Wenn man ständig daran denkt, was der andere wohl denkt!

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Siri
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Re: Wenn man ständig daran denkt, was der andere wohl denkt!

Beitragvon Siri » 14. Mai 2008 04:16

Also ich für mich sehe das in etwa so...

Zuerst war AD(H)S da. Dadurch hat man schon von Kindesbeinen an schlechte Rückmeldungen auf das eigene Sozialverhalten bekommen. Aber man selbst wußte nichts vom AD(H)S und hat sich trotz größter Mühe nie einfügen können. Durch das ständige Scheitern (in Freundschaften, in der Schule, in den Augen der Eltern, später im Job und Liebesbeziehungen usw.) geht das Selbstwertgefühl über die Jahre mehr und mehr in den Keller.

Um sich dann vor erneutem Scheitern zu schützen und da man sich nichts mehr zutraut, kann sich soetwas wie eine Selbstunsicher-vermeidende Persönlichkeitsstörung entwickeln, besonders wenn man erst sehr spät eine AD(H)S Diagnose bekommt oder noch andere erschwerdende Umstände hinzu kommen.

Ich sehe bei dieser PS besonders die Problematik mit sozialen Kontakten im Vordergrund und nur einige Überschneidungen zu AD(H)S. Und ich denke das nicht jeder mit AD(H)S auch diese Probleme so stark ausgeprägt hat, dass man bei ihnen von einer PS sprechen kann/muß.

Für mich ist die Selbstunsicher-vermeidende Persönlichkeitsstörung eine mögliche Komorbidität von AD(H)S, die man haben kann aber nicht haben muß um AD(H)S haben zu können. Und ich denke auch das man diese Persönlichkeitsstörung auch ohne AD(H)S haben kann.

[hr][/hr]

Auf mich trifft diese PS leider 100%tig zu und es macht mir zunehmend mein Leben schwer.
 
Ich vermeide jegliches unkalkulierbares Risiko und bin dadurch sehr stark in meinem Radius um mein Zuhause eingeschränkt. Freundschaftliche Beziehungen schraube ich schon seit vielen Jahren auf ein Minimum zurück, obwohl ich mich oft einsam fühle, aus Angst vor dem Verlassenwerden aufgrund meiner Unzulänglichkeiten und aus Angst vor Überforderung. Am liebsten würde ich nur noch Nachts auf die Straße gehen, weil ich mich so minderwertig und häßlich finde und nicht möchte das mich jemand ansieht und schlecht über mich denkt oder mich hänselt (ist mir oft genug passiert). Ich fühle mich in Gesprächen meistens unterlegen und warte gerade zu auf einen Angriff meines Gesprächspartners auf mich. Augenkontakt zu halten fällt mir bei den allermeisten Menschen auch unglaublich schwer.

Der Knackpunkt ist das stark geminderte Selbstwertgefühl, was bei mir sicherlich auch noch durch meine Körperbehinderung begünstigt wird. Wenn man sein Leben lang zu hören bekommt das man sowohl geistig (durch's ADHS) als auch körperlich nicht genügt, dann muß man irgendwann den Notausgang wählen und sich zurückziehen, damit man überhaupt irgendwie überleben kann.

[hr][/hr]

Mich erleichtert das Wissen um diese PS irgendwie. Fühlt sich für mich ähnlich an, als ich damals vom ADHS erfahren habe. Denn auch bei den Problemen die ich aufgezählt habe, durfte ich mir oft anhören "nu stell dich nich so an" oder "du mußt einfach mehr unter Leute gehen". Sollte diese Diagnose auf mich zutreffen (was ich mit meiner VT ausführlich besprechen werde) dann weiß ich woran ich arbeiten kann. Und das ich schon sehr lange ein weiteres Problem habe, ist mir schon länger klar... aber endlich hat es vielleicht einen Namen.  :icon_wink:

Sorry, dass es so lang geworden ist, aber diese Thema bewegt mich im Moment wirklich sehr!
LG Siri  :winken:
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Siri
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Re: Wenn man ständig daran denkt, was der andere wohl denkt!

Beitragvon Siri » 14. Mai 2008 05:35

Eigentlich wollte/müßte ich schon im Bett liegen  :icon_rolleyes: aber 2 Nachsätze muß ich noch nachschieben...  :icon_mrgreen:

Was für mich noch einen großen und entscheidenden Unterschied zwischen der Selbstunsicher-vermeidende Persönlichkeitsstörung und AD(H)S macht, ist das bei der PS absolut keine Rede von Konzentrations- und Reizfilterschwäche ist!

Also ist die Selbstunsicher-vermeidende Persönlichkeitsstörung keine andere Diagnose für die gleichen Symptome die unter AD(H)S auftreten... glaub ich jedenfalls.  :108:

LG Siri  :winken:
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Re: Wenn man ständig daran denkt, was der andere wohl denkt!

