Partnerin eines "ADHS-Verdächtigen"

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Sensibelchen
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Re: Partnerin eines "ADHS-Verdächtigen"

Beitragvon Sensibelchen » 14. Februar 2013 22:17

Hallo nixe,
der gute Freud...Da habe ich mich doch vertippt. :kk:
Vielen Dank für Deine ehrliche Meinung. Du merkst, dass meine Gedanken kreisen. Das dürfte wohl normal sein, wenn es auch recht gegenläufige Meinungen und Erfahrungen gibt. Deine "Gereiztheit" spiegelt mir, was mein Mann empfinden würde, wenn ich meine pseudo-verständnisvollen Äußerungen an ihn richten würde. Ich finde es eindeutig richtig, wenn ich mich als Lebenspartnerin mit dem Thema befasse, genauso, wie ich mich mit seiner Diabetes befasse. Wenn Dein Partner Diabetes hätte, würdest Du das ignorieren und ihm täglich ein schönes Stück Torte mitbringen?
Oder würdest Du ihn unterstützen?  :icon_rolleyes:
Gruß Sensibelchen, ohne "getroffen" zu sein
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nixe
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Re: Partnerin eines "ADHS-Verdächtigen"

Beitragvon nixe » 15. Februar 2013 10:45

Da kann ich Dir recht konkret antworten : ) Zwar ist nicht mein Mann Diabetiker, aber eine meiner engsten Freundinnen ist betroffen. Mit der habe ich vor Jahren einmal eine WG geführt.

So. Natürlich habe ich ihr nicht jeden Tag Torte gebacken. Das ist auch nicht mein Ding. Aber ich habe sie für voll genommen und habe ihr zugetraut, sich selbst damit auszukennen und selbst die Verantwortung für ihre Einschränkung und auch für ihre Nahrung übernehmen zu können. Sprich, ich habe mich normal verhalten und sie da offen angesprochen, wo es angemessen war. Ansonsten habe ich sie damit in Ruhe gelassen. Vor allem, weil deutlich war, dass sie absolut KEINE Sonderbehandlung wollte. Das habe ich RESPEKTIERT. Im Endeffekt habe ich ganz normal gekocht, wenn ich gekocht habe und siehe da - das war völlig ok.

Eines Nachts musste ich sogar den Notarzt rufen, was ich selbstverständlich getan habe. Das war eine Situation, in der sie die Verantwortung nicht mehr alleine hatte. Danach haben wir es nicht groß thematisiert, weil es IHR Thema war, IHRE Verantwortung und weil SIE es nicht zum Diskussionsgegenstand machen wollte. Da sie auch bereits erwachsen war, habe ich ihr einfach mal zugestanden, die Grenzen ihres eigenen Themas SELBST zu definieren.

Der Punkt ist: an IHREM Diabetes kann und konnte ICH nichts ändern. Es gibt einen Unterschied zwischen verantwortlich miteinander umgehen und füreinander da sein - und Verantwortung abnehmen wollen und entmündigen.

Natürlich kannst Du Dich mit dem Thema ADS befassen. Du kannst Dir auch ausmalen, wie sich alle Probleme in Luft auflösen würden, wenn er a) tatsächlich ADS hätte, b) den Wunsch hätte, etwas zu ändern, c) eine Diagnose gestellt werden würde, d) ggf. eine Therapie / Medikation stattfinden würde, e) er Einsichten hätte und diese in praktische Änderungen umsetzen würde......... usw.

Oder Du ziehst daraus nur das, was Du auch wirklich in der eigenen Hand hast: was kannst Du an Deinem eigenen Verhalten konstruktiv verändern ?

Und ich persönlich würde an der Stelle dringend dazu raten: wirklich bei DIR SELBST gucken, Stichworte eigene Bedürfnisse beachten und eigene Grenzen definieren, und nicht daran festklammern, sich ihn und sein Verhalten anders zu wünschen.

