Verhaltenstherapie gegen aggressive Ausraster

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Trotzdem
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Verhaltenstherapie gegen aggressive Ausraster

Beitragvon Trotzdem » 3. November 2014 21:33

Hallo,
ich war lange nicht hier, weil es für uns ganz gut lief. Unser Sohn (11, ADHS und Asperger) hat die Grundschule  "überstanden" und geht jetzt seit September aufs  Gymnasium. Bis auf ein paar kleinere  Differenzen lief es bisher ganz gut. Nur heute ist er leider ausgetickt als sich die Anderen im Sport über ihn lustig gemacht haben. Nun sagt man uns er muss eine Strategie lernen, anstelle der körperlichen (schlagen, boxen) und verbalen (ich bring euch alle um) Ausbrüche um in solchen Situationen seine Wut zu kontrollieren.
Nun zum Thema wir machen eine Verhaltenstherapie, dabei wird ihm immer wieder erklärt er solle weggehen aus Situationen in denen er sich geärgert fühlt. Aber so richtig ein Konzept, wie z. B.  zähle bis 10 wenn du wütend  bist oder ähnliches trainiert er nicht wirklich. Wer hat Erfahrungen bzw. kann mir evtl. berichten wie bei seinem Kind ein Lösungsverhalten trainiert wurde.
Schon mal Dank an alle.
MfG
Trotzdem
Chrissy803
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Re: Verhaltenstherapie gegen aggressive Ausraster

Beitragvon Chrissy803 » 5. November 2014 07:54

Finde ich schade, dass er in der Verhaltenstherapie gesagt bekommt, er solle weggehen, wenn er sich geärgert fühlt. Leider kann man nicht immer weggehen, sondern muss lernen auch mit solchen Situationen zurecht zu kommen.

Meinem Sohn sage ich, dass er langsam durch die Nase einatmen und durch den Mund ausatmen soll um sich so zu beruhigen. Er soll darauf achten, dass er immer so zu den anderen Kindern steht, dass er immer einen Fluchtweg hat. Er soll aufpassen, dass er nicht eingekreist wird.

Wichtig er soll sich auch immer Hilfe holen, wenn er sich geärgert oder bedroht fühlt.
Strategien, wie sich das Kind richtig verhält, muss das Kind für sich selbst herausfinden. Fast jeder hat da seine eigene Strategie.
Manche boxen sich in die flache Hand, oder schrien laut nein um die erste Aggression ab zu bauen. Man kann leider nicht pauschal sagen, was hilft.

Vielleicht kannst Du Dich ja mal mit dem Kind hinsetzen und ihr überlegt beide, was in welcher Situation gut sein könnte.
Eventuell könnt ihr auch herausfinden, warum es überhaupt zu solchen Situationen kommt. Es ist immer eine Reaktion auf eine Aktion, wenn man das Verhalten, dass die Reaktion ausgelöst hat kennt, dann kann man dieses auch ändern.
Grüße Chrissy
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Sheherazade
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Re: Verhaltenstherapie gegen aggressive Ausraster

Beitragvon Sheherazade » 5. November 2014 09:17

[quote="Chrissy803"]
Finde ich schade, dass er in der Verhaltenstherapie gesagt bekommt, er solle weggehen, wenn er sich geärgert fühlt. Leider kann man nicht immer weggehen, sondern muss lernen auch mit solchen Situationen zurecht zu kommen.
[/quote]

Das ist richtig, zuerst sollte man bei einem Kind mit Doppeldiagnose aber herausfinden, woher die Ausbrüche kommen. Mangelnde Impulskontrolle findet man bei AD(H)S als auch bei Autismus, die Lösungsansätze sind jedoch unterschiedlich - da ist Weggehen eine gute Soforthilfemaßnahme. Im übrigen sind das keine Aggressionen (auch wenn es so aussieht) sondern Hilflosigkeit.