Beitragvon daSchäf » 14. Mai 2008 19:15

[quote="Siri"]
dann muß man irgendwann den Notausgang wählen und sich zurückziehen, damit man überhaupt irgendwie überleben kann.
[/quote]
Ich weiß nicht, ob dich das in irgendeiner Form ein wenig beruhigt, aber das muss man manchmal auch wenn man (denkt dass man) mitten im Leben steht. Es gibt Momente die dir dein Lächeln stehlen. Egal wie fröhlich man vorher war. Und das gilt für jeden Menschen.
So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab.
- Schopenhauer
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Re: Wenn man ständig daran denkt, was der andere wohl denkt!

Beitragvon Fes » 15. Mai 2008 10:55

@dS: Manche Menschen wissen das aber besser zu verbergen und wirken so positiver auf andere.
Das bringt ihnen dann natürlich auch Vorteile, nur sollten sie ihre Maske manchen gegenüber auch abnehmen können, um nicht irgendwann wie ne radioaktiv bestrahlte Gen-Tomate innen schon zu faulen, während man von aussen nix von sieht. ;-)

@Siri: Weiß auch nicht, ob dir das irgendwie hilft, aber dachte bei deinem Beitrag gerad an nen Kumpel:
Der sitzt im Rollstuhl und strotz nur so vor nach aussen getragenem Selbstvertrauen; in der Art von "Ja, und? Ich bin behindert, hast du ein Problem damit? Dein Pech."

Wenn das Selbstwertgefühl dahin ist, und deine Persönlichkeit dadurch gestört (oder anders rum?...), ist das natürlich "nicht so einfach" (milde gesagt), aber aus der oben genannten Erfahrung heraus kann ich zumindest sagen, daß es objektiv gesehen keinen Grund für Minderwertigkeitskomplexe gibt, weil auch jemand mit Behinderungen Autorität und Charisma ausstrahlen kann, wenn er nur selbstsicher genug mit seinen Defiziten umgeht.
Menschen sind da ja manchmal wie Haie - sehen sie Schwäche, greifen sie an, ansonsten überlegen sie sich´s doch lieber nochmal.

Ich wünsch dir jedenfalls, daß du irgendwann die Stärke findest, um diesem blöden Teufelskreis zu entkommen...
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Re: Wenn man ständig daran denkt, was der andere wohl denkt!

Beitragvon Fast but not furious » 16. Mai 2008 22:33

[quote="Siri"]

Und ich denke das nicht jeder mit AD(H)S auch diese Probleme so stark ausgeprägt hat, dass man bei ihnen von einer PS sprechen kann/muß.

[/quote]

Denke ich auch nicht, ich kenne genug Leute mit ADS die strotzen nur so vor Selbstbewusstsein. Aber ich glaube schon, dass, wenn nicht alle, zumindest ein hoher Protentsatz der Leute die die Selbstunsicher-vermeidende Persönlichkeitsstörung haben, auch ADS haben. Nach dem Motto: Alle kleinen Mädchen haben Puppen, aber nicht alle Puppen sind im Besitz von kleinen Mädchen.

Hier nochmal das eingerahmte Haupcharakteristika aus dem orginal Artikel unter

http://www.psychosoziale-gesundheit.net ... rheit.html

Zitat:
"Ein krankhaft selbstunsicherer und ängstlich-vermeidender Mensch leidet demnach unter einer tiefgreifenden und schon früh im Leben erkennbaren und belastenden sozialen Gehemmtheit, unter Unfähigkeitsgefühlen und Überempfindlichkeit gegenüber jeglicher negativer Beurteilung".

Das hört sich für mich ganz stark nach einer Stöhrung des Belohnungssystems im Gehirn an, die bei ADS ja ebenfalls vorliegt.

Wollte das nur noch kurz ergänzen.
Werde da auf jeden Fall bei der nächsten Gelegenheit meinen Doc fragen, mal schauen ob ich da eine eindeutige Aussage bekomme, bin da jetzt doch ziemlich neugierig geworden.
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Re: Wenn man ständig daran denkt, was der andere wohl denkt!

Beitragvon ex0tic » 17. Mai 2008 22:30

Ich hab mir das grade nochmal alles so durchgelesen aber irgendwie komm ich damit nicht klar ...
Teilweise trifft manches auf mich dazu, teilweise aber auch nicht. Ich fühle mich unatraktiv und vielleicht auch manchmal bisschen minderwertig, auch unsicher. Aber ich meide keine Sozialen Kontakte, im Gegenteil ich red eigentlich ganz gerne mit anderen Menschen und gehe ins Kino, Essen und was noch alles ...

Kann das vielleicht auch einfach nur von AD(H)S her führen das man teilweise so denkt .. grade wegen dem "geringen" Selbstbewusstsein was ja viele haben?
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Re: Wenn man ständig daran denkt, was der andere wohl denkt!

