In eigener Sache

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tulipa
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In eigener Sache

Beitrag von tulipa » 21. Juni 2011 00:16

Hallo!

Ich weiß nicht wirklich, ob mein Beitrag hier richtig ist, weiß aber auch nicht, wo ich ihn sonst einstellen soll. (Falls ich hier nicht richtig bin, bitte Beitrag verschieben.)

Heute möchte ich mal in eigener Sache um Feedback bitten. Bisher ging's ja immer nur um meinen Mann und meinen Sohn.

Kennt jemand das Gefühl als wäre man von etwas getrieben? Als würde man sich nie richtig entspannen können? Immer ist noch was zu erledigen. Selbst Dinge, die verschoben werden können und wirklich nicht lebensnotwendig sind (wie Fenster putzen) sitzen einem „irgendwie“ im Nacken.
Früher stellte das „positiven“ Stress für mich dar, mittlerweile belastet mich das eher. Ich kann irgendwie einfach nicht abschalten. Selbst beim Masseur muss ich mich willentlich anstrengen, um die Massage einigermaßen genießen zu können.

Hinzu kommen Stimmungsschwankungen, die wechseln zwischen Euphorie (wird schon alles werden, zusammen bekommen wir das hin) und Resignation (ich kann nicht mehr, mir wird alles zu viel). Wobei die Stimmungsschwankungen meist an mein Umfeld gekoppelt sind. Positiver Zuspruch meiner Psychologin lösen das Gefühl aus, dass alles gut wird. Während mich ein Streit zwischen meinem Mann und seinem Vater (ich bin noch nicht mal selbst davon betroffen!) wieder komplett aus der Bahn werfen kann.

Oft habe ich keine Geduld mehr, könnte dann bei einer Kleinigkeit aus der Haut fahren. Als würden meine Nerven blank liegen.

Ich habe Entscheidungsschwierigkeiten und hinterfrage ständig getroffene Entscheidungen. Soll Sohn Medikamente bekommen: Ja, Nein, Ja, Nein, Ja. Zwei Tage frieden, und dann: War diese Entscheidung richtig? Ja, Nein, Ja, Nein, Ja, Nein ….
Ich war mir eigentlich jahrelang sicher, dass mein Mann und mein Sohn AD(H)S-betroffen sein könnten. Jetzt steht bei beiden (bei meinem Mann sogar von zwei Seiten) die Diagnose, und nun fange ich an zu hinterfragen ob das wirklich so ist.
Bin ich überfordert weil Sohn „schwierig“ ist, oder hat Sohn Schwierigkeiten, weil ich überfordert bin. (Nennt man das Gedankenkreisen?)

Ich suche häufig die Schuld/Fehler von etwas bei mir, neige zu Selbstvorwürfen und „schlechtem Gewissen“, kann schlecht Nein sagen, meine Meinung schlecht vertreten und versuche mich überall anzupassen (während mich meine Eltern in meiner Kinder- und Jugendzeit immer eher als dickköpfig und „unangepasst“ bezeichneten).
Bei einem Bewertungsgespräch im Beruf hieß es mal, ich wäre von Natur aus ein so freundlicher Mensch den man einfach gerne haben muss. Ich müsste nur mehr Selbstbewusstsein entwickeln.

Ich hab immer öfter das Gefühl nur von Termin zu Termin, von Verpflichtung zu Verpflichtung zu leben. Selbst der wöchentliche Sport mit einer Freundin kommt mir oft wie eine weitere  unliebsame Verpflichtung vor. Wobei ich mich noch nicht wirklich als depressiv beschreiben würde,  eher erschöpft.

Blöderweise tu ich mich schwer, Verantwortung weiterzureichen und Arbeiten zu delegieren. Neige dazu, mir zu viel aufzuhalsen und mich dadurch zu überfordern. Schaffe ich meine selbstgesteckten Ziele nicht, macht mich das oft unzufrieden.

Nun bin ich seit fast einem Jahr in verhaltenstherapeutischer Behandlung. Ursprünglich wegen einer Angststörung, die ich entwickelte als die Depression meines Mannes ihren Höchstpunkt erreichte. Mittlerweile geht es überwiegend darum, dass ich mehr auf mich achten muss und wie das umgesetzt werden könnte. Pausen schaffen, Zeit für mich.
Ich habe bereits bei meinem Arbeitgeber den Antrag gestellt, nur noch vier Tage/Woche zu arbeiten. Und ich hab einen Antrag für eine Kur hier liegen (ich muss nur noch entscheiden, ob ich eine Familienkur oder eine Mutter-Kind-Kur beantrage, oder doch ganz alleine fahren soll.)  Zu Hause haben wir eine Umverteilung der Hausarbeit vorgenommen, aber ich fürchte, dass ich meinen Mann nach der anfänglichen Euphorie bald wieder zur Mithilfe motivieren muss.
Die Veränderungen habe ich ohne Absprache mit der Therapeutin angeleiert. Und sie meinte heute, genau das hätte sie mir auch geraten: im Alltag Erleichterung und eine längere Auszeit.
Ist die Therapie somit ausgereizt?

