Ist Hochsensibilität nicht das Gegenteil von ADHS ?

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cajo81
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Ist Hochsensibilität nicht das Gegenteil von ADHS ?

Beitragvon cajo81 » 22. März 2013 10:06

Ich habe mir in letzter Zeit mehrere Artikel über hohe Sensibilität im Allgemeinen durchgelesen und da wurde dieses Problem dadurch erklärt dass ein sensibler Mensch ZU VIEL Dopamin hätte.
Auch Schizophrenie hat wohl viel mit Hochsensibilität zu tun.

Jetzt weiß ich gar nicht mehr was ich glauben soll.  :kk:
No User
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Re: Ist Hochsensibilität nicht das Gegenteil von ADHS ?

Beitragvon No User » 22. März 2013 10:42

Wieso GEGENTEIL? Sind AD(H)S'ler unsensibel?

Und dann: "ZU VIEL Dopamin" wo und wann? Wie immer: Extreme Simplifizierung bringt auch keinen Erkenntnisgewinn. Die Stoffwechsel- und Signalübertragungsvorgänge rund um Dopamin sind viel zu kompliziert, als dass ein "zu viel" allein überhaupt eine Aussage wäre. Da könnte ich genauso gut sagen "Donnerstags ist es zu dunkel." Wo? Um welche Uhrzeit? Wofür? Was hat der Wochentag damit zu tun?

Kann es sein, dass du von dem Informationen, die du aus diversen Quellen so mitnimmst, nur das registrierst, was dir dabei "hilft", dich reinzusteigern?

LG
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Re: Ist Hochsensibilität nicht das Gegenteil von ADHS ?

Beitragvon No User » 22. März 2013 11:11

PS: Dein "Jetzt weiß ich gar nicht mehr was ich glauben soll." bringt mich ins Grübeln.

Wieso solltest du glauben sollen statt glauben wollen? Fehlt es dir an eigener Meinung, Erfahrung, Überzeugung?

Was andere dich glauben sollen lassen wollen ist natürlich unterschiedlich, je nachdem, wer da was von dir will.

Also den Salafisten zufolge solltest du etwas anderes glauben als den Mormonen, den Evangelikalen nochmal anderes. Ja selbst der katholische Volksglaube will dich etwas komplett anderes glauben sollen lassen als die katholische Amtskirche bzw. die katholische Theologie. Und auch jenseits der Religionen ist es interessengeleitet, was man gerne hätte, dass du es glauben sollst.

Nun muss ich auch vieles glauben, voraussetzen, darf meine Erfahrungen und Eindrücke nicht überbewerten, aber wichtiger als was ich glauben soll ist allemal, was ich glauben kann und will. Zu dem Sollen, das geht auch in zwei Worten, aber ich zitiere den schwäbischen Gruß mal lieber korrekt im Kontext:

[quote="Götz im dritten Aufzug von Goethes "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand""]Mich ergeben! Auf Gnad und Ungnad! Mit wem redet Ihr! Bin ich ein Räuber! Sag deinem Hauptmann: Vor Ihro Kaiserliche Majestät hab ich, wie immer, schuldigen Respekt. Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsche lecken![/quote]

LG
Steffchen
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Re: Ist Hochsensibilität nicht das Gegenteil von ADHS ?

Beitragvon Quirlchen » 22. März 2013 19:15

Hallo!
Im Grunde genommen kann ich cajo verstehen, als ich das gelesen habe, war ich auch verunsichert. Wenn man etwas irgendwo liest, ist es eben so, dass man eher das Gelesene glaubt, als das, was man vorher gedacht hat. (Zumindest bei vielen Leuten ist es so. [Da merkt man 'mal, wie viel Einfluss die Medien auf uns haben!])
@cajo: Wie genau wurde es denn formuliert? Wo kommen die Artikel her?
@steffchen: Kannst du es genau erklären? (Würde mich nämlich auch einmal interessieren)
LG
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Re: Ist Hochsensibilität nicht das Gegenteil von ADHS ?

Beitragvon moron » 23. März 2013 12:51

[quote="cajo81"]Ich habe mir in letzter Zeit mehrere Artikel über hohe Sensibilität im Allgemeinen durchgelesen und da wurde dieses Problem dadurch erklärt dass ein sensibler Mensch ZU VIEL Dopamin hätte.
Auch Schizophrenie hat wohl viel mit Hochsensibilität zu tun. [/quote]

Also erstmal stellt sich mir die Frage: Was für Artikel? Artikel, die in den Zeitschriften stehen, die die meisten von uns auf dem Klo liegen haben oder wissenschaftliche Artikel.

Ich kann dir nur meine Ansicht geben, wie ich das ganze sehe, die kann aber auch großer Käse sein:
Alle mir bekannten AD(H)Sler sind hochsensibel. Nicht jeder in allen Bereichen, aber zumindest in manchen. In meiner Familie sind viele z.B. sehr sensibel auf Gerüche. Ich hingegen hab meine Probleme mit Berührungen aller Art. Ich kann bis heute nichts fettiges in die Hand nehmen oder durchwachsenes Fleisch essen und bei umarmungen usw. hab ich auch oft meine Probleme (nein ich bin kein Autie). Geräusch- und Lichtempfindlich bin ich auch, aber ich denke du verstehst den Punkt.