Beitragvon Fast but not furious » 19. Mai 2008 22:36

Wie bei vielen anderen Dingen, gibt es hier nicht einfach nur schwarz und weiß.
Es muss nicht alles auf einen zutreffen, noch nicht einmal der Großteil. Grade bei AD(H)S ist es besonders schwierig, da es in so vielen verschiedenen Formen auftreten kann, und komorbide Störungen wie Depressionen und ähnlichem können das Krankheitsbild AD(H)S so verfälschen, dass gar nicht erkannt wird, dass AD(H)S vorliegt.
Ich denke, jeder der von AD(H)S betroffen ist, geht anders mit den Problemen um, die AD(H)S mit sich bringen. Jeder hat ein anders soziales Umfeld, dass die Bewältigung von Problemen erleichtern oder auch erschweren kann. Jeder entwickelt seine eigenen Strategien, mit denen er Defizite, die AD(H)S mit sich bringen kann, ausgleichen kann bzw. hat Defizite, für die er keine Strategie findet.
Es gibt Menschen, bei denen sich AD(H)S bedingte Probleme wie ein Roter Faden durchs Leben ziehen, andere wiederum kommen problemlos durch die Schule und bekommen es im Berufsleben zu spüren, wieder andere versagen in der Schule, kriegen aber im Berufsleben die Kurve. Und dazwischen gibt es noch jede Menge Variationen.
Krankheitsbilder wie z.B. die Selbstunsicher-vermeidende Persönlichkeitsstörung sind nur der Versuch von Ärzten, die Breite Masse an psychischen Problemen in Kathegorien einzuteilen, genauso wie Mathematiker versuchen die Welt mit Formeln zu erklären. Allerdings sind psychische Probleme nicht so einfach zu beweisen wie der Satz des Pythagoras. Die Menschliche Psyche ist ein größeres Universum als die Realität in der wir leben und dem entsprechend nicht so einfach zu erschließen.

Während ich das hier schreibe, muss ich grade an ein Problem in der Physik denken.
Die Suche nach der Weltformel.
Physiker suchen nach einer einheitlichen Formel die gleichzeitig den Makrokosmos (den großräumigen Aufbau des Universums) und den Mikrokosmos (die Welt des allerkleinsten, Atome, Elektronen, Quarks USW.) beschreibt.
Bisher wird beides mit sehr unterschiedlichen mathematischen Modellen erklärt die sich nicht vereinigen lassen, aber beide liefern korrekte Aussagen.
Ein Arzt, der sich hauptsächlich mit AD(H)S beschäftigt, wird für diverse psychische Störungen andere Erklärungsansätze haben, als ein Verhaltenstherapeut, trotzdem können beide recht haben.

Hab da jetzt auch ein schönes Zitat zum Thema Weltformel gefunden, was meiner Meinung nach schön in diesem Zusammenhang passt:

"Es sei verkehrt, physikalische Phänomene in immer kleinere Einheiten zu zerlegen, um damit wie mit Legosteinen das ganze Universum zu beschreiben. Stattdessen rückt er die Emergenz in den Vordergrund. Darunter ist die spontane Herausbildung von Phänomenen oder Strukturen eines höheren Systems auf der Grundlage des Zusammenspiels seiner Teile zu verstehen, wobei sich die Eigenschaften des neu aufgetauchten Systems von denen seiner Bausteine unterscheiden kann. Einfacher gesagt: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile".

und noch eins:

"Der Physiker Werner Heisenberg erfand die Unbestimmtheitsrelation. Sie besagt, dass ein Teilchen in mehreren Zuständen gleichzeitig verharren kann. Erst wenn es im Experiment beobachtet wird, entscheidet es sich für einen klar definierten Zustand. Heisenbergs Kollege Niels Bohr schloss daraus, in der Natur gelte die Komplementarität, also die wechselseitige Ergänzung von Teilcheneigenschaften. Deshalb, sagt Fischer, müsse man immer zwei Sichtweisen auf Dinge haben. Sie mögen sich widersprechen, doch erst sie beide ergeben das Ganze. Die eigentliche Einheit sei die Zweiheit, wie sie im Yin-Yang-Prinzip zum Ausdruck kommt. Eine Weltformel könne daher keine einheitliche Gestalt haben, sie sei nicht als Punkt denkbar, sondern als Spannung zwischen Punkten".

Wer sich durch das Fachchinesisch durchkämpfen will hier die Quelle:
(http://www.focus.de/wissen/wissenschaft ... 40018.html)

Von dem Arzt, der bei mir AD(H)S diagnostiziert hat, hatte ich eine Überweisung mit folgendem Wortlaut bekommen: "Verhaltenstherapie im multimodalen Konzept bei ADHS".
Da ich bisher keinen Verhaltenstherapeuten gefunden habe, der von ADHS Ahnung hat, ist das für mich im übertragenen Sinne wie die Weltformel.
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Re: Wenn man ständig daran denkt, was der andere wohl denkt!

Beitragvon ex0tic » 20. Mai 2008 17:34

ich habs jetzt kapiert  :icon_mrgreen: danke  :icon_wink:
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