Stress mit Teenies

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Uhura
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Stress mit Teenies

Beitragvon Uhura » 2. April 2013 23:07

Hallo,
ich bin nur sehr indirekt von ADS betroffen. Wäre aber für einen guten Rat echt dankbar, denn ich weiß nicht mehr wie ich mich richtig verhalten soll. Mein ältester Sohn und der älteste Sohn einer guten Freundin sind im gleichen Alter, so 12-13 Jahre, beginnende Pubertät. Sie gehen auf die gleiche Schule, in die gleiche Katechumenengruppe und sehen sich entsprechend beinahe an jedem Tag der Woche. Der Sohn meiner Freundin hat ADS. In meiner Familie habe ich damit keine Erfahrungen, kenne diese Krankheit nur über Bekannte. Ich kenne drei Kinder mit ADS und die einzigen Gemeinsamkeiten, die ich zwischen ihnen finde, sind eine mehr oder weniger geringe Frustrationstoleranz und verschieden geartetes Rückzugsverhalten, wenn diese erreicht ist. Ich habe großen Respekt vor dem Einsatz der Eltern für ihre Kinder, aber selbst komme ich mir gegenüber diesen Kindern manchmal sehr hilflos vor.
Zwischen dem Sohn meiner Freundin und meinem Sohn herrscht eine gewisse "Hassliebe": Manchmal vertragen sie sich ganz gut, zu anderen Zeiten gibt es ziemlich massive Konflikte. Die Möglichkeit, sich in solchen Konfliktsituationen aus dem Weg zu gehen ist aber kaum da - oder sie nutzen sie nicht. Mein Sohn ist kein Engel, sicher nicht, aber er zeigt normalerweise kein ausgesprochen aggressives Verhalten gegenüber Gleichaltrigen. Manchmal lässt er sich sogar zu viel gefallen - und es wäre mir manchmal lieber, er würde gegenüber Mitschülern nicht so bereitwillig einstecken, sondern früher einmal eine Grenze setzen. Einfach um klarzustellen, dass niemand das Recht hat, auf ihm herumzutrampeln, was andere oft genug getan haben. Aber er hat eine recht gesunde Verdauung, was Frust angeht.
Lass dir nicht alles gefallen - das ist aber ein Tipp der nach hinten los geht, wenn mein Sohn und der meiner Freundin (ich nennen ihn der Einfach halber "B", was aber nichts mit seinem Namen zu tun hat) aufeinandertreffen. Kommt es zu einem Streit zwischen beiden, dann kann mein Sohn nur verlieren, unabhängig davon, wer angefangen hat oder was der Auslöser war. Ich habe einmal direkt daneben gestanden. B hat ihn mehrfach an der Jacke gezogen, wollte irgend etwas von ihm. Er hat nicht darauf reagiert, dass mein Sohn das offensichtlich nicht toll fand. Dann schimpfte mein Sohn kurz: "Jetzt lass doch endlich los!" B rannte zu seiner Mutter und heulte sich aus im wahrsten Sinne des Wortes. Darauf kamen beide (Sohn und Mutter) zu mir und es fand ein klärendes Gespräch statt.
B erzählt beinahe alles seiner Mutter und ständig ist mein Sohn der Buhmann. Mein Sohn beklagt sich selten, aber wenn ich ihn mal bewusst anspreche, dann kommen Sachen heraus, die mir nicht gefallen: Schimpfwörter, die unter der Gürtellinie sind und die B ihm an den Kopf geschmissen hat, oder gefährliche Dummheiten, zu denen B ihn überreden wollte.
Ich versuche meinem Sohn etwas Verständnis für die Krankheit von B zu vermitteln, dass B unter ADS am meisten zu leiden hat. Ich habe mich mit ihm zusammen über ADS informiert. Trotzdem ist eine Begegnung mit B für mich als Erwachsene schon manchmal so, als würde ich über ein Minenfeld spazieren - nie weiß ich, wann er hoch geht. Mein Sohn kann das noch schlechter einschätzen, wie auch? Aber kommt es zu einer Auseinandersetzung, dann ist pauschal er schuld. B hat ADS und mein Sohn soll gefälligst darauf Rücksicht nehmen und im schlimmsten Fall wohl den Kopf hinhalten. Das sehe ich aber nicht ein. Mein Sohn kann nichts dafür, dass B ADS hat. Und weil B krankheitsbedingt eine geringe Frustrationstoleranz hat, muss mein Sohn die persönliche Kompetenz eines Jugendpsychologen haben, obwohl er auch nicht älter ist als B.
Ich weiß mir keinen Rat mehr. Ich beneide B nicht um seine Krankheit. Ich weiß, dass er es schwer hat. Aber es ist auch meine Aufgabe als Mutter meinen Sohn vor Schaden zu bewahren. Was soll ich tun? Welchen Rat könnt ihr mir geben.
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Re: Stress mit Teenies

Beitragvon No User » 3. April 2013 00:12

Ich habe nun selbst einen Sohn mit erheblicher AD(H)S (und bin auch selbst mit einer solchen ausgestattet), dennoch (oder gerade deswegen) finde ich euren Umgang mit B's ADS wenig hilfreich. Insbesondere, wie seine Mutter damit umgeht.

Wirkliches Verständnis für ADS bedeutet doch, dass man versteht, was dagegen hilft und was eher nicht, dass man eine pragmatische, lösungsorientierte Sichtweise entwickelt und vor allem, dass man (ich sag's mal auf gut Deutsch) unterscheiden kann, dass auch ein Kind, das sich scheiße verhält, vor allem ein Kind ist. Dass man zwischen Person und problematischem Verhalten trennen kann.

Trotzdem muss man das problematische Verhalten beim Namen nennen, statt sich mit ADS herauszureden oder gar die Schuld auf andere zu delegieren. ADS'ler lernen (in Verhaltensfragen) oft sehr langsam aus Konsequenzen, das benötigt oft viele Wiederholungen, doch aus nicht vorhanderner Konsequenz können sie NIE etwas lernen. Oder schlimmer noch: Sie lernen, dass dieses Verhalten toleriert wird.

OK, damit nicht "Ärger" zu B's zweitem Vornamen wird und Konsequenzen mangels Kontrast jegliche Wirkung verlieren (negative Zuwendung ist auch Zuwendung, insbesondere, wenn es die einzige ist), muss man Prioritäten setzen, Erziehungsmaßnahmen auf Wesentliches konzentrieren und Raum für Bestätigung und Lob auch kleinerer Fortschritte/Bemühungen lassen. Trotzdem: ADS'ler sind NICHT unzurechnungsfähig!

