Frage an die Nicht - ADSler hier ...

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jdee
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Re: Frage an die Nicht - ADSler hier ...

Beitrag von jdee » 20. September 2007 23:18

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Hallo

Ich habe mir diesen thread nun rausgesucht, weil ich merke, wie unsicher es mich macht, was zwischen meinem partner mit adhs und mir abgeht, und ich gerne mal drüber schreibend nachdenken würde. Ich futtere nämlich im moment wesentlich mehr als sonst und frage mich, ob es damit zu tun hat, dass ich irgendwie glaube, viel verantwortung für diese beziehung übernehmen zu müssen und ihn irgendwie bemuttere.

Er weiss erst seit ende Juli 07 von seiner diagnose adhs.

Wir kennen uns bereits seit vier jahren, doch ich interessierte mich nie für ihn als mann - bis zu ostern 07.
Ich fand ihn vorher immer sehr sympatisch, mit interessanten ansichten, rücksichtsvoll, verspielt - jedoch verwirrte er mich in vielem heillos. Seine unentschlossenheit, häuffige sprachlosigkeit und langsamkeit, sein jammern und doch nichts anpacken, brachten mich manchmal zur verzweiflung. Ich hätte ihn oft schütteln können.
Wir sprachen sogar analytisch darüber, warum zwischen uns kein erotischer funke flog. Auch nicht bei nacktbaden, lustigem theaterspielen oder sonstigen adventures - mehr wollte nicht werden. Ich hatte in dieser zeit zwei beziehungen mit andern partnern.
Die beziehung zwischem ihm und mir war trotzdem intensiv, weil wir zusammen in einer kommunikationsgruppe waren, wo wir regelmässig über sehr persönliches austauschten. Ich sagte ihm immer gnadenloser direkt, wenn mir etwas auf den keks ging, weil seine schusseligkeit im laufe der zeit für mich auf keine kuhhaut mehr ging. Vor allem natürlich dann, wenn ich involviert war: bezüglich seiner unpünktlichkeit; seinem fehlenden taktgefühl in gewissen bereichen; seiner feigheit, wie er sich aus konflikten raushielt und sich rausredete aus jedem fehler; etc.

Als er mir letzten spätsommer 06 unvermittelt sagte, er wolle nun den kontakt mit mir abbrechen, da er mich liebe und ich jedoch nichts von ihm wissen wolle, fiel ich buchstäblich aus allen wolken!
Er hatte in der zeit, wo wir uns kannten mit zwei frauen versucht eine partnerschaft einzugehen und ich war mit 100% iger überzeugung davon ausgegangen, für ihn der völlig falsche typ frau zu sein.
Mein antwort an ihn war: Wie ich mich denn in ihn verlieben hätte sollen - so wie er mich behandle (unpünktlichkeit, nicht festlegen wollen) und kein wort von verliebtheit oder zeichen von persönlichem interesse an mir zeige?
Danach war er erst ein halbes jahr beleidigt; was er jedoch nicht sagte, sondern sich mit einer schlechten ausrede vor versprochenen verpflichtungen in der kommunikationsgruppe zurückzog.

Doch dann kamen plötzlich mails, wo er sich sehr persönlich nach mir erkundigte. Vor allem wollte er einen alten konflikt zwischen uns klären. Ich war bezüglich des konflikts sehr sauer und gnadenlos in meiner stellungnahme dazu und konfrontierte ihn ehrlich mit allen meinen gefühlen. Er fragte zu meiner überraschung geduldig nach und entschuldigte sich schliesslich, indem er eines tages einen riesenstrauss rosen schickte. Ich war masslos überrascht und kam nicht klar damit - fühlte mich gekauft und fragte schliesslich, ob das ein friedensangebot sei.
Worauf er schrieb, nein, das sei viel mehr.

Da machte ich die augen auf - und aus dem frosch war ein prinz geworden!

