falschparker
Foruminventar
Beiträge: 4973
Registriert: 28. Mai 2008 13:37
Wohnort: Kleinstadt
Alter: 52

Re: Vorgesetzter belastet Belegschaft mit ADHS-Verhalten - wie damit umgehen?

Beitrag von Falschparker » 9. Juli 2018 11:02

Hallo Papa Schlumpf,

Hanghuhn hat völlig recht- ob ADHS oder nicht, kann dir in dieser Auseinandersetzung gleichgültig sein. Natürlich bist du durch die Erfahrung mit deinem Angehörigen sensibilisiert, und du kannst das Handeln deines Vorgesetzten besser nachvollziehen als jemand ohne diese Erfahrung.

Aber wichtig für dich und deine Kollegen ist in dieser Situation das Ergebnis und nicht dessen Ursache. Und darauf solltet ihr euch beschränken in euren Aktivitäten gegenüber dem Betriebsrat oder der Unternehmensleitung.

Wäre es umgekehrt, also er dein Untergebener und du sein Vorgesetzter, könntest du ihn eventuell darauf hinweisen, welche Konflikte sich durch sein Verhalten ergeben und dass er sich ärztliche Hilfe suchen kann. Und selbst das setzt ein gutes Vertrauensverhältnis voraus, damit es vom Betroffenen angenommen wird.

Damit ein Untergebener seinen Vorgesetzten dahin lenken kann, muss ein besonders seltenes und gutes Verhältnis gegeben sein. Und das ist hier ja gerade nicht der Fall, oder? Zumal deine Motivation offensichtlich nicht ist, ihm zu helfen, sondern die Belastung durch sein Verhalten los zu werden.

Also wenn ihr beim Betriebsrat oder der Leitung interveniert, dann nehmt die belegbaren und nichtanzweifelbaren Probleme, und da gibt es ja genug, wie du schreibst. Den ADHS-Verdacht gegenüber Dritten anzusprechen, bringt genau nichts. Im Gegenteil, es erscheint als Spekulation (was es ja auch ist) und lässt dich in einem schlechten Licht da stehen.

Es wäre ja außerdem ein Eigentor. Denn wenn du sagst, dein Vorgesetzter macht dies und das und das ist für mich unzumutbar, bringst du dein Anliegen zum Ausdruck. Wenn du sagst, du vermutest eine Gesundheitsstörung als Ursache, dann könnte man von dir ja Rücksicht fordern, und das ist ja nun nicht das was du willst. ;)

Also sag ihm deinen ADHS-Verdacht entweder persönlich unter vier Augen, wenn du denkst es könnte etwas bringen, oder behalte ihn für dich.

Wenn alle Interventionen nichts bringen, könntest du dich ja woanders hin innerhalb oder außerhalb eurer Firma bewerben. Wenn das mehrere tun, werden spätestens dann die Chefs deines Chefs Konsequenzen ziehen (oder auch nicht), aber das ist dann nicht mehr euer Bier.
Falschparker
Foruminventar
Beiträge: 4973
Registriert: 28. Mai 2008 13:37
Wohnort: Kleinstadt
Alter: 52

Re: Vorgesetzter belastet Belegschaft mit ADHS-Verhalten - wie damit umgehen?

Beitrag von Falschparker » 9. Juli 2018 11:13

Aber die Aussage, die betreffende Person sei eben ein bißchen lebhafter, und man solle mal nicht so empfindlich sein, kenne ich tatsächlich zur Genüge - und möchte damit nicht mehr vertröstet werden, wenn in meinem Nahbereich erneut ein beständiger Leidensdruck durch einen solcherart strukturierten Menschen erzeugt wird. Leider ist es im Moment aber noch so, dass genau diese Sichtweise in der übergeordnetet Ebene fortbesteht.
Unsere Beiträge haben sich gekreuzt. Wenn es die übergeordnete Ebene so sieht, wird es noch sinnloser, wenn du deinen Verdacht äußerst. Siehe Spekulation, siehe Eigentor.

Das Tragische ist, dass er durch effektive medikamentöse und nichtmedikamentöse Behandlung tatsächlich ein viel besserer Chef sein könnte, wenn er so (fachlich) kompetent ist und vorausgesetzt natürlich dein Verdacht stimmt. Aber das würde deine Äußerung bei der Leitungsebene nun gerade nicht bewirken, oder kannst du dir das vorstellen?

