Empathie

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Niesa
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Empathie

Beitragvon Niesa » 8. April 2014 00:07

Hallo an alle!
Ich bin ganz neu hier und freue mich auf einen Austausch mit euch allen hier! Habe schon einige Einträge hier durchforstet und Einiges hat mir schon was geholfen. Ich selbst bin die Partnerin eines wunderbaren Mannes, der seit seiner Kindheit mit ADHS ‚arbeitet‘. Ich nenne es ‚arbeiten‘, auch wenn es sich sehr hart anhören mag – bei ihm trifft es wirklich zu. Er hat für sich selbst großartige und hilfreiche Methoden entwickelt, mit bestimmten ADHS-typischen Symptomen (ich mag das Wort nicht wirklich, da es mich viel zu sehr an eine schlimme Krankheit erinnert) umzugehen, wie zum Beispiel bei Unruhe= Sport, eine bestimmte Ernährung oder auch unterschiedliche Varianten des autogenen Trainings, die ihm in den verschiedensten Lebensphasen als Unterstützung dienen. Er hat sich wirklich sehr intensiv mit sich selbst auseinander gesetzt. Viele der –hier haben wir es wieder- typischen Symptome findet man bei ihm gar nicht! Und ich zolle ihm wahnsinnigen Respekt, denn ich erahne, dass diese ‚Arbeit‘ nicht sehr einfach war.
Wenn ich an ihn denke, an uns und eine gemeinsame Zukunft, dann sehe ich was wirklich Großes! Wir sind noch nicht lange zusammen, dennoch habe ich einen großen Glauben an uns. Ich hab ihn wirklich sehr gern!
Dass es nicht ganz ohne Aber geht, mag hier nicht überraschen.
Allerdings sind viele Probleme, die ich von anderen Beziehungen mit dieser Hürde kenne, bei uns nicht relevant. Er hat sein ADHS gleich zu Anfang unserer Beziehung thematisiert und die daraus resultierende Verhaltensweisen, so dass ich es nie auf mich bezog. Ich finde sogar, dass wir uns prima ergänzen, fast wie ein Puzzle! Wird er z.B. unruhig, weil er das Gefühl hat, noch nicht genug gearbeitet zu haben –losgelöst von Wochentag oder Uhrzeit-  und dies auch tut, habe ich Meine Zeit, die auch ich innerhalb einer Beziehung brauche, da ich mich sonst schnell blockiert fühle. Manches wie autogenes Training machen wir auch gerne zusammen.
Letztlich haben wir nur ein Problem: Empathie.
Er kann unglaublich verletzende Sätze äußern. Sätze, die auch nach einer Zeit noch ein wenig stechen können. Ich weiß, dass er sie niemals mit einer bösen Absicht raushaut. Aber sie tun echt weh!
Ganz häufig habe ich hier ‚Humor‘ als Umgangsmöglichkeit gelesen. Glücklicherweise haben wir beide davon recht viel, so dass wir…sehr häufig lachen. ;)
Dennoch gibt es eben Sätze, die respektlos sind, eine Grenze überschreiten, mir weh tun. Bislang habe ich das dann auch angesprochen, ihm erklärt, warum, wie ich mich dabei fühle oder was das bei mir auslöst, gerne auch mehrmals. In den meisten Fällen kann er es trotzdem nicht nachvollziehen und es löst bei ihm etwas aus: Er fühlt sich zum einen unsicher und hat Angst, wieder etwas Verletzendes zu sagen und sagt dann nichts mehr. Zum anderen empfindet er es als eine Art Regelwerk, welches ich ihm auferlege. Er spricht von der Gedankenpolizei, die ich ihm nach und nach einflöße. Er empfindet mich als stressig, weil ich diese Verletzungen anspreche. Zugegeben: Nicht immer kann ich klar und rational reagieren, bin häufig aufgrund des überraschenden Satzes vor den Kopf gestoßen und echt traurig. Nur: Ich bin es halt auch und es ist dann wieder verletzend, wenn der Partner das nicht ernst nimmt und es abtut mit: Du bist wieder stressig. Du machst ein Fass auf, wo keins ist. Da kann man sich drüber aufregen oder man lässt es.  Es ist nicht so, dass er sich dieser Problematik nicht bewusst sei: Schon häufig ist ihm das im Freundeskreis passiert und er wurde darauf hingewiesen, weshalb ich nicht verstehe, dass er das nicht ernst nimmt.
Diese Empathielosigkeit hat nun eine neue Ebene erreicht. Während ich noch nach einer Lösung, den richtigen Umgang im Alltag, suche, sind wir nun bei dem Thema: andere Frauen. Er kann in meinem Beisein andere Frauen anflirten, sie anstarren, dass ich mich frage, wie er nicht über die eigenen Füße stolpert. Er meint, dass sei Teil seines ADHS: Schöne Frauen stimulieren ihn wegen des Reizes. Er KANN gar nicht anders als sie anzustarren. Schön für ihn ist, dass er alle 10 Meter eine attraktive Frau sieht.    Doch es geht auch noch weiter: Er mag sie nicht nur anstarren, sondern er will mit ihnen in die Kiste. Es ist so, als brauche er die permanente Bestätigung.
Ich bin mir recht sicher, dass ich ein dickes Fell habe. Aber die Vorstellung, dass ich nicht DIE Frau bin, sondern eine von 40, die ihn den Tag über ge-reizt haben… puh! Er hat mich nun Gestern vor die Wahl gestellt: Er habe diesen Druck (ADHS-bedingt) mit anderen Frauen zu schlafen, den er bislang unterdrücken konnte, aber sollte ich mich nicht in kürzester Zeit (1-2 Wochen) für eine offene Beziehung entscheiden, dann könne er nicht garantieren, dass es nicht so oder so passiert. Wir hatten schon vor einiger Zeit mal eine Art Probelauf, bei dem es erlaubt war, fremd zu küssen, den anderen aber nicht weiter informieren wollten. Endete damit, dass er mit ganz offensichtlichen Knutschmerkmalen vor mir stand und meinte, wir hätten ja nur gesagt, dass wir nicht darüber sprechen. Ähnlich verhält es sich beim Flirten generell: Ich sagte mal, dass es völlig okay sei, zu flirten, es aber respektlos sei, wenn der Partner dabei ist. Er tat es dennoch und seine Antwort war: Ich dachte, es geht darum, dass du es nicht mitbekommst und dass du das nicht siehst.
Nun habe ich hier auch häufig gelesen, dass man klare ‚Ansagen‘ formulieren soll… aber ich weiß gar nicht, wie klarer ich mich ausdrücken soll.
Nun sitze ich hier und bin verwirrt. 
Also: Gibt es hier Partner mit ähnlichen Erfahrungen, jemanden, der mir und uns Tipps geben kann. Es geht primär um: Wie kann ich verhindern, meinen Partner weh zu tun.  Wie kann ich als Partnerin damit umgehen? Und vielleicht gibt es hier ein Paar, dass sich selbst in dieser Problematik Empathie wieder findet und uns als Paar Lösungsansätze bieten kann.
Ich danke zuerst mal für’s Durchlesen –ist ein langer Text geworden! :/ Und vielen Dank, sollte es jemanden geben, der den ein oder anderen Tipp hat. Mich würde das wirklich sehr freuen!
Niesa
graffiti
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Re: Empathie

