Macht Lichtverschmutzung Jugendliche hellwach?

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eire
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Macht Lichtverschmutzung Jugendliche hellwach?

Beitragvon eire » 19. Januar 2012 09:33

Hi,

hier ein Pressebericht aus IDW Online über eine Studie der Pädagogischen Hochschule Heidelberg.

http://idw-online.de/de/news459387

Ich finde die Studie sehr interessant denn ein Veränderter  Tagesrhythmus ist oft bei ADHS zu bemerken.
Für mich erhärtet das meine These dass die heutigen Lebensumstände Symptome von ADHS noch verstärken.
Als weiteres möchte ich behaupten dass die Häufung der ADHS Diagnosen im Zusammenhang mit dem Fortschritt der Technologie und den daraus resultierenden Veränderungen im sozialen und beruflichen.
Ich will um Gottes Willen damit nicht ausdrucken das ADHS eine Modeerscheinung ist. Nein, ich meine das ADHS und dessen Symptome durch diese Veränderungen auffälliger wurde.

ADHS gab es schon immer, nur fiel es in ruhigeren, nicht mit Technologie überlasteten Zeiten wie heute, weniger auf.
Man konnte verhältnismäßig leichter damit leben.

Im Zusammenhang mit diesem Thread hatten wir letztens auch schon einen Austausch über ADHS und Tagesrhythmus in diesem Thread:

http://www.adhs-anderswelt.de/http://localhost/adhs_phpbb/viewtopic.php?p=524906#p524906

LG

eire
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Re: Macht Lichtverschmutzung Jugendliche hellwach?

Beitragvon No User » 19. Januar 2012 19:57

Also eigentlich ist es ja ein schlechter Stil, eine Studie zu kritisieren, bevor man sie überhaupt im Detail gelesen hat. Ich erlaube mir trotzdem mal ganz spontan zu beschreiben, was mir dabei durch den Kopf gegangen ist:

Da haben also mal wieder Erziehungswissenschaftler - theoretische Pädagogen quasi - ein Studie verzapft mit so weltbewegenden Ergebnissen wie diesen:[quote="PH HD"]Licht ist der stärkste Zeitgeber für die innere Uhr des Menschen. Jugendliche, die in nachts hell beleuchteten, städtischen Wohnvierteln schlafen, haben einen deutlich späteren Tagesrhythmus als Jugendliche in dunkleren, ländlichen Gebieten. Die Verschiebung der inneren Uhr wird aber nicht nur durch nächtliches Licht beeinflusst: Vollmer fand heraus, dass auch die häufige und späte Nutzung von elektronischen Bildschirmmedien einen starken Einfluss auf den Tagesrhythmus hat. Jugendliche mit einem späteren Rhythmus konsumieren darüberhinaus eher Stimulanzien wie Kaffee, Alkohol oder Zigaretten.

Damit sich die innere Uhr der Jugendlichen nicht noch weiter in die Nacht hinein verschiebt, empfehlen die Autoren der Studie, dass die Städteplaner bei der Neugestaltung von Wohngebieten nächtliche Lichtquellen sparsam einsetzen. Eltern sollten darüberhinaus für eine angemessene Verdunkelung der Zimmer sorgen. Die Autoren raten den Jugendlichen außerdem, nachts in ihrem Zimmer keine elektronischen Bildschirmmedien (Mobiltelefon, Computer, Fernseher) zu nutzen, da das blaue Bildschirmlicht zusätzlich wach hält.[/quote]Also bis eben hielt ich es für selbstverständlich, die Zimmer nachts zu verdunkeln und mindestens nachts von in Betrieb befindlichen Bildschirmen sowie sonstigen leuchtenden Anzeigen frei zu halten. Aber schön, dass wir darüber geredet haben.