@ Trotzdem: Nimmt dein Sohn MPH oder ein vergleichbares Medikament? Hat(te) er auch eine autismusspezifische Therapie?
Sohn *2003 - Autist mit komorbider ADHS
Sohn *2001 - ADS
2 Töchter *1998 und * 1989
Schmerz vergeht, aufgeben ist für immer.
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Re: Verhaltenstherapie gegen aggressive Ausraster

Beitragvon No User » 5. November 2014 09:30

Ich hielte es für keine besonders gute Idee, Therapeuten ins Handwerk zu pfuschen und jetzt Vorgaben zu machen, wie anders andere Lösungen anzutrainieren wären.

Natürlich ist Weglaufen keine optimale und auf Dauer praktikable Idee für alle Situationen. Aber in den meisten Fällen erscheint es doch im Vergleich zu Schlägen und Morddrohungen das erheblich kleinere Übel zu sein. Von da aus kann man dann weiter daran arbeiten, den Fluchtradius zu verringern, bis man nur noch mental "flüchtet", d.h. Frust und Kränkungen an sich abprallen lässt. Andernfalls ist man mit Boxen und "Ich bring euch alle um." schneller weg vom Fenster, als man therapeutisch irgendwas erreichen kann.

Auf der Suche nach Auslösern muss man aufpassen, nicht anderen den schwarzen Peter zuzuschieben, auf die man sowieso kaum Einfluss hat. So ist es zwar unschön, wenn sich Kinder über Mitschüler lustig machen und dagegen kann und wird man auch pädagogisch vorgehen müssen. Dennoch wird dieser Umstand nie völlig verschwinden, das ist einfach menschliches (Fehl-)Verhalten, das wohl in so ziemlich allen Kulturen anzutreffen ist.

Kinder können grausam sein und so muss man davon ausgehen, nachdem jetzt alle wissen, wie schön er ausrasten kann, wenn man sich über ihn lustig macht, dass dies nun öfters vorkommen könnte.

Unserem Junior half damals tatsächlich die Fluchtmöglichkeit. Wir konnten uns mit der Schule darauf verständigen, wegen dem Abhauen kein großes Fass aufzumachen. Dabei half uns die Lage der Schule in einem verkehrsberuhigten Bereich und einer Kleinstadt, in der ein Kind kaum verloren gehen konnte. Als sich das für Junior als funktionierende Strategie erwies, aus ihn überfordernden Situationen zu entkommen, konnte er nach und nach seinen Fluchtradius verkleinern.

So blieb er bald auf dem Schulgelände, später im Schulgebäude, im Flur oder im benachbarten Elternsprechzimmer, irgendwann genügte auch die Kuschelecke im Klassenzimmer und schließlich konnte er sogar an seinem Platz bleiben und sich lediglich wegträumen.

Weil das Leben aber vielseitiger ist, war es kein Fehler, dass die Verhaltenstherapie sich mit anderen Lösungen für andere Situationen beschäftigte. Wichtig fanden wir dabei, dass dort nicht einfach irgendwas gesagt wird, wie  man sich verhalten solle, sondern dass richtig in der Gruppe Konfliktsituationen gelebt werden, aus denen angemessen zu entkommen dann wirklich geübt wird. Und da ist Weglaufen keine Option, die sich in der Therapie wirklich üben ließe.

LG
Steffchen
Zuletzt geändert von No User am 5. November 2014 09:33, insgesamt 1-mal geändert.
ripley
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Re: Verhaltenstherapie gegen aggressive Ausraster

Beitragvon ripley » 5. November 2014 11:14

Trotzdem, ich verstehe das richtig? Er hat konkret gestern um sich getreten und geschlagen sowie entsprechende Drohungen von sich gegeben? Vorher war's "relativ" okay?