Die einzige (und sehr sehr kleine!!) Chance bestünde wirklich darin, sein Vertrauen zu gewinnen und ihm vielleicht auch privat nahe zu kommen, dann könntest du von deiner Erfahrung mit deinem Angehörigen sprechen und wie diesem (und dir) die Diagnose und Behandlung geholfen hat.

Dazu bräuchte es aber auch einen Leidensdruck von seiner Seite. Wenn aber für ihn alles in Ordnung ist, er ist erfolgreich und seine Defizite werden von der Leitung bagatellisiert, na warum sollte er dann Hilfe suchen?
PapaSchlumpf
Andersweltler
Beiträge: 5
Registriert: 8. Juli 2018 18:10

Re: Vorgesetzter belastet Belegschaft mit ADHS-Verhalten - wie damit umgehen?

Beitrag von PapaSchlumpf » 9. Juli 2018 12:41

Hallo nochmal und Danke an alle, die bislang geantwortet haben, insbesonder auch Stefan und Ulbre.

Für mich wirft diese Diskussion das Problem auf, dass ich alle Details nur indirekt beschreiben kann, damit man Firma, Arbeitsgegenstand, Ort und Personen nicht durch eine Google-Suche ausfindig machen kann.

Man muss aber auch wissen, dass die Arbeit als solche in diesem Sektor psychisch stark belastend ist. Mitarbeiter sind darauf angewiesen, die gesamte persönliche Energie, einschließlich Geduld und Empathie, für die Kundschaft zur Verfügung zu haben.

Dazu gehört immer auch genug persönlicher Abstand. Wenn auf dieser Ebene schon ein distanzloser Vorgesetzter so viel Kraft abfrühstückt, kann man die Arbeit kaum noch machen und ist ständig an einer nervlichen Grenze. Da man vor Arbeitsantritt nie weiß, was der nächste "Hammer" ist, schwebt ständig eine belastende Unsicherheit über allem. Das ist auch ein Grund für die vielen Ausfälle unter den Kollegen, die inzwischen auch Zwangsversetzungen zur Folge hatten.

Es ist einfach nicht realistisch, wenn man in so einer Situation auch noch grenzenlose Geduld mit dem Chef haben muss, und eigentlich sogar noch einen privaten Draht zu ihm suchen müsste, um kritische Fragen thematisieren zu können. Meiner Meinung müsste eine Hilfe von außen gesucht werden, um diese Situation wieder steuerbar zu machen.
Falschparker
Foruminventar
Beiträge: 4973
Registriert: 28. Mai 2008 13:37
Wohnort: Kleinstadt
Alter: 52

Re: Vorgesetzter belastet Belegschaft mit ADHS-Verhalten - wie damit umgehen?

Beitrag von Falschparker » 9. Juli 2018 14:05

PapaSchlumpf hat geschrieben:Es ist einfach nicht realistisch, wenn man in so einer Situation auch noch grenzenlose Geduld mit dem Chef haben muss, und eigentlich sogar noch einen privaten Draht zu ihm suchen müsste, um kritische Fragen thematisieren zu können. Meiner Meinung müsste eine Hilfe von außen gesucht werden, um diese Situation wieder steuerbar zu machen.
Da hast du mich vielleicht falsch verstanden?

Ich habe gesagt, mit einem privaten Draht besteht die (geringe) Chance, ihm gegenüber das Thema ADHS zu thematisieren, so dass es etwas bringt.

Ich habe nicht gesagt, dass ich dir das empfehle. Und schon gar nicht, dass ihr euch nicht wehren sollt.

Aber du klingst sehr resigniert. Wenn es voraussichtlich auf Jahre nicht besser wird, solltest du ernsthaft über einen Wechsel nachdenken. Niemand zwingt dich, dich auf dieser Arbeit aufzuopfern. Die Arbeitsmarktlage ist doch inzwischen so, dass die Firmen gucken müssen, es ihren Leuten nicht unerträglich zu machen, sonst sind sie weg.

Und offenbar wird in deiner Firma das falsche Verhalten belohnt. Noch ein Grund, woanders zu gucken.
Stefan SRO
Spezial User
Beiträge: 254
Registriert: 21. Juni 2018 06:52
Wohnort: Thüringen SHK
Kontaktdaten:

Re: Vorgesetzter belastet Belegschaft mit ADHS-Verhalten - wie damit umgehen?

Beitrag von Stefan SRO » 9. Juli 2018 15:36

- ich konnte eben erst wieder rein schauen.