Es mag normal sein, eine Weile gedanklich um den anderen und dessen vermeintliches Problem zu kreisen. Bloß ist das Kreisen keine Lösung.
Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. (Ingeborg Bachmann)
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Re: Partnerin eines "ADHS-Verdächtigen"

Beitragvon nixe » 15. Februar 2013 10:47

PS: noch eine fiese Frage von mir:


Was hast Du selbst davon, ständig um seine Bedürfnisse zu kreisen, Dich ständig mit ihm statt mit Dir selbst zu beschäftigen ? Wovon lenkt Dich das ab ? Und macht Dich das zu einem besonders guten aufopferungsvollen Menschen usw. ?
Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. (Ingeborg Bachmann)
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Sensibelchen
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Re: Partnerin eines "ADHS-Verdächtigen"

Beitragvon Sensibelchen » 15. Februar 2013 21:53

Hallo nixe, heute mal ganz kurz: Die Krankheiten des Partners beeinflussen auch die eigene Lebensqualität und umgekehrt. Mein Rückenproblem führt auch dazu, dass wir im Fußballstadium nicht stehend im tosenden Fanblock sind, sondern brav auf dem Bänkchen. :icon_eek:
So ist das nicht nur die Sache des Kranken selbst.
Und zu Deiner "fiesen" Frage: Ich bin mit mir im Reinen, glücklich und zufrieden, aktiv, kann meinen Interessen frei nachgehen. Habe Freude am Job und kann mit dem Einkommen vernünftig leben. Da hatte ich ganz andere Zeiten im Leben. Ich habe da keinen Bedarf, mich mit mir zu beschäftigen, außer mich weiter zu entwickeln und zu bilden. Mein Wunsch ist es, dass es meinem Mann auch so geht! Da habe ich eben nicht den Eindruck, dass es so ist. Obwohl alle äußeren Bedingungen passen. Nun könnte Deine nächste fiese Frage sein, weil ich ihn nicht in Ruhe lasse? Nö. Da ist schon eine Unzufriedenheit mit sich selbst, weil er manches nicht in den Griff kriegt und sein Selbstbewusstsein angenagt ist. Das ist einfach nicht schön! Nun gut, wenn daraus nicht selbst der Antrieb (wie von anderen beschrieben) für eine Klärung entsteht, dann kann ich sicher auch nichts tun.  :schäm: Wäre schade, wenn so ein prima Mensch an sich selbst verzweifelt.
Viele Grüße Sensibelchen
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Re: Partnerin eines "ADHS-Verdächtigen"

Beitragvon prototo » 16. Februar 2013 09:52

@sensibelchen und @nixe

..ich habe die letzten Dialoge mehrmals gelesen und frage mich, ob der Diskurs nicht werthaltiger wird, wenn beide Meinungen ohne "Gereiztheit" für sich stehen könnten. Das Schöne am Gedankenaustausch ist doch, die Betrachtungsweise des Anderen zu erfahren, für sich auf seine Substanz zu überprüfen und ggf. zu übernehmen...ich persönlich finde die Argumentationlinie von Sensibelchen schlüssig, nachvollziehbar und auch sehr liebevoll...

...für mich gibt es im Umgang bei Partnern/ Kindern kein kathegorisches Falsch oder Richtig...und so sehe ich ein gewisses "wording" wie

"noch eine fiese Frage von mir: Was hast Du selbst davon, ständig um seine Bedürfnisse zu kreisen, Dich ständig mit ihm statt mit Dir selbst zu beschäftigen ? Wovon lenkt Dich das ab ? Und macht Dich das zu einem besonders guten aufopferungsvollen Menschen usw. ?"

kontraproduktiv in einer nachhaltigen Diskussion, die eigentlich niemanden verletzen sollte. Es gibt wohl nie die "EINE" Wahrheit, sondern meist nur das individuell Erfahrene, Erlebte, Verarbeitete...

..ich konnte aus diesem Dialog viel für mich mitnehmen und finde, dass das intensive Engagement um den Partner größten Respekt und Anerkennung verdient...