In dem Fall kann ich zwar verstehen, dass Ihr Eltern (vermutlich gab es entsprechend alarmierte Rückmeldungen aus der Schule) in einen gewissen Aktionismus verfallt im Sinne von "das müssen wir umgehend abstellen" ... aber es wird so nicht funktionieren. Weiß ich aus Erfahrung  :ichboss:

Zunächst möchte ich Euch ans Herz legen, mit dem Therapeuten Kontakt aufzunehmen und mit ihm das Geschehene durchzusprechen. Und dann mit ihm gemeinsam zu schauen, wie Schule und Ihr Eltern ihn parallel (!) zur Therapie unterstützen könnt.

Dann - das ist jetzt die weniger schöne Nachricht - rechnet bitte sicherheitshalber damit, dass das KEIN "einmaliges Vorkommnis" bleiben wird. Wie Steffchen schon schrieb: Wenn die anderen Kinder mal gemerkt haben, wie schön diese Rakete in die Luft geht, werden sie wieder und wieder Feuer an die Lunte halten. Nicht schön, aber "normal" für Kinder in diesem Alter. Hier hilft nur, zusammen mit den Lehrern drauf achten und ggf. durch die Pädagogen dagegen angehen (lassen).

Dennoch muss Euer Sohn lernen, mit Bemerkungen umzugehen, die ihn verletzen. Nicht so sehr, weil das so toll und harmonisch für die soziele Umwelt ist, sondern weil er sonst sehr sicher in totaler Ausgrenzung landet und immer weiter gemobbt werden wird.

Wir sind damals (uns ging es ähnlich) mehrgleisig gefahren: Ja, selbst viel mit dem Kind gearbeitet*), ja, Kind hat Therapie(n) gemacht, ja, wir haben mit der Schule zusammengearbeitet. Aber eben auch an die Schule weitergegeben, was der Sohn uns an unschönen Aktionen und Reaktionen der Mitschüler berichtet hat. Und so nach und nach auch der Schule die Augen geöffnet dafür, dass nicht nur Junior sehr schräg drauf war (war er ja), sondern dass da auch von den Mitschülern her Mobbing vom Feinsten im Gang war.

*) Was bei uns auch geholfen hat: Als wir vom strikten "Du darfst auf keinen Fall ... (treten, schlagen, Sachen schmeißen ...)" aufgeweicht haben zu "Versuche es zu vermeiden". Erst DANN wurde es besser.
Das totale Verbot hat nur zusätzlichen Druck gebracht, der den Dampfkessel nur schneller hat hochgehen lassen. Das weichere Gebot war - WEGEN des Hintertürchens! - leichter zu befolgen.
Weil
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Re: Verhaltenstherapie gegen aggressive Ausraster

Beitragvon Weil » 5. November 2014 17:28

Als wir vom strikten "Du darfst auf keinen Fall ... (treten, schlagen, Sachen schmeißen ...)" aufgeweicht haben zu "Versuche es zu vermeiden".

Ich finde das gar nicht als aufgeweicht.
Sich vor ihn zu stellen und Druck auszuüben, verstärkt ja eher in ihm die Gewissheit, dass er versagt, wenn ihm das nicht gelingt. Und natürlich wird es ihm nicht gelingen, er ist erst dabei, es zu lernen.

Sich dagegen neben ihn zu stellen und ihm Tipps zu geben, wie er solche Situationen bewältigen kann, die für ihn ja nicht gerade angenehm sind, ist sicher der bessere Weg, der ihm eher Selbstvertrauen geben kann und schon dadurch ist er weniger angreifbar.

Ich halte es für gar nicht schlecht, aus der Situation herauszugehen und die Kameraden einfach stehen zu lassen.  Was soll er denn machen? Hinstellen und sich weitere Provokationen anhören? Zurückmotzen? Was bringt das. Bis zehn zählen -  und dann?