Beitragvon graffiti » 8. April 2014 05:27

hallo niesa :wif:

oi.
das ist kein adhs-problem - problematisch finde ich, daß dein mann sich in dem zusammenhang auf adhs rausredet.
"offene" beziehungen, die nur einer von beiden will, sind keine + sie gehen nach hinten los.
seine partnerin derart unter druck zu setzen, ist alles andere als großartig, wunderbar und selbstreflektiert.
das ist ein ganz mieser, manipulativer schachzug.

in deiner situation wäre meine klare ansage:
ich möchte keine "offene" beziehung und bin da nicht verhandlungsbereit.
überleg dir, was du willst: mich oder ein single-dasein (und zwar OHNE mich als versicherung im rücken).

beinhaltet natürlich die gefahr, daß er sagt: dann lieber single.
also mußt du dir auch (vorher) überlegen, was du willst: ihn - in jedem fall - oder einen partner, der dich nicht unter fremd-aktivitäten-druck setzt - notfalls auch einen, der nicht der jetzige ist.

sorry, daß ich nur einen aspekt aus deinem beitrag rausgepickt habe, aber er scheint mir sehr wichtig zu sein.
bin ich froh, daß ich mir diese nachdenk-zigarette nicht angezündet habe, als ich die gasleitung abgemäht habe :icon_mrgreen:<br />oder: alles wird gut.
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Re: Empathie

Beitragvon No User » 8. April 2014 07:59

Hallo Niesa,

ich finde, dass weder "ADHS-typisch" noch "Symptome" an sich wirklich an eine schlimme Krankheit erinnert, den Begriff "Symptome" kann man ja sogar ganz losgelöst von Gesundheitsfragen verwenden und es gibt sogar Symptome positiver Entwicklungen. Naja, und ADHS ist, was man daraus macht, also die Assoziation mit schlimmer Krankheit entsteht nur in deinem Kopf.