Hochsenisibel zu sein, bedeutet, dass dein Reizfilter zu viel durchlässt und du damit zu viel mitbekommst und überfordert wirst. Der "Hypie" lässt sich von diesen Reizen ablenken, der "Hypo" ist schnell überwältigt und schaltet ab und/oder wird müde. Mit dem Medikamenten müsste die Hochsensibilität ja eigentlich schlimmer werden, denn es bleibt mehr Dopamin im Synapsenspalt. Aber sie wird nicht schlimmer, teilweise sogar im Gegenteil. Mit Medis nehm ich mir nicht alles zu so zu Herzen, aber meine oben genannte Sensibilität werd ich nicht los, sie wird aber auch nicht schlimmer.

Hochsensibilität hängt also offenbar von mehreren Faktoren ab und nicht nur vom Dopamin. Gleiches gilt für AD(H)S. Die Realität ist, dass Hochsenisibilität kaum erforscht ist und man oft bei dem Thema auf irgendwelchen Esoterikseiten landet. Finde ich ehrlich gesagt schade, denn ich habe die Vermutung, dass sie die Grundlage für viele "Störungen" ist, von Autismus zu Tourette zu AD(H)S. Daher tauchen diese Bilder auch oft gemeinsam in den Familien auf. Je nachdem welches Bauteil dazu kommt, bestimmt es wie sich die Hypersensibilität zeigt.

Wie gesagt, dass ist nur meine Vorstellung.

[quote="steffchen"]
Und dann: "ZU VIEL Dopamin" wo und wann? Wie immer: Extreme Simplifizierung bringt auch keinen Erkenntnisgewinn. Die Stoffwechsel- und Signalübertragungsvorgänge rund um Dopamin sind viel zu kompliziert, als dass ein "zu viel" allein überhaupt eine Aussage wäre.[/quote]

Ich schließe mich Steffchen da an. Du kannst auch zu viel Dopamin haben, dieses wird in den Synapsen aber zu schnell abgebaut, wodurch du trotzdem AD(H)Sler bist.

[quote="steffchen"]
PS: Dein "Jetzt weiß ich gar nicht mehr was ich glauben soll." bringt mich ins Grübeln.

Wieso solltest du glauben sollen statt glauben wollen? Fehlt es dir an eigener Meinung, Erfahrung, Überzeugung?

[/quote]

Redewendung, Steffchen, Redewendung.  :breitgrinse1:

Und genau genommen ist die Redewendung gar nicht so falsch. Der einzige Fall, indem du dich wirklich für einen Glauben entscheiden kannst, ist wenn zwei oder mehrere Dinge gleich wahrscheinlich sind. Ansonsten sollte (!) man an das glauben, was am wahrscheinlichsten ist (=wofür die meisten Tatsachen sprechen).
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Re: Ist Hochsensibilität nicht das Gegenteil von ADHS ?

Beitragvon Das.Ich » 23. März 2013 13:58

Interessante Diskussion!

Bei mir ist es übrigens so, wenn ich eine zu große Reizüberflutung habe und es mir extrem zu viel wird, vertrag ich mein Medikinet nicht mehr so gut. Wenn etwas vor der Einnahme passiert und ich meine Medis dann trotzdem normal nehme, wird mir total schlecht und ich komme mir total überdosiert vor.
Und wenn es mir noch nicht zu viel geworden ist, wird es nach der Einnahme besser.
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Re: Ist Hochsensibilität nicht das Gegenteil von ADHS ?

Beitragvon No User » 24. März 2013 01:57

@Quirlchen: Jetzt habe ich deine Frage noch gar nicht beantwortet. Ich bin mir nicht sicher, was genau du wissen wolltest, versuche es aber trotzdem.

Den Zusammenhang Dopamin-Schizophrenie postuliert die sogenannte Dopaminhypothese. Trotz widersprüchlicher Befunde bei der Überprüfung dieser Hypothese scheint wohl unterm Strich durchaus etwas dran zu sein. Nur ist schon die Formulierung dieser Hypothese weit von einem einfachen "zu viel" entfernt.

Für einen ersten Überblick tut's Wikipedia.

Da sind halt nicht nur Dopaminquellen beteiligt, sondern es geht um ein Zusammenspiel von Synthese, Transport, Freisetzung, Rezeptoren, Gegenspielern usw. und darum, ob es zur rechten Zeit in der richtigen Menge am richtigen Ort ist (z.B. im synaptischen Spalt bestimmter Nervenverbindungen) und wie schnell es von dort wieder in die Zelle aufgenommen wird.

Wenn man das irgendwie allgemeinverständlich zusammenfassen will, bleibt nicht viel mehr übrig, als dass Dopamin mit Schizophrenie ungefähr so viel zu tun hat wie überhaupt mit der Funktion unseres Hirns. Ohne geht's nicht und wenn es irgendwelchen Ärger macht, macht auch das Hirn Mist. Und wenn dieser Mist konkreter Schizophrenie heißt, dann kann man nach Stand der Forschung auch von abnormen Dopaminaktivitäten ausgehen. Genaueres wäre komplizierter.