...und ich lerne (auch) hier täglich dazu  :KV2:

prototo
wer im Glashaus sitzt, sollte die Steine benutzen :-)
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Re: Partnerin eines "ADHS-Verdächtigen"

Beitragvon Sensibelchen » 16. Februar 2013 12:56

Rückblick - kein Abschied
Nach all dem fruchtbaren Austausch bin ich nun an dem Punkt, wo ich mal zurückschaue, wo ich eigentlich eingestiegen bin.
Der „Aufhänger“ war die „Anleitung“ zum Umgang mit ADHS-lern von Frau Dr. Astrid Neuy-Bartmann und meine verzweifelte Frage, warum ich mich so ohnmächtig fühle, wenn es mein Partner krachen lässt und eine anschließende Klärung nicht möglich ist weil es regelmäßig darauf hinausläuft, dass ich mich unlogisch und böswillig verhalte und mich einfach zu dämlich anstelle.
Viele Verhaltensweisen meines Mannes deuten recht eindeutig auf eine ADHS-Problematik hin, insbesondere der Austausch einer Mutter mit erwachsenem, diagnostizierten Sohn, bestätigte mir meinen Verdacht. Das war der Ansatz, vielleicht über die allgemeine Symptomatik (geschlechts- und persönlichkeitsunabhängig) eine Erklärung für dieses Phänomen zu finden und auch so meine Auffassung zu bestätigen, dass mein Mann nicht böswillig mir gegenüber handelt. Die vielen ehrlichen Beiträge haben die „Anleitung“ dahingehend untermauert, dass der Umgang mit einem betroffenen Menschen schon ein anderer sein sollte. Diese Erkenntnis finde ich sehr wichtig. Weiter ist mir klar geworden, dass bei aller Individualität der einzelnen Menschen, männlich oder weiblich, sich bestimmte Denk- und Verhaltensmuster gleichen. Das sind die, welche den täglichen Umgang für den Partner schwieriger machen und denen mit herkömmlicher Herangehensweise nicht beizukommen ist. Zu manchen Auseinandersetzungen würde es in „normalen“ Partnerschaften gar nicht kommen, andere treten sicher oft genauso auf.

Nach eingehender Prüfung kann ich nun sagen, diese „Anleitung“ ist, wenn man die Anführungsstriche und die Individualität jedes Menschen berücksichtigt sowie den dauernden Hinweis auf die „Krankheit“ weglässt, eine wirkliche Lebenshilfe für Partner eines ADHS-lers. Ich kann verzweifelten Angehörigen das Lesen empfehlen, wie natürlich auch die Befassung mit seriösen Informationen zu ADHS. Vor allem die vielen symphatischen und wertvollen Eigenschaften dieser „anderen“ Zeitgenossen zeigen ja, warum wir unsere Partner so gern haben. Ich beneide die Frauen mit langweiligen Klischeemännern nicht.
Ich weiß jetzt, wo ich Menschen finde, mit denen ich mich austauschen kann. Das Forum ist eine große Hilfe. Es lebt von der Ehrlichkeit der Schreibenden und ihren Lebenserfahrungen, von spontanen Reaktionen und Provokationen. Das regt zum Nachdenken an und holt  auch mal vom Irrweg zurück.
Mein Mann spürt wohl schon Veränderungen und wird auch noch mit einigen rechnen müssen. Ich werde meine Unterstützung an manchen Stellen etwas reduzieren und ihm noch  deutlicher sagen, wenn er sich unangemessen benimmt. Diskussionen werde ich in bestimmten Situationen nicht mehr führen.
Vielleicht „knallt“ es aber auch mal bei mir, dann werde ich ihm sagen, dass er unlogisch handelt, wenn er 10 große Becher fetten, gezuckerten Quark und Sprühschlagsahne mit Traubenzucker und Zucker kauft und, Entschuldigung „auffrisst“, obwohl er Diabetes hat und daran verzweifelt, dass er immer mehr wird und immer unbeweglicher! Ja, die Störung im Gehirnstoffwechsel könnte eine Erklärung sein. Damit möchte er aber nichts zu tun haben!

Euch allen vielen Dank bisher und ich freue mich auf einen weiteren Austausch.
Viele Grüße Sensibelchen
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Re: Partnerin eines "ADHS-Verdächtigen"

Beitragvon Sensibelchen » 16. Februar 2013 13:04

Hallo prototo,
das waren echt nette Worte von Dir :ja1: . Die Art von nixe mit meinen Argumentationen umzugehen ist fast identisch mit der Verhaltensweise meines Mannes in ähnlichen Diskussionen. Somit war es für mich ein ganz wichtiger Beitrag für meine eben niedergeschriebenen Erkenntnisse.
Schön, wenn wir gemeinsam lernen, umsetzen sollte jeder, was individuell passt. :top:
Sensibelchen

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