Eine teilweise wach haltende Wirkung bestimmter Bildschirme ist auch schon länger bekannt. Insbesondere Monitore mit LED-Hintergrundbeleuchtung sind für diesen Effekt bekannt. Das muss aber nicht immer verkehrt sein, ich habe meine aus genau diesem Grund gekauft und bemerke die Wirkung vowiegend positiv.

Meinen Hauptkritikpunkt an der Studie haben die Macher aber - das muss man fairerweise anerkennen - auch schon selbst erkannt:
Andererseits kann die Lichtverschmutzung bei Nacht ein Indikator für industrielle Entwicklung sein und damit eingehende veränderte Lebensstile abbilden, welche der eigentliche Grund für spätere Schlafgewohnheiten in den Städten sein könnten.
Mit anderen Worten: Wenig überraschend ist die Lichtverschmutzung in Großstädten und Ballungszentren konzentriert, da wo sich üblicherweise auch das "Big City Live" vollzieht und wo Drogenprobleme, Kriminalität eine ebenso größere Rolle im Vergleich zum Landleben spielen wie auch ein ausgeprägtes Nachtleben, bestimmte milieuabhängige Schulprobleme usw. So einfach ist in diesem Umfeld eine direkte kausale Verbindung zwischen Licht und Tagesrythmus aus der Korrelation nicht abzuleiten.

Wenn das so wäre, und wenn sich das insbesondere auf ADHS auch übertragen ließe, dann müsste diese Störung viel stärker mit den Jahreszeiten schwanken. Denn die Intensität des natürlichen Lichts ist um ein Vielfaches höher als die ganzen Kunstlichteinflüsse. Gesundheitlch relevant ist das Licht allemal, im Zusammenhang mit der Psyche sind da insbesondere depressive Störungen als sehr jahreszeitenbeeinflussbar bekannt.

Aus eigener Erfahrung auch in der Familie habe ich NICHT den Eindruck, dass Landleben allzugut gegen ADHS immunisieren würde. Das ist insofern schade und verwunderlich, als das Landleben durchaus einiges verstärkt bietet, was bei ADHS gut tut und anderes leichter vermeidet, was ADHS'ler meiden sollten. Aber vielleicht erfüllt auch nur das Klischee von Landleben diese Hoffnungen, nicht das reale Landleben. Jedenfalls scheinen da die Gene stärker zu sein als die Stadt- oder Landluft.

Keine Erfahrung aus erster Hand habe ich mit dem Einfluss wesentlich anderer (insbesondere weniger industrialisierter) Kulturen auf ADHS, weil ich solche höchstens als Tourist kennenlerne, was nicht wirklich viel darüber aussagt. Ich lese aber immer wieder, dass sich diverse Hypothesen, wonach ADHS eine Wohlstandserkrankung, zivilisatorisch bedingte Störung in Industriekulturen oder so ähnlich wäre, bei genauer Betrachtung NICHT bestätigen. Es gibt auch in völlig unterentwickelten, industrieschwachen Ländern, auch in bitterer Armut offensichtlich ADHS-ähnliche Probleme.

Natürlich kann man ADHS-typische Schulprobleme nur bekommen, wenn man überhaupt eine Schule besuchen darf und ebenso natürlich gibt es entsprechende Diagnosen und Therapien nur dort, wo der breiten Bevölkerung auch eine ausgeprägte Gesundheitsinfrastruktur zur Verfügung steht. Außerdem wäre es bei einer so facettenreichen Störung mit all ihren soziokulturellen und psychosozialen Wechselwirkungen ausgesprochen überraschend, würden sich kulturelle Unterschiede NICHT auf sie auswirken.

Ich glaube kaum, dass es ein Zurück gibt in vortechnologische Zeiten gibt (bzw. wäre das nur in Verbindung mit fürchterlichen Katastrophen denkbar). Aber vielleicht lernen wir ja noch, mit den neueren Möglichkeiten sinnvoller umzugehen.

LG
Steffchen
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MrsKleeblatt
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Re: Macht Lichtverschmutzung Jugendliche hellwach?