Seither hören die überraschungen nicht mehr auf.
Ich hatte noch nie eine derart innige, zärtliche und erotische beziehung zu einem mann. Plötzlich sah ich, dass seine macken sehr viel mehr damit zu tun hatten, dass er nicht anders konnte und nicht einfach damit, dass er faul, stur und arrogant war - wie ich es bisher angenommen hatte. Die diskrepanz zwischen seinen erstaunlichen talenten - sich im gespräch für andere zu interessieren, in konflikten dritter zu vermitteln, fragen zu stellen, seinen philosophischen, psychologischen und chemischen fachkenntnissen, seine musikalität, etc. - und seinen defiziten, welche die betriebsführung seines bauernhofes in einen sumpf verwandelt hatten, waren mir ein riesenrätsel.
Ich forschte in foren nach, wie ich mir selber helfen könne: nicht einfach seine verantwortung mir aufzuhalsen, sondern partnerschaftlich und nicht therapeutisch vorzugehen. Schliesslich erzählte ich mehr zufällig auch einer neuen bekannten von meinen problemen - worauf sie sagte, sie hätte adhs bei erwachsenen und einiges, was ich von ihm erzählen würde, klinge nach ähnlichen symptomen wie bei ihr.

Als ich ihm dies sagte, war sein interesse sofort geweckt, er leitete umgehend alles für eine adhs-abklärung ein, bekam innert wenigen wochen die diagnose. Seither schluckt er regelmässig ritalin und versucht, seinen betrieb und seine persönlichen schwierigkeiten mit hilfe eines coaches anzupacken.

Natürlich bin ich enorm froh darüber, denn er steckt tief in wirtschaftlichen problemen. Sowohl planung wie abstrakte organisation scheinen eine unglaubliche qual für ihn zu sein. Mit hilfe von ritalin ist seine verarbeitungskapazität und damit seine ausdauer, sich mit abstraktem auseinanderzusetzen, wesentlich grösser. Sein arbeitswille ist enorm, so sehr, dass es mich oft schmerzt, wie er sich verausgabt und doch relativ wenig erreicht. Ich hoffe: im moment noch, wenig erreicht.

Unsere zukunft scheint mir unangenehm ungewiss, weil mich die vorstellung belastet: Was passiert, wenn er trotz ritalin und coaching eines tages einfach zusammenbricht: psychisch, körperlich oder finanziell - weil die aufgabe, einen eigenen betrieb zu leiten, doch zu gross war für ihn?
Ich mache mir sorgen, wir könnten alles falsch machen und den richtigen zeitpunkt verpassen, kinder zu haben. (Bin 40). Freundinnen sagen mir: mensch, mach es nicht kompliziert, du liebst deinen partner, andere haben es mit wesentlich schlechteren voraussetzungen auch geschafft, kinder zu haben. Doch ich stelle mir vor, wie das leben zur hölle werden kann, wenn die verantwortung oder aufgabenstellung zu gross ist.
Was soll es bringen, eine schöne partnerschaft auf's spiel zu setzen, nur weil das eigensüchtige wunschbild einem süsse babies, daddies und mummies vorgaukelt?

Natürlich habe ich eine gute ausbildung und bin wirtschaftlich eigentlich nicht abhängig von ihm. Was mache ich mir eigentlich für sorgen? - spotten stimmen in mir. Doch meine psyche macht kapriolen: Ich habe einen job, der mir viel abverlangt und in dem ich absolut zuverlässig, souverän  und konzentriert dranbleiben muss. Irgendwie scheint mir jedoch, dass es mich von meinem partner 'wegtreiben könnte', wenn ich genau dies tue.
Wegtreiben im sinne von: Damit mein alltag funktionieren kann, bin ich darauf angewiesen, dass alles reibungslos läuft. - Und genau hier machen mir die macken meines partners angst. Ich stelle mir vor, dass er wichtige abmachungen vergisst und er damit meine ganzen pläne über den haufen wirft und ich selber auch noch wirtschaftlich ins strudeln komme, weil ich fehler mache.

Gut möglich, dass mein denken falsch ist und absurde bilder malt. Jedenfalls sind wir im moment so verblieben, dass ich nicht zu ihm ziehe, bis 'sein sumpf trockengelegt ist'. Zwar wünschen wir es uns beide, da wir die gegenseitige nähe sehr geniessen. Doch da ist ein abhängigkeitsgedanke in uns beiden, der uns enorm verunsichert: Ich habe die tendenz, ihm in sein geschäft reinzureden - er geht auf rückzug, wenn es ihm oder mir schlecht geht. Und je mehr schiefläuft und ich mich ärgere, umso mehr mache ich natürlich die klappe auf und meckere.