Ist jetzt vermutlich etwas durcheinander, aber trotzdem:
Was denkt ihr über meinem „Zustand“? Freue mich über jede Meinung.

Vielen Dank für's lesen!

Schöne Grüße
tulipa
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Re: In eigener Sache

Beitrag von papillonindigo » 21. Juni 2011 17:31

Hallo tulipa,

Kann sein dass du dich verpflichtet fühlst einfach alles zu machen? Dabei hast du recht nach pausen und auch nach hilfe wenn dich zu viel wird.

So eine muster findet man ehe oft bei frauen, da wir klein lernen für andere zu schauen. Mit ADS kann es schlimmer werden, weil wir dazu oft erleben dass wir einiges nicht so gut können wie andere.

Ich finde sonst, was du machst eigentlich schon richtig (mehr pausen) und es wird sicher etwa zeit brauchen bis du selber weisst und wahrnehmen kann wo deine grenzen sind und sie auch respektiert.

Um dein mann bei haushalt zu motivieren kann helfen (ganz wichtig) ihm wieder danke sagen wenn er etwas macht und eine augen zudrücken wenn es nicht perfekt ist und ihm auch freiraum lassen wie er es machen möchte (oder sogar abwesend sein, damit du nicht auf die idee kommt zu kommentieren). Du kannst ihm auch aufgaben lassen die er besonders gut und gerne macht. Mein freund tut sehr gut abwaschen, besser als ich und daher bin ich auch zufrieden wenn er es macht.

Wenn er durch der hilfe der er dich gibt, sieht dass du entspannter bist und mehr zeit für ihm hast ist auch eine schöne belohnung.

lg
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Re: In eigener Sache

Beitrag von tulipa » 21. Juni 2011 21:54

Hallo papillonindigo


[quote="papillonindigo"]
Kann sein dass du dich verpflichtet fühlst einfach alles zu machen?
[/quote]

Das trifft den Nagel auf den Kopf.

Allerdings ist in den letzten Jahren einfach auch viel an mir hängen geblieben. Mein Mann hatte Depressionen, die letztes Jahr ihren Höhepunkt mit psychotischen Symptomen hatte. Jetzt ist er medikamentös eingestellt und es geht ihm eigentlich ganz gut. Aber ich tu mich trotzdem schwer, Verantwortung auf ihn zu übertragen. Hab irgendwie Angst, ihn zu überfordern. Dabei weiß ich durch die Therapie ja auch, dass es auch nicht gut tut, ihn jetzt wie ein rohes Ei zu behandeln.


[quote="papillonindigo"]
Ich finde sonst, was du machst eigentlich schon richtig (mehr pausen) und es wird sicher etwa zeit brauchen bis du selber weisst und wahrnehmen kann wo deine grenzen sind und sie auch respektiert.[/quote]

Na ja, meine Grenzen zeigen sich gerade ganz von selber.

Irgendwie kommt's mir so vor, als wäre jetzt der Raum da, für  meine Erschöpfung. Während der ganzen letzten zwei Jahre, war ich nie so erschöpft. Klar, mal verzweifelt, mal voller Angst, aber immer bereit nach vorne zu gehen. Und jetzt komm ich mir vor wie jemand der sich abmühte um nicht zu ertrinken und nun am Strand liegt und keinen Schritt mehr weiter schafft.

LG
tulipa
Zuletzt geändert von tulipa am 21. Juni 2011 21:55, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: In eigener Sache

Beitrag von papillonindigo » 22. Juni 2011 17:29

Hallo tulipa,

Ja, sich um eine krank mann zu kümmern ist anstregend, aber kann zu leben gehören. Ich finde auch schön dass du es gemacht hattest. Wenn es mein liebsten schlecht geht bin ich auch für ihm da. Eine zeit lang können wir so was verkraften, wenn es nicht zu lange geht.

Jetzt scheint mich ehe die zeit zu sein dass du dich erholt und dich von dein mann mal verwöhnen lässt. Wenn es ihm besser geht, hat er vielleicht auch lust mal aus dankbarkeit dich zu unterstützen? Es kann ihm seine selbstwertgefühl auch stärken wenn er dich unterstützen kann und etwas im haushalt machen kann.

