Unerkannte/aberzogene Hochsensibilität

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Unerkannte/aberzogene Hochsensibilität

Beitragvon Banana5 » 14. August 2012 17:31

Liebes Forum.

Ich habe einen neuen Freund. Ein fantastischer Mensch. Ich habe von Anfang an das Gefühl gehabt ich könne durch seine großen Augen in seine Seele schauen. Unglaublich sensibel. Er leugnet das allerdings. :)

Und bisher scheint es so gewesen zu sein, dass er das nicht akzeptiert hat bei sich. Er hasst die meisten Menschen, weil sie ihn nicht verstehen, obwohl ihn die meisten mögen oder bewundern für das, was er kann (klassischer Musiker, wie ich). Ich bin irgendwie, so kommt es mir vor, eine der Ersten, die seine Verletzlichkeit so sehr spüren, obwohl er das auch komplett versucht zu verbergen. Er zwingt sich zu vielen Dingen, die mich zerreißen würden (Rettungssanitäter: Menschenstücke auf Schienen einsammeln, verwahrloste, sich und ihre Wohnung vollgesch*****e Drogenabhängige abholen, was weiß ich), Schichtarbeit, usw. Er trägt das dann mit sich herum, ich frage ihn, wie er das kann, dass mich die Gerüche, Geräusche, Gefühle, Schlafmangel etcetc zerstören würden. Er sagt, es sei seine Stärke, zu tun, was getan werden muss.

Er ist irgendwie immer traurig, obwohl er sagt, er sei es nicht, nur müde, ich spüre es die ganze Zeit.... Er sagt, dass er mit mir sooooo glücklich ist und ich das Beste sei, was ihm je passiert ist, trotzdem spüre ich, dass er immer traurig ist. Er hält sich für egozentrisch und depressiv.

Kann das sein, dass man sich, wenn man seine Empfindlichkeit nicht anerkennt, aus falschen Ehrgeiz zum Starksein heraus, selbst zu Grunde richten kann?

Er ist so fürsorglich und liebevoll zu mir. Wieso nicht zu sich selbst? Er geht zur Psychoanalyse und lässt sich in seiner Vergangenheit rumbohren und vergräbt sich immer mehr in dieses "Warum bin ich so unglücklich, wo ich doch so gerne glücklich wäre".

Ich glaube irgendwie, dass die Lösung recht einfach ist, nämlich sein sensibles Wesen anzunehmen und den Alltag darauf auszurichten, wie viel man vertragen kann, ohne ins andere Extrem, Jammern etc zu verfallen, statt dieses Immer-tiefer-Bohrens in der Vergangenheit und der Frage, was mit einem falsch ist......


Was sagt ihr dazu?

Liebe Grüße,
Banana  :wu:
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Re: Unerkannte/aberzogene Hochsensibilität

Beitragvon nixe » 14. August 2012 17:46

Ich sage dazu: schön, dass Du Dich wohl fühlst in Deiner neuen Beziehung. Am besten bleibst Du auch genau dabei, nämlich bei Deiner Rolle als Partnerin.

Eine Beziehung gehört am besten auf Augenhöhe der beiden Beteiligten. Versuche nicht, ihm gegenüber die Rolle der "Mutter" oder "Therapeutin" einzunehmen, die besser als er selbst weiß, was gut für ihn ist.

Es wird einen -ernstzunehmenden- Grund haben, warum er in Therapie ist. Von außen betrachtet mag es so aussehen, als ob es ganz einfach wäre, einfach mal glücklich statt traurig zu sein. Depression z.B. ist aber ein ernstzunehmender Zustand. Man kann von einem Depressiven nicht verlangen, "lach´doch einfach mal, freu´ Dich doch einfach mal". Genauso gut könnte man jemanden mit zwei Gipsbeinen ermuntern "lauf´doch einfach ´mal los".

