| Emotionale Apathie | Antrieb | Projektion positiver Emotionen auf die Zukunft |

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Psychotic_Black_Rabbit
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| Emotionale Apathie | Antrieb | Projektion positiver Emotionen auf die Zukunft |

Beitrag von Psychotic_Black_Rabbit » 3. Juli 2016 18:00

(falls es für diesen Beitrag einen Bereich gibt der als besser geeignet erachtet wird, bitte ich ihn in den entsprechenden Bereich zu verschieben, da ich an einer größtmöglichen Beteiligung interessiert bin)
Ich möchte mich gern mit anderen AD(H)Slern über das Thema "gezieltes nutzen von Emotionen" Unterhalten.
Was könnt ihr mir zu den Benannten Punkten berichten?
Emotionen, Antrieb, Apathie, AD(H)S, Psychologie, Neurologie. Wo seht ihr Zusammenhänge, was sind eure Erfahrungen und Beobachtungen an euch selbst.


Zu meinen Bezug zum Thema.
Durch das Auseinandersetzen mit Themen wie Antriebslosigkeit, Emotionen und AD(H)S bin ich zu einer These gekommen die mir den Mechanismus des Selbstantriebs auf einer Art und Weise erklärt die mir endlich einen nachvollziehbaren Sinn ergibt.
Selbstantrieb funktioniert in dem man positive Emotionen auf ein Ziel in der Zukunft projiziert.
In Folge dessen sollte das Hirn eines neurotypischen Menschen Glücks und Erfolgshormone als eine Art Vorschuss für das Erreichen eines zukünftigen Ziels ausstoßen. Vergleichbar mit dem Vorgang im Hirn der zu Vorfreude führt.
Der Selbstantrieb eines neurotypischen Menschens funktioniert also meiner Auffassung nach ähnlich wie man sich das Bild des Esels mit der Karotte vor der Nase vorstellt.

Konfrontation mit der Aufgabe -> Gedanke an das Ziel -> Gedanke an die Belohnung oder den Erfolg -> Erzeugen eines Emotionalen Vorschusses auf die Emotion zum Erhalt der Belohnung oder dem erreichen des Erfolgs

Eine positive Emotion die in der Zukunft liegt muss also mit einer Handlung in der Gegenwart verknüpft werden um Antrieb zu generieren.
Was aber, wenn die Grundvoraussetzung für diesen Mechanismus, die Fähigkeit Emotionen auf die Zukunft zu projizieren beeinträchtigt ist?
Nicht unbedingt in dem Sinne dass man überhaupt keine Emotionen besäße oder überhaupt kein Konzept von dem was die Zukunft ist.
Sondern viel mehr der Verknüpfung und Interaktion von Emotion und Zukunft.

Kinder bevorzugen nachgewiesener Maßen kurzfristig erreichbare Ziele,
mit steigendem Alter verschiebt sich dieser Vorzug immer weiter in Richtung von Zielen die in der Zukunft liegen.
Laut Thesen einiger Hirnforscher und Psychologen ist zielorientiertes Denken etwas, das sich erst mit zunehmendem Alter entwickelt und das kann durchaus nicht nur dem Erlernen einer Gewohnheit zu Grunde liegen,
sondern auch der neurologischen Entwicklung der Hirnareale.
Hier stelle ich mir die Frage ob in meinem eigenen Fall nicht vielleicht eine neurologische Ursache in Betracht zu ziehen ist.