B muss sowieso lernen, in einer Welt zu leben, die nicht aus Jugendpsychologen besteht, die nur sehr begrenzt Verständnis aufbringt und in der JEDER Mensch berechtigte eigene Interessen hat.

Es ist schon viel Wert, wenn dein Sohn wenig nachtragend ist. Mit Beginn der Pubertät kannst du ihm aber kaum noch reinreden, er muss irgendwann selbst merken, wann er sich von wem besser fern hält. Schimpfwörter wären an dieser Stelle mal nicht so meine Priorität angesichts dessen, was ich da täglich auf dem Schulhof zu hören bekomme. Das ist hier nicht zitierfähig, wird aber schon unter Grundschülern fast so benutzt wie "Grüß Gott!" unter Erwachsenen.

Dein Sohn braucht das Selbstbewusstsein, NICHT jede Dummheit mitmachen zu müssen. Auch ER braucht Rückendeckung, wenn er sich gegen Grenzüberschreitungen wehrt. Auch anderen Müttern gegenüber (Freundin hin oder her) Und B braucht eher Gegenwind, als jemanden, der für ihn den Kopf hinhält. Letzteres musst und darfst du nicht einsehen, weil es nicht einzusehen ist. Auch gerade im Interesse von B nicht, der von Halt, Orientierung, Struktur und Konsequenz störungsbedingt noch viel abhängiger ist als Kinder und Jugendliche ohnehin.

Frustrationstoleranz erwirbt man übrigens nicht durch Vermeidung von Frust, eher im Training, auf dem Weg zu Zielen auch Frust auszuhalten.

LG
Steffchen
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Re: Stress mit Teenies

Beitragvon Elchi » 3. April 2013 00:13

Hallo Uhura,

zunächst mal herzlich Willkommen im Forum  :welcome5:

Ich finde es toll, dass Du Dich so einsetzt und die Freundschaft Deines Sohnes zu B nicht einfach unterbindest. Aber ich kann Deinen Frust gut verstehen.

So wirklich einen Tipp, wie Du Dich (oder Dein Sohn) verhalten sollst, kann ich jetzt garnicht geben. Aber ich möchte Dir einen Hinweis geben: ADS ist immer auch eine Wahrnehmungsstörung. Das betrifft bevorzugt auch die Wahrnehmung, ob andere einem "etwas Böses" wollen.

Natürlich kann niemand von Deinem Sohn verlangen, dass er sich das alles immer gefallen lässt. Trotzdem finde ich wichtig, dass Ihr wisst, dass B sich wahrscheinlich wirklich ungerecht behandelt fühlt, auch wenn das objektiv nicht so ist.
In dem beschriebenen Fall hat er ja offensichtlich nicht mitbekommen, dass Dein Sohn nicht an der Jacke gezogen werden wollte. Das ist für Deinen Sohn schwer zu verstehen, er hat es ja wohl oft genug gesagt. Aber B war vielleicht viel zu sehr damit beschäftigt, zu behalten, was er Deinem Sohn so dringend mitteilen wollte, dass er seine Abwehrversuche nicht bemerkt hat. Dass Dein Sohn ihn dann auf einmal anschreit, kann er nicht einordnen und reagiert deshalb so stark.

Eine Möglichkeit in so einem Fall wäre vielleicht, dass Dein Sohn B ganz deutlich anspricht: "B, hör mir mal zu", dann wartet, dass B ihn ansieht und richtig zuhört und dann weiter: "ich mag es nicht, wenn Du mich dauernd an der Jacke ziehst. Lass das bitte" oder so in der Art.
Wichtig ist es, Bs volle Aufmerksamkeit zu bekommen, bevor man mit seinem Anliegen loslegt.

Bekommt denn der Sohn Deiner Freundin irgendwelche Therapien, oder handelt man dort nur nach dem Motto:" Er hat AD(H)S und die anderen müssen damit zurecht kommen"?

LG
Elchi
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Re: Stress mit Teenies

Beitragvon No User » 3. April 2013 00:44

Das mit der Wahrnehmungsstörung ist ein interessanter Aspekt, allerdings fürchte ich, dass Betroffene letzten Endes nicht um die schmerzliche Erkenntnis herumkommen, der eigenen Wahrnehmung misstrauen zu müssen, um zu lernen, sie zu hinterfragen, sie durch weitere Sinne, Erfahrung und Verstand zu ergänzen. Um damit anzufangen, ist man mit 12/13 nicht mehr zu jung.

Mir erst die volle Aufmerksamkeit zu sichern, bevor ich mit ähnlichen Jungs Wichtiges bespreche, das kann ich als Betreuer machen, wann immer es überhaupt geht. Es von Gleichaltrigen zu erwarten, halte ich dagegen für unrealistisch.

Man muss auch mal sehen, dass die Situation, in Begleitung zweier Mamas mal ein "Jetzt lass doch endlich los!" zu hören, vergleichsweise kuschelig ist. Dieselbe Aktion (fortgesetzt an der Jacke ziehen) bei einem durchschnittlichen Mitpubertierenden in Abwesenheit von erwachsenen Aufsichtspersonen und mit 50%iger Wahrscheinlichkeit kracht es körperlich. Wenn dann der andere auch noch ADHS hat oder gar aus einem weniger pazifistischen Milieu kommt, wird es gefährlich.

LG
Steffchen
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Re: Stress mit Teenies

Beitragvon Elchi » 3. April 2013 11:05

Ja, ich weiß auch, dass das nicht einfach ist.
Es war ja auch nur ein Versuch einer Idee, weil Uhura Tipps wollte, wie sie damit umgehen kann. (Möglicherweise klappt das mit der uneingeschränkten Aufmerksamkeit wenn die beiden alleine sind, weil sie ja wohl befreundet sind und der Sohn von Uhura wohl schon jetzt viel Verständnis aufbringt).

Meine Frage nach den Therapien von B zielt ja auch darauf, ob denn die Freundin bestrebt ist, dem Kind den Umgang mit der Welt verständlich zu machen, oder ob sie der Meinung ist, die Umwelt muss sich auf ihren B einstellen.

Uhura und ihr Sohn werden es alleine nicht schaffen, die Verhalten von B zu ändern.

