manchmal würde ich mir wünschen.....

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starshine
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manchmal würde ich mir wünschen.....

Beitrag von starshine » 17. Januar 2008 10:36

manchmal würde ich mir wünschen, dass es einfacher wäre. Manchmal würde ich mir wünschen, dass mein Partner mich mal in den Arm nimmt, mich anfasst, sich nicht dauernd an mir stört, mich wahrnimmt wie ich bin, nicht immer die Nadel im Heuhaufen sucht, sich nicht an meiner Frisur stört, nicht an meinen Klamotten, nicht das Gefühl hat ich würde zu laut atmen - einfach ganz normal ist!

Seit 4 Monaten wissen wir, dass er ADHS hat und wenigstens weiss ich seitdem, dass es nicht persönlich gegen mich geht. Wir versuchen es ohne Medis in den Griff zu kriegen, was nicht immer einfach ist. Aber ich möchte auch mal sagen dürfen, dass es mit der Portion Humor nicht immer getan ist. Als Partner fragt man sich schon manchmal, wie es wäre wenn.... viele Dinge könnten sehr viel einfacher sein.

Manchmal komme ich mir vor, als würde ich gar nicht existieren. Auch ich habe meine "Berge" zu bewältigen, auch ich habe Bedürfnisse und auch ich brauche Lob und Motivation, Streicheleinheiten und mal jemanden zum Ausheulen. Auch bei mir gibt es Dinge, die ich nicht leiden kann - aber ich mache keinen Aufstand daraus. Ich habe auch Befindlichkeiten und möchte auch ohne ADHS endlich mal wahrgenommen werden.

So, das musste einfach mal raus.
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maerenthaler
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Re: manchmal würde ich mir wünschen.....

Beitrag von maerenthaler » 17. Januar 2008 23:36

Hallo starshine,

ja, Du hast recht.

Laß es raus.

Fordere Dein Recht, Du hast einen Anspruch darauf.

Und ich behaupte, auch als ADS-ler kann man solche Ansprüche erfüllen.

Solange ich noch nichts von meiner ADS wußte,
konnte ich immer nur "miterleben",
daß ich meiner Frau Schmerz zufügte,
ohne zu hinterblicken,
wieso ich denn
jetzt schon wieder
und warum
und was denn überhaupt
falsch gemacht haben könnte.

Ich konnte einfach nur konstatieren,
daß meine Frau offensichtlich nicht nur viele Dinge ganz anders sah und empfand als ich,
sondern darunter auch erheblich zu leiden hatte.

Wobei der Ausdruck "darunter zu leiden hatte" bestreitbar ist,
sie hatte definitiv durch mich zu leiden.

Und ohne das Wissen um ADS war Zoff vorprogrammiert,
ich war aus meiner Sicht heraus völlig unschuldig
und aus der Sicht meiner Frau heraus der renitente rechthaberische Tyrann,
der ausschließlich nur an sich und sonst nichts anderes denkt.

Nein, nicht immer und ununterbrochen,
sonst wären wir schon längst nicht mehr zusammen (33 Jahre verheiratet),
aber immer und immer wieder auf's neue,
teilweise mit immer und immer wieder den alten,
längst abgehakt geglaubten Fehlern neu gemacht.

Heute gehen wir anders damit um.

Meine Frau hilft mir, zu erkennen,
wo mir eine ADS-bedingte Hyperfokussierung
mal wieder meine Wahrnehmung verzerrt.

Ich selbst versuche,
meine Liebe zu meiner Frau nicht nur in meinem Kopf,
sondern in Handeln und Tat auch für meine Frau erkennbar zu leben.

Es bedarf dazu eines Lernprozesses, den wir beide durchmachen müssen.

Das Lernen ist schwer, Mißerfolge werfen einen auch mal zurück,
aber unter dem Strich hat sich unser Zusammenleben
durchaus verändert und verbessert.

Damit wir aber überhaupt an diesen Punkt haben kommen können,
war es unbedingt nötig,
nicht nur unserem Partner,
sondern auch jeder sich selbst klar zu machen und zu formulieren,
welche Ansprüche man an den Partner,
aber auch an sich selbst zu stellen beabsichtigt.