In Persönlich.
Mein ganzes leben seit früher Kindheit frage ich mich wie "normale" Menschen in unliebsamen, uninteressanten Situationen sowie Aufgaben einfach funktionieren können.
Was ist es das mir fehlt, um so zu funktionieren wie es von der Gesellschaft erwartet wird?
Wieso scheint es "den anderen" so leicht zu fallen, einfach das zu tun was von ihnen erwartet wird?
Ist es Zielstrebigkeit, Disziplin, Ehrgeiz usw?
Was ist Zielstrebigkeit, Disziplin, Ehrgeiz usw?
Wie funktionieren diese Konzepte und warum verstehe ich diese Eigenschaften nicht intuitiv obwohl sie doch offensichtlich für selbstverständlich erachtet werden?
Warum muss ich diese Dinge erst auseinander nehmen und Analysieren um sie zu verstehen?
Ist dieses Defizit nicht zumindest ein Teil der Ursache für meine Antriebslosigkeit?
Beruht dieses Unvermögen auf Psychischen Ursachen denen ich ausgesetzt war?
Wenn dem so ist, kann ich es Therapieren und so nachträglich einen Selbstantrieb entwickeln oder heilen?
Oder beruht es auf Neurologischen Ursachen? Hängt das Unvermögen Emotionen zum Selbstantrieb zu nutzen möglicher Weise direkt mit AD(H)S zusammen?
Oder ist es eine seperate Beeinträchtigung von der nicht alle AD(H)Sler betroffen sind?
Warum fühle ich mich so oft emotional taub und abgestumpft, ganz besonders im Bezug auf meine Mitmenschen, Freunde, Familie?
Gezwungen eine Rolle zu spielen um der Situation angemessen zu reagieren, unfähig etwas aufrichtig zu fühlen.
Warum wache ich fast jeden Morgen komplett emotional apathisch auf?
Ohne jeden Reiz egal woran ich denke, positiv oder negativ, gleichgültig, nichts löst eine Emotion aus.
Bis ich dann irgendwann doch aufstehe und erst langsam das Gefühl von Apathie abnimmt.
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micha
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Re: | Emotionale Apathie | Antrieb | Projektion positiver Emotionen auf die Zukunft |

Beitrag von micha » 4. Juli 2016 14:00

Hallo ,

Ich hatte mich gerade auch mit dem Thema "Antrieb / Apathie" beschäftigt .

Bin gerade etwas geplättet , das ich mit diesen Gefühlen bzw.
dem "nicht-Verstehen" anscheinend doch nicht alleine da stehe .

Psychotic_Black_Rabbit hat geschrieben:Emotionen, Antrieb, Apathie, AD(H)S, Psychologie, Neurologie.

Selbstantrieb funktioniert in dem man positive Emotionen auf ein Ziel in der Zukunft projiziert.

Kinder bevorzugen nachgewiesener Maßen kurzfristig erreichbare Ziele,
mit steigendem Alter verschiebt sich dieser Vorzug immer weiter
in Richtung von Zielen die in der Zukunft liegen.


Mein ganzes Leben seit früher Kindheit frage ich mich wie "normale" Menschen
in unliebsamen, uninteressanten Situationen sowie Aufgaben
einfach funktionieren können.

Was ist es das mir fehlt, um so zu funktionieren wie es von der Gesellschaft erwartet wird?
Wieso scheint es "den anderen" so leicht zu fallen, einfach das zu tun was von ihnen erwartet wird?

Ist es Zielstrebigkeit, Disziplin, Ehrgeiz usw?
Was ist Zielstrebigkeit, Disziplin, Ehrgeiz usw?

Wie funktionieren diese Konzepte und
warum verstehe ich diese Eigenschaften nicht intuitiv
obwohl sie doch offensichtlich für selbstverständlich erachtet werden?

Warum muss ich diese Dinge erst auseinander nehmen und Analysieren um sie zu verstehen?

Ist dieses Defizit nicht zumindest ein Teil der Ursache für meine Antriebslosigkeit?

Beruht dieses Unvermögen auf Psychischen Ursachen denen ich ausgesetzt war?

Wenn dem so ist, kann ich es Therapieren und so nachträglich einen Selbstantrieb entwickeln oder heilen?

Oder beruht es auf Neurologischen Ursachen?
Hängt das Unvermögen Emotionen zum Selbstantrieb
zu nutzen möglicher Weise direkt mit AD(H)S zusammen?
Oder ist es eine seperate Beeinträchtigung von der nicht alle AD(H)Sler betroffen sind?

Warum fühle ich mich so oft emotional taub und abgestumpft,
ganz besonders im Bezug auf meine Mitmenschen, Freunde, Familie?


Warum wache ich fast jeden Morgen komplett emotional apathisch auf?

Bis ich dann irgendwann doch aufstehe und erst langsam das Gefühl von Apathie abnimmt.