Natürlich ist das nicht in allen Situationen möglich und angebracht, in der Unterrichtssituation zB, aber in der Konfrontation mit Mobbern mMn das beste Mittel. Das spart ihm Nerven, die er im normalen Schulalltag eh genug braucht.
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Re: Verhaltenstherapie gegen aggressive Ausraster

Beitragvon ripley » 5. November 2014 17:44

Weil, bitte verzeih, aber die hier erlebte Realität schimpft Dich einen Träumer. Weggehen bringt genau solange "Befreiung", wie einem der Pulk nicht nachrennt um munter weiterzumachen...
Weil
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Re: Verhaltenstherapie gegen aggressive Ausraster

Beitragvon Weil » 5. November 2014 17:57

Ich verzeihe dir  :ichboss:
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Re: Verhaltenstherapie gegen aggressive Ausraster

Beitragvon Leo7 » 2. März 2015 16:06

Hallo!

Unser Sohn hat in einem Coolness-Training (hierfür wurde er von der Klassenlehrerin angemeldet) gelernt, aus provozierenden Situationen zu gehen.

Die ersten Beschwerden ließen nicht lange auf sich warten. Als er im Sportunterricht von anderen Mitschülern geärgert wurde, verschwand unser Sohn kurzerhand in die Kabine, um sich zu beruhigen. Dann hieß es: "XXX ist aus dem Sportunterricht abgehauen!"

Wenn er Stress mit der Lehrerin hatte, dann ist er aufgestanden und hat das Klassenzimmer verlassen  :ichboss: Dies hat natürlich zu einer gewissen Ratlosigkeit bei der Lehrerin geführt, da sie ja die Aufsichtspflicht hat.

Später hat er es dann geschafft, bei "Ärgernis" sich ins Kuscheleckenregal im Klassenzimmer zu setzen. Auch hierüber kamen dann Beschwerden. Das Regal ist mittlerweile entfernt worden.

Dies führt nun wieder dazu, dass er - wie die Lehrerin es nennt - "abhaut". Er sitzt dann im Flur :kk:

Also aus der Situation gehen ist nur dann eine Lösung, wenn das Verhalten auch verstanden und nicht als weiteres Vergehen geahndet wird.  :icon_rolleyes:

LG Leo7
Falschparker
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Re: Verhaltenstherapie gegen aggressive Ausraster

Beitragvon Falschparker » 3. März 2015 14:53

Dann müssen die jeweiligen Lehrer allerdings auch darüber informiert werden, dass ihm das (als "therapeutische Maßnahme") so gesagt wurde.

Am Allerbesten wäre natürlich, sich zusammen mit Lehrerin und Therapeut eine Lösung zu überlegen, ihm Rückzugsorte anzubieten.
<><
ripley
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Re: Verhaltenstherapie gegen aggressive Ausraster

Beitragvon ripley » 3. März 2015 15:32

Ja, die Lehrer sollten (alle!) mit im Boot sein. Das ist der Idealfall.

Unter Umständen hilft es schon, wenn Sohn ein von Dir geschriebenes Dokument vorweisen kann, das besagt, dass das "aus der Situation rausgehen" mit Lehrer XY (noch besser: Direktor(in) ZZ) am Soundsovielten Soundsovielten abgesprochen wurde.

Für den SOHN ist es wichtig zu wissen, dass Rausgehen aus stressigen/unangenehmen Situationen auch nur eine Lösung für den Notfall ist, also nicht die beste aller Reaktionen, dass es aber allemal weniger schlimm ist als Draufhauen.

Stellt Euch aber drauf ein, dass diese Art der Problemlösung (ist ja keine, ist Ausweichen) später in Sohnemanns Schullaufbahn immer weniger geduldet wird.

Von daher ... ja, so ein bisschen Kritik von den Lehrern muss er lernen zu vertragen. Irgendwann ist er dann so weit wie unserer, der die Spielregeln inzwischen kennt und sich sehr bewusst entscheidet, ihnen (meist) zu folgen oder auch (manchmal) nicht - jeweils in ruhiger Erwartung der jeweiligen Konsequenzen.

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