LG
Elchi
ripley
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Re: Stress mit Teenies

Beitragvon ripley » 3. April 2013 13:10

Ich versuche meinem Sohn etwas Verständnis für die Krankheit von B zu vermitteln, dass B unter ADS am meisten zu leiden hat. Ich habe mich mit ihm zusammen über ADS informiert. Trotzdem ist eine Begegnung mit B für mich als Erwachsene schon manchmal so, als würde ich über ein Minenfeld spazieren - nie weiß ich, wann er hoch geht. Mein Sohn kann das noch schlechter einschätzen, wie auch? Aber kommt es zu einer Auseinandersetzung, dann ist pauschal er schuld. B hat ADS und mein Sohn soll gefälligst darauf Rücksicht nehmen und im schlimmsten Fall wohl den Kopf hinhalten. Das sehe ich aber nicht ein. Mein Sohn kann nichts dafür, dass B ADS hat. Und weil B krankheitsbedingt eine geringe Frustrationstoleranz hat, muss mein Sohn die persönliche Kompetenz eines Jugendpsychologen haben, obwohl er auch nicht älter ist als B.


Das sehe ich - Mutter eines ADHSlers ganz genauso wie Du. Es liegt an Dir bzw. Deinem Sohn, dort sehr klar Grenzen zu ziehen, wo B zu weit geht bzw. die Tendenz dazu zeigt. Ja, ADHSler haben es schwerer, Grenzen a) zu erkennen (deswegen: SEHR klar kommunizieren!), b) sie zu respektieren.
Leider (? eher "Gott sei Dank!") wartet die Welt aber auch nicht darauf, es einem ADHSler recht zu machen. Was ohnehin schwierig ist, da ADHSler teils nach Gründen suchen (!), ihre innere Unruhe nach außen "auszutoben" (schlagt mich, aber das war immer mein Eindruck).
Wer sich in Euren Grenzen bewegt, der ist willkommen, wer diese nicht achtet, der soll was anderes machen. So würde ICH das an Deiner Stelle handhaben und so, denke ich, ist LANGFRISTIG auch B weit mehr geholfen, als wenn er (du armer, kranker Bub!) ständig mit Wattebäuschchen beworfen wird.
Möglicherweise ist Bs Mutter da anderer Meinung, aber das ist AUCH nicht Euer Problem.

Oh, nebenbei: Auf dem Trip, auf dem Bs Mutter zu sein scheint, war ich auch eine ganze Weile (allerdings nicht mehr, als Junior 12 war). Im Nachhinein sehe ich dese meine frühere Haltung als ganz, ganz großen Mist an. Auch mein Sohnemann lernte erst dann substanziell seine Frustrationstoleranz zu erweitern, als er wieder und wieder (und wieder) auch an entsprechend frustrierende Grenzen und Situationen herangeführt wurde.
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Hanghuhn
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Re: Stress mit Teenies

Beitragvon Hanghuhn » 3. April 2013 17:11

Der Knackpunkt ist B 's Muttero der vielmehr das symbiotische Verhältnis zu ihrem Sohn. Wie verhält man sich als Mutter eines normalen, vergleichsweise eher toleranten Jungen einem Team gegenüber, das keine Kritik an sich ran lässt und sich gegen andere immer einig ist? B erzählt alles seiner Mutter, weil er sich ihrer uneingeschränkten Parteinahme für ihn sicher sein kann.

B 's Mutter sollte sich einmal etwas schlauer über die Befindlichkeiten ihres Sohnes machen:

Guckst Du hier: Immer ich!


Ich kenne ein ähnliches Team - ohne AD(H)S. Das ist immer problematisch. Während jeder noch so kleine Pfurz (sinnbildlich), den das eigene Kind tut, bevor Du überhaupt eine Ahnung von Pfurz bekommst, schon tausendmal durchgehechelt wurde und Du nach dem Durchhecheln informiert wirst, was Du für ein komisches Kind hast, was "laufend" Pfürze loslässt, erfährst Du umgedreht von den Pfürzen des anderen Kindes rein gar nichts, weil es ja eigentlich auch richtig ist, dass die Eltern der Kinder nicht jeden Pfurz ihrer Kinder erfahren. Dem eigenen Kind musst Du die Würmer aus der Nase ziehen, während es der uneingeschränkten Kritik der anderen ausgesetzt ist. Bevor Du das alles richtigstellen kannst, steht die Meinung des "Teams" unumstößlich fest. Das hat schon nichts mehr mit Toleranz Deinerseits zu tun, die zu entwickeln, dazu kommst Du gar nicht mehr.

Eigentlich müsstest Du Dich permanent mit B 's Mutter streiten. Du musst unbedingt zu Deinem Sohn halten, sonst fällt er hinten 'runter. Er muss nicht permanent zurückstecken, weil der arme B "krank" ist. B hat eine Störung, ist aber nicht denkunfähig.
Zuletzt geändert von Hanghuhn am 3. April 2013 17:17, insgesamt 1-mal geändert.
LG Hanghuhn
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Sheherazade
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Re: Stress mit Teenies

Beitragvon Sheherazade » 3. April 2013 17:59

[quote="Hanghuhn"]
Während jeder noch so kleine Pfurz (sinnbildlich), den das eigene Kind tut, bevor Du überhaupt eine Ahnung von Pfurz bekommst, schon tausendmal durchgehechelt wurde und Du nach dem Durchhecheln informiert wirst, was Du für ein komisches Kind hast, was "laufend" Pfürze loslässt, erfährst Du umgedreht von den Pfürzen des anderen Kindes rein gar nichts, weil es ja eigentlich auch richtig ist, dass die Eltern der Kinder nicht jeden Pfurz ihrer Kinder erfahren. Dem eigenen Kind musst Du die Würmer aus der Nase ziehen, während es der uneingeschränkten Kritik der anderen ausgesetzt ist. Bevor Du das alles richtigstellen kannst, steht die Meinung des "Teams" unumstößlich fest.[/quote]

:breitgrinse1: Ich habe es zweimal lesen müssen, aber es stimmt, solche "Teams" kenne ich auch.

B hat eine Störung, ist aber nicht denkunfähig.


Und bestimmt auch nicht lernunfähig.  :zwink:
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Re: Stress mit Teenies

Beitragvon Falschparker » 3. April 2013 23:41

Hallo Uhura,

erstmal herzlich willkommen in diesem Forum!  :w2: :pils:

Der Begriff "Krankheit" für AD(H)S ist nicht falsch, aber doch problematisch. Erstens weil ihn viele von uns ADHS-lern nicht mögen; aber das muss dich ja nicht stören. Aber zweitens weil er genau das Missverständnis fördert- Wer krank ist ist nicht verantwortlich für das was er tut, kann nichts ändern und alle Anderen müssen Rücksicht nehmen. Was bei ADHS-lern nur teilweise stimmt.

Deine Freundin tut ihrem Sohn keinen Gefallen wenn sie so argumentiert. Aber das haben die Anderen ja schon ausführlich geschrieben.