Unterstützen kann man am ehesten, indem man die Probleme seines Gegenübers akzeptiert, und ihm das Gefühl gibt, ihn auf seinem (Genesungs-)weg zu begleiten. DU nimmst ihn anders wahr als er selbst, DU betrachtest ihn durch den Blickwinkel der Liebe. Das ist prima ! Deshalb ist er aber noch lange nicht in der Lage, sich selbst mit Deinen Augen zu sehen. Seine Selbstwahrnehmung ist ein Teil von ihm, das muss nicht immer gleich bleiben, aber das gehört zu ihm.

Wenn er das "leugnet" wird es daran liegen, dass er es auch so wahrnimmt. Es mögen ihn ja noch so viele toll finden und bewundern - trotzdem kann er ein geringes Selbstwertgefühl haben. Argumente und vor Augen halten bringen da nichts, das kann nur langsam wachsen. Mit Liebe und Geduld.
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Re: Unerkannte/aberzogene Hochsensibilität

Beitragvon Banana5 » 14. August 2012 19:22

Ja, das stimmt!!! Es besteht zwar relativ wenig Gefahr, dass ein Ungleichgewicht entsteht, weil ich ja auch nicht gerade normal oder fehlerfrei bin, und mit meinem ADS etc auch in Therapie  :breitgrinse1:, und er auch Dinge wie Ritalin und Reizüberflutung (mit Ausleben) etwas ratlos beobachtet, aber es stimmt, und das wird mir jetzt bewusst, dass man die Wahrnehmung des Anderen ernst nehmen muss und nicht einfach mit einem "hey, lach doch mal" eine (wenn auch nicht ausgewachsene) Depression abtun darf.

Allerdings glaube ich bei ihm tatsächlich, dass es (noch) keine Depression ist, da ich ihn, wenn ich ihm auf die Schliche gekommen bin und einfühlsam zu ihm war, schon zum Lachen und Lächeln und Zufriedensein kriege, indem ich mich in ihn reinfühle.

Das bringt mich ja auch auf den Gedanken, dass er vielleicht einfach nicht einschätzen kann, wie empfindsam er wirklich ist, denn wenn ich besonders verständnis- und liebevoll auf ihn eingehe und zwischen den Zeilen lese (es mutet schon fast ein bisschen ADS-lich an  :Frag: :icon_rolleyes:), merke ich, wie er locker lässt und irgendwie kindlich schaut. Schwer zu beschreiben.
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Re: Unerkannte/aberzogene Hochsensibilität

Beitragvon Banana5 » 14. August 2012 19:33

Nein, je mehr ich darüber nachdenke, er ist nicht depressiv.

Er kann sich so sehr freuen über Musik, oder uns...

Bei Depressionen wird man doch eher gleichgültig, oder nicht?


Er wirkt einfach nur missverstanden und enttäuscht von der Oberflächlichkeit und Ungerechtigkeit der Welt. Wie nennen es immer "Über- und Unterforderung gleichzeitig". Unterfordert auf intellektueller Ebene und Überfordert durch Reize und Ungerechtigkeit.
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Re: Unerkannte/aberzogene Hochsensibilität

Beitragvon nixe » 14. August 2012 21:17

Mmh,

vergiss´ nicht: er ist ein erwachsener Mensch. Du musst ihn nicht zu irgendetwas "kriegen", schon gar nicht in ihn hineinkriechen, seine Gefühle umdeuten, zwischen irgendwelchen Zeilen lesen oder ihm gar "auf die Schliche kommen".

Er ist für seine Gefühle und Empfindungen selbst verantwortlich.

Und Du für Deine.

