Familie und Selbstständigkeit mit ADHS - Durch Therapie möglich?

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diamant67
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Familie und Selbstständigkeit mit ADHS - Durch Therapie möglich?

Beitragvon diamant67 » 7. Juli 2011 12:48

Hallo, bin neu hier und im Augenblick sehr verzweifelt.

Ich bin seit 15 Jahren mit meinem Mann zusammen und wir haben 2 Kinder. Er ist selbstständig und kommt aus einer Familie, in der - glaube ich zwischenzeitlich - alle ADHS haben.

Mein Mann hat letztes Jahr die Diagnose ADHS bekommen, nimmt Medikamente und ist jetzt auf der Suche nach einem therapeutischen Weg.

Mein Problem ist, dass mein Mann wie 2 Persönlichekeiten in sich trägt. Die eine Person ist sehr liebe- und gefühlvoll. Und die andere ist aggressiv, egoistisch und gefühllos. Seit 15 Jahren lebe wir (unsere Kinder und ich) in einer unglaublichen Anspannung. Ist der gefühllose Mensch vor uns, ist das Leben eine einziger Albtraum. Die Phase wurde meistens dadurch beendet, indem ich kapituliere und gefühlsmässig komplett ausraste. Dann "wachte" er meistens auf und wurde wieder zu dem anderen Menschen.

Er ist Selbstständigkeit und damit völlig überfordert. Sein Leben besteht eigendlich nur aus Arbeiten und Schlafen. Aber er meint immer noch, dass er es schaffen kann, den Betrieb zu führen.

Seit 1 Monat ist er in dieser gefühllosen Welt und ich zerbreche fast dran, da ich meine Gefühle nicht abstellen kann. Und egal, was ich versuche, ich schaffe es nicht, ihn diesmal da raus zu holen.

Seit 1 Woche ist er aus unserer Wohnung mehr oder weniger ausgezogen, weil ich die Sprachlosigkeit nicht mehr ausgehalten habe. Er lebt jetzt in seinem Betrieb, d. h. er schläft dort auch.

Ich weiß nicht, ob wir überhaupt noch eine Chance haben.

Bringt die Therapie wirklich so viel, dass er dadurch den Betrieb statt chaotisch strukturiert führen kann und er damit auch wieder Zeit zum Leben und für die Familie hat?

Ich weiß einfach nicht, ob ich die Türe innerlich zu machen soll oder ob wir noch eine Chance haben.
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Farah
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Re: Familie und Selbstständigkeit mit ADHS - Durch Therapie möglich?

Beitragvon Farah » 8. Juli 2011 07:43

Liebe Diamant67,

ganz herzlich willkommen hier im Forum!
:willkommen:

Ganz kurz zu Deinen Fragen:

Ja, es ist oft schwer, mit einem AD(H)S-ler zusammenzuleben. Aber es ist möglich  :ja: , wenn beide Seiten viel Verständnis und Toleranz aufbringen. Für Dich ganz wichtig: beziehe sein Verhalten nicht auf Dich, es hat mit ziemlicher Sicherheit nichts mit dir zu tun.  :s18:

Zum Thema Selbständigkeit: ja, auch das ist möglich. Viele Unternehmen wurden nicht trotz, sondern wegen AD(H)S gegründet, denn AD(H)S-ler sind kreativ, enorm leistungsfähig bei den Dingen, die sie interessieren.
Probleme gibt es dann oft, wenn ungeliebte, zum Beispiel organisatorische Dinge die Oberhand gewinnen, und auch dann, wenn sich Routine (=Langeweile= einschleicht. Dann sollte man im eigenen Interesse die Dinge anders organisieren.
Dazu ist es aber erforderlich, seine Probleme zu bemerken, einzusehen und zu analysieren.
Ich habe dazu ein gutes Buch gelesen, hab nur gerade den Titel vergessen.

Zum Thema Therapie: Ja, die richtige Therapie, oder noch besser ein Coaching, kann helfen, zusammen mit den Medikamenten.

Soviel in aller Kürze, muss jetzt zur Arbeit.

Schreib Doch Deine Fragen nochmal in einem Nichtöffentlichen Teil des Forums, dann bekommst Du sicher mehr Antworten  :zwink:

Bis später
Farah  :winken:
:biene: 2
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agathe
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Re: Familie und Selbstständigkeit mit ADHS - Durch Therapie möglich?

Beitragvon agathe » 8. Juli 2011 14:44

hallo, diana..

willkommen im forum..

ich hab dir einen link geschickt und außer meiner dort enthaltenen, vagen vermutung noch die frage, ob mal wegen burn-out geguckt worden ist...
Zuletzt geändert von agathe am 8. Juli 2011 14:44, insgesamt 1-mal geändert.
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papillonindigo
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Re: Familie und Selbstständigkeit mit ADHS - Durch Therapie möglich?

Beitragvon papillonindigo » 8. Juli 2011 18:21

Hallo Diamant,

Ich denke, es kann einiges besser gehen.

1 jahr nach diagnose war ich etwa wie dein mann: ich wollte wie alle andere schaffen  und machte zu viel... Klar mit behandlung kann man einiges besser schaffen, aber ADS bleibt immer noch.

Es war auch für mein partner schwierig, weil ich da wenig zeit hatte für uns beiden... Ich hoffe, es wird sich bei euch sich auch auspendeln.
Mit der zeit merkt man dass man doch immer ADS hat und irgendeinmal ist man bereit hilfe zu holen für was man nicht gut kann um sich seine stärken zu widmen. Liegt es bei euch finanziell drin dass er jemand anstellt (es darf auch teilzeit sein) für admistratives?

Sonst scheint auch bei euch einige paarkonfikten zu geben. Durch der behandlung kann sein das er in einigen mehr einsicht zeigt, aber es wird nicht von allein kommen.