Mit dem Wort "Apathie" hab ich meine Schwierigkeit , weil ich es als nicht ganz "passend" empfinde .
Ich .. suche nach Worten .. die es "besser" erklären könnten ... und tippe einfach mal drauf los :
Ich bin Müde = Lebensmüde , aber ohne das ich an Selbsttötung denke .
Hab meine Neugierde auf das Leben verloren / eingebüßt .
...
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Psychotic_Black_Rabbit
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Re: | Emotionale Apathie | Antrieb | Projektion positiver Emotionen auf die Zukunft |

Beitrag von Psychotic_Black_Rabbit » 4. Juli 2016 17:19

Ja den Begriff Lebensmüde im wörtlichen Sinne verstehe und gebrauche ich auch genauso wie du.
Das entspricht den Anteil an Antriebslosigkeit den ich wohl der Resignation zu schreiben kann.
Begründet durch Chronische Depression und der Verzweiflung daran immer nur zu scheitern egal was für Workarounds ich auch versuche mir auszuklügeln.

Was mich allerdings wurmt, ist dass ich schon immer Unfähig war beim Gedanken an Ziele Emotionen zu erzeugen.
Das fand ich immer schon merkwürdig.
Und das lässt mich eben ein wenig daran zweifeln ob das nicht vielleicht auch eine neurologische Ursache haben könnte, oder zumindest eine zusätzliche neurologische Komponente.
Ich habe irgendwie schon immer festgestellt, dass diesbezüglich da irgendwas bei mir nicht stimmt, wenn es darum geht auferlegten Eigenverantwortungen und Pflichten nachzugehen.
Das mir da irgendwas fehlt und das ich einfach nie verstehen konnte wie das bei anderen Menschen funktioniert.
Die erste Möglichkeit das überhaupt festzustellen war in der ersten Klasse der Grundschule und da hat sich diesbezüglich bis Heute irgendwie auch nichts entwickelt oder geändert was das angeht.

Alles was ich hier über die Funktionsweise von Selbstantrieb geschrieben habe, ist nichts als mein Versuch das ganze zu verstehen.
Das mit dem Emotionen auf Zukunft projizieren ist einfach wie ich mir vorstelle wie das wohl normalerweise funktionieren muss.
Ich hätte halt nur gern etwas Feedback ob ich das so weit richtig verstehe oder ob ich total auf dem Holzweg bin.
Bis vor nicht all zu langer Zeit war mir das ganze noch ein komplett formloses und nicht greifbares Konzept.

Darum hätte ich unglaublich gern etwas Feedback zu dem ganzen Konzept und ob andere AD(H)Sler hier vielleicht ähnliche Probleme haben. Vor allem was Gedanken an Ziele und Emotionen angeht.
laetitia
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Re: | Emotionale Apathie | Antrieb | Projektion positiver Emotionen auf die Zukunft |

Beitrag von laetitia » 5. Juli 2016 11:37

Hi Psychotic Black Rabbit

Hm...ich weiss nicht, aber irgendwie scheint mir, dass du dir das etwas übertrieben vorstellst mit dem Emotionen erzeugen. Also ja, natürlich ist Vorfreude eine schöne Sache und während meiner Schulzeit war es das, was mich durch die Woche brachte. Wenn die Fächer, die ich mochte, einigermassen gut über die Woche verteilt waren, hatte ich jeden Tag etwas, worauf ich mich freuen konnte (manchmal war es auch der freie Nachmittag oder dass wir erst um 10h Schule hatten). Dies machte die Schule für mich erträglicher. Aber das hat nicht automatisch ein Reservoir an angenehmen Emotionen geschaffen.

Ich habe seit längerem wieder ein Ziel, wofür ich gerade vor einer Woche die Bestätigung bekam, dass ich an der Schule meiner Wahl angenommen wurde. Die Hoffnung, dass ich in zwei bis drei Semestern dann den Absprung von meinem jetzigen Job schaffen könnte, hilft mir durch den Alltag, gerade jetzt, wo ich ziemlichen Stress hatte. Aber auch da, das ist kein Tank, der sich füllt und dann einen Vorrat liefert oder so. das ist nur der Moment, in dem ich daran denke. Natürlich richtet es den Fokus weg von dem, was mich runter zieht und das hält eine Weile an. Aber es legt nicht automatisch einen Schalter um oder so.