Was PapaSchlupf schreibt erinnert mich verflucht stark an mich. Ich hatte ein bomben Standing bei der GF (teilw. jetzt noch Kontakt). Ohne das wäre ich eher "gefallen".
Und ich war nach Terminen bei der GF so ausgebrannt wie nach einem Vorstellungsgespräch, da ich mich massiv konzentrieren musste. (ich habe damals jeden gewünschten Job bekommen)
Auch Vertriebstermine liefen so. Ob das was mit einem Hyperfokus zu tun hatte bleibt ein Rätsel, da die Zeit vorbei ist. Heute finde ich die Bremse viel schneller.

ULBRE, Hanghuhn und Schlafwandler gebe ich recht. Sachlich bleiben! ... aber die Glocken mögl. weit oben läuten. Und ohne ein paar Kollegen und Leidensgefährten würde ich nicht starten. Abstimmen wer wann was anbringt und stark bleiben.

Vor dem Burnout hätte ich vermutlich auf niemanden gehört, der mir was von ADHS erzählt hätte, da mir der vermeintliche Erfolg Recht gab.

VG
Stefan
"Mein Hirn kann nicht still sitzen..."
-
Was heute noch logisch und klar erscheint, ist morgen schon undurchsichtig rätselhaft.
-
-Mal Einstein und mal taube Nuß.-
-Was man nicht all´s ertragen muß.-
PapaSchlumpf
Andersweltler
Beiträge: 5
Registriert: 8. Juli 2018 18:10

Re: Vorgesetzter belastet Belegschaft mit ADHS-Verhalten - wie damit umgehen?

Beitrag von PapaSchlumpf » 10. Juli 2018 14:08

Hallo Stefan,

danke nochmal für diese Rückmeldung, die dann doch ein paar ermutigende Anteile für mich hat.

Ich gehe auch bei diesem Vorgesetzten davon aus, dass er manchmal Selbstzweifel hat. Ich glaube auch, einzelne typische Coping-Strategien in seinem Verhalten und seiner Berufsbiographie (zu der ich keine Details offenlegen kann) erkennen zu können.

Allerdings entlasten solche Strategien mehr ihn selbst als die Mitarbeiter: Delegation konzentrationsfordernder Aufgaben, kurzfristige Übernahme von Tätigkeiten, die eigentlich nicht in seinem Kernbereich liegen, aber einen körperlich aktiven Zeitraum, eine Zeit im Freien, in Unterwegs-Situationen oder einen Ortswechsel erlauben, usw.. Manchmal entstehen neue Konflikte, wenn sich die dort tätigen Mitarbeiter, für die er eigentlich nicht zuständig ist, durch seine Eingriffe belastet fühlen.

Noch ein Aspekt ist interessant: es gibt vereinzelt Untergebene, die er in Ruhe lässt. Diese sind entweder besonders gut mit der Führungsebene des Unternehmens vernetzt, oder sie beherrschen ein sehr machtvolles, druckvolles, aber emotional ungerührtes Auftreten. Auch wer die (zweifelhafte) Gabe hat, anderen Angst machen zu können, hat es leichter. All dies kann man nicht bei jedem voraussetzen. Aber solche Potenziale scheinen hilfreich zu sein, wenn man in Ruhe gelassen werden will.
Stefan SRO
Spezial User
Beiträge: 254
Registriert: 21. Juni 2018 06:52
Wohnort: Thüringen SHK
Kontaktdaten:

Re: Vorgesetzter belastet Belegschaft mit ADHS-Verhalten - wie damit umgehen?

Beitrag von Stefan SRO » 10. Juli 2018 14:36

Hallo PapaSchlumpf,

den Einblick in meine damalige "Chef-Denke" gewähre ich gern, aber sie bringt Dir nicht viel. (außer Du willst Dich wirklich mal mit ihm einschließen)

Wie von den anderen richtig bemerkt bleiben Dir nur die zwei Wege. Den Rechtsrahmen gemeinsam mit den Kollegen ausschöpfen oder selbst gehen.

VG
Stefan
"Mein Hirn kann nicht still sitzen..."
-
Was heute noch logisch und klar erscheint, ist morgen schon undurchsichtig rätselhaft.
-
-Mal Einstein und mal taube Nuß.-
-Was man nicht all´s ertragen muß.-
Antworten

Zurück zu „Board für Nicht – ADSler, Interessierte, Freunde und Partner*“