An sich zu arbeiten, einschließlich an Problemen, Macken und Besonderheiten (solange man dabei die Stärken nicht vernachlässigt) hört sich auch nicht hart an, sondern normal. Allerdings kann dies auch in einem respektablen Umfang geschehen sein, dazu muss man die betreffende Person halt kennen.

Dabei hat dein Mann Mittel und Wege gefunden, die allgemein anerkannt und in zig Büchern nachzulesen für fast alle Menschen gesund und hilfreich sind, für ADHS'ler aber in besonderer Weise: Sport, Entspannung und eine ausgewogene, gesunde Ernährung, wobei ich ausgewogen und gesund lieber auf die individuellen Bedürfnisse beziehe als auf irgendwelche ernährungsmodischen Ratgeber für den (nicht wirklich existierenden) Durchschnittsmenschen und Kalorienzähler.

Es scheint aber auch so, als wären ein paar Probleme übriggeblieben, die er nur allzu gern auf andere abwälzt:

Ein genereller Mangel an Empathie ist weder so eindeutig ADHS-typisch noch zwingend die passende Erklärung für verletzendes Verhalten. Das Verhältnis von ADHS'lern zur Empathie ist durchwachsen, viele ADHS'ler sind sehr empathisch und sensibel, doch oft führen Wahrnehmungsstörungen auch zu Fehlinterpretationen der Gefühlslage anderer und manche ADHSler sind auch nahe dem autistischen Spektrum gebaut und haben dann größere Probleme, die Gefühle anderer intuitiv wahrzunehmen.

Das Äußern unglaublich verletzender Sätze ist aber eher eine Frage der Impulsivität, also erst sprechen, dann denken. Und es ist trotz syndromtypischer Impulsivität auch eine Frage der Erziehung, wenn man nur oft genug mit verletzenden Äußerungen auf die Nase gefallen ist, statt damit Erfolg zu haben, ist man motivierter, gegen diese Art von Impulsivität anzukämpfen.

Ähem, ehrlich gesagt - ich bin auch ein Mann - ist es unabhängig von ADHS völlig normal, dass gerade du als Ehefrau unmöglich die einzige Frau sein kannst, die ihn reizt, die er schön, attraktiv und begehrenswert findet. Andernfalls wäre er kein Mann oder müsste irgendwelche Hormonstörungen haben. Alles andere mag zwar gesellschaftliche Norm sein, ist aber trotzdem glatte Lüge.

Das heißt aber nicht, dass er aktiv auf diese schönen, attraktiven und reizenden Frauen zugehen darf oder auch nur sexuellen Annäherungsversuchen ihrerseits nachgeben und dich damit massivst verletzen dürfte. Die Gedanken sind frei, er hat seine praktizierte Sexualität aber im Griff zu behalten. Mit ADHS hat das wenig zu tun.

Der Erpressungsversuch sollte für jede -tschuldigung- psychisch gesunde Frau ein klarer Trennungsgrund sein, wer sich das antut bzw. antun lässt müsste massive Selbstwertprobleme haben. Das möchtest du dir nicht wirklich gefallen lassen? Das wichtigste hat aber bereits graffiti geschrieben, das möchte ich ohne Wiederholung unterschreiben.

LG
Steffchen
Zuletzt geändert von No User am 8. April 2014 08:00, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Empathie

Beitragvon nixe » 8. April 2014 08:17

Moin,

Sorry, aber so wahnsinnig beeindruckt bin ich jetzt nicht von seiner harten Arbeit an sich selbst. Bis jetzt bedeutet es eigentlich nur, dass er genau das tut, wonach ihm der Sinn steht und zwar sofort und ohne Rücksicht auf sein Umfeld.
Einfach jedem Affekt nachgeben ist so eher das Gegenteil von "harter Arbeit am Selbst". Für alles Verletzende hat er sich auch noch eine prima Allroundausrede parat gelegt. Frei nach dem Motto "das bin nicht ich, das ist das ADS".