Bei mir ist das mit dem dumpf fühlen und der Antriebslosigkeit meistens ein Zeichen, dass ich nicht auf mich acht gegeben habe. Ich habe meine Bedürfnisse nicht ausreichend wahr genommen und bin eine ganze weile über meine Wünsche hinweg gegangen. Im Moment ist es so, dass ich mich über eine Weile nicht wirklich toll ernährte und einfach dazu zwang, zu funktionieren, da ich noch Prüfungen hatte, arbeitete und Zügeln müsste. Jetzt bin ich in einer art mini-Burnout...kräftemässig am Boden, komme nur mit Mühe aus dem Bett, Gedanken gehen zu all den Dingen, die schwierig waren in meinem Leben...Mein Körper und mein Inneres sagen: Wir wollen so nicht mehr, wir brauchen eine Pause, wir brauchen liebevollen Umgang und so weiter.

Bist du in therapeutischer Behandlung? Ich habe gerade ein Jahr Skillsgruppe hinter mir. Da lernte ich mit einfachen Übungen, wie ich meine Emotionen wahr nehmen und auch beeinflussen kann. Ein ganz wichtiger Punkt auch, oder es sind zwei die ich zentral finde: 1. Ich habe ein Gefühl und nicht ich bin das Gefühl. 2. Es gibt keine negativen Gefühle. Es gibt angenehme und unangenehme Gefühle, aber Gefühle sind in erster Linie dazu da, ein Bedürfnis anzumelden und einen zum Handeln anzuregen. Das Problem: Viele lernen, ihre Emotionen (ich verwende Gefühle und Emotionen synonym) zu ignorieren oder als falsch abzuwerten. Gerade die unangenehmen. Als etwas, das man nicht haben sollte, eben halt negativ. Das führt dazu, dass du dann nicht mehr viel fühlst, manchmal einfach dumpf, innerlich gelähmt etc. Bei mir führte das immer wieder zu längeren (zwei bis drei Monate) depressiven Phasen. Kann sein, dass da noch Neurologisches mitspielt...aber da bin ich noch am beobachten. Denn ich habe es tatsächlich zehn Monate ohne Depri geschafft, bis eben halt all der Stress kam und der sich dann ganz ADHS-like zum Ende noch kumulierte (weil mit Druck die Effizienz um ein vielfaches zunimmt...) und dann der grosse "Endknall"...alles vorbei...dann kommt der Fall...

Ob das mit dem Fokus auf Zukünftiges wirklich DIE Strategie sein soll, bezweifle ich übrigens. Es kann helfen. Aber bei mir ist das oft so, dass ich mich dann auch wieder bremsen muss, weil ich mit den Gedanken zu sehr in der Zukunft bin und das jetzt nicht mehr wahr nehme. Gerade wenn es um Emotionen geht, ist das hier und jetzt aber extrem wichtig. Je eher ich merke, dass sich in mir etwas regt, desto besser kann ich mir selber das geben, was ich brauche. Je mehr ich verpasse, was in mir los ist, desto offener bin ich für Angstanfälle oder Gedankenspiralen, die mich nach ganz unten ziehen. Oft kommen dann zum Beispiel Gedanken wie: "Was wenn ich heute bei der Arbeit einen Scheiss anstelle und meinen Job verliere, dann kann ich diese Ausbildung gar nicht machen...ist nicht eh alles Sinnlos was wir machen...wozu bemühe ich mich eigentlich...blah blah..." Die hören dann nicht mehr auf zu reden und in dem Fall hilft meistens nur der radikale Stop durch Achtsamkeit: Wo bin ich? Hier. Jetzt.

Ah, noch etwas, was ich in dem Jahr gelernt habe. Bei mir gibt es manchmal so einen Zustand, wo ich einerseits ein wenig Euphorie verspüre, andererseits aber sehr anfällig bin. In den Situationen ist es eher nicht ratsam, der Euphorie Raum zu geben, weil diese sich dann sozusagen übersteigert und ich plötzlich von emotionalem Schmerz überwältigt da stehe, wegen der vorangehenden Euphorie aber gar nicht weiss, was jetzt los ist...ziemlich verwirrend. Daher bin ich mit mich auf zukünftiges zu freuen wirklich sehr vorsichtig geworden. Für mich ist es hilfreicher, mich mit der Gegenwart zu beschäftigen und dabei zu akzeptieren, was ist. Die schwierigen Gefühle wahr zu nehmen, benennen zu können, auszuhalten und gegebenenfalls etwas zu tun, wozu diese mich anregen. Wut zum Beispiel hilft mir, für mich einzustehen. Trauer sagt mir, dass ich noch ein bisschen Zeit für mich brauche oder vielleicht auch jemanden zum reden. Bei Angst ist die Frage: Bin ich in Gefahr? Wenn nicht, was tue ich, um mich sicher zu fühlen?