Und wie man diese Ansprüche denn realisieren will.

Und dazu ist es wichtig, daß man ehrlich miteinander umgeht,
ehrlich dem Partner gegenüber,
aber auch unbedingt ehrlich sich selbst gegenüber.

Und "raus zu lassen", wie Du es gepostet hast, ist gut.

Alles Gute
Christian
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nordische Prinzessin
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Re: manchmal würde ich mir wünschen.....

Beitrag von nordische Prinzessin » 18. Januar 2008 15:40

Hallo!
Was maerenthaler so lieb erklärt hat, so sieht das mein Mann auch!!!
Besser hätte er es nicht zusammenfassen können....vor allem ohne die Medis hatte er mich gar nicht richtig "gesehen".

Wir lernen auch beide, auf die Bedürfnisse des anderen zu achten, auch weil ich genauso nicht gesund bin.
Aber eins wissen wir:

OHNE seine Medis würde es NICHT gehen!!!
Darum kann ich auch nur raten, dass ihr darüber redet, was mit den Medis für ihn und für euch doch für eine Erleichterung kommen würde.
Das muss er erst verstehen....vielleicht zeigst du ihm mal das, was du und andere hier im Forum geschrieben haben, auch wegen Medikamenten, wie sie geholfen haben????

Wünsche dir alle Kraft!!! Und einen Schritt habt ihr ja schon, die Diagnose, nun weiter nach vorne schauen....und deinen Frust, den kann ich sehr gut verstehen....mir ging es fast 14 Jahre so!
Erst dann kam die Diagnose ADHS bei meinem Mann und erst später die Einsicht, ein Medikament zu nehmen.
Drücke dich mal ganz lieb...und Kopf hoch :knuddel:

die Prinzessin
Zuletzt geändert von nordische Prinzessin am 18. Januar 2008 15:41, insgesamt 1-mal geändert.
"Lass die Leute reden, sie reden über jeden!"

4Kinder15,13,9,7/davon3mitADS/ADHS  meinMann=ADHS/ich=bipolarII
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starshine
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Re: manchmal würde ich mir wünschen.....

Beitrag von starshine » 21. Januar 2008 10:00

:inlove: Wow, gleich 2 Antworten! Ich bin überwältigt. Und dazu sind auch noch beide sehr hilfreich für mich - DANKE :-)

Mit Medis möchten wir eigentlich nicht (noch nicht?) arbeiten. Die Therapie hat schon sehr viele Verbesserungen gebracht und ich habe auch Angst davor, dass die positiven Seiten seines "Andersseins" durch die Medis verloren gehen.

Das Problem bei meinem Mann ist eigentlich vor allem, dass er einen Aspekt von ADHS voll akzeptiert hat und daran arbeitet (Chaosbewältigung, an Aufgaben dran bleiben, Listen erstellen und abarbeiten etc.) aber die Gefühlsseite komplett nicht angeht und sich nicht damit auseinandersetzt. Er denkt in dieser Beziehung immer noch, dass er "total normal" ist und alles "richtig" macht. Wenn ich ihn sanft darauf hinweise, dass das vielleicht nicht so ist, dann blockt er total ab und meint, ich sollte das mal nicht überbewerten.

Anderen Menschen gegenüber beweist er immer wieder eine hohe Sensibilität und soziale Kompetenz - im Bezug auf mich merkt er überhaupt nicht, was er tut und wie er mich immer wieder verletzt. Er möchte von mir (auch mit ADHS) voll angenommen werden mit sehr, sehr viel Verständnis, ist aber im Gegenzug nicht wirklich bereit sich mit mir auseinanderzusetzen. Er denkt, er hätte ja jetzt alles im Griff weil er einen Job hat und vieles besser geworden ist. Mir gibt er aber immer wieder das Gefühl, dass er mir vorschreiben will wie ich zu sein habe anstatt sich mit mir auseinanderzusetzen und mich auch anzunehmen wie ich bin - als eigenständige Person mit guten und weniger guten Aspekten.