Gleichzeitig liebe ich ihn sehr und ich fühle mich auch von ihm geliebt. Und ich möchte ihm so gerne vetrauen zeigen können. Er scheint irgendwie so darauf angewiesen zu sein, jetzt wo er täglich mehr über seine misswirtschaft herausfindet, weil er nach jahren endlich mal genauer hinschaut. Ich fühle mich emotional sehr von ihm gehalten, seine sanfte art tut mir enorm gut.

Mein rezept im moment ist, ein tag nach dem andern zu nehmen und mir zu sagen: andere schaffen es auch! Mich selber zu beruhigen und mir zu sagen, es könnte alles auch ganz, ganz anders organisiert sein - job, familie  - jetzt bleib flexibel und mal dir nicht horrorbilder ins herz.
Wom
Andersweltler
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Re: Frage an die Nicht - ADSler hier ...

Beitrag von Wom » 14. Juli 2011 11:57

Hallo zusammen

also ich kann bin sehr froh, mit einem ADSler zuammen zu sein.

Vor etwa 1,5 Jahren lernten wir uns im Internet kennen. Wurden recht schnell ein Paar, und zogen auch recht schnell zusammen.
Das Thema ADS war eigentlich kein Thema bei uns in der Beziehung, da ich Ihre Eigenheiten für normal empfand.

Durch die Probleme wegen Ihres Sohnes (18, seit früher Kindheit ADHS, keine Ausbildung, Drogenkontakt, Schlägerei,  etc etc etc) setze ich mich seit Kurzem mit diesem Thema intensiv auseinander.

Vor etwa einem Jahr, wo wir unseren Tiefpunkt in der Beziehung hatten, sagte ich mal zu einer damaligen Bekannten, es gibt 150 Gründe, die mich an meiner Freundin stören.

Haute sage ich mit freude: Es gibt 150 Gründe, die ich an meinem Schatz liebe :ja:


ZB:
Einmal mussten wir etwa 68 km hin und zurück mit dem Auto fahren, da sie Ihr Handy bei Burgerking aufm Klo liegen lassen hatte
Tags drauf, die gleiche Strecke nochmals hin und zurück, da sie Ihre Handtasche vergessen hat.

Das ist völlig normal, und kein Grund für mich zum negativ-denken.

Meistens muss ich Grinsen, wenn solche Dinge "einfach" passieren.

Da kommt es schon mal vor, dass das Wohnzimmer drei mal im Jahr umgestellt wird, oder zwei mal im Jahr der Flur neu Tapeziert wird, da ihr die Tapete nicht mehr gefällt.
Okay, manchmal denke ich dann, neeeee, net schon wieder.
Ich habe dann aber immer zwei Möglichkeiten:
Entweder, ich helfe ihr, oder sie macht es alleine. (Einmal musste unser Nachbar helfen, weil ich nicht wollte  :froi1: )
Aber Fakt ist, wenn sie es sich, von jetzt auf sofort in den Kopf gesetzt hat, dann muss es gemacht werden, auch wenn es nachts um drei ist  :zwink:

Einmal habe ich Eierlikör selber gemacht. Der sollte nicht lange halten. Ich selber habe da nicht viel von abbekommen, weil alle Beklannte und Freund sofort damit versorgt worden sind, da er so klasse war.

Es kann vorkommen, wenn ich ein lecker Essen für uns beide gemacht habe, und ein paar schöne Stunden mit ihr verbringen will, das binnen Sekunden eine Freundin von Ihr am Tisch sitzt, und das Essen für zwei nun für drei reichen muss  :icon_rolleyes:

Ich kann nur sagen, das Leben mit Ihr, isst einfach nur herrlich und köstlich.
Die paar wenigen Momente in mir, wo ich manchmal wirklich sauer bin, werden aber immer wieder durch ihre Art in den grünen Bereich geschoben.

Warum ist das so bei uns ???
Ganz einfach:
Ich bin der ruhende Pool, der manchmal auch ein dickes Fell haben kann.
Aber ganz entscheident ist: Ihre Art mit Ihrem Anderssein umzugehen.

Vor einigen Monaten sagte ich noch, Mädel, du hast ADS. Das fand sie nicht lustig und wollte davon nichts wissen.
Gestern sprach ich das Thema wieder an, und da kam die Antwort: Ja und, das ist doch auch kein Problem.

