Wieviel Zerstreutheit ist "normal"?

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Laura6488
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Wieviel Zerstreutheit ist "normal"?

Beitragvon Laura6488 » 26. Januar 2011 17:55

Hallo,
ich habe ADHS und mache gerade eine Verhaltenstherapie zusätzlich zur Medikamentation.
Ich bin mit den Medikamenten im Großen und Ganzen zufrieden!
Ich weis auch, dass diese Medikamente aus mir kein Genie oder keine Maschine machen, die perfekt und fehlerfrei funktioniert. Aber ich verlange ihnen trotzdem oft viel ab! Wenn ich mal was vergessen sollte, könnte ich grad ausrasten! Auch, wenn es Nicht-ADHS´lern auch mal passiert, dass sie was vergessen oder mal zerstreut sind.
Deswegen möchte ich mal wissen, wieviel Zerstreutheit, Vergesslichkeit und Tagträumerei/Gedankenabwesenheit an Häufigkeit bei Nicht-ADHS´lern noch so im Normbereich liegt.
Ich weis, diese Frage klingt absurd! Welcher Mensch führt schon ein Tagesprotokoll darüber, wie häufig am Tag er was vergisst, mit den Gedanken abschweift, anderen Leuten oberflächlich zuhört, zerstreut ist, ect...
Ich musste hier letztens "als Hausaufgabe" für meine Therapie eine Woche lang tatsächlich eine Strichliste führen, wo oft am Tag - trotz Medikamenteneinfluss - meine ADHS-typischen Symptome zum Vorschein kamen.

Gibt es hier vielleicht doch den/die eine/n oder andere/n, die/der mir diesbezüglich eine Antwort geben kenn???


Lieben Gruß
Laura
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Donovan
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Re: Wieviel Zerstreutheit ist "normal"?

Beitragvon Donovan » 26. Januar 2011 18:16

Hahahaha. Die grosse Frage: Was ist "normal"?

Meiner Meinung nach ist "Normal" so eine Art Durchschnitt. Aber wenn Du gut um Dich herum schaust, wirst Du vielleicht herausfinden, dass es diese normale Leute nicht gibt. Jeder scheint etwas zu haben, was ein Bisschen abweicht von dem, was als "normal" angesehen wird.

Ich glaube in Sachen Zerstreutheit, Vergesslichkeit und Tagträumerei/Gedankenabwesenheit sollte es als normal angesehen werden, wenn die tagtäglichen Beschäftigungen nicht dermassen davon beeinflusst werden, dass der Mensch sie nicht mehr im nötigen Umfang erledigen kann. Also wenn es zu einer Störung der "normalen" Tätigkeiten kommt.

Das Problem dabei: Es gibt viele Ursachen für Zerstreutheit, Vergesslichkeit und Tagträumerei/Gedankenabwesenheit. Also muss das ganze Leben betrachtet werden, nicht nur die ADHS Komponente. Hast Du Dich zB in ein Job begeben, der zu viel von Dir verlangt, nützt es nicht die ADHS-Therapie als ungenügend abzustempeln, wenn Du anscheinend immer noch zerstreut, vergesslich und mal abwesend bist.

Oder anders gesagt: Auch nicht ADHS-ler kannst Du in Situationen setzen, worin sie plötzlich mit Zerstreutheit, Vergesslichkeit und Tagträumerei/Gedankenabwesenheit zu kämpfen haben.

Wichtiger ist deshalb wahrscheinlich, ob die Therapie etwas verbessert und nicht so sehr ob es ganzheitlich verschwindet.
Gruss, Donovan.

Ironie & rhetorische Fragen verstehe ich oft buchstäblich. Bitte um Verständnis, Verzeihung und falls möglich Vermeidung.

"Falls Du verpasst hast es zu Vermeiden: Mag es, Beende es oder Verändere es - Motzen ist nicht sinnvoll."
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Re: Wieviel Zerstreutheit ist "normal"?

Beitragvon ADHDgoesto11 » 26. Januar 2011 18:35

[quote="Laura6488"]Deswegen möchte ich mal wissen, wieviel Zerstreutheit, Vergesslichkeit und Tagträumerei/Gedankenabwesenheit an Häufigkeit bei Nicht-ADHS´lern noch so im Normbereich liegt.[/quote]

Wenn das Vergessen die Ausnahme ist, dann ist es normal. Wenn es die Regel ist (d.h. wenn man ziemlich vorhersagbar immer und immer wieder genau die selben Sachen vergisst), dann nicht.

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Laura6488
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Re: Wieviel Zerstreutheit ist "normal"?