Der Ausdruck Tyrannei gibt mir zu denken, denn das findet tatsächlich statt. Es hat alles nach seinem Kopf zu gehen und er ist nicht bereit auch mal etwas "anderen zu liebe" zu tun.

Ich weiss einfach nicht, wie ich seinen Blick für diese Defizite öffnen kann - hat vielleicht hier jemand Ideen?

Liebe Grüsse
starshine
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maerenthaler
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Re: manchmal würde ich mir wünschen.....

Beitrag von maerenthaler » 21. Januar 2008 10:18

[quote="starshine"]
Ich weiss einfach nicht, wie ich seinen Blick für diese Defizite öffnen kann - hat vielleicht hier jemand Ideen?
[/quote]

Mach ihm klar, daß er Dir weh tut:

Schrei Aua, und verlange, daß er seine "Gewalt" beendet,
in dem Moment, wenn diese Gewalt passiert.

Nicht irgendwann später,
sonst fehlt der Bezug und man (ich zumindest) kann es schlecht nachvollziehen.

Und wenn ich's nicht nachvollziehe,
begreife ich's auch nicht,
und dann bleibt auch die Konsequenz aus.

Und laß ihn evtl. diesen Thread lesen.

Immerhin drückt er Deine Gefühle und Gedanken aus
und zeigt, daß es anderen zwar genauso geht,
es aber auch nicht unabänderlich ist.

LG
Christian
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starshine
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Re: manchmal würde ich mir wünschen.....

Beitrag von starshine » 21. Januar 2008 13:29

Maerenthaler, besten Dank für die Antwort. Ich schreie "Aua" und sehe auf der anderen Seite nur Unverständnis. Vor allem kommt er gar nicht darauf, dass es vielleicht mit ADHS zu tun hat und wenn ich ihn dann mit der Nase draufstosse (z.B. auch den Link zu diesem Forum schicke), dann kommt eben das Argument: nicht alles an mir hat mit ADHS zu tun und ich solle das nicht überbewerten. Darauf habe ich gesagt, dass ich aber hier Antworten auf seine Verhaltensweisen finde und ich deshalb der Meinung bin, dass es sehr wohl damit zu tun hat.

Wir haben im März nochmal einen gemeinsamen Gesprächstermin mit dem Therapeuten der die Diagnose gestellt hat. Ich arbeite darauf hin, diese Verhaltensweisen "zu sammeln" und dort vielleicht etwas zu erreichen. Das Problem daran ist nur wieder, dass dann von ihm kommt: Du hast mal wieder alles gesammelt um mich hier platt zu machen. Aber er hört mir ja nicht zu und nimmt mich nicht ernst.

Eigentlich dachte ich, dass wir gemeinsam daran arbeiten sollten und jeder dem anderen zuhören sollte und den anderen auch ernst nehmen sollte. Gleich nach der Therapie war das auch so, aber jetzt hat er durch den Job so viel Fahrwasser, dass er eben wieder nicht mehr zuhört.

Manchmal habe ich es so satt und denke, es könnte doch alles so viel einfacher sein. Eine ganz normale Beziehung in der man sich auch mal fallen lassen kann und nicht alles harte Arbeit ist.... wo man nicht dauernd einstecken muss sondern auch mal was bekommt... so das ganz normale geben und nehmen ... nicht immer wieder von vorne anfangen zu müssen weil aus Fehlern auch nicht gelernt werden kann....

Das allerschlimmste daran ist, dass er mir dauernd den Vorwurf macht, dass ich komplett unreflektiert wäre. Und wenn er sich Gedanken über Reaktionen meinerseits macht, dann höre ich nur, dass er mich überhaupt nicht versteht und seine Gedanken über mich und meine Gedanken zum Teil so abwegig sind, dass ich mich frage, ob er mich in den 10 Jahren überhaupt kennengelernt hat.

Ist das in einer Beziehung nicht alles ein bisschen viel verlangt? Ich möchte gerne auch mal wieder leben können, frei atmen... Wenn wir nicht 2 gemeinsame Kinder hätten - ich glaube, ich wäre schon vor vielen Jahren einfach weggelaufen.