Wie geht es DIR damit, wenn er nicht vor Glück und Freude überschäumt, sondern vielleicht auch mal melancholisch ist, bedrückt, traurig ? Hältst Du das aus, kannst Du ihn "so lassen" ? Oder zweifelst Du dann an seiner Liebe ?
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Re: Unerkannte/aberzogene Hochsensibilität

Beitragvon Banana5 » 15. August 2012 00:57

Darum geht es ja eigentlich nicht, vielleicht ist es auch schwer, aus so ner kleinen Beschreibung die Situation zu erfassen. Danke, Nixe, erstmal für deine Antworten! Du gibst mir zu denken  :ja1:


Es ist aber nicht so, dass ich meinem Freund lästig bin mit meinen Gedanken. Er sucht sogar das Gespräch über meinen Erklärungsversuch "Hochsensibilität". Ich hab hab ihm gesagt, dass ich ihm nichts aufschwatzen will und, dass ich nicht das Recht habe zu meinen ich könnte ihn einfach so einschätzen und seine Wahrnehmung beurteilen.

Meine Fragen sind nun:

Kann man, statt sich zurück zu ziehen und schüchtern und ängstlich zu werden, sich auch in die Richtung entwickeln, dass man, um sich vor Verletzung, Reizüberflutung, Schwäche etc zu schützen, eher oberflächlich und zynisch zu sein scheint, worauf die meisten Menschen reinfallen?!

Zeigt nicht sein Interesse zum Thema, und sein Gesprächsbedarf, dass ich nicht soooo falsch mit meinen Ideen liegen kann, da er sich trotz allem endlich "verstanden" fühlt?


Mir fallen gerade die Augen zu, ich hoffe ich schreib nich zu viel Schmarrn :)
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Re: Unerkannte/aberzogene Hochsensibilität

Beitragvon nixe » 15. August 2012 09:15

Ich glaube, Banana, Du hängst zu sehr an Argumenten und Erklärungsmustern.

Die Frage ist doch eher, wer nimmt welche Rolle ein und welche Haltung ? Und warum ? Bist Du wirklich seine Therapeutin oder Erlöserin ?
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Re: Unerkannte/aberzogene Hochsensibilität

Beitragvon Eule » 15. August 2012 10:13

Banana,

Finger weg von Therapie- Umdeutungs- Erklärungs- und ähnlichen Versuchen beim Partner!

Du bist viel zu sehr involviert als daß du da was machen könntest ohne daß es auswirkungen auf euer partnerschaftliches Verhältnis hätte.

Das äußerste was ein Partner machen darf ist Denkanstöße geben und dazu ermutigen diese Denkanstöße mit einem entsprechenden Fachmann zu besprechen. Aber bloß nicht rumpsychologisieren. das ist Gift für die Beziehung.
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Re: Unerkannte/aberzogene Hochsensibilität

Beitragvon Banana5 » 15. August 2012 10:42

Ihr habt wahrscheinlich schon Recht, allzu weit bin ich bei ihm auch noch nicht gegangen, deshalb habe ich erstmal hier ins Forum geschrieben.

Wenn ich ihm dann nämlich keine adäquaten Antworten geben kann auf seine entstehenden Fragen, zieht er sich warscheinlich noch mehr in sich zurück...

Dann bleibe ich doch lieber bei meiner Rolle als Partnerin, wo ich einen Draht zu ihm habe und wofür ich geliebt werde, statt meine Kompetenzen zu übertreten und mehr kaputt zu machen.

Ich habe das ja auch (wie ihr anscheinend) schon erlebt, dass es Menschen gab, die mich vorschnell beurteilen zu können meinten und mich bevormunden wollten. Das ist keine schöne Sache.

Danke, für die Strenge!  :icon_rolleyes:
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Re: Unerkannte/aberzogene Hochsensibilität

Beitragvon nixe » 15. August 2012 21:03

Du kannst entweder mit ihm eine gute Beziehung leben.

Oder Du kannst an ihm und mit ihm an seinem Ego und seiner Vergangenheit herumpopeln.

Entweder oder.
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Re: Unerkannte/aberzogene Hochsensibilität

Beitragvon Banana5 » 16. August 2012 00:31

Iiieh, popeln  :froi1: :froi1: :froi1:

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