Davon sind aber gleichzeitig auch andere Neurotransmitter betroffen und ähnlich abnorme Neurotransmitteraktivitäten stehen auch mit anderen psychischen/psychiatrischen und neurologischen Störungen in Verbindung.

Vielleicht interessiert dich auch eher als die Schizophrenie, was bei ADHS los ist, bzw. -um keinen Roman zu schreiben- was Methylphenidat damit anstellt:

Die Kontaktstelle zweier Nervenzellen heißt Synapse, das Bisschen flüssigkeitsgefüllter Raum dazwischen ist der synaptische Spalt.

In der Zellmembran der Nervenzelle sitzen an der Synapse u.a. Transportproteine, die aktiv (unter Energieeinsatz) Dopamin, Noradrenalin (und Natriumionen) aus dem interzellulären Raum (dem synaptischen Spalt) in die Zelle zurück "pumpen". Die bedeutendste Wirkung des MPH besteht nun wohl darin, diese Transporter bei ihrer Arbeit zu stören. MPH senkt die durch ADHS abnorm erhöhte Transporterverfügbarkeit.

Wenn nun die Nervenzelle bzw. Nervenfaser (Axon) von einem Aktionspotential durchlaufen wird und dieser elektrische Impuls die präsynaptische Endigung erregt, schüttet dieses die in Bläschen (Vesikeln) gespeicherten Neurotransmitter in den synaptischen Spalt aus. Etwas bildlicher könnte man auch sagen, ein Würgereflex erreicht das Endknöpfchen, welches daraufhin seinen Mageninhalt in Richtung Nachbarzelle kotzt.

Im synaptischen Spalt gelangen die Moleküle der Transmitter durch Diffusion zu den Rezeptoren der postsynaptischen Membran, während die Transporter schon wieder sauber machen und die Neurotransmitter wieder in die präsynaptische Zelle einsammeln. Wenn MPH letzteres verlangsamt, stehen nach Eintreffen des weiterzuleitenden Reizes länger mehr Neurotransmitter zur Verfügung, um die postsynaptischen Rezeptoren anzuregen, d.h. der Reiz wird stärker weitergegeben.

Dieser Stofftransport klingt nicht sehr schnell und ist auch viel langsamer als die bioelektrische/elektrochemische Reizleitung innerhalb der Nervenzellen bzw. entlang deren Membranen, aufgrund der mikroskopischen Dimensionen geht das dennoch sehr schnell und es hat andere Vorteile: Kann gehemmt oder verstärkt werden, hemmend oder verstärkend auf andere Zellen einwirken, ist veränderlich / lernfähig,...

Nun klingt das, als müsste uns MPH also noch empfindlicher machen, wenn es die Reizweiterleitung von Zelle zu Zelle verstärkt. Aber so simpel ist unser Hirn nicht gestrickt, z.B. kann bestimmte Reizweiterleitung auch die Hemmung der Weiterleitung anderer Reize bewirken. Und die Reizfilterung besteht auch nicht einfach darin, bestimmte Sinnesorgane abzuklemmen oder deren Reize zu dimmen, sondern ist ein zwar unbewusster, aber aktiver und aufwändiger Prozess, soweit es die variablen Reizfilter betrifft, die situationsbezogen Reize nach deren momentaner Relevanz sortieren. Das setzt unter anderem Mustererkennung voraus - allein das ist ziemlich viel Arbeit fürs Hirn.

Bei der Hochsensibilität gibt es auch das Problem, dass die Begriffe nicht klar sind. Es gibt ja da auch keine eigenständige Diagnose, es ist nicht als eigenständiges Störungsbild definiert. Gleichwohl gibt es natürlich außergewöhnlich hochsensible Menschen. Und zwar zusammen mir allerlei verschiedenen Störungen wie auch ohne. Manche Hochsensibilität wird nur als Belastung empfunden, andere sehen in dieser Persönlichkeitseigenschaft für sich einen großen Gewinn. Es gibt auch hochbegabte Hochsensible (und umgekehrt). Und vor allem gibt es auch partielle Hochsensibilität.

Auch Menschen, die kaum empathiefähig sind (und daher zu anderen "unsensibel") können für sich selbst empfindlichst sein, ob nun auf Licht, Lärm, Berührung oder soziale Reize (z.B. alles auf sich beziehen). Das ist aber auch klar, weil dafür ganz unterschiedliche ZNS-Mechanismen und Hirnregionen zuständig sind. Wenn es z.B. an Spiegelneuronen und Reizfilter gleichzeitig klemmt, könnte die Person auch gleichzeitig empfindlich und unsensibel sein, stark vereinfacht gesagt.

Damit lasse ich es an dieser Stelle aber mal gut sein.

LG
Steffchen
Zuletzt geändert von No User am 24. März 2013 02:02, insgesamt 1-mal geändert.

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