Vermutlich hast du übrigens mehr Erfahrungen mit AD(H)S als du denkst, denn davon ist ja nicht nur jedes 17. Kind, sondern auch jeder 25. Erwachsene betroffen, die allermeisten, vor allem was die Erwachsenen betrifft, ohne es zu wissen (und die es wissen erzählen es nicht herum  :breitgrinse1:).

Für deinen Sohn wäre es wirklich besser, dem B gelegentlich aus dem Weg zu gehen. Es geht nicht darum sich nicht alles gefallen zu lassen, denn sich verbal oder körperlich zu wehren führt nur zur Eskalation und hilft B auch nicht.

Aber Jugendpsychologe zu sein ist nicht Aufgabe deines Sohnes. Freund zu bleiben, auch wenn Andere sich (durchaus mit Recht) abwenden, ist schon eine Menge wert.  :ja1:

Was mich in diesem Zusammenhang noch interessiert (falls deine Freundin diesen Einblick zulässt): Bekommt B denn auch am Nachmittag Medikamente? Denn viele Eltern oder auch deren Ärzte machen den Fehler, die ADHS-Medikation nur für die Schulzeit (oder Schulzeit und Hausaufgaben) abzustimmen und nicht für die Nachmittage und Wochenenden, wenn aber die wichtigsten sozialen Erfahrungen gemacht werden.

Ich hatte selbst als Kind die größten Einschränkungen durch meine (natürlich in den 70-ern unentdeckte und unbehandelte) ADHS im sozialen Bereich, die Schulleistungen waren meist in Ordnung. Ich war sehr vorlaut und unsicher, wurde viel gehauen und geärgert und hatte wenig Freunde und fühlte mich unverstanden. Und genau in den Bereichen Impulsivität und Wahrnehmung können ADHS-Medikamente erstaunlich gut wirken. Das erfahre ich jetzt als Erwachsener- seit ich Medis nehme habe ich viel weniger Streit mit meiner Frau, ich rege mich viel weniger über Kleinigkeiten auf, ja ich habe überhaupt erst gemerkt dass ich ein Problem mit Impulsivität habe (auch wenn es sich unglaublich liest).

Das heißt wenn deine Freundin möchte dass ihr Sohn unter den Folgen seiner ADHS-Impulsivität und ADHS-Wahrnehmung weniger leidet, sollte sie mindestens (falls noch nicht geschehen) für die bestmögliche Medikamentendosierung sorgen. Zumal die Herausforderungen der Pubertät noch vor B liegen und sie dann nicht immer neben ihm stehen wird.

Übrigens kann sich gerade im Alter 11-13 die notwendige Medikamentendosis stark ändern, das haben wir bei unserem (jetzt 17-jährigen) großen Sohn sehr gemerkt, es ist ganz wichtig da hinterher zu sein- denn die falsche Dosis nutzt leider auch nix.

Viele Grüße  :winken:
Falschparker
Zuletzt geändert von Falschparker am 4. April 2013 00:13, insgesamt 1-mal geändert.
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Uhura
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Re: Stress mit Teenies