Sie hat sich nie untersuchen lassen, aber selber (vermutlich mal, wegen dem ADHS ihres Sohnes) für sich eigene Strategien entwickelt, die es ihr recht einfach machen.

zB:
sie hat ganz selten eine Handtasche dabei
Handy immer in ihrer linken hinteren Hosentasche
Bankgeschäfte alle mit Daueraufträgen eingetragen (neulich hat sie nach unserem Umzug den Strom und das Gas noch 2 Monate länger für die alte Wohnung bezahlt  :froi1: )
Sie hat feste Rituale, die ganz wichtig sind: zb telefonieren wir jede Frühstücks- und Mittagspause zusammen (45 Minuten, 5 mal die Woche).
Es gibt Tage, da kann sie abends 5 Stunden am PC ein Spiel spielen. Das muss dann als Abschalt-Modus sein.

Lustig fande ich neulich eine Situation:
Wir sind frisch umgezogen, das Haus ist eine Baustelle, und wir räumten die Küche gemeinsam ein.
Ich durfte entscheiden, wo welche Dinge in welchen Schrank geräumt werden.
Naja, was soll ich sagen, Idee war gut, Umsetzung hat geklappt.
Aber, drei Tage später sah die Welt schon wieder anders aus.
Da kommt der Mixer in einen anderen Schrank, Schüsseln haben den Schrank gewechselt etc etc. :froi1:

Aber so ist sie, und so wird sie bleiben - und ja, ich bin so stolz auf sie und ihre Eigenarten

Ich denke, es kann wirklich recht einfach sein, solch einen Partner zu haben - also für mich ist es meistens einfach.

Mal ein anders Beispiel:
Nach dem Umzug überlegten wir, wo Waschmaschine und Trockner hinkommt.
Ihr Vorschlag war der Keller, damit das Zeug net im Badezimmer rumsteht. (da würde die Wäsche bestimmt tagelang in der Maschine liegen)
Also, Waschmaschine steht nun im Badezimmer und der Wäschetrockner steht auf der Terrasse.
Ziel erreicht: Wäsche geht nicht in Vergessenheit, und Wäschetrockner wird im Sommer nicht benutzt  :zwink:
Okay, ich selber kümmere mich genauso um die Wäsche, wie sie.

Als Partner denke ich, muss man sich einen kleinen Egoismus aneignen.
Kleines Beispiel:
Wir gehen einkaufen. Natürlich auch ein paar Leckereien, die man in den nächsten Tagen zu sich nehmen möchte.
Im Normalfall würde sie diese Leckereien sofort am gleichen Abend aufmachen.
Also pack ich schnell die Sachen woanders hin, wo sie aus ihrem Blickfeld sind (aus dem Auge - aus dem Sinn) - und ja, es funktioniert.

Bei uns funktioniert es wirklich sehr gut.
Neulich chattet sie mit einer Nachbarin - ich zitiere, was sie ihr geschrieben hat (die Nachbarin hat großen Beziehungsstress):
Wenn Du schöne Bluemen auf deinem Tisch stehen hast von deinem Partner, täglich ein paar nette Zeilen von ihm geschrieben bekommst, etc etc, - dann bist du in der falschen Wohnung  :froi1:

Wie sagt mein Schatz immer: Sie hat ein Gewohnheitsrecht (ich glaube, ich sollte mal ein paar Wochen keine kleinen Briefchen schreiben - grööööhl)

Als, ich kann nur jedem Partner eines ADSlern folgende Tips geben:
- Liebt die 150 Dinge, die Euch stören könnten
- Schafft Euch gemeinsam feste Rituale an
- lasst Euren Partner sein wie er ist, auch wenn er zB sofort nach dem Aufstehen mit 150 kmh durch die Wohnung saust
- Überrascht Euren Partner öfters mal mit irgendwelchen Kleinigkeiten (auch wenn er sie manchmal garnicht wahrnimmt)
- Seit nicht Nachtragend (reicht ja schon, wenn wir Dinge hinterher tragen dürfen  :froi1: )
- Und wenn wieder mal das Wohnzimmer umgeräumt werden muss - seit froh, dann wird auch mal hinter dem Sofa gesaugt - gröööööhl


In diesem Sinne Euch allen einen netten Tag

VG
Wolfgang
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