So einfach sollte man sich die Welt dann nicht machen, wenn man Wert auf gehaltvolle Beziehungen legt. Überleg' Dir gut, ob Du Dich wirklich von ihm zu Bedingungen erpressen lässt, die Dich im Innersten verletzen. Sei Dir selbst mehr wert.
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Re: Empathie

Beitragvon Ginger123 » 8. April 2014 08:46

Morgen, niesa!
hier sind ja schon einige Antworten reingekommen.
sag, wie lange seid ihr denn schon zusammen? Und wie alt seid ihr?mir persönlich, mit meinen persönlichen Erfahrungen, fällt auf, wie sehr du ihn wohl bewunderst und es dich beeindruckt, dass er ,,dein,, Partner ist. Stimmt das so?

,,Ich selbst bin die Partnerin eines wunderbaren Mannes, der seit seiner Kindheit mit ADHS ‚arbeitet‘.,,

da fehlst du mir dabei.

man geht ja oft in den Antworten auf dad ein, was man selber gut kennt und da klingelt bei mir, wie sehr mir das früher auch so gegangen ist.
und diese Erpressung kenne ich. Nur dass ich jetzt halt noch 2 Kids habe, die mich in meiner entscheidungsfreiheit etwas bremsen.


ich hab das Gefühl, bei ihm dreht sich alles nur um sich und er braucht dafür Bewunderung. Und er ,,verkauft,, dad auch super. Also, ist für ihn klar, er ist richtig wie er ist. Und wenn du dich da nicht anpassen willst, fliegst du raus.

und so wird sich an seiner Einstellung auch nichts ändern, weil er merkt, wie du ihn bewunderst. Das wird mit den Jahren sehr anstrengend...
und was wird aus dir, wenn er dann ne andere tiller findet? Wartest du dann auf ihn, bis er diese wichtigen Erfahrungen mit ihr gemacht hat und er wieder zu dir kommt?

is nicht bös gemeint, ich denke nur, vielleicht solltest du dich etwas mehr schützen

:ja1: liebe Grüße
Ginger
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Re: Empathie

Beitragvon nixe » 8. April 2014 10:40

Niesa,


entschuldige, jetzt hast Du schon ganz schön viel zum Verdauen bekommen...... trotzdem möchte ich noch einen Punkt anpieksen: Wenn Du Dich verletzt fühlst, dann ist es Dein gutes Recht, das anzusprechen. Das sind dann Deine Grenzen, um die es geht und keine "Gedankenpolizei" oder "Regelwerke".

Egal, wie er das aus seiner Sicht einschätzt, er muss als Dein Gegenüber vor allem Respekt vor Deinen Grenzen haben. Da gibt es nichts zu bewerten und schon gar nichts per fiesem Totschlagargument klein zu reden bzw. abzuwerten.

Lass´ Dich bitte nicht von solchen Abwehräußerungen verunsichern, sondern achte auch weiterhin auf Deine Grenzen.
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Re: Empathie

Beitragvon Niesa » 8. April 2014 13:37

Hallo ihr Lieben!

Vielen Dank! Ich habe nicht so schnell mit euren Antworten gerechnet und danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt!
Nun mal zu dem, was ihr geschrieben habt:

@ graffiti:
Ich stimme dir in all dem zu! Ich habe –bis zum letzten Gespräch mit meinem Partner- den Wunsch, eine offene Beziehung zu führen, nicht mit ADHS in Verbindung gebracht. Ich selbst halte sexuelle Treue nicht für sehr wichtig und habe mich schon lange bevor ich meinen aktuellen Partner kennengelernt habe mit dem Thema ‚offene Beziehung‘ auseinandergesetzt. Tatsächlich geht es mir nicht um den Sex, den er eventuell mit anderen Frauen haben kann. Allerdings ist diese Lebensweise unglaublich schwierig von der Theorie zur Praxis umzusetzen. Und genau hier liegt mein Problem: Er scheint nicht einschätzen zu können, was wo welche Grenzen sind. Man braucht durchaus auch ein wenig Feingefühl und es erfordert ein gewisses Mitdenken in diesem Bereich –was ich bei ihm eben momentan vermisse. Eine klare Ansage hatte ich bereits: Wir führen dann eine offene Beziehung, wenn wir uns kennen, vertrauen und uns des anderen sicher sind. Unglücklicherweise habe ich dabei auch rausgehauen: Vielleicht zu diesem konkreten Zeitpunkt, dann lass uns noch mal darüber sprechen. Nun naht dieser Zeitpunkt, es ist für mich nicht ganz verwunderlich, dass er das Thema nun aufbringt. Nur..haben die Dinge sich eben nicht so entwickelt, wie zumindest ich es annahm.
Du kannst dir sicher sein: Ich bin aktuell nicht bereit für eine offene Beziehung und werde mich ganz sicher nicht zwingen lassen.
@steffchen:
Du hast recht! Symptome können durchaus positiv besetzt sein. Das geschriebene Wort kann nur so häufig missverständlich aufgenommen werden! Auch wenn ADHS aus medizinischer Sicht als Krankheit aufgeführt wird, habe ich gelernt, dass es weder ein Stempel noch eine Sackgasse sein muss. Wie du sagst: Man kann an sich arbeiten. Das sollten eigentlich alle Menschen. Bei ihm ziehe ich meinen Hut, da er –wie viele andere auch- in seiner Kindheit sehr darunter leiden musste, sich durchkämpfen und nun ein erfolgreicher, im Leben stehender Mann ist.
Zu dem Thema Empathie: Ja, ich bin bei meiner Recherche diesbezüglich auch nicht ganz schlau geworden. Häufig heißt es, dass ADHS‘lern ein enormes Maß an Empathie zugesprochen wird. Da war ich doch sehr überrascht. Denn ich erfahre nun das Gegenteil. Dieser Mangel bezieht sich bei meinem Partner ja nicht nur auf mich. Gelinde ausgedrückt: Er springt in jedes Fettnäpfchen! Für mich hier auch das Paradoxe: Er weiß es. Er sagt selbst, dass er wohl Dinge sagt, die seinen Gegenüber verletzen. Mir ist mein Umgang hiermit noch nicht ganz klar. Bislang habe ich es meistens so gehandhabt: Vieles, aber nicht alles, spreche ich an. Dies ohne Vorwurf, mehr mit Erklärung, vielleicht mit dem Versuch eines Perspektivwechsels. Doch er empfindet das eben als stressig und all die Dinge, die ich in meinem ersten Beitrag schon erwähnt habe. Vielleicht ist es auch eine Art Regelwerk, dass ich mit ihm durchgehe, aber ich empfinde das weniger als knallharte Gesetze, sondern als hilfreiche, ungeschriebene, bekannte Regeln des Miteinanders. Als Beispiel eine Situation: Ein Freund von ihm wurde von seiner Ehefrau verlassen. Dieser Freund erwähnte bereits, dass er nicht darüber sprechen möchte. Doch bei unserem letzten Treffen, fragte er ihn 4-5 Mal, was denn da nun los war, wann er ihm die Geschichte endlich erzählt. Er hat weder gehört, wie sein Freund sagte: Nein, noch gesehen, dass es ihm wirklich nahe geht. Meine ‚Regel‘ hierzu war: Respektier das Nein. Im Gegenzug biete ihm an, dass wenn er soweit ist, du zuhörst. Für ihn ist hier gleich die Gedankenpolizei am Start…
Zu den Reizen:
Ja, ich bin mir sehr bewusst, dass es auch andere attraktive Frauen gibt. Meine Realitätswahrnehmung ist noch nicht ganz von meinem Ego überschattet! ;) Es ist bei einer Frau übrigens auch so! ;)
Nur: Ich flirte nicht in der Gegenwart meines Freundes. Ich umarme ihn nicht, um dabei eine andere Frau anzustarren. Für mich ist es auch keinem ‚Reiz nachgehen‘, wenn ich vier Mal an einer Frau vorbei gehe und sie jedes der Male die komplette Zeit des Passierens anstarre –inklusive Kopfverrenkung. Es war auch leider so, dass er meinte, er könne mir niemals sagen, ich sei die attraktivste Frau für ihn. Und dass das Nicht-Flirten ihn fühlen lässt, als sei er in einem Käfig. (Nein, ich sehe da auch keinen Sinn, denn er tut es ja!)
Danke, dass du den Aspekt des AHDS hier rausnimmst...ich finde es nicht gerecht, dass er dies als non-plus-ultra Erklärung anführt.
Und auch danke, dass du diesen Erpressungsversuch so knallhart ansprichst. Es überrascht mich selbst, dass ich das von ihm Gesagte nicht mit der nötigen Vehemenz wahrgenommen habe. Ich bin es wohl schon zu sehr gewöhnt, das von ihm Geäußerte nicht zu wörtlich zu nehmen, sondern zunächst zu überlegen, was er eigentlich sagen wollte und was er meinte. Er findet nicht immer die richtigen Worte… ein schwieriger Balanceakt.