Beitragvon Uhura » 4. April 2013 18:35

Hallo,
erst mal ganz herzlichen Dank für die vielen Antworten von euch. Ich hätte nie gedacht, dass meine Frage so eine Resonanz bekommt. Das ist ganz klasse. Die Sache liegt mir echt auf der Seele. Vielen Dank :froi1:
Vielen Dank auch für deinen Hinweis, Falschparker, was ADS und Krankheit betrifft. Ich habe den Begriff nicht abwertend gemeint und werde ihn jetzt vermeiden.
Was mich echt sehr gefreut hat, ist wieviel Ermutigung ich bekommen habe, meinem Sohn den Rücken zu stärken. Toll, dass ihr das auch so seht. Prinzipiell sehe ich das auch so, aber bei ADS hatte ich immer den Eindruck, ich bewege mich auf ganz dünnem Eis: Was macht man richtig, was  falsch.
Ich habe mir einige von euren Zitaten rausgeschrieben. Ein paar Sachen wusste ich, aber so deutlich waren sie mir nicht klar. Dass B durch die ADS erstens Schwierigkeiten hat, eine Grenze zu erkennen und zweitens sie zu akzeptieren ist natürlich eine Kombination, die es in sich hat. Also: Grenzen deutlich setzen und oft wiederholen.
Das hilft mir schon mal.
Frustrationstoleranz erlernt man nur durch Frust - das leuchtet ein - danke Steffchen.
Langfristig sehe ich auch ein großes Problem für B, wenn er keine klaren Grenzen bekommt. Ich setze meinen Kindern auch Grenzen - nicht um sie zu ärgern, sondern weil ich weiß, wenn ich ihnen nicht heute vernünftige Grenzen setzte, tun es später andere (Freunde, Vorgesetzte, Ehepartner ...) und dann ist die Konsequenz nicht nur ein bisschen meckern oder Computerverbot, sondern der Verlust von Freunden, der Arbeit oder Bruch in der Beziehung. Das tut dann richtig weh.
Ich sehe das Verhalten von Bs Eltern auch problematisch. Meine Freundin verhält sich vielleicht wirklich symbiotisch gegenüber B, will ihn beschützen. B wurde auf seiner letzten Schule stark gemobbt, hatte Depressionen und war sogar für einige Monate ambulant in einer Klinik. Gerade die Mobbingerfahrung  und die mangelnde Unterstützung durch die Lehrer hat sie darin bestärkt, dass sie die Einzige ist, die auf Bs Seite ist, dass sie für ihren Sohn kämpfen muss - bis zur Selbstaufgabe. Wenn der Sohn nicht seine Mama hat, dann hat er niemanden.
Nach der Klinikzeit ging sie auf dem Zahnfleisch - alles drehte sich damals um B. Die Klinik war nicht um die Ecke. Sie hat mehrere Monate praktisch auf der Straße verbracht. Eine Therapie in "Vollzeit" bei der der Junge vielleicht nur am Wochenende zu Hause wäre, wollte sie nicht. Ich hätte es besser gefunden. Es hätte mehr Ruhe in ihr Leben, in ihre Familie und vielleicht auch für B mitgebracht. Aber ich kann da vielleicht auch leicht reden, ich weiß nicht wie ich entscheiden würde, wenn es mein Junge wäre.
B hat einen auf ADS spezialisierten Kinderarzt und meines Wissens nimmt er Medikamente - wie oft, weiß ich allerdings nicht. Als Außenstehende kann ich keinen Vorher - Nachher - Unterschied erkennen.
Ich habe mit der ganzen Geschichte noch zwei Probleme.
Das erste Problem hat mit B zu tun, das zweite mir mir. Ich frage mich bei dem Jungen ständig: Welches Verhalten resultiert aus seiner ADS und welches aus seiner Persönlichkeit? B ist sehr intelligent. Dass man mit ADS und Depressionen viel entschuldigen kann, ist ihm bestimmt schon aufgefallen. Mit seiner Depression hat er damals seine Familie gut im Griff gehabt. Wenn er nur richtig wütend, traurig, unbeherrscht war, konnte er beinahe alles bekommen. Während der Klinik ging seine Mutter auf dem Zahnfleisch, aber ihm gings gut. Zwei Stunden Extraaufmerksamkeit pro Tag - Mama ganz für sich allein. Haushalt, Geschwister, eigenes Ausspannen - alles kam zu kurz. Als kleines Kind ist er oft ausgerastet, wenn er nicht im absoluten Zentrum der Aufmerksamkeit stand. Heute bekommt er sie, ohne sich dafür anstrengen zu müssen. Es ist aber für keinen Menschen gut, wenn er glaubt der Nabel zu sein, um den sich die Welt drehen müsse. Kinder müssen das irgendwann mal lernen, dass sie nicht das Zentrum der Welt sind, dass auch andere Rechte haben. Kein Kind lernt das gerne und kleine Kinder reagieren dagegen manchmal mit massivem Trotz - aber das ist eine Entwicklungsphase durch die jeder durch muss. Ich fürchte B hat das bis heute nicht gelernt. Und seine Familie spielt mit. Ich habe die Befürchtung, dass B nicht nur unter ADS leidet, sondern dass er ADS auch für sich einsetzt, um ein für ihn angenehmes und bequemes Leben zu führen.
Das zweite Problem bin ich selbst. Ich merke, dass ich langsam ziemlich wütend auf den Jungen reagiere. Ich bin sauer auf das was er sich gegenüber meinem Sohn, seinen Eltern und seinen Geschwistern herausnimmt. Ich weiß, dass ein Aussprechen mit der Mutter nötig ist - aber ich habe ein wenig Angst, dass das in einem wüsten Anschreien endet. Ich habe auch ein wenig Bauchschmerzen, anderen, besonders solchen, die eh schon an ihrer Belastungsgrenze sind, noch Erziehungsratschläge zu erteilen. Aber wahrscheinlich ist das jetzt nötig. Zudem war mein Haltung gegenüber B sehr schwammig, ständig schwanke ich zwischen versuchtem Verständnis und meiner Wut. Wenn ich aber selbst keine klare Meinung habe, wie soll ich dann meinen Sohn unterstützen und was für Signale, wie er sich verhalten soll, gebe ich ihm dann? Er weiß es selbst nicht und ich sage mal Hüh und mal Hott. Das muss aufhören. Ihr habt mir da sehr geholfen, vielen Dank!!!!
Zur Zeit sind die beiden Jungs gezwungenermaßen gemeinsam auf einer Freizeit, die Teil des kirchlichen Unterrichts ist. Die Mitarbeiter haben Erfahrung im Umgang mit Problemsituationen, vielleicht bringt das was. Wenn es so ist, ist es gut. Wenn nicht, dann werde ich aber deutlich einschreiten. Ich werde von meiner Freundin verlangen, dass sie ihrem Sohn deutlich Grenzen setzt und ich werde meinen Sohn darin unterstützen, wenn er B Grenzen setzt (verbal aber ruhig deutlich). Und wenn es dann zwischen mir und  meiner Freundin deutlich knallt, dann muss es wohl so sein.
LG
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Re: Stress mit Teenies

Beitragvon No User » 4. April 2013 19:51

Ich hätte da noch eine Idee: Schreibe deiner Freundin doch ganz altmodisch einen Brief. Da kannst du ganz ehrlich schreiben, warum du diese Form gewählt hast: Weil du Angst hattest, emotional und unsachlich zu werden. Auch sonst schreibst du von deinen Gefühlen, was dich bewegt, was dir Kummer macht, was dich ängstigt, welche Hoffnungen du hast.

Dann liest du das zehnmal durch und entschärfst den getippten Text um alles missverständliche, was vorwurfsvoll, erpresserisch, besserwisserisch, oberlehrerhaft, küchenpsychologisch usw. ankommen könnte. Wenn du zufrieden bist, schreibst du den Text von Hand, damit der Brief nicht wie ein Anwaltsschreiben aussieht und am besten übergibst du ihn ihr persönlich. Wenn sich jemand so viel Mühe macht, sollten wirkliche Freunde gründlich darüber nachdenken.  Bequatschen könnt ihr das ja anschließend immer noch.

Anderes Thema: Es ist eigentlich leicht zu verstehen, wie B's Mama in diese Falle tappen konnte. Natürlich will und muss man dem ausgegrenzten, gemobbten, leidenden Sohn zur Seite stehen, hinter und vor ihm (und schon dreht man sich  nur noch im ihn), ihm den Rücken stärken, ihn verteidigen, schützen, aufbauen, für ihn da sein.

Der Denkfehler ist nur, dass ihm das so gar nicht den Rücken stärkt. Was ein zwölfjähriger für einen starken Rücken viel mehr braucht als eine Mama, die ihm immer die Kohlen aus dem Feuer holt ist die Erfahrung, selbst wirksam zu sein. Also trotz ADS oder was auch immer wenigstens etwas Macht über das eigene Verhalten zu haben und darüber auch zu beeinflussen, wie andere auf ihn reagieren. Nicht nur manipulativ der sich aufopfernden Mutti gegenüber, sondern auch x-beliebigen anderen mit ganz normalen Erwartungen und begrenztem Verständnis.

Ich halte wenig davon, wenn Muttis wie beste Freundinnen ihrer Kinder auftreten, das wird der Elternrolle nicht gerecht. Aber bereits von einem guten Freund darf man erwarten, dass er auch ehrlich darauf hin weist, wenn der andere sich verrennt. Dass er ihn zurechtweist, wenn er Mist baut.

Uhura, du grübelst recht viel und wirkst geradezu wie die personifizierte Vernunft. Aber bei dir staut sich Wut auf. Diese Wut könnte B einerseits unterschwellig zu spüren bekommen, weil sie dich beeinflusst. Oder sie könnte irgendwann aus dir herausbrechen, was ihn auch sicher überfordern würde. Viel besser wäre es, zeitnah (genauer: sofort) und konkret anzusprechen, wann immer dir was nicht passt und dann auch nicht vom Huntertsten ins Tausendste zu kommen. Auch keine alten Geschichten aufwärmen, damit kann er sowieso nichts anfangen.