Beitragvon MrsKleeblatt » 23. Januar 2012 21:15

[quote="steffchen"]
Da haben also mal wieder Erziehungswissenschaftler - theoretische Pädagogen quasi - ein Studie verzapft[/quote]
Ich glaube nicht. Ich glaube die Studie war "interdisziplinär" angelegt, d.h. z.B. auch die Geographie und Biologie war beteiligt. Und die Pädagogische Hochschulhanover hat wohl ihre Hauptaufgabe darin, echte Lehrer (Grundschule, Sek1, Sek2) auszubilden.

[quote="steffchen"]
Also bis eben hielt ich es für selbstverständlich, die Zimmer nachts zu verdunkeln [/quote]
... mag ja sein. Aber hast du schon mal verschiedene Arten von Rollos und Vorhängen mit einander vergleichen können?
Am deutlichsten habe ich das erlebt bei dem Umzug mit meinen Eltern damals noch von der Stadtwohnug in unser Haus. Da merkte ich erst, dass es in unserer Stadtwohnung auch mit runter gezogenen Rollos noch richtig hell war. Im Haus (äh... in den Zimmern ohne Dachfenster,... weil an den Dachfenstern waren leider nicht so schöne super-dichte Aussenrollos...) wurde es in den Zimmern die komplett mit Außenrollos bestückt waren, plötzlich mal richtig dunkel nachts. Mein Zimmer gehörte allerdings nicht dazu... Ich hatte zum einen ein Dachfenster und zum andern auch an dem Nicht-Dachfenster nur die üblichen Lametten-Jalousien für Innen halt. So dass ich also sicher beurteilen konnte, dass der Mangel an Dunkelheit bei mir an den Rollos lag (und nicht an der ländlicheren Umgebung.)
Jetzt habe ich hier in meiner Wohnung dicke Gardinen vor den Fenstern hängen - die dichten noch weniger ab. Was allerdings auch Vorteile hat. Denn in stockduster gemachten Zimmern merkt man natürlich auch nicht, wenn die Sonne schon gleissend zum Fenster reinscheint... Und ich werde gerne vom "Kitzeln der Sonnenstraheln" geweckt und mag es auch, wenn im Sommer morgens ich in einem der Jahreszeit entsprechend hellem Raum wach werde.

Ich wollte erst noch mehr zitieren von dir darüber, welche Meinungen ich hier nicht teile / nicht verstehen kann. Aber ... da es schon sehr spät für mich ist, lasse ich das. Und gehe ins Bett.

Und wünsche natürlich allen hier
eine Gute Nacht :-)
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Re: Macht Lichtverschmutzung Jugendliche hellwach?

Beitragvon No User » 23. Januar 2012 23:17

Mit dem interdisziplinären Charakter hast du natürlich Recht, MrsKleeblatt, das war dort nachzulesen. Auch wenn ich mich noch schwer tue, mir einen großen Beitrag der Geographen zu dem Thema vorzustellen. Aber meine Bemerkung dazu war sowieso nicht besonders tiefsinnig, sondern wirklich wie angedeutet einfach das Erste, was mir beim Lesen des Artikels spontan durch den Kopf ging. Das würde ich jetzt schon nicht mehr so schreiben.

Mit den Rollos und Vorhängen brachten mir bisher acht Umzüge einige Vergleichsmöglichkeiten. Zweifellos sind dabei dichte Außenrollos optimal, jedoch insbesondere in Mietwohnungen oft nicht machbar, falls nicht schon vorhanden. Ich glaube, darauf sollte man schon bei der Wohnungsbesichtigung achten, sofern man da eine Wahl hat. Es gibt auch noch ein paar Lösungen für innen, die exakt in das Fenster eingepasst werden und vollständig abdunkeln, die kosten aber ein paar Euronen mehr als Jalousien aus dem Billig-Laden und möglicherweise werden sie so am Rahmen befestigt, dass man auch den Vermieter fragen sollte.