Das wären meine Gedanken zum Thema.

Und das darüber nachdenken, warum "normale" Menschen so ohne weiteres den Erwartungen der Gesellschaft entsprechen ist eher kontraproduktiv finde ich. Das Problem dabei ist, dass ich jedenfalls von der Annahme ausgehe, andere seien sozusagen perfekt und würde in allen Dingen den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen. Je mehr ich aber mit Menschen spreche und diese für einmal ihr echtes Ich zeigen, desto besser kann ich erkennen, dass jeder Mensch irgendwo seine Leiche im Keller hat. Und zwar wirklich jeder.
Deshalb denke ich heute lieber darüber nach, was mich im besonderen ausmacht. Meine so viel kritisierte Sensibilität zum Beispiel. Ja, andere nehmen gewisse Dinge wohl nicht so hart. Gleichzeitig sind diese Leute dann oft Trampel, die gar nicht merken, wenn sie jemandem zu nahe treten oder sich in einer Weise verhalten, die unangemessen ist. Mir hingegen erzählen Leute Sachen, die sie noch nie jemandem erzählt haben. Und wenn man die richtigen Fragen stellt, erfährt man von Leuten, die man oft als schwierig oder seltsam und auch eher verschlossen erlebt, ganz interessantes über ihre Lebensgeschichte. Ich kann dann anders mit diesen Leuten umgehen, muss nicht mehr in den allgemeinen Kanon der Anderen einstimmen der meistens heisst: "Der Soundso ist ziemlich doof und nicht ganz Dicht im Kopf!"
Und da, wo ich mühe habe, wie bei der Ordnung zum Beispiel, da hole ich mir Hilfe in Form eines Coachings.
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Re: | Emotionale Apathie | Antrieb | Projektion positiver Emotionen auf die Zukunft |

Beitrag von Psychotic_Black_Rabbit » 5. Juli 2016 18:54

Vielen Dank erstmal für deinen ausführlichen Beitrag!
Mehr davon bitte! =)

Ja möglicher Weise stelle ich mir den Mechanismus hinter dem Selbstantrieb ganz falsch vor.
Genau wegen dieser Befürchtung möchte ich mich über dieses Thema ausführlich unterhalten.
Auf der einen Seite realisiere ich dass ich ein massives Problem damit habe den nötigen Antrieb zu generieren um die banalsten Notwendigkeiten geregelt zu bekommen.
Ganz zu schweigen von anspruchsvolleren Verpflichtungen denen ich in Arbeit oder Ausbildung nachzukommen hätte.
Auf der anderen Seite wurmt es mich dass ich das Konzept hinter Selbstantrieb so absolut überhaupt nicht greifen kann.
Daher habe ich das Gefühl ich müsste unbedingt mehr darüber herausfinden damit ich überhaupt auch nur eine Chance habe jemals so "funktionieren" zu können, um Arbeitstauglich zu werden.
Ich will ja, aber ich es funktioniert einfach nicht und jedes mal wenn ich an Ausbildungs oder Arbeitsplätzen scheitere, ist das scheitern letzten Endes auf mein fehlendes Durchhaltevermögen zurück zu führen.
Dem ermüden des Einsatzes, dem schleifen lassen des Interesses zu lernen, etc.
Oftmals habe ich mich deshalb schon in tiefster Resignation komplett selbst aufgegeben.
Aber solang ich einiger maßen psychisch stabil bin wie jetzt, bin ich einfach nicht bereit zu akzeptieren dass die Situation für mich komplett ausweglos ist und dass ich niemals stabil genug sein werde um einen Arbeitsplatz halten zu können.
Daher der Wunsch nach besserer Kontrolle des Selbstantriebs, etwas das mir notwendig scheint, gerade weil ich scheinbar keinen besitze.