@nixe:
Hmm… Das klingt so...schlimm und richtig zu gleich. Habe darüber nachgedacht und ja, er hat Methoden entwickelt, die IHM dienen. Nun meine Frage: Hier wurde in anderen Beiträgen darüber gesprochen, wie man mit einem ADHS-Partner umgeht. Häufig hieß es, man solle nicht bevormunden, indem man sagt, das ist ADHS und DAS musst du nun verändern bzw. an dir arbeiten. Allerdings: Sollten wir als Paar nun die Kurve bekommen, dann würde ich tatsächlich genau das mit ihm ansprechen wollen: Wie verbessern wir das Miteinander? Wie erzeugen wir ein besseres Verständnis für das Zwischenmenschliche? Wie arbeiten wir an der von Steffchen angesprochenen Impulsivität?
Doch wenn ich die vorherigen Beiträge richtig verstanden habe, dann führt dies doch zu einer Reaktanz?!?!
Danke auch für deinen zweiten Beitrag! Du darfst gerne pieksen!  Und es tut gut, zu lesen, dass Verständnis in einer ADHS-Beziehung auch für mich gilt.
@Ginger123:
Wir sind erst seit ca. einem halben Jahr zusammen. Er ist 34, ich 30. 
Ja, ich bewundere ihn und bin auch stolz auf das, was er erreicht hat. Tatsächlich finde ich das aber auch toll und ebenso, dass es zu einer Beziehung dazugehört. Ich empfinde es nicht als übertrieben oder dass ich selbst dabei zu kurz komme. Ich definiere mich nicht über ihn oder unsere Beziehung. Glaube, dass scheint deine größte Sorge zu sein. Aber darauf achte ich ganz besonders!! Danke dir!

Puh! Ich bin wieder recht ausführlich geworden! Es hat schon sehr gut getan, mal meine Sorgen zu formulieren und dass es dann gleich Antworten gibt, tut gut. Es herrschte ein ganz schönes Chaos in meinem Kopf und so langsam ordnet es sich.
Nun zusammenfassend: Es ist nicht all das typisch für ADHS, wie er es mir erklären mag. Und besonders dieser Drang, möglichst viel Frau in seinem Alltag zu haben, beruht nicht auf ADHS und Reizen.
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Re: Empathie

Beitragvon nixe » 9. April 2014 08:25

Niesa,


es tut mir leid, das so offen zu sagen, aber trotz Deiner Anhimmelei kommt Dein Freund bei mir sehr unsympathisch ´rüber. Jetzt muss er ja zum Glück nicht mir gefallen, sondern Dir.

Was mir auffällt: er scheint sehr wenig Respekt vor den Gefühlen und den Grenzen Anderer zu haben. Das ist nicht niedlich, das ist übergriffig. Seinen Freund so anzugehen, ist nicht einfühlsam. Es riecht nach Sensationsgier ohne Rücksicht auf die Verletztheit des Gegenübers. Ich weiß schon, Du wirst mir das sicher anders erklären..... aber für jemand anderen da sein heißt auch, Geduld zu zeigen, bis derjenige darauf zukommen möchte.

Er scheint sich ja erfolgreich als "Strahlemann" darzustellen -  mir fehlt da wirklich das, was Du im Threadtitel benannt hast: die Empathie. Und an der Stelle muss ich leider sagen, ADS bedeutet nicht, dass man sich wie die Axt im Walde verhalten *muss* oder *darf* oder *nicht anders kann*.

Jetzt weiß ich ja nicht, was seinen "Erfolg" trotz seiner Kindheitsschwierigkeiten so ausmacht, das möchte ich auch gar nicht wissen. Ob er wirklich schon an dem Punkt ist, an dem er sich auf seinen Lorbeeren ausruhen sollte, ist der entscheidende Punkt. Aus meiner Sicht hat er noch große Aufgaben zu bewältigen - im zwischenmenschlichen Bereich.

Ihr scheint Euch da, mit Verlaub, ein ziemliches Drama zusammenzubrauen, da müsst Ihr wohl durch. Schiebt´s aber bitte nicht auf ADS, das kann nun wirklich nichts dafür.
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Re: Empathie

Beitragvon Ginger123 » 9. April 2014 09:24

.. :ja1:
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Re: Empathie

Beitragvon graffiti » 9. April 2014 10:22

auch ich unterschreibe nixes beitrag - ich habe ähnliches bauchgrummeln bei deiner beschreibung.