Und ich hätte da noch ein Hühnchen mit B's Mama zu rupfen: Auch solche Betroffenen, die gerade deswegen ihre AD(H)S möglichst verstecken, weil sie als Ausrede verschrien ist, die sich niemals darauf herausreden wöllten, auch diese werden ständig in Generalhaftung genommen für die "Ausrede ADHS", sobald sie -warum auch immer- ihre Diagnose nicht geheim halten können. Vielen Dank, B's Mama!

LG
Steffchen
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Re: Stress mit Teenies

Beitragvon Falschparker » 4. April 2013 20:44

Nun ja. Wir werden Bs Mutter nicht verändern. Und von außen betrachtet ist es immer einfach über andere zu urteilen. Aus der Rolle kommt sie so einfach nicht raus, und wenn du ihr alles was du denkst an den Kopf wirfst fühlt sie sich darin bestätigt, dass alle gegen sie und ihren Sohn (by the way- gibt es auch einen Vater dazu, wie handelt der denn?) sind.

Grenzen setzen, Frustrationstoleranz lernt man nur durch Frust- einverstanden, aber man muss schon schauen ob B im konkreten Fall in der Lage ist durch Frust zu lernen. Manchmal wird er es nicht sein und da ist ein Schonraum durchaus wünschenswert. Aber: Bs Mutter kann niemand, auch nicht dich und deinen Sohn, zwingen, dieser Schonraum zu sein! Das bleibt eure Entscheidung.

Du wirst verlangen von deiner Freundin Grenzen zu setzen- nein, das kannst du nicht verlangen. Du kannst ihr deine Sicht schildern, was sie tut ist ihre Sache. Du kannst nur für euch eine Grenze setzen, die so aussieht: wenn es unerträglich ist dann sucht sich dein Sohn eben andere Freunde.

Deines Wissens kriegt er Medikamente- gut, aber eine gute Medikamenteneinstellung sieht anders aus, da müsste man im Bereich Wahrnehmung und Impulskontrolle schon was merken. Die Frage ist, wie der Arzt den Erfolg dieser Medikamente bemisst bzw. wie die Kommunikation zwischen Bs Mutter und dem Arzt diesbezüglich aussieht. Aber auch hier: das muss sie selbst regeln, dich geht das nichts an und uns schon gar nicht.

Ja, es wäre schon schön wenn ihr zu einem guten Gespräch kommt, aber schwierig ist das schon. Vor allem in Anwesenheit eines eurer Kinder kannst du das gleich vergessen. Ein Brief ist ein guter Gedanke, aber auch das kann falsch verstanden werden. Alles Gute!  :winken:
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Re: Stress mit Teenies

Beitragvon No User » 5. April 2013 01:43

Bevor das mit dem Frust arg verkürzt hängenbleibt, möchte ich nochmal das "auf dem Weg zu Zielen" betonen: Also man trainiert dann erfolgreich Frustrationstoleranz, wenn man die Erfahrung macht, dass es sich lohnt, Frust auszuhalten. Dazu gehört auch am Ende ein Erfolgserlebnis, nicht einfach nur ständiger Frust von allen Seiten.

Und auch dieser Lernprozess ist bei heftiger AD(H)S gern mal verzögert und erschwert, aber nicht unmöglich. Und jetzt habe ich gerade einen ganz blöden Vergleich im Kopf: Also wenn jemand z.B. LRS hat, dann kommt doch auch niemand auf die Idee zu sagen "Dann lassen wir das halt sein mit dem Lesen lernen." Gerade dann muss man etwas (mehr) tun.

Aber der Hinweis auf  auch notwendigen / wünschenswerten Schonraum  ist auch gut. Das hat auch etwas mit dem Setzen von Prioritäten zu tun, nicht zu viele Baustellen auf einmal und unwichtiges lassen.

LG
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Sheherazade
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Re: Stress mit Teenies

Beitragvon Sheherazade » 5. April 2013 06:08

[quote=&quot;Uhura&quot;]
Das erste Problem hat mit B zu tun, das zweite mir mir. Ich frage mich bei dem Jungen ständig: Welches Verhalten resultiert aus seiner ADS und welches aus seiner Persönlichkeit?[/quote]

Vielleicht kann ich dir ja bei dieser Frage helfen.  :zwink:

Wenn du dir diese Frage stellst, ist es das gleiche als wenn du bei einem rothaarigen Kind überlegst ob es sich anders verhalten würde wenn es blond wäre. Du verstehst, was ich meine? Seine Persönlichkeit und das ADS ist nicht zu trennen. Er ist wie er ist. Und er muss lernen, mit sich selbst umzugehen.
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ripley
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Re: Stress mit Teenies

Beitragvon ripley » 5. April 2013 13:13

Lass mich zunächst hierauf noch mal eingehen:
Dass B durch die ADS erstens Schwierigkeiten hat, eine Grenze zu erkennen und zweitens sie zu akzeptieren ist natürlich eine Kombination, die es in sich hat. Also: Grenzen deutlich setzen und oft wiederholen.

Ersteres stammt von mir, da werde ich nicht dran rummeckern. :ichboss: Zu letzterem noch ein Hinweis: Nimm an, B ist bei Euch will etwas tun, was Ihr nicht wollt. (Bsp: er setzt sich bei Euch vor die Glotze und zappt herum). Du oder Dein Sohn sagt ihm, er soll das lassen (Grenzen setzen). Lässt er es dann NICHT, geht es definitiv nicht darum, dass ihr gebetsmühleartig "wiederholt", dass er das doch lassen soll, sondern dann sollte sofort eine Konsequenz erfolgen ("Wenn Du den Fernseher nicht in Ruhe lassen kannst, verlass jetzt bitte das Zimmer" o.ä.). Will sagen: Die JETZT gesetzte Grenze auch direkt fühlbar machen, nicht die verbale Grenzziehung nur wiederholen (der Bub ist ja nicht taub).
Etwas anderes ist es, wenn B am nächsten Tag, in der nächsten Woche wieder da ist und direkt zum TV geht. Er hat bis dahin schlichtweg vergessen (bzw. nicht auf dem Schirm), dass er das nicht tun soll. Daher muss in diesem Fall die Grenzsetzung (von gestern / letzter Woche) SCHON "wiederholt" werden. Aber eben auch nur einmal, dann weiter wie oben.