Ich bin derzeit nicht in Therapie, habe aber letztes Jahr während meines Klinik Aufenthaltes Bekanntschaft mit Skilltraining und emotions Achtsamkeit gemacht.
Ich hatte mich damals durchaus darauf eingelassen diese Strategien ernst zunehmen und anzuwenden.
Nach einiger Zeit des Testens in Eigenverantwortung konnten mich diese "Skills" und "Belastungstagebücher" allerdings leider nicht wirklich von einem nutzen bei der Anwendung im echten Leben überzeugen.
Vielleicht lag das aber auch einfach an einem Mangel an Rücksprachemöglichkeiten in dem Rahmen in welchem mir dieses Konzept nahe gebracht wurde.
Und daran dass man dem Thema über 3 Wochen insgesamt nur 3 Terminen eingeräumt hat.

Die Problematik negativen Emotionen zu akzeptieren und wahrzunehmen leuchtet mir durchaus ein.
In meinem Fall nehme ich die als negativ zu wertenden Emotionen durchaus wahr, sehe mich allerdings oft aufgrund ihrer Häufigkeit gezwungen sie bei Seite zu schieben, weil sie mich andernfalls komplett blockieren und überwältigen würden,
nicht zu letzt dadurch dass ich mich sehr leicht in kreisende Gedanken verrenne die mich runter ziehen.
Zu dem beruhen die meisten Auslöser solcher Emotionen in Ursachen aus der Vergangenheit an denen ich ohnehin nichts mehr ändern kann.
Ein weiterer mindestens genauso unsinniger Auslöser sind negative Erwartungshaltungen auf die Zukunft, welche aus Erfahrungen in der Vergangenheit basieren.
Viel mehr wünschte ich mir ich könnte die negativen Erfahrungen der Vergangenheit einfach los lassen um mehr im hier und jetzt zu sein.

Die Erkenntnisse die du bezüglich dem besagten "im hier und jetzt sein" gemacht hast, klingen deiner Beschreibung nach ja schon mal äußerst viel versprechend.
Vielleicht kannst du mir ja noch etwas genauer dazu erzählen, das klingt nämlich so weit ziemlich interessant und hilfreich.
Das lässt mich darauf hoffen dass der Pfad der "Skills und Achtsamkeit" vielleicht doch noch ein paar Hilfreiche Stützen für mich bereit hält.
Jenseits von, Stinkfläschchen, Knubbelbällen, Wölchenschauen, Musik aufdrehen und Centerschock Kaugummis....

Was zusätzliche Hilfe durch Coachings angeht, scheint das Angebot doch recht rar zu sein.
Zumindest habe ich durch bisherige Bemühungen noch keinen dieser legendären shiny Wesen beim durchstöbern des hohen Grases ausfindig machen können.

Danke nochmals für deinen ausführlichen Beitrag.
Ich hoffe dass sich vielleicht auch noch andere User in dieser Form am Thema beteiligen.
Das würde mir enorm dabei helfen endlich weiter zu kommen.
laetitia
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Re: | Emotionale Apathie | Antrieb | Projektion positiver Emotionen auf die Zukunft |

Beitrag von laetitia » 6. Juli 2016 00:51

Also was das Coaching betrifft, habe ich da eine super Ergotherapeutin gefunden, die ADHS-Coaching anbietet, dieses aber über die Ergo läuft. Ich glaube, es gibt da auch in Deutschland einige Ergotherapeuten/innen, mit ADHS-Coachings. Aber ob du jemanden findest und es dann mit der Person auch passt, ist auch immer etwas Glückssache.

Dass es schwierig ist, das was du in der Klinik gelernt hast, in den Alltag zu transferieren, kann ich nachvollziehen, auch wenn ich nie in einer Klinik war. Aber diejenigen, die nach einem Klinikaufenthalt dann in die ambulante Gruppe kamen, mussten auch erst lernen, was für sie im Alltag konkret hilft und was nicht und es war gerade für sie sehr wichtig, dran zu bleiben. Daher dauert die Teilnahme bei uns in der Regel ein Jahr und die Gruppe findet Wöchentlich statt. Dabei ist es ausserdem notwendig, einen Therapeuten zu haben, mit dem man regelmässige Einzelsitzungen hat. Dies genau für den Fall, dass dich eine Situation oder gewisse Emotionen überfordern und du in eine Krise gerätst oder so.