Von dich braucht er auch verständnis. In sinn dass du dich über ADS informiert und schaut wie du damit am bestens umgehen kann. Aber es heisst sicher nicht dass du alles schlucken kann, deine bedürfnissen hast du auch.

Es geht auch nicht dass du laut schreien muss damit er endlich dich ernst nimmt!

lg
:vier: So geht es mir beim Rebound oder nach einem langen Stadtbummel
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Farah
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Re: Familie und Selbstständigkeit mit ADHS - Durch Therapie möglich?

Beitragvon Farah » 8. Juli 2011 18:35

Hallo Diamant67,

hier der versprochene Buchtipp: Kreativ im Job: kreativ, hyperaktiv und erfolgreich: http://www.amazon.de/gp/product/3865062 ... ss_product - beschreibt aus meiner Sicht gut, warum im Beruf Probleme auftauchen, und wie man es anders organisieren könnte

Und das hier soll gut sein in Sachen Beziehung, ich habe es selbst allerdings noch nicht gelesen: Lass mich, doch verlass mich nicht von Cordula Neuhaus: http://www.amazon.de/Lass-mich-doch-ver ... 407&sr=1-1

Hast Du schonmal mit ihm gesprochen, welche Therapie stellt er selbst sich denn so vor? Was bei ADHS-lern eher wenig hilft, ist tiefenpsychologische Psychotherapie. Viel besser ist Verhaltenstherapie - weil sie die aktuellen Probleme aufgreift und andere Wege für die Zukunft aufzeigt.
Für meinen Sohn (21) war ein Seminar bei Cordula Neuhaus sehr hilfreich, weil es ihm die physiologischen Grundlagen erklärt hat, warum ADS-ler so reagieren, wie sie es tun. Und nur wenn man das weiß, kann man sein Verhalten unter Berücksichtigung des ADS ändern. Er war dort: http://www.therapiezentrum-esslingen.de ... &Itemid=56

Ich weiß, wie schwer es für dich ist. Aber Du liebst ihn doch noch? Sonst wärst Du doch nicht hier auf der Suche nach Antworten?

Liebe Grüße
Farah  :winken:
:biene: 2
diamant67
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Re: Familie und Selbstständigkeit mit ADHS - Durch Therapie möglich?

Beitragvon diamant67 » 15. Juli 2011 09:47

Erstmal vielen Dank für die lieben Antworten.

Ich bin seit Tagen die empfohlenen Bücher am lesen und es schafft nur noch in meinem Kopf.

Letztes Wochenende ist mein Mann wieder bei sich angekommen, wenn man es so bezeichnen kann, und ist wieder in Kontakt mit seinen Gefühlen.

Durch die vielen Infos wird mir klar, was ich die letzten 15 Jahre erlebt habe. Im Augenblick weiß ich echt nicht, ob ich die Kraft habe, mit dieser Krankheit leben zu können.

Mein Mann ist seit dieser Woche in Therapie bei einer Frau Dr.***** in Bad Cannstatt und fängt auch an zu verstehen, was mit ihm los ist.

Ist es denn tatsächlich möglich, das alles einigermaßen in den Griff zu bekommen und ein "normales" Leben führen zu können?

Freue mich über Eure Erfahrungen!

Edit greentown: Ärztenamen dürfen hier aus rechtlichen Gründen nicht genannt werden
Zuletzt geändert von diamant67 am 15. Juli 2011 09:52, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Familie und Selbstständigkeit mit ADHS - Durch Therapie möglich?

Beitragvon papillonindigo » 15. Juli 2011 22:11

Hallo Diamant,

Ich denke auch dass du vieles erlebt hatte mit ihm, aber er auch viel mit dich... Wahrscheinlich habt ihr auch beiden einige fehler gemacht.

Ich finde gut dass du dich informiert hat und dass er auch etwas macht. Dass du ihm schon kennt, kann es durch eure neue wissen doch besser gehen? Natürlich, was ihr aus der beziehnung macht (Du und Dein mann) ist eure entscheid. Ihr konnt probieren aus eure neue erkenntnissen einiges zu nehmen und schauen was daraus kommt.

Wegen normale leben führen: was verstehst du unten eine normale leben? Wenn man so anders tickt als die merhheit die menschen, kann man doch vieles gar nicht so gut machen wie die mehrheit.

Einiges kann dein mann lernen, einiges könnt ihr beiden lernen damit zu umgehen und damit eine schöner leben haben. Aber egal wie weit er kompensiert, es wird für ihm vieles immer anstregender sein als eine nichtbetroffene.

Es gibt ADSler die ihre leben verdiennen und sogar eine familie ernähren. Es gibt auch viele die es nicht schaffen. Es gibt auch viele paaren die einiges rollemuster und vorstellungen gründlich in fragen stellen mussten und eine ganz individuel weg gefunden haben zusammen zu leben.

Ich kann mich nicht vorstellen dass man als ADSler eine wirklich "normale" leben leben kann in sinn was in unsere kultur als "normal" gilt. Aber wichtig ist auch auf seine eigenart rücksicht zu nehmen, damit ein weg finden und sich entfalten zu können.

Ich führe auf ein art keine "normale" leben und hatte es nie geschaft. 4 jahr nach diagnose, kann ich alltagspflichten besser bewähltigen (obwohl chaos immer zu finden ist), aber immer noch nicht mein leben selber verdienen... Aber ich habe endlich geschaft an eine arbeitsstellen mehr als 2 jahre zu bleiben ohne gekündigt zu werden.

Wie weit es sich bei dein mann sich entwicklen, wirst du mit der zeit sehen. Für einiges braucht es wirklich viel zeit und geduld.

lg
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