Eigentlich eine gute Idee, ihm diesen Thread zu zeigen... vielleicht findet er ja neben all seinen vielen Beschätigungen, die ihn so viel Kraft kosten, ja doch noch Zeit dafür? Ich frage mir nur, warum ich mich mit ADHS mehr auseinandersetze als er? Wege suche zu verstehen - manchmal frage ich mich wirklich, ob ich noch zu retten bin....

Vielen Dank für Eure Ratschläge - vielleicht gibt es ja doch noch Wege. Die Hoffnung stirbt ja zuletzt  :-)
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Re: manchmal würde ich mir wünschen.....

Beitrag von mesme » 21. Januar 2008 15:55

Hi starshine,

ja, das alles kenne ich auch. Ich frage mich auch, wieso setze ich mich so sehr mit ADS auseinander, und der andere tut immer noch so, als wär er völlig normal und man selbst total im Unrecht.

Bei mir ist es inzwischen soweit, dass ich immer mehr zumache, weil ich keine Lust auf Streitereien habe und auch nur in den seltensten Fällen gegen seine Argumentation anstinken kann. AUch dieses Rückhalt suchen durch den Therapeuten kenne ich daher sehr gut, denn da sitzen dem ADSler auf einmal zwei gegenüber, die die Normalo-Seite vertreten und nicht nur ich alleine. Man hofft halt, dass das die Einsicht fördert, aber das stimmt natürlich nur bedingt...

Und es ist auch so, dass die Probleme oder das "Fehlverhalten" so viel und so häufig ist,  dass man eigentlich unmöglich alles über dem anderen (auch im Rahmen einer Therapiesitzung) ausbreiten kann, weil klar ist, dass das nur zu Abwehr führen kann. Örk. Ich hab leider keine Ahnung, was man da machen kann. :fr: Ausser, sich soviel wie möglich vom anderen abzugrenzen und zu -setzen...

Ich bin froh, dass mein Mann immerhin einige Züge hat, von denen ich klar profitiere, sonst wär es unerträglich. Allerdings muss ich sagen, dass ich auch noch darauf warte, dass er enldich einen verträglichen, möglichst unbefristeten Job findet, da verspreche ich mir auch ein bisschen Entspannung von.

Ach je, also bedauern wir uns mal gegenseitig, immer in der Hoffnung auf Einsicht und Besserung...

mesme
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Re: manchmal würde ich mir wünschen.....

Beitrag von maerenthaler » 21. Januar 2008 16:24

Nun, ich würde gerade das Sammeln von solchen Vorfällen nicht machen,
weil, wie gesagt, der Bezug einfach verloren geht.

Meine Frau hat's auch früher so probiert, natürlich erfolglos,
ich hab' sie nur gefoppt,
sie werde nicht hysterisch sondern historisch,
sie wärmt die alten Kamellen auf und erzählt's dann auch noch gerade verkehrt herum.

Außer, daß ich nur noch pur auf Abwehr gegangen bin,
kam dabei nichts rum.

[quote="starshine"]
Und wenn er sich Gedanken über Reaktionen meinerseits macht, dann höre ich nur, dass er mich überhaupt nicht versteht...  [/quote]

Wenn er sich aber auf Deine Reaktionen hin, wie Du es sagst, Gedanken macht,
in der Situation mußt Du zum einen die Nerven behalten,
um einen Streit nicht eskalieren zu lassen,
aber auch stark genug sein, von ihm abzuverlangen,
daß er sich z. B. der Frage stellt,
was er denn dazu tut, Dich zu verstehen.

Und die Antwort auf diese Frage muß "jetzt" kommen,
nicht vertagen, bis es wieder vergessen ist.

Das ist mit Sicherheit das Schwierigste von allem,
ich weiß es,
ich habe mich mein ganzes Leben lang darauf trainiert,
mich genau da an dieser Stelle nicht festnageln zu lassen.

(Ich habe besondere Hochachtung meiner Frau gegenüber,
daß sie es doch geschafft hat, und wir heute dazu in der Lage sind,
miteinander zu reden, ohne direkt in Konfrontation zu gehen.)

LG
Christian
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