Vielleicht schaust du mal hin, was es in dir so zu dir sagt. Ich erinnere mich noch an eine Sitzung mit meiner Therapeutin, in der wir den inneren Kritiker und den inneren Antreiber unter die Lupe nahmen. Erst da wurde mir bewusst, wie oft ich mir selber Druck machte und das schon am Morgen früh anfing: "So steh mal endlich auf! Es ist ja schon wieder nach zehn, du willst doch nicht schon wieder den ganzen Morgen verhängen...die Wäsche ist schon längst überfällig...und das Bad steht auch vor Dreck...überhaupt, solltest du aufräumen...aber wenn du es nicht einmal schaffst, rechtzeitig aufzustehen, bevor du zur Arbeit musst (ich arbeite Schicht und meistens Spätdienste), wie willst du jemals eine schöne Wohnung haben und auch mal Gäste einladen können?..." Das ging dann den ganzen Tag so weiter. Ausserdem habe ich festgestellt, wie ich überall wo ich hin ging, mit zügigem Schritt unterwegs war, als wäre ich ständig spät dran...selbst wenn ich absichtlich früh genug los ging und noch locker Zeit hatte, vor der Arbeit einen Kaffee zu trinken oder so. Als wäre da einer, der mir ständig ins Ohr flüsterte: "Hopp, hopp, nicht so lahmarschig bitte!"
Dass einem da der Antrieb wegbleibt, muss ich wohl nicht gross erklären...

In der Ergo habe ich einige gute Tips bekommen. Zum Beispiel bin ich immer davon ausgegangen, dass es besser sei, sich viel vorzunehmen, um dann wenigstens etwas zu tun. Aber das hat noch nie funktioniert bei mir und nur für Frust gesorgt. In der Ergo haben wir mit Wochenplänen angefangen und ich habe mir ein Belohnungssystem ausgedacht, mit Punkten, die ich mir für die Erledigung von Aufgaben gebe, welche ich mir vorgenommen hatte. Dort habe ich dann den Spiess umgedreht und nehme mir lieber wenig vor und wenn ich doch noch Energie und Motivation habe, füge ich spontan noch etwas hinzu, als dass ich grosse Pläne habe, die ich dann frustriert dem Schicksal überlasse. Ich habe auch angefangen, mir immer auf dem Heimweg etwas kleines vorzunehmen, wenn ich nach Hause komme. Etwas, das ich erledige, bevor ich irgend etwas anderes tue. Zum Beispiel Geschirr verräumen. Das sind kleine Dinge...aber es hat angefangen Spass zu machen. Weil es eben machbar wurde und mich nicht schon überforderte, bevor ich überhaupt angefangen hatte...

Etwas, was ich angefangen habe, zur Zeit etwas vernachlässigte, aber immer mal wieder tue, wenn es mir in den Sinn kommt...und eine Wirkung auf meine Selbstwahrnehmung hat ist, dass ich abends einen kleinen Tagesrückblick mache, in dem ich mir überlege, was ich heute gemacht habe. Und nur das. Was ich nicht gemacht habe, ist unwichtig. Das beginnt beim Aufstehen, Duschen, Anziehen, etwas essen, eine E-Mail schreiben etc. Dafür klopfe ich mir auf die Schulter. Denn wir leisten Täglich unheimlich viel, selbst an Tagen, wo wir Frei haben und nicht viel tun. Den Fokus weg zu nehmen von dem, was wir hätten tun sollen und auf das zu richten, was wir tatsächlich getan haben, hilft, sich selber in ein besseres Licht zu rücken, was auch diese Schwere nehmen kann. Du gibst dir dadurch etwas Luft...nimmst dir den Druck und das kann neue Energie und Motivation bewirken. Ob das bei dir auch so wirkt, kann ich natürlich nicht beurteilen. Bei mir jedenfalls tut es das, weil ich innerlich ein Trotzkopf bin. Je mehr ich mich selbst unter Druck setze, desto blockierter bin ich. Da ist dann der Trotzkopf in mir der sagt: Nein! Ich will nicht! Bääääääh! Setze ich dann ein: Ja, schon ok, ich muss ja gar nicht... entgegen, geht es dann plötzlich...
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Re: | Emotionale Apathie | Antrieb | Projektion positiver Emotionen auf die Zukunft |

Beitrag von Psychotic_Black_Rabbit » 6. Juli 2016 01:42

Mhm, danke. Ein paar dieser Dinge hab ich zwar schon mal gehört aber ich werd mir das noch mal genauer durch den Kopf gehen lassen.
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