Mietminderung wegen Lichtverschmutzung gibt es - glaube ich - bislang eher selten.

Als wir unser jetziges Haus bezogen, waren Außenrollos für die Dachflächenfenster so ziemlich die erste Anschaffung, vor allem nötig, um sommerliche Hitze im DG draußen zu lassen. Im Nebeneffekt verdunkelt das aber auch ganz gut.

Wenn ich dich richtig verstehe, ist es bei dir ohne Rollos auch auf dem Land zu hell. Liegt das am Mond, den Sternen, oder doch an der irgendwann auch auf dem Lande angekommenen Elektrifizierung? Bei uns sehe ich da jedoch einen quantitativen Unterschied, also auch im Dunkeln zwischen den Weinbergen kann man unschwer am Lichtschein erkennen, in welcher Richtung die nächste Großstadt liegt.

Ich mag es auch sehr, vom ersten Sonnenstrahl geweckt zu werden. Leider orientieren sich Arbeitszeiten und Stundenpläne des Alltags überhaupt nicht am Sonnenaufgang, sodass dieser Luxus dem Urlaub und den Wochenenden vorbehalten bleibt. Aber da gibt es auch wieder Studien, die davon abraten, die Schlaf- und Ausstehzeiten zwischen Alltag und WE/Urlaub zu variieren, da dies Migräne fördern soll. Ich stehe im Urlaub trotzdem nicht 6:15 Uhr auf.

Ich habe den Eindruck, dass an der Metapher von den Eulen und Lerchen etwas dran ist und dass es zu einem wesentlichen Teil Veranlagungssache ist, ob man Nachtmensch oder eher Frühaufsteher wird. Weil der Tag-/Nachtrhythmus der Eulen nicht wirklich kompatibel ist mit den üblichsten Arbeitszeitmodellen, vor allem aber nicht mit dem Schulbesuch, müssen sie zwangsläufig Probleme bekommen. Ich könnte mir vorstellen, dass es die Eulen tendenziell stärker in die großen Städte ziehen dürfte als die Lerchen, die mit dem Nachtleben der Großstadt weniger anfangen können.

Insgesamt ist die Lichtverschmutzung aber ein Problem der Mehrheit, denn die meisten Menschen wohnen nun mal da, wo die meisten Menschen wohnen und dort ist es auch besonders hell. Außer in den seltenen Fällen von Stromausfall: Da steigt dann 9 Monate später die Geburtenrate.

Wenn du irgendwann Zeit und Lust hast, bitte her mit deinen weiteren anderslautenden Meinungen, die interessieren mich.

LG
Steffchen
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Re: Macht Lichtverschmutzung Jugendliche hellwach?

Beitragvon MrsKleeblatt » 25. Januar 2012 20:41

Sternenlicht finde ich nicht störend.

Das störende Licht war eher das von der nahe gelegenen Stadt, dem großen Möbelmarkt direkt am andern Ende des Feldes und einem Gewerbepark in der Nähe.

Zwischen all dem und uns lag nämlich nur eine Bundesstrasse und flaches Feld. Keine Hügel, keine Wälder.

Aber ich glaube auch nicht, dass dichte Rollos das Problem lösen. Es sei denn, man versieht sie vielleicht mit einer Zeitschaltuhr, die sie, sobald die Tage wieder länger werden, vor beginn der ersten Sonnenstrahlen nach oben zieht.

Zu viel künstliches Licht tut - wie alle Arten von zuviel Künstlichkeit, und insbes. zu viel "Strom" meiner Ansicht nach, der Mehrheit der Menschen - in Massen genossen - einfach nicht so sonderlich gut.

Für den Rest habe ich aber tatsächlich zu wenig Zeit derzeit. Ich muss morgen aller spätestens um 05:00 wieder aufstehen. Lieber würde ich aber schon um 04:00 Uhr wieder aufstehen, damit ich noch ausreichend Sport & Spass vor der Arbeit schaffe.
:willi: 6 (08)

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