Beitragvon Laura6488 » 28. Januar 2011 09:50

Genau das ist die große Frage: "Was ist NORMAL?????"
Bevor ich wusste, dass ich ADHS habe, empfand ich mich selbst ja als völlig in Ordnung bzw. als "normal". Ich kannte die Welt ja auch nicht anders, als durch "meine Augen"! Ich dachte halt: "Naja, ich bin halt ein bisschen schusselig, aber was soll´s?" Es war mir nie bewusst, dass ich in einem extremeren Ausmaß zerstreuter bin als die breite Masse der anderen Menschen in meiner Umgebung. Nur die ständigen Vorwürfe, Kritiken, das gernervte Gestöhne der Mitschüler, wenn der Lehrer mir oftmals etwas nochmal erklären musste, weil ich nicht aufgepasst habe usw. hat mich eben sehr gekränkt. Und dann viel mir selbst auf, dass ich mit einigen Verhaltensweisen schon von der Menge der Menschen in meiner Umgebung abweiche, dass ich aber nichts dafür konnte, so sehr ich es auch versuchte. Und dann kam allmählich raus, was wirklich mit mir los ist.
Da ich ja aber immer wieder kritisiert wurde und belächelt wurde, muss es ja eine "Norm" geben, von der ich abweiche! Denn ich bin ja anscheinend "anders". Also nicht, was den Charakter betrifft, das ist klar. WÄre ja langweilig, wenn alle Menschen den gleichen Charakter haben. Aber, was die ADHS-Symptome betrifft, unterscheide ich mich ja somit von der "gesunden" Menschheit. Oder soll ich sagen, ich lebe einfach in der "falschen" Gesellschaft? Die Frage danach, wieviel der ADHS-typischen Symptome an Häufigekit auch bei gesunden Menschen zum Vorschein kommen in einem bestimmten Zeitraum ist eine schwer zu beantwortende Frage. Das ist wahrscheinlich so ähnlich wie die Frage: "Was ist der Sinn des Lebens?" Da hat jeder eine andere Antwort drauf, genauso wie auf meine Frage. Aber ich will es trotzdem wissen! Denn ich will nicht weiterhin in hohem Ausmaß von dem "Durchschnitt" abweichen!

Gruß
Laura
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Re: Wieviel Zerstreutheit ist "normal"?

Beitragvon papillonindigo » 28. Januar 2011 11:33

Hallo Laura,

Auch mit medis verhalte ich mich oft nicht "normal". Vieles geht schon besser, aber einiges bleibt einfach. Ich falle manchmal immer noch auf, und? Ich habe noch der wahl was ich damit mache. Es geht mich besser wenn ich es einfach annehme, mit humor reagiere und um unterstützung bitte, wenn ich es brauche.

Daher ist es wichtiger "normal" zu sein, oder glücklich? Genügt es nicht wenn du mit dich und dein leben ein weg gefunden hat der für dich stimmt? Ich denke, es stört weniger jemand der sich alles notiert und so zuverlässig ist (weil er kompensiert), oder jemand der zu seine schwäche steht und darüber mit humor reagiert, als eine der sich als cool gibt, alles vergisst und dann gereizt reagiert...

Auch mit ADS, vielleicht auch ohne medis, aber in der ideale umfeld wirst du vielleicht nicht auffallen oder nur positiv. Naja, diese ideale umfeld gibt es oft einfacht nicht...

Auch "stino" in falsch umfeld, oder mühe, können viel mist bauen...

Wenn du wirklich wissen will, kannst du selber beobachten: wie oft tuen andere menschen um dich etwas vergessen? Dann zählst du solche fehler in deine klasse und macht eine tagesdurschnitt daraus... Aber ich befüchte dass du aus deine ziel zu schauen was normal ist, dass du es mehr benützt um dich selber klein zu machen und dich als "daneben" zu sehen...

Besser finde ich wenn du lernst mit dich zu umgehen, dich so annimmt wie du bist. Es wird dich damit auch mehr egal sein ob du auffällst oder nicht.

Ich finde auch, normen ist von menschen bestimmt und daher blöd (weil der menschliche blödsinn so unbegrenzt ist). Im natur gibt es mehr der vielfalt...

lg
:vier: So geht es mir beim Rebound oder nach einem langen Stadtbummel
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Re: Wieviel Zerstreutheit ist "normal"?

Beitragvon Donovan » 28. Januar 2011 11:49

[quote="Laura6488"]
Aber ich will es trotzdem wissen! Denn ich will nicht weiterhin in hohem Ausmaß von dem "Durchschnitt" abweichen![/quote]

Dieser Weg bin ich auch gegangen. Das hat zu ständigem Anpassen geführt. Beziehungen bin ich angegangen wie mit einem Gummiband um meinem Körper, das irgendwo anders befestigt war. Eine Weile hält man das durch. Aber irgendwann schiesst Du mit Gewalt wieder zurück zu dem Punkt, wo Du eigentlich bist.

Es geht darum Deine Persönlichkeit zu kennen und zu akzeptieren. Und Leute zu suchen, die das auch machen.

Das frustrierende an ADHS ist, dass man oft nicht das zeigen kann, wofür man eigentlich steht. Ich fühle mich oft so, alsob ich mit einem Fassnachtsanzug durch die Gegend laufen würde. Alle glauben ich sei so, aber ich weiss, ich bin eigentlich anders.
Gruss, Donovan.

Ironie & rhetorische Fragen verstehe ich oft buchstäblich. Bitte um Verständnis, Verzeihung und falls möglich Vermeidung.

"Falls Du verpasst hast es zu Vermeiden: Mag es, Beende es oder Verändere es - Motzen ist nicht sinnvoll."

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