Uhura, weiß nicht ob Dir das hilft. Aber ich hab meinen Sohn mal (mehrmals) gefragt, was er eigentlich sein will:
a) Ein ADHS, an dem ein Junge "dranhängt"
b) oder ein Junge, der eben ADHS-bedingt in einigen Bereichen Probleme hat.
Du verstehst, was ich damit meine?
Ich denke, auch Du solltest ihn wirklich als JUNGEN behandeln. Du bist nicht seine Mutter, nicht seine Therapeutin, nicht seine Pädagogin, sondern Mutter (s)eines Freundes. Und B darf sich, wenn er bei Euch ist, gerne von seiner besten Seite zeigen. Du hast das Recht (UND m.E. die Pflicht), B im Zweifel vor die Tür zu setzen, BEVOR Du wütend bist. 
Dieses "Schwanken zwischen Verständnis und Zorn" ist exakt das, was einem ADHSler definitiv NICHT hilft, weil Du genau dann eben KEINE klare Linie fährst, ergo nicht die Orientierung bietest, die ADHSler nun mal (noch) mehr als andere Kinder brauchen.
(Um in der Analogie zu bleiben: Fernsehen ist IMMER verboten oder immer FREITAGS verboten ... und das wird durchgezogen - es darf NICHT heute okay sein, weil B so ein armer Bub ist und morgen verboten werden, weil Du angenervt bist)
Uhura
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Re: Stress mit Teenies

Beitragvon Uhura » 9. April 2013 08:10

Hallo erst mal,
in den letzten Tagen ist einiges passiert. Ich habe den Kontakt zu Bs Mama gesucht. Ich habe versucht moderat zu formuliern, worin ich das Problem sehe - dass ich es nicht für gut heiße, dass sie in der Auseinandersetzung der beiden Jungs derart eingreift. Der Austausch war per e-mail aber den ersten Text habe ich vorgeschrieben, einige Stunden liegen gelassen und dann erst abgeschrieben und abgeschickt, um zu vermeiden, dass ich so formuliere, dass sie darin nur einen Angriff sehen kann. Sie hat geantwortert, ich dann wieder usw. und die Emotionen sind dann doch stark hochgekocht. Ich bin über mich selbst erschrocken. Habe nicht gedacht, dass mich die Sache so wütend machen würde. Ich bin ein sehr ruhig gelagerter Mensch - es dauert sehr lange, bis ich mich richtig aufrege - aber wenn das passiert, dauert es sehr lange, bis ich davon wieder runter komme (leider).
Irgendwie fühle ich mich verarscht. B ist nicht leicht zu nehmen - das kreide ich ihm aber erstmal nicht an. Ich dachte seine Eltern sehen seine Probleme realistisch und arbeiten dagegen - es braucht nur seine Zeit, bis auch eine Außenstehende wie ich eine Veränderung sieht - weil es viele Baustellen gibt. Und sie rennen ja auch zu Ärzten, und machen Elterntrainung usw. Ich dachte, ich könnte B vielleicht helfen, indem ich versuche eine Freundschaft zwischen meinem Sohn und ihm zu unterstützen vielleicht sogar anzuregen. Ich habe oft zu meinem Sohn gesagt, nicht jedes Verhalten von B auf die Goldwaage zu legen. Was ist das Ergebnis? Bs Mama sieht in meinem Sohn den psychisch stabilen Täter, der sich ihren labilen schwachen Sohn als Opfer ausgesucht hat. Und das waren wirklich ihre Worte. Mein Sohn ist die Baustelle, ich soll mal mit ihm arbeiten.
Ich weiß, dass mein Sohn Fehler hat. Aber wenn er wirklich ein solcher Mistkerl wäre, wenn ich als Mutter wirklich so betriebsblind wäre oder wenn mein Sohn außerhalb der Familie so ein ganz anderes Verhalten an den Tag legen würde als zu Hause, dann würden die Rückmeldunge aus Schule und Eltern seines Freundekreises anders ausfallen. Ich glaube nicht, dass ich solche Rückmeldungen so konstant überhört habe.
Ich habe mich entschlossen, den Kontakt der beiden Jungs möglichst zu unterbinden. Nicht weil ich etwas gegen B habe, sondern weil ich meinen Sohn aus der Schublade "Täter" holen will. Bs Mama und ich haben viele gemeinsame Freunde. Ich glaube nicht, dass sie bewusst Politik gegen meinen Sohn macht, aber sie trägt ihr Herz auf der Zunge und ich habe den Eindruck, dass andere ihr Bild der Situation inzwischen übernehmen. Wo das geschieht, werde ich das Gespräch suchen, aber erst dann wenn ich selbst nicht mehr so wütend bin.
Ich bin auch traurig. Ich glaube dass sie B nicht dadurch hilft, indem sie ihn in seiner Opferrolle unterstützt. Er braucht doch gerade die Rückmeldung über sein Verhalten und wie es auf andere wirkt. Er kann doch gar nichts dafür, dass sein Blickwinkel manchmal etwas verzehrt ist. Und wenn Mama ihn darin noch unterstützt, die anderen zu Tätern abzustempeln, braucht er sein Verhalten nie ändern und läuft irgendwann damit voll vor die Wand. Das finde ich sehr schade. Es gibt zu viele Erwachsene, die sich immer noch als Opfer der Umstände betrachten und damit die Chance verpassen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Ich habe aber nicht die Chance, das zu ändern. Ich kann nur meinen Sohn aus dieser Täterrolle herausholen. Er soll von anderen ruhig Gegenwind für seine Fehler bekommen, aber nicht für das Fehlverhalten anderer. Das schadet seiner Entwicklung.
Ich glaube aber nicht, dass ich B damit helfe, seine Opferrolle zu verlassen. Er wird sich einen anderen "Täter" suchen und Mama wird ihn weiter in seiner Opferrolle unterstützen. Ich hoffe nur, dass dessen Eltern füher dieses "Spiel" durchsschauen und eher eingreifen, als ich es getan habe.
Meine einzige Hoffnung ist, dass Bs Mama vielleicht doch durch meine Worte zum Nachdenken gekommen ist. Dass sie mich gut genug kennt und sich deshalb wundert, wie deutlich ich geworden bin. Meine Erfahrung aus der Vergangenheit ist, dass, wenn ich Kritik äußere oder laut werde, es bei anderen wahrgenommen wird, weil ich ich eben nicht schnell kritisiere oder laut werde. Ich hoffe, das nützt was. Ich glaube auch nicht, dass ich die Erste bin, von der sie eine derartige Rückmeldung erhalten hat. Ich hoffe, dass meine Kritik vielleicht der letzte Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat und zu einer Verhaltensänderung führt. Ich hoffe es für B. Ich habe wirklich Angst um ihn, aber ich kann ihm nicht helfen. Ich kann nur meinem Sohn helfen.
Ich bin sehr traurig über den Bruch in unseren Freundschaft.
Ich bin euch sehr dankbar für eure Rückmeldungen. Sie haben mich darin bestärkt, dass es Zeit war, etwas zu tun. Vielleicht habe ich in dieser Konfliktsituation nicht immer richtig gehandelt, aber prinzipiell halte ich es für richtig jetzt dazwischen zu gehen. Wenn ich den Konflikt der Jungs nicht lösen kann, dann muss ich für Abstand zu sorgen und das werde ich jetzt auch durchziehen. Auch wenn das für mich blöd ist, ist das für meinen Sohn richtig. Schade, dass es so weit kommen musste. Ich hoffen nur, dass ich in Zukunft schneller merke, wie der Hase läuft. Ich will meine Kinder nicht vor Schwierigkeiten bewaren auch nicht vor dem Umgang mit Menschen, die etwas schwerer zu nehmen sind - aber ich möchte sie vor den Dingen bewaren, die ihrer Entwicklung Schaden zufügen.
Und ein solches entwicklungsschadendes Verhalten sehe ich bei Bs Mama. Seufz. Die ansonsten sehr nett ist.
Sehr, sehr schade.
LG
Uhura
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Re: Stress mit Teenies