Nun meine Frage: Hier wurde in anderen Beiträgen darüber gesprochen, wie man mit einem ADHS-Partner umgeht. Häufig hieß es, man solle nicht bevormunden, indem man sagt, das ist ADHS und DAS musst du nun verändern bzw. an dir arbeiten. Allerdings: Sollten wir als Paar nun die Kurve bekommen, dann würde ich tatsächlich genau das mit ihm ansprechen wollen: Wie verbessern wir das Miteinander? Wie erzeugen wir ein besseres Verständnis für das Zwischenmenschliche? Wie arbeiten wir an der von Steffchen angesprochenen Impulsivität?
Doch wenn ich die vorherigen Beiträge richtig verstanden habe, dann führt dies doch zu einer Reaktanz?!?!


du fragst, wie ihr daran arbeiten könnt.
bisher konnte ich nicht herauslesen, daß dein partner deinen wunsch nach beziehungsverbesserung teilt, daß es ihm ein anliegen ist, an seinem verhalten diesbezüglich zu arbeiten.
ich lese bisher, daß du den wunsch hast, eure beziehung möge sich verändern [EDIT: ebenso wie die beziehungen deines partners zu freunden und bekannten].
Zuletzt geändert von graffiti am 9. April 2014 10:27, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Empathie

Beitragvon Ginger123 » 9. April 2014 11:32

Niesa,
ich hab auch das selbe bauchgrummeln.

ihr seid noch nicht lange zusammen, da geht das für dich vielleicht noch. Aber scheinbar pocht doch schon das Gefühl der Unzufriedenheit in dir an, sonst hättest du ja garnicht geschrieben

vielleicht hast du dir auch erhofft, dass hier alle sagen, adhs ist so, das musst du akzeptieren. Und mit unserem segen hättest du dann deine Unzufriedenheit weggeschoben?

ich kann dir nur von mir sagen, auch von Freundinnen, irgendwann kommt der Tag, an dem du es nicht mehr akzeptieren kannst oder willst. Und bis dahin hast du ganz schön viele Verletzungen bekommen..
orakel, Orakel...ist echt nicht böse gemeint, Frau wird nur älter und ,,weiser,, und dann geht vieles nicht mehr und du denkst, warum hab ich mir das so lange bieten lassen.

und es hat nix mit adhs zu tun, was er da verlangt!

fändest du sein Verhalten für deine beste Freundin ok? Was würdest du da erkennen und ihr raten?

alles Liebe
Ginger
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Re: Empathie

Beitragvon Niesa » 9. April 2014 16:54

Ja, ja und noch mal ja! Ihr habt recht!
Es ist schmerzhaft, verletzend und ich bin sehr unzufrieden. Und vor allen Dingen ja: Die Zukunft unserer Beziehung ist momentan ungewiss.
Es gab von Anfang an Situationen der Empathielosigkeit, doch am vergangenen Wochenende ist es ganz schön eskaliert, woraufhin ich mir die Frage gestellt habe (und auch ganz klar stellen musste), ob ICH das noch so möchte. Und das tue ich nicht. Ich möchte eine solche Beziehung nicht führen.

Da er ADHS als Erklärung für sein Verhalten angegeben hat, habe ich konkret recherchiert und auch euch gefragt, ob es da einen Zusammenhang gibt –oder ADHS für IHN als ‚Joker‘ gezogen wird. Sollte es eine Verbindung geben, hätten wir einen konkreten Anhaltspunkt, um daran zu arbeiten z. B. Tipps umzusetzen. Ich hab ihn gern und will an der Beziehung arbeiten und wollte in das Gespräch mit ihm vorbereitet, sprich mit Vorschlägen, gehen.

Nun- es ist ja nicht ADHS. Das weiß ich nun. Zugegeben vermute ich allerdings, dass da was Tieferes hinter steckt. Ich habe ja nur wenige konkrete Situationen geschildert, aber es ist wirklich so, dass er in so ziemlich jeder Empathie fordernden Situation völlig versagt.

Dass er in der Vergangenheit sein Verhalten mit ADHS begründet hat, ist sicher. Sein Umfeld  nahm/nimmt dies auch an und reagiert mit einem: Mensch! Aber.. so ist er nun mal…! Ich nur eben nicht, weshalb ihn das alles gerade sehr überrascht.