Es scheint klar zu sein dass du wirklich jetzt viel ruhe brauchst. Vielleicht stört niemand wenn der wohnung etwa dreckig ist (männer sind oft diesbezüglich pflegeleicht) und etwa chaotisch. Vielleich tstért auch niemand etwas schnell und einfach gekocht zu essen, so lange dass es schmeckt.

lg
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Re: In eigener Sache

Beitrag von tulipa » 23. Juni 2011 14:47

Hallo papillonindigo,

danke erstmal für deine Antworten!

[quote="papillonindigo"]
Jetzt scheint mich ehe die zeit zu sein dass du dich erholt und dich von dein mann mal verwöhnen lässt. Wenn es ihm besser geht, hat er vielleicht auch lust mal aus dankbarkeit dich zu unterstützen? Es kann ihm seine selbstwertgefühl auch stärken wenn er dich unterstützen kann und etwas im haushalt machen kann.

Es scheint klar zu sein dass du wirklich jetzt viel ruhe brauchst. Vielleicht stört niemand wenn der wohnung etwa dreckig ist (männer sind oft diesbezüglich pflegeleicht) und etwa chaotisch. Vielleich tstért auch niemand etwas schnell und einfach gekocht zu essen, so lange dass es schmeckt.[/quote]

Da mein Mann ja merkt, dass es mir momentan nicht so besonders gut geht, versucht er mich zu unterstützen wo er kann und  ist auch wirklich verständnisvoll.
Besonders anspruchsvoll was Ordnung im Haus oder aufwendiges Kochen angeht, war er ja eh noch nie. Also von daher ist das nicht das eigentliche Problem.
Mein Problem ist eher, dass ich nach wie vor diese Ansprüche an mich stelle. Sollte ich neben Job und Kinder zur Therapie fahren, Kochen und das nötigste im Haushalt mal ein paar Stunden Zeit zum Nichtstun haben, kann ich das nicht richtig genießen, weil ich ja im Hinterkopf habe, dass ich eigentlich ja noch Fenster putzen, Unkraut jäten, mich mit den Kindern beschäftigen oder sonstwas sollte. Irgendwie läuft mein Kopf mit 120 % während der Rest nur noch zu 80 % funktioniert. Das blöde ist, ich weiß es, und tu mich trotzdem so schwer etwas zu ändern.

Hinzu kommt dann, dass ich, obwohl mein Mann sich wirklich um mich bemüht, trotzdem von ihm genervt bin, weil er einfach viel zu viel anfängt und nichts fertig macht. Er hat unsere Terrasse erst zur Häfte fertiggestellt, aber schon mal palettenweise Pflastersteine für unseren Hof liefern lassen. Er bastelt seit zwei Wochen am Auto eines Freundes rum, obwohl unseres nicht richtig geht. An manchen Tagen stört mich dass weniger und ich denke mir, es läuft uns ja nichts davon. Wichtig ist dass es ihm/uns gut geht. Und an anderen Tagen könnte ich schon morgens an die Decke gehen, weil einfach nichts vorwärtsgeht.

Schöne Grüße von einer tulipa, die sich momentan selbst nicht ausstehen kann. :baw:
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Re: In eigener Sache

Beitrag von graffiti » 23. Juni 2011 20:18

du schreibst, du hast das gefühl, auseinanderzufallen, weil jetzt der platz dafür da ist.

ich habe mit 3 kindern erst studiert, dann vollzeit gearbeitet.
phasenweise vor der arbeit noch tageszeitung ausgetragen.
mit meinem damaligen mann nur noch in einer wohngemeinschaft gewohnt.

dann ist meine mutter gestorben, ich habe mir allein eine wohnung gesucht, die kinder waren alle 3 aus dem haus & alle 3 wie durch ein wunder auf positiv-kurs, ich hab mich seit ewigen zeiten wieder mal verliebt.
statt diesen himmlischen rundum-gut-zustand genießen zu können, hab ich meinen job hingeschmissen & bin in den burnout geklappt.

so ähnlich, wie man krank wird, wenn man endlich urlaub hat.
weil man der erschöpfung endlich raum gibt, weil man es sich endlich selber erlaubt.

was ich in deiner situation machen würde:
auf jeden fall allein auf kur fahren, dort kannst du dich ein paar wochen ausschließlich um dich selber kümmern.
mir würde das am meisten helfen.
bin ich froh, daß ich mir diese nachdenk-zigarette nicht angezündet habe, als ich die gasleitung abgemäht habe :icon_mrgreen:<br />oder: alles wird gut.
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