Beitragvon No User » 9. April 2013 08:54

Das ist echt schade, war unter den Umständen aber wohl nicht zu vermeiden.

Auch gesunde, "normale" Kinder sind natürlich keine Engel, können und sollen auch keine sein. Das sind sie höchstens in irgendwelchen verklärten Idealvorstellungen von Kindern. Auch für sie ist es völlig normal, wenn sie sich in anderem Kontext (v.a. in der Schule) anders verhalten als innerhalb der Familie. Und was die Kinder selbst davon berichten, wird natürlich immer subjektiv sein. Sollte jedoch dieses an den Kontext angepasste Verhalten ein übliches Maß weit übersteigen, hättest du von der Schule etwas gehört. Mit Quatsch, der normaler pädagogischer Arbeit zugänglich ist, wird sie dich dagegen eher selten belasten.

Du darfst aber deinen eigenen Beobachtungen trauen und hast dabei ja recht konkrete Probleme erkannt, die niemand darauf abwälzen darf, dass (natürlich!) auch dein Sohn Fehler hat bzw. macht. Eine durch die Erziehung bestärkte Opferrolle hängt gern mit der Verwendung der Diagnose als Ausrede zusammen, zu welchen Problemen auch noch im Erwachsenenalter das führen kann, ist auch etwa in diesem Forum unschwer nachzulesen.

LG
Steffchen
ripley
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Re: Stress mit Teenies

Beitragvon ripley » 9. April 2013 10:45

Ja, Uhura, das ist schade.
Aber es ist auch schwer, den Teufelskreis zu durchbrechen, in dem man als "Elter" eines ADHSlers steckt. Man sieht ja, dass das Kind leidet, aneckt, wütend, verzweifelt oder deprimiert ist. Und man bekommt andauernd und aus allen möglichen Richtungen negatives Feedback. Die Versuchung, die Frage "spinne ich (das Kind) oder spinnt die Welt außenrum?" in einer Weise zu beantworten, die den Selbstwert (des Erziehenden!) schützt, nämlich mit "die anderen spinnen!", ist ungeheuer groß. Bin ich selbst lange genug drauf reingefallen. Auch auf die Falle "Wenn sonst keiner zu meinem Kind hält, muss ICH das eben tun". Und, nicht zu vergessen: ADHSler WERDEN auch häufig gemobbt. Weil sie sich als Opfer geradezu anbieten. Es ist ungeheuer schwierig, der "Wahrheit" wenigstens nahe zu kommen, wenn man überlegt "Wo überzieht mein Kind seine Wahrnehmung und wo wirkt seine Umwelt tatsächlich unnötig/überzogen negativ auf es ein?"
Dies aber nur zum Verständnis von Bs Mutter. Auf den richtigen Trichter muss sie dann irgendwann selbst kommen.
Wenn Ihr noch kommunizieren KÖNNT, schicke ihr vielleicht mal diesen Artikel: http://www.adhs-anderswelt.de/index.php ... 565.0.html

Ansonsten tust Du das Richtige. Du und Dein Sohn, Ihr könnt ja ansprechbar bleiben. Und wenn B (bzw. seine Mutter) hier und da bereit sein sollte, nach Euren Regeln zu spielen, nun ja, dann ergibt sich das vielleicht mal wieder.
Uhura
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Re: Stress mit Teenies

Beitragvon Uhura » 11. April 2013 07:48

Hallo,
irgendwann möchte ich auch das Gespräch mit Bs Mama wieder suchen. Aber im Moment kann ich das nicht. Ich bin noch so wütend. Ich will mich mit ihr über die Sache austauschen - mich für meine Wut entschuldigen, aber trotzdem bei meiner Haltung bleiben. Im Moment glaube ich aber nicht, dass ich einen vernünftigen, freundschaflichen Dialog über das Thema führen kann - jedenfall nicht, wenn sie mir im Gespräch nicht auch mit ihrer Haltung entgegenkommen würde.
Ich möchte erstmal ihren gefühlsmäßigen Standpunkt wieder an mich heranlassen können, ihren Frust, ihre Trauer über die ständigen Rückmeldungen über Bs Verhalten. Ich muss lernen, auf ihre Situation mit Verständnis zu reagieren und trotzdem in meiner Haltung hart zu bleiben. Das fällt mir schwer, aber das ist meine Baustelle und nicht ihre.
Ich bin im Moment nur so wütend, dass sie bereit war, für ihre falsche Sicht der Dinge meinen Sohn über die Klinge springen zu lassen. Meine Wut ist in einem solchen Gespräch aber nicht hilfreich - ich versuche sie erst einmal dort rauszulassen, auszutoben, wo sie keinen stört.
Ich war auch selbst viel zu lange blind und taub, wollte vielleicht auch blind und taub sein, weil ich meine Freundin nicht kritisieren wollte, weil ich um unsere Freundschaft fürchtete oder weil sie es schon so schwer genug hatte, oder weil ich glaubte, die Eltern kriegen die Sache selbst hin, oder oder oder ...
Es wäre besser gewesen, früher etwas zu sagen, generell sage ich Sachen wohl eher zu spät.. Aber wie gesagt,das ist meine Baustelle, nicht ihre.
Ich hoffe, wir können in einigen Wochen vernünftig darüber reden.
LG
Uhura

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