Wir hatten nun Gestern unser Gespräch. Er war recht einsichtig, zog selbst den Schluss, einen Psychologen aufzusuchen und wir entwickelten verschiedene Methoden, bestimmte Situationen zu meistern. Aber das Wichtigste (und auch das Schönste!) war, dass er mir zum ersten Mal gesagt hat, dass er sich gefragt hat, ob mich dies und jenes verletzt, dass er das nicht möchte, dass er möchte, dass ich glücklich bin. Das hat verdammt gut getan.

Keine Sorge: Ich bin nicht so naiv, dass für mich nun alles wieder in Ordnung ist. Nun muss durch Taten seine Bereitschaft Formen annehmen!

Vielen Dank euch! Ich fühle mich nun tatsächlich etwas besser und vor allen Dingen sicherer. Eure –glücklicherweise sehr ehrlichen Worte ;) – haben mir sehr viel mehr Klarheit gegeben! Wirklich! Danke euch!
nixe
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Re: Empathie

Beitragvon nixe » 9. April 2014 17:37

Niesa,


ich kann nur sagen: pass´wirklich gut auf Dich auf. Versprechungen sind schnell gelobt, aber nicht so schnell eingehalten. Das grundlegende Problem sehe ich darin, dass es am Inneren fehlt, an Respekt und Empathie. Das lässt sich eigentlich nicht nachträglich antrainieren.

Was möglich ist, ist, Umsetzung zu verbessern. Wenn das Innere da ist, aber die Kommunikation und der Umgang nach Außen nicht so klappen - da kann man wirksam dran arbeiten. Wo aber im Herzen nichts ist, nutzt imho das Arbeiten an Äußerlichkeiten nicht viel. Da kann man eine Art Mimikry entwickeln, sich an der Höflichkeit entlanghangeln. Damit lässt sich dann auch durchaus ein erträglicherer Umgang erarbeiten. Aber wenn es Dir um wirkliche Empathie, um authentisches Mit-Fühlen geht - darauf wirst Du vergeblich warten.

Wenn Du mich fragst, weiß er ganz genau, wann er Dir womit weh tut. Es dürfte ihm einen Kick geben. Offensichtlich spielt er gerne kleine Spielchen. Diese Knutschfleckenscharade finde ich so kindisch inszeniert...... ich meine, hallo, wer holt sich im erwachsenen Alter denn noch Knutschflecken ? Die kamen doch nach Eurem Gespräch wie gerufen, wie auf Knopfdruck entstanden. Kaum habt Ihr drüber gesprochen, kommt der kleine Junge schon mit Flecken angerannt und stellt sich provokativ vor Mama hin, ob´s jetzt eine aufregende Reaktion gibt. Come ooooooonnnnnnnn.......*augenroll* Ehrlich ? Ich würde mich nicht allzu sehr wundern, wenn er die sich selbst fabriziert hat...... *lach*

Wie dem auch sei - lass´ Dich nicht um den kleinen Finger wickeln. Außerdem: falls er wirklich zum Psychologen gehen sollte (und da werden jetzt erstmal haufenweise Ausreden kommen), müsste er sicherlich über eine sehr lange Zeit sehr intensiv an sich arbeiten. Mich überzeugt "er" bislang noch nicht davon, ernsthaft bereit dazu zu sein.
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Ginger123
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Re: Empathie

Beitragvon Ginger123 » 9. April 2014 18:35

Wenn du dich fragt, was er wohl hat, MEINEM Mann haben die netten Leute hier eine narzistische persönlichkeitsstörung ,,diagnostiziert,,.

der hat Zeug vom Stapel gelassen, mich verbal super verletzt und mit der anderen Hand an meinen Busen gegriffen. Übertragen gesehen. Und wenn ich mich -endlich jetzt- gewehrt hab ist er in Tränen ausgebrochen, hat mir gesagt, wie sehr er mich liebt, dass er mich nicht verletzen will, wie leid es ihm tut...
am Ende hätte ich ihn dann noch trösten sollen. Hab ich lange auch getan, weil er ja ganz ein Armer ist, der garnicht merkt, dass er mir weh tut... :108:

und wo ich jetzt nicht mehr mitmache, kommen Seiten zu tage, olala...

ich wünsch dir, dass du nicht auch 20 Jahre brauchst...

ja, die Leute hier haben viel Lebens-Erfahrung und nen guten riecher...
DANKE NOCHMAL, LEUTE.!  :top:

alles Liebe
Ginger
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